(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "ENCYKLOPADIE UND METHOLOGIE DER PHILOGISCHEN WISSENSCHAFTEN"

Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



800092704. 



ENCYKLOPÄDIE UND METHODOLOGIE 



DEB 



PHILOLOGISCHEN 



WISSENSCHAFTEN 



VON 



AUGUST BOECKH. 



HERAUSQEOEBEN 



VON 



ERNST BRATUSCHECK. 





■r>: 



'Ou-\^ 



LEIPZIG, 



(. 



DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER 



1877. 



3^/ 



10 



7 



Das Recht der üebersetenng in fremde Sprachen wird vorbehalten. 



Yorw^ort. 



Bockh hielt von 1809 — 1865 in 26 Semestern Vorlesungen 
über Encjklopädie der Philologie, zu welchen sich im Ganzen 
1696 Zuhörer eingezeichnet haben. Die Ankündigung dieser Vor- 
lesungen lautete ursprünglich: Encyclopaediam antiquitatis littera- 
rum exponet easque rede traciandi viam ac rationem monstrahit^ 
seit 1816: Encyclopaediam phüologkam ex suis schedis docebit, seit 
1818/19: Encyclopaediam et methodologiam disciplinarum philologi- 
carum ex schedis suis tradet, seit 1841: Encyclopaediam et metho- 
dologiam disciplinarum philologicarum tradet. Letztere Bezeichnung 
habe ich in dem von Böckh für den deutschen Lectionskatalog der 
Berliner Universität festgestellten Wortlaut als Titel des vorliegen- 
den Buches gewählt; worin das System der philologischen Wissen- 
schaft ^ welches in den Vorlesungen nur skizzirt werden konnte^ 
ausführlich dargestellt ist. 

Böckh legte seinen Vorträgen bis an das Ende ein 1809 
geschriebenes Heft zu Grunde. Dasselbe enthält einen in Einem 
Zuge entworfenen Grundriss seines Systems, den er dann in freier 
Rede ausführte. Doch boten die Vorlesungen immer nur Aus- 
züge aus dem reichen Material, welches in Randbemerkungen des 
Originalheftes und auf einer grossen Menge beigelegter Zettel 
aufgespeichert wurde und welches Böckh ausserdem den Auf- 
zeichnungen zu seinen übrigen Vorlesungen entnahm. Aus der 
Gesammtheit seiner Originalhefte lässt sich mit Hülfe der nach- 
geschriebenen Collegienhefte nachweisen, wie er beständig bestrebt 
war das System der Philologie auf Grund der vielseitigsten 
Eiuzelforschungen auszubauen, ohne dass die ursprüngliche Grund- 
gestalt desselben verändert zu werdöh brauchte. Dies wird in 
der wissenschaftlichen Biographie Böckh's nachgewiesen werden' 
welche Herr Professor B. Stark bearbeitet. 

In eine druckreife Form hat Böckh sein System nicht 



a* 



IV Vorwort. 

gebracht. In den Originalheften sind nur einzelne Partien so 
abgefasst, dass sie fast wörtlich abgedruckt werden können, und 
im mündlichen Vortrage hielt er sich geflissentlich von der buch- 
mässigen Ausdrucksweise fern. Sollte daher sein System nach dem in 
seinen Handschriften vorhandenen Material vollständig dargestellt 
werden, so musste dies Material von dem Herausgeber redigirt 
werden. Ich habe mich dieser schwierigen Aufgabe unterzogen, 
weil ich dieselbe, wenn auch unvollkommen, so doch im Sinne 
Böckh's hoflFfce lösen zu können. Bereits seit dem Jahre 1856 
haben mich seine Ansichten über das Alterthum in meinen For- 
schungen über die Geschichte der griechischen Philosophie geleitet, 
und ich kehrte im Jahre 1862 eigens -. in der Absicht zur Uni- 
versität zurück um sein philologisches System gründlich kennen 
zu lernen. Ich hörte deshalb von 1862 — 1866 seine Vorlesungen 
über Encyklopädie zwei Mal und daneben seine sämmtlichen 
während dieser Zeit gehaltenen übrigen CoUegien und klärte 
mich in den Besprechungen seines philologischen Seminars, so- 
wie in einem vertrauten persönlichen Verkehr über Alles auf, 
was mir in den Vorträgen dunkel geblieben war. Die Erfassung 
seiner Methode wurde mir dadurch erleichtert, dass ich in meinen 
philosophischen Ansichten vollständig mit ihm übereinstimmte, 
und er selbst gab mir wiederholt die Versicherung, dass ich ihn 
richtig verstanden habe. So vorbereitet glaubte ich den ehren- 
den Auftrag der Familie Böckh's nicht ablehnen zu dürfen, 
durch welchen mir nach dem Tode meines innig geliebten Lehrers 
die Herausgabe der Encyklopädie anvertraut wurde. 

Die Quellen meiner Arbeit bilden zunächst ausser dem 
Haupthefte selbst Originalhefte zu den Vorlesungen über grie- 
chische Antiquitäten, römische und griechische Literaturgeschichte, 
Metrik, Geschichte der griechischen Philosophie, Piaton, Pindar, 
Demosthenes und Terenz. Ferner haben mir aus den meisten 
Jahrgängen gut nachgeschriebene CoUegienhefte über die Ency- 
klopädie und die griechischen Alterthümer zu Gebote gestanden. 
Schwierig war die kritische Sichtung dieses Materials, weil 
Böckh's durchweg in frühern Lebensjahren angelegte Hefte 
Mancherlei enthalten, was durch die fortschreitende Forschung 
antiquirt ist, ohne dass er nöthig gefunden dies in allen Fällen 
durch Noten oder Striche zu bezeichnen. Um über seine end- 
gültige Ansicht ins Reine zu kommen, mussten vielfach seine 
gedruckten Schriften nebst den dort und in andern Büchern 



Vorwort. V 

sich findenden handschriftlichen Randbemerkungen benutzt wer- 
den. Ausserdem bestehen die Notizen in seinem Haupthefte 
selbst oft in schwer verständlichen Hinweisungen auf eigene oder 
fremde Schriften. Ich hielt es für meine Pflicht auch die kleinste 
Notiz nicht unbeachtet zu lassen und habe mich bemüht, mit 
Benutzung des gesammten mir zugänglichen Materials, das wis- 
senschaftliche System der Philologie darzustellen, soweit es 
Boekh als Ganzes durchgearbeitet hat. Nur der Abschnitt über 
das öffentliche Leben des Alterthums ist nicht in gleichem 
Maasse wie die übrigen Abschnitte ausgeführt, weil der Inhalt 
der Vorlesungen über griechische Staatsalterthümer als EIrgän- 
zung der Encyklopädie besonders veröffentlicht werden soll. Bei 
der Redaction habe ich die eigenen Worte Böckh's nach Mög- 
lichkeit beibehalten und wo dies der Form wegen nicht thunlich 
war, die Gedanken des Meisters in seiner Weise auszudrücken 
gesucht. Nothwendig schien es mir überall auf die breite Grund- 
lage von Specialuntersuchungen hinzuweisen, auf welcher Böckh 
sein Lehrgebäude errichtet hat. Diesem Zwecke dienen die An- 
merkungen, die sämmtlich von mir hinzugefügt sind. Der Druck 
der Encyklopädie konnte daher auch erst nach der Herausgabe 
der Kleinen Schriften Böckh 's beginnen, deren letzte vier Bände 
nach seinem Tode von Dr. Ascherson, Dr. Eichholtz und mir 
bearbeitet worden sind. 

Da das Buch im Sinne Böckh 's vor Allem ein flandbuch 
für die akademische Jugend sein soll, habe ich die bibliographi- 
schen Angaben bis auf die Gegenwart zu ergänzen versucht. 
Meine durch eckige Klammern bezeichneten Zusätze sind leider 
in den einzelnen Abschnitten ungleichmässig, weil der Druck 
drei Jahre gedauert hat und zu einer gründlichen Revision des 
ffanzen keine Zeit blieb, wenn das Erscheinen des Werkes nicht 
noch länger verzögert werden sollte. Die von mir hinzugefügten 
Literaturangaben habe ich in zweifelhaften Fällen Kennern der 
einzelnen Fächer zur Begutachtung vorgelegt. Ferner haben 
die Herren Professoren Ernst Curtius, Hultsch, Kiepert, 
Ad. Michaelis, Preuner, Stark und Steinthal die Güte ge- 
habt einzelne Abschnitte des Buches vor dem Druck durchzu- 
sehen. Bei der Correctur haben mich die Herren Professoren 
Lutterbeck und Weidner freundlichst unterstützt. Ausserdem 
bin ich Herrn Dr. Ascherson für viele werthvolle literarische 
Nachweisungen zu Dank verpflichtet. 



VI ' Vorwort. 

Ich hoffe, dass die zahLreichen Schüler und Verehrer Böckh^s, 
welche die Herausgabe der Encyklopädie längst erwartet haben, 
meine Arbeit nachsichtig beurtheilen werden, weil sie die Schwie- 
rigkeiten derselben zu würdigen wissen. Ich. bitte sie mich 
nicht nur durch eingehende Recensionen, sondern auch durch 
gefallige Privatmittheilungen auf die dem Buche anhaftenden 
Mängel aufmerksam zu machen, damit diese bei einer zu er- 
wartenden zweiten Auflage nach Möglichkeit getilgt werden 
können. 

Giessen, d. 24. November 1877. 

Professor ßratnscheck. 



r 



.1 i 



.V 



^1 

I: 



Inhalt. 



Einleitung. g,,,, 

I. Die Idee der Philologie oder ihr Begriff, Umfang und höchster 

Zweck 3 

II. Begriff der Encyklopädie in besonderer Hinsicht aof die Philologie 34 

III. Bisherige Versnche zn einer Encyklopädie der philologischen 

Wissenschaft 37 

IV. Verhältniss der Encyklopädie znr Methodik 46 

V. Von den Quellen und Hülfsmitteln des gesammten Studiums . . 49 

VI. Entwurf unseres Planes . .* 62 

Erster Haupttheil. 

Formale Theorie der philologischen Wissenschaft. 

Allgemeiner üeberblick 76 

Erster Abschnitt. 

Theorie der Hermeneutik. 

Peßnition und Eintheilung der Hermeneutik 79 

Bibliographie der Hermeneutik 79 

J. Grammatische Interpretation 93 

II. Historische Interpretation 111 

Methodologischer Zusatz 122 

III. Individuelle Interpretation 124 

IV. Generische Interpretation 140 

Methodologischer Zusatz 156 

Zweiter Abschnitt. 

Theorie der Kritik. 

Definition und Eintheilung der Kritik 169 

Bibliographie der Kritik . . i 169 

I. Grammatische Kritik 179 

Diplomatische Kritik. 188 

lAteratur der Pcdäographie 203 

II. Historische Kritik 206 

m. Individualkritik 209 

IV. Gattungskritik 240 

Methodologischer Zusatz 251 

Philologische lieconstruction des Alterthums 256 



Vlir Inhalt. 

Zweiter Haupttheil. 

Materiale Disciplinen der Alterthumslehre. 

Erster Abschnitt. 

Allgemeine Alterthumslehre. Seite 

Vorbemerkungen 263 

!• CharaJcter des (irri^^chischen Alterthnins 265 

I. Staatsleben 267 

IL Privatleben 269 

m. Cultus und Kunst 272 

IV. Wissen 276 

2. Charakter des römischen AlterUiums 286 

Weltgeschichtliclie Bedeutuniir des klassischen Alterthnnis .... 297 

Allgemeine Gescfiichtc der Alterthumstcissenschaft 300 

Methadologischer Zusatz 308 

Zweiter Abschnitt. 
Besondere Alterthumslehre. 

I. 

Vom öffentlichen Leben der Griechen und Römer. 

Allgemeiner üeberblick 309 

1. Chronologie 311 

Literatur der Chronologie 323 

Methodologischer Zusatz 327 

2. Geographie ^29 

Literatur der Geographie 332 

Methodologischer Zusatz 337 

3. Politische Geschichte 338 

Literatur der politischen GeschicJite 343 

Methodologischer Zusatz 351 

4. Staats-Alterthnmer 351 

lAteraiur der Antiquitäten im Allgeitieinefi und der Staats- 

Alt^rthümer insbesondere 356 

II. 

Privatleben der Griechen und Römer. 

Allgemeiner üeberblick 365 

Literatur der Geschidite des antikefi Privatlebens .... 367 

1. Metrologie 368 

Lit^atur der Metrologie 373 

Anhang: Numismatik 375 

2. Geschichte des äussern Privatlebens oder der Wirth- 

schalt 377 

a) Landbau und Gewerbe 379 

b) Handel 381 

c) Hauswirthschaft 384 

Literatur der Geschichte der WirtJisdiaft 388 



Inhalt. IX 

Seite 

3. Geschichte des Innern Privatlebens oder der Gesell- 
schaft 891 

a) Geselliger Verkehr 391 

b) Erwerbsgesellschaft . 396 

c) Erziehung 400 

d) Todtenwesen 406 

lAteratur der GeschicJUe der Gesellschaft 408 

in. 

Von der äussern Religion und der Kunst. 

1. Cnltns oder äussere Religion« 

Allg^emeiner Ueberblick 412 

a) Der Cultus als Gottesdienst 413 

b) Die Colthandlnngen 421 

c) Der Cnltas als religiöse Erziehung 428 

d) Die Mysterien 488 

LiiercUur der GeschicJUe des Cultus 441 

Methodologischer Zusatz 446 

2. Oeschichte der Kunst« 

Allgemeiner Ueberblick 447 

A. Bildende Künste. 

a) Architectur 456 

b) Plastik 460 

c) Malerei 468 

Methodologischer Zusatz 474 

lAtercUur der Kunstarchäologie 476 

B. Künste der Be'wegiing. 

a) Gymnastik •. . . 493 

b) Orchestik 497 

c) Musik .• . . 600 

C. Künste des poetischen Vortrags. 

a) Rhapsodik 610 

b) Chorik 511 

c) Dramatik 613 

Literatur der Geschichte der Bewegungsküfiste 521 

Methodologischer Zusatz 625 

IV. 

Von dem gesammten Wissen des klassischen Alterthums. 

AUi^emeiner Ueberblick 627 

1. Mythologie. 628 

Literatur der Mythologie 540 

Methodologischer Zusatz 649 

2- Geschichte der Philosophie 668 

Literatur der Geschichte der Philosophie 679 

Methodologischer Zusatz 685 

a** 



X Inhalt. 

Seifte 

3. Geschichte der Einzelwissenschaften 588 

a) Mathematik 589 

b) Empirische Naturwissenschaft 593 

c) Empirische Geisteswissenschaften 600 

Literatur der Gescfiichte der Eimelwissenschaftefi . . . 608 

Methodologischer Zusatz 609 

4. Literaturgeschichte 614 

Gesohichte der griechischen Literatur« 

A. Poesie 616 

a) Epos 616 

b) Lyrik , . '. 622 

c) Drama 632 

B. Prosa 651 

a) Historische Prosa 651 

b) Philosophische Prosa 660 

c) Rhetorische Prosa 665 

Gescliichte der römischen Literatur. 

A. Poesie 676 

a) Drama 677 

b) Epos 682 

c) Lyrik 688 

B. Prosa 690 

a) Historische Prosa 691 

b) Khetorische Prosa 697 

c) Philosophische Prosa 703 

Methodologischer Zusatz 708 

Bibliographie der LiteraturgeschidUe 710 

^ Anhang: Epigraphik 719 

5. Geschichte der Sprache 724 

A. Stöchiologie 733 

a) Phonologie 733 

b) Paläographie '. 736 

c) Orthographie und Orthoöpie 743 

ß. Etymologie 745 

a) Lexikologie 747 

b) Formenlehre 752 

C. Syntax 768 

D. Historische Stüistik 770 

Metrik 773 

Literatur der Grammatik 776 

Methodologischer Zusatz 799 

Schlusswort des Verfassers 804 

Namen-Hegister 806 



-♦■♦-^ 



7» 



Verbesserungen und Zusätze. 

S. 4 Z. 4 L klar si kar. 

4 „ 10 1. wenig sagen st. wenige sagn. 

16 ,j 2 1. grosse st. sogrse. 

101 Z. 23 1. Xpövou st. Xpövov. 

248 „ 31 1. man st. die Kritik. 
„ 257 „ 12 1. Geltung st. Gattung. 
,, 323 „ 14 1. Anazimandros st. Anaximenes. 
,, 334 „ 36 hinter der Alten einzufügen: 2. Aufl. 1. L. 1877. 
„ 368 „ 27 hinter 3 Bde. einzufügen: neu bearbeitet von GöU. Berlin 1877. 

400 „ 5 1. breiteten st. breiteteten. 

442 „ 1 l. biooi|U€iuiv st. 6iacT]!Li€iuiv. 

443 „ 13 hinter 2 Bde. einzufügen: Vergl. Preuner in Bursian's Jahres- 
ber. IV (1876) S. 68. — Lacroix, Recherches sur la religion 
des Romains d* apres les fastes d'Ovide Paris 1876. 

443 „ 14 zu Ende einzufügen: Lübbert, Über die Epochen der Geschichte 

der römischen Religion. Kiel 1877. 
443 ,, 24 hinter 1847 einzufügen: Chastel, Histoire de la destruction du 

paganisme dans Vempire d' Orient. Paris 1850. 
443 „ 27 st. 1867 1. 1865 [abgedruckt in „Vorträge und Abhandlungen". 
2. Samml. 1877J. 

„ 444 „ 9 zu Ende einzufügen: A. Bouchd - Leclerq, Les pontifes de 

Vancienne Rotne. Paris 1871. — Preibisch, Quaestiwies de 
libris pontificiis. Breslau 1874. 
„ 464 „ 27 1. Stü st. Stiel. 
., 540 ,» 4 1. § 85 st. 84. 

540 „ 27 1. 2 Bde. 1. Theil 2. Aufl. 1865 st. 2. Aufl. 1865. 2 Bde. 

541 „ 36 hinter Mythen einzufügen : vorzugsweise. 

541 „ 36 am Ende einzufügen: Das erhaltene Werk ist verkürzt und ver- 
stümmelt. 

550 „ 34 am Ende einzufügen: Vergl. B. Schmidt, Griechische Märchen, 
Sagen und Volkslieder. Leipzig 1877. 
„ 721 „ 10 1. iscrizioni st. inscrizioni. 






1» 



»' 



T» 



IJ 



T» 



TT 
Tt 



723 „ 17 hinter fol. einzufügen: Vol. 11, 1 Inscriptiones aetatis quac est 

inter Euclidis annutn et Äugusti tempora ed. Köhler. 1877. 
723 „ 40 tilge 10. Region. 

723 „ 41 1. Hübner 1873, Bd. 6, 1 (Rom) von Henzen und ßormann 

1877, Bd. 6, II und Bd. 8 etc. 

724 „ 5 1. Vermiglioli st. Vermiglioni. 
727 „ 7 1. Sprachen st. Sprache. 



^ 754 „ 8 1. Aristotelischen st. Aristolischen. 






762 „ 16 1. E. A. Fritsch, st. Hermann Fritzsche. 

784 „ 31 am Ende einzufügen: neu bearb. v. Deecke. Stuttgart 1877. 



Einleitnng. 



Buckhs Kncyklopädie d. philolog. Wiasenschaft. 



I. 

Die Idee der Philologie oder ihr Begriff, Umfang 

nnd höchster Zweck. 

§ 1. Der Begriff einer Wissenschaft oder wissenschaftlichen 
Oisciplin wird nicht dadurch gegeben, dass man stückweise auf- 
zählt, was in derselben enthalten sei. Dies scheint sich zwar 
übermässig von selbst zu verstehen; aber die Philologie sind Viele 
gewohnt nur als Aggregat zu betrachten und die, welche sie 
so betrachten, konnten allerdings keinen andern Begriff derselben 
geben als den, welcher in der Aufzählung der Theile läge, d. h. 
im Grunde gar keinen. Der wirkliche Begriff jeder Wissenschaft 
und also auch der Philologie, wenn sie überhaupt etwas Wissen- 
schaftliches enthalten soll, muss sich gegen die Theile so ver- 
halten, dass er das Gemeinsame der Begriffe aller Theile umfasst, 
die Theile alle in ihm als Begriffe enthalten sind und jeder Theil 
den ganzen Begriff wieder in sich darstellt, nur mit einer be- 
stimmten Modification, die aus der Eintheilung entsteht. Die 
Definition der Philologie durch Aufzählung ihrer Theile ist um 
kein Haar bjeit besser als die Definition des Schonen, die Pla- 
tou im Hippuis maj. dem Hippias in den Mund legt: „Das Schöne 
ist eine schöne Jungfrau , Gold u. s. w." W^enn Jemand die Phi- 
losophie definiren wollte als die Wissenschaft der Denkformen, 
der Sitten, des Rechtes, der Religion, der Natur, weil unter ihr 
Logik, Sittenlehre, philosophische Rechtslehre, die Religionsphi- 
losophie, Naturphilosophie enthalten sind, so würde er sich lächer- 
lich machen. Das Gemeinsame ist der Begriff der Philosophie; 
-von jenen Disciplinen ist wieder jede ganz die Philosophie, nur in 
einer besondem Richtung, und diese besonderen Richtung n müssen 
aus dem Begriff selbst hervorgehen. So verhält es sich auch 
mit der Philologie. Jene numerische Art den Begriff* zu be- 
stimmen giebt nur den Inbegriff an, sie bezeichnet bloss den 



4 Einleitung. 

Stoff, ohne dass man weiss, warum es gerade dieser Stoff und 
nicht mehr oder weniger ist. Aber es kann derselbe Stoff meh- 
reren Wissenschaften gemeinsam sein, imd es ist gleich ohne 
Weiteres kar, dass z. B. die Philosophie und Philologie denselben 
Stoff haben und der Philologie und Geschichte viele Gebiete des 
Stoffes gemeinsam sind, ebenso wie der Philosophie und Natur- 
kunde. Ueberhaupt ist Natur und Geist oder dessen Entwicke- 
lung, die Geschichte, der allgemeine Stoff alles Erkennens. Mit 
einem auf den Stoff bezüglichen, sogenannten Begriff wird man 
daher wenige sagn und doch gehendie Begriffe, die man gewöhnlich 
von der Philologie aufstellt, meist darauf hinaus. Dem Stoffe entge- 
gengesetzt ist die Form der Wissenschaft, welche in der Behand- 
lungsweise oder Thätigkeit liegt, die man auf den Stoff richtet. Aber 
freilich in der blossen Behandlungsweise kann der Begriff der 
Wissenschaft auch nicht gesucht werden, wenn ihr nicht ein be- 
stimmter Stoff zugewiesen wird. Dennoch haben Einige den Be- 
griff der Philologie nur in die Form gesetzt. Es muss offenbar 
Beides im Begriff enthalten sein. Ehe ich jedoch denjenigen 
Begriff* der Philologie nachweise, welcher dieser Anforderung ent- 
spricht, will ich die Hauptansichten, nach welchen diese Wissen- 
schaft gewöhnlich definirt wird, kritisch beleuchten. Die Ver- 
schiedenheit derselben zeigt, dass man im Allgemeinen im Un- 
klaren über die Sache ist. Die hier zu gebende Kritik wird für 
die Begriffsbestimmung eine Vorbereitung sein, die gewissermassen 
dialektisch gemacht werden muss, imd die ich etwas ausführlicher 
anstellen werde, weil es in der Encyklopädie gerade darauf an- 
komint über die Begriffe zu orientiren, die mannigfachen Ver- 
wirrungen zu entwirren und überhaupt den gesammten Stoff in 
den Begriff aufzulösen. 

Wir müssen die verschiedenen Ansichten über das Wesen 
der Philologie erstens danach würdigen, ob ihnen ein wissen- 
schaftlicher Begriff zu Grunde liege, wodurch die Philologie als 
etwas von andern Wissenschaften Unterschiedenes bezeichnet 
wird und zweitens ob dann auch in diesem Begriff, wenn er 
als solcher befunden worden ist, dasjenige enthalten sei, was 
historisch nach der wirklichen Bedeutung des Wortes und nach 
den Bestrebungen, die der Philologie der Erfahrung gemäss 
eigen sind, zu derselben gezählt werden kann. Es handelt 
sich hier nicht darum willkürlich als Anfang einen Begriff zu 
setzen; sondern wir haben ein Seiendes vor uns, aus welchem 



I. Idee der Philologie. 5 

wir jenen BegriflF herausziehen müssen, und zwar ein Seiendes, 
welches mancherlei Bestrebungen enthält. Man muss aber bei 
dieser Kritik drittens immer im Auge haben, dass historisch 
nnd nach dem empirisch Gegebenen die Philologie offenbar ein 
grosses Studium, keine untergeordnete kleine Disciplin, wie etwa 
in der Naturwissenschaft die Entomologie ist, dass demgemäss 
ihr wahrer Begriff ein sehr weiter sein muss. üeberhaupt müssen 
bei einer richtigen Betrachtung alle willkürlichen Schranken, die 
der gemeine Sinn dem Begriffe beilegt, aufgehoben und bloss die 
noth wendigen inneren Beziehungen hervorgehoben werden, am 
meisten gerade bei einem Studium, welches den gegebenen Ver- 
haltnissen nach Lebenszweck vieler ist und sein soll. Durch das 
Setzen willkürlicher *Schranken wird die Betrachtung in der Regel 
geistlos, das Wesen der Wissenschaft lässt sich dabei nicht er- 
kwnen. Unsere Kritik der gewöhnlichen Ansichten wird an- 
fänglich verwirrend scheinen; gerade aus dieser Verwirrung aber 
werden wir zur wirklichen Klarheit gelangen und das wahre 
Wesen der Philologie kennen lernen, woraus sich das Ganze der- 
selben consequent wissenschaftlich und organisch gestaltet, so 
dass dem verwirrten, zusammenhangslosen Wes^n und Treiben 
etwas in sich selbst Klares und Zusammenhängendes entgegen- 
gesetzt wird. 

1. Zwei Ansichten von der Philologie sind unter allen die 
yerbreitetsten: dass sie Alterthumsstudium und dass sie Sprach- 
studium sei — die eine so unbegründet als die andere. 

Die Philologie darf zunächst nicht als Alterthumsstudium 
aufgefasst werden. Es wird weiter unten auf historischem Wege 
gezeigt werden, dass das Wort qpiXoXofia selbst in dem Sinne 
der Gelehi-ten, die dasselbe gestempelt haben, geschweige denn 
in der gewöhnlichen griechischen Ansicht nie diese Bedeutung 
gehabt hat, und dass dieselbe ihm nur zufällig geliehen worden 
ist. Alterthumsstudium ist dpxaioXoTia, nicht qpiXoXoTict; da der 
Gegensatz von qpiXoXoTict jiucoXoTici ist, so müsste diese gleichbe- 
deutend mit Verachtung des Antiken sein, wenn die Philologie 
Alterthumsstudium wäre. Wie also diese Ansicht nicht in der 
Bedeutung des Wortes gegründet ist, so umfasst sie auch keines- 
wegs alle Bestrebungen, die factisch zur Philologie gehören. 
Denn ist es nicht empirisch klar, dass jeder, welcher sich z. B. 
mit der italienischen oder englischen Literatur beschäftigt, oder 
mit der Literatur und Sprache irgend eines andern Volkes, um 



() Einleitung. 

jetzt nur von Sprache und Literatur zu reden, ein philologisches 
Bestreben hat? Was die Philologen am Antiken thun, das thun alle 
diese am Modernen, z.B. an Dante, Shakespeare oder irgend 
einem Gegenstande aus dem Mittelalter. Da alle Bjritik und Aus- 
legung factisch philologisch ist, und in diesen das formale Thun 
des Philologen, wie sich späterhin zeigen wird, ganz aufgeht, 
so kann die Philologie nicht auf das Alterthumsstudium beschränkt 
sein , weil jene* Funktionen auch alles Moderne berühren. Ausser- 
dem ist der Begriff des Alterthumsstudiums kein wissenschaft- 
lich geschlossener. Für die Wissenschaft ist alt und neu zufallig; 
diese Beschränkung nach der Zeit ist also vor der Hand und für 
die Begriffsbestimmung als eine rein willkürliche zu betrachten. 
Unter Alterthumskunde ist ein Aggregat von allerlei Wissen ent- 
halten*, alles, was sie lehren kann, gehört in irgend eine andere 
Wissenschaft und es fehlt uns also, wenn wir den Begriff der 
Philologie nicht anders stellfen, überhaupt an einer Unterscheidung 
von. den übrigen Wissenschaften, die im Begriff des Alten, als 
eines Unwesentlichen, nicht liegen kann. Auch ist die alte Zeit 
ohne die neuere als ihr Complement nicht verständlich; niemand 
kann das Alterthum aus sich ergründen ohnß die Anschauung 
des Neueren, wie unzählige Beispiele beweisen. Eine Beschrän- 
kung der Philologie auf das griechische und römische Alterthum 
ist ebenfalls willkürlich und kann daher nicht in den Begriff 
aufgenommen werden; sie ist schon der hebräischen, indischen, 
chinesischen, überhaupt der orientalischen Philologie gegenüber 
unhaltbar. So gross und erhaben das griechische und römische 
Alterthum ist, lässt sich doch der Begriff der Philologie nicht 
darauf beschränken; er kann nur durch etwas bestimmt werden, 
was die eigentliche philologische Thätigkeit angiebt. 

2. Es könnte daher angemessen erscheinen, die Philologie für 
identisch mit Sprachstudium zu erklären und zwar nicht be- 
schränkt auf die alten Sprachen , was wieder eine Verwechselung 
mit einem Theile der erstem Ansicht wäre, sondern allgemein für 
alle Sprachen als Polyglottie, wie ich es nennen möchte. Auch 
diesen Sinn hat indess das Wort qpiXoXoxia, wie sich zeigen wird, 
bei den Gründern des Studiums nicht gehabt; Xöfoc ist nicht 
Sprache, dies ist YXuJcca. Wiewohl es etwas Grosses ist, 
dem geheimen Gang des menschlichen Geistes durch unzählige 
Völker auch in der Bildung der Sprachen nachzuspüren; wiewohl 
ferner in dem Begriffe der Sprachwissenschaft ein wirklich Unter- 



I. Idee der Philologie. 7 

scbeidendes liegt, indem dieselbe als besondere Wissenschaft auf- 
gesti^llt werden muss — wenngleich die Sprache durch den Ge- 
danken bedingt ist, und also auch dieser vom Sprachforscher ge- 
kannt sein muss, so dass er sich nicht bloss auf dem Gebiete 
der Sprache halten kann — : so ist es doch wieder factisch falsch, 
dass Philologie Sprachstudium sei, auch abgesehen von dem Na- 
men^ Üenn fast der grössere Theil alles dessen, was vom An- 
begiixn des Studiums die Philologie in sich begriffen hat, ist 
nicliii Grammatik, und diese Ansicht umfasst also nicht alle hier- 
herg^ehorigen Bestrebungen, entspricht auch kaum der Grösse des 
Studiums, sondern enthält nur einen Haupttheil desselben. Selbst 
die Oeschichte der Literatur, die doch offenbar philologisch ist, 
würde nach der Strenge des Begriffes von der Sprachwissenschaft 
ausgeschlossen sein, man müsste ihr denn eine weitere Ausdeh- 
nung als gewöhnlich geben. Wir nehmen übrigens der Gram- 
matik nicht ihren Werth, nur behaupten wir, dass die Philologie 
sich nicht bloss mit diesem in gewisser Beziehung nur formalen, 
sehr oft eine Leerheit an Gedanken zurücklassenden Studium be- 
schäftige, sondern ihr Zweck und Begriff höher liege — dass sie 
eine Bildung gebe, die den Geist nicht bloss mit grammatischen 
Ideen ^ sondern mit jeder Art von Ideen erfüllen müsse, was allein 
<Jer thatsächlichen Bedeutung der philologischen Studien ent- 
sprichi 

3. Von dem letztern' Gesichtspunkte aus scheint es an- 
nehtubar, wenn man die Philologie mit Polyhistorie identificirt, 
^e dies Viele gethan haben. Es ist indessen klar, dass Poly- 
historie gar kein wissenschaftlicher Begriff ist, da darin die unter- 
scheidende Einheit fehlt. Denn in dem Viel und Wenig liegt 
nicht viel für die Wissenschaft, oder vielmehr gar nichts; die 
Vielheit der Kenntnisse giebt eben auch noch nicht einmal irgend 
eine Erkenntniss: TToXufiaßiTi vöov ou qpuei, sagt Heraklit; sie er- 
greift weder das Leben, noch den Geist, noch das Herz, ist eine 
blosse rohe Empirie ohne irgend eine bestimmte Begrenzung und 
ohne Idee, eine Anhäufung unverarbeiteten Stoffes als Aggregat, 
nnwissenschaftliches Gedächtniss- oder gar nur Fingerwerk; denn 
manche glauben sogar schon viel zu wissen, wenn sie grosse 
Coüectaneen und Adversarien haben. 

4. Ln Gegensatz zu solcher Sammelarbeit sehen Manche die 
Kritik als die ausschliessliche Aufgabe der Philologie an. Von 
der Kritik lässt sich allerdings Gutes sagen, wenngleich nicht 



8 Einleitung. 

vom gewöhnlichen Betriebe derselben; sie sichtet den Stoff durch 
den Verstand. Aber geben wir ihr auch den höchsten Gresichts- 
punkt, dessen sie fähig ist, als Vergleichung des Besondem mit 
dem Allgemeinen und darauf gegründete Bestimmung des Ver- 
hältnisses aller von ihr behandelten Dinge gegeneinander, so ist 
sie doch etwas rein Formales und insofern nur Mittel zu etwas 
zu gelangen, was durch sie ausgemittelt wird, während die Wis- 
senschaft nie ein blosses Mittel, sondern Zweck ist-, auch ist sie 
eine Fertigkeit und folglich Kunst, nicht Wissenschaft. Die Phi- 
lologie muss also etwas anderes sein, wenn wir sie als Wissen- 
schaft betrachten sollen, und als solche betrachte ich sie. Wem 
die Philologie nicht für sich Zweck, sondern Mittel ist, und wer 
durch sie nichts erreichen will als formale Uebung: für den mag sie 
in der Kritik aufgehen; aber dies stimmt nicht mit den höheren 
Zielen, welche die philologische Wissenschaft sich faktisch von 
Anfang an gesteckt hat. Auch setzt die wahre Kritik materielle 
Kenntnisse voraus und kann also nicht einmal bestehen, wenn 
sie nicht als ein Theil einer Philologie im höheren Sinne gefasst 
wird, in welcher zugleich ein Materielles gegeben ist. Ja sie er- 
schöpft nicht einmal die ganze formale Thätigkeit des Philologen, 
wozu offenbar auch die Auslegung gehört. 

5. Ebenso unbestimmt ist der Begriff der Literaturge- 
schichte, mit der man zum Theil die Philologie identificirt. 
Ihrem wahren Begriffe nach wird die Literaturgeschichte, wie an 
seiner Stelle gezeigt werden soll, die Erkenntniss der Form der 
Sprachwerke sein; allein dass dies nicht den ganzen Umfang der 
Philologie erschöpfe, sondern nur ein untergeordneter in der 
Philologie enthaltener Begriff sei, ist an sich klar. Doch hat 
man häufig den Literator und Philologen verwechselt, und zwar 
schon früh, wovon weiter unten gesprochen werden soll, und wenn 
man den Begriff der /eYfero« recht ausgedehnt fasst, ist nichts dagegen 
einzuwenden; aber dann ist der Ausdruck zu unbestimmt, während 
er streng gefasst einen zu engen Sinn giebt. Kant, dessen Be- 
griffe von Philologie und Alterthumskunde sehr beschränkt waren, 
definirt (Logik Einl. VI) die Philologie als „kritische Kenntniss 
der Bücher und Sprachen (Literatur und Linguistik)" — eine 
Definition, die nicht einmal empirisch richtig, und mit der gar 
nichts anzufangen ist; denn sie ist nur eine Angabe eines Aggre- 
gats verschiedener Dinge ohne wissenschaftlichen Zusammenhang. 
Humaniora unterscheidet er davon als „Unterweisung in dem, was 



I. Idee der Philologie. 9 

zur Cultur des Geschmacks dient, den Mustern der Alten gemäss/' 
Damit wurde der Philologie sogar der Geschmack abgesprochen. 
Von Alters her hat aber Niemand die Humaniora von der Philo- 
logie gesondert. 

6. Viele bezeichnen gerade überhaupt die Philologie als 
Humanitätsstudium. Allein auch diese Definition ist un- 
wissenschaftlich und unbestimmt; sie bezieht sich nur auf den 
Nutzen, den gewisse Studien gewähren, indem sie zur Ausbildung 
des rein Menschlichen dienen; der BegriflF ist also ein praktischer, 
worin die Philologie als Mittel erscheint, kein theoretischer, und 
es lasst sich hieraus gar nichts abnehmen, weil die Bildung zur 
Humanität bloss eine Folge aus dem Studium ist, aber nicht den 
Inhalt desselben angiebt. Uebrigens liegt darin auch nicht ein- 
mal irgend etwas Bezeichnendes oder Unterscheidendes; denn es 
ist nur eine meist durch die Erfahrung gar nicht gerechtfertigte 
Anmassung der Philologen, dass ihr Studium ausschliesslich zur 
Humanität bilde. Dies muss alle Wissenschaft, wenn sie wahr- 
haft betrieben wird und vor Allem die Philosophie thun, und es 
wäre wahrlich schlimm, wenn dies nicht auch die Wissenschaft 
des Göttlichen, die Theologie thäte, obwohl sie sich allerdings 
zuweilen geradezu dem Humanen widersetzt.*) Aus allen solchen 
Bezeichnungen, wie die sechs angegebenen sind^ erkennt man 
nicht, was Philologie ist oder sein sollte, sondern nur wie gross 
bei den Philologen der Mangel des Nachdenkens über ihr eigenes 
Studium ist. 

Nach dieser Kritik muss es freilich sehr problematisch sein, 
wo ich endlich für meine Erklärung der Philologie noch einen 
Ausweg finden könne. Allein man hat nur die gewöhnlichen 
Erklärungen von ihrer Einseitigkeit zu befreien, um zur richtigen 
Ansicht zu gelangen. Die Wissenschaft überhaupt ist nur Eine 
ungetheilte und zwar im Gegensatz gegen die Kunst, welche zu- 
sammen mit ihr die ideelle Seite des Lebens und der mensch- 
lichen Thätigkeit bildet, die begriffliche Erkenntniss des Uni- 
versums. Die gesammte Wissenschaft als ein Ganzes ist Philo- 
sophie, Wissenschaft der Ideen. Aber je nach der Betrachtungs- 
weise, ob das All von materieller oder ideeller Seite genommen 

*) VergL die lateinischen Heden von 1819: De homine ad humanitateni 
pcrfcctam cofiformando. Kl. Sehr. I, 69 ff., und von 1822: De antiquitatis 
studio, KL Sehr. I, 101 ff. 



10 Einleitung. 

wird, als Natur oder, Geist, als Nothwendigkeit oder Freiheit-^ 
ergeben sich, abgesehen von formalen Disciplinen, zwei Wissen — 
Schäften, die wir Physik und Ethik nennen. In welche gehörtri 
nun die Philologie? Sie umfasst gewissermassen • beide und 
doch keine von beiden. Wir sollen als Philologen nicht 
Piaton philosophiren, aber doch die Schriften Piatons ver — 
stehen, und zwar nicht allein als Kunstwerke in Rücksicht der-ra 
Form, sondern ganz, auch in Rücksicht des Inhalts; denn die^ 
Erklärung, die doch wesentlich philologisch ist, bezieht sich auch,.^ 
und zwar vorzüglich, auf das Verstehen des Inhalts. Der Phi — 
lologe muss ein naturphilosophisches Werk wie den platonischen - 
Timaeos, ebensogut verstehen und erklären können wie Aesops j 
Fabeln oder eine griechische Tragödie. Die Naturphilosophie zu 
producirenist nicht Aufgabe des Philologen, wohl aber zu wissen 
und zu verstehen, was in dieser Wissenschaft producirt ist, da 
die Geschichte der Naturphilosophie philologisch bearbeitet 
werden muss. Dasselbe gilt von der gesammten Ethik, deren 
geschichtliche Entwicklung ebenfalls philologisch erforscht 
wird. Aber auch die einzelnen Zweige der Physik und Ethik 
werden so von der Philologie bearbeitet, z. B. die Natur- 
geschichte imd Politik. Physische Speculationen und Experi- 
mente sind freilich nicht ihre Aufgabe, ebensowenig als logische 
oder politische Untersuchungen; aber die Werke eines Pli- 
nius, Dioskorides und Buffon sind Objecte der Philologie. 
Das Handeln und Producireu, womit sich die Politik und Kunst- 
theorie beschäftigen, geht den Philologen nichts an; aber das 
Erkennen des von jenen Theorien Producirten. Hiernach scheint 
die eigentliche Aufgabe der Philologie das Erkennen des vom 
menschlichen Geist Producirten, d.h. des Erkannten zu sein. 
Es wird überall von der Philologie ein gegebenes Wissen voraus- 
gesetzt, welches sie wiederzuerkennen hat. Die Geschichte aller 
Wissenschaften ist also philologisch. Allein hiermit ist der Be- 
griff der Philologie nicht erschöpft, vielmehr fällt er mit dem 
der Geschichte im weitesten Sinne zusammen. Geschichte und 
Philologie sind nach allgemeiner Ansicht eng verwandt; man 
vergl. darüber Döderle in de cognatione, quae intercedit philologiae 
cum historia Bern 1816. Wollte man nun Geschichte und Philologie 
trennen, so müsste man letzterer doch die erkannte Geschickte 
als Gegenstand zuweisen, d. h. die Wiederherstellung der Ueber- 
lieferung über das Geschehene, insofern die Ueberlieferung eine 



I. Idee der Philologie. 11 

Erkenntniss ist^ nicht aber die Darstellung des Geschehenen; die 
Geschichtsschreibung wäre dann nicht Zweck der Philologie, son- 
dern nur das Wiedererkennen der in der Geschichtsschreibung nieder- 
gelegten Geschichtskenntniss, also nur die Geschichte der Ge- 
schichtsschreibung. Aber eine solche Trennung ist nicht durch- 
zuführen; vielmehr verfährt die ganze Geschichtsschreibung philo' 
logisch, zuerst ^inwiefern sie auf Quellen beruht, dann aber, 
inwiefern die geschichtlichen Thaten selbst ein Erkennen sind, 
d. h. Ideen enthalten, welche der Geschichtsforscher wiederzuer- 
kennen hat. Das geschichtlich Producirte ist ein Geistiges, wel- 
ches in That übergegangen ist. Die Geschichte ist daher nur 
scheinbar von der Philologie verschieden, nämlich in Bezug auf 
den Umfang, weil jene gewöhnlich der Hauptsache nach auf das 
Politische beschränkt wird und das übrige Culturleben im An- 
schluss an das Staatsleben betrachtet. Selbst die Grammatik ist 
jedoch historisch; sie stellt das geschichtlich gewordene Sprach- 
system eines Volkes entweder in seiner ganzen Entwickelung oder 
in einem bestimmten Stadium derselben dar. Sieht man auf das 
Wesen der philologischen Thätigkeit selbst, indem man alle will- 
kürlich und empirisch gesetzten Schranken wegnimmt und der 
Betrachtung die höchste Allgemeinheit giebt, so ist die Philo- 
logie — oder, was dasselbe sagt, die Geschichte Erkenntniss 
des Erkannten. Unter dem Erkannten sind dabei auch alle Vor- 
stellungen begriffen; denn häufig sind es nur Vorstellungen, die 
wiedererkannt werden, z. B. in der Poesie, in der Kunst, in der 
politischen Geschichte, worin nur theil weise, wie in der Wissen- 
schaft Begriffe, im Uebrigen aber Vorstellungen niedergelegt sind, 
die der Philologe wiederzuerkennen hat. Da somit in der Phi- 
lologie überall ein gegebenes Erkennen vorausgesetzt wird, so 
kann sie ohne Mittheilung nicht existiren. Der menschliche Geist 
theilt sich in allerlei Zeichen und Symbolen mit, aber der adä- 
quateste Ausdruck der Erkenntniss ist die Sprache. Das ge- 
sprochene oder geschriebene Wort zu erforschen, ist — wie der 
Name der Philologie besagt — der ursprünglichste philologische 
Trieb, dessen Allgemeinlieit und Nothwendigkeit auch schon 
daraus klar ist, weil ohne Mittheilung die Wissenschaft über- 
haupt und selbst das Leben übel berathen wäre, so dass die Phi- 
lologie in der That eine der ersten Bedingungen des Lebens, 
ein Element ist, welches in der tiefsten Menschennatur und in 
der Kette der Kultur als ein ursprüngliches aufgefunden wird. 



12 Einleitung. 

Sie beruht auf einem Grundtrieb gebildeter Völker; qpiXocoq) 
kann auch das ungebildete Volk, nicht qpiXoXoTcTv. 

Durch die Bestimmung des Wesens der philologischen TIb-^ 
tigkeit haben wir die einseitigen BegriflFe entfernt, und es £^ 
nur übrig zu zeigen, wie diese entstanden sind. Sie lassen sic^— 
aber leicht aus der Beschränkung auf einzelne Momente des vo^ 
uns aufgestellten Begriffes erklären. Da das allgemeinste Vehik^^ 
der Erkenn tniss, oder vielmehr der reine Abdruck für alles Ejt 
kennen, nicht nur für das des Verstandes, die Sprache ist, so wircl 
es die erste Aufgabe der Philologie sein, das Mysterium dersel- 
ben zu ergründen; denn in der That, wer die Sprache bis zix 
ihren letzten Fundamenten in ihrer Freiheit und Nothwendigkeit> 
begriffen hat, welches die höchste und unermesslichste Aufgabe 
ist, der wird auch eben dadurch alles menschliche Erkennen er- 
kannt haben; das allgemeine Organon des Erkennens muss doch 
auch vor allen Dingen erkannt werden. Daher war es natürlich, 
die Philologie als Sprachwissenschaft aufzufassen. Ebenso sehen 
wir nun, warum sie selbst dem Begriff nach einseitig auf das 
Alterthum beschränkt worden ist. Es geschah dies, weil die 
neuere Zeit erst noch im Produciren begriffen ist und also ein 
Abschluss überhaupt nicht ^so fest gemacht werden kann, auch 
eine Betrachtung derselben sich nicht so sehr als nothwendig 
aufdrängt, indem sie unmittelbar vorliegt. Das Alterthum da- 
gegen ist entfernter, entfremdeter, unverständlicher und fragmen- 
tarischer und bedarf daher der Reconstruction in höherem Grade. 
Bei den Griechen ist die erste bedeutende Philologie entstanden, 
nachdem die Production relativ abgeschlossen war; denn mit 
Aristoteles schliesst dies alte Zeitalter, und die alexandrinische 
Philologie, die sehr tüchtig und kräftig war, erfasste die Re- 
flexion über das vor ihr nun abgeschlossene Alterthum. Zur 
Zeit der Renaissance war die neu entstehende Philologie ausser- 
dem deshalb auf das griechische und römische Alterthum hinge- 
wiesen, weil dasselbe damals allein als klassisch erscheinen 
musste. Dass die Philologie Polymathie ist, folgt mit Noth- 
wendigkeit aus ihrem Begriffe, indem sie ja auf keinen Gegen- 
stand^ beschränkt ist. Diese Seite trat rm Alterthum vorzugsweise 
hervor, seitdem das Wort qpiXöXoTOC technisch gebraucht wurde, 
d. h. imter den Hellenen seit Eratosthenes dem Alexandriner, 
unter den Römern seit Ateius Philologus. (Sueton de illtistr. 
fframm. X. Vergl. Graff de Ateio philologo Bulletin der Peters- 



I. Idee der Philologie. 13 

bturger Akad. III, 1861; S. 121 f.). Eratosthenes und Ateius 
ipv^ollten sich hierdurch als allgemeine Gelehrte bezeichnen; die 
zniolit eine besondere einzelne Wissenschaft sich vindicirteU; 
niofit bloss Grammatiker; Mathematiker u. s. w.; auch nicht 
Pliilosophen -wareu; sondern sich mit der Erkenntniss des XöyoC; 
d. h. aller vorhandenen Kunde beschäftigten. Ateius nannte 
sicli; wie Sueton sagt, PhiMogus: ,^uia siciU Eratosthenes, qui 
jpftrimus hoc cognomen sibi vindicavit, mtUtiplici variaque doctrina 
cev^sebatur.^ Bei Eratosthenes zeigt sich deutlich, wie man den 
Ifajnen schon damals richtig verstand. Er war ein Mann von uner- 
nxessUcher Erudition, Bibliothekar der grossen Bibliothek; der 
dbet in keinem aller der Fächer, worin er arbeitete, den ersten 
KsLUg behauptete, und daher den Beinamen Beta erhielt (Suidas 
L«2. Th. I; p. 850; Küster und dessen Anmerkung); so nannten 
ibx& die Vorsteher des Museums. Es liegt in der That im Be- 
griffe der Philologie, dass jeder Philologe zwar in seinem Fache 
der- Erste sein kann, aber in den einzelnen übrigen Wissen- 
scliaften der Zweite, gleichsam das Beta sein muss. Daher hat 
auch das Alterthunr vor Aristoteles, weil es überwiegend pro- 
ducÜY ist; keinen eigentlichen Philologen. Die Neigung zur 
Polyhistorie war aber zunächst das Natürlichste; nur ist bei dieser 
die Betrachtungsweise zu empirisch gehalten und zu, unkritisch. 
In der Literatur erscheint Stoff und Form einigermassen ver- 
einigt, Sprachkunde und Polyhistorie fanden hier ihre Rechnung; 
aber wenn man die Philologie als Literaturkenntniss auffasstC; sah 
man Grammatik und Sachkenntniss als coordinirt an und schloss sie 
streng genommen somit von der Philologie aus. Die Literatur ist die 
Hauptquelle der Philologie , jedoch enthält sie nicht die alleinige 
Erkenntniss, sondern diese liegt auch in Staat, Kunst, Wissen- 
schaft u. s. w. Aber weil eben die Philologie auf das Erkennen 
des Erkanntet geht, und das Erkennen einer Nation vorzüglich 
•ö ihrer Literatur ausgeprägt ist, erklärt es sich leicht, dass man 
«inseitig die Literaturgeschichte für die ganze Philologie genom- 
men hat. Leicht begreiflich ist es auch, dass die Kritik sich 
Äflmassen konnte, Philologie zu heissen, da ja beim Erkennen 
des Erkannten die Kritik in steter Thätigkeit sein, der Verstand 
«in grosses Uebergewicht über die Erfindungsgabe erhalten und 
die Phantasie zurückgedrängt werden muss. Dies trat besonders 
henor, als die Philologie dem kalten Verstände der bedächtigen, 
reinlich fleissigen Bataver anheimfiel. Wegen ihrer Einseitigkeit 



14 Einleitung. 

soll aber die Kritik nicht allein herrschen; denn die Philologie soll den 
ganzeix Menschen in Anspruch nehmen und alle seine Fähigkeiten 
vielseitig ausbilden. Das Gegentheil dieser Ansicht gehört also 
ebensogut zur Philologie, nämlich dass diese Humanitätsstu- 
dium sei. Zur Humanität gehört die Bildung der Vernunft, 
d. h. der Sittlichkeit und der ästhetischen und speculativen Er- 
kenntniss; und das Erkennen dessen, was die Menschheit erkannt 
hat, führt vorzüglich dahin, indem es den Menschen kennen lehrt, 
d. h. den menschlichen Geist in allen seinen Produkten. Allein 
zur Humanität gehört gerade, dass die Kritik, belebt von diesen 
höheren Bestrebungen sie selbst erst reinige und vor Abge- 
schmacktheit und Plattheit, vor Excentricität , leerem Phantasie- 
spiel und Selbsttäuschungen bewahre. So sehen wir denn, dass 
alle die berührten Begriffe aus ihrer Einseitigkeit herausgehoben 
und in friedlichen Bund tretend, in den BegriflF der Philologie 
eingehen. 

§ 2. Sollte nun aber die Philologie nach unserer De- 
finition nicht etwas üeberflüssiges zu sein scheinen, ein 
actum agere, judicatum judicare? Sie scheint überhaupt 
nichts zu produciren, da sie nur das Producirte kennen lehren 
will. „Sagt mir doch, ihr Gelehrten", redet Tristram Shandy 
die Philologen an, „sollen wir denn nur immer in kleinere Münze 
verwechseln und das Capital so wienig vermehren? Sollen wir 
denn ewig neue Bücher machen, wie die Apotheker neue Mix- 
turen, indem wir bloss aus einem Glase ins andere giessen? Sollen 
wir denn beständig dasselbe Seil spinnen und wieder aufdrehen, 
beständig den Seilergang gehen, beständig denselben Schritt? 
Sollen wir bis acht Tage nach Ewig immerfort, Festtag und 
Werkeltag sitzen, bestimmt die Reliquien der Gelehrsamkeit zu 
zeigen, wie Mönche die Reliquien ihrer Heiligen, ohne nur ein 
einziges Wunderwerk damit zu thun?" Dies ist wohl zu beher- 
zigen, aber es passt nur auf die schlechte Philologie, die es nur 
auf die Tradition des Einzelnen absieht. In Wahrheit hat die 
Philologie einen höheren Zweck; er liegt in der historischen 
Construction des ganzen Erkennens und seiner Theile und in 
dem Erkennen der Ideen, die in demselben ausgeprägt sind. 
Hier ist mehr Production in de/ Reproduction als in mancher 
Philosophie, welche rein zu produciren vermeint; auch in der 
Philologie ist das productive Vermögen eben die Hauptsache, 
ohne dasselbe kann man nichts wahrhaft reproduciren, und dass 



I. Idee der Philologie. 15 

ie fi^production ein grosser Fortschritt und eine wahre Ver- 
melirang des wissenschaftliclien Gapitals ist, zeigt schon die Er- 
fahrung. Das Erkannte wiedererkennen, rein darstellen , die; Ver- 
fälschung der Zeiten, den Missverstand wegräumen, was nicht 
ftls Ganzes erscheint, zu einem Ganzen vereinigen, das Alles ist 
wohl nicht ein actum agere, sondern etwas höchst Wesentliches, ohne 
welches bald alle Wissenschaft ihr Ende erreichen würde. In 
jeder Wissenschaft muss sogar philologisches Talent sein; wo 
iiasselbe ausgeht, da tritt die Ignoranz ein; es ist die Quelle des 
Terstehens^ welches keine so leichte Sache ist. 

Wenn wir nun aber das Wesen der Philologie ganz unbe- 
schrankt in das Erkennen des Erkannten setzen, so scheint 
dies in vollem Umfange etwas Unmögliches; nach Auf- 
hebung aller Schranken scheint die Ausführung des Begriffs un- 
erreichbar für irgend einen menschlichen Geist. Aber diese Be- 
schränktheit in der Ausführung theilt die Philologie mit jeder 
einigermassen umfassenden Wissenschaft, z. B. mit der Natur- 
wissenschaft, die man gleichwohl als eine anerkennt. Gerade 
in der Unendlichkeit liegt das Wesen der Wissenschaft; nur wo 
der Stoff ein ganz beschränkter ist, und selbst da kaum, ist eine 
Erreichung möglich : wo die Unendlichkeit aufhört, ist die Wis- 
senschaft zu Ende. Indess findet die Unerreichbarkeit gleichsam 
nur in der Ausdehnung nach Länge und Breite statt; hier ist 
eine unendliche Reihe gegeben. In der Dimension der Tiefe ist 
die Wissenschaft vollständig zu erfassen. Man kann sich im 
Einzelnen so vertiefen, dass man in ihm, wie in einem Mikro- 
kosmos das Ganze, den Makrokosmos erfasst. In jeder einzelnen 
Idee wird das Ganze erreicht; aber alle Ideen kann keiner um- 
fassen. Selbst in dem Namen ist dies ausgedrückt, wie bei der 
Philosophie, so bei der Philologie. Pythagoras soll eben den 
Namen 9tXoco(pia' erfunden haben, weil sie nur ein Streben nach 
co<pia sei; denn wer die coqpia schon vollständig hat, hört auf 
zu philosophiren, und es ist doch wol nicht ganz wahr, dass die 
<piAoco<pia zur 00910 werden soll, weil hiermit das Streben auf- 
hören würde. Ebenso hat die Philologie den \6foc nie ganz, sie 
ist dadurch qpiXoXoYia, dass sie danach strebt; man hat sie da- 
her auch (plXo^d6€la genannt (Wyttenbach, Vorrede zu seiner 
JI££scelUinea dodrina Lib, I, Amst. 1809). Soweit die Wissen- 
schafi verwirklicht ist, existirt sie der ganzen Ausdehnung nach 
nur in der Gesammtheit ihrer Träger, in tausend Köpfen, partiell 



16 Einleitung. 

zerstückelt, zerbrochen, wol auch verschroben und geradebrecht; 
aber schon die sogrse Liebe, womit so viele sie unifasst haben, 
bürgt für die Realität der Idee, welche keine andere ist^ 
als die Nachconstruction der Gonstructionen des menschlichen 
Geistes in ihrer Gesammtheit. Wie könnte eine solche Aufgabe 
auch mit vereinten Kräften gelöst werden? Wie wenig' haben 
davon ein Bentley, Hemsteyhuys, Winckelmann, gelost? 
Im Leben mehr als in Schriften ; denn diese geben nur den Stoff, 
die Form in ihrer Vollendung bleibt im Hintergrunde. Die Phi- 
lologie ist, wie jede Wissenschaft, eine unendliche Aufgabe für 
Approximation. Wir werden in der Philologie immer einseitig 
sammeln, die Vereinigung mit der Speculation nie total zu Stande 
bringen; denn auch speculiren wird man einseitig; aber die Un- 
vollendetheit ist kein Mangel, ein wirklicher Mangel ist es nur, 
wenn man sie sich selbst oder anderen verhehli*) 

§ 3. Der Begriff nind umfang der Philologie wird erst 
vollkommen deutlich erkannt, wenn mau ihr Verhältniss zu 
den übrigen Wissenschaften richtig auffasst. Ist die Phi- 
lologie ihrem Ziele nach eine Wiedererkenntniss und Darstellung 
des ganzen vorhandenen menschlichen Wissens, so ist sie, inwie- 
fern dies Wissen in der Philosophie wurzelt, letzterer in Bezug 
auf die Erkenntniss des Geistes coordinirt und unterscheidet sich 
von ihr nur durch die Art des Erkennens: die Philosophie er- 
kennt primitiv, tiTVu>ck€i, die Philologie erkennt wieder, ctvaYi- 
TVU)CK€i, ein Wort, welches im Griechischen mit Recht den Sinn 
des Lesens erhalten hat, indem das Lesen eine hervorragend 
philologische Thätigkeit, der Lesetrieb die erste Aeusserung des 
philologischen Triebes ist. Dieses Wiedererkennen ist das eigent- 
liche |iav9dv€iv, so wie es Piaton im Menon darstellt, das 
Lernen im Gegensatz gegen das Erfinden, und was gelernt wird, 
ist der Xö^oc, die gegebene Kunde; daher sind 91XÖX0YOC und 
91XÖC090C Gegensätze, nicht im Stofi*, sondern in der Ansicht 
und Auffassung. Doch ist dieser Gegensatz nicht absolut, da 
alle Erkenntniss, alle yvujcic nach Pia ton 's tiefsinniger Ansicht 
auf einem höheren speculativen Standpunkt eine dvoTviucic ist, 



*) Vergl. die Rede zur Eröffnung der 11. Philologenversammlung, 1850. 
Kl. Sehr. II, 189 ff.; die Rede zur Begrüssung des Herrn Kirclihoff als neu 
eingetretenen Mitgliedes der Berliner Ak. d. W. (1860) Kl. Sehr. III, 43 f. 
und das Prooemium zum Berliner Lektionskatalog von 1829: De miratiofie 
philosopMae initio. Kl. Sehr. IV, 322 ff. 



I. Idee der Philologie. 17 

und indem die Philologie reconstructiv auf dasselbe gelangen 
nr-uflS; worauf die Philosophie vom entgegengesetzten Verfahren 
aas gelangt. Philologie und Philosophie bedingen sich wechsei- 
se m^täg; denn man kann das Erkannte nicht erkennen ohne über- 
hci.¥ipt zu erkennen, und man kann auch nicht' zu einer Erkennt- 
niss schlechthin gelangen ohne, was Andere erkannt haben, eu 
kexinen. Die Philosophie geht vom Begriff aus, die Philologie 
in. der Behandlung ihres Stoffes, welcher die Hälfte des philoso- 
plxischen Gegenstandes ist (die andere Hälfte ist die Natur), vom 
ziifSllig Vorhandenen. Will nun aber die Philosophie vom Be- 
griffe aus das Wesentliche aller gegebenen historischen Verhält- 
nisse construiren, so muss sie den innem Gehalt der historischen 
Bx-scheinungen auffassen, wozu sie jedoch unbedingt der Kennt- 
niss dieser Erscheinungen bedarf, welche eben der äusserliche 
A^lMlmck jenes Wesentlichen sind. Sie kann z. B. den Geist des 
griechischen Volks nicht construiren, ohne dass ihr dies Volk in 
' seiner zufalligen Erscheinung bekannt ist. Hierzu gehört die 
richtige Reproduction des Ueberlieferten, welche rein philologisch 
ist und von der Philosophie nur zu leicht verfehlt wird. Femer 
muss die Philosophie, um das Wesentliche der Erscheinungen 
anfiroweisen, in diesen enden; es ist also klar, dass die Philo- 
sophie der Philologie bedarf. So hat Aristoteles die Politien 
ib historische^ also philologische Grundlage seines Philoso- 
phirens geschrieben. Umgekehrt aber bedarf auch die Philo- 
logie der Philosophie. Sie construirt historisch, nicht aus dem 
Begriffe; aber ihr letztes Endziel ist doch, dass der Begriff 
un Geschichtlichen erscheine; sie kann die Gesammtheit der Er- 
kenntnisse eines Volkes nicht reproduciren ohne philosophische 
Tätigkeit in der Construction; sie lost sich also in die Philo- 
sophie auf, ja es scheint im Geschichtlichen der Begriff überhaupt 
oieht erkannt werden zn können, wenn man nicht von vornherein 
^ie Richtung auf ihn hin genommen hat. Wenn Aristoteles 
^ Grundlage für seine Politik der philologischen Forschung der 
PoKtien bedurfte, so bedarf der Philologe wieder als Leitfaden 
W seiner geschichtlichen Forschung der politisch philosophischen 
Begriffe, wie sie Aristoteles in der Politik gegeben hat. Soll 
^Br historische Stoff und somit die Philologie selbst kein blosses 
Aggregat sein, so muss der Stoff mit Begriffen digerirt werden, 
wie in jeder Disciplin: folglich setzt die Philologie auch wieder 
den philosophischen Begriff voraus und will ihn zugleich erzeugen. 

B k h' • Eaoyklopftdie d. phUolog. Wiaientchaf t. 2 



20 Emleitung. 

der emendirenden Kritik noch nicht vorhanden, indem diese j 
nur das fremde Erkennen rein wiederherstellen will. Allein dl 
Philologie verzichtet nicht auf alles eigene Denken, wenn ih 
Ziel die Erkenntniss von Ideen sein soll; denn fremde Idee: 
sind für mich keine. Es ist also zunächst die Forderung die» 
das Fremde als Eigenwerdendes zu reproduciren^ so dass € 
nichts Aeusserliches bleibe, wodurch eben auch der Aggregal 
zustand der Philologie aufgehoben wird; zugleich aber auch übe 
diesem Beproducirten zu stehen, so dass man es, obgleich es ei 
Eigenes geworden, dennoch wieder als ein Objectives g^enübc 
und ein Erkennen von dieser zu einem Ganzen formirten Ei 
kenntniss des Erkannten habe, was dann dahin führen wird den 
selben in dem eigenen Denken seinen Platz anzuweisen und € 
mit dem Erkannten selbst auf gleiche Stufe zu stellen, was darc 
die Beurtheilung überhaupt geschieht In dieser Beurtheilunj 
nicht in der wiederherstellenden Kritik liegt das Denken des Ph 
lologen, wie alles Denken über ein Gegebenes Urtheilen isi Di 
Phüologie hat also allerdings ihr eigenthünüiches Wissen, un 
dass dieses sich mit allem übrigen wechselseitig bedingt, b< 
weist eben, dass es dem der andern Wissenschaften eoord 
nirt ist 

Wenn nun alle speciellen Wissenschaften der Philosoph; 
untergeordnet scheinen, und wenn wir trotzdem die Naturwissei 
Schäften in dasselbe Verhältniss zur Philosophie gesetzt habe 
wie die Philologie, so scheint hierin efii Widerspruch zu liegei 
denn dann müsste die Philologie der Philosophie nicht coordinii 
sondern subordinirt sein. Aber die Naturwissenschaft, wenn si 
empirisch und historisch construirt, wie die Philologie, ist ebe 
auch nur die Rückseite der Philosophie, insofern diesem sich at 
die Natur bezieht, und ihr nicht mehr untergeordnet, als wir d 
Philologie untergeordnet gefunden haben, nämlich dergestal 
dass die Philosophie wieder wechselseitig untergeordnet erscheine 
wird, worin eben die Coordination liegt. Nur durch die seil 
ständige Stellung der Philologie wird — wie sich später zeige 
wird — die vollständige Construction ihrer Theile aus ihrei 
BegriflFe und das unmittelbare Hervorgehen der Methode aus den 

selben möglich. 

§ 4. Es war noth wendig erst einen unbeschränkten BegriflF vc 
der Philologie aufzustellen, um alle willkürlichen Bestimmungc 
zu entfernen und das eigentliche Wesen der Wissenschaft zu finde 



I. Idee der Philologie. 21 

je unbeschränkter der Begriff ist, desto mehr ist die Be- 
solirankimg in der Ausführung geboten. Der noth wendige Begriff 
zunächst eine willkürliche Grenze für den Umfang erhalten, 
welchem er von diesem oder jenem Gelehrten ausgeführt wird.*) 
Jener Begriff ist ein absoluter^ der Umfang, in welchem er aus- 
^efführt wird, ein relativer. So kann man die relative Beschränkung 
auch nach Disciplinen stellen, z. B. Philologie der Sprache, der Litera- 
tijur u. 8. w. Hierdurch reisst man indess die Theile des Begriffs selbst 
auseinander, so nothwendig eine solche Auflösung auch ist Eine an- 
dere Beschränkung betrifft nur die äussere Erscheinung des Begriffes 
nsLcti Zeit und Raum, wenn man nämlich ein relativ geschlossenes 
Zeitalter oder ein Volk allein in Betracht zieht So erhält man eine 
antike und moderne, eine orientalische oder occidentalische, eine rö- 
mische, griechische, indische, hebräische Philologie u. s. w. Eine 
solche Theilung ist dem Wesen der Philologie angemessener. Rei- 
cliardt („die Gliederung der Philologie'', S. 69) sagt in Bezug auf 
das Alterthum sehr richtig: „Die Alterthums Wissenschaft ist weder 
«ine Geschichte der Literatur, noch der Kunst, noch der Rehgion 
^ 8. w. — eine solche Geschichte hat man schon ohne dieselbe 
-- sondern eine Geschichte des Volkslebens, das aus dem Inein- 
andersein und Zusammenwirken aller dieser Momente bestehf 
Jede besondere Wissenschaft, wenn sie historisch dargestellt wird, 
nebt sich in einer Linie der Entwicklung hin; die Philologie 
fasst diese Linien alle in ein Bündel zusammen und legt sie von 
einem Mittelpunkt, dem Yolksgeist, aus wie Radien eines Kreises 
Busemander. 

Es ist oben (S. 12) gezeigt, wie natürlich es ist sich gerade 
auf das Alterthum zu beschränken. Die Philologie des klassi- 
schen Alterthums bildet ausserdem wieder eine naturgemässc 
Abtheilung, weil das Klassische vorzüglich wissenswerth und 
die Cultur der Griechen und Römer die Grundlage unserer ge- 
sammten Bildung ist. Indem wir nun ausdrücklich die übrigen 
Zweige der Philologie als gleichberechtigt anerkennen, nehmen 
wir f&r die folgende Betrachtung die aus äussern Gründen ge- 
rechtfertigte, aber an sich zufallige Beschränkung auf das klas- 
sische Alterthum, und zwar mit Bewusstsein der Beschränkung an; 



^ VergL die Rede zur Begrüssong der Herren Haupt und Kiepert 
als neu eingetretener Mitglieder der Preuss. Akad. d. W. (1854). El. Sehr. 



22 Einleitung. 

innerlialb derselben aber folgen wir dem unbeschränkten Begrif 
aus dem allein die Methode und die Gonstruction herrorgehi 

§ ö. Nachdem Begriff und Umfang des philologischen Stu 
diums festgestellt ist^ haben wir den Zweck desselben zu untei 
suchen. Es wird jedoch gut sein, zuerst die verschiedenen Bc 
nennungen des Studiums zu betrachten, da diese den beste 
Aufschluss über die Bestrebungen geben, welche man bei den 
selben bisher verfolgt hat. Ueber die Benennung Philologi 
selbst habe ich schon oben vorweg Einiges sagen müssen ui 
daraus die Begriffsverhältnisse zu begründen. Die Worte cpiX^ 
XoTOC (nicht cpiXoXÖTOc) und 91X0X0x101 finden sich zuerst bei Pli 
ton; er wendet sie zwar noch nicht technisch an, der Sache nac 
aber ist schon dasselbe gemeint, was bei Eratosthenes in dei 
technischen Ausdrucke liegt, nämlich nicht Sprachkunde, sondei 
das Bestreben sich Kunde überhaupt, welche die Erkeuntnn 
des Erkannten ist, zu erwerben. Aöyoc ist eben Kunde, vo: 
züglich die durch Tradition erworbene, die eigentlich die wirl 
lieh philologische imd deren Hauptquelle die Literatur ist; di 
her heissen XoTOTpa90i, Xötioi frühzeitig die Ueberlieferer d< 
Kunde im Gegensatz gegen die doiboi oder iroiiiTai, welche de 
Mythos, nicht die geschichtliche IVadition behandeln, und welcl 
poetisch gestalten, nicht historisch, und im Gegensatz zu der eigen 
liehen C09ia. Piaton gebraucht 91XÖX0TOC und 9tXoXoTia vc 
der Lust zu und an wissenschaftlicher Mittheilung Phaedr. 336 ] 
Lach. 188 C; Theaet. 161 A; Rep. IX 582 E. Die Athen. 
heissen bei ihm (Ges. I, 641 E) 91XÖX0T01, die Spartaner b 
Aristoteles Rhet. II, 23 T^KiCTa 91X6X0T01, nicht als unphilos 
phisch, was sie nicht waren, sondern als unempfänglich für ma: 
uigfache Mittheilung. In den Aristotel. Probl. XVIIl, stehen 6< 
TTepi 9iXoXoTioiv, und die aufgestellten Fragen betreffen Lesen, Rh 
torik, Stilistik und Geschichte, so dass hier der Ausdruck berei 
einen fast technischen Sinn hat und unsere Bemerkung vom Las« 
bestätigt wird. OiXöXoTOC 6 91XUIV Xötouc xai CTTOub(Ku)v ttc 
Tratbeiav heisst es bei Phrynichos (p. 392 Lobeck) in Bezi 
auf den alten Sprachgebrauch. Die Identität der Philologie mit d 
9iXo|üiäO€ta ist schon oben berührt. Dem Piaton ist (Republ. '. 
p. 376 B) allerdings 9iXo)ia9^c und 91X6C090V dasselbe; na 
platonischer Ansicht entspricht der Philologie mehr das 9iX6boS< 
aber freilich nur, inwiefern sie keine Ideen erkennt. Da sie na 
imserer Ansicht nun Ideen erkennen soll, so würde sie nach de 



I. Idee der Philologie. 23 

/diatonischen Begriffe zur Philosophie gehören und insofern also 

'^iederdas qpiXojuiaO^c auch ihr zukommen. Als seitEratosthenes 

I^ame die Polymathie bezeichnete; wurde auch Philosophie ein- 

iffen. Strabon, welcher den Ausdruck (wie Diodor XII, 53) 

den Athenern in demselben Sinne anwendet, in welchem wir 

ihji bei Piaton tinden, spricht (XVII, p. 794) vom alexandrinischen 

i^lnsemn, dessen Mitglieder Gelehrte jeder Art, nicht bloss Gram- 

xxiatiker, sondern auch Mathematiker, Physiker u. s. w., ja auch 

f^Iiilosophen waren, und nennt sie oi Mouceiou ^€T^xovT€C cpiXö- 

XoTOt fivbpcc. Er nimmt hier 91XÖX0T01 für Gelehrte überhaupt^ 

^weiter als Eratosthenes. Bei Späteren hat sich der Begriff des 

cpiXöcocpoc und cpiXöXoyoc völlig als Gegensatz gestaltet. So linden 

^w^r diesen Gregensatz in einem Briefe des Seneca ausgesprochen 

C108 § 29 ff.), worin er sich über die Philologie als Polyhistorie 

Ivisüg macht. Plotin sagte von Longin (Porphyr, vit, Plotin. 

c. 14 u. Proklos in Timaeum I p. 27) aus Gründen, die hier 

^icht hergehören, die aber vorzüglich darin lagen, dass er den 

Longin nicht allegorisch speculativ, sondern nur als nüchternen 

Ausleger befand: qpiXöXoTOC juifev 6 Aottivoc, cpiXöcoqpoc hk ouba- 

Muic. Es gab <t>iXoX6TU)v 6)LiiX(ai des Longin, und eine (piXoXoTiKf) 

^pöacic des Porphyrios citirt Eusebius (Pr. E. X, 3); sie 

^<^heinen allgemein literarisch gewesen zu sein. Vergl. die ge- 

l^Hrte und eine Unzahl von Beispielen enthaltende Abhandlung: 

^^ vocabulis OiXöXotoc, TPCtfiiictTiKÖc, KpiTiKÖc von Lehrs, n. I. der 

-^^^taleda hinter seinem Buche Herodiani scripta tria emendatiora, 

Königsberg 1848 S. 379 ff. 

Der Name (ptXoXoTia ist jedenfalls der bezeichnendste. Bei 
^^n Römern wird auch der Name litterae zur Bezeichnung der 
'^Hilologie gebraucht, insofern er die allgemeine Gelehrsamkeil 
^*icl zwar im Gegensatz zur Philosophie ausdrückt. Es kann je- 
**^^ud ein Philosoph sein, sapiens et sapientiae amanSy stndiosuii, 
^oei- dabei nicht litteratus. So war Epikur ein vir sapietis non 
^^^f^Toitis, Humanns sogar kann man sein ohne litterattis zu sein. 
^^uditus steht im Gegensatze von ferus^ imnmnis; doctus im Gegen - 
e von impcritus; doch wird beides oft schon auf die litterae 
ogen, wiearMrf*YrobeiSuetonCla%. 53. Lif/era^wra ist daher aucli 
■vilologie im weiteren Sinne, so wie gramnmtica, welches allerdings 
^^^achst auf Sprachkenntniss, hernach aber überhaupt auf die litterar 
^^^^t Der TPOMnaTtKÖc ist Gelehrter im Allgemeinen, wissenschaft- 
^^h gebildet: der tpommotict/ic ist Sprachmeister. Den tP<xmMO(- 



24 Einleitung. 

TiCTrjc nennen einige Lateiner nun litterator: lüteraius ist ihnen ^ 
ebensoviel als Tpa^^aTtKÖc; jener ist nmi perfectus litteris, sed inh — 
butus, konnte auch wohl servus, venalis sein (Sueton, de Gramm. . 
cap. 4); doch ist dieser Sprachgebrauch nicht allgemein, und J 
litterator wird in derselben Bedeutung wie litteratus gebraucht ^ 
LUterae und TpotiLiMara enthalten den Begriff der q)iXoXoTta 3 
beinahe so rein als dies Wort selbst; nur ist der Xöyoc das Ur- - 
sprüngliche, dem TP^MM^t als dem Zeichen zu Grunde Liegende. - 
Seneca unterscheidet in der oben angeführten Epistel (108) 4 
PhilosapJius, Phüologus, Gramniatieus: unter Grammaticus versteht ^ 
er einen Sprachgelehrten , unter Pküologtis im Sinne von Poly- - 
histor einen Euriositätenkrämer, der in allen Wissenschaften j 
nach Absonderlichkeiten sucht Quintilian gibt der Grammatik ' 
dagegen ganz den Begriff der Philologie (IL 1, 4); denn sie 
umfasst bei ihm praeter rationem rede loquendi propc omnium maxi- 
marurn artium scientiam. In diesem weiten Umfange wurde das 
Wort sehr häufig und schon bei den Griechen verstanden, seitdem 
die griechischen Techniker von Aristarch an unter dem Namen 
TpajumaTiKrj meist die Sprachwissenschaft mit der Auslegung und 
Kritik der Schriftsteller zusammenfassten. Yergl. Glassen: de 
tjrammat. graec. pr^intardiis S. 81. Meier vor dem Halle'schen 
Katalog 1842—1843 (in den Opusctd. Acaä. II, S. 20 ff.). 

Ein anderer Ausdruck für Philologie ist erst von den Neueren 
geschaffen, der der sogenannten Humaniora, welcher jedoch be- 
sonders die Leetüre der Klassiker bezeichnen soll und folglich zu 
einseitig ist, sowie er auf der andern Seite seinem eigentlichen 
Sinne nach zu viel sagt Humanitas ist die menschliche Natur, 
das Keinmenschliche im Gegensatz zum Thierischen. Weil nun die 
allgemeine Bildung den Menschen eigentlich zum Menschen macht, 
die frei ist vom Streben nach Gewinn, welchen auch das Thier sucht, 
so nannte man die darauf hinzielenden Studien studia humanitatis. Zu 
weit ist der Ausdruck auf die Philologie angewandt, weil darin der 
Gegensatz des ursprünglichen Erkennens und der Reproduction nicht 
liegt. Ueber den Sprachgebrauch s. Jo. Aug. Ernesti, Progr, de 
finibus humaniorum studiorum regundis 1738 und den Auszug in der 
Clavis Cic. v. humanitär. Die Alten sagen wohl studia humani- 
toHSf aber nicht hunian/iora; auch duldet der Begriff, der ja eigent- 
lich Gkittungsbegriff ist wie humanitas selbst, keine Gompara- 
tiou, und der Ausdruck ist wohl erst im Mittelalter entstanden: 
Wolf, Mus. d. Alterthumswissenschaft 1. Bd. S. 12. 



I. Idee der Philologie. 25 

Ebenso unzureichend ist der Name der Kritik für die ganze 
E^V^ologie, wiewol einige Nationen diesem Namen einen grossen 
UxB&ng geben, oder der Ausdruck, den die Engländer anwenden, 
dcKttiotrf leaming, oder endlich helles letires, wofür auch die 
Pmmzosen jetzt litteroiture sagen. Leibniz, der unter allen 
PliiloBophen am meisten Philologe und Gelehrter war, yerbindet 
umii dem Worte Erudition ungefähr den Sinn, welchen wir der 
Pliilologie beilegen; die Erudition hat es nach seiner Ansicht 
nut dem zu thun, was wir von den Menschen lernen, qmd est 
fisM^Hy die Philosophie mit dem quod est rationis sive juris. *) 

§ 6. Wir untersuchen nun den Zweck und die Anwen- 
(lY:&ng des philologischen Studiums, deren verschiedene Seiten 
i>^ den verschiedenen Namen angedeutet sind. Die Philologie 
'Ki^^uht Anspruch darauf Wissenschaft zu sein; zugleich aber ist 
^^st eine Kunst, inwiefern * nämlich die historische Construction 
'^^QB Alterthums selbst etwas Künstlerisches ist. Ganz so ist die 
^^^f^ektik der Philosophie eine Kunst. Der Zweck der Wissen- 
♦*) aber ist, wie Aristoteles sagt, das Wissen, das Er- 
len selbst. Die Erkenntniss des Alterthums in seinem ganzen 
tT 'umfange kann also aUein der Zweck dieser Philologie sein, und 
A£^38 ist gewiss nichts Gemeines; denn es ist ja Erkenntniss des 
ySc^plsten, was der menschliche Geist in Jahrtausenden hervor- 
^■^Iniacht hat und gewährt eine tiefe und grosse Einsicht in das 
V^^^sen der göttlichen und menschlichen Dinge, wenngleich im 
¥^uizelnen die neuere Zeit es viel weiter gebracht hat; man lernt 
\ü^ das ganze Getriebe des menschlichen Erkennens und der 
ts^enschlichen Verhältnisse begreifen und orientirt sich über die 
^^ewntlichen Interessen der Menschheit auf einem Gebiete, wo 
^e Leidenschaft schweigt, weil es weit hinter der Gegenwart 
^^, und wo also ein unbefangenes Urtheil möglich ist. - Mit 
^ht sagt Schelling (Yorles. über die Methode des akadem. 
Stodioms S. 76): der Philologe „steht mit dem Künstler und 
Philosophen auf den höchsten Stufen, oder vielmehr durchdringen 
ach beide in ihm. Seine Sache ist die historische Construction 



^ Veigl. die Bede von 1839 : Ueber Leibnizens Ansichten von der philo- 
logMchen Kritik. El. Sehr. II, 245 £. 

••) Vergl. die lat. Rede von 1817: De fine et ingcnio doctrinae discipli- 
naeque academicae, El. Sehr. I, 38. Femer die deutsche Rede von 1853: 
Ueber die Wissenschaft, insbesondere ihr Verhältniss zam Praktischen und 
Podtiven. EL Sehr. II, 84 £ 



26 Einleitung. 

der Werke der Kirnst und Wissenschafk, deren Geschichte ei 
lebendiger Anschauung zu begreifen und darzustellen hat.^ I 
kommt dem Meinigen sehr nabe^ im Geiste ganz^ wenn auch n 
in der Ausdehnung. Nach diesem Zwecke gestaltet^ wird die 1 
lologie des klassischen Alterthums ohne Zweifel ein befriedigei 
Studiuip sein. Der Mangel an Befriedigung^ welchen sie bei dei 
wachten Productivität unsers Zeitalters zurückliess, wird durch d 
erhöhte Ansicht gehoben. Es ist in dem Gesagten freilich 
griffen^ dass sie ein grosses Feld mannigfaltiger Dinge 
bietet. Als Wissenschaft muss sie aber Alles unter eine ] 
heit bringen; denn alle Wissenschaft ist Aufweisung des Seien* 
nicht bloss in seiner Vereinzelung^ sondern in seiner Ein] 
dem Zusammenhang alles Einzelnen. Die Hervorbringung 
Einheit liegt aber bloss in der Idee; die Materie ist durcl 
mannigfach und zerstreut; daher muss die Wissenschaft Ic 
bilden^ in welchen das Seiende liegt, und den Zusammenh 
dieser Ideen aufweisen. Eine isolirte Betrachtung der Gej 
stände oder vielmehr des Materials ^ wie sie in der Interpreta 
und Kritik bei vereinzeltem Betriebe allein thätig ist^ entb 
folglich aller Wissenschaftlichkeit. Indessen wird die Ein 
hier nicht durch Deduction a priori erzeugt; denii weder ist 
Mannigfaltige und Empirische, welches der Philologie vorli 
einer solchen Deduction fähig, noch ist diese Methode pl 
logisch, sondern die Idee, die das Gegebene manaigf altig du: 
dringt, und das Granze wirklich zur Einheit gestaltet, muss di 
Induction aufgewiesen und so das Einzelne in wissenschaftlic 
Zusammenhang gebracht werden. Um dies zu erreichen, c 
gehört freilich, wie nach Cicero de orat I, 5 ff. zur Be 
samkeit, Mancherlei. Ein reines Gemüth, ein allem Guten 
Schönen nur offner Sinn, gleichempfangUch für das Höchste 
U ebersinnliche und für das Kleinste, Gefühl und Phantasie 
bunden mit Schärfe des Verstandes, eine harmonische Ineinan 
Bildung des Gefühls und Denkens, des Lebens und Wiss 
sind für jede Wissenschaft und nebst rastlosem Fleiss auch 
die Philologie Grundbedingungen des wahren Studiums.*) A 
auch so ist die Aufgabe inuner noch unendlich schwer, weil sie 
Vereinigung vieler untereinander entgegengesetzter Thätigke 
erfordert. So ist die Kritik dem dogmatisch darstellenden 

*) Vergl. die lat. Rede von 1823: T)e eruditorum virtute. Kl. \ 
I, 112 ff. 



I. Idee der Philologie. 27 

detXM, Ideen auffassenden Geiste, sowie der Phantasie durchaus 
xunvider, ja sogar dem Gedächtniss, welches an seiner Starke 
diurcsh Kritik verliert, und es entsteht also ein bestöndiger Kampf 
des scheidenden Verstandes und des anschauenden setzenden 
Geistes, in dem stets was dieser setzt, jener wieder yemichteu 
will , wie häufig ein Kritiker immer des andern Gedanken wieder 
ne^pii; dies zeigen hundert Beispiele in der Philologie, wo Einzelne 
dm-ch richtige Anschauung tiefe Gedanken setzen, welche bloss 
kriidsch organisirte Kopfe wieder vernichten. Das Gleichgewicht 
ist selten; viele haben eine wahre Wuth gegen alle Ideen, 
alle Constructionen, und suchen nur in ihrer anschauungslosen 
Kritelei ihren Ruhm. Ferner ist auch die Polyhistorie dem 
Oeiste durchaus enl^egengesetzt und durch sie verliert ebenfalls 
^e Kritik, so wie man wieder fftr die Polyhistorie durch über- 
handnehmende Speculation abgestumpft wird, welche das Kleine, 
das Scharfbegränzte, das Einzelne übersehen und nur die grösseren 
^Ugemeinen Ideen erfassen will, während doch erst die Ein- 
heit des Allgemeinen und Besonderen eine richtige Erkennt- 
niss gewährt Auch der Sprachsinn ringt stets mit der Rich- 
tung auf das Reale. „Aus Armuth an Sachen hängt man sich, 
^e Jean Paul sagt, gern - an die Worte und spaltet und 
zergliedert diese"; daher findet man auch oft bei den gelehr- 
^t«n Philologen eine auffallende Entblössung und Armuth an 
^llen Sachkenntnissen. Wer umgekehrt nur auf den Stoff ge- 
achtet ist, übersieht gewöhnlich die feine Form der Erkenntniss, 
^^Iche die Sprache giebt; denn nicht wie Kern und Schaale 
^^^hält sich Sache und Wort, sondern beide sind innig mit ein- 
M^<ler verwachsen. Der Humanismus, der die freiere Bildung 
d^« Geistes und Geschmacks erstrebt, stösst gerade auf dem 
G^hiete der Philologie mit der an dem Einzelnen klebenden und 
doch so nothwendigen Mikrologie schart' zusammen; denn man 
töuss in der Philologie in gewissem Grade pedantisch sein, wenn 
tßan nicht durch Vernachlässigung des Kleinen in Irrthuni ge- 
tÄthen will. Endlich kommt in der Philologie der Kampf des 
Antiken und Modernen zum Austrag; dem rein theoretischen 
Interesse am Alterthum gegenüber machen die Gegenwart und die 
-Anforderungen des praktischen Lebens ihr Recht geltend. Aber 
auch hier, wie bei allen übrigen Gegensätzen ist eine Vermittelung 
möglich. Die Ideen des Alterthums müssen imd können in 
^bendige Beziehung zu dem modernen Denken gesetzt werden 



38 Einleitung. 

ind üben dann auf dieses eine reinigende Wirkung aus. H 
erkennt hieraus^ dass die Philologie eine vielseitige Bildung < 
jreistes erfordert und giebi 

Eine andere Frage als die nach dem Zweck ist die m 
lern Nutzen oder der Anwendung. Alle Wissenschaft 
len Nutzen der Erkenntniss , welcher Klarheit, Ruhe und Fesi 
ieit der Seele und des Gemüths entspringt; im Wahren, Schoi 
ind Guten liegt der höchste Nutzen selbst; aus dem richt^ 
Erkennen geht das richtige Handeln hervor. *) Wenn die Ph 
ogie nun das ganze Erkennen grosser und hochgebildeter Voll 
kuch ihr praktisches aufzeigt, so wird sie auch dem praktiscl 
landein Nutzen schaffen, wie grosse, klassisch gebildete Stai 
nänner bewiesen haben.**) Der Mangel dieser Bildung bei < 
Staatsmännern unserer Zeit zeigt sich empfindlich genug; ger 
Air unsere Zeit ist das Alterthum in der Politik belehrend: d 
iegen alle Principien ganz klar. Jetzt sprechen so viele Stöm 
ron der klassischen Philologie geringfügig; sie sagen, sie ül 
(prange die ganze Zeit des Mittelalters und der neueren Bildi 
>is heute. Dies hat nur Sinn, wenn man annimmt, dass 
Uterthum mit der neuem Bildung nicht zusammenhängt. Wi 
r. Humboldt, wahrhaftig ein Mann, der auf der Hohe sei 
ieit stand, in seine Zeit und in Verhältnisse, die gross wai 
n alle wichtigen Begebenheiten eingegriffen hat, hinterliess kc 
ilemoiren, wie mir sein Bruder sagte, weil er sich bei die 
ilisere nicht aufhalten wollte, sondern es vorzog, während 
^it, die ihm dies kosten würde, die Griechen und Bomer 
tudiren. ***) Das Alterthum lehrt die wahre politische Freil 



*) VexgL die lateinische Rede Ton 1824: De ttgeta et vaiida sciet^ 
l1. Sehr. I, 121 ff. und die deutsche Rede von 1853: Ueber die Wia 
cliaft, insbesondere ihr VerhiUtnL» mm PraktiBchen und FoeitiTen. 
ehr. II, 86 ff. Femer die Prooemien zum Berl. Lektionskatalog ron li 
>e deertmis senUntia, aratorem perfectum m^mimfm po89e esse nisi rt' 
EMHIM.KL Sehr. IV, 65 ff.; von 1834 35: De genuima ortitnn studioi 
HhiaU. KL Sehr. IV, 397 ff.; Ton 1837 38: De tribus Htae sechs, ad 
NiAev^rfolivo, vduptaria recte temperandis. Kl. Sehr. IV, 426 ff.; 
^^43: De KberiaU ommm m ariimm studiis tuetuia. KL Sehr. IT, b% 
**) TergL die lateinische Rede Ton 1828: De raHone guae iniero 
^'^^ doctHmam ei rew&publicam. KL Sehr. I, 157 ff. 
**•) VergL die Worte lum GedÄchtniss Wilh. t. Hamboldt*8, 1835, 
te. Q^ 211 ff Femer: üeber Friedrich^s des Grossen klaswehe Stm 
«^ T^ 1846). KL Sehr. H, 33« C 




I. Idee der Philologie. 29 

^ die echten Grandsätze derselben; es zeigt die Verwerflich- 
^^^it des Absolntismns und der Ochlokratie. Wer das Alterthum 
l^^n^Iftisch studirt hat, kann keinem von beiden Extremen huldigen^ 
msowenig der Despotie wie den Träumen des Socialismus 
id Gommunismus, welche schon das Alterthum durchgeträumt 
id überwunden hat. Der Republicanismus der alten Welt ist 
:S-chty wie Einige meinen, geföhrlich; es sei denn, dass man das 
Grande liegende FreiheitsgefQhl für schädlich halte. Was den 
ktriotismas betrifiR;, so sagt Herbart in seiner allgemeinen 
igogik S. 85: „Denkt euch einen europäischen Patrio- 
^smus, die Griechen und Romer als unsere Vorfahren, die Spal- 
tr«:sJ2igen als unglückliche Zeichen des Parteigeistes, mit dem sie 
'^^^JBchwinden müssten . . . Kehren wir zu den Alten!"*) Femer 
^jpTicht man von Mangel an christlichem Bewusstsein in 
^^r klassischen Philologie. Ich denke darüber so: Philologie ist 
^^^issenschaft; das Christenthum, dogmatisch betrachtet, ist eine posi- 
^'ve Religion. Niemand wird glauben, dass die Philologie absichtlich 
^om Christenthum abwende, etwa wie um die Mitte des 15. Jahrb., 
^^o in der That Gemistus Plethon in seiner Nöjnujv cutTpCKPn 
Cl^ar. 1858) die alten Culte wiederherstellen wollte; nur vom 
'^l^erglauben kann das Studium des Alterthums abwenden, d. h. 
Vom falschen Christenthume. Die Wissenschaft und didipositive 
^^ligion stehen auf einem ganz verschiedenen Felde. So wenig 
^^ die Mathematik, die Chemie oder Astronomie etwas mit 
^«^ristliehem Bewusstsein zu thun haben, ebensowenig die Philo- 
*^>gie. Sie hat ihr Wesen in sich, der Philologe kann ein Christ 
^in und umgekehrt ein Christ ein Philologe, aber beide sind 
J^des für sich. Sind ja doch die meisten Menschen Christen 
^hne Philologen zu sein, und Juden und Muhamedaner tüchtige 
^*ülologen gewesen; man muss nicht alle Dinge unter einander 
^^^iachen. Die Philologie stimmt hierin vollständig mit der Philo- 
sophie überein. Daher ist auch die Ansicht unstatthaft, die 
^ilologie sei zwar nicht antichristlich; aber sie müsse durch 
^«^ Christenthum regenerirt werden: man muss die Wissenschaft 
durchaus von der Religion unabhängig erhalten; sonst gelangt 
^"^ÄÄ nothwendig zu der grenzenlosen Verwirrung der heutigen 



*) Vergl. das Prdoemium znin .Berliner Lektionskatalog yon 1811/12: 
*^ ratione quae inUr arUs et patriam itüercedat apud Graecos a nostra 
<*werw. KL Sehr. IV, 39 ff. 



30 Einleitung. 

Zeitbegrifte, welche in der That selbst die Mathematik und die 
Naturwissenschaften im christlichen Geiste auffassen will. Die 
beste Widerlegung derer^ welche vom christlichen Standpunkte 
aus gegen das Studium des Alterthums polemisiren^ gibt die 
Schrift des heiligen Basilius: Xö^oc 6 irpöc touc v^ouc, in 
welchem er die klassischen Studien empfiehlt^ und Gregor von 
Nazianz in der Gedächtnissrede auf Basilius. Man kann sicli 
hierüber und über die Anfeindungen der klassischen Studien von 
jenem Standpunkt aus gut unterrichten au^ der Schrift: Der 
heilige Basilius und die klassischen Studien von Hermann 
Dörgens^ Leipzig 1857; zu bedauern ist; dass diese Schrift 
unklar und schlecht stilisirt ist.*) 

Aus dem Nutzen, welchen die Philologie für die Bildung 
überhaupt gewährt, folgt nun speciell ihr pädagogischer Werth 
in ihrer Anwendung für den Schulunterricht**) Man hat in 
unserer Zeit, wo so viele pädagogische Fragen verhandelt worden 
sind, wo man sich von Allem, was man thut, Rechenschaft zu 
geben mit Recht bestrebt ist, die Frage aufgeworfen, warum das 
Studium des Alterthums einen Haupttheil, ja den vorzüglichsten 
des Schulunterrichts ausmache. Da man nun glaubte gefunden 
zu haben, dies sei ursprünghch darum geschehen, weil die ganze 
neuere \)^ssenschaft sich aus dem Alterthum durch die sogenannte 
restaiiratio litterarum hervorgebildet habe, und annahm, dass 
jetzt die neuere Wissenschaft unabhängig sei: so sah man nicht 
ein, wozu jene Vorbildung durch das Alterthum noch nothig sei, • 
nachdem man eigene Bildung und eigenes Wissen erlangt habe, 
und man sah sich daher nach einem andern Princip um, warum 

*) Vergl. die lateinische Rede von 184G: De litterarum^ philosophiae 
imprimis et antiquitatis studiorum conditione praesenti. Kl. Sehr. I, 328 ff.; 
die Hede zur Eröffnung der 11. Philologenversammlong. Kl. Sehr. 11, 194 f.; 
die Rede von 1863: Ueber die Wissenschaft insbes. ihr Verhältniss zum 
Praktischen und Positiven. Kl. Sehr. II, 91 ff.; die Kede von 1839: Ueber 
Leibnizens Ansichten von der philol. Kritik. Kl. Sehr. II, 250; die Rede 
von 1861: Ueber die Schwierigkeiten, unter denen S. Maj. der KOnig 
Wilhelm den Thron bestiegen hat. Kl. Sehr. III, 88. 

**) Vergl. die lateinischen Reden von 1819: De homine ad humani* 
tatem perfectam conformando. Kl. Sehr. I, 74 f.; von 1822: De afUiqui- 
tatis studio. Kl. Sehr. T, 106 ff.; von 1826: De philosophiae et historiae 
cum ceteris disciplinis coniujwtio^ie. Kl. 8chr. I, 142 f., von 1832: De 
morihwt Utterinqne et ariibus publica itisfitutiotie propagandis. Kl. Sehr. I, 
202 f. Ferner die Rede zur Kröffnung der 11. Philologenversammluug, 
1850. Kl. Sehr. II, 187 f.*195 ff. 



I. Idee der Philologe. 31 

dennoch die Philologie als Alterthumsstudium die Grrundlage des 
Schulunterrichts bleiben solle. So gelangte man zu der Ansicht 
^on der sogenannten formalen Bildung, die durch die Mathe- 
matik auf der einen Seite, und andrerseits durch die alten 
Sprachen — man weiss nicht recht , warum durch diese allein 
und nicht auch durch die neueren — gewonnen werden soll. 
Dass Tom Alterthum mehr zu gewinnen als Sprache^ dass noch 
fiele Dinge aus dem Alterthum formal bilden^ auch Geschichte^ Geo- 
graphie und andere Realien^ brachte man nicht in Anschlag. Man 
sieht aber leicht, dass das Princip der formalen Bildung^ wiewohl sie 
allerdings durch das Studium des Alterthums erreicht wird^ doch 
nur ein Nothbehelf ist um die geschichtlich gegebene Stellung 
jenes Studiums in unserm Schulunterricht zu begründen, nach- 
dem es in ein scheinbares Missverhältniss mit unserer Bildungs- 
epoche getreten war. Die ganze Ansicht ist unhaltbar; formal 
kann man sich in der eigenen Sprache, durch Mathematik, Philo- 
sophie und Poesie bilden, wie die Griechen selbst gethan haben. 
Ist es wahr, dass das Alterthumsstudium nicht mehr wie vor* 
30O Jahren die Quelle unsers Wissens, sondern unser Wissen 
i^tzt unabhängig ist, so muss man es aus dem Unterricht aus- 
Bchliessen und durch jene anderen näher liegenden formalen 
Bildungsmittel ersetzen. Aber dem ist nicht so. Noch beruht 
^ Geschichte ihrer einen Hälfte nach auf dem Alterthum; noch 
^itd keiner ein ordentlicher Riilosoph werden, der nicht die 
beschichte aller Systeme, das Werden der Philosophie von An- 
**^ginn von Neuem durchlebt hat; noch stehen die poetischen 
»^erke des Alterthums höher als alle andern, was nur die nicht 
^uiaehen, die eine oberflächliche Kenntniss davon haben; noch 
maltet nirgends ejn höherer Geist als im Alterthum. Nimmt 
nwMi einige Wissenschaften, die in der ersten Entwickelung stehen, 
^^, besonders technische und überhaupt Naturwissenschaften, 
n^t denen auch die Philologie als Geschichte des Geistes weniger 
Berührung hat, so wurzelt alle unsere Kenntniss noch im Alter- 
thum. Wo ist das Christenthum entstanden als in der antiken 
Welt? Wer kaun seine Grundlage, wer sein erstes Leben, dessen 
ZurftckfÜhrung die eigentliche Quelle seiner Restauration ist, wer 
^e Sätze selbst verstehen, ohne in das Leben des Alterthums 
eingeweiht zu sein? Wer kann läugnen, dass das Römische 
"ficht noch immer die Grundlage unserer Rechtsverhältnisse ist> 
80 viel auch davon geändert worden? Welcher Arzt kann^ wenn 



32 Einleitung. 

er nicht ein blosser Praktiker and roher Empiriker ist^ das Alter- 
thum verachten? Oft liegen noch verborgene Schatze darin. 
KurZ; es ist noch jetzt auch dieser Theil des historischen Stadiums, 
den wir Alterthumskunde nennen, die Basis aller Disciplinen, in 
tausend Fäden verflochten und verwachsen mit unserer Bildung. 
Nicht gering anzuschlagen ist auch der moralische Werth dieses 
Studiums; überall giebt das Alterthum rein menschliche, vor- 
urtheilsfreie, geistige, von dem alcxpöv entfernte Ansichten und 
macht den Menschen frei und freigesinnt. Uebrigens läugnen wir, 
wie gesagt, den Werth für die formale Bildung nicht und behaupten, 
dass am Studium des Alterthums, als dem geeignetsten Objecte, wo 
ein Verlorenes wiederzuerkennen ist, die ganze eine Seite der 
wissenschaftlichen Th'ätigkeit, üämlich die philologische f&r alle 
Wissenschaften vorgeübt wird. Es sind dies die besten irpo- 
TU|bivdc|biaTa aller derartigen Studien; aber das Hauptgewicht ist 
doch auf die reale Seite zu legen. Es enthält das Alterthum 
die Anfange und Wurzeln aller Disciplinen, die primitiven Be- 
griffe und sozusagen die gesammten Vorkenntnisse der Mensch- 
heit; diese eignen sich natürlich für die Schulbildung eben als 
Elemente ganz vorzüglich. Die Anfönge sind gerade sehr wichtig; 
in der Regel liegt in ihnen das Geistigste , die dpxirj^ das Princip, 
welches oft in der Folge verdunkelt wird, wenn man nicht immer 
wieder auf die Anfönge zurückgeht. Unsere schöne Literatur ist 
nur durch das Alterthumsstudium gross geworden. Jean Paul sagt 
irgendwo: „Die jetzige Menschheit versänke unergründlich tief, 
wenn nicht die Jugend vorher durch den stillen Tempel der 
grossen alten Zeiten und Menschen den Durchgang zum Jahr- 
markt des spätem Lebens nähme.^' Und Jean Paul ist doch 
ein ganz modemer Mensch. Thiers sagt: „Es sind nicht bloss 
Worte, welche man der Jugend beibringt, indem man sie 
Griechisch und Latein lehrt; es sind edle und erhabene Sachen; 
es ist die Geschichte der Menschheit unter einfachen, grossen, 
uDauslöschlichen Bildern. In einem Jahrhundert wie das unsrige 
die Jugend von der Quelle des antiken Schönen, des Einfach- 
Schönen entfernen, würde nichts anderes sein als unsere mo- 
ralische Emiedrigimg beschleunigen. Lassen wir die Jugend im 
Alterthum wie in einer sturmlosen, friedlichen und gesunden 
Freistatt, die bestimmt ist sie frisch und rein zu erhalten.^ 
Mit den Worten werden zugleich die Gedanken eingesogen, die 
das geistige Eigenthum aller gebildeten Völker und von den 



I. Idee der Philologie. 33 

Alten auf uns vererbt sind^ die Grundansichten der gebildeten 
Menschheit überhaupt; die Mängel sind freilich abzustreifen. 
Wer da glaubt, dass wir nach Erlangung einer massigen, einiger- 
massen selbständigen Bildung nun die Alten, durch deren Hülfe 
wir sie erlangt haben, entbehren könnten, der glaubt, wenn 
man das Dach gebaut habe, könne man die Fundamente ohne 
Noih vernachlässigen. 

In der Stellung des Alterthumsstudiums zu' unserer Bildung 
lie|^ nun auch der Grund, warum die Philologie in dieser Be- 
schrankung alsHülfs Wissenschaft fast aller Disciplinen Anwen- 
<luiig findet. Philologie und Philosophie sind entstanden ohne 
^^prünglich praktische Bichtung, bloss um der Erkenntmss 
^^Uen. Sie sind nachher auch praktisch geworden, weil alle 
Wissenschaft auf die* Praxis wirkt. Dagegen sind die übrigen 
Wissenschaften ursprünglich praktisch gewesen, haben sich gleich 
^ das Leben bezogen; theoretisch und um ihrer selbst willen 
sind sie erst später geübt worden, zunächst um das Praktische 
20 begründen. In dieser Beziethung kann also auch nur die 
Philologie, wie die Philosophie, als Hülfswissenschaft für sie ein- 
treten, insofern die Theorie der einzelnen Disciplinen in der- 
selben ihre historische Grundlage hat Vom Theologen, Juristen 
und Staatsmann ist dies am einleuchtendsten; für die Baukunst 
und bildende Kunst ist wenigstens ein Theil der klassischen 
Philologie unentbehrlich, ebenso für die mathematischen Wissen- 
schaften und Naturwissenschaften. 

Einen dritten Nebenzweck erreicht die Philologie durch 
ihre Methodik, welche die Theorie des Erkennens vom Erkennen, 
d. h. des Yerstehens überhaupt darstellt. Das Verstehen ist 
'eine schwere Kunst, die in allen Wissenschaften zur Anwendung 
kommt; denn die Entwickelung und Anwendung aller Wissen- 
schaften geschieht durch gemeinsame Arbeit und erfordert also 
eine gegenseitige Versi&ndigung der zusammenwirkenden Ge- 
lehrten. Insofern ist die Philologie eine methodische Propädeutik 
f&r alle Wissenschaften. 

Literatwr* Ueber Zweck and Anwendong der Philologie ist unendlich viel 
geschrieben worden. Ich hebe hervor: Zell, Betrachtangen über die Wich- 
tigkeit and Bedeutung des Stadiums der klassischen Literatur and Alter- 
thumskonde för unsere Zeit. Freiburg 1830. - Welcker, Ueber die Be- 
deutung der Philologie (1841). Kl. Sehr. Bd. IV. - Baumlein, die Be- 
deutung der klassischen Stadien für eine ideale Bildang. Heilbronn 1849. 
— Herbst, das klassische Alterthum in der Gegenwart, eine geschichtliche 

Böckh*! Encyklopidie d. pbilolog. Witsengohaft. 3 



34 Einleitung. 

Betrachtung. Leipzig 1852. — 0. Jahn, Bedeutung und Stellang der 
Alterthumsstudien in Deutechland. Preuss. Jahrbücher 1859, [umgearbeitet 
in der Sammlung ,,Aub der Alterthums Wissenschaft^', Bonn 1868, S. 1- 66]. 
Döderlein, Oeffentliche Reden. Frankf. a/M. 1860 (darin: „Ueber das 
Verhältniss der Philologie zu unserer Zeit."). — Georg Curtius, Über die 
Geschichte und Aufgab^ der Philologie. Ein Vortrag. Kiel 1862. — 
Ernst Curtius^ G^ttinger Festreden. Berlin 1864. (Darin: ,,Da8 Miüler- 
amt der Philologie" und „der Weltgang der griechischen Cultar.") — 
I W. Clemm, Ueber Aufgabe und Stellung der klassischen Philologie, ins- 
besondere ihr Verhältniss zur vergleichenden Sprachwissenschaft. Giessen 
1872.] 

IL 
Begaff der Encyklopädie in besonderer Hinsicht anf die PUlologie. 

§ 7. Nachdem wir die Idee der Philologie auseinander- 
gesetzt, müssen wir zunächst erklären, was wir unter Encyklo- 
pädie verstehen, und dann diesen Begriff in Beziehung auf die 
Philologie betrachten. Wir gehen nach philologischer Weise 
von der Bedeutung des Wortes aus. Stange Synimikia Th. 1, 
Nr. 7 (Halle 1802) hat eine Abhandlung über den Namen ge- 
schrieben, worin er behauptet, derselbe bezeichne den Zusammen- 
hang, den eine Encyklopädie haben müsse. Dies ist eine ver- 
breitete Ansicht. Der griechische Ausdruck ist ^tkuicXioc irai- 
beia; denn dtKUKXoTraibeia ist nur eine falsche Lesart bei 
Quintilian I, 10. Das Wort dyKUKXioc kommt nun früh von 
der Kreisbewegung vor z. B. Aristoteles Meteorologie I, 2, 339* 
.12; da die Kreisbewegung aber vollkommen in sich abgeschlossen 
ist, so könnte eine „encyklische Belehrung^^ eine begrifflich in sich 
abgeschlossene, den ganzen Kreis einer Disciplin oder Wissen- 
schaft im Zusammenhang durchlaufende Darstellung bedeuten. 
Allein in Verbindung mit uaibeia hat ^tkükXioc stets einen 
anderen Sinn. Alle diejenigen Dinge, welche die Jugend im 
Interesse der Humanität erlernen musste, nannten die Griechen 
dTKUKXioc iraibeia, dTKUKXia |bia0r||biaTa oder TTaibeujuaTa. Es ist 
dies zunächst der Inbegriff' dessen, was in den gewöhnlichen 
Kreis der Bildung gehört, ohne dass dabei irgendwie an eine 
systematische Zusammenfassung gedacht wird. Den Sinn des 
„Gewöhnlichen*' hat das Wort dyKUKXioc ursprünglich; wie es 
Hesychios erklärt: „^TKUKXia* id dTKUKXoufi€va Tiiu ßiui xai 
cuvriOri" Isokrates (III, 22) verbindet iv toTc dTKUKXioic kqi toic 
Karä Tf|v fifi^pav ^Kdcrriv TiTVOjbi^voic, im gewöhnlichen und alltäg- 



H. Begriff der Eticyklopildie in besonderer Hinsicht auf d. Philologie. 35 

liehen Kreislauf der Dinge. In einer Inschrift kommen schon vor 
dem Archonten Euklid dtKUKXia dvaXuüjiiaTa in dem Sinne von 
gewöhnlichen^ regelmässigen Ausgaben yor. *) Eb/snso sind dtKu- 
kXioi XciTOupYiai, ^tkukXioc cIkocti^ die regelmässigen Leistungen, 
<iie regelmässige Steuer. In dem angeblich aristotelischen Buche 
von der Staatswirthschaft bedeutet rä dtKUKXia den gewöhnlichen 
Verkehr.**) Bei Aristoteles Polit. 1,1 p. 1255^ 25 ist die 
Bede yon eines Sklaven dTKuxXia biaKOVrijuaTa; dies sind die ge- 
wölinlichen, taglichen Dienste und Arbeiten, der gewohnliche 
Geschäftskreis; ebenso II, 5, p. 1263* 21 €TkukXioi biOKOviai und 
II, 9, p. 1269** 35 TCi dxKUKXio, das was im täglichen Berufs- 
kreise Hegt. Die unter dem Namen des Aristoteles erhaltenen 
Probleme^ .welche ganz ohne wissenschaftlichen Zusammenhang 
sindy werden bei Gellius Nocies AUicae XX, 4 dTKUKXia irpo- 
^ilMorra genannt; weil sie Fragen behandeln, die in dem ge- 
"«rblmlichen Vorstellungskreise liegen; es sind populär wissen- 
sehafUiche Probleme. Aristoteles hat dtKUKXia cpiXococprunaTa ge- 
aelirieben. Diese sind nicht mit den erhaltenen Prpblemen iden- 
tiseh (vergL Stahr Aristotelia II, S. 278. 279), sondern waren 
dialogische Schriften (Bernays, die Dialoge des Aristoteles, 
S. 93 ff; bes. S. 123 f.). Der Ausdruck bezeichnet aber da- 
1er offenbar auch nicht, wie Welcker, Epischer Cyklus S. 49 
üin erklärt; ein populäres Ganzes der Wissenschaften, sondern 
überhaupt nur populäre Philosopheme. Dem allgemeinen Sprach- 
gebrauch entsprechend sind also ^ykukXiu TTaibeüjuaTa zunächst 
die gewöhnlichen Bildungsmittel, wie man z. B. aus Plutarch 
de educatione puerarttm c. 10 sieht. Aus dieser Grundbedeutung 
folgt dann weiter, dass die encyklische Bildung als allgemeine 
der speciellen Fach- oder Berufsbildung entgegengesetzt wird. 
So sagt Strabon I, 22, in der Geschichtschreibung nenne man 
iroXiTiKOV ouxi TÖv TravrdTraciv diraibeuiov, dXXd töv |i€TacxövTa 
Tiic dT>^w>^^iou KQi cuvTJGouc dTu^T^c ToTc dXeu0^poic Kai toTc 
(piXocoqK)Cciv. Zur allgemeinen d. h. allen Freien nothwendigen 
Bildung rechnete man nun eine gewisse keineswegs approfundirte 
Kenntniss von Allem; Encyklopädie bedeutet danach die all- 



*) Staatahaushaltung der Athener. 2. Aufl. II, 237. 
•*) StaatshaiuhaltaQg der Athener I, 412. Vergl. über das Wort k^Ko- 
kXioc (iberfaaapt die Anmerkung Böckh's zu Buttmann'8 Erklärung einer 
FwpjTuaachnh, Abh. d. Berl. Akad. 1824, S. 97. 

• 3* 



36 Einleitung. 

gemeine Eenntniss des gesammten Wissens, den oHns dactrimae^ « 
wie Quintilian I, 10 es übersetzt. So wendet Vitra y das c 
Wort an (im Prooemium zum 6. Buche): Me arte erudiendum -m 
2nUaverunt et eä quaenon potest esseprobata sine litteratura eney — 
clioque doctrinanim onmium disciplina. Vitruy weist zwar B. I. — 
C. 2. auf den Zusammenhang aller Disciplinen hin: omnes disci- - 
pUnas inter sc conjunctionem rertim et (X>mmiimcationem Jiäberef * 
und sagt in dieser Beziehung: encyclios disciplina uU corpus nnum 
ex his n^embris est compositum. Er deutet aber an, dass in dieser 
encyklischen Bildung nur das Allgemeine aller Disciplinen 
liegt. Die Idee ist also: in omnUms aliquid ^ woraus jedoch nicht 
das: in toto nüiil folgt. Wer nicht in Allem etwas weiss, kann 
in Nichts etwas wissen, so dachten die Alten; dahec ihre ijKA- 
kXioc uaibeia. 

Wird der Name Encyklopädie nun auf eine Wissenschaft 
angewendet, so bezeichnet er folgerichtig die allgemeine Dar- 
stellung dieser Wissenschaft im Gegensatz zu ihren speciellen 
Theilen. Der Zusammenhang ist nicht nothwendig damit Ter- 
bunden, daher man auch ganz wohl alphabetische Encyklopädien 
aufstellen kann. Ich will damit nicht sagen, dass eine Encyklo- 
pädie keinen Zusammenhang haben könne, nur als Encyklopädie 
hat sie ihn nicht Soll aber eine Encyklopädie einer Wissen- 
schaft selbst als Wissenschaft dargestellt werden, so mugs 
darin allerdings der strengste Zusammenhang sein. Dies liegt 
in dem Wesen der Wissenschaft überhaupt, wird aber ins- 
besondere bei einer solchen Encyklopädie hervortreten müssen, 
eben weil hier das Allgemeine, worauf doch der Zusammen- 
hang beruht — denn das Besondere wird durch das Allgemeine 
verknüpft — das Hervorstechende ist Dass die Philologie 
in dieser Weise als ein Ganzes dargestellt werde, ist um so 
nöthiger, je weiter die einzelnen Theile, wie eben so viele 
Fragmente auseinandergestreut, in verschiedenen Köpfen ver- ' 
theilt sind. 

Das Maass, wie weit man bei der encyklopädischen Dar- 
stellung ins Einzelne gehen müsse, ist nicht wissenschaftlich be- 
stimmbar; die Möglichkeit und der Zweck bestimmen dasselbe. 
Man kann eine Encyklopädie sehr ausführlich und ergründend 
anlegen, so dass sie den grössten Gelehrten belehrt; umgekehrt 
aber kann man sie auch für die ersten Anfänge berechnen. 
Denn das Allgemeine ist hier nur relativ im Gegensatz zu der 



in. Bisherige Versuche zu einer Encykl. d. philolog. Wissenschaft. 37 

monographischen Behandlung zu verstehen. Bei unserer Be- 
arbeitimg ist der Hauptzweck das Bewusstseiji von dem wissen- 
schaftlichen Zusammenhange der Philologie hervorzubringen. Wir 
werden also eine gewisse Mitte in der Ausführung innehalten 
und stets auf da& Wesen ^ nicht auf Notizenkram ausgehen. 



IIL • 

Bisherige Versuche zu einer Encyklopadie der philologisohen 

Wissenschaft. 

I 8« Llterator* Der umfassende, auf Ideen und das Allgemeine ge- 
richtete Geist der Deutschen hat wie in vielen andern Wissenschaften, so 
auch bier angefangen zu verbinden und zu ordnen, kurz einen Inbegrifif 
der philologischen Discipliuou zu entwerfen. Den ersten Versuch einer 
eneykloi^ldischeu Darstellung der Philologie kann man finden in einer 
Schrift von Johann van der Woweren (Wower oder Wouwer, 
'Wowerius) von Hamburg: De polymaüiia tractatioy intetjri operis de stu- 
dio tefomm dirocirac^dTiov, zuerst herausgegeben Hamburg 1604. 2. Ausg. 
TOD Jacob Thomasius 1665 und in Gronov: Thes.Gr.antt.T.X. Wower 
war ein Mann, der auch in Staatsgeschäften gross war und ausser seiner 
Eradition durch seine liberalen Ansichten ausgezeichnet ist. Die Schrift 
igt anprOnglich zur Yertheidigung der Polymathie geschrieben, weil man 
Wower einen Grammaticus schalt. Wiewohl nun dieses Werk keine wirk- 
lich umfassende Darstellung der Philologie giebt, so verdient es doch noch 
jetst Er^^hnung. Es ist freilich so angelegt, dass es als System keine 
Kritik verträgt; es enthält zwar durchweg feste Begriffe und einen grossen 
Schats von (Gelehrsamkeit, aber es fehlt darin der systematische Geist, 
welcher jener Zeit nicht eigen war, wiewohl Wower noch zu den am 
meisten systematischen Köpfen derselben gehört. Manches findet man in- 
des« bei ihm, was man später nicht hätte vernachlässigen sollen, z. B. die 
Art, in welcher er die Rhetorik in seine Polymathie hineinzieht. — lu 
einem anderen Geiste gedacht ist Johann Matthias Gesner: Frimac 
hneae isagoges in eruditionem universam, nominatim philologiam, histariam 
et pktlo9ophiam, in tumm praelectionum ductae (1. Ausg., Leipzig 1756), 
4. Aufgabe mit den Vorlesungen selbst von Johann Nicolaus Niclas, 
t Thle., Leipzig 1784; ein praktisch vortreffliches und sehr interessantes 
Hoch, indem man darin einen der grössten Gelehrten des Faches in seinem 
freien nach dem Geiste der damaligen Zeit freilich mit Anekdoten, Spässen 
und Allotria überladenen Vortrage hört. Systematische Ansprüche kann, 
wie gleich der Titel zeigt, das Buch nicht machen; auch geht es nicht 
aoMchliesslieh auf die Philologie, Hondem ist mehr eine allgemeine Ency- 
klopadie nnd Hodegetik. — Kaum verdient hier Erwähnung Eschen- 
harg, Handbuch der klassischen Literatur. Berlin 1783 (8. Auflage von 
L. Lütke 1837), ein Schulbuch, das für die wissenschaftliche Ausbildung 
der Philologie ohne Bedeutung ist. — Bis hierher hatte man nicht an den 



38 Einleitung. 

Namen einer Encyklopädie gedacht, der freilich im Grande ganz Boftll: 
ist. Diesen Namen mit einem bestimmten Begriffe hat zaerat Fr. A. Wo 
in Umlauf gebracht. Er hielt seit dem Jahre 1786 in Halle Voxiesungen ud 
dem Namen ,,Encyklopädie und Methodologie der Stadien des Altertimms 
und setzte den Inhalt schriftlich zuerst sehr unTollkommen in einigen an 
vollendet gebliebenen Blättern „Antiquitäten von Griechenland^', Halle 1787, 
auseinander. — Seine Schüler publicirten seine Theorie voreilig, was be- 
sonders gilt von Fülleborn, Encijclopaedia philolagica seu primae lineae 
isagoges in aniiquarum UUerarntn studia. Vratislaviae 1798, neue Auflage 
von Kaulfuss, 1805. — Ebendaher rührt: Erduin Jul. Koch, Encyklo- 
pädie aller philologischen Wissenschaften. Berlin 1793, in Sulzen knnem 
Inbegriff der Wissenschaften und auch in Koch 's Hodegetik für das Uni- 
versitätsstudium, Berlin 1792, S. 64-98. — Endlich veröffentlichte Wolf 
selbst seine Ansicht vollständig, allerdings nicht in einem yenprocbenen 
grossem Werke, sondern nur in einem kurzen Grundriss unter dem Titel: 
Darstellung der Alterthumswissenechaft in Wolf und Buttmann's Moseam 
der Alterthumswissenschaft, 1. Bd. Berlin 1807. — Nach W^olf's Tode 
sind seine Vorlesungen herausgegeben von Stock mann, Fr. Aog. WolTfl 
Encykl. der Philologie. Leipzig 1881, 2. mit einer Uebernoht der ^tera- 
tur bis zum Jahre 1845 versehene Ausgabe von Westermann, 1846; aoBBer- 
dem von Gürtler, Leipzig (1881) 1839. — Gleichzeitig mit Wolfs Schrift 
erschien die Encyklopädie der klassischen Alterthumskunde von Schaaff, 
Magdeburg 1806 und 1808, wovon der 1. Theil in 3 Abtheilongen die 
Literaturgeschichte der Griechen und der Römer und die Mythologie beider 
Völker, der 2. ebenfalls in 3 Abtheilungen die Altcrthümer der Griechen 
und der Römer und die Kunstgeschichte beider Völker enthält. Ein solches 
Werk kündigt sich gleich als unwissenschaftlich an, und es enthält in der 
1. Auflage die grössten Fehler, die gi'öbsten Miss Verständnisse in allen 
Dingen. Die verschiedenen Abtheilungen sind Compendien der betreffenden 
Disciplinen, ursprünglich wie das Eschenburgische Buch für die oberen 
Klassen gelehrter Schulen bestimmt und haben einzeln 6 Auflagen erlebt. — 
Mit wissenschaftlichem Anstriche tritt dagegen auf Ast, Grundriss der 
Philologie. Landshut 1808. Es ist unverkennbar darin viel Gutes, aber 
zu viel Schwärmerei und Künstelei wie in allen Schriften dieses talent- 
vollen Mannes, welchen nur die Eitelkeit alles zu sein verdorben hat. — 
Die beste Bearbeitung der Encyklopädie ist von Bernhardy, Grundlinien 
zur Encyklopädie der Philologie. Halle 1832, der im Ganzen vom Wolf- 
sehen Standpunkte ausgeht. — Aug.Matthiae hat eine Encyklopädie and Me- 
thodologie der Philologie hinterlassen , welche nach seinem Tode von seinem 
Sohne herausgegeben ist, Leipzig 1836. — In den dreissiger Jahren er- 
schienen dann noch: Sam. Friedr. Wilh. Hoffmann, die Alterthums- 
wissenschaft. Leipzig 1834, und Carl Grhd. Haupt, Allgemeine wissen- 
schaftliche Alterthumskunde oder der concreto Geist des Altertfaams in 
seiner Entwickelung und in seinem System. 3 Bände, Altena 1889. — Eine 
seltsame Art von encyklopädischem Werke, geistreich dargestellt, ist: 
Klassische Alterthumskunde, oder übersichtliche Darstellung der geogra- 
phischen Anschauungen und der wichtigsten Momente an dem Innenleben der 
Griechen und Römer, eingeleitet durch eine gedrängte Geschichte der 



m. Biaherige Versuche zu einer Encykl. d. philolog. Wissenschaft. 39 

l^^iilolQgie, von Wilh. Ernst Weber, Gymnasial-Director in Bremen. 
Aue der neuen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, Band IV be- 
sonders abgedruckt, Stuttgart 1848. Es sind jedoch eigentlich nur Alter- 
tliiliner, etwas sehr populär. 

Von alphabetischen Encyklopädien nenne ich: Hederich, Reales 
Sdrallexikon. 2 B&nde, Leipzig 1748. — Funke, Neues Bealschullezikon, 
5 Bände, Braunschweig 1805. — Dasselbe im Auszuge unter dem Titel: Kleines 
RealschuUezikon. 2 Theile, 2. Auflage. Hamburg 1818. — Kraft und 
Com. Mflller, Bealschullezikon. Eine gänzliche Umarbeitung von Funke's 
kleinem Realschullexikon, 2 starke Bände, Hamburg (1846—1853) 1864. — 
k^g. Panly , Real-Encyklopädie der klassischen Alterthumswissenschaft, nach 
Panly^s Tode fortgesetst tou Chr. Walz uud Tcuffel. 6 Bände, Stutt- 
gart 1837— 1852, 2. Aufl. 1862 — 66. T- Charles Anthon, Classical Die- 
Uonary, New- York 1843, in einem starken Grossoctav-Bande, ein reich- 
baltiges Werk. — Reallexikon der classischen Alterthümer für Gymnasien, im 
Verein mit mehreren Schulmännern herausgegeben von Dr. Fried r. Lüb- 
ker. Leipzig 1851, gr. 8. [4. Aufl. 1874.] 

Ich betrachte zunächst Charakter und Plan der bisher ange- 
stellten systematischen Versuche. Zuerst und hauptsächlich kommt 
Fr. Aug. Wolf in Betracht, dessen Auffassung für die Entwicke- 
lung der Philologie massgebend geworden ist. Wir beschäftigen 
ans nicht mit den Schülern^ deren Leistungen zum Theil sehr gering 
sind, sondern gehen nur auf den Meister selbst zurück. In der 
angegebenen Schrift, im Museum der Alterthumswissenschaft, 
hat er seine Ansicht im Allgemeinen auseinander gesetzt und 
am Ende zugleich einen Ueberblick sämmtlicher Theile der Alter- 
thumswissenschaft gegeben. Die Anordnung und der Zusammen- 
hang dieser Theile ist etwas Wesentliches bei dem Aufbau der 
Encyklopädie, weil sich eben dadurch die Wissenschaft zu einem 
Ganzen gestalten muss. Wir müssen daher hierauf näher ein- 
gehen um zu prüfen, inwieweit wir uns Wolf anschliessen 
können. Nach seinem Plane enthält die Alterthumskunde 24 
Haupttheile: 

I. Philosophische Sprachlehre der Alten. Grundsätze beider 
alten Sprachen. IL Griechische Grammatik, in. Lateinische 
Grammatik. IV. Grundsätze der philologischen Auslegungskunst. 
V. Kritik und Verbesserungskunst. VI. Grundsätze der prosai- 
schen und metrischen Composition, oder Theorie der Schreib- 
art und der Metrik. 

Vn. Geographie und Uranographie der Griechen und Römer. 
Vni. Alte Universalgeschichte. IX. Grundsätze der alterthüm- 
lichen Chronologie und historischen Kritik. X. Griechische Anti- 
quitäten. XI. Römische Antiquitäten. XII. Mythologie. 



40 Einleitung. 

XIII. Literaturgeschichte (äussere Geschichte der LiiMratar^ 
der Griechen. XIV. Desgleichen der Römer. XV. Geschichte der 
redenden Künste und der Wissenschaften der Griechen. XVI. Des- 
gleichen der Romer. XVII. Historische Notiz von den mime- 
tischen Künsten beider Völker. 

XVni. Einleitung zur Archäologie der Kunst und Technik^ 
oder Notiz der Denkmäler und Kunstwerke der Alten. XIX. Ar- 
chäologische Kunstlehre oder Grundsätze der zeichnenden und 
bildenden Künste des Alterthums. XX. Allgemeine Geschichte 
der Kunst des Alterthums. XXI. Einleitung zur Kenntniss und 
Geschichte der alterthümlichen Architektur. XXII. Numismatik 
der Griechen und Römer. XXIII. Epigraphik. 

XXIV. Literarhistorie der griech. und lai Philologie und der 
übrigen Alterthumsstudien^ nebst Bibliographik. 

Wolf hat die Disciplinen^ wie sie thatsächlich gegeben sind^ 
in einen Kranz geflochten nach einer bequem scheinenden An- 
ordnung. Indem ich nnn diese beurtheile, beurtheile ich nicht 
ihn^ sondern die- herrschende Ansicht; denn dass dies die herr- 
schende Ansicht ist, zeigt die Bewunderung, womit man jenen 
Ueberblick hingenommen hat und welche man noch jetzt für 
Wolfs Leistungen auf diesem Gebiete begt, wenn man auch im 
Einzelnen von seiner Aufstellung abweicht. Es muss bei der 
Kritik erwogen werden, ob das, was aufgestellt ist, wirklich Dis- 
ciplinen sind, und ob sie einzeln eine bestimmte Einheit des 
Begriffes haben, endlich ob sie auch wirklich unter den gemein- 
samen Begriff der Philologie fallen. Es fehlt aber sowohl den 
einzelnen aufgestellten Disciplinen als auch dem Ganzen, das sie 
bilden sollen , der wissenschaftliche Zusammenhang. Wenn Hegel 
die Philologie für ein Aggregat erklärt, so scheint sich dieses 
ürtheil auf Wolfs Darstellung zu begründen. Wolf beschreibt 
die Philologie (S. 30) als den ,Jnbegriff der Kenntnisse und 
Nachrichten, die uns mit den Handlungen und Schicksalen, mit 
dem politischen , gelehrten und häuslichen Zustande der Griechen 
und Römer, mit ihrer Oultur, ihren Sprachen, Künsten und 
Wissenschaften, Sitten, Religionen, National -Charakteren und 
Denkarten bekannt machen, dergestalt dass wir geschickt wer- 
den, die von ihnen auf uns gekommenen Werke gründlich zu 
verstehen und mit Einsicht in ihren Inhalt und Geist, mit Ver- 
gegenwärtigung des alterthümlichen Lebens und Vergleichung 
des spätem und des heutigen zu geniessen.^' Die Disciplinen nimmt 



III. Bisherige Versache zu einer Encykl. d. philolog. Wissenschaft. 41 

er als fertig an, statt sie erst in einem gemeinsamen Begriff auf- 
zuweisen, abzuleiten und zu construiren. Es zeigt sich hier eine 
— bei den Philologen nicht ungewöhnliche — gänzliche Un- 
fähigkeit Begriffe zu bilden. Einen gewissen Plan kann man 
allerdings in der Anordnung der 24 Theile nicht verkennen; 
sie werden von. Wolf selbst zu Gruppen zusammengefasst. Die 
erste Gruppe I — VI ist ^in Organon oder allgemeiner Theil, 
probabel geordnet, doch nicht ohne Fehler. Nr. VI besonders 
ist zu anbestimmt*, die Metrik an sich ist nichts anderes als ein 
Theil- der Lehre Ton der sprachlich musikalischen Composition; 
die prosaische Composition ist eines Theils nur die Fortsetzung 
der Grammatik, andern Theils aber Logik, Rhetorik oder Poetik, 
und diese gehört wieder in die Aesthetik: hier ist also keine be- 
stimmte wissenschaftliche Anordnung. Femer stehen die Grund- 
sätze der Composition zu spät; sie sind gleich nach der Gram- 
matik zu setzen, deren Erweiterung sie nur sind. Die Grund- 
sätze der Auslegung und Kritik (IV und V) sind aber von beiden 
wesentlich verschieden, indem sie sich auf eine blosse Reflexion 
über den Gegenstand beziehen, wogegen jene Grundsätze der 
Composition schon wie die Grammatik den Schriften selbst zu 
Grunde liegen. Die erste Gruppe ist also nach Zufälligkeiten und 
Süsserer Bequemlichkeit im Anschluss an das empirisch Gregebene 
angeordnet Eine zweite Partie bilden Nr. VII — Xu, welche 
die Geschichte enthalten mit Ausschluss der Literatur, Kunst 
ond Wissenschaft, aber ohne reellen Zusammenhang. Die Geo- 
graphie (VII) möchte allerdings der Historie vorangehen um den 
Boden kennen zu lehren; aber was soll die Uranographie? Die 
alte Geographie als Basis der Historie muss doch gegeben wer- 
den, wie sie objectiv existirte: der Boden muss beschrieben wer- 
den. Was aber die Alten über Geographie gedacht haben, ge- 
bort nicht hierher, sondern in die Geschichte der Wissenschaften, 
die Wolf erst Nr. XV u. XVI aufführt. Damit verbunden ist auch 
die Uranographie, welche offenbar mit der Geographie nur zusara- 
mengesteUt ist, weil Wolf diese nicht bestimmt in dem subjec- 
faven Sinne als Wissenschaft der Alten von der objectiven Be- 
schreibung des Landes, wie es nach unserer Einsicht war, ge- 
sondert hat Zu dieser Verwirrung hat besonders die sogenannte 
homerische Geographie und mythische Uranographie, worauf man 
frfiker ein übermässiges Gewicht legte, Anlass gegeben. Diese 
gehören aber zur Mythologie und zur Geschichte der Wissenschaft, 



42 Einleitung. 

welche beide sehr yerwandt sind, obgleich sie bei Wolf vie 
Nummern auseinander liegen. AufNr. YIII^ ^^UniTersalgeschichi 
des Alterthums''^ folgt die Chronologie und historische Ejitik 
Allein die erstere^ das zeitliche Organon der Geschichte ^ gehör 
zur Geographie als dem raumlichen. Die historische Kritik w» 
nicht besonders anzuführen^ da sie mit der Kritik überhaupt zu 
sammenföUt*, auf jeden Fall aber musste sie als blosses Organoi 
vor die Geschichte ^ ja vor die Geographie und Chronologie ge- 
stellt werden, da diese materieller Natur sind. Es folgen nun 
griechische und romische Antiquitäten und beider Völker Mjrtho- 
logie. Hier ist nirgends Zusammenhang. Ich werde später be- 
weisen^ dass der Begriff der Antiquitäten ganz nichtig ist, daac 
er keine Realität, keine Grenze, nicht die mindeste Bestimmtheil 
hat, indem die Antiquitäten weder von der Literatur noch von 
der politischen Geschichte, noch von der Mythologie oder dei 
Geschichte der Kunst und Wissenschaft wesentlich yerschieden 
sind. Für einen wissenschaftlichen Plan müssen die Antiquitäten 
entweder ganz ausgeschlossen werden oder eine solche Ausdeh- 
nung erhalten, dass sie den ganzen materialen Theil der Philo- 
logie einnehmen. Auch die Mythologie steht bei Wolf ganz iso- 
lirt. Theils ist sie Geschichte der Religion als Cultus, gehört 
also anders wohin, theils ist sie Wissenschaft und zwar die Ur- 
wissenschaft der Nation, und fällt folglich in Nr. XV und XVI. 
In der dritten Gruppe, XIII — XVII, sind die redenden Künste 
und die Wissenschaften ineinander geschlungen; letztere abei 
müssen doch gewiss gesondert werden, zumal sie eben so yiel- 
fältig sind als alle Künste zusammen genommen. Alle Wissen- 
schaften befasst die Philosophie, diese sollte also obenan stehen 
und die einzelnen Wissenschaften darunter; dann musste die Ge- 
schichte der Kunst und nun die aller einzelnen Künste folgen. 
Hier ist also die grosste Verwirrung. Die Geschichte der reden- 
den Künste ist bloss Geschichte der in der Sprache ausgedrück- 
ten ästhetischen Formen, also Literaturgeschichte; eine daneben 
herlaufende „äussere'' Literaturgeschichte ist gar keine. Die 
historische Notiz von den mimetischen Künsten (XVII) soll nach 
Wolfs Bestimmung (S. 65) einige Andeutungen über Künste 
enthalten, die zwischen den redenden und bildenden in der Mitte 
stehen: Musik, Deklamation, Orchestik, Schauspielkunst. Die 
vierte Gruppe, Nr. XVIII — XXTII, enthält nun die Geschichte 
der bildenden Kunst; die Notiz der Denkmäler, die hier zuers' 



III. Bisherige Versuche zu einer Encykl. d. philolog. Wissenschaft. 43 

^tergebracht ist (XYIII), macht für sich als blosses Material 
S^ keine Disciplin aas^ und die archäologische Eunstlehre (XIX) 
Staate als Organon Toranstehen^ gehörte aber dann in die Aesthc- 
tik, welche jedoch an sich philosophisch^ und nur wenn sie ge- 
ichichÜich gefiEunt wird^ als Nachweisung der Eunstideen in den 
bistoriflchen Erscheinungen philologisch ist Nun folgt (XX) eine 
aligemeine Geschichte der Kunst des Alterthums, und dann wie- 
der in das Besondere zurückspringend (XXI — XXIII) , die Ge- 
schichte der Architektur^ Numismatik und Epigraphik. Somit 
fdilt aus der speciellen Kunstgeschichte die Geschichte der Bild- 
hauerei^ Malerei u. s. w.^ die doch nicht in der archäologischen 
Kunstlehre Torkommen kann. Die Inschriften der Numismatik 
^A ebenfalls literarisch und die Münze selbst ist theils bloss 
^^Xvvi ßdvaucoc^ theils bloss als Geld und endlich bloss als Bild- 
i^cirei zu betrachten, gehört also gar nicht ganz in die Geschichte 
^ bildenden Künste und was von ihr dahin gehört, kann kein 
S^^sseres Feld haben als etwa die Glyptik. Man wird doch nicht 
^€ Wissenschaft nach dem Stoffe bestimmen wollen, als Kunde 
^*^ gepri^^n Metallstücke? Die Epigraphik endlich ist eigent- 
^^h ein Theil der Literaturgeschichte, insofern sie sich auf Schriften 
^^^^ht, sowie die ganze Archäologie der Schrifk oder die ur- 
^^Uidliche Diplomatik; was an ihr Monument der Kunst, das ist 
^cht Gegenstand der Epigraphik. Nr. XXIV. ist als Anhang, 
^B Reflexion über die Philologie allerdings das Letzte, gleichsam 
^e Philologie der Philologie. Fasst man unsere Kritik zusam- 
men, so begreift man kaum, wie der berühmteste Philologe so 
^t-wis schreiben konnte, und wie man es gar noch bewundem 
^^nn; die Physiker sind viel weiter in der Classification. Doch 
^^^8 liegt an der Classification? Ich selbst halte in der Regel 
^on diesem blossen Begriffswesen wenig-, aber hier kommt es 
offenbar darauf an. Denn die Philologie soll eine Erkenntniss 
<>^8 gesammten Alterthums geben; wie ist es aber möglich, das 
^Iterthum klar und deutlich anzuschauen, wenn man bald die 
^^ir|;ftiia der Forschung mit dem materiellen Theil yermischt, bald 
^^uxaere Wissenschaft von der Sache mit der der Alten, sodann 
^wieder unwesentliche Punkte so sehr herrorhebt und andere we- 
sentliehe zurückdrängt, bloss weil der Zufall die Ausbildung des 
^«inen oder des Anderen bei dem einen oder andern Philologen 
^>^rdert oder gehemmt hat. Die wesentlichen Punkte, aufge- 
wunden durch einen streng wissenschaftlichen Gang, muss man 





44 Einleitung. 

hervorheben und ko darstellen, dass stets die Einheit des 
niein^'n mit dem Besondem und das Leben des Besondem 
dem Allgemeinen klar werde. Nur so kann die Wissensc! 
organisirt werden^ was also durch die Wolfs che Darstell 
nicht geschieht. Wolfs Schrift über die Encyklojmdie zeigt di 
praktischen Kenner der Wissenschaft; den Virtuosen in der pl 
lologischen Kunst und den geistreichen Mann; nur f&r d< 
Aufbau der Wissenschaft kann ihr keine Stimme g^öi 
werden. 

Wir prfifen demnächst die Ast 's che Ansicht. Ast geht 
einer mehr wissenschaftlichen Tendenz zu Werke. Er untersbh^i -^ 
(loi eine theoretische und praktische Philologie^ letztere als Stu---''^ 
dium zum Behuf der freien Bildung des Menschen. Dieser Unter- — 
Hchied ist — wie wir gesehen haben — an sich gegründet^ ge- ^ 
h(>rt aber nicht in unsere wissenschaftliche Darstellung und faüdet 
auch keinen ausschliessenden Gegensatz. Die theoretische Philo- 
logie tlieilt er in vier Theile: 1) die politische Geschichte; 2) die 
Alterthumskunde; 3) die poetische Sphäre oder die Mythologie 
und alle Künste; 4) die Wissenschaften und die Philosophie. Was 
an dieser Eintheilung wahr ist, wird der Verfolg unserer Unter- 
suchung zeigen; vorläufig erklären wir uns gegen die Stellung 
der Alterthümcr, die wir, wie oben gesagt, gar nicht als etwas 
Bestimmtes, von der politischen Geschichte Gesondertes können 
gelt-en lassen. Ast hat im Uebrigen die Brauchbarkeit seines 
Biu'hcH durch einen unangenehmen trockenen Formalismus ver- 
dunkelte Zimi Organon der Philologie rechnet er ausser Herme- 
neutik und Kritik die Grammatik. Das Organon in der Philo- 
sophie ist die Logik, die Lehre von der philosophischen Function; 
ist nun für den Philologen die Grammatik dasselbe? 

Sonderbar ist die Unterscheidmig, welche Bernhard y in 
stnnor Encyklopädie zwischen Elementen und Organon der Philo- 
h)gie macht. Die Elemente^ die bei ihm den ersten Theirbih- . 
den, sind Hermeneutik und Kritik; das Organon, der zweite 
Theil, ist ilie Grammatik. Den dritten Theil bilden die realen 
Wissenschaften und zwar: a) Literaturgeschichte, b) Geographie, 
i'i (leschiclite mit Chronologie und Antiquitäten, d) Mythologie. 
Als vierten und letzten Theil führt er die „Beiwerke^ der Phi- 
lologie auf, d. h. a) Kunstgeschichte nebst Numismatik und £pi> 
graphik und b) Geschichte der Philologie. Hier ist gar kein 
festes fc^ysteni, keine begriÖliche Scheidung. Weshalb ist die Ge- 



A V . 



VerhältnisB der Encyklopildie zur Methodik. 4f. 



^csliiichte der Fhilosopliie ausgescUossen und nicht die Geographie? 

Seltsam ist besonders der Unterschied der realen Wissenschaften 
\jkxxd Beiwerke; er beruht auf einer weitverbreiteten Ansicht, 
^wonach die Eunstarchäologie nicht eigentlich zur Philologie ge- 
l^ört. Dieselbe ist aber hier nun gar der Geschichte der Philo- 
logie coordinirL 

Matthiä stellt in seiner Encyklopädie die Hermeneutik und 
Kritik als Zweck der Philologie auf; alles Uebrige dient bloss 
als Mittel und diese Mittel sind ihm Sprachkunde und Alter- 
thumsknnde. Die Hermeneutik und Kritik bilden den praktischen 
Theily der Inbegriff der Mittel den theoretischen. Eine grössere 
Verwirrung der Begriffe ist kaum erreichbar. Die Begründung 
der bloss formalen Thätigkeit^ wodurch das Materielle ergründet 
^^ird, ist zwar Theorie einer praktischen^ d. h. einer ausübenden 
"Fliatigkeit; aber sie ist nicht das Praktische der Philologie^ wel- 
Celles in ihrer Anwendung auf den Unterricht u. s. w. besteht; 
^uid die Ausübung kann auch nicht der Zweck sein^ sondern 
dieser ist das zu Ermittelnde ^ das^ worauf die Erkenntniss geht. 
Den Begriff der Mittel aber als theoretischen Theil zu bezeichnen^ 
ist noch seltsamer; als Mittel würden sie nur Lemmata sein aus 
andern Disciplinen; wie kann man aber solche Lemmata als 
llieorie der Disdplin betrachten? Diese muss doch selbst in sich 
^l^re Theorie haben. Augenscheinlich ist das Verhältniss gerade 
umzukehren: Hermeneutik und Kritik sind formale Thätigkeiten^ 
▼eiche Mittel sind für das^ was Matthiae Mittel nennt; letzteres 
ut der Zweck und materieU^ beides aber theoretisch. Das Prak- 
tische ist ein Drittes^ wozu die Theorie angewandt wird. Uebri- 
geu£ begründet Matthiae seine Ansichten nicht^ sondern begnügt 
&ich damit dieselben aufzustellen. 

Ehe ich nun an die Darstellung meines eigenen Systems 
gehe, muss ich noch zweierlei aus der Encyklopädie ausscheiden, 
^'as gewohnlich damit vermischt wird, nämlich die Methodo- 
^<>gie und die Bibliographie. 

IV. 
Verhältniss der Encyklopädie zur Methodik. 

§ 9. Man würde sehr irren, wenn man eine Encyklopädie an sich 
iueh für eine Methodik halten wollt<\ Die Encyklopädie hat einen 



46 Einleitang. 

rein theoretischen wissenschaftlichen Zweck, die Methodik < 
andern, nämlich die Unterweisung, wie man sich die Theoi 
erwerben habe. Die Encyklopädie gibt den Zusammenhang 
Wissenschaft an; sie entwirft das Ganze mit grossen Striches 
Zügen. Wer aber eine Wissenschaft studiren will, kann un 
lieh gleich auf das Ganze ausgehen. Die Encyklopädie kann 
nicht etwa dadurch eine Methodik vertreten, dass man die 
ciplinen nach der encyklopädiBchen Ordnung studirt. Wäre 
möglich, so würde es doch zweckwidrig sein. Die Encyklo] 
geht von den allgemeinsten Begriffen aus; der Studirende 
davon nicht ausgehen, sondern muss den entgegengesetzten < 
nehmen. Während die Encyklopädie das Einzelne aus dem A 
meinen ableitet und erklärt, muss der Studirende gerade ers 
Einzelne als Basis und Stoff der Ideen kennen lernen, und 
erst von hier aus zu dem Allgemeinen aufsteigen, wenn er ' 
lieh die Wissenschaft sich selbst bilden, nicht blos anlernen 
Dies folgt aus dem Begriff der Philologie; denn bei der 1 
rischen Forschung soll das Allgemeine das Resultat sein; di^ 
cyklopädie gibt aber schon dies Resultat 

Wer zuerst den Ueberblick der Wissenschaft, die Enc 
pädie sich aneignen, und dann allmählich ins Speciellere h 
steigen woUte, der würde nie zu einer gesunden und gex 
Erkenntniss gelangen, sondern sich unendlich zerstreuen um 
vielen Sachen wenig wissen. Sehr richtig bemerkt Schel 
in seiner Methodologie des akademischen Studiums, dass 
Ausgehen von einem universalhistorischen Ueberblick im Sta 
der Geschichte höchst unnütz und verderblich sei, indem 
lauter Fächer und nichts darin hat. Er schlägt vor, in dei 
schichte erst einen Zeitraum genau zu studiren, und sich von di 
aus allmählich nach allen Seiten hin auszubreiten. Ein ähnl 
Gang ist für die Philologie, die ja mit der Geschichte im s 
meinsten Sinne zusammenfällt, methodisch der allein ric] 
Alles in der Wissenschaft ist verwandt; obgleich sie selbsj 
endlich ist, so sympathisirt und correspondirt doch ihr g 
System. Man stelle sich, wohin man woUe, nur dass man < 
Bedeutendes und Würdiges wähle, und man wird sich von dj 
Anfangspunkt aus nach allen Seiten hin ausbreiten müssen 
zum vollständigen Verständniss zu gelangen. Von jedem 
zelnen wird man aufs Granze getrieben; es kommt nur darai 
dass man richtSg zu Werke geht und Kraft, Geist und 



IV. Verbaltniss der Encyklopädie zur Methodik. 47 

• 

miihringt Wählt man sich verschiedene solcher Ausgangspunkte 
und bemüht sich Ton dort aus auf das Ganze durchzudringen^ 
80 wird man dies um so sicherer ergreifen und zugleich die Fülle 
des Einzelnen um de reicher erfassen. Durch die Vertiefung in 
das Einzelne vermeidet man also am leichtesten die Gefahr ein- 
seitig zu werden^ weil in Folge der Verbindung der Disciplinen 
die Untersuchung in jedem Fache wieder in viele andere hinein- 
tmbi Strebt man dagegen von vornherein nur nach encyklo- 
pidischer Vielseitigkeit^ indem man in allen Fächern das Allge- 
lueinste abpflückt, so gewohnt man sich, schnell von dem Einen 
2Qm Andern überzugehen und nichts gründlich kennen zu lernen. 
Die grossen hollandischen Philologen schreiben vor das ganze 
^Iterthum chronologisch zu studiren, so dass man es gleichsam 
ftuf einer Landstrasse durchreist^ wo man alle Tage eine Anzahl 
M^en macht — eine Art zu reisen, welche wenig unterrichtet, 
l^eses lineare Verfahren führt nicht in das Wesen der Dinge, wie 
die Hollander ja auch nur äusserlich gesammelt haben. Die 
^Uuig richtige Methode ist die cyklische, wo man Alles auf einen 
Punkt zurückbezieht und von diesem nach allen Seiten zur Peri- 
pherie übergeht. EUerbei gewinnt man die Fertigkeit Alles, was . 
nxan angreift, tüchtig und mit Ernst anzugreifen; man übt das 
Urfcheil besser, weil man bei einem Gegenstande länger verweilt; 
man erlangt mehr Virtuosität als bei jenem allgemeinen Studium, 
iurch welches andrerseits wieder die Meinung, als wüsste man 
Tiel, und die unselige TroXuTrpaYjbiocuvTi befördert wird. 

Obgleich aber Encyklopädie und Methodologie ganz und gar 
verscliieden sind, ist es nichtsdestoweniger sehr gut, beides zu 
verbinden. Denn zunächst haben wir die Methode das Einzelne 
^ stodiren nicht in dem Sinne gelobt, als ob man das erste 
"^ vornehmen könnte, ohne sich um das Andere zu beküm- 
'ii^ni. Dies gäbe in der That eine abscheuliche Einseitigkeit, 
wekhe man in frühen Jahren austreiben muss; denn sie setzt 
»ch zu leicht fest und es geht daraus jene Selbstüberschätzung 
kerror, wonach jeder sein Fach für das höchste und alles An- 
dere f&r Nichts achtet. Man muss also die Uebersicht, welche 
die Encyklopädie giebt, als Gorrectiv des speciellen strengen Stu- 
diums anwenden, indem man sie sich imAnschluss an dieses 
and neben demselben aneignet. Hierzu muss die Encyklopädie 
.selbst methodische Anleitung geben. 



48 Einleitung. 

Da sie übrigens den allgemeinen wissenschaftlichen Zusai 
menhang dessen finden lehrt, was man einzeln auffasst, reizt i 
auch den wissenschaftlichen Forscher zum weitern Yordring 
ins Einzelne y welches ihn sonst anekeln würde; denn der Zusa: 
menhang ißt ein Bedürfniss des Geistes. Viele treiben die I^ 
lologie ohne Bewusstsein; kämen sie zum Bewusstsein dessi 
was sie treiben, so würden sie, wenn sie gute Kopfe sind^ d 
Studium wegwerfen, weil sie keine Basis nnd keinen Zusammc 
hang in ihrer Arbeit finden würden. Die Philologie muss si 
wissenschaftlich gestalten, damit Alles von einer Idee durc 
drungen sei; sonst kann sie nicht lange Befriedigung gewähn 
Ich selbst bin oft irre geworden, bis ich eine höhere Ansic 
gefunden habe. Wenn man auf Grund eingehender specieller F< 
schungen das Bewusstsein yon dem Zusammenhange des Gans 
gewinnt, so wird das volle Verstandniss der encyklopädisch« 
Uebersicht die Blüthe des philologischen Studiums sein. Dar 
eine solche Uebersicht wird man aber zugleich während des^t 
diums selbst in den Stand gesetzt sich mit mehr Sicherheit da 
jenige auszuwählen, was man speciell ergründen wiU. 

Wenn daher das encyklopädische Studium neben dem Specii 
Studium hergehen muss, so giebt es ausser der Praxis selbst k< 
nen schicklicheren Ort die Grundsätze der Methodologie anz 
geben als in der Encyklopädie. Der formale Theil der letzter 
ist ganz methodisch — er lehrt die Methode der philologisch* 
Forschung selbst — hieran muss dann die Methodologie, welc 
die Methode der Aneignung der Wissenschaft ~ lehren soll, ih 
Vorschriften anknüpfen. Man wird also am besten bei jede 
Abschnitt beifügen, ob die darin enthaltene Disciplin früher od 
später, ferner wie und mit welchen Hülfsmitteln sie studirt wc 
den müsse. Nur durch eine solche Verbindung mit der Enc 
klopädie wird die Methodologie wissenschaftlich begründet; mi 
erhält eine Vorstellung, was theoretisch die Wissenschaft s 
indem man zugleich erkennt, wie man sich derselben so leic 
imd so gründlich als möglich zu bemächtigen habe.*) 



*) Yergl. die Prooemien zu den Berliner Lektionskatalogen (Kl. Sd 
Bd. IV) Yonl8d6: De recta artium studiorwn ratione (S. 400 ff.)! ^^n 189 
(■avendum esse ne in artiiun studiis nimium dtstrahcUur animus (S. 418 fl 
von 1839/40: De delectu in studiis instüuendo (S. 471 ff.). 



V. Vou ^ Quellen u. Hülfsmitteln d. gesammt. Sind. — Bibliographie. 49 

V. 

Von den Quellen und Hül&mitteln des gesammten Studiums. — 

Bibliographie. 

§ 10. Die Encyklopädie stellt das System der Wissenschaft 
auf, die Methodologie giebt die Art an die Theile zu studiren. 
Das Studium ist aber ein Studium aus Quellen; diese bestehen 
in Allem, was aus dem Alterthum vorhanden ist, also ausser der 
lebendigen Tradition der Sprache, der Sitten und politischen In- 
stitute in den Werken der bildenden Kunst und der Industrie 
und in der ganzen Masse der erhalteneu Schriften. Letztere sind 
die Hauptquellen, wie schon der Name der Philologie andeutet. 
Die Kenntniss der Kunstüberreste muss man .theils durch eigene 
Anschauung, theils aus Abbildungen und aus der Museographie 
und der archäologischen Geographie oder Topographie gewinnen*, 
auch hier und nicht minder bei den andern Quellen kommt also 
wieder Bücherkenntniss in Betracht. Die Kenntniss der Quellen 
ist nun weder in der Methodologie noch in der Encyklopädie di- 
^ inyolvirt; jene enthält Regeln, diese Sätze. Den Haupttheil 
j^ner Kenntniss, die Bücherkunde, hat Friedr. Aug. Wolf in 
seinem Entwurf unter Nr. XXIV als besondere Disciplin aufge- 
^fiUirt Sie ist indess keine Disciplin, sondern, wie die gesammte 
Quellenkenniniss, nur die nothwendige Voraussetzung für die 
rinzehien Disciplinen. Die Bibliographie ist überhaupt augen- 
scheinlich keine Wissenschaft, sondern bloss die Aufzeichnung 
des Büchermaterials für die Wissenschaft. Mau hat sie wohl 
*l* Bibliothekwissenschaft oder als einen Zweig der letztern be- 
zeichnet; allein eine Bibliothek Wissenschaft giebt es ebensowe- 
nig als eine Registraturwissenschaft, da zu beiden die constitui- 
wnde Idee fehlt. 

Die Bibliographie kann also nur als ausser der Wissenschaft 
atehendes Hülfsmittel des Studiums angesehen werden; es fragt 
sich, ob sie in der Encyklopädie zu berücksichtigen ist. Manche an- 
geblich wissenschaftliche Darstellungen bestehen aus nichts als 
Bachertiteln, in andern werden die Quellen gar nicht angegeben. 
Eine £ncyklopädie von der erstem Art verfehlt nothwendig ihren 
eigentlichen Zweck; eine encyklopädischc Darstellung der andern 
Art dagegen kann vortreffliche Begriffsentwickelimgen enthalten 
and eine wahrhaft geistige Belehrung gewähren; aber sie hat den 

Böckh'a Encyklopftdie d. pbilolog. Wissenichaft. 4 






50 Einleituug. 

Mangel, dass man daraus nicht genügend ersieht^ was bereits -^ in 
der ^^^issenschaft geleistet ist. Es ist daher zweckmässig, d^^ ass 
man, um den Stand der Forschung zu bezeichnen^ bei jedem ^^^b- 
schnitt der Encyklopädie einen bibliographischen Zusatz macE'^^sIie. 
Dies ist zugleich aus methodologischen Gründen nöthig; der-^snn 
um anzugeben y wie man sich die Wissenschaft anzueignen h .^a^ 
muss man auch auf die Quellen und Hülfsmittel aufmerkst — "^ rn 
machen. 

Literatur. Man muHS sich die Kenntniss der Bibliographie vor All^«^>-^'^ 
durch eigene Anschauung auf Bibliotheken und im Buohladen erwerben u^ .XJ^ 
sich aus Zeitschriften und Katalogen auf dem Laufenden erhalten. Di 
kommen dann bibliographische Hülfsmittel. 

1. Es gehören hierher zuerst allgemeine 'Werke; ich führe eini 
besonders wichtige an: Bayle's vorzügliches THctionnaire historique et eri- 
tique (Rotterdam 1697), Amsterdam 17S0, 4 Bände. — J Och er, AU^e- ' 
meines Gelchrtenlexikon. Leipzig 1750, 4 Bände, fortgesetist von Adelung 
1784-87 und von Kotermund. Bremen 1810—22. — Hamberger, Zu- 
verlässige Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern vom Anfang 
der Welt bis 1500. Lemgo 1756 — 64, 4 Bände. — Saxius, (humiasHcm 
Htterariutn 8. fiomenclator hist. cnt. praestantissifnarum omnis aevi scriptomm. 
Trat. 1775 — 1808, 8 Bände. — Ersch, Allgemeines Repertorium der Lite- 
ratur für 1786 bis 1800. Jena, Weimar 1793 — 1807, 8 Bde. — Ebert, 
Allgemeines bibliographisches Lexikon. Leipzig 1821 — 30, 2 Bde. — Kai- 
ser, Vollständiges Bücher -Lexikon enthaltend alle von 1750 bis Ende 1870 
in Deutschland und den angrenzenden Ländern erschienenen Bücher. Leip- 
zig 1834 — 1872, 18 Bde. — Mensel, Gelehrtes Deutschland, fortgesetit 
von Ersch und Lindner. Lemgo 1796—1834, 23 Bde. Aehnliohe Werke 
haben die Franzosen und Engländer in grosser Ausdehrung. 

2. Besondere bibliographische Werke über Philologie: Jo. Alb. 
Fabricius, Biblioyraphia antiquaria (1713). 3. Aufl. Leipzig 1760, SBde.; 
Bibliotheca graeca (1705). 3. Aufl. Hamburg 1718-28, 14 Bände, neu 
her au »gegeben von Harless, Hamburg 1790 — 1809, 12 Bände (unvollendet); 
Bibliotheca latifui (1097). 5. Aufl. 1721—22, 3 Bände, neu herausgegeben 
von Ernesti, Leipzig 1773 — 74, 3 Bunde; Bibliotheca latina mediae et tu- 
fimae ttetati». Hamburg 1734 — 46, 6 Bände, neu herausgegeben vonMantii, 
Padua 1754. — Ersch, Literatur der Philologie , Philosophie und Pädagogik. 
Heit der Mitte des 18. Jahrh. bis auf die neueste Zeit. Leipzig (1812) 1822. 
A Is (1 ritte Auflage hiervon erschien : Geissler, Bibliographisches Handbuch 
der philologischen Literatur der Deutschen von der Mitte des 18. Jahrh. 
bis auf die neuest«^ Zeit. Nach Joh. Sam. Ersch in system. Ordnung be- 
arbeitet, Leipzig 1845. > Krebs, Handbuch der philolog. Bücherkunde für 
Philologen und gelehrte Schulmänner. Bremen 1822 — 23, 2 Bände. — 
Schweiger, Handbuch der klassischen Bibliographie. Leipzig. 1 Bd.. 1880, 
2, Bd. 1832—34 (sehr reichhaltig). — Weber und Han^sse, Reperto- 
rium der klass. Alterthumswissenschaft (Literatur von 1826, 27, 28). Essen 
1832—34, 3 Bände. — Wagner, Grundriss der klassischen BibHograpbie. 



'V. Von d. Quellen n, Hülfsmitteln d. gesammt. Stud. — Bibliogpraphie. 51 

Creslan 1840. — Mühlmann und Je nicke, Repertorium der klassischeu 
Philologie nnd der aof sie sich beziehenden pädagogischen Schriften. Leip- 
zig 1844 — 47, .^ Jahrgänge. — Engelmann, Bibliotheca scriptarum classi- 
tcamm ei Oraecorum et Ijotinanim. Alphabetisches Yerzeichniss der Ausga- 
ben, Uebersetsungen und Erlftutemngsschriften der griech. und lat. Schrifb- 
Bteller desAlteryiums, welche von 1700 bis Ende 1858 besonders in Deutschland 
gedruckt worden sind. 7. Aufl. Leipzig 1858. [Unter demselben Titel int 
clies Yerzeichniss weitergeführt (1868 bis incl. 1869) von C. H. Herr- 
■nann, Halle 1871. Hierzu Supplement und Fortsetzung bis Mitte 1873 
von Klussmann, Halle 1874J. — Engelmann, Biblioiheca philoloffiea, 
csder alphabetisches Yerzeichniss derjenigen Grammatiken, Wörterbücher, 
Ohrestomathien, Lesebficher und anderer Werke, welche zum Studium der 
griech. und lat Sprache gehören und vom Jahre 1750, zum Theil auch 
früher, bis zur Mitte des Jahres 1852 in Deutschland erschienen sind. 3. Aufl. 
Lteipzig 1853. — [C. H. Herrmann, Biblioiheca philölogica, YerzeichnisH 
^er vom Jahre 1852 bis Mitte 1872 in Deutschland erschienenen Zeit- 
schriften, Schriften der Akademien und gelehrten Gesellschaften, Miscellen, 
Zk>llectaneen, Biographien, der Literatur über die Geschichte der Gymnasien, 
3ber Encyklopädie und Geschichte der Philologie, und über die philo - 
Logischen Hülfiiwissenschaften. Halle 1873]. — Ruprecht, Biblioiheca phi- 
^^Aogiea, oder geordnete Uebersicht aller auf dem Gebiet der klass. Alter- 
tumswissenschaft, wie älteren und neuereu Sprachwissenschaft in Deutschs- 
Laad und im Auslande neu erschienenen Bücher. Göttingen 1848 — 74, 26 
:Vahrg&nge k 2 Hefte. 

Beionders wichtig ist die Kenntniss der Handschriften; das voll- 

ivUndigste Yerzeichniss derselben aus älterer Zeit ist: Montfaucon, Bi- 

&ltotibeca 6t&/tot^eoarum codicum manuscriptorum. Paris 1739, 2 Bände. Ein 

Ähnliches Werk aus unserm Jahrhundert ist: Häuel, Catalogi librorum ma- 

amusLiiptorum, qui in biblioihecis Gdlliae, Helvetiae^ Hiapaniae, Lusitaniae, 

^dgü, Briianmae usserrantur. Leipzig 1829. — Specialschriften Über die 

^iamiscripte der verschiedenen Bibliotheken findet man in den angefÜhr- 

^ allgemeinen bibliographischen Werken verzeichnet. — Die umfassendsten 

^^iimüungen alter Drucke sind: die Annales typographici von Mait- 

^*ire. Haag 1719 — 25, 5 Bände, und die Annales typographici von 

^Anzer. Nürnberg 1792—1803, 11 %nde, ein in seiner Art klassi- 

«*«• Werk. 

Dissertationen und Programmschriften sind zum Theil in den 

''^elührten allgemeinen Werken, z. B. in denen von Engelmann, berück- 

nchtigt. Eigene Siunmlungen dieser Schriften sind: Reuss, Repertorium 

^^"^^mtewtationum a societatibus Utterariis editarum. Göttingen 1810, 2 Bände, 4. 

~~ 'v. Gruber^ Yerzeichniss sämmtlicher Abhandlimgen in den auf preussischeu 

^^^T^kinasien erschienenen Programmen von 1825 — 37. Berlin 1840. — Wi- 

^^^wski, systematisches Yerzeichniss der in den Programmen der preuss. 

^Tmiuuien und Progymnasien, welche in den Jahren 1825 — 1841 erschienen 

^^, enthaltenen Abhandlungen, Reden und Gedichte. Münster 1844. — 

»fthn, systematisch geordnetes Yerzeichniss der Abhandlungen, Reden und 

eichte, die in den an den preussischen Gymnasien und Progymnasien 

1^1—60 erschienenen Programmen enthalten sind. Salzwedel 1864. — 



VI. Entwurf unseres Planes. 53 

vollständig erschöpfen. Der erste ist formal, denn die Form 
^T Philologie ist die Darstellung ihres eigentlichen Aktes, ihrer 
Fimction; Aet andere ist material, denn er enthält den ge- 
summten von der Wissenschaft gestalteten Stoff. Wenn wir 
diese HauptÜheile wieder aus dem Begriff selbst weiter theilen, 
^ werden wir den ganzen Inhalt des Begriffes finden, ohne 
''Tgend eine weitere Zuthat, ohne etwas von Aussen hinzuzuneh- 
^ea nnd ohne etwas auszulassen. Es wird eine sichere Probe 
'Ör die Richtigkeit unsrer ersten Definition sein, wenn sich nur 
*^8 dieser, nicht aber aus irgend einer andern die Theile, na- 
flientlich die Thätigkeiten, welche der formale Haupttheil be- 
scKreibt, vollständig ableiten lassen. Ehe wir nun zur weiteren 
Theilung jedes der beiden Hauptabschnitte übergehen, wollen wir 
zunächst den Unterschied und die Wechselbeziehung zwischen 
^iden genauer erörtern. 

§ 12. Der formale Theil betrachtet die philologische Thä- 
tigkeit, welche der Idee nach früher da ist als ihr Produkt; da- 
her mu88 er in der Darstellung vorangehen. In der Ausübung 
ist die Priorität der formalen Function xiicht so unbestritten. 
Für die meisten Momente des Verstehens wird schon eine grosse 
Ajizahl gegebener Produkte vorausgesetzt. Zum Yerständniss 
einer Schrift z. B. gehört in jedem einzelnen Falle Kenntniss der 
Sprache und der Literaturgeschichte, oft sind dazu ausserdem 
historische, kunstgeschichtliche Kenntnisse u. s. w. erforderlich. 
So muss sehr häufig, ja fast überall ein grosser Theil des 
Materials für die Wirksamkeit der formalen Function gegeben 
«ein. Die Aufgabe des philologischen Künstlers besteht gerade 
darin diese scheinbare petitio principii oder den Kreis, der in 
der Sache selbst liegt, zu lösen. Was also in den formalen, was 
in den materialen Theil gehört, lässt sich nicht nach dem be- 
stimmen, was man in jedem einzelnen Fall zum VerstJindnisse 
braacht; denn alles Ermittelte wird wieder Mittel zum Verstand - 
mss. Ich bemerke dies ausser Anderem wegen der Grammatik. 
Man hat dieselbe zum Organon gerechnet, weil man die Sprache 
brauche um zu verstehen. Aber hierbei hat man nicht überlegl, 
riass man so alles zum Organon rechnen könnte. Offenbar ist 
eH Aufgabe der Philologie die Sprache selbst und also auch ihre 
grammatische Form zu verstehen, insofern das Wiederzuerkennende 
in der Sprache niedergelegt ist. Das wahre Verhältniss erscheint 
am deutlichsten, wo die Wissenschaft ihre Aufgabe von Grund aus 



Uh',i'h innny. lUnn itii tUtf Fall %. R in der ägyptischen Philologie, 
ilii'r liil. ili<' H\iriU'\%a gar nicht gegeben, sie muss erst gefanden 
wjfifli'M ; WM) kann niif aUo xum Organen gehören? Natürlich 
lUiHcl (IdMM^IIm im Orundr auch t>ei den klassischen Sprachen statt, 
IHM nirlil. in MO iiiifTiilli*ndfT WeiHC, weil hier die grammatische lieber- 
hiili'iitng '/.ii lllWrii koninii; wan indcHs nichts an der Sache änderL 
Hiin H|inir|ilirliiMHi Hi*lh(*r Ohject der Betrachtung; die Grammatik 
imI finl ri'oiliH't. ilrr philoluginchon Thätigkeit und gehört deshalb 
Mii lil /.um riii'iiiiiloti TImuI. Dio alten Sprachen sind ein Erzeug* 
iiiNh (liti« AllitrtliuniN, woIrlu^N von der Philologie reconstruirt wer- 
ili«ii Hull; MIO liogon im Aliorthum in den zu erkennenden Völ- 
lit*i II hollmt . rtiiul iilmi nir don IMiilologon Material seiner Thätig- 
li««il MIonUhgN ImUIou mIo im (logousatx gegen Anderes ein melir 
loumiloH Klomout; uWr formiil filr das Object, nicht fOr die sab- 
liMloo rUiUi^koit doN Hotrnohtomlon; nur diese, nicht aber was 
\\\\ MtovtUuiu M'lbst Form dor £rkenntni8s ist, wird in dem 
i\«i\uulou riu'il dor riuK^logie dargestellt. Zum Qiganon ist 
u\ii dio HuMiio do9t \(nimmatisohen Verstehens in ihrem 
v^t^^AOu rmtdu^r^« c4U\*h dio Tlu\me de$ Verständnisses der 
S|M,4vUo «olWi <u i^vUucu. Ui^nuit ist zugleich der Streit ge- 
xshUvt^ioi« oV der rhi)oU>^ sich mehr mit den Realien oder 
,io« SimakV.o ls*u>*-.^ sv*lUv IV Sprache »hon selWt mit sor 
SjftvV/. \^-o.cVa' hUO l^.uo's'^^ 5u VetTftchitKi ku. und mose nls 
N*v^^* ^c^. .*.vv-» ^^*.v\>^v. v.4chvvus(ri:iread «fkautt verdem. vo- 
..v*v ^ Jv v»>;uuÄiA?t^ ^u vi>r Keib» vser sacüiciea TWfiie der 







VI. Entwurf unseres Planes. 56 

Ganzen oder einem andern Einzelnen , oder durch Beziehung auf 
ein Ideal. Das absolute Verstehen behandelt die Hermeneutik^ 
das relaÜTe die Kritik. Hierunter muss jede Art der Auslegung, 
die grammatische^ logische, historische, ästhetische und jede Art 
der Kritik^ höhere und niedere u. s. w. begriffen sein, und es ist 
hier die ToUstaüdigste Enumeration-, denn es ist dem Begriffe 
nach schlechterdings unmöglich, dass nicht alles Formale der 
Philologie von diesen beiden Theilen befasst werde. Der Gegen- 
salE des Absoluten und Relativen geht aus dem Begriff des Ver- 
ständnisses selbst, die Unterschiede des Grammatischen, Logischen 
u. s. w. aus stofflichen Bezi^ungen hervor-, wenn es sich aber 
um die generelle Verschiedenheit des Verstehens handelt, so 
muss man sie in dem Verstehen selbst und nicht in der Ver- 
schiedenheit des Objectes nachweisen. 

Die Hermeneutik und Kritik entwickeln natürlich nur die 
Gmndsatze des ^Verstehens; die Ausübung und Realisirung der- 
selben ist die philologische Kunst. 

De^pmateriale Theil der Philologie enthält die mittelst der 
formalen Thatigkeit ausgemittelte Erkenntniss des Erkann- 
ten. So vielfach das Erkannte ist, so vielfach sind die Gegen- 
stände der Philologie und also die Abschnitte dieses Theiles. Nun 
ist aber das Erkennen eines Volkes, wie gesagt, nicht bloss in seiner 
Spnu^he und Literatur niedergelegt, sondern seine ganze nicht 
pbysische, sondern sittliche und geistige Thatigkeit ist ein 
Ausdruck eines bestimmten Erkennens; es ist in allem eine Vor- 
Btellung oder Idee ausgeprägt. Dass die Kunst Ideen ausdrücke, 
2^ar nicht begriffsmässig, aber versenkt in eine sinnliche An- 
schauung, ist klar. Es ist also auch hier eine Erkenntniss und 
em vom Geist des Künstlers Erkanntes vorhanden, welches in 
d^r philologisch -historischen Betrachtung, der Kunsterklärung 
^d Kunstgeschichte, wiedererkannt wird. Dasselbe gilt vom 
Staats- und Familienleben; auch in der Anordnung dieser beiden 
Seiten des praktischen Lebens ist überall ein inneres Wesen, eine 
Vorstellung, also Erkenntniss jedes Volkes entwickelt. Die Idee 
^^T Familie piagt sich in der historischen Entwickelung dersel 
^H bei jedem Volke in eigenthümlicher Art aus, und in der 
£ntwickelung des Staates treten alle praktischen Ideen des Volkes 
verwirklicht hervor. In wiefern in dem Familien- und öffentlichen 
Leben Ideen realisirt sind, liegt also auch darin ein Erkennen 
und das Volk hat diese Ideen in ihrer Verwirklichung selbst als 



VI. Entwurf unseres Planes. 57 

Der materiale .Theil beginnt also mit einer solchen allgemei- 
nen Anschauung y und sie kann hei der Philologie des Alter- 
Üit&inQ nichts anderes sein als die Idee des Antiken an sich^ 
VAS Welcher sich dann wieder die Charakteristik der beiden Jfa- 
\ioiieii ergiebi Dies ist der allgemeine Theil oder die allge- 
meine Alterthumslebre. Die Aufgabe derselben ist freilich 
liur ein Ideal, welches nie völlig erreicht werden kann, indem 
^ munö^ch ist alle Einzelheiten zu einer Totalanschauung 
^ verbinden; aber es muss wenigstens das Bestreben dahin 
g^hen und die Aufgabe darf nie aus den Augen gelassen werden, 
-^e blosse Abstraction darf indess dies Allgemeine nicht sein, 
^tidem es muss das Einzelne lebendig darin liegen als in einer 
^oucreten Anschauung; das Allgemeine und Besondere setzen 
uabei einander voraus und formiren einander approximativ. Für 
di« Darstellung geht aus dem allgemeinen Theil der besondere 
^er die besondere Alterthumslebre sowohl der Griechen 
als der Römer hervor, als die umfassende Gulturgeschichte des 
Aiterthmns. Jeder von beiden Abschnitten des materialen Theils 
^ntliSlt einen methodischen und bibliographischen Zusatz; letz- 
terer wird bei der allgemeinen Alterthumslebre die Betrachtung 
des Alterthums überhaupt betreffen, also die allgemeine Ge- 
schichte der Philologie enthalten. 

Da alles Allgemeine und Besondere in einander greift, und 
nicht auseinander gerissen werden kann, so ist auch keine ge- 
naue Sonderung der beiden Hauptabschnitte des materialen Theils 
möglich, sondern es wird immer der eine in den andern hinüber- 
»pielen. Dieses gilt auch von den ünterabtheilungen jener Ab- 
iH^itte. Es fragt sich nun, woher für diese Unterabtheilungen 
der Eintheilungsgrund zu nehmen ist. Da das ganze Leben und 
Handeln der alten klassischen Nationen der Gegenstand des 
fliaterialen Theils ist und zwar nach allen Verhältnissen, soweit 
es nicht rein physisch ist, sondern sich darin ein Erkennen aus- 
drückt, so müssen soviel ünterabtheilungen hervorgehen, soviel 
grosse Unterschiede jenes Leben und Handeln enthält. Wir 
sahen, dass die Philologie eigentlich nichts anderes als die Dar- 
stellung dessen in der Verwirklichung, in der Geschichte ist, 
was die Ethik im Allgemeinen als Gesetz des Handelns darstellt. 
(S. oben S. 16 ff.) Aus der Ethik muss also der Grund unserer 
gesammten weiteren Eintheilung hergenommen werden. Man 
muss aber hier die Ethik wie in der platonischen Bepublik als 



58 Einleitung. 

Verhältnisse schaffend denken ^ nicht bloss als Tugend- an 

Pilichtenlehre. Betrachten wir also das Handeln , wodurch äi 

Nation alles, was sie hat^ producirt, ein schaffendes und bildende 

Haivideln. Diese Thätigkeit ist eine gedoppelte, eine praktiscli 

und theoretische. Das praktische Handeln ist ein äusserlidu 

Wirken zur Anbildung einer ffir die sinnliche Existenz notl 

wendigen Sphäre; hierzu gehört; dass zum Behuf aller femeti 

Entwickelung eine Gemeinschaft gebildet wird, zuerst die Fi 

miUC; dann in stufenweiser Erweiterung eine äusserlich un 

innerlich organisch verbundene immer grössere Yereinigonf 

der Stanmi und Staat; das praktische Handeln ist dann df 

Wirken zur Erhaltung und Verbesserung des gemeinsamen Leben 

Diesem realen Handeln ist das theoretische * als ideales en 

gegengesetzt; es besteht in dem innerU; geistigen Producirea 

wodurch der Mensch , wie er dort die sinnliche Welt auswirk 

so hier seine Ideenwelt aus sich herausbildet. Das theoretiscl 

Handeln entspringt somit aus einem Bedürfhiss der Erkenntnii 

und der Darstellung des Innern , das praktische aus dem B 

dür&iss der Befriedigung des Nothdürftigen und aus der Real 

sirung der Willenskraft, welche in That umgesetzt wird u 

sich das Aeussere zu bestimmten Zwecken zu unterwerfen. Bei< 

Seiten des Handelns stehen in Wechselwirkung; denn das Lebi 

ist nicht anzuordnen ohne den voOc, welcher der Ordner all* 

Wohlgeordneten ist; also nicht ohne Theorie. Diese aber i 

nicht gedenkbar ohne die Bedingungen des äusseren sinnlich« 

Daseins; ja das praktische Handeln ist die Basis des Leben 

auf welcher alles Uebrige ruht und aus welcher das theoretiscl 

sich herausbildet. Somit wird die praktische Seite des histoi 

sehen Lebens zuerst zu behandeln sein. Sie umfasst zunäcfa 

die sinnliche Existenz und ihre Erhaltung^ wobei jedoch y< 

Anfang an ein innerer Bildungstrieb nach der Idee des 6ut< 

bestimmend wirkt. Handeln aber kann man^ wie gesagt; nie 

isolirt^ es muss eine Gemeinschaft gebildet oder vorausgesetzt wc 

den. Diese Gemeinschaft kann eine gedoppelte sein: entweder eil 

solche^ wo sich der Mensch mit seiner Individualität an d 

Ganze hingiebt, als Einzelner in keinen Betracht kommt, auss 

inwiefern er in jenem Ganzen lebt, oder eine solche, wo d 

Individualitat hervortritt, sich von dem Ganzen nicht beschrank« 

lässig sondern eben diöses Granze in sich selbst setzt. Dort i 

das Universelle, hier das Individuelle derjenige Begrifi', welch 



VT. Entwurf unseres Planes.' 59 

den entgegengesetzten beherrscht ohne ihn zu tilgen. Die erste 
Art Yon Gemeinschaft ist der Staat; und das daraus hervor- 
gehende öffentliche Leben, worin niemand abgesondert existirt, 
^ro jeder nur im Ganzen lebt, jede Individualität ohne getilgt 
za werden mit dem Ganzen eins sein muss, wenn sie hinein- 
geboren soll. Die andere Art ist die Familie und das sich 
daran schliessende Privatleben; denn in der Familie ist die 
Individualität vorherrschend , der Familiengeist geht von dem 
Einzelnen ans, das Ganze ruht unmittelbar in dem Einzelnen. 
Im Staat wi^ die Objectivitat vor, indem das .Besondere in 
das Allgemeine hineingezogen wird, in der Familie die Sub- 
jectivität, indem das Allgemeine in dem Besonderen aufgeht. 
Dieselbe Duplicitat lässt sich in dem theoretischen Leben nach- 
weisen. Die innerlichste Seite desselben, worin die geistige Na- 
tur des Subjects herrscht^ ist die Wissenschaft, welche in der 
Mythologie von den dunklen Vorstellungen' des religiösen 6e- 
fttils ausgeht und sich zur Klarheit des Verstandes entwickelt; 
in der Religion als Cultus und der sich daraus entwickelnden 
Kunst wird das innere theoretische Handeln wieder äusserlich 
diirch Objectivirungy indem aus der 0€U)pia die ttoiticic hervor- 
geht Wie die Praxis der Theorie vorausgeht, so muss auch 
das Staatsleben vor dem Familienleben und die Eimst vor der 
Wissenschaft abgehandelt werden, da das Objective stets die 
(^dlage des Subjectiven ist.*) 



*) Bede vom Jahre 1853, Ueber die WiBsenscbaffc, iosbesondero ihr 
VerbiUniBs nun Praktischen und Positiven, El. 8chr. II, S. 86 f.: ,,Theorio 
ond Praxis sind swei allgemein gangbare Wörter, die jeder leichthin im 
Monde fBhrt, wie die Münze in der Tasche; solche Wörter nntsen im Laufe 
der Zeiten ihr Gepräge bis zur Unkenntlichkeit ab, und es hängen sich 
diiia dnnkle Nebenvorstellungen , die den wahren Sinn verdecken und kanm 
noeh einen festen Begriff damit zu verbinden erlauben: um die echte Bc- 
deotoDg der swei Wörter zu finden, werden wir schon dahin zurückgehen 
rnüasen, wo sie entstanden oder gestempelt worden sind und woher wir sie 
überkommen haben . . . [Aristoteles] unterscheidet eine dreifache Seelen- 
thatigkeit, die tiieoretisohe oder erkennende, die praktische oder wir- 
kende, die poetische oder machende, und zwar je nach einer jeglichen 
Prineip und Zweck. Das Princip der theoreÜBchen Thätigkeit sind ihm 
die Gegenstände der Erkenntniss, die Dinge selbst in ihrer- Unterschieden- 
heit vom Snbject, und ihr Zweck ist die Erkexminiss , das Theorem selbst, 
oder was einerlei ist, das Wahre; die praktische Thätigkeit hat ihr Princip 
in dem Snbject, in dem Willen desselben und ihr Zweck ist das, was zu 
thon ist, die Handlung abgesehen vom Werke, die Verwirklichung des 



60 Einleitung. 

Der besondere Theil der Alterthumskunde enthält demnach 
vier Hauptstücke; wobei das Grriechische und Romische immer 
zusammengenommen werden können: 

1. Vom Staatsleben oder öffentlichen Leben. 

2. Vom Familien- oder Privatleben. 

3. Von der Kunst und äusseren Religion. 

4. Von der Wissenschaft und der Religionslehre oder inner- 
lichen Religion als Erkenntniss. 

Man könnte hier streiten ^ ob die Religion nicht ganz aus 
dem dritten imd vierten Hauptstück auszusondern und Mythe- 



Guten oder die EnprazLe; die machende Thätigkeit bat Geeist, Kunst oder 
ein Vermögen des Subjeets zum Grunde und zum Zwecke das Werk. Hier^ 
nach entscheidet er namentlich darüber, wohin die Ph^rsik zu rechnen sei 
und erklärt sie für theoretisch. Er hält jedoch diese begründete Dreiheit 
nicht überall fest, sondern begnügt sich öfter mit dem Gegensätze des 
Theoretischen und Praktischen, wie mir scheint mit Recht. Denn die 
machende Thätigkeit hat, inwiefern sie sich als schöne Ennst eben anf die 
Gestaltung des Schönen d. h. der in dem Sinnlichen verkörperten and ver* 
senkten Idee bezieht, mit der Theorie^ die ideale innere Vision gemein und 
ein Hauptzweig derselben, die vorzugsweise so genannte Poesie stellt sogar 
in demselben Stoffe dar, dessen sich das Erkennen bedienen muss, in der 
Sprache; und die schönen Künste haben wieder auch keinen anderen Zweck 
als die Darstellung jener innem Vision , die der Erkenntniss wo nicht gleich, 
doch als ihr Bild sehr ähnlich ist; so dass dieser Theil der Künste der 
Erkenntniss verwandter ist als dem Handeln. Die übrige machende Thätig- 
keit dagegen ist dem Handeln verwandter, indem sie fast ganz in Thuu 
und Arbeit au%eht und dem Zwecke des Gebrauches dient: weshalb denn 
die ganze machende Thätigkeit unter die theoretische und die praktische 
vertheilt werden kann. Aber auch dieser letztere Gegensatz ist kein aiis- 
schliessender: denn das Erkennen selber kommt nicht ohne Willen und 
Vorsatz zu Stande und ist auch ein Gut, und ein sehr hohes, die theo- 
retische Thätigkeit also der praktischen nicht schlechthin entgegengesetzt; 
und umgekehrt, ist der Wille ein vernünftiger, vom blinden Triebe, den 
auch das Thier hat, verschiedener, so wird er durch das Erkennen be- 
stimmt, und darum hat der tiefsinnige Piaton, das Theoretische nnd 
Praktische minder auseinander reissend, die Tugend als Erkenntniss be- 
zeichnet: ja die gesammte praktische Seeleuthätigkeit ist der theoretischen 
dadurch untergeordnet, dass das Ziel der ersteren, das Gute, ein Princip ist, 
welches nur durch Erkenntniss vollkommen ergriffen werden kann, wenn es 
auch, aber unbewusst, im Gefühl und Glauben gegeben ist; so wird das 
Praktische selber Gegenstand der Theorie, und weil das "^Vahre nnd das 
(fute sich nicht widersprechen können, ist ein Widerspruch zwischen der 
echten Theorie und der echten Praxis unmöglich/^ Vergl. die Uede von 
1844: Das Verhältniss des theoretischen Lebens zum praktischen. Kl. 
Sehr. II, 325 ff. 



I 



VI. Entwurf unseres Planes. 61 

logie und Gultos yereint als ein fünftes zu setzen sei. Ich kann 
mich aber nicht überzeugen , dass die Religion keine theoretische 
Erkenntniss ist; sie gehört daher von dieser Seite ^ als Mytho- 
logie, in den 4. Abschnitt. Wollte man nun den Cultus nicht 
in den dritten Abschnitt aufnehmen , so müsste man wenigstens 
die Kunst an dieser Stelle stehen lassen und den Cultus der 
Mythologie unterordnen. In der That ist der Cultus mit der My- 
thologie eng verbunden; er dient der Symbolisirung der mytho- 
'lo|p8chen Vorstellungen. Allein dies beweist nur, dass Kunst 
und Wissenschaft in ihren Anfangen zusammenfallen , indem das 
Religiöse ihre gemeinsame Wurzel ist. Denn die Kunst ist 
ebenso die Evolution des Cultus ^ wie die Wissenschaft die Evo- 
lution der Mythologie. Natürlich betrachten wir in dem 3. Ab- 
* sehnitte Kunst und Cultus getrennt. Wir stellen die Geschichte 
des Cultus voran; er entfaltet sich zuerst in Gebet und Opfer, 
wobei Poesie y Musik und Orchestik hervortreten, dann in Tempeln 
Qod Bildsäulen, worin Architektur, Plastik und Malerei ihre An- 
fange haben und endlich in Festen und Spielen, worin die 
Gymnastik, Dramatik u. s. w. wurzeln. Es ist hiernach aber 
gereektfertigt, dass die Geschichte der Kunst sich an die des 
Cultus anschliesst; eine tiefere Auffassung der Kunst wird zeigen, 
dass sie auch in ihrer vollen Ausbildung zum Cultus gehört als 
äymboliairung des Göttlichen. '^) 

Alle empirisch als Theile der Alterthumswissenschaft ge- 
gebenen Disciplinen sind in unserer Eintheilung begriffen, nur 
^ mehrere dem Begriff gemäss zerspalten werden. Das Staats- 
leben setzt voraus Erkenntniss der Staaten nach Raum- und Zeit- 
uudehnung, also politische Geographie und politische Ge- 
schichte; jene hat als Propaedeutik mathematische und phy- 
^ischeGeographie, diese die Chronologie. Die Darstellung des 
Siaatslebens nach seiner Verfassung begreift in sich einen Theil der 
sogenannten AlterthQmer, nämlich die politischen; die andern 
Theile sind in den drei übrigen Hauptstücken enthalten. Denn 
tler ganze zweite Abschnitt umfasst die Privatalterthümer, 
der dritte aber enthält die Religionsalterthümer und ausser- 
dem die gesammte Geschichte der Künste, insofern sie nicht 
bloss in der Technologie begriffen sind, die in das Privatleben 



*) Vergl. die lat. Rede von 1830: De litterarum et artium cognatiotie. 
Kl. Sehr. I, 17f> ff. 



02 Einleitung. . 

gehört; also die bildenden Künste; Musik und alle Mimetik^ 
dazu kommt die gesammte Aesthetik, insofern sie philologisclm 
ist; die redenden Künste, deren Erzeugniss die gesammte Li- _ 

toratur ist, werden dagegen — wie wir später zeigen werden 

besser zum vierten Abschnitt gezogen. Architektur, Mün 
zen als Bildwerke u. s. w. fallen also in den dritten TheiH 
Der vierte umfasst die Mythologie als Urwissenschaft, di*^ 
Philosophie als die entwickelte Wissenschaft in ihrer EinheiC;;^ 
und die übrigen wissenschaftlichen Disciplinen als Zweip^' 
der Philosophie. Dies ist das Wissen von Seiten des Stoffes 
aufgefieusist. Die Form desselben behandelt dann die Literator- 
geschichte xmd die Geschichte der Sprache, jene die 
rhetorische, diese die grammatische Form; denn die Sprache 
ist das Organon des Wissens und in ihr ist die feinste Er- 
kenntniss bis ins Kleinste ausgeprägt. Wie jedoch alle beson- 
dem Disciplinen sich organisch in einander fügen und welche 
zur vollsföndigen Enumeration gehören, kann erst die speoiellere 
Ausführung zeigen. 

Ich hebe noch einmal hervor, dass eine genaue Sondenmg 
aller Theile nur für die Behandlung, für die Ansicht möglich 
ist; in der Natur ist nichts gesondert. Die einzelnen Abschnitte 
sowohl als der allgemeine und besondere Theil der Alterthums- 
wissenschaft im Ganzen greifen immer in einander und setten 
sich wechselseitig voraus. Dies kann aber auf die Anordnung 
keinen Einfluss haben; denn wollte man diese nach dem Ge- 
sichtspunkte treffen, dass das für das Yerständniss Vorausgeeetste 
voranstände, so würde man in viele Widersprüche gerathen. Es 
muss nur Alles sich mit Nothwendigkeit und organisch an ein- 
ander reihen. Unsere Anordnung führt das Leben der Nationen 
von ihrem sinnlichen Wirken stufenweise bis zur höchsten 
geistigen Production vor, so dass darin die in allem Handeln 
sich ausprägende Erkenntniss nach den Graden ihrer Po- 
tenziruug dargestellt wird. Wir beginnen, wie Piaton in sei- 
ner Republik, mit dem Staat, in welchem Alles eingeschlossen 
ist, und schliessen mit der letzten Entwickelung der geistigen 
Production. Man könnte vielleicht sagen, die Kunst als Symbo- 
lisirung der I'deen sei später zu betrachten als die Mythologie, 
weil jene das Aeussere, diese das zu Grunde liegende Innere 
darstelle. Aber die Betrachtung des Innern, der Di^ythologie, 
wie des ganzen Wissens ist eben darum später zu setzen, weil 



VI. Entwurf unseres Planes. 63 

es di.e entwickeltere Stufe der Erkenntniss bildet^ die mit Hülfe 
der Symbolisinmg in Cultus und Kunst selbst gewonnen wird. 
¥enxer könnte man meinen ^ man müsse in dem vierten Abschnitt 
die allgemeine Form des Denkens , die Sprache vor der mate- 
riaien Betrachtung des Wissens behandeln; denn die Sprache sei 
^or Allem vorhanden. Indess die Keime und Elemente aller 
Bädimg sind fast gleich alt^ und man kann hiemach keine zeit- 
fiche Scheidung machen. Es kommt nicht darauf an, ob Sprache, 
Mythos oder Philosophie früher entstanden sind, sondern in 
welcher Folge sie zum Bewusstsein kommen. Dies ist in 
unserer Anordnung ausgedrückt. Die Mythologie ist auch histo- 
risch zuerst ins Bewusstsein getreten , dann die Philosophie und . 
die einzelnen Wissenschaften, dann die Lehre von den Formen 
der Darstellung und diese Formen selbst, d. h. die Rhetorik,^ 
und zuletzt erst die Sprache in. grammatischer Hinsicht; obgleich 
man sie immer gebraucht hat, wird sie doch erst bewusst durch 
die grammatische Betrachtung. In der Grammatik ist die letzte 
und feinste Analyse der Eikenntniss bis ins Einzelste gegeben und 
diese als der OpiTKÖc jiiaOTijLiäTUJv der Philologie erscheint daher 
bei uns zuletzt. Die Geschichte der Philologie kann nicht^ 
wie, bei Wolf, als letzte Disciplin aufgestellt werden. Soweit da- 
mit die Entwickelung der philologischen Wissenschaft im Alter- 
thnm selbst gemeint ist, fällt sie in die Geschichte der alten 
Wissenschaft. Das Uebrige gehört in die Geschichte der neuern 
Wissenschaft; bei der Alterthumslehre selbst kann es nur in den 
bibliographischen Zusätzen berücksichtigt werden. Daher finden 
die allgemeinen Züge der Geschichte der Philologie ihre Stelle 
als Anhang des allgemeinen Theils. 

Wir geben unsere Anordnung nicht fiir absolut nothwendig 
aus; aber sie scheint der wissenschaftlichen Betrachtung am 
meisten zu entsprechen. Die ge wohnliche Disposition, wie sie 
etwa in dem Wolf sehen Entwürfe zu finden ist, mag für die 
Empirie Bequemlichkeiten haben, für die anschauliche Erkennt- 
niss gewiss nicht. Auf die Empirie kommt es aber nicht an, 
weil wir ja gleich anfangs den grossen Unterschied der Ency- 
klopadie und Methodik zugegeben haben. Die Methode muss im 
Allgemeinen den entgegengesetzten Gting gehen. So wird die 
Sprachkunde freilich methodisch nicht zuletzt '^ studiert werden ' 
dürfen, aber sie deswegen in der Encyklopädie voranzustellen 
ist Empirismus, Mangel an wissenschaftlichem Sinn und Ver- 



64 Einleitnng. 

wirrang der Begriffe. Was unsere Ausf&hrung selbst betrifiluJ 
so werden wir nichts Bedeutendes übergehen ^ aber nur den 
der Dinge, das Leitende geben. 



§ 14. Literatur* Meine hiermit dargelegte Ansicht habe ich 
Schriften bisher nur gelegentlich kurz erörtert, nämlich in den lateiniacheiK« 
Iteden vom Jahre 1822 und 1826, in der Vorrede zur Logistenabhandlung 
Jahre 1827, in der Vorrede zum Corpus inscriptianufn, 1828 (S. VIT), in der 
lat. Rede vom Jahre 1830 und in der Kede zur Eröffnung der 11. 
deutscher Philologen zu Berlin, 1850.*) Allmählich erkannte man di». 
Schwächen der Wölfischen Encyklopädie. So kritisirt und ve; 
Fr. Lübker in einem Au&atz vom Jahre 1832 {de partiHone philoiogii 
abgedruckt in Lübker's Gesammelten Schriften zur Philologie und PE^ 
dagogik, Halle 1852) die Ansicht Wolf 's. Er spricht (2. Ausg. S. 8) voiflr« 
der meinigen mit Anerkennung, bemerkt aber, dass ich sie nicht selbst be-^ 
kannt gemacht habe, ,,8ed vel ex scholis ab ipso in academia BeroUnenM^^ 
liabitis nobis innotuit^ vd cdiorum industria IcUius ad .literatorum hominuim^ 
circulos permatiaviV^ Es ist daher zu entschuldigen, dass das, was e 
darüber sagt, nicht ganz richtig ist. 

Indessen machte sich von verschiedenen Seiten das Bestreben geltend 
die Philologie dadurch bestimmter abzugrenzen, dass man sie nuf die Er- 
forschung der Sprachdenkmäler beschränkte. Von Seiten der Kunst- 
archäologie versuchte dies Ed. Gerhard in den hyperboreisch-römischen 
Studien für Archäologie, Bd. l. Berlin 1833, S. 3—84. Er rechnet die 
lieligionsgeschichte zur Archäologie, die er „monumentale Philologie*' nennt 
und die ausserdem die Kunstgeschichte und Geschichte der Kunstdenkmller 
umfasst, und lässt (S. 21) als rein philologische Dieciplinen die Literatar- 
geschichte, die geographisch-politischen Alterthümer und die Culturgeschichte 
übrig. Er meint, eine wissenschaftlich begründete philologische Encyklo- 
pädie würde vermutlilich besser daran thun auf einige Realien, die ihr kur 
Last fielen , zu verzichten. Man sieht nicht ein , wie nach solchen Ansichten 
eine philologische Encyklopädie wissenschaftlich begründet werden soll; be> 
sonders aber, wie einer Wissenschaft etwas zur Last fedlen kann. Gans 
unbegreiflich ist es, wenn die Culturgeschichte der Philologie zugewiesen 
und die Keligions- und Kunstgeschichte ausgeschlossen wird, da doch Re- 
ligion und Kunst zwei Haupttheile der Cultur sind. Sie fallen der philo- 
logischen Betrachtung mit demselben Rechte wie die politischen Antiqui- 
täten zu; diese sind sogar zur Erklärung der Schriftsteller nicht wichtiger 
als die Religionsgeschichte. In einem Vortrage, abgedruckt in den Ver- 
handlungen der 11. Philologenversammlung (1850) und in dem „Grundriss 
der Archäologie *\ Berlin 1863 (48 Seiten) entwickelt Gerhard seine Ansicht 
mit einiger Einschränkung noch einmal imd gründet darauf einen Plan 
der Archäologie, wonach dieselbe jedoch offenbar ein blosses Aggregat 
ist. Wir haben gesehen, dass Bernhardy in seiner Encyklopädie ganx 
iu Gerhardts Sinne die Kunstarchäologie zu den philologischen Bei- 



S. oben di<> Anmerkungen auf S. 9, IC, 49, 54, Cl. 



VI. Entwurf unseres Planes. 65 

^w^Aen rechnet. Sie ist indessen durch Ottfried Müller und Otto 
J sklin in die natürliche Verbinduiig mit den übrigen Theilen der Philologie 
g- o^c tat. — Eine ähnliche Beschränkung des Begriffes der Philologie wie 
Q- Erhard erstrebt auch Mützell in seiner Schrift: Andeutungen über 
Wesen und die Berechtigung der Philologie als Wissenschaft. Berlin 
Ihm ist die Philologie die „Wissenschaft des inhaltsvollen Wortes, 
d.^3r freien Manifestation des menschlichen Geistes durch Bede und Schrift/' 
Es fragt sich sun&chst, was freie Manifestation ist. Ich glaube alle Mani- 
festetion des Geistes ist frei. Ferner enthält die Rede und Schrift Mani- 
festationen über Alles. Aber über Einiges giebt es auch andere Mani- 
festetionen, z. B. durch Kunstwerke, die anschaulich sind. Warum sollen 
diese als Quellen- ausgeschlossen sein? Die Kunst würde ja mit in die 
Pliilologie gehören, inwiefern sie durch Rede überliefert wird; dadurch 
'vHixde aber ihre Betrachtung auseinandergerissen. Was durch Schrift und 
^clrt durch Schrift manifestirt ist, lässt sich gar nicht trennen, wie dies 
^i der Geographie und Mythologie Mar ist. Der Xötoc ist auch ausser der 
^«de Torhanden , er ist das geistige Erzeugniss des Menschen überhaupt. — 
^ höheren Grade noch lOst Milhauser, Ueber Philologie, Alterthumswissen- 
^cibaft und Alterthumsstndium. Leipzig* 1837 , den organischenr Zusammen- 
^^ der Philologie auf, obgleich er von meiner Definition ausgeht, die er 
ih mein Schüler ans meinen Vorlesungen kennt. *Er will wie Mützell 
oor dts sprachlieh Mitgetheilte als Erkanntes gelten lassen, findet aber 
ftMerdem keine Einheit in der philologischen Betrachtung der Geschichte 
einer Nation oder Zeit. Die Philologie soll nicht den Anspruch machen 
Wissensehaft zu sein; sie soll nur für andere Wissenschaften den litei-ari- 
sehen Apparat sammeln , reinigen und sein V erständniss vermitteln ; wer 
steh in irgend einAn Fache mit der Geschichte und Literatur desselben 
beschäftigt, ist insofern Philolog, und diese Hülfsarbeit sieht Milhauser 
als die einzig^ Aufgabe der Philologie an. ~ Die Zerspaltung der Philo- 
logie nach den verschiedenen Sphären des geschichtlichen Lebens, welche 
hierdurch bewirkt wird, hält auch Freese in seiner sonst sehr verständigen 
Abhandlung: Der Philolog. Eine Skizze, Stargard 1841 (Programm) für 
nothwencüg. Er meint, aus Rücksicht auf die Fortschritte des Lebens und 
aller Wissenschaften werde es immer nöthiger die Philologie nicht auf 
den Umfang gewisser Völker und Zeiten, z. B. des Alterthums zu beschränken, 
sondern jede einzelne Seite des GeiBteslebens , Staatengeschichte, Religion, 
Sprache u. s. w. in ihrer ganzen Entwickelung bis auf die Gegenwart im 
Zmaounenhange zu betrachten. Dadurch werde die Philologie zwar auf- 
gelöst, aber ihr ebendamit auch eine lebendigere Einwirkung auf die ein- 
seinen Richtungen der Gegenwart gesichert. Wir haben diese Art die 
Angabe der Philologie zu beschränken ausdrücklich als wohlberechtigt an- 
erkannt (s. oben S. 21); allein die durchaus nothwendige Ergänzung dazu 
bildet die philologische Betrachtung, welche den organischen Zusammen- 
hang aller Seiten des Geisteslebens festhält. In Bezng auf Begriff imd 
Umfang der Philologie stimmt Freese mir im Uebrigen bei. — Da- 
gegen will Christoph Ludw. Friedr. Schultz (Grundlegung zu einer 
geschichtlichen Staatswissenschaft der Römer. Köln 1833) wieder alles 
Polituche der Philologie entziehen. Er vindicirt die Betrachtung der 

B&ckh*8 Enoyklopftdie d. philolog. Wissenschaft. 5 






Or> Einleitung. 

Staatsyerhältnisse des Alterthoms dem Staatsmanne, indem er zngleii 
darauf hinweist und es als seine Ueberzengong darstellt, daae die 
gründang der Staatswissenschaft von der BetEachtong des rOmieoh- 
Staates ausgehen müsse. Wenn dies insofern wahr scheint, als 
römische Staat dem modernen zunächst zu Grunde liegt, 80 ist 
Ansicht doch viel zu einseitig, weil bei den Griechen viel mehr Theoi 
und allseitige politische Anschauung zu finden ist als bei den Bdmem; 
muss vielmehr die Staatslehre von der Politik des gesanunten Alteithi 
ausgehen, und es bewährt sich hier, dass die ersten Gründe jeder Disciplx^ 
durch das Alterthum geliefert sind, und dass jede Disciplin tad dniMwIlrf^ 
gebaut werden muss, soweit sie eine historische Basis hat. Aber deewegvo 
kommt die Betrachtung der alten Staaten nicht bloss dem Staatsmanne so, 
sondern überhaupt dem, der die in Frage kommenden Verhältnisse 
kennt; der Staatsmann muss Alterthumsforscher und der Alterthumsforsolier 
soweit Kenner des Staates werden, um die Begriffe zu haben, welche su 
jeder politischen Betrachtung gehören. Dass der Politiker als solcher in 
der Betrachtung der alten Staaten nichts leisten kann, wenn er sich nicht 
als Alterthumsforscher bewährt, zeigt Herr Schultz selbst durch die ver- 
kehrten y Ordnungen, die er in das Alterthum hineinträgt. Der Philolog 
wird ebenso wenig leisten, wenn er sich nicht, um mit Herrn Schultz za 
reden, in den Staatsverhältnissen umgesehen hat. Hat er dies aber geihan, 
so leistet er gerade so viel als der Staatsmann, welcher sich seinerseits in 
der Philologie des Alterthums umgesehen hat. Hier ist also gar kein 
Gegensatz; beide Seiten müssen sich verbinden für den Zweck das Staats- 
leben des Alterthums zu erforschen. Piaton im Politikos unterscheidet 
den Staatsmann von allen denen, die ein besonderes Geschäft im Staate 
betreiben, als den Vorsteher des Ganzen, der weder Finanzgelehrter noch 
Jurist u. H. w. sei. Dies ist wohlbegründet: diese einzelnen Functionen sind 
nur besondere Fächer, die dem Staatsmanne dienen. Es ist daher sehr 
seltsam, wenn sich Leute, die nur Juristen oder Cameralisten sind, f%br 
Staatsmänner halten und glauben, der Staatsmann brauche nur Akten lesen 
und schreiben zu können und das zu wissen, was er selbst erst vom Kaufmann, 
Banquier und Landwirth lernen muss. So gut wie es der Staatsmann von 
diesen lernt, mag es von ihnen der Philologe lernen, der um die Verhält- 
nisse eines Volkes zu construiren, ganz in der Lage des Staatsmanns ist 
von Allen und, wie Sokrates, bei Allen umhergehend zu lernen. Un- 
streitig befindet sich der Philosoph, ja selbst der Dichter in derselben Noth- 
wendigkeit; Alle müssen vom Leben lernen. Die ganze Scheidung konunt 
also auf Nichts heraus, und es folgt aus der ganzen Betrachtung nnr wieder 
das Wechselverhältniss^ welches wir zwischen der Alterthumsforschung und 
jeder besonderen Disciplin festgestellt haben, dass nämlich jene für jeden 
einzelnen Zweig des Alterthums, den sie behandelt, der Begriffe der be- 
treffenden Disciplin bedarf, sowie diese wieder, um auf die Urgründe 
zurückzugehen , der Alterthumsforschung bedarf. Alles dies ist auf Sprach- 
lehre, Kunstlehre u. s. w. ebenso anwendbar, und man kann nicht be- 
haupten, dasH die Sprachforschung sich im Alterthum unabhängiger von 
dem Allgemeinen bewegen könne, als die politische Betrachtung; der Alter- 
thumsforscher behandelt die Sprache des Alterthums , wie den Staat, indem 



VI. Entwurf unseres Planes. 67 

»TT das Stadium der Sprachlehre und der Politik für die Betrachtung des 
ILX'terthiizns individualiairt. — Die angegebenen Versuche den Begriff der 
Pliftilologie zu beschränken, führen zu der Ansicht zurück, dass die Philo- 
Vo^^ nur in der Grammatik und der darauf gegründeten Erklärung der 
Sohriftdenkmftler bestehe. Dies ist die von G. Hermann und seiner Schulo 
'vertretene sogenannte formale Philologie. Wenn die Vertreter derselben 
üure Ansicht begri&mässig begründen wollen, werden sie mit Nothwendig- 
Veit darüber hinausgetrieben. Denn da die Erklärung der Schriftsteller 
ebensowenig ohne sämmtliche reale Disciplinen als ohne Grammatik mög- 
lich ist, 80 ist es schliesslich ein Wortstreit, ob man die formalen Thätig- 
keüen in Verbindung mit allen dazu erforderlichen realen Disciplinen, 
oder nur in Verbindung mit einer derselben, der Grammatik, Philologie 
Deonen will.*) 

Die herrschenden unwissenschaftlichen Ansichten über Begriff und System 

dar Philologie wurden gut gewürdigt von Dr. Hans Reich ar dt, Stiftsbiblio- 

tiiekar in Tübingen. Derselbe geht in seiner vortrefflichen Schrift: Die 

Gliederung der Philologie. Tübingen 1846, die yoll philologischen und phi- 

losofdiischen Geistes ist, von meiner Theorie aus. Er will aber drei Haupt- 

iheile setzen; denn wenn kein Gegenstand für die formale Thätigkeit des 

Vecstehens und keine Quelle für die Darstellung des Objectiveu da sei, so 

•dten beide leer. Also setzt er als den dritten , beide andern bedingenden 

Tbeil die Denkmälerkunde. Dies ist indess nicht zu billigen; eine Dis- 

dplin muBs Formen oder Ideen enthalten, was bei der blossen Kunde der 

Denkmäler nicht stattfindet; die Denkmäler sind die Quellen der Disciplinen, 

wie für die Naturkunde die Natur; aber man kann keine Disciplin derNa- 

torwiMoschafton entwerfen, welche nur eine Notiz der Naturgegenstände 

wIn; die sogenannte Naturgeschichte ist dies auch nicht, sondern sie ist 

Khon dne die Formen der Natur darlegendQ Wissenschaft in Bdzug auf die 

Oljecte der Naturbetrachtung, welche auf der Erde vorliegen. Was die 

Denbnälerkunde für die Philologie ist, das wäre eine blosse Aufzählung 

>Iler Naturerscheinungen für die Naturwissenschaft. Wie letztere jene Er- 

Kheinoogen vereinzelt in den verschiedenen Disciplinen betrachtet, so be- 

fnchtet die Philologie alle gegebenen Denkmäler, indem sie durch Herme- 

ssQÜk und Kritik ihr Wesen ermittelt, in dem materialen Theil. Dieser 

ist die verarbeitete Denkmälerkunde selbst, die Denkmäler in ihren Ideen 

erkumt Es ist hier dasselbe Verhältniss wie in der Philosophie, wo auch 

nidit der Logik ein bestimmter in ein Lehrgebäude zusammengefasster Com- 

plex von Gegenständen vorhergeht, auf den sie gerichtet wäre. Die Kunde 

der Denkmäler ist eine Voraussetzung, wie in den Naturwissenschaften die 

A mchannng durch die Sinne. Daher ist es die allein richtige Methode die 

Qnellenkenntniss als Substrat bei den einzelnen Theilen der Wissenschaft 

einxaf&gen, wie wir oben bei Gelegenheit der Bibliographie gezeigt haben. 

üeichardt nennt (S. 10) seine Denkmälerkunde selbst ein Aggregat; dann 

igt sie aber keine Wissenschaft und wir stimmen somit im Grunde auch hierin 



*) VgL die Vorrede zu der Abhandlung über die Logisten und Euthynen, 
1827, Kl Sehr. VH, S. 262 ff. 



tf 



VI. Entwnrf unseres Planes. 69 

II. Das Vorgeschichtliche, die Urzustände, wozu die Weltan- 
schauung der Urzeit gerechnet wird, die sich in Mythologie 
und Culius ausdrückt. 

III. Der geschichtliche Theil: 

1. Das Gebiet der Sittlichkeit, dargestellt in den. Staats- 
und Privatalterthümern. 

2. Das Gebiet der Kunst: 

A. Die nachahmende Kunst: 
a) Die Gymnastik. 

h) Die Musik, 
c) Die Mimik.. 

B. Die redende Kunst: 

a) Die Grammatik nebst Prosodie. 

b) Die Poetik nebst Metrik. 

c) Die Kunst der Prosa, dargestellt in der Rhetorik 
' nebtt der Lehre vom Numerus. 

C. Die bildende Kunst: 

a) Architektonik. 

b) Plastik. 

c) Malerei. 

3. Das Gebiet der Wissenschaft, dargestellt in der Cul- 
turgeschichte, wozu die Geschichte der einzelnen 
Wissenschaften gehört. 

Die Hülfsdisciplinen oder instrumentalen Disciplinen sind: 

I. Repertorien des Stoffs: 

A. Literaturgeschichte nebst Epigraphik. 

B. Museographie und Numismatik. 

C. Bibliographie. 

II. Mittel zum praktischen Verstäudniss des Stoffes: 

A. Lexika imd Vocabularien. 

B. Grammatiken. 

C. Hfilfsmittel für die Realien des Altcrthums, Real- 
encyklopädicn und Reallexika. 

TII. Methodik für die Behandlung des Stoffes zum Behuf wissen- 
schaftlicher Ergebnisse: 

A. Diplomatische oder niedere Kritik nebst Paliio- 
graphie. 

B. Hermeneutik. 

C. Höhere Kritik. 

Ich will in keine ausführliche Kritik dieses Systems eingehen, da das- 
F4f\he durch meine eigenen Ausführungen in den Punkten, worin es von 
meinem Plane abweicht, theib hinlänglich widerlegt ist, theils noch weiter 
widerlegt werden wird. Besonders wunderlich ist die Scheidung des Ausser- 
geachichtlichen, Voigeschichtlichen und Geschichtlichen. Die Gebiete der 
Sittlichkeit und der Kunst sind doch ebensowohl vorgeschichtlich als My- 



70 Einleitung. 

thologie und Cultus auch gcBchichtlich sind. Die Geographie aber ist nicht 
wie Haase annimmt, aussergeschichtlich.' Insofern sie Nafcorbesohreibmig 
irit , gehört tde nicht zur Philologie , sondern in die Natorwisaenschaft. Hat 
aber die Natur der Gegenden Flinfluss auf die Nationen, so miUB die 
Philologie sie berücksichtigen, nur ist dann dieser Einflnss geschicht- 
lich, nicht aussergüschichtlich ; er gehört zur Menschengeschichte. Eben* 
so muss der Sprachforscher di(; Natur der Sprachorgane berücksichtigen; 
ab(>r ihr Einfluss auf die Sprachentwickelung ist geschichtlich, niUirend 
die Beschaifenheit der Sprachorgane an sich von der Physiologie nnter- 
sucht wird. 

Elze in Dessau, Ueber die Philologie als System. Dessau 1846, 
geht von mir aus, tadelt aber, dass ich die Philologie als Erkenntniss des 
Erkannten bezeichne, da auch die Kunst dazu gehöre, welche nnr ein Gre- 
fühltes enthalte. Ich habe oben gezeigt, inwiefern ich auch in den Werken 
der Kunst ein Erkanntes annehme. Zweitc^ns tadelt Elze, dass ich in dem 
materialen Theile die Form des Wissens als das Letzte und Höchste ansehe, da 
diese doch nur um des Inhalts willen da sei. Ich sehe aber die Form nur als 
das Feinere für die Betrachtung und insofern als das Letzte an, nicht als 
das Höchste überhaupt. Elze meint zwar, die philosophische Betrachtung 
sei noch feiner als die Betrachtimg der Sprachform; dies scheint mir aber 
nicht richtig. Die grammatischen Unterschiede sind in derThat die feinsten; 
man denke nur an den Gebrauch von t€ und dv im Griechischen, was über 
alle KO|ii|iÖTiic der Philosophie hinausgeht; ebenso Ton, Accent, Wortstel- 
lung, die ganze Analyse der Sprache. Elze selbst definirt die Philologie 
als die geschichtliche Betrachtung des Geistes oder der gesammten Offen- 
barung des menschlichen Geistes und stellt sie der geschichtlichen Betrach- 
tung der Natur parallel und beide der philosophischen Betrachtung der 
Natur und des (veistes entgegen. Dies ist genau dasselbe, was ich sage; 
der Geist ist aber nur in dem Erkennen und eben darum sage ich: Erkennt- 
niss des Erkannten, weil das Erkannte das Werk des Geistes ist und alle 
seine Offenbarungen eine Erkenntniss enthalten. Man muss an dem Aus- 
druck: Erkenntniss des Erkannten festhalten, indem nur hierin das Band 
und die Einheit des formalen und realen Theils der Philologie, oder der 
Technik und des Inhalts gefunden werden kann. Setzt man statt dessen 
geschichtliche Erkenntniss des Geistes, so wird die Sache nur verdunkelt. 
Vjü ist die Philologie die Erkenntniss. aller geistigen Prodnctionen , welche 
sich manifestirt haben; was aber der Geist schafft, ist nichts Anderes als 
Erkenntniss oder Erkanntes, denn er kann nur Gedanken produciren. Alle 
Prodnctionen, die nicht Gedanken enthalten, sind natürlich, nicht geistig. 
Obgleich Elze im Uebrigeu mir beistimmt, kehrt er das Verhältniss des 
Privat- und öffentlichen Lebens um, d. h. er will jenes vor diesem behan- 
deln. Dafür lässt sich begriff'smässig Vieles sagen; aber der Staat ist das 
Umfassende, in dem Alles wurzelt, selbst das Privatleben. 

Ein dankbarer Schüler von mir ist Antoh Lutterbeck, ord. Professor 
der Philologie in Giessen. In seiner schönen Schrift: Ueber die Wiedergebnrt 
der Philologie zu deren wissenschaftlicher Vollendung, welche er als ord. 
Professor der Exegese an der katholisch -theologischen Facult&t zu GKeseen 
herausgegeben hat (Mainz 1847), sucht er, in Fr. Schlegels und Las- 



VI. Entwurf unseres Planes. 71 

Ix's FuBstapfen tretend, zn zeigen, dass die Philologie als Wissenschaft 
dnxcb christlich-philosophische Auffassung und Würdigung des 
kliks siechen Alterthums zum Abschlnss gebracht werden müsse. Er meint 
eine philosophische Beconstruction des Alterthums und nennt sie christlich- 
philosophisoh, weil er die christliche Philosophie für die absolute hält; diese 
müsse das Princip geben, wobei keine weiteren Voraussetzungen gemacht 
würden, als in dem Princip, dem christlichen Glauben enthalten seien. 
Dieser Glaabe sei aber nicht ein subjectiv gemachter, sondern ein göttlich 
gegründeter. Das Princip der christlichen Philosophie reiche zu, alle Er- 
scheinungen im Leben des klassischen Alterthums zu erklären, was das bis- 
heiige Princip der Philologie nicht vermöge. Hiergegen ist nichts einzu- 
wenden Ton Seiten der idealen, d. h. auf Ideen gehenden Richtung der 
Philologie, sobald man einmal zugegeben hat, es gebe eine besondere 
cbristKche Philosophie und dies sei die absolute, was ich verneine. Die 
Philofophie steht mir über dem Ghristenthum , so sehr ich dies achte. Die 
tntike und die christliche Bildung sind zwei Pole; das Höchste liegt in 
ibrer Indifferenz, die der Zukunft vorbehalten bleibt, oder was dasselbe ist, 
in der Regeneration des Christenthums durch Verbindung mit dem rein 
Menschlichen und Auflösung in dieses. 



Erster Hanpttheil. 

Formale Theorie der philologischen Wissenschaft. 



§ 15. Litemtar. Ast, Grundlinien der Grammatik, Hermeneutik 
und Ejritik. Landshut 1808. — Hubmann, Cofnpefidium philölogiae (Am- 
berig 1846) enthält dieselben Disciplinen, ganz kurz 'abgehandelt. — 
Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik mit besonderer Rücksicht 
auf das neue Testament. Aus Schleiermachers handschr. Nachlasse und 
nachgeschriebenen Vorlesungen herausgeg. v. Lücke. Werke, zur Theo- 
logie 7. Band, 1838. (Ein vollständiges, von Meisterhand entworfenes 
System. In meiner Darstellung sind Schleiermachers Ideen nicht aus 
dieser Schrift, sondern aus früheren Mittheilungen benutzt, doch so, dass 
ich nicht mehr im Stande bin das Eigene und Fremde zu unterschei- 
den). — Levezow, über archäologische Kritik und Hermeneutik (Abhand- 
lungen der Berliner Akademie vom Jahre 1833). — Preller, Grundzüge 
zur archäologischen Kritik und Hermeneutik, Zeitschriffc für Alterthums- 
wisaenschaft 1845 SuppL Nr. 13 ff. — Bursian, Archäologische Kritik und 
Hermeneutik, in den Verhandlungen der 21. Philologenversammlung zu Augs- 
burg 1S62, 8. 55 — 60. — [Ad. Michaelis, Verhandlungen der 25. Philo- 
logenversammlung zu Halle, 1867. S. 159 ff.]. 

Wie man die Logik, die formale Theorie des philosophi- 
schen Erkennens .für unnütz erklärt hat; so kann man auch 
eine formale Theorie des philologischen Erkennens, des V er- 
ste he ns als überflüssig ansehen. Man hat logisch gedacht , ehe 
die Logik entdeckt war, und man hat fremde Gedanken verstan- 
den und versteht sie taglich ohne dazu einer Theorie zu bedürfen. 
Allein dies erklärt sich einfach aus dem, was wir bereits über 
die Natur des Yerstehens gesagt haben: das richtige Verstehen, 
wie das logische Denken ist eine Kunst und beruht daher zum 
Theil auf einer halb bewusstlosen Fertigkeit Dass zum Ver- 
stehen besonderes Talent und besondere Uebung gehören ^ so gut 
als zu irgend einer anderen Kunst, das zeigen die vielen krthü- 
mer, welche töglich in der Auslegung fremder Gedanken gemacht 
werden, ja das haben ganze Perioden und Schulen der Wissen- 
schaft gezeigt Besonders klar tritt dies bei der Religion und 
Philosophie hervor. Beide sind wie die Poesie ganz auf die innere 
Anschauung gerichtet und aprioristisch. Da nun das Verstehen 



76 Erster Haupttheil. 

eine entgegengesetzte Richtung des Denkens erfordert ^ ist es l 
Wunder^ dass religiöse und philosophische ebenso wie poetis 
Köpfe, besonders wenn sie dem Mysticismus huldigen ^ die A 
legung am wenigsten verstehen. Der gesammte Orient hat d 
wenig Anlage wegen der Unterdrückung des Verstandes. ] 
Verstehen, wovon der Verstand seinen Namen hat, ist weseni 
Verstandesthatigkeit, wiewohl auch die Phantasie dabei nothm 
dig mitwirken muss. Es erfordert Objectivität und Beceptivi 
je subjectiver und für sich eingenommener man ist, desto weni 
Verständnissgabe hat man. In der Philosophie geben die N 
platoniker in ihrer Erklärung Piatons ein glänzendes Beisf 
wie man gegen allen Verstand auslegen kann, und in dem nei 
Testament ist vollends der falschen Auslegung kein Anfang n< 
Ende; und doch sind unter den Auslegern geist- und kenntn 
volle Männer, die viel, nur dies nicht verstehen. Auch berühi 
Philologen verstehen sich oft schlecht auf das Verstehen, selbst 
besten irren häufig. Wenn also hierzu wirklich eine Kunst 
hört, so muss diese auch ihre Theorie haben. Dieselbe m 
eine wissenschaftliche Entwicklung der Gesetze des Versteh 
enthalten, nicht — ^^ wie dies freilich in den meisten Bearbeitun; 
der Hermeneutik und Kritik der Fall ist — bloss praktische 
geln. Diese, die an sich ganz gut sind, aber in der Theorie < 
ihre wahre Erklärung finden, werden viel besser bei der speciel 
Anwendung erlernt, sowie die philologische Kunst überha 
gleich jeder Kunst nur in der Ausübung gelernt werden ka 
von welcher die Gesetze der Theorie dann inductiv abzulei 
sind. Durch die Theorie wird Niemand ein guter Exeget i 
Kritiken werden, so wenig als man durch die Kenntniss der Lo 
ein philosophischer Denker wird. Der Werth der Theorie besi 
darin, dass sie das, was man sonst bewusstlos treibt, zum 
wusstsein bringt. Das Ziel, wohin Auslegung und Kritik strel 
und die Gesichtspunkte, nach welchen sie geleitet wer 
müssen, schweben demjenigen, welcher die philologische Tha 
keit rein empirisch betreibt, nur dunkel und unvollkommen 
und werden allein durch die Theorie zu wissenschaftlicher K 
heit erhoben. Daher regelt die Theorie die Ausübung der ] 
lologischen Thätigkeit; sie schärft den Blick und bewa 
vor Verirrungen, indem sie die Ursachen derselben und 
Grenzen der Gewissheit aufzeigt. Durch die Theorie i 
also die Philologie erst wirklich zur Kunst, obgleich viele PI 



Formale Theorie der philologischen Wissenschaft. 77 

Vagen die blosse empirische Fertigkeit in der Auslegung und Kri- 
ük schon als Kunst betrachten; denn auch hier heisst es: TToXXoi 
^^v vap^iiKoqHSpoi, Bdxxoi bi T€ rraCpoi.*) 

Wir haben nach unserer Definition des Verstehens in dem> 
selben die Hermeneutik und Kritik als gesonderte Momente unter- 
schieden. Beichardt (Gliederung der Philologie S. 19 ff.) be- 
itratet die Zulässigkeit dieser Sonderung und sucht nachzuweisen^ 
ia88 die Kritik nur ein Moment der Auslegung sei. Allein beides 
lind offenbar verschiedene Functionen. Wenn wir der Hermeneu- 
tik die Au%abe zugewiesen haben die Gegenstände an sich zu 
▼erstehen; so ist damit natürlich nicht gemeint^ dass man irgend 
etwas ohne Berücksichtigung vieles andern verstehen könne ; zur 
Andegong müssen ja mannigfache Hülfsmittel benutzt werden. 
Aber der Zweck ist den Gegenstand ^ um den es sich handelt, 
sdbst, in seiner eigenen Natur zu verstehen. Wenn dagegen die 
Kritik etwa feststellt ^ ob eine Lesart richtig ist^ oder ob ein 
Werk einem bestimmten Schriftsteller zukommt, so wird das Ur- 
teil hierüber dadurch gewonnen, dass man das Verhältniss 
untersucht; in welchem jene Lesart zu ihrer Umgebung, oder das 
Verhältniss, in welchem die Beschaffenheit jenes Werks zu der 
hdiyidualitat des betreffenden Schriftstellers steht; diese Unter- 
luchung ergiebt entweder die Uebereinstimmung oder Verschie- 
denheit beider verglichenen Gegenstände, woraus dann weitere 
Schlüsse gezogen werden. So verfahrt man bei jeder Kritik; 
^enn z. B. eine geschichtliche Handlung beurtheilt wird, unter- 
jocht die Kritik, ob sie mit dem dabei verfolgten Zwecke, oder 
^t dem Ideal des Rechtes u. s. w. übereinstimmt oder nicht; 
^ der ästhetischen Kritik eines Gedichtes wird untersucht, ob 
<iuselbe mit den Kunstregeln der Dichtungsgattung überein- 
«tiflunt, wozu es gehört. Die Aufgabe der Kritik ist also nicht, 
einen Gegenstand an sich, sondern das Verhältniss zwischen meh- 
reren Gegenständen zu verstehen. Wie dabei die hermeneutische 
and kritische Function einander wechselseitig voraussetzen, wird 
sich später zeigen. 

Die Hermeneutik und Kritik beziehen sich jederzeit auf etwas 
Ueberliefertes, oder überhaupt Mitgetheiltes. Dies ist bei aller 
Mannigfaltigkeit jedenfalls entweder Zeichen des Erkannten, 

•) Vergl. die akad. Abhandlang über die kritische B(?handlimg der l*in- 
iLuTBchen Gedichte, 1820, Kl. Sehr. V, S. 248 ff. 



78 Erster Haopttheil. 

d. h. Yon letzterem der Form mich yerschieden, wie alle spi 
liehe Mitiheilungy Schriftzeichen ^ musikalische Noten u. s 
oder es ist ein Gebilde^ welches mit dem darin Aasgedrücktei 
Form nach übereinstimmt^ wie die Werke der Ennst unc 
Technik y die in unmittelbarer Anschauung gegebenen Lei 
einrichtungen u. s. w. Auch die letztere Art der geistigen \ 
festation sind indess gewissermassen Hieroglyphen, welche d 
Hermeneutik und Kritik entziffert werden müssen^ indem 
'aus der richtigen Erkenntniss der Formen auf die Bedeutung 
selben in den Werken der menschlichen Thätigkeit oder vieli 
auf die dadurch dargestellten Ideen, auf Inhalt oder Sinn der W 
schliesst Dies ist ein besonderer Gresichtspunkt; der noch w 
beachtet ist. In Bezug auf die Gebilde der Kunst und Tee 
hat man angefangen eine archäologische Hermeneutik und K 
zu gestalten (s. die oben in der Literatur angeführten Versu 
Wir müssen diese specielle Anwendung der allgemeinen Th< 
von unserer Darstellung ausschliessen. 



Erster Abschnitt. 
Theorie der Henneneutik. 

|16« liteintur« Bauer, «{isMrto^efe^ec^ion« T^ucj/du^isoi^h'ma Merpr«- 
li diidpUna, Leipzig 1768. — Ge. Fr. Meier, Versach einer aUgemeinen 
AmilegttPggkQngt. Halle 1754. — Scheller/ Anleitung die alten lateinischen 
Sduiftsteller philologisch and kritisch zu erklären. 2. Ausg. Leipzig 1783. — 
Job. Aug. Ernesti, Instüutio interpretis navi tegtamenti. 5. Aufl. Leipzig 
1809. — MoruB, Super henneneutica N. T. acroases acatdemicM^ herausgeg. von 
Sichit&di. Leipiig 1797 — 1802, 2Bde. — Beck, Commentaiiones deinter- 
P^^dttfUone vetemm 8criptarum et mawumetUorum, Leipzig 1790, 91, 99 (theils 
^^ichtei Baisonnement, theils Compüation vonNotizen). — Glo. Wilh. Meyer, 
Venoch einer Hermeneutik des Alten Testaments. Halle 1799, 1800. 2 Bde. — 
^ eil, Lehrbuch der Hermeneutik des Neuen Testaments nach Grundsätzen der 
SWnmatisch- historischen Interpretation. Leipzig 1810. —.Dr. Fr. Lücke, 
drundriss der neutestamentlichen Hermeneutik und ihrer Geschichte zum 
^«braach fBr Vorlesungen nebst einer Einleitung über das Studium derselben 
sa unserer Zeit. GKtttingen 1817. — Henrik Nikolai Klausen, Herme- 
i^eotik des Neuen Testaments, aus dem Dänischen übers, y. CO. Schmidt, 
Wog 1841. — EmilFerd. Vogel, In der Halle'schen Encyklopädie der 
^ibute and Wissenschaften unter: Hermeneutik u. Interpres. — Schleier- 
uftcher, Ueber den Begriff der Hermeneutik mit Bezug auf F. A. Wolfs 
'Andeutungen und Asts Lehrbuch. Akad. Abh. v. 1829. Werke zur Philo- 
Mpbie, 3. Bd. 344 iL — Dissen, De ratiane poäHca carminum Pindaric, 
€t de interpretaUoniB genere iis adhibendo. In der Ausgabe des Pindar 
Bd, 1, Gfotha 1880. — Ger mar, Beitrag zur allgemeinen Hermeneutik. Al- 
tana 1828. und Kritik der modernen Exegese. Halle 1839. — Gottfr. Her- 
01 tun, De officio interpretis, 1884, abgedruckt in seinen Opusculis vol. 
VII*). — Car. Gabr. Cobet, Oratio de arte interpretandi , grammatices 
ei eritiees fundamenUs innixa, primario phüologi officio. Leiden 1847. 

Der Name der Hermeneutik stammt von £pfii]V€ia. Dies Wort 
hingt offenbar mit dem Namen des Gottes '€p)Lific ("Gpfi^ac) zu- 
sammen , aber ist nicht liiervon abzuleiten, sondern beide haben 

*) Vergl. die Kritiken dieser Abhandlung, 1835, Kl. Sehr. VH, S. 405 
— 477 und der Abhandlung von Dissen, 1830, ebend. S. 377 f. 



Erster Haupttheil. 

eselbe Wurzel. Welches diese sei, ist nicht sicher. Sieht man 
on der Urbedeutung des Gottes '€p|Lific ab, der wahrscheinlich tu 
icn chthonischen Göttern gehört, so erscheint der Crötterbote^ 
^ie die Dämonen, als Vermittler zwischen den Gittern und Men- 
schen. Er bringt die göttlichen Gedanken zur Manifestation^ 
tibersetzt das Unendliche ins Endliche, den göttlichen Geist in die 
sinnliche Erscheinung, daher bedeutet er das Princip der Scheidung, 
des Maasses, der Besonderung. So wird ihm nun auch die Er> 
findung aller der Dinge zugeschrieben, welche zur Verständigung 
gehören (tq rrepi Tf)v dp^rlV6iav), insbesondere der Sprache und 
der Schrift Denn hierdurch werden die Gedanken der Menschen 
zur Gestaltung, das Göttliche, Unendliche in ihnen in eine end- 
liche Form gebracht; das Innere wird verstandlich gemachtb 
Hierin besteht das Wesen der £p)Lii]V€ia, sie ist das, was die Rö- 
mer docutio nennen: Gedankenausdruck, also nicht Versteheni 
sondern Verständlichmachen. Hieran schliesst sich die sehr alte 
Bedeutung des Wortes, wonach es die Verständlichmachung der 
Rede eines Andern, die Dolmetschung ist; ö £p|LiT]V€uc, der Dol- 
metscher, findet sich schon bei Pindar, 2. Olymp. Ode. Als 
Dolmetschung ist ^pflriveia nicht wesentlich yerschieden von dEifj- 
Tricic und Exegese brauchen wir ja als synonym mit Hermeneu- 
tik. Der älteste Gebrauch der Exegese bei den alten dEiiTHTat 
war die Auslegung der Heiligthümer. (Vgl hierQber den Artikel 
Exegese von Baehr in der Halleschen EncyklopSdie der Wiasen- 
schafteu und Künste). Es kommt aber in der Hermeneutik nicht 
sowohl auf die Auslegung, sondern auf das Verstehen selber ao, 
welches durch die Auslegung nur explicirt wird. Dies Verstehen ist 
dieRcconstruction der ipiir\ve\a, wenn diese als Elocution gefasstwird. 
Da die Grundsätze nach welchen man verstehen soll^ die 
Functionen des Verstehens überall dieselben sind, so kann es 
keine specifischen Unterschiede der Hermeneutik nach dem Gegen- 
stande der Auslegung geben. Der Unterschied zwischen einer 
henneneutica sacra und profana ist demnach ganz unstatthaft Ist 
ein heiliges Buch ein menschliches Buch, so muss es auch nach 
menschlichen Gesetzen, d. h. auf die gewöhnliche Weise ver- 
standen werden; ist es aber ein göttliches Buch, so 'ist es über 
alle Hermeneutik erhaben und kann nicht durch die Kunst des Ver- 
stcheuH, sondern nur durch göttliche Begeisterung begriffen wer- 
den. Am allerwahrscheinlichsten möchte jedoch jedes wahrhaft 
lioiligc Buch, wie jedes geniale aus Begeisterung entstandene 




Erster Abschnitt Theorie der Hermeneutik. 81 

"Werk nur aus beiden Quellen zugleich verstanden werdeti. Der 
Oeist des Menschen ^ der nach seinen Gesetzen alle Ideen bildet, 
ist ja göttlichen Ursprungs. Dagegen giebt es eine besondere 
.ÄJiwendung der allgemeinen hermeneutischen Grundsätze je nach 
der Besonderheit des Gegenstandes. So l'ässt sich denn allerdings 
eine besondere Hermeneutik des Neuen Testaments ebensowohl 
inrie eine Hermeneutik des röm. Rechtes , des Homer u. s. w. den- 
ken. Das ist aber im Grunde dieselbe Theorie, nach dem Stoffe 
Tarürt. Hierher gehört auch die Abzweigung der Kunst-Herme- 
neutik, welche die Kunstwerke ganz analog den Sprachdenkmälern 
zu. erklären hat. Wie wir von der besondem Beschaffenheit der 
archäologischen Auslegung absehen, so abstrahiren wir auch von 
Allem, was nur aus der Eigenthümlichkeit des Stoffes in den 
Sprachwerken folgt. Da nämlich die Hauptmasse der sprachlichen 
Tradition durch die Schrift fixirt ist, so hat der Philologe bei 
der Erklärung 1) das Zeichen des Bezeichnenden, die Schrift, 
2) das Bezeichnende, die Sprache, 3) das Bezeichnete, das in 
der Sprache enthaltene Wissen zu verstehen. Der Paläograph 
bleibt beim Zeichen des Zeichens stehen ; es ist dies die Erkennt- 
i^esstufe, welche Piaton in der Republik . (VI, 509) ekacia 
nennt; der blosse Grammatiker verharrt bei dem Zeichen fiir das 
-bezeichnete, auf der Erkenntnissstufe der bö£a; nur wenn man 
ois zam Bezeichneten selbst, bis zum Gedanken vordringt, ent- 
steht ein wirkliches Wissen, ^TrlCTri^Tl. Wir setzen nun das Ver- 
stSndniss der Schriftzeichen voraus und beschäftigen uns also 
^dit mit der Entzifferungskunst, die, wenn der Schlüssel fehlt, 
^ine Hermeneutik aus unendlich vielen unbekannten Grössen ist. 
■Ebenso sehen wir auch von dem Unterschied zwischen der Sprach- 
^^ichnung und dem bezeichneten Denken ab, indem wir nicht 
^ lautliche Seite der Sprache, sondern nur die mit den Worten 
verknöpften Vorstellungen als Object der Hermeneutik betrachten, 
^e 80 gefundenen Grundsätze müssen daher auch Gültigkeit 
haben, wenn diese Vorstellungen auf andere Weise als durch die 
Sprache ausgedrückt sind, obgleich wir uns bei unserer Theorie 
atif die Sprache als das allgemeinste Organon der Mittheilung 
beschranken. 

§ 17. Wirkliche specifisehe Unterschiede der Auslegung lassen 
»kh nur aus dem Wesen der hermeneutischen Thätigkeit ableiten. 
Wesentlich für das Verständniss und dessen Ausdruck, die Aus- 
legung, ist das Bewusstsein dessen, wodurch der Sinn und 

Üfiekli*! Kncjklopädle d. philolog. Wissenichaft. 6 



82 Ereter HaupttheiL 

die Bedeutung des Mitgetheilten oder Ueberlieferten bedingt imc 
bestimmt wird. Hierzu gehört zuerst die objectiye Bedeutung 
des Mittheilungsmittels, d. h. — in der eben angedeuteten Be- 
schränkung — der Sprache. Die Bedeutung des Mitgetheflteii 
wird zuerst durch den Wortsinn an sich bedingt^ und kann alsc 
nur verstanden werden ^ wenn man die Gesammtheit des gang- 
baren Ausdruckes versteht. Allein jeder Sprechende oder Schrei- 
bende braucht die Sprache auf eigenthümliche und besondere 
Weise; er modificirt sie nach seiner Individualität. Um dabei 
jemand zu verstehen muss man seine Subjectivität in Rech- 
nung ziehen. Wir nennen die Spracherklärung aus jenem objee 
tiven allgemeinen Standpunkte grammatische, die aus deir. 
Standpunkt der Subjectivität individuelle Interpretation. De: 
Sinn jeder Mittheilung ist aber femer bedingt durch die rea 
len Verhältnisse, unter denen sie geschieht, und derei 
Kenntniss bei denjenigen vorausgesetzt wird, an welche sie ges 
richtet ist. Um eine Mittheilung zu verstehen, muss man siel 
in diese Verhältnisse hineinversetzen. Ein Schriftwerk z. B. erhal 
seine wahre Bedeutung erst im Zusammenhange mit den gang 
baren Vorstellungen der Zeit, zu welcher es entstanden ist. Diese 
Erklärung aus der realen Umgebung nennen wir historische 
Interpretation. Wir meinen damit nicht das, was man gewohn 
lieh unter Sacherklärung versteht, d. h. eine Anhäufung voi 
historischen Notizen, welche zum Verständniss der erklärten Werki 
ganz entbehrlich sind; denn die Exegese hat nur die Bedingungei 
des Verständnisses zu liefern. Die historische Interpretatio] 
schliesst sich eng au die grammatische an, indem sie untersuchi 
wie der Wortsinn an sich durch die objectiven Verhältnisse mo 
dificirt wird. Aber auch' die individuelle Seite der Mittheilnn^ 
wird durch die subjectiven Verhältnisse modificirt, unte; 
deren Einfluss letztere geschieht. Diese bestimmen Richtung un< 
Zweck des Mittheilenden. Es giebt Zwecke der Mittheilung, di< 
vielen gemeinsam sind; daraus gehen bestimmte Gattungen der 
selben hervor, in der Sprache die Redegattungen. DerCharakte: 
der Poesie und Prosa nebst ihren verschiedenen Arten liegt ii 
der subjectiven Richtung und dem Zweck der Darstellung. Ii 
diese generellen Unterschiede ordnen sich die individuellen Zwecke 
der einzelnen Autoren ein: sie bilden nur Abarten der allgemei 
neu Gattungen. Der Zweck ist die ideale höhere Einheit de« 
Mitgetheilten, die — als Norm gesetzt — Kunstregel ist und all 



Erster Abschnitt. Theorie der Hermeneutik. 83 

solche stets in einer besonderen Form^ einer Gattung, ausgeprägt 
erscheint. Die Auslegung der Mittheilung nach dieser Seite hin 
wiird man daher am besten als generische Interpretation be- 
zeichnen; sie schliesst sich ebenso an die individuelle an, wie 
die historische an die grammatische. 

Dass in diesen vier Arten der Auslegung alle Bedingungen 
des Verständnisses erfasst werden, die Enumeration also voU- 
sta Jidig ist, ergiebt sich aus folgendem Ueberblick der Eintheilung. 

Die Hermeneutik ist: 
I. Verstehen aus den objectiven Bedingungen des Mitge- 
theilten: 

a) aus dem Wortsinn au sich — grammatische Inter- 
pretation. 

b) aus dem Wortsinn in Beziehung auf reale Ver- 
hältxiisse — historische Interpretation. 

XI- Verstehen aus den subjectiven Bedingungen des Mitge- 
theilten: 

a) aus dem Subject an sich — individuelle Interpretation. 

b) aus dem Subject in Beziehung auf subjective Ver- 
hältnisse, die in Zweck und Richtung liegen — gene- 
rische Interpretation. 

§. 18. Wie verhalten sich nun die verschiedenen 
Arten der Auslegung unter einander? Wir haben sie zwar 
*l«m BegrifiFe nach bestimmt gesondert, bei der Ausübung selbst 
aber gehen sie beständig in einander über. Man kann den Wort- 
sifln an sich nicht verstehen, ohne die individuelle Interpretation 
zur Hülfe zu nehmen; denn jedes Wort, von irgend Jemand aus- 
gesprochen, ist schon von ihm aus dem allgemeinen Sprachschatz 
herausgenonmien und hat einen individuellen Beisatz. Will man 
diesen abziehen, so muss man die Individualität des Sprechenden 
kennen. Ebenso ist der allgemeine Wortsinn durch die realen 
Verhaltnisse und durch die Redegattungen modificirt. Das Wort 
ßaciXeuc z. B. hat eine durchaus andere Bedeutung im homerischen 
Sprachgebrauch und in der attischen Republik; die Wörter xpövoc, 
ciiM^tov haben einen verschiedenen Sinn in der philosophischen, 
mathematischen und geschichtlichen Darstellung. Diese Ein- 
schränkungen des Wortsinns muss man durch die historische 
und generische Interpretation feststellen, deren Elemente doch 
wieder nur durch die grammatische Auslegung gefunden werden 

können; denn von letzterer geht alle Erklärung aus. 

6* 



84 Erster Haupttheil. 

Der hieraus entstehende Cirkel der Aufgabe weist auf d 
bereits oben S. 53 erwähnte Schwierigkeit zurück; welche in dei 
Verhältniss der formalen Function der Philologie z 
ihren materialen Ergebnissen liegt. Die grammatisch 
Auslegung nämlich erfordert Eenntniss der- Grammatik in ihn 
geschichtlichen Entwickelung; die historische ist unmoglic 
ohne specielle Eenntniss der Geschichte überhaupt; zur ind 
yiduellen gehört Eenntniss der Individuen, und die gen« 
rische beruht auf der geschichtlichen Eenntniss der Stilgattange 
also auf der Literaturgeschichte. So setzen die verschiedent 
Arten der Auslegung reale Eenntnisse voraus, und doch könne 
diese erst durch die Auslegung des gesammten Quellenmateria 
gewonnen werden. Hieraus ergiebt sich aber zugleich, wie i 
Cirkel zu lösen ist. Die grammatische Auslegung wird nämlic 
den Wortsinn eines Ausdrucks ermitteln, indem sie ihn unt- 
verschiedenen individuellen und realen Bedingungen .betrachte 
und indem man dies auf die gesammte Sprache ausdehnt, wird d 
Sprachgeschichte hergestellt, werden Grammatik und Lexikon g 
bildet, welche dann wieder der grammatischen Auslegung diene 
und zugleich durch die fortschreitende hermeneutische Thätigke 
vervollkommnet werden. Hierdurch hat man eine Grundlage fi 
die übrigen Arten der Auslegung und zugleich für die Const 
tuirung der materialen Disciplinen überhaupt. Je weiter dies 
Disciplinen ausgebildet sind, desto vollkommener gelingt die Aus 
legung. Die Hermeneutik des Neuen Testaments muss z. B. hinb 
der Auslegung der griechischen Elassiker zurückstehen, weil doi 
die Granmiatik, die Theorie des Stils und die historischen B^ 
dingungen viel unvollkommener ermittelt sind. Die Grammati 
der attischen Schriftsteller ist an sich unendlich mehr ausgepri^ 
als die der neutestamentlichen Sprache, welche das Product eiii< 
schlechten Mischung des Griechischen und Orientalischen, ei 
geringer Jargon ist; femer sind die Autoren des Neuen Test 
ments ungebildete Männer, die von einer ausgeprägten Euns 
form, wie sie sich bei den Attikern findet, keine Vorstellur 
haben: um ihren Stil zu verstehen, muss man sich daher in ik 
religiöse Begeisterung und den orientalischen^ Schwung ihrer Ide< 
hineinversetzen; die historischen Bedingungen aber, unter welchi 
die Schriften entstanden sind, hüllt ein mythisches Dunkel ei 
In Bezug auf die klassische Zeit der Griechen ist die Eenntni 
der Stilform bei der lyrischen Poesie am unvollkommensten; dah* 



Brsiier AJbschnitt. Theorie der Hermenentik. 85 

ist die Erklänmg der Lyriker besonders schwer. Hier soll die 
Compositionsweise des Dichters aus seinen Werken selbst durch 
die Auslegung gefunden werden^ und doch hängt die Auslegung 
in den wichtigsten Punkten von der Vorstellung ab^ welche man 
sich von der Compositionsweise gebildet hat. Der Cirkel muss 
also hier mit besonderer Kunst vermieden werden. So behaupte 
ich; dass man von Pindars Composition bis in unsere Zeit kei- 
nen Begriff gehabt hat^ weil man ihn nicht zu erklären verstand 
and umgekehrt; dass man ihn hauptsächlich darum nicht zu er- 
klaren wusstC; weil man seine Composition nicht verstand.*) 
Dasselbe gilt von Piaton, dessen Compositionsverfahren erst 
durch Schleier macher ermittelt worden ist**) * 

Erleichtert wird die Aufgabe der Hermeneutik dadurch, dass 
die Arten derselben, wenn sie auch beständig ineinandergreifen, 
doch nicht stets alle gleichmässig sinwendbar sind. Die gram- 
matische Interpretation erreicht das Maximum der Anwendbarkeit 
da, wo die individuelle auf das Minimum derselben herabsinkt. 
Schriftsteller, die nur den allgemeinen Geist der Nation und Sprache 
d^u^llen, wie Cicero, werden hauptsächlich grammatisch zu 
^Uären sein, was die Auslegung erleichtert; je origineller da- 
gegen ein Schriftsteller ist, je subjectiver seine Ansichten und 
seine Sprachbildung sind, ein desto grösseres Uebergewicht erhält 
die individuelle Auslegung; daher ist Tacitus schwerer zu er- 
ilären als Cicero. Ganze Stilgattungen unterscheiden sich in 
ähnlicher Weise; je objectiver die Darstellung^ desto mehr fällt 
sie der grammatischen Auslegung anheim. So tritt beim Epos 
und bei Geschichts werken nicht nur die individuelle, sondern 
auch die historische Erklärung am meisten zurück, wenn nicht 
di^ sabjective Natur des Autors, wie bei Tacitus, difes Ver- 
bältniss aufhebt Dagegen wird die Interpretation in der Prosa 
b^ Werken der vertrauten Schreibart, z. B. Briefen und in der 
Poesie bei lyrischen Gedichten am verwickeltsten sein- 

§ 19. Der Zirkel, welchen die Aufgabe der Hermeneutik 
enthält, lässt sich indess nicht in allen Fällen und überhaupt 
nie vollständig vermeiden; hieraus ergeben sich die Grenzen, 



*) S. Kritik der Ausgabe des Pindar von Dissen. 1830. Kl. Sehr. VII, 

369 ff. 

**) S. Kritik der üebersetzung des Piaton von Schleiermacher. 1808. 
Kl. Sehr. VII, 1 ff. 



86 Erster Haupttheil. 

welche der Auslegung gesteckt sind. Zunächst ist es nicht möglich 
den Wortsinn eines Ausdrucks oder einer Wendung durch Verglei- 
chung anderer Fälle ihres Vorkommens festzustellen^ wenn sie in 
dieser Form nirgend anderswo klar vorliegen. Ist genau derselbe 
Gegenstand zugleich die einzige Grundlage der grammatischen und 
individuellen, oder der individuellen und generischen, oder der 
historischen und generischen Interpretation, so ist die Aufgabe 
unlösbar. Ausserdem ist aber jede individuelle Aeusserung durch 
eine unendliche Anzahl von Verhältnissen bedingt und es ist 
daher unmöglich, diese zur discursiven Klarheit zu bringen. 
Gorgias hat in seiner Schrift irepi cpiiceujc, worin er die Miir 
theilbarkeit der realen Erkenntniss leugnet, bereits bemerkt, dass 
der Zuhörende sich bei den Worten nie dasselbe denkt wie der 
Sprechende, da sie — um seine übrigen Gründe zu übergehen — " 
von einander verschieden sind; denn oubeic ?T€poc dT^pqj raurd 
evvoei. Selbst ein und derselbe Mensch nimmt denselben Gegen- 
stand nicht immer auf dieselbe Weise wahr und versteht sich 
daher selbst nicht vollständig. Wenn also die fremde Individua- 
lität nie vollständig verstanden werden kann, so kann die Auf- 
gabe der Hermeneutik nur durch unendliche Approximation 
d. h. durch allmähliche, Punkt für Punkt vorschreitende, aber nie 
vollendete Annäherung gelöst werden. 

Für das Gefühl wird jedoch in gewissen Fällen ein voll- 
ständiges Verständniss erreicht, und der hermeneutische Künstler 
wird um so vollkommener sein, je mehr er im Besitz eines sol- 
chen den Knoten zerhauenden, aber freilich keiner weiteren 
Rechenschaft fähigen Gefühls ist. Dies Gefühl ist es, vermöge 
dessen mit einem Schlage wiedererkannt wird, was ein Anderer 
erkannt hat, und ohne dasselbe wäre in der That keine Mitthei- 
lungsfähigkeit vorhanden. Wenngleich nämlich die Individuen 
verschieden sind, stimmen sie doch auch wieder in vielen Be- 
ziehungen überein; daher kann mau eine fremde Individualitat 
bis auf einen gewissen Grad durch Berechnung verstehen, in 
manchen Aeusseningen aber vollständig durch lebendige An- 
schauung begreifen, die im Gefühl gegeben ist. Dem Satz des 
Gorgias steht ein anderer gegenüber: Ö|lioioc Ö|lioiov titvoickci — 
das ist das Einzige, wodurch Verständniss möglich ist: Conge- 
nialität ist erforderlich. Wer so erklärt, kann allein ein genia- 
ler Erklärer genannt werden; denn das Gefühl, welches aus der 
Aehnlichkeit mit dem Erklärten herauswirkt, ist ein innerlich 



Erster Abschnitt. Theorie der Hermeneutik. 87 



I prodactiyes; es tritt hier an die Stelle des Verstandes die Phan- 
f tasie als hermeneutische Thätigkeit. Daher kommt es auch, dass 
abgesehen von der Uebung nicht Jeder für alles ein gleich guter 
Erklarer sein kann und überhaupt zum Auslegen ein ursprüngliches 
Talent gehört Was Ruhnken von der Kriiik sagt: Griticus 
noH fit, sed nascitur, das gilt auch von der Auslegung: Interpres 
9um fit, sed fMScitur. Dies bedeutet aber nichts anderes, als dass 
xnan sich überhaupt keine Wissenschaft anlernen, sondern sie nur 
entwickeln und üben kann. Die Natur wird durch Uebung ge- 
bildet, durch Theorie der Blick geschärft; dass aber die Natur 
selbst erst vorhanden sein müsse, ist klar. Es giebt solche, die 
von Natur Blick zum Verstehen haben, und dagegen sind manche 
-Erklärer von Grund aus verkehrt, weil die Menschen ebensowohl 
^^m Missverstehen wie zum Verstehen geboren sein können. 
-^^rch mechanische Anwendung hermeneutischer Vorschriften wird 
Talent nicht entwickelt; vielmehr müssen die Regeln, deren 
sich beim Auslegen selbst lebendig bewusst wird, durch 
ü^tung 8Q geläufig werden, dass man sie bewusstlos beobachtet, 
^**=id sich doch zugleich zu einer bewussten Theorie zusammen- 
^^liliessen, welche allein die Sicherheit der demonstrativen Aus- 
*^^Huiig verbürgt Bei dem ächten hermeneutischen Künstler wird 
bliese Theorie selbst in das Gefühl aufgenommen und es entsteht 
^o der richtige Takt, der vor spitzfindigen Deuteleien bewahrt. 
Der Schriftsteller componirt nach den Gesetzen der Gram- 
*^atik und Stilistik, aber meist nur bewusstlos. Der Erklärer 
^^^egen kann nicht vollständig erklären ohne sich jener Gesetze 
w\^U8gt zu werden; denn der Verstehende reflectirt ja; der Autor 
PJ'otJucirt, er reflectirt nur dann über sein Werk, wenn er selbst 
^i^der gleichsam als Ausleger über demselben steht. Hieraus 
'•öl^t, dass der Ausleger den Autor nicht nur eben so gut, son- 
'^^^'Xi sogar besser noch verstehen muss als er sich selbst. Denn 
"^** Ausleger muss sich das, was der Autor bewusstlos geschaflen 
1^'**-^, zu klarem Bewusstsein bringen, und hierbei werden sich 
i^^^xi alsdann auch manche Dinge eröffnen, manche Aussichten 
aufschliessen, welche dem Autor selbst fremd gewesen sind. Auch 
Aieses objectiv Darinliegende muss der Ausleger kennen, aber er 
tftuss es von dem Sinne des Autors selbst als etwas Subjectivem 
^titerscheiden; sonst legt er, wie die allegorische Erklärung im 
Piaton, die Erklärung der Alten im Homer und sehr vieler 
Ausleger im Neuen Testament ein, statt aus; es findet also dann 



88 Erster Haupttheil. 

ein quantitatives Missverstehen statt, man versteht zu vie 
Dies ist ebenso fehlerhaft wie das Geg entheil, der quant 
tative Mangel an Yerständniss, welcher eintritt^ wenn man de 
Sinn des Autors nicht völlig auffasst, wenn man alsozuweni 
versteht Ausserdem kann man qualitativ missverstehen; di< 
geschieht, wenn man etwas anderes versteht, als der Aut< 
meint; also die Vorstellungen desselben mit andern verwechsel 
was auch besonders b^ der allegorischen Erklärung, z. B. b 
falscher Auslegung einer vorhandenen Allegorie stattfindet. 

§ 20. Wir gehen hier näher auf die allegorische Aui 
legung ein, welche manche als eine besondere Art der Henrn 
neutik ansehen. Aus der alexandrinischen Philosophie und The< 
logie stammt die im Mittelalter herrschende Ansicht, dass in de 
Schriften ein vierfacher Sinn zu unterscheiden sei: der Wor 
sinn, der allegorische, der moralische und deranagogiscl] 
oder mystische. Hiemach ergeben sich vier Arten der Au 
legung, die sich aber auf zwei zurückführen lassen. Der Au 
legung des Wortsinns steht allein die allegorische Interpr 
tation gegenüber, d. h. die Nachweisung eines Sinnes, welch» 
vom Wortsinn verschieden ist. Die moralische und anag< 
gische Erklärung sind nur Abarten der allegorischen: bei jen< 
ist der Sinn, welcher dem Wortsinn substituirt wird, ein mor 
lischer, wie wenn man als Sinn des in einer Parabel oder Fab 
gegebenen sinnlichen Bildes einen sittlichen Gedanken findet; b 
der anagogischen Deutung dagegen ist der allegorische Sinn e: 
speculativer, Vorstellungen z. B. in einem Mythos werden a 
Bild übersinnlicher Wesen aufgefasst: dvdf€Tai dirö toö alcOr|T( 
^TTi TÖ voTiTÖv. Der Wortsinn J^ann aber auch ein ideales Bi! 
oder ein sinnliches Object bezeichnen, dem die allegorische Au 
legung ein anderes sinnliches Object substituirt , z. B. wenn ma 
in der 4. pythischen Ode des Pindar die Gestalten des Pelic 
und lason als eine allegorische Darstellung historischer Pe 
sonen, des Arkesilaos und Damophilos, erklärt. Eil 
solche Allegorie kann man eine einfache oder historiscl] 
nennen. 

Aus dem Wesen der Allegorie überhaupt folgt, dass d 

allegorische Auslegung jedenfalls eine sehr ausgedehnte Anwei 

duoig fi^den muss: denn die Allegorie ist eine in der Natur d< 

S^TKche und des Denkens tief begründete und daher häufig ai 

g^ wandte Darstellungsweise. Zunächst müssen die Mythen all< 



Enter Abschnitt. Theorie der Hermeneutik. 89 

gorisch erklart werden; denn sie sind stets sinnliche Symbole 
ties Uebersinnlichen und schliessen also einen anderen Sinn ein, 
als die Worte besagen. Daher ist es gerechtfertigt, dasa. man 
heilige Schriften allegorisch auslegt, denn ihre Basis ist mythisch; 
nur fragt es sich, wie viel hier die Schriftsteller von diesem alle- 
gorischen Sinn mit Bewusstsein hineingelegt haben. Da nun 
^e- ganze Poesie der Alten vom Mythos durchdrungen ist und 
überhaupt alle Kunst symbolisch verfährt, so erfordern alle Zweige 
der antiken Dichtung eine allegorische Auslegung. Das ganze Epos 
ist mythische Erzählung und die Alten haben daher schon den 
Homer allegorisch erklärt. Aber- diese Art der Auslegimg geht 
hier über den Sinn des Dichters hinaus, welcher von der ur- 
sprUi^lichen Bedeutung der Mythen nichts weiss, und der Ausle- 
8^1" hat also hier sorgfältig zu unterscheiden, wo er den Homer 
^eir den Mythos selbst erklärt. Ganz anders ist es z. B. bei 
D^^nte, der in seiner D'mna commedia die Allegorie durchweg 
mit Bewusstsein anwendet. Bei ihm ist die allegorische Erklär 
. ™*^g recht eigentlich zu Hause; ja wir haben von ihm selbst 
authentische allegorische Erklärungen in seinem ConvitOy einem 
überhaupt sehr me/kwürdigen Buche, welches eine dem platoni- 
selien (xastmahl ähnliche Liebesphilosophie enthält. Er erklärt 
iort, wie jede Schrift in vierfachem Sinn verstanden werden 
fönne und wie er selbst bei seinen Gedichten immer neben dem 
W^ortsinn die anderen höheren Arten im Auge gehabt hat. So 
, .jst 2. B. Beatrice in der Divina coniniedia zugleich eine alle- 
gorische Darstellung der höchsten Wissenschaft, der speculativen 
Tbeologie. Es ist in den Allegorien Dante's ein erhabenes, gross- 
artiges Streben, welches zugleich dem Charakter der Zeit ange- 
messen war, aber freilich in manchen sonderbaren und wunder- 
samen Vorstellungen auch dessen Schwächen an sich trägt. In 
der lyrischen Dichtung wird die mythische Allegorie meist mit 
Bewusstsein angewandt. Ich habe bereits ein Beispiel aus Pin - 
dar angeführt; bei ihm findet sich die Allegorie stets nur in 
einem bestimiüten Sinne, nämlich als Anwendung des Mythos, 
den er behandelt, oder der Geschichte auf die Verhältnisse der 
Zeitgenossen, die er besingt. Die Mythen werden bei ihm nicht 
^ ihrer selbst willen dargestellt, sondern sind Mittel etwas 
. ^teytlüsches , Wirkliches in ein ideales Licht zu setzen; sie 
^^^ ideale Bilder des menschlichen Lebens und können daher 
^'^ eineJi aittlichen Gedanken zum Sinn haben. Wenn übrigens 



(M; KrMt/rr HafiptthcU. 

in tuittu'ht'ti lyriyrhcti DicIitungHforinen auch keine bewus 
iuy\h\mr\w Allf^orif? Mtatifindct^ so haben doch alle den sym' 
lin('h<*fi (üiHnililifr, dv.r der Kunst überhaupt eigen ist; bei al 
lioftiiiil. fH diiriuif liu, iUni (iedanken zu verstehen; der sich ai 
in (liMti li*i('.lii,i*H(^'n rinmifwIoHpiel offenbart; allerdings wird l 
iliiM ViTHliitMlniNH liiinpiHiu'lilich durch ein feines Gefiihl Tem 
li*ll. Ain Hrhwii'rigM<i<*n int die Aufgabe der allegorischen Erl 
niti^ Ihmmi Driunu. Diih Wesen des Dramas ist die Darstellt 
piiHM* II lind hing; iibor dor innere Kern der Handlung, die Sc 
(Inrnrlhon, ir«! oin (irdankc, der sich darin offenbart. Gewi 
Tragi^diiMi irag(*n hoIiou iiuHsorlich das Gepräge des Symb 
Nrhon, \\\\\ roitiNion violloiohi die Promethie des Aeschylos; a 
in {\\\v\\ Hv\\\\A\i (Inn uIUmi Dichter ein allgemeiner leit 
diT («odiuikt' Yoi\ Hei Sophokles ist derselbe am deutli 
nIou In dor Anligono «usgopriigi, wo in den verschiedenen I 
Nonou dor Handlung sioh lebendig der ethische Gedanke Terl 
poH » doH^t das Maass das Heste ist und selbst in gerechten 
stivbungon sich Nionnind überheben \tnd der Leidenschaft folj 
davl\ \\\ dov Komödie >v in! nicht bloss ein allgemeiner Gedai 
vn\n \\(Ndru\'k gt'bmoht« sondern vielfach auch ein individuali 
(ov anl du' Hok^'lH'nhoiteu und Zustande der Zeit bezüglicl 
\ on lot'-tertn' Art ist Vieles Wi Aristophanes. der durch i 
xluuU s\ mlMl;s\*h isi , \\ io s\ bou die Namen seiner Choipersoi 
%\\*;vtr \\ espev,. NN olkoiu Krosi'he u. s. w. Eine dar 
»;vtV,;^^,e VT.t^^r^ euihAl;er» *;:e Vöc^'*: die Gründung 
\ x'^'^tstw^Atv^s ^,s: etUx^ S«ä::t\" a,;: iiie A^henis^Ken Staaten 



f 



Erster Abschnitt. Theorie der Hermeneutik. 91 

Uänmg ist also bei ihm nicht abzuweisen. Uebrigens finden 
sicli auf allen Gebieten der Prosa allegorische Partien. 

Das Kriterium für die Anwendbarkeit der allegorischen 
Auslegung kann offenbar nur darin liegen, dass der Wortsinn 
zum Yerstandniss nicht ausreicht. Dies ist dann der Fall, wenn 
fie grammatische Auslegung einen Sinn ergiebt, welcher den 
durch die individuelle, historische und generische Aus- 
iegnng ermittelten Verhältnissen nicht entspricht. Wenn z. B. der 
g>*3rminatische Sinn einer Pindarischen Ode dem Zweck der- 
selben und den zu Grunde liegenden historischen Beziehungen 
niclt angemessen ist, so ist man genothigt, über den Wortsinn 
hixm auszugehen. Der allegorische Sinn selbst wird stets diejenige 
ül>ertragene Bedeutung des Wortsinns sein, welche sowohl der 
N'sktar der Sprache angemessen ist, als auch den übrigen Be- 
dingangen entspricht. Um also den allegorischen Sinn zu er- 
mitteln, wird man unter den möglichen Fällen der übertragenen 
ftedeutung, welche sich durch die grammatische Auslegung er- 
geben, denjenigen auszuwählen haben, den der Sinn des ganzen 
Werks und die gegenseitige Beziehung aller seiner Theile ver- 
langt, was nur durch individuelle und generische Auslegung 
gefonden werden kann und zugleich sind dabei durch die histo- 
rische Auslegung die realen Bedingungen in Betracht zu ziehen. 
Die allegorische Erklärung darf auch nicht weiter gehen, als sie 
hierdurch motivirt wird. Es ist allerdings schwer, hier die rechte 
Grenze einzuhalten. Tra Allgemeinen muss man sich hüten, die 
Allegorie zu sehr im Einzelnen zu suchen, weim man nicht einen 
pedantischen Schriftsteller vor sich hat. In wahrhaft klassischen 
Werken wird die Allegorie stets grossartig gehalten sein; eine 
spielende oder spitzfindige Auslegung darf man nur bei einem 
spielenden oder spitzfindigen Schriftsteller anwenden. So istSü- 
vern in seiner berühmten Abhandlung: lieber Aristophanes Vögel 
(Abhandlungen der Berliner Akademie. 1827) viel zu weit ge- 
g^iigen; Kochly hat in der Gratulationsschrift an mich: Ueber 
die Vogel des Aristophanes. Zürich 1857, 4. eine bessere Erklä- 
""*? gegeben. Kindisch ist es oft, wie die neueren Ausleger in 
dieser Beziehung die alten Tragiker erklären; eine gute Kritik 
dieser üebertreibungen enthält die Abhandlung von Heinr. Weil. 
De trajoediamm Gra<icariim cum rebus pu bliois conjunctione, Pa- 
ria 1844. 

Hat man eine vorhandene Allegorie nicht verstanden, so hat 



I. Ghraminatische Ixiterpretation. 93 

ihr Yerstandniss aber keineswegs eine besondere Art der Aus- 
legung constituirt; vielmehr besteht die allegorische Aus- 
legung wie jede andere aus dem Zusammenwirken der von uns 
anfgestellteh vier Arten der hermeneutischen Thätigkeit. Von 
den Arten der Darstellung überhaupt, besonders aber von der 
myiluschen handelt sehr ausführlich und genau Benj. Gotth. 
Weiske in der Einleitung zu seinem Buche: Prometheus und 
»dn Sagenkreis. Leipzig 1842, (abgedruckt unter dem Titel: Phi- 
iosopbie der Darstellung, besonders der mythischen). Wir wer- 
"«ö Gelegenheit finden den Begriff der Darstellung und ihrer 
Mittel einer näheren Betrachtung zu unterwerfen, wenn wir nun- 
^ehr die vier Arten der Hermeneutik im Einzelnen untersuchen. 



L 

Qranunatische Interpretation. 

§ 21. Obgleich in jedem besondem Falle die grammatische 

b*®iT)retation ohne die übrigen Auslegungsarten nicht vollendet 

▼exxien kann, so muss man doch zuerst den Wortsiim aus der 

^^%emeinen Kenntniss der gesammten Sprache vorläufig finden 

und dann die Mängel aus der Totalanschauung der Individualität 

^ Autors, sowie aus den historischen Verhältnissen und dem 

Cl^arakter der Gattung ergänzen. Natürlich laufen diese Opera- 

faonen zeitlich in einander, aber die Grundlage bildet doch immer 

^ie grammatische Auslegung; daher handeln wir von ihr zuerst. 

Die Sprache ist eine Composition von bedeutsamen 

Elementen. Als solche Elemente erscheinen die Worte selbst, 

^ie Flexionsformen und Structuren derselben und die Formen der 

Wortstellung. Der objective Wortsinn, den die grammatische 

Auslegung zu bestimmen hat, liegt nun einerseits in der Bedeutung 

d«r einzelnen Sprachelemente für sich, andrerseits wird er 

durch den Zusammenhang derselben bedingt. 

1. Bedeutung der einzelnen Sprachelemente für sich. 

Hätte jedes Sprachelement nur einen objectiven Sinn, so 

wäre die grammatische Auslegung leicht, soweit die Bedeutung der 

einzelnen Elemente überliefert wäre ; die Hauptschwierigkeit besteht 

darin, dassdie Wörter und übrigen Sprachformen vieldeutig sind. 

Und doch wird man eine Sprache nie verstehen, wenn man in 

den vielen Bedeutungen eines jeden ihrer Elemente nicht eine und 



I. Grammatische InterpretatioD. 95 

fahrangeii und Uebungen. Erlangen 1849 (abgedruckt in dem 
Aohazig zu seinen ^^öffentlichen Reden'', Frankfurt a. M. 1869, 
8. S. 292 ff.). Er nennt Wörter wie Schloss, welche bei der- 
selben. Grundbedeutung, hier die des Schliessenden, verschiedene 
Gegenstände bezeichnen, uueigentliche oder scheinbare Homony- 
men*, als wahre Homonymen sieht er gleichlautende Wörter an, 
fiexon ganz verschiedenen Wurzeln, also auch von verschiedenen 
^^nrandbedeutungen ausgehen und nur zuföllig im Laut übereiu- 
s^ÜMnen, wie in der Homerischen Sprache oöpoc Grenze (statt 
"poc), ovipoc Wächter (verwandt mit öpäv), oöpoc günstiger Fahr- 
'^^d (verwandt mit aöpa), oupoc Graben (verwandt mit öpüccw), 
ovpoc (= öpoc) Berg. Man kann jedoch vielmehr diese letzte 
^ gleichlautender Wörter scheinbare oder uneigentliche Homo 
Vxuen nennen; denn hier werden verschiedene Gegenstände nur 
*^*^einbar durch dasselbe Wort bezeichnet. Wenn der Vogel 
S^fauss (vom lat struthio) und ein Strauss von Blumen mit 
Jfatxien benannt werden, die zufällig denselben Klang haben, so 
8ind diese Namen, eben weil sie ganz verschiedenen Ursprungs 
siud, nur scheinbar identisch; Laute werden nur durch ihre Be- 
deutung zu Namen, Wörter mit verschiedener Grundbedeutung 
Mud also in Wahrheit nicht dieselben Namen. Wahre Homo- 
i^ymen wären hiemach gerade Bezeichnungen verschiedener Ge- 
genstände durch dieselbe Grundanschauung, wie Cwov das Thier 
und Kbov das Gemälde. Jedes Wort ergiebt in seiner mannig- 
fachen Anwendung so eigentlich eine Reihe houionymer Bezeich- 
nungen; man nennt dieselben indess nur dann so, wenn die be- 
zeichneten Gegenstände als heterogen aufgefasst werden, wie dies 
auch in dem ursprünglichen logischen Sinne des Wortes b\i[b- 
vuMOV zu Anfang der Aristotelischen Schrift über die Kate- 
gorien liegt. Wenn nun Synonymen dagegen verschiedene 
Wörter als Bezeichnungen desselben Gegenstandes sein sollen, so 
CFfordert diese Definition eine ähnliche Einschränkung; sonst 
könnte man, wie dies Aristoteles an der eben angegebenen 
Stelle von dem logischen Sinne des Wortes cuvu)vu|liov aus thut, 
Mensch und Ochs als Synonymen ansehen, da ja durch beide 
Wörter dasselbe, nämlich die Gattung: Thier bezeichnet wird. 
Man nennt diese Worte nicht Synonymen, weil die Anschauungen 
des Menschen und Ochsen zu verschieden sind und die Gattung 
in deutlich verschiedenen Arten benannt wird; Synonymen sind 
also Bezeichnungen desselben Gegenstandes durch verschiedene 



96 Erster Haupttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

Worte, deren Grundanschauung als wenig oder gar nicht ver- 
schieden aufgefasst wird. So gelten Pferd, Ross und Gaul als 
synonym, weil man sich der Unterschiede der Grundbedeuton^ 
nicht bewusst ist. Die Differenz ist hier dadorch Terwischt^ dass 
das Wort Pferd {parafreilm aus irapä und lat. veredtis) aus eines 
fremden Sprache entlehnt, bei den andern beiden aber die ur^ 
sprünglichc Bedeutung verdunkelt ist. Wäre man sich der Grund.. 
bedeutung der drei Worte bewusst, so würden sie zwar dieselbe 
Gattung bezeichnen, aber innerhalb derselben ebenso different« 
Anschauungen ausdrücken, wie Ochs und Mensch innerhalb de^ 
Gattung Thier. Synonymen im absoluten Sinne des Worten 
d. h. Wörter mit durchaus gleicher Bedeutung, also gleiche 
Grundanschauung, giebt es nicht. Die Homonymen stellen deicz= 
nach den möglichsten Grad der Differenzirung dar, welcba 
die Grundbedeutung eines Wortes zulässt, die Synonymen dageg^ 
den möglichsten Grad der Annäherung zwischen den Grun^ 
bedeutungen mehrerer Wörter. 

Die Grundanschauung der Sprachformation wird aber nic-^ 
bloss unmittelbar durch die Anwendung auf verschiedene GS- 
genstände, sondern auch mittelbar durch Uebertragung v^d 
einem Gegenstand auf den andern differenzirt. Es geschieht dm.« 
durch die grammatischen Figuren der Metonymie, Metaph. c 
und Synekdoche. Wenn ein Wort vermöge seiner Grundlos 
deutung zur Bezeichnung eines bestimmten Gegenstandes 
wandt wird, so kann es auch Merkmale dieses Gegenstandes 
zeichnen, indem derselbe einseitig unter diesen Merkmalen 
geschaut wird. Dies ist die Metonymie. Aristophanes sajT^ 
in den Vögeln V. 718 ff. öpviv t€ vo)Lii2€T€ irdvO* öcairep irepl |biov^ — 
Tciac biaKpiver (pr\m f' u)liiv öpvic dcTiv, TTTapjLiöv t* 6pvi6a xa — 
XeiTC, EüjbißoXov ßpviv, qpujvrjv öpviv etc. Es wird hiermit komisdi 
die Metonymie bezeichnet, vermöge deren dpvic ganz allgemein 
den Sinn der Vorbedeutung hat. Weil der Vogel bei den 
Alten überaus häufig als Vorbedeutung gilt, wird schon bei Ho- 
mer jede Vorbedeutung Vogel genannt. Man schaut in diesem 
Falle den Vogel nur noch als vorbedeutend an, indem man von 
allen andern Merkmalen, also von seinen Eigenschaften als Thier 
abstrahirt. Aehnlich ist es, wen|^ Mars statt bdlum, sarissae 
statt Macedones steht (iVöw tarn cito sarissac Grdecia poHtae suniy 
in der Schrift ad Herennium 4, 32). Beim Mars schaut man 
dann nur die Thätigkeit an, deren Personification er ist, und ab* 



T. GrammatiHche Interpretation. 97 

strahirt von der Persönlichkeit des Gottes; in den macedonischen 
Lanzen aber wird die siegreiche Kraft der macedonischen Pha- 
langen angeschaut. Findet sich nun die Anschauung^ welche man 
bei der Metonymie an einem Gegenstande heraushebt, zugleich 
bei einem zweiten, so kann der letztere durch jenen bezeichnet 
werden. Hierin besteht die Meta2)her. Da der Löwe als be- 
sonders tapfer gilt, kann man in ihm ausschliesslich diese Eigen- 
schaft anschauen; da sich dieselbe nun auch bei Menschen findet, 
^Q kann ein Held als Löwe bezeichnet werden. Die Metapher 
'st wie die Metonymie ein bildlicher Ausdruck; es wird darin 
^Jae Vorstellung nicht um ihrer selbst willen bezeichnet, sondern 
^öi eine damit verknüpfte andere hervorzurufen; bei der Meto- 
nymie setzt man einen Gegenstand als Bild eines in der An- 
^c-Jiauung mit demselben verbundenen Merkmals, bei der Meta- 
P*^«r, die aus der Vergleichung hervorgeht, als Bild eines ähn- 
'-' c hen andern Gegenstandes. Bei beiden Figuren bezeichnet 
^"^^^ A\'ort vermittelst der Vorstellung eines Gegenstandes etwas 
''Oji demselben Gesondertes. Die Synekdoche dagegen be- 
s't^^ht darin, dass vermittelst der Vorstellung eines Gegenstandes 
et^vaa bezeichnet wird, was mit demselben nicht bloss gleich 
oder ähnlich, sondern theilweise identisch ist; durch die Be- 
Zi ftr-ichnung des Theils wird das Ganze benannt, durch die Be- 
7- «Widmung der Art die Gattung, oder umgekehrt. Die Anschauung 
des Ganzen und der Gattung umfasst eben die des Theils und 
ü*^r Art; wenn aber der Theil das Ganze bezeichnet, so wird an 
ileni CJanzen ausschliesslich jener Theil angeschaut. Wenn zu 
Anfang der Antigone Ismene von der Schwester angeredet wird 
^ Koivüv auTubeXqpov 1c|Lir|vr|C Kcipa, so wird die ganze angeredete 
"erson unter dem Bilde des Hauptes angeschaut; das Haupt 
überwiegt in der Anschauung als der Haujittheil des Körpers, 
dagegen tritt in Vers 43 der Antigone die Hand als Bild für 
me Verson der Antigone ein, ei töv vcKpöv Euv Tfjbe Koucpieic 
X€|»i - .- hier concentrirt sich die ganze Anschauung in der Hand, 
Jie da.«; Werk vollführen soll. In dem Ilipjjolyt des Euripides 
\. ♦*»<»! ; tvv TTttTpöc iLioXibv TTobi ist wied<T der Fuss der Körper- 
th^il, auf dessen Thiltigkeit es ankommt und der daher vorwie- 
jfentj iu die Anschauung tritt. 

Wenn nun so die Grundbedeutung jedes Sprachelenients ohne 
ihre Identit^'it ««inzubüssen sich auf das Mannigfaltigste ditffien- 
/iren kann, so findet dii^selbe doch in jedem einzelnen Kall dt^r 

iiöckh'i' Knrykloiiiidic t\. i>hi]n1nGf. Wissoutirliaft. 7 



98 Erster Hanpttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

Anwendung ihre thatsilcbliche Einschränkung einerseits durc .= 
die historische Entwickelung der Sprache und andrerseits 
durch die Sphäre, in welcher jeder Ausdruck angewandt wirc3 
In dem Verlauf der historischen Entwickelung hebt sich haLci 
diese, bald jene Seite der Grundbedeutung stärker hervor; der 
Charakter der Nation, die Gliederung derselben in Stamme, dereü 
Dialekte verschieden sind, der weitere Einfluss der Oerüichkeiten und 
einzelnen Individuen geben so der Anschauung ihre bestimmte 
Richtung. Jedes Wort und jede Structur haben ihre Geschichte 
und es spiegelt sich darin oft die Cult Urgeschichte des Volkes, 
wie z. B. die ganze moralische Entwickelung der Griechen in der 
Geschichte des Wortes dYaööc ihren Ausdruck findet Dabei wird 
jedes Sprachelemeut in real verschiedenen Sphären augewandt, 
wodurch seine Grundbedeutung sich weiter modificirt. So hat 
{iilexv eine ähnliche Grundbedeutung wie unser thun; vom Opfer- 
priester angewandt bedeutet es opfern, weil dies das Thun des 
Priesters ist. Ebenso hat operari im Cultus die Bedeutung opfern, 
während es auf römische Soldaten angewandt Schanzarbeiten ver- 
richten heisst. XprijüiaTiZieiv Geschäfte treiben, kann die ITiatig- 
keit des Kaufmanns bezeiclmen, im Medium den Gelderwerb; 
beim Staatsmann bedeutet es die Verwaltung öft'entlicher Aemter/ 
politische Verhandlungen u. s. w. Aus diesen Bedeutungen ent- 
wickelt sich eine scheinbar ziemlich heterogene; xP^IMötiZuj heisst 
auch: ich führe einen Namen. Alleines handelt sich dabei immer 
um den Geschäfts- oder Amtsuamen. XprunaTiCiü 'AM^iJüvtoc be- 
deutet eigentlich: ich führe als Ammonios Geschäfte, führe die 
Firma Ammonios; daher bedeutet xPHMOiTiIeiv dann allgemein 
einen Titel führen oder annehmen, wie x^rwxaivt^x ßaciXeuc, er 
nimmt den Königstitol an. 

Die grammatische Auslegung hat demnach die Aufgabe jedes 
Sprachelement nach seiner allgemeinen Grundbedeutung 
und zugleich nach der speciellen Einschränkung derselben 
d u rch d ie Zeit und die S p h ä r e d e r A n w e n d u n g zu verstehen. 
Die Grundbedeutung ist durch Etymologie zu finden, d. h. durch 
Zurückführung der zusammengesetzten Formationen auf die Bedeu- 
tung ihrer einfachsten Bestandtheilc. Aber wie findet man die 
Bedeutung dieser einfachsten Bestandtheile? Im absoluten Sinne 
sind dies die Wurzeln der Sj>rache. Da dieselben nun nicht rein 
für sich vorkommen, so kann man ihren Sinn nur aus abgelei- 
teten Formen erschliessen. Man wird also zuerst die einfuchsten 



T. GrainmatiHche Iiit(?ri)retutiou. 09 

tür sich vorkommenden Ableitungen und von da aus sowoLI die 
^Vurzeln als auch die zusammengesetzteren Formen zu erklären 
suchen. Freilich wird auch oft der Sinn einfacher Worte erst 
aus weiteren Ableitungen und • Zusammensetzungen klar. Man 
wird daher immer von mehr oder minder zusammengesetzten For- 
mationen ausgehen müssen, und der Sinn derselben lässt sich nur 
aus dem Sprachgebrauch verstehen; ja auch wenn man die 
Bedeutung zusammengesetzter Gebilde aus der Bedeutung ihrer 
JiestanJtheile ableiten will, muss man beide aus dem Sprachge- 
brauch ermitteln, um dann das Verhältiiiss beider festzustellen. 
Der Sprachgebrauch ergiebt sich aus den einzelnen Fällen der 
Anwendung jeder Formation; diese bilden gleichsam die Peri- 
pherie der Bedeutung, von wo aus man das Centrum, die Grund- 
auseliauung zu bestimmen hat. Es tritt hier wieder der Cirkel 
der Aufgabe hervor, da ja die speciellen Anwendungen erst aus der 
Grundbedeutung verstanden werden können. In der That ist man 
oft in Gefahr eine specielle Bedeutung als die allgemeine anzu- 
sehen, wodurch sich dann eine ganz falsche Ableitung der ver- 
schiedenen Modificationen des Sinnes ergiebt. So ist z. B. in 
dem Tlwsaunts Ibujnac (hacciw vonStephanus bei eyKUKXioc die 
Bedeutung „gewöhnlich" sehr gezwungen aus dem Sinn des spe- 
ciellen Ausdrucks tfKUKXioc Tiaibcia abgeleitet, obgleich dieser erst 
nach Aristoteles auftritt, wo jene allgemeine Bedeutung längst ge- 
bräuchlich war. Die Geschichte der Lexikographie zeigt eine Un- 
zahl solcher Fehlgriffe; denn das Lexikon kommt eben in der 
angegebenen \N'eise durch die hermeneutische Thätigkeit zu Stande 
und obgleich bei den alten S2)rachen die Sprachtradition zur Hülfe 
kommt, so lässt sie uns doch bei schwierigen Fällen im Stich. 
Daher muss das Lexikon durch immer genauere Combination des 
bereits richtig Ermittelten stets vervollkommnet werden. Oft ist 
es ausserordentlich schwer auf den verschlungenen Wegen der 
Vorstelhmg die Einheit der Grundbedeutung als Leitfaden fest- 
zuhalten. Die grössten Schwierigkeiten bieten in dieser Beziehung 
die feinen Modificationen der sinnlichen Anschauung. Das Ad- 
jectiv UTpöc z. B. hängt seiner Grundbedeutung nach unstreitig 
mit iiuj und übujp zusammen; es bedeutet auch flüssig und wässe- 
rig; aber ufpd öjbi^aTa sind nicht wässerige, sondern schmach- 
tende Augen; die Anschauung könnte hier in dem feuchten 
Glänze liegen, aber bei der Zusammenstellung üfpöc ttöÖoc, 

schmachtendes Verlangen ist diese Vorstellung nicht festzuhalten, 

7* 



100 KrHter Haui>ttheil. 1. Abachu. Hermeneutik. 

vielmehr ergiebt sich aus der Uruiidbedeutung des Fliessenden 
die Anschauung des Zeräiessenden^ Weichen und daher des 
Schmachtenden-, zugleich kann das Hinfliessende und Hinsinkende 
als welk und matt erscheinen, daher Antigone 1179 (Br. 1236) 
uYpoc (ifKUüv der matt<j Arm. Das Weiche (z. B. uYpä X^^^ni 
weiche^ schwellende Lip])en) kann aber auch das Biegsame und 
Geschmeidige bezeichnen, so heissen Tänzer und Ringer ÜTpoi? 
geschmeidig und gelenkige das F^^^^sende erscheint als wallend 
imd wogend, daher iiypöv vOütov (Pindar Pyth. 1, 17) der sanft 
undulirende Rücken des schlafenden Adlers, die schillernde Be- 
wegung seines weichen Gefieders; wie das wellenförmig Bewegte 
wird endlich auch das wellenförmig Gestaltete UYpöv genannt: 
uYPÖv K€pac das gewundene Hörn, v^pöc äKavSoc der schonge- 
wundene Akanthus."^) Offenbar lässt sich die Gesammtanschauung, 
welche sich mit dem Wort iiypöc verbindet, nicht durch ein 
deutsches Wort wiedergeben; so ist es überall: die Ausdrücke 
der verschiedenen Si)rachen decken sich nicht Auch die Einheit 
dieser Gesammtanschauung, die Grundbedeutung lässt sich nicht 
übersetzen, sondern nur umschreiben, d. h. von verschiedenen 
Seiten anrühren und wird rej)roducirt, indem man bei vielen ver- 
schiedenen Fällen der Anwendung im Einzelnen eine lebendige 
sachliche Anschauung zu gewinnen .sucht. Ganz verkehrt ist es 
daher, wenn man eine Bedeutung aus der andern durch logische 
Sclilussfolgerungen ableitet, die so zusammengereiht werden, dass 
der Zusammenhang der Anschauung verloren geht. In der Anti- 
gone V. 1030 (Br. 1081) öcwv CTrapaYiiiaT fi KÜvec KaÖiiTicav soll 
KaÖaYiZieiv nach Hesychios verunreinigen bedeuten, während es 
sonst weihen heisst. Dies vermittelt Gottfr. Hermann fol- 
gendermaasseu: dadurch, dass ein Ort geweiht wird, werden die 
Profanen ferngehalten, weihen heisst also bewirken, dass man 
sich von einem Orte aus religiöser Scheu fernhält; die Verunrei- 
nigung durch die von den Hunden herbeigezerrten Stücke der 
Leichen bewirkt dasselbe; also bedeutet hier KaGaYiCeiv confa^ 
vfl)ion(io ffhcrr hI quiris sc nhsfincr/f. Eine solche Erklärung 
ist eigentlich nur ein abstractes Bathen aus dem Zusammenhang 
der Stelle. Die Sphäre, in welcher hier das Wort gebraucht 
wird, weist aber darauf hin, dass es von Griechen hier nur in 
der sjieciellen Bedeutung der Todtenweihe aufgefasst werden konnte. 

*) Verjrl. Pindari opcra (1811—21), tom. I pars II, p. 227 seq. 



1. Grammatiächü Interpretation. 101 

In dieser Bedeutung erhält es nun durch den Zusammenhang 
eine »arkastische Bitterkeit: „deren zerrissenen Gliedern Hunde 
die I3estattungsweihe geben."*) Gottfr. Hermajin geht in der 
Auslegung häufig dadurch fehl, dass er begriölich deduciren will, 
was nur durch Anschauung zu erfassen ist; man vergl. z. B. 
seine Erklärung von ÖeiupeTv in Ocdi2>. Colon. V. 108(). Was 
übrigens hier von Wörtern gezeigt ist, gilt ebenso auch von Con- 
stnictionen und Arten der Wortstellung: überall muss die Grund- 
betleuiung durch die Anschauung aufgcfasst und nicht durch 
giummatische Spitzfindigkeiten bestimmt werden. So beruht der 
Misabrauch, den man bei der Erklärung des Griechischen mit 
der Annahme elliptischer Redensai-ten getrieben hat, auf dem 
Manc^el an Sprachanschauung. Es giebt unstreitig im Griechischen 
tUiptische Ausdrücke; aber diese sind dann auf anschauliche AVeise 
als solche gekennzeichnet. In der Redensart dTrö ific icr|C be- 
weist z. B. das Femininum, dass etwas zu ergänzen ist, nämlich 

— >vie sich aus dem sonstigen Sprachgebrauch deutlich ergiebt 

— juoipac. Dagegen ist es verkehrt, in Ausdrücken ^wie tKK^- 
Ko,UMGti TÖv öqp9aXu6v oder eE oö eine Ellipse anzunehmen; dem 
Accvisativ töv öcpGaX^öv liegt beim Passiv dieselbe Anschauung 
^Li Grunde wie beim Activ, ohne dass etwa Kaid zu ergänzen 
^ät: ^ebensowenig ist es bei eE ou irgendwie anschaulich zu er- 
teinitjn, dass xpovov zu ergänzen wäre, ou nmss einfach als Neu- 
trum gefasst werden, wie das Relativ in seitdem. Gottfr. 
Hex-xnann hat in seiner Ausgabe von Vigerus, de pracripiiis 

grnt^::rM didionis idiotismis (ed. II, Leipzig 1813) S. 860 ff. sich 

:?€*lit- gut gegen die verkehrte Annahme von Ellipsen ausgesprochen. 

Abc^r- eine Erklärungsweise, welche er selbst mit besonderer Vor- 

lie^>^^ anwendet, beruht auf einer gleich anschauungslosen Sprach- 

•au.tttx.ssuug: es ist dies die künstliche Erklärung vieler Structuren 

(Ittf ot Annahme einer Vermischung zweier verschiedenen Con- 

-jt^^vrtionen, der sog. co.nfhsio consfnwflonunL Hier wird meist die 

^^c^veinbare Confusion jjehoben, sobald man die Structur von dem 

^Vcutigen Gesichtspunkt aus anzuschauen versteht. 

Die Grundbedeutung der Sprachformen lässt sich aber nur 
^mn zur Klarheit bringen und in ihren mannigfaltigen Verzwei- 
f/ungen festhalten, wenn bei letzteren die Einschränkung durch 
JiV historische Entwickelung der Sprache und durch 



*} Ausgabe der Antigene von 184;5, S. 277 f. 



t Erster Haupttheil. 1. Abschn. Ilemieneui.«^. 

c Sphäre der Anwendung richtig erkannt wird. Hierzu 

»hören Scichkenntnisse und es tritt hier die Wechselwirkung 

Ä'ischeu dem formalen und materialen Theile der Philologie in j 

incr besondern Form hervor. Welche Bedeutung z. B. das Wort d 

3ÖEa in dem philosophischen Sprachgebrauch bei Pythagoras « 

und bei Pia ton hat, kann mau nur aus dem Entwickclungsgang ^ 

der PIi]losophi<.» und aus dem individuellen Gedankensystem der*3K 

beiden Denker verstellen. Da man diese Kenntniss aber aus ihren^ra 

Lehren gewinnen muss, so setzt dies die generische und indivi — j 

du eile Auslegung voraus. In andern Füllen wird die historisch« 

Auslegung vorausgesetzt. So bedeutet r\ Geöc, die Gottin, ii 

Athen ohne weiteren Zusatz regelmässig Athene, eine Einschrän— ^ 

kung, welche sich historisch leicht erklärt. Wenn nunSokrate» -s 

zu Anfang der Platonischen Republik sagt: „Ich ging gestenrar- 

in den Piräeus um die Göttin anzubeten" (TrpoceuEöjuevoc Tri Gciii)^ i 

80 wird nuin nach dem athenischen Sprachgebrauch zunächst ar.«- ^ 

ein Fest der Athene denken. Allein hier reicht die grammatisch» ji 

Auslegung nicht zu; es handelt sich um ein Fest der Artemis^ 

was sich nur durch Berücksichtigung der historischen Umgebung ^ 

ermittehi lässt, in der Sokrates jene Worte spricht; dies ii 

eine Aufgabe der historischen Auslegung. Soll bei diese] 

Zusammenwirken der verschiedenen Auslegungsarten der herm^ 

neutische Cirkel vennieden werden, so darf man die Einschra*^ 

kung des allgemeinen Wortsinns nicht aus solchen Fällen *^ 

Anwendung errathen, deren sachlicher Zusammenhang nur 

a 
(irnnd der richtigen grammatischen Auslegung erkannt wer^ 

kann, wie dies Hermann bei der oben erwähnten Erklärunj» 

KaBttfiCciv thut. Man muss vielmehr den SprachgebrauckN^ 

jeden Fall durch analoge Fälle festzustellen suchen; die ErlO 

jeder Stelle eines Sprachdenkmals muss sich möglichst 

rallelstellen stützen. Die Beweisfähigkeit dieser Paral^ 

hängt natürlich von dem (»rade der Verwandtschaft ab 

eher sie mit der zu erklärenden Stelle stehen, und iv 

nach einer bestimmten Skala abstuft. Die nächste 

Schaft hat oftenbar jeder Autor mit sich selbst; da^ 

Sprachgebrauch eines jeden zuerst aus ihm selbst 

Wie man hierbei verfahren muss, zeigen die 

Erklärungen P 1 a t o n i s r h o r Dialogo von Hei 

darum trotz aller späteren bedeutenden Leistun« 

bleibt, zur acht philologischen Auslegung Plat 







I. Grammatiscbo Interpretation. 10«^ 

heissty versteht man nur, wenn man weiss, dass dies Ueber- 
setzongen der lat Ausdrücke praetor und trihunicin pofesfas sind, 
und in ähnlicher Weise sind die gesammten römischen Staats- 
luad RechtsbegrifFe in griechische Worte gekleidet. 

In der weitesten Entfernung dienen als Hülfsmittel der gram- 
matischen Erklärung die neuen, mit den alten verwandten Sprachen 
und die vergleichende Sprachkunde überhaupt. Manche Stellen 
Homer finden z. B. noch durch die Sprach tradition des Neu- 
echischen ihre Erklärung; Coray giebt in seiner Ausgabe der 
-IJias davon Proben, wenn er auch die Ausdehnung der Tradi- 
^on übertreibt. So lieisst merkwürdiger Weise noch jetzt ein 
liffstau bei den Neugriechen TTobdpi, und wir gewinnen daraus 
i Anschauung von dem, was schon Homer mit ttovjc bezeich- 
^^te.*) Technische Ausdrücke der Griecheu können sogar durch 
^nnittelung des Lateinischen aus den romanischen Sprachen 
^Uärt. werden. Eine andere Art von Schiffstau (das Kack) heisst 
B. griechisch dTKOiva; diesem Worte ist das lateinische anqnina 
^fcxjhgebildet , wovon das mittellat. anchi, italien. anchi oder an- 
4ni, franz. ?^ anqnivs.'**) Um zu bestimmen, was das grie- 
c:l:iische XiOäpTUpoc Ijezeichnet, hat man ebenfalls das Italienische 
^-*^ xid Französische zur Hülfe zu nehmen; it Ufinyio, ir. litarffc he- 
deutet Bleiglätte und diese Bedeutung passt zu den alten Nach- 
dachten über die lithargyros,^*'^) Man hat indessen bei solchen 
I^arallelen zu untersuchen, ob das Wort in die neuere Sprache 
<iurch volksthümliche reine Tradition gekommen ist oder auf 
^i»er gelehrten Restitution berulit; z. B. ist der Taunus, wel- 
c-lier beim Volke „die Höhe'* heisst, erst von Gelehrten wieder 
öciit (lern bei Tacitus vorkommenden Namen bezeichnet. Dass 
^i< romanischen Sprachen für die Erklärung lateinischer Schrift- 
steller in mannigfacher Weise herangezogen werden können, 
^st selbstverständlich; aber auch für das Griechische bieten sie 
"«d überhaupt die neueren Sprachen Analogien, besonders bei 
^Instructionen und Redensarten. So ist das französische nons 
*^uU'p^ yranrais, nmis aiiires fcmtnes ganz analog dem grie- 
^'hischen oi 0€Oi kqi ai aXXai öeai, oi ävbpec Kai ai öXXcei 
^^VaiKcc. Solche Parallelen, deren es eine grosse Anzahl giebt. 



*) ürkuuclfn über da»* J>o»'wosen des Attischen Stintes S. 15.S. 
**) Seeurkuuden S. 152. 
**) Ueber die Lauriscben Silberbergwerke in Attika. Kl. 8chr. V, 25. 



r 



I. Grauimatisübe luterpn'tAtioii. 1<)7 



2. Bestimmung des Wortsiniis aus dem Zusammenhange 

der Sprachelemente. 

Pope, der englische Dichter, hat bei einer ge\vis5«en Cxele- 

•urenheit gesagt (Lichtenberg, Vermischte Schriften. Bd. IV, 

S- 311): „Ich räiime ein, dass ein Lexikograph wohl die Bcdeu- 

tvmg eines Wortes einzeln wissen mag, aber nicht die von zweien 

im Zusammenhang." Dies ist ein harter Ausspruch, der sich aber 

in vielen Fallen nur zu sehr bewährt hat; die Lexikographen, 

"^'ek-he doch die iiesultate der grammatischen Auslegung zusam- 

ixienzustellen haben, sind in der Regel schlechte Ausleger, weil 

sie die Worte und Structuren nur isolirt betrachten. Die Gram- 

^^^atik überhaupt, wovon die Lexikographie ein Zweig ist, kann 

aber doch immer nur aus richtiger Auslegung die Bedeutung jeder 

^prachformation für sich und im Allgemeinen feststellen; hätte 

^'o diese Aufgabe auch völlig gelöst, so müsste man gleichwohl 

^^ jedem einzelnen Falle die letzte Begrenzung des Wortsinns 

^^Urch eigene Thätigkeit aus der sprachlichen Umgebung, d. h. 

^Us dem Zusammenhange finden. 

Die lautlichen Elemente der Sprache scheiden sich ihrer Be- 

^*>nhing nach in materielle und formelle. Die ersteren, welche 

^»en Inhalt von Anschauungen ausdrücken, sind Substantive, 

▼ «rben und im Anschluss daran Adjective und Adverbien. Die 

tormellen Elemente, welche Verhältnisse und Verbindungen des 

A.j3achauungsinhalts bezeichnen, sind doppelter Art: Flexions- 

"formen und Partikeln, jene mit den materiellen Elementen 

VfTschraolzen , diese für sich bestehende Wörter. Der Zusamnien- 

l nang besteht nun theils in der Uossen Zusammenstellung ma- 

\ terieller Sprachelemente, deren Anschauungsinhalt verbunden ist, 

\ ^heils in der Zusammenstellung der nuiteriellen Elemente mit 

\ formellen, wodurch die Verbindung des Inhalts genauer bestimmt 

\ '^ird. In beiden Fällen wirkt zugleich die Art der Wortstel- 

! l^>ng mit. 

Wie der Wortsinn durch den rein materiellen Zusam- 
öi^nhang bestimmt wird, zeigt ein einfaches Beisjiiel. Die Be- 
^^utung von jKiter ist eine andere in jwitvr filli und j>^/n* patriae, 
und dies liegt nicht in der Form der Worte, sondern in der 
materiellen Verschiedenheit der Bedeutung von fiUi und patriae. 
Bei dieser wechselseitigen Bedingung der Elemente liegf die Ge- 
fahr nahe, einem Worte ohne die nöthige Kücksicht auf den 
sonstigen Sprachgebrauch einen Sinn unterzuschieben, der zu 



10 S Erster HaupttiieiL 1. Abschn. Henneneutik. 

der Umgebung passt. Ein Beispiel bietet die falsche Erklan 
von Ka0a*fi2Ieiv in der oben (S. 100) angefahrten Stelle der i 
tigone: Ilesychios oder vielmehr ein Gewährsmann dessell 
hat offenbar nur aus dem Zusammenhang gerathen, es mi] 
hier verunreinigen bedeuten; man hätte ebenso gut rathen k 
nen, CTrapäfuaTa KaBayiileiv bedeute : die zerrissenen Leichna 
fressen. 

Bei Flexi ousformen bestimmt der Zusammenhang zunäc 
die Bedeutung des Flexionszeichens selbst, welches ja ehe; 
mehrdeutig ist wie die materiellen Sprachelemente. Ob z. B. 
dem Ausdruck amor j>^////ij der Genitiv objectiv (Liebe zum ^ 
terj oder subjectiv (Liebe des Vaters) zu verstehen ist, ha 
vom Zusammenhang ab; ebenso kann nur der Zusammenhi 
lehren, ob (nuto Dativ oder Ablativ ist. Durch die Bedeuti 
der materiellen iSprachelemente in ihrer Verbindung muss I 
die Structur, d. h. die Verbindung der Flexionsform mit il 
Umgebung erklärt werden. Die Structur soll ja aber gerade den 
sammenhang zwischen den materiellen Elementen bezeichnen \ 
bedingt also den 8inn der letzteren. Hierdurch entsteht wie 
ein Cirkel, der beim Erlernen einer Sprache die Anfänge g 
besonders schwierig macht; nichts ist bei Anfängern häufig 
als daäs sie aus falscher Auffassung der Structur den Sinn 
Wörter falsch deuten und umgekehrt. Aber es giebt zahlrei 
Fälle, wo es auch für den Kundigsten schwer ist, den Cirkel 
vermeiden. Wenn vollends der Autor selbst den eigentlicl 
Sinn der Flexionsformen imd Structuren nicht versteht, so w 
.Alles unbestimmt. Die neutestamentlichen Schriftsteller hal 
z. B. sehr unklare Vorstellungen von dem Unterschied der g 
chisclien Casus, der Tempora, des Passivs und Mediums u. s. 
man weiss hier oft nicht, ob man eine Form aus dem Griechiscl 
oder Hebräischen erklären soll, und manches lässt sich dai 
kaum zur Klarheit bringen. 

Die Flexionsformeu beziehen sich auf den nächsten 5 
sammenliang der Sprachelemente: gewöhnlich aber kann D 
diesen (;rst aus der weiteren Umgebung verstehen. Hierbei leis' 
die Partikeln die wesentlichste Hülfe. Einige derselben, z. 
die J Vi Positionen bestimmen den Sinn der Flexionsformen 
nauer; andere, wie viele Adverbien, Interjectionen und besonc 
Conjunctionen betreffen ganze Sätze und (iruppen von Sätzen 
tragen gleichsam den Zusammenhang in die Ferne. Allerdi 



T. GrammatiBclie Interpretation. 109 

sisd auch die Partikeln mehrdeutig uud erhalten ihren Sinn eben- 
falls ans dem Zusammenhangs sodass der hermeneutisehe Cirkel 
Hch durch sie keineswegs ganz öit'net; indess ist doch ehie 
Sprache um so klarer, je reicher sie an Partikeln ist. Die grie- 
chische Sprache ist z. B. durch ihren Partikelreichthum ITihig 
die feinsten und verwickeltsten Ideenverbindungen zu bezeichnen, 
wülirend die hebräische Sprache, welche durch eine geringe An- 
ahl von Partikeln kaum die allgemeinsten Gedankenbeziehungeu 
ausdrücken kann, auf der Stufe der Kindheit stehen geblieben 
ist. Daher bietet auch in dieser Beziehung die Sprache des Neuen 
Testaments vermöge ihrer Anlehnung an das Hobrilische grosse 
Schwierigkeiten. Derjenige von den ersten christlichen Schrift- 
stellern, welcher sich der griechischen Gliederung der Sätze am 
meisten genähert hat, ist Paulus aus Tarsos, einer Stadt von 
bedeutender griechischer Cultur; Petrus ist dagegen viel he- 
bräischer. Allein auch in der Sprache des Paulus findet sich 
Verwirrung genug; denn wenn er auch die didaktische Sprache 
Terhältnissmässig besser als die andern neutestamentlichen Auto- 
ren zu handhaben versteht, so hat er doch ihre Form nur sehr 
onvollkommen erfasst. Bei Johannes liegt den einfach an ein- 
ander gereihten Sätzen überall «als Einheit eine höhere Idee zu 
Grunde, welche man nur aus der Individualität des Autors er- 
Uären kann. Hier muss also die grammatische Interpretation 
durch die individuelle ergänzt werden. Dies findet überhaupt 
bei Schriftstellern von vorwiegend subjectiver Gedankenrichtung 
statt, welche die wenig.sten Partikeln anzuwenden i)flegeii, z. B. 
bei Lvrikern und bei Individualitäten wie Tacitus und Seneca. 
Ke Partikel reicht hier nicht so weit in die Tiefe des Gemüths um 
die sulgectiven Färbungen und Beziehungen der Sätze auszu- 
drucken, daher treten diese unvermittelt aneinander und zeigen 
•iberall Sprünge. Die Gliederung der Gedanken wird dann nur 
durch die Interpunction angedeutet, die aber auch vieldeutig ist 
^d wieder aus dem Zusammenhange erklärt werden muss. Wie 
Wer der Zusammenhang nur mit Hülfe der individuellen Inter- 
pretation zu verstehen ist, wollen wir an einem möglichst ein- 
gehen Beispiele aus Tacitus zeigen. Annal. 1, I^ heisst es: 
Domi res irmiquillar ; cüdnu maffistrahium cocaJmla: juniores post 
Actmram rictoriam, dinm sems phriqnc Inf er hvUn cid ton nafi: 
quoins quisque reHquus qni rem xmbJivam ridisscf! Der Zusammen- 
hang der vier unverbundenen Sätze ergiebt sich aus ihrem ma- 



110 Erster Haiipttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

teriellcn Inhalt, aber nur wenn man die Individualitüt des SchriA- 
stcllcrs kennt, d. li. wenn man weiss, dass das Ganze Ton satf- 
risclier Bitterkeit durchzogen ist. Der erste Satz ,xlonii res trttn- 
quilUfc^^ wird durch die folgenden begründet. Es war Friede im 
Innern; denn es gab ja noch dem Namen nach dieselben Ma* 
gistrate und dieser blosse Schein der republikanischen Yerfassan^ 
genügte die Ruhe zu erhalten; dies aber erklärt sich daraus, das^ 
die Jugend erst nach der Schlacht bei Actium, ja sogar die meist«!^ 
Greise in der Zeit der Bürgerkriege geboren waren; daher kann- 
ten sehr wenige die alte Verfassung aus eigener Anschauung, 
man hatte sich an die servile Form gewöhnt, vermisste nichts 
und verhielt sich daher ruhig. Hätte Tacitus diesen Zusam- 
menhang durch Partikeln bezeichnet, so wäre der Eindruck 
des Ganzen geschwächt worden; gerade die schroffe Zusammen- 
stellung der Sätze weist auf die subjective Färbung der Ge- 
danken hin, aber nur aus dieser ist der Zusammenhang zu yer- 
stehen. 

Auch die gen er i sehe Interpretation muss oft herangezogen 
werden um den grammatischen Zusammenhang zu bestimmen. 
In einer Tragödie muss z. B. alles auf eine Gesammtidee hinwei- 
sen und im Liclite des Ganzen erscheinen; daher kann hier das 
Einzelne auch grammatisch oft nur aus der Totalität des Kunst- 
werkes verstanden werden. Offenbar ist in solchem Falle der 
Zusammenhang in seiner äussersten Ausdehnung zu berücksich- 
tigen, wie er durch Partikeln nicht bezeichnet werden kann. Die 
Einheit des Kunstwerks, woraus der Zusammenhang des Ganzen 
folgt, ist aber durch ge n er ische Auslegung zu ermitteln. Wenn 
z. B. in Sophokles Antigone V. 23 ff. gesagt wird, Kreon liabe 
den Eteokles angeblich mit rechtem Recht beerdigt (biKij bi- 
Ktticji), so haben hierin die Ausleger eine Tautologie gesehen, wäh- 
rend sieh der Ausdruck leicht aus der Idee des Stückes erklärt 
In diesem dreht sich alles um den Gegensatz zwischen natür- 
lichem Hecht und menschlicher Satzung ; Antigone klagt in jenen 
Worten, dass man die menschliche Satzung als das rechte Recht 
hinstellt, und dem gegenüber das ungeschriebene Gesetz, das 
auch den Polyueikes zu bestatten gebot, nicht als rechtes Recht 
gelten Insst.*) 

Die grammatische Interpretation aus dem Zusaumieuhauge 

*) Vergl. die Ausgabe der Aiitigoue vüu 1»43 , S. 217. 



IL Historische Interi)retation. 111 

läuft darauf hinaus, dass alle Elemoute der Sprache theils wech- 
selweise durch sich selbst , theils aber durch den Zusammenhang 
Jes Ganzen ; d. h. durch den Charakter des Autors und Werkes 
:)egrenzt und so aus der grosseu Zahl der nach dem Sprachge- 
>rauch möglichen Bedeutungen die wirkliche mittelst Einschriin- 
:uDg, d. h. mittelst Negation der übrigen (ciepricic), die aber 
mmer einen positiven Grund hat, ausgesondert wird. Sind hier- 
u nicht alle Bedingungen gegeben, so sind die fehlenden durch 
ine Hypothese zu ersetzen, die nur auf dem Wege der Kritik 
jevronnen werden kann. Eine auf eine solche Hypothese ge- 
»tützte, also hypothetische Erklärung findet nothwendig bei 
der Auslegung von Fragmenten statt, wo der weitere Zusammen- 
bang zu erganzen ist. Zuweilen ist hier kein grammatisches Ele- 
ment bekannt; dies war z.B. bei Nr. I des Corjyu^ Imcriptionum 
Graecarum der Fall, wo durch hypothetische Erklärung jetzt fast 
aües gesichert ist. Wie viel auf diesem Wege geleistet werden 
Vann, zeigt die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen. Durch 
die tahidae hilingues gewann man eine Hypothese über die Be- 
deutung der tSchriftzeichen und auf Grund einer andern Hypo- 
these über die Verwandtschaft des Koptischen mit der alten 
ägyptischen Sprache gelang es die Bedeutung von Sprachelemen- 
tai festzustellen , durch welche dann wieder andere bestimmt 
^»^en. So sind Denkmäler, bei denen alles unbekannt war, 
dnrcli hypothetische Interpretation z. Th. vollständig enträthselt. 



IL 
Historisclie Interpretation. 

§ '^, Es könnte scheinen, als ob durch die gi'ammatische 

-Auslegung die Hermeneutik in Bezug auf den objectiven Wort- 

8Uin erschöpft wäre; denn die Hermeneutik soll nach unserer 

^^^tion das Verständniss der Gegenstände an sich sein, die 

P^Diinatische Auslegung erforscht aber den objectiven Wortsinn 

•n sich. Allein als Gegenstand der Hermeneutik betrachten wir 

iiw Sprachdenkmäler; um aber ein Sprachdenkmal an sich zu 

verstehen, genügt es nicht, den objectiven Wortsinn an sich 

zu kennen. Vielmehr besteht die Bedeutung des S])raclidenkmals 

gelbst z. Th. in Vorstellungen, welche in den Worten an sich 

flicht liegen, aber sich an ihren objectiven Sinn vermöge seiner 



112 Eruier Haupttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

Beziehungen auf reale Verhältnisse knüpfen. Die Worte aoc 
nach dieser Seite zu verstehen, haben wir als Aufgabe der h: 
storischen Interpretation bezeichnet. Der Sprechende odi 
Schreibende setzt mit Bewusstsein oder unwillkürlich voraus, im 
die, an welche er sich wendet, nicht nur seine Worte gran 
ma tisch verstehen, sondern bei denselben mehr denken, als s 
an sich besagen, weil ihr Inhalt mit historisch gegebenen Ve 
hältnissen in realer Verbindung steht und also jeden Kündigt 
an dieselben erinnert. Der objective Wortsinn an sich, wie il 
die grammatische Auslegung bestimmt, ist selbst das Result 
unausgesprochener Voraussetzungen, welche die historische Au 
legung zu ermitteln hat. Man muss sich zu diesem Zwecke 
jeder Beziehung mit der in dem Sprachwerk behandelten Sacl 
bekannt machen um sich ganz auf den Standpunkt des Auto 
zu stellen. Je mehr Sachkenntniss der Ausleger hat, desto vo 
kommener wird er den Autor verstehen. Die historischen V< 
hültnisse, um deren Kcnntniss es sich hier handelt, können 
den verschiedensten Sphären des geschichtlichen Lebens liege 
Das erste Kapitel aus Tacitus Annalen versteht z. B. Nienuu 
vollständig, der nicht die Geschichte der römischen Regierung 
Veränderungen genau kennt ; hier ist also eine Kenntniss der p 
litischen Verhältnisse nöthig. Den Horazischen Vers (Sat 
I, 1, 105) Est inter Tannin quidtlam socerumquc ViseUi kannmi 
grammatisch durchaus richtig auslegen; aber man versteht c 
Anspielung darin nicht, wenn man nicht aus der speciellen G 
schichte des römischen Privatlebe'ns weiss, dass Tanais e 
total Verschnittener war, der Schwiegervater des Visellius al 
einen ungeheuren Hodenbruch hatte. Viele Stellen des Arist 
phanes enthalten Parodien von Versen des Euripides, c 
Pin dar u. A., setzen also Kenntniss der Literatur voraus. 
Piaton 's Menon besteht die historische Auslegung darin, df 
man die mathematischen Voraussetzungen des Dialogs aus c 
Geschichte der Mathematik ermittelt. Bei Philosophen kommt 
im Allgemeinen darauf an den Standpunkt zu verstehen, £ 
welchen sie durch die geschichtliche Entwickelung der Wisse 
Schaft gestellt sind; die modernen Philosophen verstehen t 
alten oft ganz falsch, weil sie sich nicht auf ihren Standpunkt v 
setzen können. Selbst grammatische Notizen können zur bis 
rischen Auslegung gehören, wenn in einer Schrift auf Spracherscl 
nungen oder grammatische Theoreme Bezug genommen wird. Ki 



II. Historischo Interpretation. 113 

der Aasdmck ^^istoriscV ist hier in der weitesten Bedeutung zu 
nebneD. 

Hieraus folgt zugleich, dass diese Art der Auslegung nicht 
bei allen Sprachdenkmälern in gleichem Maasse anwendbar ist. 
Es giebt eine Skala der Anwendbarkeit nach der Individualität 
des Autors und dem Charakter der Redegattung. Je subjectiver 
ein Schriftsteller oder eine Gattung ist, desto mehr bedarf man 
der historischen Notizen nach den speciellsten Rücksichten. Beim 
Homer wird nicht viel vorausgesetzt, ausserordentlich viel da- 
gegen beim Pindar, weil jener objectiv darstellt, dieser in lauter 
Beziehungen und Anspielungen spricht. YirgiTs Aeneis hat 
hierin viel weniger Schwierigkeiten als die Satiren des Horaz, 
welche der Natur der Gattung nach diese Art historischer Sub- 
jectivitöt haben. Aristoteles in seiner systematischen Sprache 
^i viel weniger solche Erläuterungen nöthig als der ins Leben 
umgehende Pia ton. Bei letzterem gehört hierher nicht nur die 
Bttis der dramatischen Einkleidung, welche ganz auf historischem 
Boden steht, sondern auch die gelegentlichen Beziehungen und 
äie vielfachen versteckten Anspielungen auf frühere und gleich- 
witige Philosophen. Die Tragiker sind in dieser Hinsicht leich- 
ter als Komiker wie Aristophanes. Im Lustspiel ist die hi- 
storische Basis oft so lokaler Natur, dass ein Fremder nicht lacht, 
weil er nichts davon merkt, während Einheimische vor Lachen 
platzen möchten. Doch auch bei den Tragikern giebt es viele 
historische Beziehungen; in der griechischen Tragödie finden 
8ie sich bei Aeschylos seltener als bei Sophokles und bei 
diesem seltener als bei Euripides.*) Im Allgemeinen und ab- 
gesehen von der Individualität des Autors setzt in der Poesie die 
; «yrik und Komödie, in der Prosa die Philosophie und Rhetorik 
l ^ meisten voraus, am wenigsten das Epos und die Geschichts- 
whreibung. Mit einem Wort: je weiter sich die Darstellung vom 
'^arakter des Historischen entfernt, in desto höherem Maasse 
fordert sie die historische Auslegimg - ein Paradoxon, welches 
aber durchaus begründet ist. Die historische Auslegung ist eben 
^cht identisch mit Sacherklärung; die Sache wird auch 
*irch die grammatische Auslegung klar, nämlich soweit sie in 
^^öi Worte selbst ausgedrückt und nicht stillschweigend als be- 
**öiit vorausgesetzt ist. 

*) VergL l'ragoediae graecae princip. (1808) cap. XIV und XV. 

BCckh'« Enoyklopftdie d. philolog. WiMenschaft. 8 



1- 



114 Erster Haupttheil. 1. Abscbn. Henneneutik. 

Es fragt sich uuu, wo in jedem einzelnen Falle d-^ 
historische Auslegung zu beginnen hat, d. h. welches d. 
Kriterium ihrer Anwendbarkeit ist. Das Hauptkriterii:^ii 
ergiebt sich leicht aus dem Gesagten : wo das grammatische Y ^r 
stündniss zur Ermittelung des objectiven Wortsinns unzureiche^xid 
ist, muss die historische Auslegung hinzutreten. Aber ob c3as 
grammatische Ycrständniss unzureichend ist^ kann man nur >3e- 
urtheilen^ wenn man die Individualitat des Autors und die Graf- 
tung des Sprachwerks kennt. Man findet im Pindar z. B. 
längere Digressionen^ also scheinbare Abschweifungen. Traat 
man nun Pindar wirkliche Abschweifungen zu^ welche in jeder 
Darstellung verwerflich sind und hier ausserdem die Einheit des 
Gedichts verwischen, also gegen die Grundregeln der lyrisclien 
Dichtungsgattung Verstössen würden , so wird man sich mit der 
grammatischen Erklärung der Digression begnügen. Man hat dann 
kein Bewusstsein davon, dass man den Dichter nicht vollständig 
versteht. Wer dagegen die Individualität Pindar's und den Gai- 
tungscharakter seiner Lyrik kennt, ist ausser Zweifel, dass die 
Digressionen einen besondem Sinn haben müssen und also histo- 
risch zu erklären sind. Sie haben ihre Bedeutung in einer un- 
ausgesprochenen Beziehung auf die Person, welche der Dichter 
besingt; hat man diese historische Beziehung erkannt, so schliesst 
sich das Gedicht zu einer vollkommenen Einheit zusammen und 
gewinnt Farbe und Kraft. Die historische Interpretation ist hieiC' 
nach durch die individuelle und generische bedingt. Hat ma-^ 
sich in die Individualität des Autors und die Eigenthümlichkei* 
der Gattung eingelebt, so fühlt man in der Regel leicht , wo di^ 
grammatische Erklärung unzureichend ist und einer Ergänzon ^ 
bedarf. Wenn z. B. Pindar in der 11. Olymp. Ode sagt: „W^-^ 
wollen den feuerflammenden Blitz des Zeus besingen", so kan^^ 
dies in dem Zusammenhang, in welchem es gesagt wird, unmSg--^ 
lieh ohne historische Beziehung sein; die Ode ist aber für einer^ 
Lokrer bestimmt und der Blitzstrahl befand sich im lokrischen 
Wappen, welches wahrscheinlich bei dem Vortrage des Festge- 
sanges aufgestellt war.*) Die Unzulänglichkeit der grammatischen 
Auslegung ist jedoch nicht das einzige Kriterium für die Anwend- 
barkeit der historischen. Die uns bekannte historische Umgebung 
eines Sprachwerks kann so beschaffen sein, dass die, an welche 



*) Vergl. ExpUcationes Pindari S. 203. 



II. - Historifiche Interpretation. 115 

es sich wendet^ glauben mussten, der Autor habe eine bestimmte 
Beziehung im Sinne ^ dass sie also nach ihrem Gedankenkreise 
mit Nothwendigkeit auf diese Beziehung geführt wurden, gleich- 
viel ob der Autor mit Bewusstsein darauf anspielt oder nicht. 
Hierin liegt ein zweites Kriterium für die Anwendbarkeit der 
historischen Interpretation. Um hierüber ein ürtheil zu gewin- 
nen, muss man bei jedem Sprachdenkmal sich über die histori- 
schen Bedingungen orientiren, unter denen es entstanden ist, 
also Ort, Zeit und Anlass der Abfassung genau berücksich- 
tigen. Auf diese Weise ergeben sich z. B. die historischen 
Beziehungen bei den griechischen Tragikern. Wenn Aeschylos 
in den Eumeniden (675 — 696) den Areopag feiert, so konnte bei 
der Aufführung des Stückes keinem Zuschauer die Veranlassung 
hierzu entgehen; kurze Zeit vorher war zum Schmerz der athe- 
nischen Patrioten die Autoritiit des höchsten Gerichtshofes durch 
Ephialtes geschwächt worden.*) War die Macht desselben zur 
Zeit, wo der Oed^, Colon, des Sophokles aufgeführt wurde, 
eben wiederhergestellt, so musste die Lobpreisung des Areopag 
in diesem Stücke (V. 943 ff.) dem Publikum als Anspielung auf 
dieses Ereigniss erscheinen.**) In Sophokles' Aias wird die 
Schiffstüchtigkeit der Salaminier gelobt ; dies ist aus der Tragödie 
selbst völlig zu erklären, da darin der Chor aus Salaminischen 
Seeleuten .besteht Aber jeder Athener verstand es, dass das Lob 
mit auf die berühmte Schiffsmannschaft des Staatsschiffes Sala- 
minia berechnet war.***) Euripides spricht im Hippolyt viel von 
den Schrecken schwerer Krankheiten; dies erklärt sich daraus, 
dass das Stück in der jetzigen Gestalt kurze Zeit nach der Pest 
angeführt wurde; die Worte, die Theseus darin ausspricht, oiou 
^€pric€C0* dvbpöc mussten den Zuschauern daher den Tod des 
possen Perikles ins Gedächtniss zurückrufen. f) Zuweilen ver- 
stehen wir specielle historische Beziehungen nur in Folge aus- 
drücklicher Zeugnisse. Im Oed, Colon, sagt Antigone um den 
Vater zum Empfang des Polyneikes zu bewegen: „Auch andre 
haben böse Kinder und brausen im Zorn gegen sie auf; aber 



*) Vergl. Graecae tragoediae princip. S. 45. 

**) Vergl. das Prooemiam zum Lectionskatalog 1820: De Areopago dis- 
§eHatio prior, KL Sehr. IV, 252 f. 

*•*) Vergl Staatshaush. d. Ath. I, S. 339 ff. 
t) Vergl. Graecae tragoediae princip. S. 180 ff. 

8* 



II. Historische Interpretation. 117 

en, woraus dann jener Vergleich eine lebendige Beziehung 
die Himenier erhalten musste.*) In der 10. und ll.Pyth. Ode 
l die Digressionen über die Hyperboreer und Orest's Mutter- 
*d für uns unverständlich; eine Hypothese lässt sich aus den 
ebenen Daten sehr schwer bilden.**) Ein Beispiel einer un- 
ihaften Hypothese ist Bissen' s Erklärung der 9. Pyth. Ode. 
dieses Gedicht ist ein Mythos von der Liebe Apoll's und der 
rene eingewebt, und derselbe enthält ohne Zweifel Beziehungen 
die personlichen Verhältnisse des von Pindar besungenen 
lesikrates aus Kyrene. Letzterer befand sich zur Zeit der 
i'assung des Gedichts zu Theben, wo es auch zunächst vorge- 
^ wurde und war mit dem thebanischen Geschlecht der 
pden verwandt. Hieraus und aus einigen andern Daten, welche 
auf hinweisen, dass auch der Mythos eine Beziehung auf 
iben hat, vermuthet Dissen, Pindar spiele auf ein Abenteuer 
Telesikrates an, der in Theben einer edlen Jungfrau habe 
fdk anthun wollen, wie Apollon der Kyrene. Es ist aber aus 
icherlei Gründen ganz unglaublich, dass der Dichter den 
Bsten und bedeutendsten Theil eines Lobgedichtes einer solchen 
idlong gewidmet haben sollte; milder Tadel, wie Dissen als 
ÜT zu Grunde legt, war hier ebenso unpassend für die Sache 
)st^ als strenger für das Lobgedicht. Eine genauere Betrach- 
gdes Mythos führt zu einer andern Hypothese: Telesikrates 
: in der Zeit der Abfassung des Gedichts verlobt mit einer 
ibanischen Aegidin und im Begriff die Braut heimzuführen, 
her ist die durchaus keusche Liebe des Apollon und der Ky- 
e 80 dargestellt, dass sie für die Verhältnisse des Telesi- 
ites typisch isi Alle Züge des Mythos erklären sich aus 
3er Annahme, die ausserdem allen sonst in Betracht kommen- 
i Verhältnissen entspricht.***) Wie ich die angegebene Dis- 
i'sche Hypothese für unstatthaft halte, verwirft Gottfr. 
rmann eine von mir zur Erklärung der 2. Pyth. Ode aufge- 
lle. In letzterer ist es unklar, was der ausführlich darge- 
lte Mythos von Ldon's Frevelthaten, nämlich von seinem Ver- 
idtenmord und seiner verbrecherischen Liebe zur Hera be- 



*) Explicationes Pindari S. 210. 

*) Explicationes Pifidari S. 380 u. 338. ' 

) Vergl. die Kritik von Dissen 's Ausgabe des Pindar (1830) Kl. Sehr. 

S. 380 — 398. 



IL Historische Interpretation. 119 

Scheidung über die Anwendbarkeit der historischen 
ion überhaupt und besonders über die Zulässigkeit einer 
jhen Erklärung liegt oft im Gefühl. Es kommt hier 
auf die Congenialität des Auslegers an; nur wer sich 
ridualität eines Autors hineinzuversetzen versteht; weiss, 
>en in einem bestimmten Fall eine besondere Beziehung 
ibt haben kann. Wer sich z. B. in die Sinnesart des 
s einigermassen hineingedacht hat, der kann in dem 
Q der Antigone, einem Lied auf den Eros, unmöglich 
es neuere Ausleger thun — eine Anspielung auf 
tniss des Perikles zur Aspasia finden. Der Chor- 
ieht sich nur auf die Liebe des Hämon zur Antigone, * 
) der ganzen Situation nach bei keinem Zuschauer an 
[liegende Nebenbeziehungen erinnern; noch weniger aber 
em Sophokles in den Sinn kommen durch solche Neben- 
Q den Eindruck der gewaltigen Scene zu schwächen, 
storische Interpretation soll ermitteln, welche objec- 
hungen thatsächlich in einem Sprachdenkmal liegen; 
iebt sich, wie weit sie zu gehen hat. Das Ziel 
sein, das Sprachdenkmal mit den geschichtlichen Be- 
in Einklang zu setzen; denn es kann thatsächlich mit 
Widerspruch stehen. Ganz verkehrt ist daher der be- 
[neneutische Grundsatz, dass man zur Erklärung nichts 
dürfe, was gegen die Geschichte, die Erfahrung oder 
communis ist. Was die Geschichte betriflFt, so kann 
jteller über eine historische Erscheinung, welcher Art 
li, eine Auffassung haben, welche der Wahrheit nicht 
man würde in diesem Falle sicher seine Worte falsch 
nn man darin solche Beziehungen suchen wollte, welche 
schichte im Einklang wären. Oft setzt sich ein Autor 
Bewusstsein und Absicht über die geschichtliche Wahr- 
f, wie dies in der Rhetorik und Poesie sehr häufig 
:. So wäre es vergebliche Mühe, wenn man aus den 
ben Schriften durch die historische Auslegung alle 
men weginterpretiren wollte. Pia ton verlegt seine Dia- 
die Scenerie meist in eine bestimmte Zeit; es wer- 
arin nicht selten historische Facta erwähnt, die einer 
n Zeit angehören; so im Menon, Gorgias, Symposion, 
und der Republik.*) Solche Anachronismen stören 

Kl. Sehr. IV, S. 447 f. und VU, S. 71 ff. 



12n Erster Haupttheil. 1. Abscbn. Uermeneutik. 

zwar die Illusion; aber der Philosoph kann gerade dadurch ein^ 
bestimmten Zweck erreichen wollen. Am stärksten ist dec so t>< 
wirkte Contrast im Menexenos. Hier wird der Aspasia eixi 
Leichenrede auf die im korinthischen Kriege (refallenen in ciej 
Mund gelegt^ die sie demSokrates bei Lebzeiten desPerikle^ 
vorträgt, während die Ereignisse, worauf sie sich bezieht, etir^ 
40 Jahre nach der fingirten Zeit des Dialogs fallen. Wenn mfi0 
aber der Dialog um diese Zeit, nach dem Frieden des Antal- 
kidas verfasst ist, so musste den Zeitgenossen die ganze Ein- 
kleidung als ein Scherz erscheinen, durch den die in der Rede 
bezweckte Verspottung der gleichzeitigen Rhetoren eine be- 
sonders phantastische und pikante Form gewinnt Es ist also 
aus diesem Anachronismus auch kein Grund gegen die Aechtheit 
des Gesprächs zu entnehmen.*) Zu den grossten Verirrungen 
hat die Ansicht geführt, dass die historische Auslegung im Ein- 
klang mit der Erfahrung stehen müsse. Man hat darauf hin 
z. B. das Neue Testament so interpretirt, dass die Wunder als 
natürliche Vorgänge erscheinen, wie sie unserer Erfahrung ent- 
sprechen. Es sind daraus kindische und läppische Erklärungen 
hervorgegangen, die aber einst der Mehrzahl der deutschen Theo- 
logen imponirt haben, weil sie keine genügende Kenntniss der neu- 
testamentlichen Sprache und keine hermeneutische Bildung hatten. 
Jedem umsichtigen Ausleger muss es klar sein, dass die neu- 
testamentlichen Schriftsteller an Wunder geglaubt haben. Wie die- 
ser Glaube historisch zu erklären, ist eine andere Frage. Gegen 
den scnsiis communis verstösst vieles, was die historische Er- 
klärung beizubringen hat. Das Unsinnige kommt ja häufig ge- 
nug wirklich vor und darf also durch die Interpretation nicht 
ausgemerzt werden. In Shakespeare's Kaufmann von Venedig 
oder im Hamlet, z. B". in der Rede der Ophelia oder der Todten-» 
gräber ist absichtlicher Unsinn, ebenso in der alten Komödie; 
aber wieviel unabsichtlicher Unsinn findet sich bei schlechten Auto- 
ren! Es ist daher auch eine falsche Regel, dass die Auslegung 
grundsätzlich nach einer Conciliation der Widersprüche 
streben müsse. Auch diese können sogar im Plane eines Werk« 
liegen, wie dies bei Platon's Parmenides der Fall ist. Gana 
unhistorisch ist es vollends, wenn man für die Auslegung de] 
heiligen Schriften vorschreibt, es solle darin alles aus der analogu 



Vergl. In Piatonis, qui feHur^ Minoem (1806) S. 182. 



11. Historische Interpretation. 121 

l^iei et doctrinae erklärt werden; hier steht sogar der Maasstab, 
.^k«h welchem sich die Erklärung richten soll; selbst nicht fest, 
.SL, die aus der Schrifterklärung erwachsene Glaubenslehre sehr 
entschiedene Gestalten angenommen hat. Durch die historische 
k^^iüslegung soll nur festgestellt werden, was in einem Sprach- 
L^nkmal gemeint ist, gleichviel ob es wahr oder falsch ist. Wie 
w&i man einem Autor Verstösse gegen die historische Wahr- 
t.^jt, den sensus communis j oder die Logik zutrauen kann, ist auf 
vxnind der grammatischen Interpretation aus der Kenntniss seiner 
XB.di?idualitat festzustellen; ob man absichtliche Widersprüche imd 
i^consequenzen anzunehmen hat, ergiebt sich aus dem Zwecke, 
l^n der Autor verfolgt, ist also durch die generische Auslegung 
^^Ä eraiitteln. Gelangt man auf diesem Wege zu der Ueberzeu- 
S^xng, dass in einem bestimmten Falle einem Autor eine (Jnrich- 
^gkeit oder ein Widerspruch nicht zuzutrauen ist, welche bei der 
"ein grammatischen Erklärung hervortreten, so liegt das oben 
^^Ägeftihrte erste Kriterium fiir die Anwendbarkeit der histori- 
*<ilien Interpretation vor. Diese darf jedoch dann auf keinen Fall 
^"«iter gehen als der grammatische Sinn der Worte es 
^ tiUsst — eine Grenze, die sie auch dann inne zu halten hat, 
^^enn ein anderes Kriterium ihrer Anwendbarkeit eintritt. Aus 
dem für dieselbe angegebenen zweiten Kriterium aber ergiebt 
»ich eine zweite Grenze. In der Regel nämlich darf, auch wo 
^s der grammatische Wortsinn zulässt, durch die historische Inter- 
pretation nicht mehr in die Worte gelegt werden, als die, 
H-nwelche der Autor sich wendet, dabei denken konnten. 
Aus der Vernachlässigung dieses Kanons geht der Missbraucli 
der allegorischen Erklärung hervor, wovon ich oben (S. 91) ge- 
sprochen habe; ein solcher Missbrauch wird besonders bei den 
griecliischen Tagäcem mit der historischen Auslegung überhaupt 
getrieben, um die richtige Grenze einzuhalten, muss man also 
zunächst wissen, an wen sich ein Autor wendet und was er 
demnach voraussetzen konnte. Es handelt sich dabei nicht bloss 
ttin die Menge, sondern oft um ein ganz bestimmtes Publikum. 
So 8j^ Pindar in der 2. Olymp. Ode von seiner Poesie, er 
versende manche Pfeile aus seinem Geschoss, die für die Kundigen 
hellklingehd «eien , während sie für die Menge der Auslegung be- 
durften. Nun suchen aber wieder diejenigen, an die der Autor 
s^ine Worte richtet, in denselben mehr oder weniger Beziehungen, 
j€üach seiner Individualität und dem Gattungscharakter des Wefkes; 



122 Erster Haapttheil. 1. Abschn. Hermenentik. 

je besser sie diese kennen, desto besser verstehen sie die liisto- 
rischen Beziehungen, Dasselbe gilt auch für den Ausleger, der 
sich auf ihren Standpunkt stellen soll; als erste und letacte Be- 
dingung tritt immer von Neueni die individuelle und generische 
Auslegung hervor. Und hierdurch wird die Grenze fpr die An- 
wendbarkeit der historischen Interpretation oft so zart, dass nur 
der congeniale Ausleger sie findet. 

§ 23. Methodologischer Zusatz. 

Die grammatische und historische Auslegung erfordern einen 
bedeutenden gelehrten Apparat: zur grammatischen gehört, dass 
man für die Feststellung des allgemeinen und besondem Sprach- 
gebrauchs die nöthigen Parallelstellen zur Hand habe, zur histo- 
rischen sind zahlreiche Notizen erforderlich. Eine grosse Anzahl 
von Citaten ist dem Philologen also unentbehrlich; das Citiren 
in grösster Genauigkeit ist recht eigentlich philologisch; denn die 
Philologie beruht auf äusseren Zeugnissen, während der Philosoph 
sich selbst innerer Zeuge sein muss. Man hat nun in neuerer* 
Zeit alles von der Philologie Ermittelte handlich in Lexika zu — 
sammenzustellen gesucht; Lexika für die alten Sprachen über — 
haupt und für den Sprachgebrauch der einzelnen Autoren wer — 
den in immer grösserer Vollständigkeit ausgearbeitet, ebenso all — 
gemeine und specielle Reallexika. Dadurch hat das Studium seh^ 
an Leichtigkeit und Sicherheit gewonnen. Aber den Zusammen- 
hang der Vorstellungen, den man sowohl beider gramniatischei^ 
als auch bei der historischen Auslegung vor Allem zu verstehe 
hat, kann man nicht nachschlagen. Hierzu ist es nothig, das:: 
man das bereits Ermittelte im Zusammenhang, also die real« 
Disciplinen der Alterthumswissenschaft mit Einschluss der GrauL-^ 
matik quellenmässig studire. Auf Grund solcher zusammen — 
hängenden Kenntnisse, welche man möglichst präsent haben mus^ 
sind dann die Lexika zu benutzen; sie enthalten mehr das Un- 
zusammenhängende und daher schwerer zu Behaltende. Ihre An- 
gaben sind aber bei allen schwierigeren Punkten aus den Quelles 
zu prüfen, um das Einzelne im Zusammenhang zu verstehen. 
Neben den Lexika muss man sich an die besten Register und 
Indices der Schriftsteller halten, und für die historische Ausle- 
gung an gute historische Einleitungen zu denselben. Insbeson- 
dere sind aber auch Sammelwerke aus dem Alterthum zu berück- 
sichtigen, die keineswegs in den neuen Lexika ausgenutzt sind. 
Die alten Glossarien geben über viele Werke die speciellsten No- 



II. Historische Interpretation. 123 

tizen; es gehören hierher für das Griechische: Apoll ouios (So- 
pUsta), Pollux, Phrynichos, Moeris^ Timaeos; Harpokra- 
tion, Ammonios^ Hesychios^ PhiloxenoS; Photios, das 
Eiffmologicum Magnum, SuidaS; Zonaras^ die Lexica Seguerianaj 
Thomas (Magister) — für das Lateinische: Nonius und Festus. 
Diese Sammlungen enthalten aus den Schriften der alten Gram- 
matiker gezogene Worterklärungen, welche gewöhnlich auf ein- 
zelne Stellen bezüglich und dann von besonderem Werthe sind. 
Von ähnlicher Bedeutung sind die Scholien als Sammlungen 
alter exegetischer Bemerkungen; wir haben solche für das La- 
teinische zu Terenz, Horaz, Virgil, Persius und Juvenal, 
fär das Griechische zu Homer, Hesiod, Pindar, den Tragi- 
kern, Aristophanes, Apollonios v. Rhodos, Arat, Nikan- 
ier, Theokrit, Kallimachos, der Anthologie; Thukydi- 
des, Piaton, Aristoteles, Demosthenes, Aeschines. Sie 
«nd besonders wichtig für die historische Erklärung; aber man 
nwiss bei ihnen wie bei den Glossarien immer Meinung und Thatsache 
unterscheiden, was hier oft sehr schwierig ist. Von geringerer Be- 
deutung sind die Paraphrasen, welche nur den Wortsinn nach 
dem ersten Anlauf auffassen und die Interlinearglosse n, die ge- 
wohnüch nur ein selteneres Wort geben. Im Anschluss an die 
vorhandenen Hülfsmittel muss man selbst weiter sammeln. Vor 
dlem ist es zu empfehlen zu Werken, wozu keine genügenden 
historischen Einleitungen vorhanden sind, solche selbst anzufer- 
tigen; natürlich sind darin nicht triviale Notizen zusammenzu- 
tragen, sondern die historische Grundlage des Werks ist bis ins 
Speciellste festzustellen. Für das gründliche Studium von Werken, 
wozu keine Indices und Register vorhanden sind, ist es eben- 
falls imentbehrlich diese selbst anzufertigen oder anfertigen zu 
lassen. Ein noth wendiges Uebel sind endlich Adversarien, in 
welche man die eigenen, gelegentlich gemachten Bemerkungen, 
fenier alles Auffallende, Schwierige und Seltene einträgt. Die 
holländischen Philologen haben besonders Adversarien empfoh- 
len und an Job. Aug. Ernesti und Joh. Matth. Gesner 
A7chts vermisst, als dass sie solche nicht hatten. Freilieh hatten 
diese dafür mehr Geist; aber gerade weil es vielen StofiF giebt, 
der den (reist nur überladen würde ohne ihn zu bilden, ist es 
besser diesen Stoff in Papieren finden zu können, als ihn im Kopfe 
zu tragen. Allgemeine Adversarien sind besonders in der Jugend 
nothwendig; sie können in dieser Ausdehnung nicht bis ans Ende 




24 Erster Haupttheil. 1. Abnchn. HermeneatiK. 

les Lebens fortgeführt werden, weil die Zeit dazu nicht ausreichte 
Man muss sich in s[)ätereu Jahren auf Adversarien für bestimin 
Zwecke beschränken, die grosseutheils in Zetteln bestehen k5nn< 
Solche Zettelwerke hatten Leibniz, Kant, Jean Paul, Ale 
V. Humboldt — sehr verschiedene Geister. Sie kommen d 
Gedlichtniss zur Hülfe, doch muss man ihnen nicht Alles anve 
trauen. Ich ziehe vor, massige Kenntnisse im Kopfe als a 
ordentliche im Pulte zu haben; sehr viele Adversarienkramer hab^^ 
sehr wenig Kenntnisse. Der Geist darf jedoch uiiter der Gedächtiii 
arbeit nicht leiden; viele Dinge nicht wissen oder vergessen ii 
besser als den Verstand vergessen. Freilich haben viele in ihr^ 
Adversarien Dinge, welche zu unserer Zeit nicht mehr mit CS^ 
taten belegt zu werden brauchen, weil sie schon jede^ Kind weiss. 
Allmählich muss doch bei der Erklärung aller nicht zur Sache 
gehörige Kram ausgeschlossen und als vorausgesetzt in die Lexika 
verwiesen werden. Die Zeit ist vorüber, wo man mit solchem 
Citaten -Ballast Wunderwerke thun konnte. Es muss statt desseB 
ein tieferes Eindringen in den Sinn, den Geist des Schriftstel- 
lers eintreten. Ein guter Ausleger wird Niemand sein, der es 
nicht als die Hauptsache ansieht, sich in die Schriftsteller zu 
versenken, aus ihnen selbst zu schöpfen. Dabei muss man sich 
vorzüglich vor dem vorzeitigen Kritisiren hüten, das die An- 
schauung von vornherein stört. Man kann sehr spitzfindige Kri- 
tiken und lange Demonstrationen machen um eine Stelle für ver- 
derbt zu erklären, und der einfache Sinn, der sich in den Geist 
des Schriftstellers hineindenken kann, löst mit einem Schlage alle 
vermeintlichen Schwierigkeiten, indem er zeigt, dass jene Kritiker 
nicht verstanden haben, weil sie nur mit dem Verstände, nicht 
mit der Anschauung arbeiteten. Aus unserer Darstellung ist aber 
zur Genüge hervorgegangen, dass die grammatische und histo- 
rische Interpretation in dieser einzig fruchtbaren Weise nur ge- 
lingen können, wenn sie in beständiger Verbindung mit der indi- 
viduellen und generischen betrieben werden. 

III. 

Individuelle Interpretation. 

§. 24. Bisher haben wir die Sprachenach ilirer objectiv 
Hedeutung betrachtet. Der Sprechende drückt Anschauungen '> 



in. Individuelle Intorpretation. 125 

di^ ihm sowohl an sich, als in ihren mannigfaltigen realen 
Beziehungen mit der Sprache gegeben sind; er ist somit ein 
Ojrgan der Sprache selbst. Aber die Sprache ist zugleich Organ 
J^fi Sprechenden; denn die Anschauungen^ die er ausdrückt, sind 
2 «3 gleich durch seine Auffassung der objectiven Welt bedingt und 
Ji^ objective Bedeutung der Worte hindert nicht sie so zu wäh- 
le xb und zusammenzustellen, dass sie seine eigene Natur, die Vor- 
g&nge und Zustande seines Innern, also seine Subjectivität 
itjixn Ausdruck bringen. Zunächst spiegelt sieh in der Rede so 
d.CLS subjeciive Wesen des Sprechenden an sich, d.h. seine In- 
dividualität wieder. Die Bedeutung der Worte nach dieser 
Seite zu verstehen ist die Aufgabe der individuellen Interpretation. 
In manchen Fällen verdoppelt sich dieselbe dadurch, dass der 
Sprechende andere als redend einführt, was in allen Redegat- 
tuDgen vorkommt, aber in der dramatischen Darstellung zu 
einer eigenen Stilform wird. Bei einem Historiker können die 
Beden historischer Personen wörtlich angeführt werden, so dass 
man sie rein aus der Individualität der letztem zu erklären hat; in 
einem Drama dagegen steht hinter dem Charakter der handelnden 
Personen immer noch die Individualität des Dichters selbst, die 
Wd starker, bald schwächer hervortritt. 

Die individuelle Interpretation würde vollkommen sein, wenn 
man die Individualität des Sprechenden so vollkommen nachzu- 
construiren vermöchte, dass man vor der Betrachtung seiner R^de 
wüsste, wie er jeden Gegenstand anschaut. Dann könnte man 
bestimmen, was er in jedem Falle sagen rausste. Da man den 
Redenden, besonders bei antiken Sprachwerken, indess meist nur aus 
semen Reden selbst genauer kennen lernen kann, so besteht das Ge- 
schäft der Auslegung darin diese zu analysiren um daraus seine In- 
dividualität zu finden. Es liegt also hier wieder ein offenbarer durch 
die henneneutische Kunst zu vermeidender Cirkel der Aufgabe vor. 
Es fragt sich zuerst, worin die Individualität besteht, 
und welches ihr Ausdruck in der Sprache ist. Jeder 
Mensch hat seine besondere Denk- und Anschauungsweise, welche 
iD dem eigenthümlichen gegenseitigen Verhältniss seiner Seelcn- 
*™^> in seinen Anlagen und wenn man bis zur letzten Ursache 
zurückgeht, in dem Verhältniss des Leibes und der Seele bei 
ihm begründet ist. Dies ist seine Individualität. Sie offenbart 
sich m j^^^Y \j2Lge seines Daseins und ist überall dieselbe; in 
en Verschiedensten Aeusserungen seines Wesens: in Wort 



in. Ladividaelle Interpretation. 127 

lieber Unterschied des grammatischen und individuellen Wort- 
sinxis. In Bezug auf den grammatischen Wortsinn hat jedes ein- 
zelne Sprachelement seine einheitliche Bedeutung und die he- 
stimmte Modification, in welcher es vermöge seiner Vieldeutigkeit 
zu nehmen ist, ergieht sich aus dem Zusammenhang. Bei dem 
incliiriduellen Wortsinn findet dagegen das umgekehrte Verhält- 
niss statt Die Einheit der Individualität haftet augenscheinlich 
nicht an den einzelnen Worten , sondern bleibt in dem ganzen 
Sprachdenkmal dieselbe; sie muss also in dem Zusammenhange 
des Ganzen, der Compositionsweise hervortreten. Die Wahl 
der einzelnen Sprachelemente wird dagegen die bestimmten Mo- 
dificationen ausdrücken, worin die Individualität sich äussert. 
Die Aufgabe der individuellen Auslegung ist denmach, aus der 
Compositionsweise die Individualität zu bestimmen und daraus 
dann die Wahl der einzelnen Sprachelemente nach ihrer indivi- 
duellen Bedeutung zu erklären. 

1. Bestimmung der Individualität aus der Compo- 
sitionsweise. 
Sowie man die grammatische Auslegung nicht aus allgemei- 
nen Grundsätzen einer philosophischen Grammatik ^ sondern nur 
aus dem concreten Sprachgebrauch führen kann^ so kann auch 
die individuelle nicht aus den allgemeinen psychologischen Gesetzen 
gef&hrt werden. Mau kann die Individualität nicht etwa durch 
Classification finden , indem man in einer empirischen Psychologie 
die verschiedenen Temperamente, Gemüthsarten u. s. w. durch- 
ginge und sähe, welche davon auf ein bestimmtes Individuum 
passen. Die Psychologie kann nur allgemeine Rubriken auf- 
stellen; die Individualität aber ist etwas durchaus Lebendiges, 
Coneretes, Positives, wogegen jene Schemata nur negativ, d. h. 
nur allgemeine Abstractionen aus der Individualität selbst sind. 
Daher vermeide ich es, die individuelle Auslegung — wie dies 
Schleiermacher thut — die psychologische zu nennen, weil 
^ßser Name zu weit ist. Wie die Grundbedeutung der Worte 
eine nicht in eine Definition zu fassende Anschauung ist, so ist 
*^ der individuelle Stil nicht vollständig durch Begriffe zu 
cnarakterisiren , sondern durch die Hermeneutik als Anschauungs- 
weise selbst anschaulich zu reproduciren. 

Der individuelle Stil tritt um so ausgeprägter hervor, je 
"^ier sich der Geist bethätigen kann; durch Nachahmung und 
Änsseren Zwang wird er daher verdunkelt; er offenbart also den 



ni. Individuelle Interpretation. 129 

igt, dass bei jedem Schriftsteller ein Censor mitarbeitet, geht der 
^til Terloren; er arbeitet aber schon mit auch ohne zu streichen, 
wo man sich fürchten muss, unter seine Scheere zu fallen. Doch 
nicht etwa bloss die Bedefreiheit, sondern die Freiheit überhaupt, 
ki der die Nation allein Charakter gewinnen kann, befordert 
die Aasbildung des nationalen Stiles. Daher ist er im Alterthum 
kräftig entwickelt, soweit die Zersplitterung der Nationen in Stämme 
imd Ueine Staaten es zuliess. Der griechische Nationalstil ist 
nicht einheitlich, sondern der Ausdruck der verschiedenen Stamm- 
Charaktere, der romische drückt eigentlich nur den Charakter der 
herrschenden romischen Stadtgemeinde aus. Der individuelle Stil 
sweigt sich nun von dem nationalen mit grösserer oder geringe- 
ler Eigenthümlichkeit ab. Es giebt Schriftsteller, die überwiegend 
den Nationalstil repräsentiren; für das Lateinische gehört zu ihnen 
Tor Allen Cicero, welcher eben deshalb mit Recht als Muster 
des reinen Sprachgebrauchs dient, aber um so weniger als Stil- 
moster überhaupt gelten darf. Bei stärker ausgeprägten Indivi- 
dualitäten tritt dagegen der nationale Stil zurück, wie im Latei- 
lUfichen bei Tacitus, im Französischen z.B. bei Montesquieu. 
Jedenfalls jedoch sind die beiden Seiten des Stils so verwachsen 
wie die grammatische Bedeutung einer Sprachwurzel mit ihren 
Ableüongen. Und wie man den Sinn der Wurzel nur aus den 
geleiteten Formen ermitteln kann , so kann man auch den Stil 
^ncr Nation nur durch die Vergleichung der individuellen Stil 
formen erkennen. Bei einer solchen Vergleichung wird aber vor- 
wwgesetzt, dass man diese individuellen Formen selbst kennt, 
während man dieselben wieder aus dem gemeinsamen nationalen Stil 
^ßt verstehen lernen will. Denn die Vergleichung an sich giebt 
kein reines Verstehen, sondern nur ein Urtheil über das Ver- 
hältniss der verglichenen Formen, was Gegenstand der Kritik ist. 
för die Hermeneutik hat die Vergleichung einen subsidiarischen 
Werth und führt, so lange nicht jedes Glied an sich schon be- 
kannt ist, leicht auf verkehrte Bestimmungen. Sie wird leicht 

• 

^"i«eitig und die verglichenen Punkte gewinnen dann in der Be- 
frachtung auch der einzelnen Glieder eine übermässige Bedeutung; 
^weilen werden auch heterogene Eigenschaften nur nach äusser- 
*^en Gesichtspunkten verglichen, wodurch man zu einer ganz 
■chiefen Anschauung gelangt. Ein Beispiel ist die unsinnige 
Parallele zwischen der Ars poetica des Horaz und Platon's 
Phädros, welche Schreiter (De Horatio Piatonis aemulo eiusque 

BOekh'f Bncyklopftdle d. philolog.. Wissenschaft. 9 



]l',2 KrnU;r Haupitheil. 1. Abnchn. Hermeneutik. 

MU'htiti und (iodunkeii; welche in die objective Einheit eingel 
y^Wnhiiij nur dio hervorgehoben werden , welche dem Zweck i 
p^fiuuiHHt'.n Hiud, od(;r indem ^ wenn es möglich ist, alles objec 
Kinig«! dii* Richtung auf den Zweck erhält, entsteht die subj« 
iivf^ Kinheit, wi^Iche uoth wendig eine Gedankeneinheit ist. 
tlvui iVii* obji?(:tivc von letzterer beherrscht wird und jene nur 
(«rundlage di(;H(!r bildet, einigen sie sich völlig wie Subjectii 
und ObjnctivpH zu einer ungetrennten materialen Einheit 
lli(*rauH crgiebt sich dann zugleich die formale Einheit, d 
din Art, wit* dicHer Stofl' auch äusserlich zu einem Ganzen g 
Nlali4*t JHt; HU) liegt darin, dass die verscliiedenen Glieder d 
W(»rkoH in ihrer Aufeinanderfolge im Dienste jener material 
Kinhoii. Ktgim'h und rhetorisch verbunden sind. Selbstversian 
lieh indHHen die nuiterialc und formale Einheit, wie Form ui 
Materie (lberluiu)t( , ein unzertrennliches Gunzes bilden und 
der ('oni)U)siiion desselben nuiss der individuelle Stil sich offc 
Imren, naiürlieh sehon hier verflochten mit dem National- u 
iMiitungsstiK Uas VerhUlhiiss der formalen und materialen Ei 
heit hat l5eo. Ludw. Waloh, Ueber Tacitus' Agrikola oder ( 
Kunstforni der antiken Kiographie. (in seiner Ausg. des Agriko 
UitU ISix^) sehr giMstnMoh eri>rtert. Wenn man die armselige Po 
n\ik. die M'hUvhton Witzeleien und die überflüssige Gelehraa 
keit« \\omit diese Abhandlung Whangen ist. abstreift, soistdai 
die Kigimthüudiohkeit in dem Stil dos Taciteischen Agiia 
xortwtlH^h itt^yeiijt, und ;ui diesem wird erläutert, wie die ma 
vi;^lo Vanhoit, die hier in dem historischen Gegenstande und d 
iin;ndgx\Unkon besteht» sich von der formalen unterscheid 
Oäs Alles K^t.nnr.er.de Moment ist offenbar die Einheit < 
-'.x^ockos; d,^ dieser i;uu d;;rvh die gvnerisvhe Auslegung fi 
cx'^tvlit >Änv*. cn^it^ *e:j:or\^ von; ersten Schritte an in die in 
x^5v,ei«' e;v:. 

Kr \;:c Wo*.:* KV.iuv'e: in >e:r.e.:; l'Voir^omena zum] 
;^i^r^ »;^4* r^nes'l><*v. :;i«t:er. «t^* s;\ä: ct'.err.T :r. üren Sprachweii 
e?;Ä \v*r.vos 'h;r5;;>4i*av,. l^-t-s :<; Är<T »v«r<LA-s falseh: Tielm 
)m}^« ,'^w No;;;r;v. c-s^ >:Ji: ct*T-:T.: .r.v Wt-rkr der Alten 

ju«?^wj^"«^' '*- '^'*- -^ .*:vr-/;- ^^L'^-r-c c:;^^.^-:, ÜÄ5i> öf Meistens 



111. Individuelle Interpretation. 133 

folgen. So hat z. B. Morgenstern in seiner Schrift über Pia- 
ton' 8 Republik {De Piatonis repiiblica conimentationes tres. Halle 
1794) für dies Werk einen Hauptzweck, nämlich die Darstellung 
der Gerechtigkeit, und einen Nebenzweck, die Darstellung des Staa- 
tes angenommen und findet ausserdem darin noch mehrere Neben- 
nntersachungen ; ja sogar Schleiermacher nennt in seiner Ein- 
leitung zur Uebersetzung der Republik Sokrates einen zwei- 
köpfigen Janus, da er in der Republik selbst als Zweck des Werks 
die Darstellung der Gerechtigkeit angebe, im weiteren Verfolge 
»ber im Timäos die Erörterung über den Staat als Zweck an- 
\ erkenne. Nun ist nicht zu leugnen, dass es Schriftsteller giebt, 
deren Werke keine Einheit haben, und die mag man dann er- 
klären, so gut man kann; es wird auch nicht schwer sein, weil 
[ alles Einzelne nur als Einzelnes und ohne Zusammenhang da- 
[ steht Aber für den wahren Künstler im Schreiben hat jede 
[ Schrift einen einheitlichen Zweck. So wird es ftlr fehlerhaft er- 
f achtet, wenn eine Tragödie über die Einheit der Handlung hinaus- 
geht; die Alten waren sich dessen wohl bewusst, uud wo 
oe die Einheit scheinbar verletzen, sind stets sehr gute Gründe 
dazu in dem höheren Zusammenhang mehrerer Stücke vorhanden. 
Wir werden also zwei Zwecke einer klassischen Schrift nicht zu- 
geben, sondern behaupten, die Auslegung, welche dies bei Pia- 
ton annimmt, sei noch unvollkommen. Man kann hier das Rich- 
tige nur durch die Kenntniss von dem Gedankensystem des Ver- 
fiwsers finden. Weiss man z. B. aus Platon's Charmides, dass 
lin die Politik nichts anderes ist als die dmcTiiiLiTi biKaiou, so 
losen sich beide Zwecke in einen auf, und die Construction, die 
*rf die Gerechtigkeit als Zweck führt, beweist dann nichts gegen 
fie übrigen Angaben. Vortrefllich zeigt dies Proklos in Flut, 
Äi»pmW. p. 351. Der Staat des Piaton ist nichts anderes als die 
'^isirte Gerechtigkeit, oder wie Proklos sehr gut sagt: Tf)V 
^oXiTiKTiv xopctKTTipi2[€i f^ biKaiocuvr].*) Sind bei einem Werke 
Nebenzwecke vorhanden, so müssen sie in dem Hauptzwecke 
i'TiReln. Ein Werk ohne Einheit gleicht einer Statue, von 
welcher ein Stück die Venus und ein anderes die Artemis 
darstellt. 

Zwischen der Einheit eines Werkes und dem individuellen 
Sprachgebrauch im Einzelnen liegt bei jedem Schriftsteller eine 



*) Vergl. das Prooemium z. Lektionskat. v. 1829, Kl. Sehr. IV, S. 327. 



III. Individuelle Interpretation. 135 

?lntarch in einem andern Sinne; er knüpft an alte Stellen an^ die 
CT einwebt^ oft aber ändert. Bei der Accommodation ist es gleich- 
gültig, ob die Erklärung der zu Grunde gelegten fremden Ansicht 
richtig sei oder nicht; der Autor kann mit freiem Spiel eine 
&lBche Erklärung geben. Aus dem Missverständniss dieser That- 
Sache schreibt sich die Meinung her^ die Alten seien schlechte 
Erklärer. Es kam ihnen jedoch vielmehr in solchen Fällen auf die 
wfthre Erklärung nichts an; sie verdrehen oft mit Absicht und 
legen etwas hinein, was aber immer eine geistreiche Darstellung 
Wirkt In der griechischen Poesie gehören zu dieser Art Ac- 
eommodation auch die etymologischen Spiele. Ein anderes Mittel 
d€r Bubjectiven Darstellung bilden die Yergleichungen und 
rhetorischen Figuren und ausserdem das Enthymem. Letz- 
teres, sei es von welcher Art es wolle, hat jederzeit nur den Zweck 
der subjectiven Darstellung. 'Ev9u|iTi|Lia bedeutet einen Satz, den man 
sich gleichsam zu Gemüthe führen soll, worin schon seine sub- 
jwtive Natur liegt. Es ist eine subjective Schluss weise, eine ar- 
ßtumtoHo ad haminem. Daher erlaubt es keine Vollendung im 
SjUogismus; es liegt in seiner Natur, dass es nicht syllogistisch 
Utt sein kann. Deshalb wird durch viele Enthymeme, die jeder- 
Mit geistreich sind, die Darstellung verwirrt, wie dies bei De- 
mosthenes in seiner Jugend der Fall gewesen sein soll. Ein 
Beispiel des Enthymem ist C i c e r o pro Milane 29 : Eius igitur inortis 
«4fe uUores cuius vitam si putetis per vos restitui passe, noUtis — 
eine Argumentation aus dem Gegentheil, die nicht in syllogistische 
Form gefasst ist und einen eigenen Reiz und Anstrich von Scharf- 
^ hat: schlagende aus der Seele gegriffene Sätze. Ein anderes 
Beispiel: die Rhodier wurden von Cato vertheidigt, als die Rö- 
mer sie deshalb angreifen wollten, weil Rhodos ihnen übel ge- 
wollt ohne jedoch wirklich etwas gegen Rom zu unternehmen. 
Nim sagt Cato: Quod illos dicimus valuisse faeere, id nas priares 
fomt occupabimus? (Gellius Vn, 3). Tiro tadelte dies Enthy- 
mem, und man konnte hier allerdings antworten: accupabimus certc; 
indes» so ist es mit vielen Enthymemen. 

Die individuelle Composition beherrscht aber alle Elemente der 

Sprache und giebt dadurch dem Sprachwerke seine eigenthümliche 

^niBsere Form; das materielle Element, also das Objectivste in 

cfei' Sprache eignet sie sich durch die besondere Art der Verbin- 

f^^gM^ ^!Xi\fAi^T iL2A mekr formelle, die Partikeln, hat sie fast un- 

hrankte Gewalt. Man muss also untersuchen, ob ein Schrift- 



136 Erster Haapttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

steller durch Reflexion und ihren Ausdruck, die Partikelni yerbiiK 
oder nur durch schlichte Aneinanderreihung; ob er starke od 
sanfte, zarte oder heftige Bilder und Ausdrücke wähle, ob er di 
lektisch oder dogmatisch verfahre u. s. w. In allem diesem lie 
die ethische Verschiedenheit des Ausdrucks, die in der Indii 
dualitat ihren Ursprung hat. Um aber die Combinationsweise 
ihrer Eigenthümlichk'eit zu erfassen, darf man sich nicht n 
Schematismen und abstracten Benennungen begnügen wie km 
weitläufig, periodisch oder nicht, partikelreich oder das Gege 
theil u. s. w. Man muss in die concrete Einzelheit, welche a 
geschaut werden soll, eingehen. Natürlich hat man in diese Ei 
zelheit so weit als möglich begrifiTsmässig einzudringen; m 
darf die Betrachtung dadurch nicht abstract werden. Vieles läfi 
sich begrifi*8mässig ins Einzelne fähren. So kann man z. B. i 
Kürze des Thukydides, Tacitus und Seneca wohl untersch« 
den und charakterisiren. Thukydides ist ohne Sprünge; es : 
alles bei ihm logisch streng verbunden durch Partikeln, nicb 
Subjectives; er hat zugleich eine gewisse Härte, weil die Verbi 
düngen zu streng sind, ohne vermittelnde Zwischengedanke 
jeder Ausdruck ist tief. Tacitus hat die Kürze der Kraft, , 
doch nicht rein, sondern sentimental und subjectiv; ein Vorlau: 
seiner Schreibweise ist in dieser Beziehung schon Sallust. AI 
wenn er den Inhalt einer Periode in einem Satz concentrirt, e 
welchem sie durch einen Cicero entwickelt werden könnte, 
zerlegt Seneca den Inhalt einer ciceronianischen Periode in vi 
gesonderte aneinander gereihte Sätze; dort sind Quaderstfic 
ohne Kitt und Klammer und doch verbunden, hier ist arena sineM 
nach Caligula's Urtheil bei Sueton, Calig^ula, 53, was Ernes 
sehr richtig erwogen hat, wenn er behauptet, dass gegen Cice 
Seneca durchaus nicht kurz sei. Fronto pag. 156 N. saf^ ^ 
Seneca: ncquc i4jnoro coinosnm scfitentm et redundantem honUn* 
t'Sse, venim sententias eins tolutare^ ^video nusqimm quadripedo oc 
ciio cursxi tenere, nnsquam imgnare . . . dictei^ia potius etimy qmA 
dieta continere. 

Der eigenthümliche Perioden- und Wortbau ist besondei 
unterscheidend für die Schreibweise eines Schriftstellers: den 
hier kommt noch das musikalische Element der Sprache in Rhytl 
mus und melodischem Klang in Betracht, welches natürlich b 
poetischen Werken in der individuellen Art des Versbaues b 
sonders hervortritt. Endlich hat die Sprache noch eigene El 



III. Individuelle Interpretation. 137 

meiite fär das Gefühl festgestellt, nämlich die Interjectioneii; 
deren Anwendung häufig ein wichtiges Kriterium der Individualität 
igt. Durch immer genauere Analyse kommt man dazu die fein- 
sten Unterschiede aufzufinden und so annähernd die ganze In- 
dividüahtät zu erkennen. Immer jedoch muss man vom Ganzen 
and nicht Yom Einzelnen ausgehen; der Stil hat sein Princip 
nicht in den Elementen, welche vielmehr bei Allen gleich sind, 
sondern in dem Ganzen. 

Aber noch ein Mal muss daran erinnert werden, dass man bei 
der Erforschung des individuellen Sprachgebrauches stets das abzu- 
scheiden hat, was zum National- und Gattungsstil gehört. Bei 
einem Lyriker ist die Verbindung der Gedanken schon der Gat- 
tung nach ganz frei; er bewegt sich in Sprüngen, d. h. die ganze 
Combination ist ein Werk der freien Phantasie, da der Zusam- 
menhang nur ein innerer subjectiver ist. Dies ist also nicht 
2. B. Pindar's Manier, sondern überhaupt lyrischer Charakter 
und findet sich daher ebenso in den Chören der Tragödie. Manche 
Gattungen schliessen gewisse Wörter aus, wie die Poesie, die 
Rhetorik, die philosophische Prosa; oder sie haben eine besondere 
Art der Wortstellung, Structur, des Numerus und insbesondere 
Ici dichterischen Werken einen feststehenden Rhythmus und Vers- 
Iäu. Femer ist der Stil eines Schriftstellers durch das Zeitalter 
l>^8timmt, in welchem er schreibt. Der Unterschied des strengen, 
^ach schönen und anmuthigen Stils hängt sehr häufig hiervon 
*l>. Man könnte zwar sagen, die einzelne Individualität übe die 
Gewalt über das Zeitalter und dieses folge ihr, nicht sie ihm; 
allein es liegt hierin doch ein Irrthum. Wenn man nämlich die 
verschiedenen Gattungen in demselben Zeitalter betrachtet und in 
*flen denselben Stil findet, so gehört dieser der Zeit, nicht oder 
'Wenigstens nicht immer dem Individuum an. Ueberall macht in 
uer Kunst der strenge Stil den Anfang, in der Baukunst, der 
^'astik, der Musik, der Poesie, der Redekunst, ja selbst in der 
l^storischen und philosophischen Darstellung. Die Aeschy- 
* tische Tragödie hat einen erhabenen Stil, denselben zeigt die 
^yrik der Zeit, nämlich die Pindarische, denselben die prunk- 
*^ aber gewaltige Beredsamkeit eines Miltiades, Kimon, 
Ihemistokles; denselben ohne Zweifel zeigte auch die Plastik 
^d Malerei. Herodot macht eine Ausnahme; seine Darstellung ist 
^cht im Zeitalter begründet. Die Perikleische Zeit wird milder 
^^ gefalliger, hat beides, Grazie und Erhabenheit, wie Sopho- 



138 Erster Haupttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

kies, Thukydides, Lysias u. s. w. Hernach tritt die Peric 
der Weichheit ein mit Euripides, IsokrateS; Xenophon u. 8. 
Einzelne Individuen in einem Zeitalter wirken allerdings besii 
mend auf dasselbe ein, und so identificirt sich wieder der Z( 
Charakter mit dem Charakter einer bestimmten Person bis i 
einen gewissen Grad. Hierauf beruht der Begriff der Eunstschi] 
die bestimmte Charaktere setzt, willkürliche und unwillkürlid 
doch greift auch hier z. Th. wieder die Nationalitat ein, besc 
ders durch die Eigenthümlichkeit des Yolksstammes, dem c 
Schreibende angehört. Es giebt auch Schriftsteller ohne Q 
rakter und also ohne Stil, die nur das Gepräge der Sprache üb 
haupt oder irgend einer Schule imd Gattung tragen. Diese l 
man alsdann gar nicht als besondere Individualitäten zu 1 
trachten; sie gehören der Masse an, welche Seine selbstand: 
Bedeutung hat. 

Je grösser die Menge dessen ist, was uns an Erklärunj 
quellen für eine Individualität zu Gebote steht, desto klarer w 
diese angeschaut werden, indem ihr Wesen, wie die Grundi 
schauung der Worte durch vielseitige Betrachtung erfasst wi 
Je mehr Werke man also von einem Schriftsteller hat und 
mehr von derselben Gattung und aus derselben Zeit, desto sichei 
wird man gehen. Wo aber die Quellen mangeln, wo von eine 
Schriftsteller, ja vielleicht von einer Gattung nur eine Schri 
vorhanden ist, muss man die Analogie zu Hülfe nehmen, welcl 
von der Aehnlichkeit des Ausdrucks in derselben Gattung od 
in verwandten Gattungen ausgeht. Nur die grösste Vorsicht u 
Uebung sichert hier indess vor Fehlgriffen. 
2. Individuelle Auslegung der einzelnen Sprachelemen 

Man hat die Erklärung des Einzelnen aus der Compositi 
des Ganzen wohl die Interpretation aus dem logischen Zusa 
menhange genannt. Allerdings richtet sich das Denken nc 
den logischen Normalgesetzen, und der Zusammenhang eines i 
dankencomplexes, wie er sich in einem Sprachwerk ausdrüc 
ist von diesen Gesetzen bedingt. Aber dies ist bei allen In 
yiduen gleichmässig der Fall; sie denken jedoch trotzdem 8< 
verschieden und Verstössen dabei auch oft in mannigfacher Wc 
gegen die logischen Gesetze. Berücksichtigt man daher in d 
Gedankenzusammenhange nur die logische Seite, so versteht n: 
einestheils zu wenig, da man die übrigen individuellen Momei 
nicht berücksichtigt; andemtheils aber wird man auch häufig 



1 



IV. Generische Interpretation. 141 

aber diese seine schaffende Kraft kann ebenso wenig rein für 
dcb wirken, als die Sprachform ohne den Stoflf zu denken isi 
Der Geist schafft stets nach Gedanken, die ihm begriffsmässig 
oder als dunkle Vorstellungen vorschweben; diese sind es, die 
aeiner Individualität als Musterbilder die Richtung ihrer Wirk- 
samkeit geben, und der subjective Sinn der Sprache wie aller gei- 
itigen Thätigkeit ist also ohne diese inneren subjectiven Be- 
aehangen ebenso wenig zu verstehen wie der objective Sinn ohne 
die äusseren, historischen Beziehungen. 

Die historische Auslegung erschien nicht überall in gleichem 
üaasse anwendbar, weil der Stoff der Rede bald mehr und bald 
weniger vollständig schon in den Wortsinn an sich aufgenommen 
ist Ebenso ist die generische Auslegung nicht überall in dem- 
selben Grade anzuwenden; denn die Individualität folgt oft in 
ihrem Wirken einer in ihr angelegten Richtung, ohne dass dabei 
Äoch eine besondere Beziehung auf ein vorschwebendes Ideal 
sichtbar wird. Ein solches freies Spiel der Individualität findet 
«. B. in der leichten Unterhaltung statt. Dagegen tritt die Ge- 
dankenbeziehung am stärksten in einer geschlossenen Rede her- 
vor, worin sich alles auf einen bestimmten Zweck bezieht, und das 
Besnltat ein vorbedachtes, methodisch erstrebtes ist. Da in einer 
solchen strengen Beziehung die Technik eines Sprachwerks be- 
^It, hat Schleiermacher das Verständniss der Rede nach 
*^8er Seite hin technische Auslegung genannt (Hermeneutik 
^^i Kritik, S. 148 f.). Indess ist dieser Ausdruck doch zu eng, 
|Un (Jiß gesammte generische Interpretation zu bezeichnen. Auch 
^^ leichtesten Spiel der Rede verfolgt der Redende doch einen Zweck, 
^- B. eben den der Unterhaltung; er ist nur hier einfacher und 
Bestattet der Individualität eine freiere Bewegung als die tech- 
^che Durcharbeitung eines Sprachwerks. Da der Zweck aber 
^^*toer ein Gedanke ist, also seiner Natur nach den Charakter 
^^f Allgemeinheit hat, so begründet seine Realisirung in der 
^e stets eine Gattung der letzteren. Die Unterhaltung, die 
Briefform u. s. w. sind Redegattungen und fassen in sich wieder 
^^ grosse Zahl nach dem Zweck verschiedener Gattungen, ob- 
gleich sie selbst natürlich viel specieller als die höchsten Rede- 
geschlechter: die Poesie und Prosa sind. Es ist dabei ganz gleich- 
gültig^ ob eine Gattung zufallig nur von einem Individuum ver- 
treten ist; derselbe Zweck könnte unter andern Umständen ebenso 
gut ?on sehr vielen Individuen realisirt werden. Daher scheint 



142 Erster Haupttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. . 

för die Auslegung, welche die Rede nach ihren subjectiven Be 
Ziehungen zu erkennen sucht, der von mir gewählte Name de 
generischen Interpretation der bezeichnendste zu sein. 

Wir haben (oben S. 114 u. 122) gesehen, dass die historiscb 
Auslegung ganz durch die generische bedingt ist. Aber auch uc 
gekehrt hängt die generische wieder von der historischen dm 
Der Zweck der Rede kann ja immer nur eine bestimmte Behana 
lung des Stoffes d. h. der historisch gegebenen Verhältnisse sezr 
und diese wird sich einerseits nach der Natur dieser Verhältnis— 
andererseits nach der Individualität des Redenden richten, 
alle Motive eines Werkes richtig zu schätzen, muss man oft 
gesammte Geschichte der Nation zu Rathe ziehen. Denn um 
Stil eines hervorragenden Schriftstellers, seine ganze Anschau» 
und Darstellung zu würdigen muss man nicht selten die C 
schichte der Gattung, welcher er angehört, durch alle ZeitaM 
der Nation verfolgen, und um seinen Ideenkreis zu ermessen m. " 
man wieder sein Zeitalter der ganzen Breite nach kennen le 
Wer könnte z. B. den individuellen Stil und den Gattungschai 
ter in den Reden des Demosthenes unterscheiden ohne 
wissen, wie die Redekunst sich bei den Alten überhaupt hei 
gebildet hat und auf welchem Punkte in dem Cyklus ihrer 
Wickelung Demosthenes steht? Und wie kann man die 
wie er den Stoff seiner Reden bearbeitet, verstehen, wenn 
sein ganzes Zeitalter nicht gen^u kennt? Der Zweck eines dprsic 
Werks ist zwar hauptsächlich aus diesem selbst zu erkennen, wthi 
in ihm so verflochten in die geschichtlichen Verhältnisse, dai 
er nicht deutlich erkannt werden kann, ohne dass letztere l>* 
kannt sind. Ist dies der Fall, so deckt eine Analyse des Weri 
den Zweck unmittelbar auf; aber da wir die geschichtliche Grün ^ 
läge, auf der das Werk aufgebaut isi, grossentheils , weni^ 
stens für den concreten Gegenstand der Erklärung, nicht ans d^ 
Tradition kennen, und wie wir (oben S. 114 ff.) gesehen habei^ 
selber wieder durch eine Analyse des Werkes finden müssen, 90 
ist — weil doch einzelne Theile ohne den Zweck des Ganziec: 
nicht verständlich sind — hier der hermeneutische Cirkel am 
schwersten zu vermeiden, wenn es sich um kunstreiche Werke 
handelt, wie z. B. die Pindarischen Gedichte sind. Vorausge 
setzt freilich man kenne die Individualität des Verfassers in de: 
Auffassung und Behandlung des Stoffes, so wird man aus dieser ode 
jener Art der Darstellung, dieser oder jener Folge und Verknüpfon* 



IV. Generische InterpreiatioD. 143 

n Gedanken und Erzählungen Zweck und geschichtliche Grund- 
;e ahnen. Allein hier kommt der oben (S. 123) angegebene 
ue Kreis hinzu, dass man die Individualität selbst erst aus 
m Zwecke finden muss. Die Lösung kann approximativ nur 
vor sich gehen, dass man zuerst an klarem Beispielen, wo 
e geschichtliche Grundlage gegeben ist oder herbeigeschafft 
erden kann , durch Analyse des Werks den Zweck ermittelt und 
mos das Gesetz der Darstellungsweise auffindet und das Ge- 
indene dann vermittelst Analogieschlusses auf schwierigere 
a%iben anwendet. Bei diesen ist auf solche Weise zuerst der 
weck und der Gattungscharakter soweit als möglich zu erfassen 
id dadurch der Sinn für die Unterscheidung der individuellen 
onn und zugleich für die Entdeckung feiner geschichtlicher 
eadehungen, unter welchen das Ganze erst seine rechte Farbe 
lialt;, zu schärfen. Indem sich so die Auslegung vertieft, wird 
weck und Darstellungsweise wieder zu grösserer Klarheit ge- 
dacht und daraus die Auslegung zu immer grösserer YoUkom- 
enHeit gestaltet werden. 

Die generische Interpretation muss hierbei der individuellen 
thritt für Schritt zur Seite gehen; wir haben also zu be- 
achten, wie der Grattungscharakter aus der Compositionsweise ge- 
nden und aus jenem die einzelnen Sprachelemente erklärt werden. 
Bestimmung des Gattungscharakters aus der Com- 
positionsweise. 
Durch das eben kurz bezeichnete analytische Verfahren wird 
Dächst die Kunstregel der Composition gefunden. Die Kunst- 
gel ist eben der Darstellungszweck, insofern er die Composition 
lerrscht. Je mehr in einem Werke Alles dem Darstellungs- 
'^ecke gemäss ist, desto mehr Kunst herrscht darin. Es han- 
•It sich hier um das specifische Gesetz jeder Composition , das 
^^ der Zweckthätigkeit der Individualität fliesst-, die Regel der 
>llendeten Kunst schafft der Genius des Künstlers, und nachdem 
^ in die Erscheinung getreten, eignen andere sie sich an. 

Wir haben (oben S. 128 f.) gesehen, wie durch die Ablei- 

Q3ag der individuellen Stile aus dem Nationalcharakter die Grund- 

^ der Literaturgeschichte geschaffen wird. Auf dieser Grund- 

^e wird die Literaturgeschichte durch die generische Auslegung 

aufgebaut Wenn nämlich der Gattungscharakter der einzelnen 

Schriftwerke in steter Rücksicht auf die bedingenden historischeu 

Verhältnisse festgestellt wird, so ergiebt sich daraus zunächst die 




144 Erster Haupttheil. 1. Abscbn. Hermeneutik. 

Kunstregel der einzelneu Schriftsteller; durch Yergleichong 
kennt man dann den Stil ganzer Gruppen als gemeinsame 
tung; und diese Gattungen gliedern sich zuletzt zu einem 
von historisch hervorgetretenen Stilformen. Die Literatur^^^e- 
schichte ist somit das Resultat der. generischen Auslegung aKJer 
Schriftwerke; je vollkommener also die Literaturgeschichte auft.^[^ 
bildet ist^ desto mehr wird auch diese Art der Interpretation^ in 
jedem einzelnen Falle gelingen. 

Der Ausgangspunkt der individuellen Auslegung war die 
Bestimmung der Einheit in den einzelnen Werken^ und es zeiLg^ 
sich; dass hier Alles von der Auffindung des Zweckes abhixg. 
(Vergl. oben S. 131). Durch den Zweck wird der Einheit Jißs 
Werks selbst der Charakter der Guttung aufgeprägt. Der nadbuie 
Zweck der Rede ist immer theoretisch ^ da die Sprache die Fora 
des Wissens ist; es sollen Gedanken ausgedrückt werden, um de 
für den Redenden selbst oder für andere zu objectiviren. Die 
Gedanken werden so aber entweder für die Auffassung durch doi 
Verstand oder für die Auffassung durch die Phantasie dargestelü 
Hierauf beruht der Unterschied der prosaischen und poeti- 
schen Darstellung. Die objective Einheit wird hiemach W 
der Prosa und Poesie schon verschieden sein ; wenn beide denselbeD 
einheitlichen Gegenstand , z. B. eine Schlacht darstellen, wird di« 
Anschauung desselben in der Dichtung die Form des Phantaai^^ 
bildes haben, in der Prosa dagegen eine durch discursives Denk^^ 
aufgefasste Thatsache sein. Da eine Dichtung für die Phantasi-^ 
geschaffen ist, muss der Erklärer also auch im Stande sein 
mit der Phantasie nachzuschaffen; ihre objective Einheit \ 
nur mit der Phantasie ergriffen werden, und der Verstand tritr^^ 
erst hinzu um sie zu zergliedern. Bei Prosawerken dagegei^^ 
macht die Auffassung durch den Verstand den Anfang; aber dic^^ 
Phantasie muss mitwirken um den in Begriffe gefassten Gegen— '^ 
stand anschaulich zu machen. In der objectiven Einheit des ^ 
Werks liegt indess immer nur der Stoff dos darzustellenden Ge- 
dankens, der eigentliche . Zweck ist, dass der Gedanke selbst 
darin zum Ausdruck komme. In der Prosa ist dieser Gedanke 
der Begriff selbst, unter den die Anschauung gefasst ist; die sub- 
jective Einheit ist also hier eine Begriffseinheit; in der Poesie 
ist der Gedanke ein in der Phantasie liegendes Ideal, als dessen 
Symbol der Stoff erscheint. Das Verhältniss dieser subjeciiven 
Einheit zu der objectiven kann nun ferner verschieden sein. Die 



[V, fOeuerische Interpretation. . 145 

ijective kann zunächst überwiegen. Indem sich nämlich der 
eist in die sinnliche Wahrnehmung versenkt^ gestaltet er sie 
ermittelst der Phantasie ^der des Verstandes selbst zum Ideal 
einer Darstellung , so dass die subjeetive Einheit des Urbildes 
:ans der objectiyen einwohnt. Ist so in der Anschauung das 
deal des Verstandes verkörpert^ so wird sie als verstandesmässig 
rmittelte Thatsache dargestellt; dies ist die historische Dar- 
tellang. Ist dagegen die Anschauung die Verkörperung eines 
^mtasieideals^ so erscheint sie als Verschontes Bild einer That- 
ache und ihr Ausdruck ist die epische Darstellung. Anders 
'«riialt es sich| wenn die subjeetive Einheit überwiegt; was in 
ler Prosa bei der philosophischen, in der Poesie bei der ly- 
iachen Darstellung Statt findet. In diesem Falle ist der 6e- 
lanke ein innerlich selbstthätig erzeugter, die objective Einheit 
leg Gegenstandes wird in denselben aufgelöst. Die lyrische 
Hchtong hat als objective Einheit eine individuelle Situation; 
o schwebt dem Pindar als Gegenstand seiner Gesänge die ganze 
Besonderheit des Siegers vor mit allen innig verbundenen Eigen- 
lillmlichkeiten, Lagen und Stimmungen, wie sie in diesem Augen- 
lieke vorhanden sind; dadurch, dass in dieser Anschauung alles 
Urzeit, seien es angeführte Thatsachen, oder ethische oder reli- 
iSse oder irgend welche Betrachtungen, hat das Gedicht seine 
3jective Einheit. Aber die Person des Siegers und die Handlung 
^sselben wird nicht in räumlich -zeitlicher Anschauung objectiv 
>rgef&hrt, sondern der subjeetive Zweckgedanke, der die Phan- 
-sie des Dichters beschäftigt: die Absicht der Verherrlichung, 
»^stung, Ermahnung leitet ihn bei der Vorführung seiner Phan- 
*«iebilder. Der Zweck ist hierzugleich praktisch, was nicht bei 
Uen lyrischen Gattungen der Fall ist; der gemeinsame theore- 
^ache Zweck aller ist die Verkörperung einer innern Empfindung, 
'Ines die Seele bewegenden Lust- oder Schmerzgefühls. Der Stoff 
*TO nach diesem subjectiven Zweck willkürlich geordnet. Bei 
^^philosophischen Darstellung ist der theoretische Zweck, 
<<6r sich ebenfalls praktisch mannigfaltig gestalten kann, die Dar- 
stellung eines allgemeinen Begriffs. Da der Begriff einheitlich 
istf so entspricht ihm auch ein einheitliches Object, sei dies ein 
Individuum oder eine Gattung. Wenn z. B. die Politik den Be- 
Tiff des Staates, oder ein anderer Theil der Philosophie den Be- 
riff Gottes darstellt, so ist dort die Anschauung des Staates im 
.Ilgemeinen, hier die der Gottheit die objective Einheit. Diese 

B6ckh*i Encyklopidie d. phUolog. Wiis<>n8chaft. lU 



IV. Generische Inteiijretation. 147 

»fgelost (Vgl. Lessing's Laokoon). In der Lyrik und der 
üIoBophisc-hen Darstellung folgt dagegen, die Disposition dem 
tbjectiven Bedürfniss; die Einheit der Form liegt hier darin^ 
ISS jeder frühere Theil das Verständniss oder die Wirkung des 
•ateren vorbereitet und bedingt. Die formale Einheit in der 
letorischen und dramatischen Darstellung wird durch die Oek o- 
^mie des Dramas und der Rede hervorgebracht, worin die 
storische und philosophische Dispositionsweise vereint ist. 
ei der Gliederung des Dramas liegt der Einheitspunkt in der 
risis, d. h. dem EreignisS; welches den Ausgang der. Hand- 
mg entscheidet (|i€Tdßacic nach Aristoteles, Poetik. 18, 1455^ 
8); bis dahin reicht die Schürzung des Knotens (bccic), und 
'on der Krisis an beginnt die Lösung (Xiicic). In dem ersten 
Ulfsteigenden Theil liegt wieder die Exposition (TipöXoTOc) und 
lie Verwickelung, in dem absteigenden Theil die Entwickelung 
Dnd der. Abschluss (^Eoboc). Diese dramatische Gliederung kann 
tttQrlich auch der epischen und historischen Darstellung eine 
pOfisere formale Einheit geben, wie dies Walch in der oben 
S. 132) angeführten Abhandlung im Agricola des Tacitus nach- 
l'ewiesen hat. Bei den K^den haben die Alten durchgehend fünf 
leile als normal angesehen: das prooeininm (irpooiiLiiov), die 
'^rrotio (birj^iicic), probat io (ttictic, aiTÖbeiEic, KaxacKCuri), refutatio 
licic, (ivacK€uri), i)croratw (tTiiXoTOc), von denen die drei mitt- 
len aber je nach dem Zwecke auf mannigfaltige Art in die 
'konomie des Ganzen eingefügt werden. Die Verschiedenartig- 
it des Zweckes erzeugt überhaupt mannigfache Modificationen 
dem Charakter der materialen wie formalen Einheit und es 
tstehen so Unterarten der drei höchsten Dichtungs- und Prosa- 
^ttungen. Diese Gattungen und die Geschlechter der Poesie 
^d Prosa selbst sind auch nur relativ unterschieden und gehen 
'so nach dem besondeni Zweck jedes Werkes mamiigfach in 
uuinder über. Öo bestimmt sich denn die innere Form der 
Darstellung, d. h. der Charakter und das Verhältniss der materialen 
ilid formalen Einheit stets nach dem in jedem Falle vorliegenden 
Jweck, und die generische Auslegung hat daher diesen vor Allem 
1 ergründen. Wir untersuchen also, wie man hierbei zu verfahren hat. 
Da nicht vom Einzelnen ausgegangen werden darf, muss 
&n vom Allgemeinsten der Composition, von der Gesammtheit 
s Werkes ausgehen. Diese scheint nun ihren Ausdruck im 

;tel zu finden, der ja gleichsam das Werk selbst in nuce zu sein 

lü* 



Krater HauptUioil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

eint. Allein wenn es auch wahr ist, daas man von vieleii 
r den Titel zu wissen braucht, um zu Behen, ob sie e 
m, so kommt ilies doch keineswegs daher, dasa der "i 
eu Zweck des Werkes an^be. Die pedantische Art 
t'itel das Werk möglichst genau zu charaktniaireu i» 
serer Zeit mehr und mehr ausser Gebrauch gekommen 
im Alterthuni durchaus nicht üblich. Der Titel ist 
oft ein Sigenuame, der allerdings passend die object 
heit des Werks andeutet. Der Titel der Ilias und der 
bezeichnet die individuellen Object« der Erzählung; di< 
Schriften der'Pindarischen Epinikien bezeichnen denv 
lier besungenen Sieger, dessen gesammte Individualität, 
bestimmten Momeut aufgefaast, der Gegenstand des I 
ist (s. oben S. 145); bei dramatischen Werken wird di 
des Helden die objective Einheit der Handlung ausdrüc 
so sind die ächten Ueberschriften der meisten Plato 
Dialoge Personennamen (dv6^aTa Ctttö TrpociuTiujv) und g 
Mitunterredner des Sokrates an, dessen Charakter unc 
bungen der Gegenstand der dialektischen Kunst des 
sind. Bei rednerischen Werkeu wird durch .die Ang 
sen, rar oder wider welchen die Rede gehalten ist, 
die objective Einheit ai^edeutei Natürlich ist aber 
immer, nur eine Andeutung; denn was z. B. von eil 
dargestellt werden oder wie sich die Rede auf dieseU 
soll, liegt nicht im blossen Namen; er lenkt nur di 
aamkeit im Allgemeinen auf den Gegenstand und dai 
^Baba Zweck, da dieser Ja immer eine bestimmte Bei 
^^HjHBDstandes ist. Aehnlich g<.-schieht dies durch si 
^^^^^^top irpaTt'aTiKä) ; die bcatgewühlten deuten - 
^^^^^H objective Einheit hin. Bei wissenschaftl 
^^^^^pStae Einheit in einen Ik'grilf gefasst und s 
^^^^^TiW angegeben werden; solcher Art sind dif 
^ohen Schriften; und in der rein wissensi 
j tat dies am angemessensten; hier ist t 
JA gegeben, da er nur in der begriffsmüssü 
'* ißtÄudes liegt. Wenn aber wissen^ 
I Form annehmen, wie die Dl^"^-^ 
^fi Titel wieder nur im Al\^^ 
So behandelt Pla\,^^ 
''^ -Staat" und iiv ^J 




IV. Generischc Interpretation. 155 

'^ren will. Die Hauptsache aber ist in dem Metrum und alieni; 

^ wieder davon abhängt^ den Charakter der Dichtungsgattung 

^ ^^iexinen. Die Zurückführung der äussern Form auf den Charak- 

k ^er Gattung ist bis jetzt erst sehr unvollkommen gelungen, 

^ ^^dcrs in schwierigeren Gattungen, wie den lyrischen und dra- 

^^ ^^ciien Chören, wo in vielen Fällen die Metra selbst noch 

^l^^ ^^1 täiM^fi bestimmt und also um so schwieriger zu erklären 

^ij|> ■ Xn der Prosa ist der Charakter jeder Gattung in Bezug 

US, Klang, Wortfügung und Wortstellimg noch we- 
^gestellt. Welche Wichtigkeit diese Seite des Stils aber 
:fQr die gesammte Auslegung hat, sieht man bei Thu- 
p wo es in den eingeflochtenen Reden häufig fraglicli 
r der äusseren Form wegen gesetzt hat (Vergl. Spen- 
TuiTT] Tcxvuiv. Stuttgart 1828 S. 5» ff.). Ebenso hat 
m Gastmahl in den lieden, die dort gehalten wer- 
^ vieles der äussern Form wegen angebracht, da er 
Typus rhetorischer Stile nachahmt.*) Man hat einiger- 
poetischen Sprachgebrauch von dem prosaischen un- 
obgleich hier noch viel zu thun übrig bleibt; denn 
l daran, dass man eine poetische Grammatik nach 
und Syntax feststellen könnte. Ebenso ist die Unter- 
es Sprachgebrauchs in den einzelnen Arten der Poesie 
noch nicht sehr weit gediehen. Bei den einzelnen 
müsste nun der in dem speciellen Zweck begrün- 
ebrauch aus jenem allgemeinen abgeleitet werden, wie in 
sn Künsten die allgemeine Kunstregel in den einzelnen 
individualisirt werden muss. So erklären sich schein- 
lien^ wie z. B. dass der Stil des Aeschylos mehr 
des Sophokles mehr episch ist. Alles dies hat die 
uslegung bis ins Einzelstc zu verfolgen. 

^ JT-xjng der einzelnen Sprachelemente aus dem 

Gattungscharakter. 

j^^*^ ^^^ie Rückanwendung des durch die Analyse gewonnenen 

[j ^=^ '-^ f die Erklärung des Einzelnen sich bei der generi- 

j^ *^l*ixmiig ebenso wie bei der individuellen mit der Ana- 

€«t "vvechselseitig bedingt, ist bereits hinreichend klar ge- 

j^2 ^%^ ^ ^"^-^^itik des Specinien editionis Symposii Piatoms vonTbiersch, 
f x«^^^"*^^" ^''» ^' ^^^ °"^ ^" Piatonis, qui fertur, Minoein (1806) 




6 Erster Hanpttbeil. 1. Abwhn. Hennenentik. 

Orden. Man kann die Erklärung aus dem Gattungschaiak 
stlietische Interpretation nennen; der Name ist nur dnrcli t 
tlissbrauch in Verruf gekommen, da man sich gewöhnt ha 
unter ästhetischer Auslegung ein seichtes Raisonnement nach v 
gefftssten ästhetischen Regeln zu vcrstebea. Mit Gemeinpläti 
und Ausrufen wie Heyne's quam pulchre, o quam vawxte! 
natürlich nicht« gethan; auch kann eine philosophische Aeathe 
der Neuzeit nur soweit Anwendung auf die Schriftwerke des . 
terthams fmden, als sie mit den besondem Kunatgesetsen den 
ben übereinstimmt. Aber die Literaturgeschichte ist die Qm 
einer historischen Aesthetik, welche die geschichtlidi e 
wickelten Kunstformen betrachtet und woraus das Einzelne ( 
uerisch zu erklären ist. Die Aesthetik hat die Betrachtung i 
Schönen zum Gegenstande; das Schöne besteht aber in der di 
innem Zweck entsprechenden Verschmelzung des Stoffes mit c 
Form, •gleichriel ob bei Werken der Kunst oder der Wissenschi 
Der Gattungscharakter jedes Werks enthält daher das individi 
lisirte Schöne und die generieche Auslegung ist deswegen ästl 
tischer Art, weil sie dies in allen Theilen der Sprachwei 
aufsucht. 

§ 26. Methodologischer Zusatz. 
Die individuelle und generische Interpretation können of 
bar nur verbunden eingeübt werden. Das notli wendigste H' 
mittel dafür ist nach dem Gesagten die Literaturgeachi 
Ausserdem werden in den Einleitungen zu den einzelnen W( 
meiBt nicht nur die historischen Bedingungen, die Veranlaf 
r Schrift, Ort und Zelt ihrer Entstehung, sondern anc 
>sitioii derselben und die Eigenthflmlichkeit des Ant< 
Die.s ist atiub durchaus angemessen; indcsa sin 
«n, wie die von Dissen zu den Pindarischei 
b sehr häutig. L'm in die Composition einer Schrift 
gesagt, zuerst eine Uebersicht ü 
gewinnen. Aber hierbei muss man stets die ( 
, auf welche es ankommt, das Verhältniss der 
nabinstioDsw-eisc und üusseren Form im Auge habe 
I 80, wie ein Fragmentist im Scblegel'schen J 
. !7PH. St 2, S. 1!)) sagt: „Uebersicbten des Ga 
I Hode üsiad, entstehen, wenn Einer alles Eine 
m besten ist es, wem 
Iforischer Leetüre durch 



Methodologibcher Zusatz. 157 

Zeichnungen feststellt. Ein solcher Totalüberblick kann nur vor- 
breitend sein zur Erlangung eines Gesammteindrucks; man lernt 
^W hauptsächlich die objective Einheit des Werks kennen und 
^alt eine allgemeine Vorstellung von der subjectiven und for- 
den Einheit. Darauf muss dann die genauere Zergliederung 
durch statarische Leetüre folgen. Im Schulunterricht ist das 
Verhultniss indess ein anderes. Die statarische Leetüre muss hier 
den Anfang machen; sie hat hier den Zweck den Schriftsteller, 
sojfreii die Fassungskraft dei: Schüler reicht^ und ausserdem die 
Sprache und Sache selbst zur vollkommenen Anschauung zu 
brixigen; die cursorische hingegen wird mehr den Zweck haben 
Schüler, wenn er schon am Einzelnen sich geübt hat, rasch 
grossere Masse von Gedanken und Worten einzuprägen und 
ihx^ in schneller Auffassung zu üben, nachdem er die Kunst des 
Fci^ssens bei der statarischen Leetüre gelernt hat Er wird nun 
laolir im' Allgemeinen überschauen, auch geniessen lernen; aber 
Torher muss er, damit er nicht oberflächlich werde, durch ein- 
gelxende Erklärung geübt werden. Es versteht sich von selbst, 
dBLSS die cursorische Leetüre auf Schulen nur bei leichteren Schrift- 
stellern angewandt werden kann; wo Schwierigkeiten aufstossen, 
muss der Lehrer dann darüber weghelfen. Zwischen Schule und 
Ilniversität besteht in Bezug auf die Uebung in der Interpretation 
überhaupt ein grosser Unterschied. Die grammatische Erklärung 
eignet sich am meisten f[ir die Schule, die individuelle für die 
Universität, auf welcher das gewöhnliche Grammatische sollte 
vonuMgesetzt werden, während die individuelle Auslegung erst 
lüer gedeihen kann, da sie eine grössere Uebersicht und Tiefe 
^^ Geistes erfordert. Daher gehören Schriftsteller wieTacitus, 
'^^^dar, selbst Thukydides nicht auf die Schule, auchAeschy- 
^* fiicht. Man kaim von ihnen nur gelegentlich eine Probe 
2^*^11, wozu man bei Tacitus z. B. die Germania oder den 
^''^coia 'Wahlen wird. F. A. Wolf, consilia scliolastica S. 186 
, .^^^ sich nachdrücklich in demselben Sinne aus. Der ünt«r- 
V ^ ^TV'ischen Universität und Schule wird aber leicht zum 
jt. . ^e/i beider verwischt. Die Universitäten gehen zu weit ins 
&i ^^ /lin unter und lehren, was auf die Schule gehört, und die 
4jj . '^^ y^^x*i9teigen sich zu hoch aus eitler Sucht zu glänzen; 
Z^ ^oJg-^XM^ die Schulmänner oft speciellen Neigungen statt das 
^ ^^5***a/^2'ö ZU wählen und sich einem durchdachten Plane 






Methodologischer Zusatz. 159 

nooli unmöglich. Trotzdem ist diese Methode des Uebersetzens 
vox'znziehen , weil sie von dem, was der Uebersetzer verstanden 
h&i; y mehr zum Ausdruck bringt. Er wird sich so seiner eigenen 
Individualität bestmöglich zu entäussern suchen; er wird keine 
Orijipnalitat erstreben, die bei der Uebersetzung ein Fehler ist, 
uzi<l 80 wird es ihm gelingen auch die Feinheiten der Combina- 
tio]:i8wei8e und der äusseren Form einigermaassen nachzubilden. 
Freilich wird die möglichste Treue im Einzelnen wieder leicht 
den Eindruck des Ganzen beeinträchtigen. Die Homerische 
Poesie z. B. ist ganz Natur, durchaus ungekünstelt; jede Ueber- 
setzung hat aber etwas Gekünsteltes, weil sie mit Unterdrückung 
der eigenen Individualität in eine fremde Seele hincingeschrieben 
ist. Sie gleicht im günstigsten Falle einem die Natur nachbil- 
denden englischen Park; oft aber verfällt sie in steife Künstelei 
wie die Vossische Uebersetzung des Homer, die stelzbeinig 
lind rauh ist, und in noch schlimmerer Weise seine Uebersetzung 
des Aristophanes. Am wenigsten lassen sich die Eigenthüm- 
lichkeiten des Rhythmus imd des Klanges übertragen, da die 
neueren Sprachen ein anderes rhythmisches Gesetz als die alten 
haben und die verschlungenen griechischen Metra mit häufiger 
Aufeinanderfolge mehrerer Kürzen und Längen oft gar nicht dar- 
rteilbar sind. Doch haben die deutschen Uebersetzer hierin seit Voss 
ftQaserordentliche Fortschritte gemacht. Vergl. Minckwitz, Ueber 
d. rhythmische Malerei. Leipzig 1855 und Gruppe, Deutsche Ueber- 
^izerkunst. Hannover 1850. Hervorragende Leistungen sind die 
▼OD Fr. Aug. Wolf (Aristophanes Wolken. 1811), W. v. Hum- 
boldt (Aeschylos' Agamemnon. 1816 und Pindarische Oden, Ge- 
»amm. Werke Bd. 2), Ottfried Müller (die Eumeniden des 
Aeschylos. 1833), Droysen (Aristophanes. 1835 — 38, 2. Aus- 
gabe 1871; Aeschylos. 1832, 3. Aufl. 1868), Donner und Minck- 
witz. Die beste Uebertragung prosaischer Kunstwerke ist Schi ei er- 
Diacher's Uebersetzung der Platonischen Dialoge.*) Ueberhaupt 
^i die deutschen Uebersetzungen die besten; wir haben recht 
QgentUch unsere Stärke im Uebersetzen fremder Literaturen, das 
Weh in Deutschland zu einem wahren Handwerk geworden ist. 
^n hat die Virtuosität der deutschen Uebersetzer auf die Voll- 
I^ommenheit unserer Sprache zurückgeführt und für die Ueber- 
setzungen antiker Werke besonders die Aehnlichkeit des Deutschen 

*-; Vergl. Kl. Schriften VII, S. 18 flf. 



Methodologischer Zusatz. IGI 

tom Original gewonnen hat^ und auf dieser Kehrseite treten viele 
{eine Züge überhaupt nie hervor^ welche die Arbeit des Philolo- 
gen in jenes Bild eingewirkt hat; folglieh lässt sich aus einer 
Uebersetzung die zu Grunde liegende philologische Forschung nur 
sehr mangelhaft erkennen. Ausserdem gehört zum Uebersetzen, 
dftSB man die eigene Sprache künstlerisch beherrscht, was nicht 
Sache der philologischen Wissenschaft ist. Wenn die Philologie 
anfingt zu übersetzen, hört sie daher auf Philologie zu sein. 
Da somit das Ue hersetzen von der eigentlichen philologischen 
Arbeit abzieht , würde ich abrathen sich ohne besonderen Beruf 
fiel damit zu befassen. 

Gegen die hier aufgestellten Ansichten schreibt Walch in 
der Vorrede zu seinem Agrikola (S. XXII) mit wahrem In- 
grimm. Es scheint, dass ihm meine Aeusserungen von einem 
ineiner Zuhörer mitgetheilt sind; denn er führt einiges, was ich 
in den Vorlesungen gesagt habe, wörtlich an. Darin hat er sich 
jedoch vergriffen, dass er die Bemerkung über die Faulheit der 
Üebersetzer auf eine missverstandene Ironie Wolfs zurückführt; 
der Gedanke rührt von dem Juristen Thibaut her. Dass man 
die Uebersetzungen nach Cervantes mit umgekehrten Tapeten 
▼ergleicht, sollen Wolfs Schüler auch von diesem entlehnt haben, 
^ ob Niemand als er den Don Quixote gelesen hätte. Wahr- 
Kheinlicher ist es, dass Wolf die Bemerkung, wie ich selbst, 
dem Schlegel* sehen Athenäum entlehnt hat; ich habe sie nie 
TOn ihm gehört Natürlich sind Uebersetzungen — was Herr 
[ Walch mit grossem Pathos hervorhebt — nützlich und sogar 
iiothwendig. Man kann nicht alle Sprachen lernen, deren Lite- 
: istoren von allgemeinem Interesse sind, und es ist also gut, wenn 
»khe Literaturen, und besonders auch die klassischen Werke 
f «es Alterthums, einem grösseren Publikum wenigstens soweit zu- 
l g^lich gemacht werden, als dies durch eine gute Uebersetzung 
s B^lich ist. Ich bin selbst durch einen Zufall in die Lage ge- 
«mmen zu diesem Zwecke übersetzen zu müssen.*) Nur darf 
Jttn solche Leistungen nie als abgeschlossene klassische Werke 
Mwehen; sie bedürfen fortwährend der Vervollkommnung, da sie 
in besten Falle doch nur das jeweilige Verständniss des Ueber- 



^ Des Sophokles Antigene metrisch übersetzt. Mit Musik von 
Felix Mendelssohn-Bartholdy. Klavierauszug Op. 55. Fol. Leipzig 
[M3 and: Des Sophokles Antigene, griechisch und deutsch. Berlin 1843. 

" Böckh's Encyklopftdie d. phüolog. Wissenschaft. 11 



[62 Erster Haupttheil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

letzers wiedergeben. Man hat gute Uebersetzungen oft als '. 
eicherung der Nationalliteratur angesehen^ z. B. Luthers Bib 
Ibersetzuixg und den Yossischen Homer. Aber die deut» 
jiteratur würde einem Bücherschrank gleichen, wenn alles Fren: 
7as man hineinstellt , ihr angehorte. Der Uebersetzer ei 
ileisterwerks kann nie mehr Verdienst in Anspruch nehmen 
^twa ein Zeichner oder Kupferstecher, der eine Raphael'sche li! 
lonna copirt. Der Nationalliteratur kommen gute Uebersetzung 
Lur mittelbar zu Gute; sie erweitem den Ideenkreis der Natu 
md bilden die eigene Sprache, indem sie mustergültige Wendung! 
md Structureu aus fremden Sprachen in Aufnahme bringen* 
imgekehrt wirken freilich schlechte Uebersetzungen höchst n 
[erblich. Beim Uebersetzen selber wird man sich der Eige 
hümlichkeit der eigenen Sprache im Gegensatz zur fremden u 
nittelbar bewusst; daher ist das mündliche und schriftliche Uelx 
letzen eine wichtige pädagogische Uebung. Ueberhaupt wird mi 
)eim Studium durch eigenes Uebersetzen die Probe machen, < 
nan Sinn und Structur im Groben verstehe und darauf li 
lanu weiter ins Einzelne eindringen. Bei dieser vorbereitand 
)rientirung können gute gedruckte Uebersetzungen yerglidi 
werden. Bei griechischen Schriftstellern wird dieser Zweck an 
[urch beigefügte lateinische Uebersetzungen erfüllt.**) Bei w 
len schaftlichen Werken, wo es hauptsächlich auf den Inhalt i 
^ommt, sind hierbei auch Paraphrasen brauchbar, wenn sie a 
wirklichem Verständniss beruhen, wie z. B. die Paraphrase i 
jucrez von Creech. 

Uebersetzungen und Umschreibungen sind also für dasSl 
lium die Grundlage der weiteren Erklänmg, des Commenl 
ens; je mehr man sich in eine fremde Sprache einlebt, dec 
mmittelbarer wird man mit ihren Worten die Anschauung v< 
müpfen, die darin ausgedrückt ist, desto entbehrlicher wird al 
las Uebersetzen. Vom Commentiren gilt nun dasselbe, was Plafa 
m Phadros (S. 276) von der philosophischen Mitiheilung sagt; < 
vollkommenste Art das gewonnene Verständniss mitzutheilen 
ler mündliche Commentar; der schriftliche ist nur ein I 
leaselben. Schon das grammatische Verständniss kann mündl 



•) Vergl. Kl. Sehr. VII, 19 f. 

*^ VergL die Vorrede zur latein. Uebersetzung des Pindar. 
Sptra tom. II pars. II, S. 5 n. 6. 




Methodologischer Zusatz. 163 

m 

»ten dargelegt werden; denn hier kann die Bedeutung der 
nr bei allen aufstossenden Schwierigkeiten durch yielfache 
hreibung und yielseitige Anschauung klar gemacht werden^ 
chrifUich nicht ohne grosse Weitläufigkeit möglich isi Für 
istorische Yerstandniss wird man dabei soviel beibringen, 
d der Vorbildung der Zuhörer erforderlich ist; kein schrift- 
Commentar kann wie der mündliche Alles aufklären, was 
Einzelnen dunkel sein kann; er würde dadurch übermässig 
irellen und trivial werden. Endb'ch lassen sich die Feinheiten 
büs oft nur in ähnlicher Weise deutlich machen, wie der 
natische Sinn der Worte; der mündliche Vortrag einer Stelle 
oft allein die Bedeutung des Rhythmus^ des Klanges und 
jTortstellung zeigen und also die darin liegende Empfindung 
riareten lassen. Auf der Schule wird dem Schüler das Ueber- 
i und die grammatische Analyse zufallen, und wie weit im 
gen sein Verständniss reicht, kann der Lehrer durch Fragen 
erkennen und das Fehlende dann ergänzen. Bei der Stä- 
ben Leetüre wird er dem Schüler nur die Prämissen des Ver- 
niflses geben, soweit sie jener nicht selbst finden kann, und 
diüler wird aus den Prämissen das Fehlende selbstthätig auf- 
Q, während bei der cursorischen Leetüre letzteres vom Leh- 
irect zu ergänzen ist. Der pädagogische Werth des Com- 
rens ist von den Alten selbst sehr früh erkannt; die Er- 
lg klassischer Schriften wurde schon in den Grammatisten- 
11 hauptsächlich geübt und bildete neben Musik und Gym- 
das Hauptmittel der formalen Geistesbildung. Auch in 
päteren Schulen der Grammatiker xnxA Rhetoren wurde das 
lentiren besonders gepflegt. In den romischen Schulen trat 
als die Römer hilingues wurden, der besondere Vortheil her- 
len die Erklärung von Werken einer fremden Sprache ge- 
. Die Form der fremden Sprache kommt mit Bewusstsein 
Qschauung, was bei der eigenen in der Regel nicht der 
it und auch hier mit Hülfe der fremden am leichtesten er- 
wird. Durch dies Bewusstsein aber wird der Sinn der 
le tiefer aufgefasst. Da nun in den Werken des klassischen 
lums die strengste Form liegt, wird daran die formale 
:keit des Verstehens ganz vorzüglich geübt und damit ver- 
sieh zugleich eine entsprechende Uebung für das Produ- 
1 in- der Muttersprache. Für die modernen Volker steigert 

;r Bildungswerth der alten Sprachen dadurch, dass nicht nur 

11* 



1U4 Ki'cittir Hau])til)eil. 1. Abschn. Hermeneutik. 

der grammatische^ »ondeni auch der stilistische Charakter 
selben von dem der -neueren sehr abweicht und auch die hi 
rischen Beziehungen der Sprachwerke entlegen sind. Man 1 
durch genaues Studium eines schweren ^ entfernten Idioms sei 
Geist objectiviren, wird empfänglich für das Feme, nicht (Jewc 
heitsmüssige und gewinnt dadurch an Freiheit des Geistes. '. 
muss das Commentiren auch wirklich ein allseitiges Verstand 
der alten Meistorwerke hervorbringen^ nicht in grammatisd 
Wortkram aufgehen oder den Geist des Lernenden durch eil 
massenhaften Stoff von Notizen erdrücken. Man muss in 
Schule vieles verschweigen, was für das philologische Studii 
aber nicht für die allgemeine Bildung von Interesse ist A< 
hierin beachten die Philologen oft zu wenig den nöthigen Uni 
schied zwischen dem Universitätsvortrage und dem Schulunterrich 
Der mündliche Commentar mnss die didaktische Metho 
zur liichtschnur haben imd die Form des Schriftwerks nach al 
Seiten hin entwickeln; in dem schriftlichen dagegen muss ' 
nöthige Stoff zur Erklärung beigebracht werden, und die A 
nihrung wird sicli weniger nach didaktischen Rücksichten 
nach der Sache selbst richten. Daher wird der schriftliche C( 
mentar als Vorbereitung für die mündliche Erklärung gute Diei 
leisten, damit diese in der Erreichung ihrer Aufgabe nicht da 
den Stoff, durch grammatische oder historische Notizen behinc 
werde. Dies gilt auch filr den Schulbetrieb der Hermenen 
natürlich sind hierfür die scliriftlichen Commentare nur in ml 
gem Umfange anzulegen. Erst wenn man durch das mündli 
Commentiren Uebimg in der hermeneutischen Methode erla 
hat « wird man wissenschaftlich ausgeführte schriftliehe ComiE 
tare mit Erfolg benutzen können. Der Form nach sind d 
Commeutare entweder ununterbrochene fjxrjxiui) oder an 
brochene. Der ununterbrochene Commentar eignet sich b« 
ders Itir Werke, wo die individuelle und ästhetische Ausl^ 
vorwiegt, wo alles im Licht des Ganzen, also im weitesten 
sanmienhango darzustellen ist: der unterbrochene Commentai 
dagegen l'Ür die grammatisohe und histv^rische Auslegung a] 
messen, da hierbei die Sohwioriirkeiten des Verständnisses im ! 
telnen wegzuräumen sind. Der Ausdruck oymwcfüarius pcrpt 

•) Yorgl. da* lVi>otmiuni von 1 Sil; I^ ncystrontm studiorum nrfiV 
fHfnhm^ itraeri^ yrtui^ritm. nlhv-rh^^- Kl. Sobr. IV, S5 ff. 



Methodologischer Zusatz. ' 165 

iltsunmt von Job. Matth. Gesner^ durch dessen Schüler Heyne 
iiese Form besonders in Aufnahme gebracht wurde. Die meisten 
Commentare aus der Heyne'schen Schule sind aber höchst 
nüchtern und unbedeutend, dolmetschen nur mit wenigen Worten, 
übergehen nicht viel, ausgenommen das Schwierigste und geben 
über nichts genügenden Aufschluss; sie enthalten mattes und 
'seichtes ästhetisches Gewäsch; die Grammatik ist vernachlässigt 
and die individuelle Erklärung äusserst oberflächlich. Ein recht 
abschreckendes Beispiel dieser Art von Schriftstellerei sind die 
Cmmentariiperpetui Yon Schmied er zu PI autus (Göttingen 1804) 
und Terenz (2. Aufl. Halle 1819). Sehr vortheilhaft unterschei- 
den sich hiervon die Anmerkungen der. älteren Gelehrten, beson- 
ders aus dem 16. Jahrhundert, die oft kurz, aber bündig sind 
nnd keinen Anspruch darauf machen umfassend zu sein; so sind 
die Commentare eines Muretus, Lambiuus, Acidalius und 
der Manutier. Wenn sie auch nicht von der Technik der Werke 
^rechen, so verstandeA sie docli mehr davon als die perpetm 

Was den Inhalt der Commentare betrifll, so müssen darin. 
*U6 Arten der Auslegung sachgemäss berücksichtigt werden; nur 
W Commentaren für den Schulgebrauch wird die individuelle 
^d generische Interpretation zurücktreten. Die Commentare sind 
iher meist einseitig. Da sie sich der Hauptsache nach auf die 
grammatische und historische Auslegung beschränken, zer- 
Wien sie in Spracherklärungen und Sacherklärungen. Die Sprach- 
^Alärung schwillt oft durch die Citatenwuth der Erklärer (vergl. 
<>W S. 124) und durch grammatische Excurse zu imverhältniss- 
B&sigem Umfang an, indem sie weit über das Bedürfniss der 
Erklärung hinausgeht. Die Sacherklärungen sind sehr mannig- 
''wher Art; es gehören dazu die philosoi)hi8chen, geschichtlichen, 
JoiliSrischen, politischen und allerlei antiquarische Commentare. 
^osophische Commentare hat man schon im Alterthum gründ- 
Kch ausgearbeitet, besonders zu Piaton und Aristoteles. Es 
iwndelt sich aber bei denselben eigentlich darum die Lehren eines 
Philosophen auf ein anderes System oder eine andere Termino- 
/ogie zurückzuführen; oder es entstehen auf Grund der zu erklä- 
renden Schriften eigene philosophische Abhandlungen, wodurch 
dss Gebiet der Philologie überschritten wird. Ein politischer 
Commentar sind z. B. MacchiavelTs berühmte Untersuchungen 
über die erste Decade von Li vius' römischer Geschichte (1532, ins 



Methodologischer Zusatz. 167 

Eine besondere Beachtung verdienen noch die Ausgaben 
der ilten Schriftsteller; worin die Anmerkungen Mehrerer^ sog. 
Niotoe Variommy zusammengestellt sind; die lateinischen Autoren 
nnd so besonders von Holländern bearbeitet, die griechischen selte- 
ner. Wenn die Notae Variorum nur kritiklose Sammlungen sind 
(JMegraef* oder ^lectae^^, worin häufig mehrmals dasselbe gesagt 
. wild, 80 sind sie eigentlich nur Buchhändlerarbeiten. Werden 
ne dagegen mit Urtheil angelegt; wie z. B. in Drakenborch's 
liriaS; in Imm. Bekker's Ausgabe des TacituS; oder in 
Westerhof's Ausgabe des TerenZ; so sind sie sehr bildend; 
weil sie einen reichen Stoff zur Uebung gewähren und die 6e- 
Khichie der Auslegung vorführen. Am allerschlechtesten sind 
die CommentarC; welche nur das Gewöhnliche zusanmienhäufen. 
Die Auslegung ist gewiss die Hauptsache der Philologie; wie 
Mkon der Mythus andeutet; welcher die Hochzeit des Hermes 
ond der Philologie erzählt. Aber die Erklärer sind oft keine 
V^hre und das Gefäss des hermeneutischeu Geistes ist ihnen 
Wmetisch verschlossen. Daher die klägliche Ausgabenfabrikation 
iQiflerer Zeit; man überträgt das eine Buch ins andere; es ist 
•in ewiges Herüber- und Hinübergiessen des alten Stoffes durch 
^XK Ausgaben. Die Philologie ist häufig nur Gewerbe; man 
^acbt nicht Ausgaben; weil man etwas Neues gefunden hätte, 
^eil der Greist; der innere Beruf dazu treibt, sondern der Buch- 
'ÄBdler und die Erwerbssucht sind das imnmm agens. Dies ist 
^^e Versündigung an den Manen der AlteU; mit deren Geist 
Wucher und Handwerk getrieben wird. 

Für die schwierigsten Arten der Interpretation, für die indivi- 
duelle und generischC; giebt es noch wenig Muster. In den ersten 
«'alirhunderten des Alterthumsstudiums ging man darauf nicht 
^, weil man mit der Sammlung und Sichtung des massenhaft^i 
^fi; mit der grammatischen und historischen Erklärung vollauf 
^ thon hatte. Die Holländer, sonst treffliche Männer, hatten 
^ kaum eine Vorstellung davo;n; am meisten ist ihr genialster 
fnüker Valckenaer darauf eingegangen. Heyne schwebte die 
ioigabe dieser höheren Hermeneutik dunkel vor; aber seine Schule 
verfehlte, wie gesagt, den richtigen Weg. Sie erfordert ein so 
tie/kB Eindringen, dass sie erst bei grösserer Vollendung der realen 
I>ikiplinen in Angriff genommen werden konnte. Gelingen konnte 
sie zuerst auch nur denen, welche dem auszulegenden Schriftsteller 
besonders congenial waren. Dies ist ungeachtet aller sonstigen Man- 



168 Erster Haupttheil. 1. Absclm. Hermeneutik. 

gel ein Vorzug der Wieland'schen Erklärung der Alten^ bea 
des H r a z und des C i c e r o. Das erste Meisterwerk der indivi< 
Erklärung, welches nicht übertroflFen werden möchte, sind 
Schleiermacher's Einleitungen zu den Platonischen Q 
chen. Hier ist die höchste Congenialität und das tiefste S1 
vereint, wenn auch der Erklärer zuweilen wohl zu viel geseh« 
was bei dieser Auslegung besonders leicht geschieht. Ich 
nebst Disscn die Auslegung bei Pindar nach den von m 
gestellten Grundsätzen durchzuführen versucht. Seitdem i 
individuelle und generische Interpretation besonders bei Di 
mit Glück angewandt, sehr wenig noch bei Prosaikern. I 
Auslegung übrigens der Natur der Sache nach mit der 
eng verbunden ist, so werden wir über den hermeneutisc 
tischen Apparat, welchen man zum Yerständniss jedes S 
stellers nothig hat, eingehender sprechen, nachdem wir die T 
der Kritik abgehandelt haben. 




Zweiter Abschnitt. 
Theorie der Kritik. 

9 27« Literatur. Franc. Robortellus, De arte seu ratione corrigeiidi 
<M^»9i4orum libros. Padua 1557, auch abgedruckt in Gruterus, Lampas 
9' fasc Jiberalium artium. Lacca 1747. T. IL — Casp. Scioppins, de arte 
0^- et praecipue de altera ejus paiie emendatrice. Nürnberg 1597 und öfter, 
xoletzt Leydcn 1778. — Jos. Scaliger, de artt crit. diatribe. Leyden 1619. 
— IHese Werke geben nur das Handwerksmässige der Kritik. Grössere An- 
•piüclie macht Joli,Clericu8, -^Irs crit. in qua ad studia linguarum Lati- 
*«» Graecae et Hehraicae via munitur, veterumque anendandorum , spurio- 
"*•» scriptorum a genuinis dignoscendorum et judicandi de corum Ubris ratio 
^odiiur. (1706) ö. Ausg. 1778. Le Clerc verstand von Allem Etwas, aber nicht 
^^l ; seine eigene Kritik ist in der Ausübung schlecht und unglücklich. Der 
^'^te Band des genannten Werkes enthält eigentlich methodische Lehren über 
^^ Leetüre der alten Schriftsteller und Hermeneutisches , der zweite enthalt 
^e emendirende Kritik und die Kritik des Echten und Unechten, der dritte 
P^^ktiache Regeln, nämlich epistolae criticae et eccUsiasticae , in quibus osten- 
^^Mr usus artis criticae. Es ist darin viel Falsches; man findet kein klares 
System, im Einzelnen oft sehr oberflächliche Ansichten, aber doch manches 
^ute. — Henr. Valesius, I)e critica^ bei dessen Emendationes ^ heraus- 
hieben von P. Burmannus. Amst. 1710. — Heumann, Camm. de arte 
^tica mit Robertello 's Abhandlung. Nürnberg l747. — Morel, Elements 
^ critique. Paris 1768, geht uur auf die Verbesserung der Fehler der 
Handschriften mit Beispielen aus den Kirchenvätern und mit Belehrung 
^*füber, welche Worte und Buchstaben verwechselt werden. — Elvcnich, 
^^nnbratio legum artis crit. veihalis cum exercit. crit. in Cic. de nat. dco- 
n»t«. 1, 11—20. Bonn 1821, ohne Originalität der Ansichten, oberflächlich, 
gwstios. — Beck, Ohservati<yi\€s historicae et criticae de prohabilitate critica, 
eugeUca, historica, 2 Abhandlungen. Leipzig 1823, 1824. 4. (Beispiel- 
•ÄDunlnng). — Schleiermach er, Ueber Begriff und Eintheilung der philo- 
Jögttchen Kritik. Akad. Abh. von 1830 (Werke. Zur Philosophie, Bd. 3, 
S- 387—402). — Sehn hart, Bruchstücke zur Methodologie der diplomatischen 
Kntik. Kassel 1855. — [AVilh. Freund, Triennium phiMogicum. 4. Abschn. 
5- 186 bis 264. Lpzg. 1874.] — In vielen kritischen Werken, Ausgaben und 
pudern Schriften ist ausserdem die Theorie der Kritik gelegentlich berührt. *) 



*) Böckh's Ansichten sind kurz erörtert in d^r Vorrede zum Corpus 



1 70 Erster Hauptiheil. 

Die Kritik ist nach unserer Erklärung (oben S. 77) diejenig>^ 
philologische Function ^ wodurch ein Gegenstand nicht aus sicli 
selbst und um seiner selbst willen^ sondern zur Festsetzung ein&s 
Verhältnisses und einer Beziehung auf etwas Anderes yerstand^xi 
werden soU^ dergestalt, dass das Erkennen dieses Yerhälb * 
nisses selbst der Zweck ist. Dies wird auch durch den Nam^-^^ 
der Kritik angedeutet. Die Grundbedeutung von Kpiveiv ist di.^ 
des Scheidcns und Sondcms ; alles Scheiden und Sondern ist ab^ ^ 
Festsetzung eines bestimmten Verhältnisses zwischen zwei G^ei^^' 
stilnden. Die Enuntiation eines solchen Verhältnisses ist ei 
Urtheil; urtheileu bedeutet ja auch heraustheilen und ist ei 
Synonym von entscheiden. 

Von welcher Art das gefällte Urtheil sei, ist für den 
der Kritik ganz gleichgültig. Aber die unbegrenzte Moglichker - 
der Urtheile wird durch den Zweck der kritischen Thätigkeit ein _ 
geschränkt. Es kann sich nur darum handeln, das Yerhaltniss^ 
des Mitgetheilten zu dessen Bedingungen zu verstehen. Di 
nun die Hermeneutik das Mitgetheilto selbst aus diesen Bedingunge: 
erklärt, so muss die Kritik in dieselben Arten zerfallen wie 
Hermeneutik (s. oben S. 83). Es giebt also eine grammatisch 
hintorische, individuelle und generische Kritik und die^ve 
vier Arten der kritischen Thätigkeit müssen natürlich ebenso inn£. ^ 
verbunden werden wie die entsprechenden hermeueutischen Fun.^z^ 
tionen. Da das Mitgetheilte aus den Bedingungen der MittheiluE^Lg 
hervorgeht, sind diese das Maass für dasselbe. Das MitgetheiB.'te 
kann nun zu den Bedingungen ein doppeltes Verhältniss habe*»; 
es kann ihnen angemessen sein oder nicht, d. h. mit dein 
Maasse, welches in ihnen liegt, übereinstimmen oder davon 
abweichen. Winl ferner eine Mittheilung wie die alten Schziß- 
durch Ueberlieferung fortgepflanzt, so hat die Kritik n* 
flu Verhältniss zu dieser Ueberlieferung zu untersuchen, 
»iheilte kann durch zerstörende Natureinflüsse oder durch 
und Versehen der Ueberliefernden getrübt oder von diesen 
LÜich verändert werden. Es gilt also immer zugleich feit- 
leUy ob die vorliegende Gestalt der Ueberlieferung mit dtr 
»rflnglichen übereinstimmt oder davon abweicht. Die Kritik 



S. XYll ff. und in der akademischen Abhandlung von 
kritische Behandlnng der Pinduriichen Gedichte. 

m 





Zweiter Abschnitt Theorie der Kritik. 171 

%t somit eine dreifache Aufgabe. Zuerst muss sie uutersu- 
len, ob ein gegebenes Sprach werk oder dessen Theile dem gram- 
laÜBchen Wortsinn der Sprache^ der historischen Grund- 
nge, der Individualität des Autors und dem Charakter der 
Gattung angemessen seien oder nicht. Um aber nicht bloss ne- 
;atiT SU Terfahren^ muss sie zweitens^ wenn etwas unange- 
aessen erscheint^ feststellen^ wie es angemessener sein würde. 
)ritten8 aber hat sie zu untersuchen ^ ob das Ueberlieferte ur- 
prflnglich ist oder nicht. Es wird sich zeigen ^ dass hiermit alle 
habachlichen Bestrebungen der Kritik erschöpft sind. Ich werde 
lies durch die specielle Ausfilhrung der Theorie darthun^ welche 
1er Darstellung der Hermeneutik parallel laufen wird und mir 
sigenihümlich ist Doch schicke ich zuerst noch einige allge- 
<ndne Bemerkungen über den Werth der Kritik, das kritische 
Talent, die Grade der kritischen Wahrheit und das Ver- 
^iltniss der Kritik zur Hermeneutik voraus. 

§ 28. Schelling rühmt in seinen Vorlesungen über die 
Methode des akademischen Studiums (S. 77) der Kritik nach; 
da« sie die Auffindung von mancherlei Möglichkeiten in einer 
iem Knabenalter angemessenen Art übe, wie sie noch im mann- 
'idien Alter einen knabenhaft bleibenden Sinn angenelmi beschäfti- 
gen könne. Hieraus erhellt^ dass er sie eigentlich nur als Uebung 
^Knaben ansieht^ ähnlich wie Kalliklcs im Platonischen Gor- 
pMg die Philosophie zur Jugendbeschäftigung macht und es bei 
sisem Erwachsenen ebenso prügelnswerth findet zu philosophiren 
*l8 ro stammeln.*) Freilich hat Schelling das Wesen der Kritik 
"^icht begrifTen, wenn er sie als Aufspürung von Möglichkeiten 
^^^iiachtet. Sie muss allerdings erwägen, welche Gestalten der 
^fittheilung nach den gegebenen Bedingimgen möglich waren, 
^\ier nur um aus diesen Möglichkeiten das Angemessene und 
"Aliche auszuscheiden. Hierin liegt denn auch ihr Wcrth. Sie 
^ zwar zerstörend und vernichtend auf, indem sie an aller 
^^tion rüttelt. Aber sie negirt nur den Irrthum, und da 
di«8er die Verneinung der Wahrheit ist, so wirkt sie dadurch 
9tk(ai positiv« Man nehme die Kritik weg und lasse die falsche 
Tndition unangefochten bestehen, so werden bald Wissenschaft 
und Leben, soweit sie auf historischem Grrunde ruhen, auf die 



*) VexgL das Prooemium zum Lektionakataloge ren 1835: De reda 
üum ttudiorum ratione. Kl. Sehr. lY, 400 f. 



ansieht, so gilt dies entweder der falschen, oder man ver^ 
nt die wahre (Vergl. Dav, Ruhnken, Elogium Tiberii Hein- 
km'i). Doch muss der Kritik stets ein Gegengewicht gehalten 
den, damit sie nicht die Production abstumpfe und das Ver- 
{en der Ideen schwäche (s. oben S. 27). Sehr schon sagt 
il (Otiverture du cotirs de littvrature latine, Strassburg 1846, 
7): La criiique est un guide Ires-sanmois, toujours nvgatif: coimm 
man de Socrate, eile voits anete, mms eile ne vous fait pas 
dier. 

§ 29. Wenige üben die walire Kritik; es gehört dazu in 
That eine noch höhere Begabung als zur Auslegung (s. oben 
►7). Denn sie erfordert — wenn sie das Angemessene oder 
Ursprüngliche reproduciren soll — mehr Selbstthätigkeit als 
Hermeneutik, bei welcher die hingebende Aneignung des 
enstandes vorwiegt. Doch ist dies nur verhältnissmässig der 
, nämlich wenn man die entsprechenden Arten beider Func- 
en in Betracht zieht. Zur individuellen Interpretation gehört 
\. weit mehr Selbstthätigkeit als zur Wortkritik, aber weniger 
ZOT individuellen Kritik. Die Natur des kritischen Talents 
iebt sich aus den Aufgaben, die der Kritiker zu lösen hat. 

in der Ueberlieferung. das Unangemessene und Angemessene 
onterscheiden, muss er Objectivität mit feinem Urtheil Ver- 
den; zur Herstellung des Ursprünglichen gehört Scharfsinn, 
[acitat; ausserdem aber muss der Kritiker, wie Bentley 
der Vorrede zu seiner Ausgabe des Horaz verlangt, einen 
[wobnischen Sinn (animus suspkax) haben um nicht alles, 
I KCdceben ist, für anpcemessen und acht zu halten. Endlich 



Zweiter Abschnitt. Theorie der Kritik. 175 

dex* Darstellongy sondern in der Art der kritischen Conception 

d&x* Ideen selbst liegt. Indess muss die Divination stets mitver- 

liSkXidiger Besonnenheit verbunden sein; der argwöhnische Sinn 

fdlurt den Kritiker leicht irre, wenn er nicht durch Objectivität 

deir Anschauung in Schranken gehalten wird. Selbst ein Ben tley 

und Yalckenaer haben häufig geirrt, und die Yalckenaer'sche 

Tiefe erscheint besonders in der grammatischen Kritik oft zu- 

rüo^gedrangt. Im Allgemeinen kann man behaupten; dass von 

1(X) Conjeeturen^ welche die Kritiker machen ; nicht 5 wahr sind. 

*KptcToc KpiTf|c 6 Tax^ujc jLi^v cuvieiC; ßpab^ujc bk Kpivu)v. 

§ 30. Die Kritik soll im Verein mit der Hermeneutik die 
lästonsche Wahrheit ausmitteln. Diese beruht auf denselben lo- 
gischen Bedingungen wie die Wahrheit überhaupt^ nämlich: 1. 
mf der Richtigkeit der Prämissen^ 2. auf der Richtigkeit 
des Schlussverfahrens. Die Prämissen können unmittelbar 
als wahr erkannt werden, wie die mathematischen Grundsätze 
und überhaupt alle an sich klaren einfachen Anschauungen des 
menschlichen Geistes , oder sie sind wiederum nur durch Schluss- 
^olge aus andern wahren erkannt; welches letztere weiter keine 
l>ttoiidere ßetracfatung verdient. In wiefern nun eine kritisch- 
exegetische Behauptung auf unmittelbar gewissen ^ oder sonst als 
Bidier erwiesenen Prämissen beruht , und die Schlussfolge ^ der 
J^e Piumissen zu Grunde liegen, richtig ist, haben wir die 
historische Wahrheit selbst gefunden. Der Wahrheit ver- 
^Äödt sind das Wahrscheinliche (verisimile, cIköc), das An- 
'cbmliche {pröbäbile, niGavöv), das Glaubliche (credibüe, mc- 
^<^X Diese Unterschiede erweisen sich als Grade der Wahr- 
'^cit Wir nennen wahrscheinlich dasjenige, was sich der 
Tollen Wahrheit nähert, ohne jedoch hinlänglich bewiesen zu 
■^; probabel dasjenige, was mit andern Wahrheiten tiberein- 
''^Qunt, ohne doch selbst bewahrheitet zu sein; glaublich das- 
V^f^y was mit unsem Vorstellungen übereinstimmt, ohne dass 
^ objectiver Beweis vorliegt. Alles dieses beruht bei gefolger- 
^ Sätzen auf den Prämissen; denn wenn die Schlussfolge 
Wich ist, kann man überhaupt nicht von irgend einem Grade 
vinenschaftlicher Wahrheit sprechen. Schon das Wesen des 
Glaublichen liegt in der Unsicherheit der Prämissen bei übri- 
gens sicherer Schlussfolge : indem die Prämissen nur auf unserer 
m Vorstellung beruhen und mit derselben übereinstimmen, also über- 
f liaupt nur unbewiesene Vorstellungen sind, ist auch Alles was 



Zweiter Abschnitt. Theorie der Kritik. 177 

i, der Fülle der Gelehrsamkeit und Genialität hat, findet 
ivisaende iiad Geistlotie ganz unglaublich: und was dem 
m glaublich ist, findet der erstere oft ganz unmöglich, 
ie Grade der GewiBsheit sind aber nicht allein nach den 
isen, sondern häufig auch selbst nach der Form der De- 
'ation sehr snbjectiver Natur. Unter der Form der De- 
-atioQ verstehe ich jedoch hier nicht die allgemein logi- 
Qottf r. Hermann pflegt Anderer kritische und exegetische 
andersetzungen nach logischen Formeln zu benrtheilen und 
;he umzusetzen. Dies ist an sich nicht zu tadeln; aber 
üolc^sche BeweisfQhrung hat eine Fomij welche durch 
gemeine Logik allein nicht gegeben ist. Niemand kann 
^n, dass man in Syllogismen schreibe, was man frei- 
äofig thun mflsste, um Rermann's Anforderungen ge- 
rn werden. Leibniz, der oft seine Lehren anhangsweise 
stiscb formt (wie in der Theodicee), sagt T. 1. p. 425 der 
be seiner Opp. phäos. von Erdmann: „Sonst, gleichwie es 
icht acliicket, allezeit Verse zu machen, so schicket sich's 
nicht, allezeit mit Syllogismis um sich zu werfen." Es 
t nur auf die richtige Dialektik an,' die mit oder ohne 
Lsmen m&glich ist; ohne Syllogismen, inwiefern nämlich 
hlussfolge abgekürzt wird ohne deshalb unrichtig zu sein, 
ttügt, dass sie die syllogistische Form verträgt. Ein For- 
von grösserem Scharfsinn findet nun aber an demselben 
feinere Unterschiede, die ein Anderer nicht mehr erblickt, 
r ist im Stande bis zur Sicherheit zu bringe^, was ein 
er nur für wahrscheinlich gegeben hat: indem er die Pi^- 
1 durch genauere Sonderuug naher bestimmt und durch 
lination Schlüsse zieht, die ein Anderer nicht hat ziehen 
n. Das ist die philologisch-kritische D ialekti k. Die frucht- 
Combination beruht darauf die Prämissen in eine solche 
ng und Verbindung zu bringen, dass mehr aus ihnen ber- 
ingt, als man gewöhnlich sieht: es sind oft lange Umwege 
; am eben viele Thatsachen so zusammenzustellen, dass 
' neue und aus diesen wieder neue und sichere hervor- 
en. Aber der grösste Scharfsinn geht doch fehl, wenn ihn 
;herheit der Anschauung verlässt; die scharfsinnigsten Un- 
bnngen werden ein Gewebe von Jrrthüraem, wenu die l'rä- 
L falsch sind. Man muss sich daher vor nichts mehr als 
)hlem Scharfsinn ihkI vor allt-n bloss subjoctiveu Ur- 

th'( KnorklopUla d. |>hita1ag, WiiHnachiifl. li 



I. Grammatisclie Kritik. 179 

difiaixi festgehalten werden, wenn die Klarheit nicht darunter leidet. 
'ftei schwierigen und umfangreichen Aufgaben muss man die kri- 
minellen Noten Ton dem exegetischen Commentar trennen, wie 
*\ck beim Pindar gethan habe. 

In dem grossen Cirkel, welchen das Verhältniss der Herme- 
neutik zur Ejritik hervorbringt, liegen dann wieder immer neue 
und neue, indem jede Art der Erkläfiing und Kritik wieder die 
Vollendung der übrigen hermeneutischen und kritischen Aufgaben 
Toranssetzt. Wir werden dies bei der genaueren Betrachtung 
der vier Arten der kritischen Thätigkeit berücksichtigen, wozu 
wir %xnB jetzt wenden. 

I. 
Grammatische Kritik. 

§ 32. Das Urtheil muss sich wie die Auslegung zuerst auf 
die Sprachelemente beziehen. Die drei Fragen, welche die Kritik 
in dieser Einsieht zu beantworten hat, sind: 1) ob jedes Sprach- 
element an jeder gegebenen Stelle angemessen sei oder nicht; 

2) irelches im letzteren Falle das Angemessenere sein würde und 

3) was das ursprüngUch Wahre sei. Da es sich hierbei um die 
Benriheilung des Wortsinns an sich handelt, kann man die 
gnunmatische Kritik auch Wortkritik nennen. 

1. Der Maassstab für die Angemessenheit eines Sprachele- 
Dients ist nach Allem, was wir bei der grammatischen Interpre- 
tation gesagt haben, der Sprachgebrauch; es ist zuerst zu 
^tersachen, ob es dem Sprachgebrauch überhaupt, den allge- 
n^einen Gesetzen der Sprache angemessen ist. In dem pseudo- 
piatonischen Dialog Minos stand z. B. in den früheren Aus- 
giaben wiede/holt das Wort dvömiioc. Die Form desselben wider- 
apncht einem durchgehenden Sprachgebrauch; Substantive auf oc 
Aänilich, woraus durch vortretendes a privativiim Adjective mit 
verneinendem Sinn und durch die Endung ifioc Adjective mit be- 
jahendem Sinne gebildet werden, bilden nicht Adjective mit dem a 
pHvaHvum und der Endung ifioc. So Xötoc, Xoti^oc, öXotoc: fiöpoc, 
pl$pt^oc, äfiopoc: Tpoq)6c, Tpöq)i|iOC, äxpocpoc u. s. w.; dXoTiinoc, dfiö- 
ptpoc, dTpöq)i^oc ist nicht gebräuchlich; folglich ist auch avöjLii- 
ptoc gegen den Sprachgebrauch.*) Da derselbe indess durch lu- 



*^ In Platonis^ qui fertur, Minoem. S. 53. 

12 



178 Erster Haupttlieil. 2. Abschn. Kritik. 

theilen hüten; mau muss möglichst auf eine Art mathematisclL«^ 
Objectivität zu gelangen suchen^ und so sehr auch regsa 
Combination erfordert wird, muss man doch bei derselben 
nie von der klaren Anschauung entfernen, auf die AUes 
auf das Erste und Letzte hinauskommt. Ueberwiegend ist 
Combination bei der Kritik alles Fragmentarischen, wo aus 
zelnem das Ganze constituirt werden muss. EUer ist ein lu^liei 
Grad von Aufmerksamkeit erforderlich, und oft, da man diesen 
nicht immer festhält zumal bei uninteressanten Dingen, ist nur 
successiyer Erfolg möglich. So habe ich z. B. bei N. 511 des 
Corpus Inscryptiontwi nicht die genügende Aufmerksamkeit gehabt^ 
weil ich ermüdet war von der Sache, die mich nicht interessirfie; 
G. Hermann hat die Untersuchung von vom gemacht und hatte 
nun Vorarbeit: so gelang es besser.*) 

§ 31. Die historische Wahrheit wird durch das Zusammei:^' 
wirken der Hermeneutik und Kritik ermittelt. Wir müssen i»b0^ 
näher betrachten, in welcher Weise dies Zusammenwirken tc^^ 
sich geht. Die Hermeneutik kommt, wie wir gesehen babeK:^^ 
überall auf die Betrachtung von Gegensätzen und VerhaHiiisac^ 
hinaus; aber sie befrachtet sie nur um die einzelnen Gtegensfind 
an sich zu verstehen. Dagegen muss die Kritik überall 
Hermeneutische, die Erklärung des Einzelnen voraussetzen 
von da aus ihre eigene Aufgabe zu lösen, die Verhältniss 
des Einzelnen zu dem umfassenden Ganzen der Bedingungen 
begreifen. Man kann nichts beurtheilen ohne es an sich zu v 
stehen; die Kritik setzt also die hermeneutische Aufgabe als 
löst voraus. Allein man kann sehr oft; auch den Gegenstand 
Auslegung nicht an sich verstehen ohne schon ein Urtheil üb9^ 
seine Beschaffenheit gefasst zu haben; daher setzt die Hermened' 
tik wieder die Lösung der kritischen Aufgabe voraus. Es entr 
stellt hieraus wieder ein Cirkel, welcher uns bei jeder einiger* 
massen schwierigen hermeneutischen oder kritischen Angabe 
hemmt und immer nur durch Approximation gelost werdoi 
kann. Da man hierbei zur Vermeidung der peHHo principii be- 
ständig von einem zum andern übergehen muss, können in dm 
Ausübung Kritik und Hermeneutik nicht gesondert werden; kebifi 
von beiden kann der andern in der Zeit voraufgehen. Aber tSx 
die Darlegung des Verständnisses kann die Verbindung nur 



') Vcrgl. (!. 1. Gr. 1, S. XVf ii. S. 913 If. 



180 Erster Haupttheil. 2. Abschn. Kritik. 

duction festgestellt ist, wird das Urtheil sofort unsicher, wei 
eine Instanz dagegen auftritt. In der That findet sich nun üb 
Kijioc Yon bÖKijioc und man scheint also nicht berechtigt dvö^l^ 
als sprachwidrig anzufechten. Allein auch die Gregeninstanz mü 
geprüft werden. Das Substantiv bÖKOC (Wahn) ist sehr selten U3 
steht mit dem Adjectiv bÖKifioc (gültig) nicht in dem engen Verhi 
niss der Bedeutung wie XdVoc mit Xöyijlioc, 80^dem das Adjed 
hängt direct mit dem Stamm von boK^uj zusammen; fiboKOC i 
daher auch ungebräuchlich. Folglich wird durch diese scheinba 
Ausnahme die Analogie bestätigt, welche zur Anfechtung von dv( 
jLiijLioc führt. Die Aufstellung von Analogien erfordert aber ek 
umfassende Kenntniss der Sprache und die grosste Vorsicht. I 
Xenophon, von der Jagd 11,5 finden sich in den Handschriftc 
und alten Ausgaben 6 Formen, worin Zahlworter mit -uipufoc zi 

sammengesetzt zu sein scheinen (bia)puTa,TeTpuipirra,iT€VTuipuTGt^< 
sie bezeichnen ein Längenmaass nach Klaftern (zweiklafkrig, vie 
klaffcrig u. s. w.). Da nun die Klafter öpTUia heisst, uipura d 
gegen auf die Bedeutung „graben^^ zu führen schien, sahen d 
neuem Herausgeber der Xenophontischen Schrift jene Wörter a 
sprachwidrig an, und setzten statt derselben bi6pTuia etc. Allei 
dass die Wörter ursprünglich so gestanden haben, beweist d 
Form iT€VTuipuTOt, die in den attischen Seeurkunden häufig voi 
kommt um die Länge von 5 EQaftem bei Bauhölzern zu bezeid 
nen. Die ältere Form von dpYuia ist nämlich öpöfuia — dahc 
irevTopÖTuioc etc. Wie hieraus nun aber die Form Trevriiipu^ 
entstanden, lässt sich schwer erklären, weil sich in der Sprad 
nicht alles auf strenge Analogie zurückführen lässt*) Es giel 
sogar in der Sprache habituell gewordene Verstösse gegen d 
allgemeinen Gesetze des Denkens, die aber trotzdem zum Sprad 
gebrauch gehören. So finden sich in den alten Sprachen vie 
schiefe, logisch falsche Constructionen und Wortverbindimge 
Der oben (S.. 105) angeführte Sprachgebrauch von SXXoi enthi 
einen schielenden Gedanken, der sich trotzdem auch in ajide] 
Sprachen wiederfindet; es ist aber verkehrt, wenn man hier - 
wie man versucht hat — das Unlogische als unangemessen we 
corrigiren will.**) Ebendahin gehören die wirklichen Fälle V4 



*) Vergl. Attische Seeurkunden S. 412. 

**) Vergl. die Kritik von IltMudorfs Ausgaben Platonischer Dialoge. 1 
Sehr. VII, S. C8. 



I. Grammatische Kritik. 181 

d.^x* Vermischung zweier Constructionen (vergl. oben S. 101), wie 

S-r% mit folgendem Acc/c. Infiniidvo*), oder djc foiKC mit folgen- 

cl^m Infinitiv statt mit einem Yerbum finitum.*"^) Es giebt 

Si^mctoren, die — wie das lat. in praesentiarwm — der Syntax 

K^u^wider, aber dennoch gebrauchlich sind. Was also im Allgemei- 

iieii unangemessen ist, kann in der Sprache durch den usus ty- 

r€mwu8 und falsche Ansicht angemessen werden. Da die Gram- 

ni&tik mit Einschluss der Lexikographie aus den Sprachwerken 

durcli hermeneutische Thätigkeit gewonnen wird, kommt es daraui' 

Aii^ dasB dabei die in der Sprache eingebürgerten Anomalien als 

Sesetzmassig anerkannt werden. 

Am schwierigsten ist die Entscheidung bei Formen, welche 
▼OQ. dem übrigen Sprachgebrauch isolirt sind. In allen Spra;bhen 
gi«l>t es zui^chst Formen, welche einzig in ihrer Art sind. Die 
^riechen nannten diese ^ovrjpric X^2ic; so haben wir noch eine 
Weine Schrift von Herodian irepi jLiovripouc X^£eiüc, ein Verzeich- 
nis» von Wörtern, /He sich iu irgend einer Hinsicht unter keine 
^^«gel bringen lassen. Solche Wörter können an sich häufig im Ge- 
^^uuch sein, wie z. B. das Wort irOp; kommen aber Formen, die 
^ ihrer Art isolirt sind, selten vor, so wird man leicht zwei- 
^^hi^ ob sie dem Sprachgebrauch entsprechen. Ein ähnlicher 
Zweifel entsteht bei den äiraE XcTÖjLieva, d. h. Formen, welche 
^Wrhaupt nur einmal an einer bestimmten Stelle vorkommen. 
Hauptsächlich sind dies Wörter, da Flexionen und Structuren 
3urer Natur nach sich allgemeiner wiederholen. Man ist hier nur 
&af die Prüfung durch Analogie angewiesen. Wenn sich z. B. 
bei Galen XeuKÖxpuioc als äiraE XcTÖ^evov findet, so wird man 
dies, weil es gegen alle Analogie für XeuKÖxpooc steht, nicht als 
richtig anerkennen.***) Da jedoch die Sprachdenkmäler des Alter- 
thums zum bei Weitem grössten Theil untergegangen sind, wird 
lOan ein fiircxS Xeföjiievov, wenn nicht entscheidende Gründe da- 
gegen sprechen, als sprachrichtig gelten lassen müssen, sobald 
e^ sich als ursprünglich überliefert nachweisen lässt. 

Die grammatische Kritik hat aber bei jedem Sprachelement 
jiicht nur zu untersuchen, ob es der Sprache überhaupt, sondern 
ob es in der bestimmten Umgebung angemessen, d. h. ob es mit 

•) Vergl. die Kritik von Heindorfs Ausgaben Platonischer Dialoge. Kl. 
Sehr. VU, S. 67. 
^ Ebenda S. 68. 
**•) Vergl. In PlcUonis, qui feriur, Minoem S. 139. 



Ei>tor Ilinij'ttluil. 2. Aberhu. Kritik. 



«J- 





Sprachgebrauch zu eiuor bestimmton Zeit und in einer 
imten Sphäre (s. oben S. 102) übereinstimmt und in den 
[nuienhaug piisst (s. oben S. 107). In Platon*» Gesetzen 
i2 A haben alle Handschriften das Wort £v6eacTiKÖv, das Bxcb 
mst bei Piaton nicht tindet und an jener Stelle auch nnaii^e- 
[lessen in den Zusammenhang eingefügt ist. Dies ist aber ein 
liieblingswort der Neuplatoniker, entspricht daher nicht dem 
fSprachgebrauch Piaton' s, sondern dem einer spatem Zeit.*) In 
Pindars 2. Ol. Ode steht das Wort dXäOivoc, welches sonst bei 
Pin dar nicht vorkommt; er hat nur die Form äXad/jc; das d»- 
von abgeleit<?te äXaOivöc ist durch die Prosa gebräuchlich g^' 
worden und war zu Pindars Zeit vielleicht noch gar nicht g^' 
l)ildet', jedenfalls ist es gegen seinen Sprachgebrauch und geg^^ 
den Sprachgebniucli der alten lyrischen Poesie überhaupt**) ßi* 
kann indess auch hier manches gegen die gewöhnliche Analoga' ^ 
und doch angemessen sein. Wenn Pin dar z.B. Xp^IjüiaTa ind^^^ 
Bedeutung von Vermögen oder Geld sonst nicht gebraucht^ so if 
dies zunächst aus dem Charakt<?r der lyrischen Poesie zu erl 
ren; denn XprjjLiaTa ist der Sphilrc der gemeinen Umgangssprach 
augemessen, über welche sich der Dichter erhebt. Dennoch bömm-^^ 
es bei Pindar in zwei Stellen vor, worin der Ton des gemeine^^^ 
Lebens herrscht; z. B. Isthm. II, 11: XprmaTtt, xPHMöt' dvrip, Gel^^ 
Geld ist der Mann.***) So muss zur Beurtheilung des Spradi^'' 
gebrauchs oft die generischc imd individuelle Kritik zur HülE'^ 
genommen werden. In manchen Fällen ist man auch in die«^^ 
Beziehung darauf beschränkt das als das Angemessene anzu- 
sehen, was sich als ächte Ueberlieferung ausweist^ weil oft unsere 
Kenntniss des 8[»racligebrauchs nicht ausreicht, um über die 
U eberlief erung abzus[»reclien. 

Aber die Achtung vor der Tradition darf nicht soweit gehen, 
dass alles Aechte auch oline Weiteres als sprachgemäss gilt. Et 
tiuden sich in den alten Sprachw(?rken Verstösse gegen die Syn- 
tax, von den alten Grammatikern Solöcismen (coXolKlC^oi) ge- 
nannt; gegen die Formlehre, Barbarismen (ßapßapic^oi); gegen 
die Wortbedeutung, Akyriologie (dKupioXoTia) und gegen die 



*) Vergl. In Plaionis^ qui fertur, Minoem S. 163 ft*. 
**) PindaH Optra, Tom. I. S. 356. 

***) Vergl. die Kritik von Uermaun's Schrift de officio ifUerprttis, 
Kl. Sihr. VII, 8. AV2, 



.' HiZ 

iir 



v^ti 



\ -^ 






I. Grammatische Kritik. 133 

Orthographie. Da aber iu allen diesen Beziehungen die Gram- 
matik erst aus den Sprachwerken gewonnen wird; muss man 
sich freilich hüten Sprachgesetze aus unvollständiger Induction 
abzuleiten und dann die Fälle , welche damit nicht übereinstim- 
men, sQs incorrect anzusehen. 

2. Hat man ein Sprachelement als imangemessen erkannt, so 
kann entweder durch die einfache Entfernung desselben oder die 
Substitution eines andern der Mangel gehoben werden« In der 
eniera bloss negativen Weise findet die Herstellung des Ange- 
measenen z. B. bei den Glossemen statt, d. h. bei Worten, die 
dem Texte einer Schrift zur Erklärung (als Glossen) beigeschrie- 
ben nnd dann irrthümlich in denselben aufgenommen sind. So 
^st jenes ivOeacTiKÖv in den Platonischen Gesetzen (s. oben S.' 182) 
^ Glossem eines Neuplatonikers; liier genügt die einfache Strei- 
ciung des eingedrungenen Wortes. Wenn man etwas als Glos- 
^^m ansieht, hat man damit bereits die Frage entschieden, ob 
^ Unangemessene das Ursprüngliche war. Natürlich kann aber 
'^ch ein Wort von dem Autor selbst überflüssig gesetzt sein, so 
^'^88 durch blosse Tilgung desselben der Ausdruck angemessener 
^^rden würde. Allein hauptsächlich weil in den alten Sprach- 
denkmälern unleugbar viele Glosseme vorkommen, lässt sich der 
^tiker leicht verleiten, einen Ausdruck als überflüssig anzu- 
^eii und als unächt zu streichen, welcher bloss nicht nothwen- 
^ ist. So ist man bei einer Häufung synonymer Ausdrücke 
und Wendungen versucht ein Glossem zu vermuthen, obgleich 
die Häufung vielleicht ihren guten Grund hat oder ein darin 
forkommender incorrecter Ausdruck in der Individualität des 
Verfassers seine Erklärung findet."^) 

Meist wird ein unangemessenes Sprachelement aber nicht 
durch blosse Streichung, sondern durch Substitution eines andern 
corrigiri In leichteren Fällen, wo etwa der Fehler eines Ab- 
^hreibers vorliegt, erfordert dies nicht mehr Scharfsinn und 
Combinationsgabe als eine Druckfehlercorrectur. Abisr in sehr 
vielen Fällen ist die Aufgabe ausserordentlich schwierig. Wo 
ein Sprachelement gefunden wird, das in dem gegebenen Zu- 
sammenhange unangemessen ist, zeigt sich zunächst ein her- 
meneutischer Mangel, die Auslegung kann nicht zu Stande 



♦) Vergl. die Kritik von Heindorfls Ausgaben Platonischer Dialoge. 
Kl. Sehr. VU, S. 69 iL 



I. Grammatische Kritik. 185 

Lais Richtige, d. h. das Ursprüngliche ist. Dies ist zunächst nach 
Limern Gründen zu entscheiden. 

Um ein unangemessenes Sprachelement für unächt zu erklä- 
ren muss man erst ermittelt haben, ob die Individualität des 
Autors so vollendet sei und die Darstellung so unter der Gewalt 
seines Charakters stehe, dass man ihm den vorliegenden Yer- 
stosB nicht zutrauen kann. Folglich hängt die grammatische 
Kritik, wie die grammatische Interpretation von der individuellen 
AoBlegung ab. Es kann sowohl in der Ideenverbindung, als in der 
Bedeutung der einzelnen Wörter, Flexionsformen und Structuren, 
sowie in der Wortstellung etwas vorkommen, was der sonstigen 
IndiTidualitat des Schriftstellers oder dem Charakter der Zeit und 
der Gattung, wohin auch das Metrum zu rechnen, widerspricht;; 
cke man es aber als unächt verwerfen kann, muss bestimmt wer- 
den, ob nicht gerade in diesem Falle die Abweichung im Wesen 
der Sache begründet ist. Hiemach würde dann das nicht bloss 
gnunmatisch, sondern auch sonst Unangemessene doch als acht 
galten müssen; es ist eben dem Schriftsteller eigenthümlich, 
eine corrupte Eigenheit desselben. Tacitus hat z. B. in seinem 
So vielerlei Eigenheiten, die von Kritikern als dem Genius der 
lateinischen Sprache unangemessen in Anspruch genommen sind 
^d die sie zum Theil verbessert haben. Aber es ist verkehrt, 
wenn man etwas im Ganzen der Latinität Unangemessenes nun 
weh für schlechthin unangemessen hält, und auf Grund dieses 
hrthums hat man bei Tacitus gerade das Ursprüngliche geän- 
dert. Aecht ist also nicht, was der Sprache, sondern was der 
Individualität des Autors angemessen ist. Nun kann sich aber 
auch bei einem Schriftsteller manches finden, was nicht der 
Sprache im Allgemeinen, ja auch nicht der Zeit und Gattung 
OTwider ist, aber seinem sonstigen individuellen Sprachgebrauch 
nicht entspricht, welchen er in diesem Falle verlassen hat um 
dem allgemdnen Usus zu folgen. Dies ist zwar selten und lässt 
meistens auf Verderbniss der Ueberlieferung schliessen, aber man 
bum doch nicht sagen, der Schriftsteller habe das seiner sonsti- 
gen Individualität Angemessene noth wendig sagen müssen. Nur 
was mit Noth wendigkeit aus der Individualität des Autors 
folgt, muss als acht betrachtet werden. Hiemach wird man aus 
Innern Gründen nur das als unächt anfechten dürfen, was zu- 
gleich der Individualität des Schriftstellers und dem Sprach- 
gebrauch zuwider ist. Bei den klassischen Schriftstellern des 



I. Grammatische Kritik. 187 

r: gfiarum id Caesari hellt sich mit einem Schlage der 
i Zusammenhang auf. Ebenso einleuchtend ist die Aen- 
Ig, welche ich in Euripides' Iphig. Aulid. V. 336 ge- 
t habe (KaTaTevd) si Karaivüü). Man vergleiche hierüber 
E^ooemium zum Berliner Lektionskat. 1823,*) wo gezeigt 
wie die Emendation aus dem Zusammenhang hervorgehen 
. Eine solche an sich klare Conjectur, durch welche aus 
Umkreise des Möglichen das Wirkliche ausgeschieden ist, 
man das Recht in den Text zu setzen; der Beweis wird 
durch Reflexion aus dem Zusammenhang und durch Paral- 
gefährt. In dieser Art von Kritik nimmt Bentley den 
n Rang ein. Manche sind im Stande das Wahre zu finden, 
m aber aus Schüchternheit die Emendation für eine bloss 
liehe Conjectur und schlagen daher noch einige andere Con- 
len daneben vor; so z. B. Jacobs hier und da in der Aus- 
t der Anthologie. Es ist dies ein Zeichen eines noch nicht 
sndeten Urtheils, das der Production nicht gleichkommt; man 
i Scharfsinn im Conjiciren haben, ohne seine eignen Con- 
iien richtig beurtheilen zu können. Aber weit schlimmer ist 
wenn man sich durch Cupidität, durch den pruritus emen- 
H tauschen lässt für sicher zu halten, was nur spitzfindig ist. 
Unterscheidung des Wahren und Spitzfindigen ist erstaunlich 
rer; vielen erscheinen ihre eignen Einfälle als absolut noth- 
iig. Abschreckende Beispiele dieser verkehrten Richtung sind 
ske, Musgrave (besonders sein Euripides), Wakefield 
«h. Tragiker), Bothe (beim Aeschylos, Sophokles, Te- 
5), Härtung (Antigone). Eine solche Bearbeitung der alten 
dachen Schriften ist eine Art Verbrechen, eine Nichtachtung 
den Eigenthums, ein frevelhafter Eingriff in fremde Indivi- 
itat Die Athener haben auf Antrag des Redners Lykurgos 
>ten die Tragiker zu verändern; man möchte beinahe wün- 
1, dass alle alten Klassiker jetzt durch ein ähnliches Ver- 
l^eschützt würden.**) 

Die ächte Emendation aus innem Gründen wird zugleich die 
laffenheit der Ueberlieferung berücksichtigen und darin ein 
diarisches Hülfsmittel finden um die Wahrheit zur Evidenz 
ingen. Denn auch aus der Beschaffenheit der Ueberliefe- 

Kl. Sehr. IV, S. 188 ff. 

^) Vergl. Chraecae tragoediae princip. (1818) S. 12 ff. und die Recension 

othe'« AuBgabe des Terenz. Kl. Sehr. VH. 8. 159 ff. 



I. Grammatische Kritik. 189 

rd.*) Noch mehr ist dies der Fall bei metrischen Inschriften; 

aber eine metrische Form vorliegt, bedarf allerdings erst einer 
f die generische Interpretation gestützten Prüfung .**) Natürlich 
innen verstümmelte oder erloschene Buchstaben nur mit Hülfe 
autuer paläographischer Eenntniss restituirt werden.***) Um 
le ursprünglich beabsichtigte Form der Inschrift herzustellen, 
11188 femer berücksichtigt werden, dass dieselbe auch durch Irr- 
tum und Versehen, besonders der Steinschneider, getrübt sein 
cum; solche Fehler lernt man durch vielfache Uebung in der 
\mmg von Inschriften herausfinden. . Endlich sind viele Inschrif- 
ien untergeschoben oder absichtlich geändert. Hier kön- 
len vier verschiedene Fälle stattfinden: entweder nämlich ist 
lie Inschrift gefälscht, aber das Monument, worauf sie steht, 
icbt; oder das Monument ist untergeschoben, aber die Inschrift 
MJit, 80 dass sie ursprünglich wo anders gestanden hat; oder 
lonument und Inschrift sind gefälscht; oder beide sind antik, 
te auf ein achtes Denkmal ist eine anderswo entnommene ächte 
^hrift übertragen. Nur selten wird es gelingen den Betrug 
linct durch äussere Zeugnisse festzustellen. Man ist also ge- 
iStttigt, bei jeder Inschrift die äussern und innern Kriterien der 
^eehtheit gegeneinander abzuwägen. Zu den innern Kriterien 
l^hört hier natürlich auch die Beschaffenheit der Schriftzüge und 
^ Materials; die äussern Kriterien liegen nur in der Beschafifen- 
tcit der Zeugnisse über Auffindung oder Bestehen des Monuments, 
^ncheint eine Inschrift aus innern Gründen als acht, so kann 
loch die Art ihrer äussern Beglaubigung den Verdacht einer 
^hung erwecken. In diesem Falle ist zunächst zu unter- 
odien, ob eine solche Fälschung möglich war; ergiebt sich 
^ der innern Beschaffenheit der Inschrift, dass sie von keinem 
«lacher fingirt werden konnte, so ist sie als acht anzuerken- 
CD. Ist dagegen die Möglichkeit eines Betruges nicht ausge- 
lUossen, so fragt sich, ob ein hinreichendes Motiv zur Fäl- 
himg vorlag. In einigen Fällen muss diese Frage selbst bei 
iorischen Fälschern verneint werden, so dass sich hierdurch 

Zweifel an der Aechtheit heben. Ist aber ein genügendes 
ÜT für die Fälschung vorhanden, so muss man noch einmal 



♦) Corp. Inscr. I, S. XXVI f. 
**> Corp, Jnscr. I, S. XXVI FI f. 
►♦♦; Corp. Imcr. 1, S. XVIII. 



sogar die Zeilen. Vergl. über diese „Stichometrie" Ritschl, 
ixandrinischen Bibliotheken und Nachträge in dem Bonner 
Bkataloge von 1840/41*) [Opuscula I, S. 74 fiF. 173 fiF.]. Bei 
mem beginnt in der ciceronianischen Zeit ein fabrikmäs- 
etrieb der Büchervervielfältigung durch Abschreiben und 
i, oft ohne sorgfaltige Gorrectur. Aber bald wurde auch 
le genaue Revision (recensio) unter Aufsicht von Philo- 
GrammcUici) eingeführt^ und im 4. und 5. Jahrhimdert 
kigten sich selbst angesehene Staatsmänner damit die 
fien klassischer Werke zu emendiren. So finden sich 
i einer Anzahl von Manuscripten die Unterschriften der 
^rrectoren mit der Bezeichnung emendavi, correxi, recensui, 
n. s. w. Vergl. 0. Jahn, lieber die Subscriptionen in 
ndschriften romischer Klassiker in den Berichten der K. 
!}e8. der Wissensch. 1851; Haase, de latinorum codicuni 
\ subscriptionibfis commefUatio, Breslauer Lectionskatol. 1860 
Aug. Beifferscheidt de latinorum codicum subscripHonibus 
tariolum. Breslauer Lectionskatalog 1872 — 73.]. Im Mit- 
waren die Abschreiber allerdings häufig unwissende Mieth- 
3er imgelehrte Mönche (auch Nonnen), die ihr Pensum, 
oro poena peccatarum, abschrieben oder denen im Scripto- 
ctirt wurde. Man sollte also meinen, dass hierdurch die 
Asserordentlich verderbt werden mussten. Allein gewöhn- 
rden die Codices förmlich abgemalt mit allen grammati- 
^ichen, welche so selbst in die ersten Drucke übergingen, 
ktiren war im byzantinischen Reiche sehr selten, und es 
)r ungereimt, wenn man gerade bei griechischen Schrift- 



192 Erster Hafipttheil. 2. Abechn. Kritik. 

verwechselt haben. Dies hat z. B. Lafontaine in seine 
gäbe de» Aeschylos (Halle 1822j yersncht; Aeschylos u 
Hicher nie ganz dictirt worden, da er dazu viel zu schi 
Natfirlich mnss man immer die Möglichkeit in Rechnung 
da88 P'ehler durch Diktiren entstanden sind. Vom Ray 
»chen Codex des Aristophanes ist dies z. B. nachge^ 
s, Kock, (le emendatione Niinum Aristophanis. Rhein. Mni 
("8. Jahrg.). Oegen Ende des byzantinischen Reichs hab< 
wieder viele gelehrte Leute mit Abschreiben beschäftigt^ 
man alHO durch alle Zeiten hindurch den Mangel an Sorg 
den Abschreibern nicht zu hoch anschlagen darf. In m 
Fällen lässt sich auch nicht entscheiden, ob ein Schrei 
von dem Abschreiber oder dem Verfasser selbst herrührt 
Anzahl von Fehlern ist ausserdem daraus zu erklären, d 
Handschriften, nach welchen abgeschrieben wurde, durch 
Einflüsse, wie Moder, Wurmfrass, Zerreissen u. s. w. ges« 
waren, so dass die Schrift verwischt wurde, Lücken entstanc 
Hliitter vertauscht wurden u. s. w. Ein solches Schicksal hab 
schon die IJrhandschriften des Aristoteles im Alterthnm 
Allerdings Anden sich aber in allen Handschriften, von d 
nUnv bis zu den neuesten, eine grossere oder geringere 
von Sdliroibfehlem, deren Entdeckung erleichtert wird, wer 
auf die stehend vorkommenden Arten derselben aufinerks 
Sie lassen sich auf drei Hauptformen zurückführen: Ver 
lungon, Auslassungen und Zusätze. Die häufigste Yerw 
lung bestellt darin, dass für einzelne Buchstaben andei 
liehe geschrieben werden (pafHuiatio litt^rarum), besonders ' 
le8«»rlicher Urschrift oder wenn im Text ähnliche Züge ki 
her oder nachher stehen {repetitio und anticipatio). Sold 
sehen setzen Viele, wie z, B. Schäfer in seiner Aosgi 
(^irgmins dninthifts ^l^eipzig 1811) in einem übertriebenen 
voraus ohne durch innere Kriterien dazu genothigt zu sein, 
hat man dabei zu untersuchen, in welcher Zeit die Fdl 
standen sein können, l^i griechischen SchriftsteUem da 
K B. nicht einfach Schlüsse auf Grund der gewohnlichen 
achrifl der griechisdien Schreiber ziehen, etwa nach dei 
taug wie sie Bast, c(mimenMio fwh^xfrapfUca im A¥i>»a.Tig 
«ben envähnt«n Ausgabe des Gregorius giebt Eine soik 
tfer Kritik ist, wie G, Hermann bemerkt^ Yorzüglich bei 
Wwken anzuwonden , wovon nur wenige Handschriften v« 



iden, welche man aus der Cursivschrift nicht erklären kann.*) 
en verwirren und verwechseln sich in dem Geiste des Schrei- 
ach die Züge ähnlich lautender Buchstaben^ Silben oder 
r dadurch, dass. sich ein Lautgebilde dem andern unter- 
L Seltener ist die Stellenvertauschung von Schrifbelemen- 
ranspositio), welche verschiedene Ursachen haben kann, 
sonnen Wörter oder Buchstaben im Original nachträglich 
igt und in Folge dessen von dem Abschreiber an falscher 
eingetragen sein, oder der Schreiber hat etwas ausgelas- 
id sich bei der spätem Eintragung geirrt u. s. w. Yergl. 
ermann, de emendcUionibus per transpositionem verboruni, 

Opuscul. Vol. in. Auslassungen entstehen hauptsäch- 
idurch, dass der Blick von einem Worte auf spätere ähn- 
Züge abirrt und daher das Dazwischenliegende übersehen 
dies findet besonders Statt, wenn zwei nahestehende Wör- 
eichen Anfang oder Schluss haben (öjioiöapKTa und 6^oio- 
a) oder sich dieselben Worte in kurzem Zwischenraum 
rholen. Femer werden doppelt geschriebene Buchstaben, 
. oder Wörter oft einfach copirt (Haplographie oder Hemi- 
ie); Zeilen werden übersprungen, ja zuweilen werden sogar 
ir überschlagen. Hinzugefügt werden einzelne Schrift- 

die dem Schreiber durch irgend welche Association der 
allimgen beim Schreiben in den Sinn kommen; häufig wer- 
luchstaben, Silben, Wörter und ganze Zeilen doppelt ge- 
ben (Dittographie). Femer werden Interlinear- oder Band- 
rkungen irrthümlich in den Text aufgenommen; dadurch 

(Ti fÖr dieselbe Sachft 7Wfti . ia dr^i Aiisdriip.kft nfthftn einan- 



US tiiieu geuanui«eii jüuuiusücu tjriuun; es sicn^ aass aie * 
iwerke des Alierthums, wenn sie nicht bloss in einer 
chrift; eilialten sind, in mehreren verschiedenen Lesarten 
^ {V(meta3 lectionis). Jede Lesart ist ein geschichtlich 
enes; es kommt darauf an aus der Masse diesQr gegebenen 
1 Thatsachen ein Ganzes zu bilden , in welchem zugleich 
38chichte des Textes überhaupt und die Geschichte jeder 
i0n Stelle, bei der ein Bedenken statt finden könnte, ent- 

sei Soweit eine solche Deduction gelingt, ist man sicher 
sprüngliche Form des Textes gefunden zu haben. Die ge- 
Uichen Quellen der Lesarten sind nun: 1. die Handschrift 
fs Werke selbst (libri mantiscripH, Codices), 2. die ältesten 
e {ediHones prindpes), wenn die zu Grunde liegenden Hand- 
isn unbekannt sind, 3. geschriebene oder gedruckte lieber- 
gen, welche nach unbekannten Handschriften gefertigt sind, 

Schoben der Alten, worin Lesarten aus alten Handschrif- 
eieugt sind, 5. Citationen der Werke bei andern alten 
tetellem. Wir zeigen kurz, nach welchen Gesichtspunkten 
s die G^chichte des Textes zu gewinnen ist. 
. Die ältesten Belege für eine Lesart sind im Allgemeinen 
itationen der Alten, womit wir daher beginnen. Wenn 
tsr Schriftsteller eine Stelle in einer bestimmten Lesart citiii, 
engt er dadurch, dass dieselbe so in einem ihm vorliegenden 

gestanden hat Dies Zeugniss hat wegen seines Alters 
hellen diplomatischen Werth, wenn nicht andere Gründe 

seine Glaubwürdigkeit sprechen. So war z. B. Horaz, 
wes ly 1, 100 die Lesart: fortissima Tyndaridarmn zweifei- 



196 Erster Haupttheil. 2. Abschn. Kritik. 

tirte Stelle selbst nicht bezeichnet ist, aber kein Zweifel obwaK^ 
welche gemeint ist. So hat z. B. in Aeschylos Choephoi« 
V. 424 6. Hermann statt der früher recipirten Lesart: iroA 
jLiiCTpiac mit Recht das Hesychische iriXe^icTpfac eingesetzt Ebene 
krmnen Nachahmungen entweder ein Zeugniss für die Lesart di 
Originals abgeben, oder umgekehrt — wenn diese feststellt - 
selbst danach emendii't werden. Es folgt hieraus, dass man b 
der kritischen Bearbeitung eines Schriftstellers den Gresammtro: 
• rath der alten Citationen zusammensuchen muss. Dies fährt o 
zu den sichersten Ergebnissen. Eusebios hat z.B. beiderlVv^ 
paratio evangelica vortreffliche Handschriften des Pia ton benate 
Die vielen Citate, die er daraus giebt, haben für die Festste 
lung des PJatonischen Textes den Werth des besten Code 
Aehnlich istStobaeos eine reiche Fundgrube alter Lesarten. B 
grossen und sehr alten Schriftstellern, wie Homer und Plato: 
die in allen Zeitaltern gelesen und benutzt sind, ist es natüilii 
eine ungeheuere Aufgabe die Citationen zusammenzubringe: 
nicht nur die Griechen, sondern auch die Römer müssen dar& 
sucht werden, da oft bei entfernten Anspielungen noch d; 
Wahre durchschimmern kann. Aber bei solchen Schriffcstelle- 
entspricht der Arbeit auch der Gewinn. Hat man nun alle Zea 
nisse dieser Art beisammen, so muss wieder der kritische Wer 
eines jeden bestimmt werden. Es ist bei jeder Citation zu pK 
fen, ob darin nicht selbst eine corrumpirte Lesart vorliegt Nie 
selten wird nur obenhin aus dem Gedächtniss citirt, wobei leic 
Irrthümer unterlaufen. Auch wird zuweilen eine Stelle absid 
lieh verändert wiedergegeben. Solche Fülle müssen also na 
Möglichkeit ausgesondert werden. Zuweilen ist von Abschr 
bern, Druckern oder Kritikern aus den recipirten Texten ein 
angeffihrten Schriftstellers eine Lesart in das Citat erst übe 
tragen; Plutarch's Citate sind vielfach durch solche Eintn 
gungeu corrumpirt, ebenso Gellius. Durch das Zeugniss A 
letztem wird z. B. Pindar, Pyth. I, 26 die Lesart npocib^cS 
gestützt; man hatte aber in den frühem Drucken aus den g 
briluchlichen Ausgaben des Pindar eine falsche Lesart eingeset 
wodurch auch ich mich zu einer ungerechtfertigten Aendem 
verleiten liess.*) In der Metrik des Drakon, welcher im 1. Jah 



*) Vergl. üeber ilio kritische Bc1i:ni(lliin;( der PiudariAcheii Gcilicl 
Kl. Sehr. V, S. 369. 



g ansehen^ wie dies die holländischen Kritiker sehr häufig 

Vergl. Christ. Gotth. Könige De nimia imüationis in 
nbus anHquis indagandae cupiditaie, Meissen 1815. 4. Hat 
estgestellt^ dass in einer Stelle wirklich eine Citation vor- 
ind wie weit darin die Uebereinstimmung mit der citirten 
i gehen kann^ so ist die Glaubwürdigkeit des Zeugnisses 
nach den Grundsätzen der Individual-Kritik zu prüfen. 

Was Yon den Citatronen gilt^ das gilt auch von den 
ien, welche indess nicht so hoch in die ältesten , Zeiten 
reichen wie viele Citate und ihren Ursprung zum Theil 

letzten Zeiten des Mittelalters haben. Man muss daher 
lern ihr Alter bestimmen^ um feststellen zu können, welches 
it die von ihnen befolgten oder angeführten Lesarten haben. 
Igemeine Geschichte der Scholien gehört in die Geschichte 
ammatischen Studien; aber für die Kritik ist es nöthig, 
ei jedem Schriftwerk die Geschichte des Textes durch die 
[e Geschichte der darauf bezüglichen Scholien ergänzt werde, 
generelle Darstellung, wie die Historia scholiastarum Lati- 

Yon Suringar (Leiden 1834, 35) ist hierzu ganz un- 
bar. Eine wichtige Aufgabe ist es z. B. die Verfasser 
„chiedenen ScholiLaanzn^gex, zu Homer zu ermitteln, 
volle Arbeiten dieser Art für die Dramatiker sind: Wun- 
De scholwrmn in Sophodis tragoedias audoritate, Grimma 

Gustav Wolff, De Sophodis scholiorum Laurentianonim 
kdionibus, Leipz. 1843; Jul. Richter, De Aeschyli, So- 

Ikiripidis interpretUms Graeds. Berlin 1839; Otto Schnei- 
)c vderum in Aristophanem scholiorum fontibus commentatio. 



m dem Papyrus wurde im Alterthum das Pergament (TTep- 
q)0€pa, menibrana) gebraucht, seitdem seine Zubereitung in 
n erfunden war. Die erhalteneu Pergamenthandsehriften 
jünger als die meisten Papyrushandschrifken; die ältesten 

aus dem 4. — 5. Jahrh. n. Chr. Schon im Alterthum 
äufig Schriften auf Papyrus und Pergament abgewaschen 
rieben um das Material zu neuen Handschriften zu be- 
ie dann Palimpseste (ßißXia 7raXi|LH|niCTa, libri rescripti) 

In der christlichen Zeit wurden auf diese Weise viele 
ke zerstört, indem man die Codices zur Aufzeichnung 
r Schriften benutzte. Umgekehrt sind freilich auch 
exte alter Klassiker und andere profane Schriften auf 
it geschrie'ben, von welchem man kirchliche Schriften 
itte, so dass im J. 691 in der Synodus Quinisexta ver- 
irde die heiligen Schriften oder Schriften der Kirchen- 
ch Abreiben zu zerstören. Da auf den Palimpsesten die 
er ursprünglichen Schrift nicht ganz verwischt werden 

ist es in neuerer Zeit gelimgen diese] in] vielen Fällen 
'zustellen. Im vorigen Jahrhundert wurden bereits einige 
Fragmente auf Palimpsesten entdeckt; in unserm Jahr- 
ind aber in dieser Weise höchst bedeutende Entdeckungen 

zuerst von Angelo Mai, Peyron und Niebuhr. Man 
• libri bis rescripti entziflfert. Vergl. Liciniani anncditbrn 
rsunt ex codice ter scripto nunc primum ed. Carol. Aug. 
rtz. Berlin 1857. Da man zur Wiederherstellung der 
hten Schriftzüge chemische Reagentien angewandt hat, 
lieh hierdurch auch kostbare Handschriften verdorl)en 



2fl2 KixUt Haiii.ttb«l. a. Alwebii, Kritik. 

i/mtviti. (.'Hi'knihit 1855. Dii' meisten der entdeckteii PaUmpaeat- 
liftiidMclirifteii siiul im 7. — J>. Jahrb. rescribirt 

Seit deDi 10. Jiilirliuiidert kumnit das Baumwollenpapiot (chaiia 
(Hintbycinn). tieit dem 14. das LinueniiapieT (eodicca dtartacä) all- ** 

f^emein in (iebraucb. Bei diesem Material ist das Papieneicheji ^ 

zugleich ein Merkmal zur Bestimmung des Alters; so bestiinnit r^ 

■/.. B. Kirchner, Nocati quaestionci Horatianae. Leipzig 1847. 4. *" 

danach dns Älter eine« Uorazmanuscripte. VergLGott]ilf.FiBeher, * ' 
V'ersiich die Papier/eichen als Kennzeichen des Alterthotiu anm- ^ ' 
wotiden. Nilrnb. 1804. "** 

Die Unterscheidung der ventchiedenen Arten dea ScbicilH»^^ 
iiiikteriids ist leicht; schwieriger ist es das Alter der Oodic c^ .^^ 
Uiicli der Sclirit't zu bestimmen. Allein wenn auch in mandiefc::^ 
IJelmi^angsKeiton, wie bei der lat Selirifl im 9. — 11. Jahrhocrr:», 
dort, die Chaniktero lange schwankend und unbeetimint sind, -"^jj 
zeigen doch im Allgemeinen die SchriftzUge in jedem MeuBchez^a- 
»Uer charakteristische Unterschiede. Ein guter Diplomatiker kax&n 
die (Teechiehte jedes Buchstabens von der ältesten Zait bis bazt 
liegenwart nachweisen und die allmählichen Uebergäi^ ihr>er 
tVrraon verzeichnen. Auch giebt es gewisse GrewohoheiteD io 
der Ortho graphic, Accentuation, InterpuDction und in Abbrerü- 
turcn, woraus man auf die Entstehungszeit der'üandBchrift BcUist- 
spiv kann. Doch niuss man auch hierbei mit der giQuten Ttof- 
nicht verfahren. Zuweilen ist der Schriftcharaktor einer iltan 
Xeit aus Liebhaberei oder in betrügerischer Absicht nael^Mhat 
Ein Codex hat femer off verschiedene Theile, die vOTi vetBcbw- 
dciieu Händen zu verschiedenen Zeiten geschrieben Bind; es iit 
sogar möglich, dass dieselben nicht von demselben Ozigiiul (^ 
geschrieben sind; Lücken oder abgerissene Blätter sind sicU 

P verschiedenen Händen ergänzt; man mnss bei Bmb- 
J^jd eHj ob sie von einem oder mehreren ntiimif 
Hfa^iiut et scainda). Die Verschiedenheit der ZOg^ 
^VPi^iiere, bessere oder schlechtere Conditioa d« 
■Pm hierbei in der Regel genQgende KennseidM» 
Jbin man nur durch Uebung gründlich lemsO; MB 
>Bonst gehl- Bchätsbaren — Zusammenstellongoi dif 
^Hcheu Lesarten (CoUationen) lässt sich die zur täSf- 
omatiBche Kenntnias nicht erwerben , es gehört dtts 
mg and Stadiom der diplomatischen Pilio' 



I. GrammatiBche Kritik. 203 

Literatur. Toueiain et Tassiu, Nouveau traite de diplomatique. Paris 

LTäO — 66. 6 Bde. 4. (Die 5 letzten Bände mehr für das Mittelalter). — . 

Gra'fctcrer, Elementa ariis diplmnatitae. Gott. 1766. 4; Abriss der Diplo- 

msktdlr, ebenda 1798; de methodo aeiatis codicum definiend^ie in den Comm. 

Saci€i. GoU, vol. VIII. — Montfancon^ Palaeographia graeca. Paris 1708. 

iol. (um&Bsend, wenn auch nicht immer gründlich). — Bast, Commentatio 

paiaeogrßphica (S. oben S. 192; sehr bemerkenswerth). — Kopp, Fälaeo- 

gxagMa critica, Manheim 1817—1829. 4 Bde. 4. (ausführlich und gelehrt) — 

Aizxk^ Champollion, Pdleographie des classiques latins d' apres les plw 

heats^ mantMcrits de la hibliothique roycde de Paris, avec une introduction 

paar Champollion-Figeac. Paris 1887. 4. — Silvestre, Polygraphie 

wit^erselle, U. u. III. Bd. Paris 1841. [W. Wattenbach, Anleitung zur 

grieohischen Paläographie. Leipz. 1867. 4.; Anleitung zur lateinischen Pa- 

läOQpraphie. 2. Aufl. Leipzig 1872. 4.; das Schriftwesen im Mittelalter. 

Leil>asig 1871.] 

5. Da die Druokausgaben der alten Schriftwerke auf 
Handsehnften beruhen, haben sie für die diplomatische Kritik 
ila Zeugnisse nur Werth, wenn die zu Grunde liegenden Manu- 
Kripte nicht bekannt sind. Daher sind zu unserer Zeit, wo man 
wieder auf die Handschriften zurückgegangen ist, besonders seit 
I-Bekker^s um&ssenden CoUationen, die ersten Drucke zu einem 
Sroasen Theil entwerthei worden. Es sind aber auch Handschrif- 
to nach Druckausgaben gemacht, z. B. in Wittenberg unter 
Melanchthon's Aufsicht von Studierenden zur Uebung; diese 
B^ naiiflrlich ohne jede diplomatische Bedeutung und daher sorg- 
KUig auszuscheiden. Die ersten Drucke, bei denen die benutz- 
^ Handschriften unbekannt sind, haben dagegen dieselbe Au- 
'wilit wie ein geschrieb&er Codex und sind auch nach densel- 
«^ Grundsätzen zu prüfen. Manche sind einfach aus einer 
Hmdflchrift abgedruckt, imd diese wurde sogar oft den Setzern, 
^che allerdings damals in der Regel selbst nicht ungelehrt wa- 
^1 auf das Brett gegeben. Andere sind schon aus mehreren 
^ces zusammengestellt, wie der Homer des Demetrios Chal- 
kondylaa Von manchen Werken giebt es auch mehrere von 
^■Buider unabhängige Editiones principes, so von Pindar die Aldi- 
itUthe nnd Romische. Die späteren Ausgaben sind entweder 
* neue durch Conjectur yerbesserte Auflagen früherer (recogni- 
'^^^\ oder mit Benutzung eines grösseren Apparats hergestellt 
v^fomskmes). In letzterem Falle ist zu untersuchen, ob neue uns 
jbM anbekannte handschriftliche Quellen benutzt sind; denn da- 
^vck erhalten auch diese Drucke den Rang eines diplomatischen* 
Zeagnisaes. Natürlich sind bei allen gedruckten Ausgaben aus* 



fHOH UA.AJAUX/XA\^XX -a-^ XV^A. t/AA\^>av/&x c 



'S die des Demetrios Trikliuios, leicht nachweisen und 
i^eits kann man mit Hülfe der Scholien und Gitationen bis 
ie guten alexandrinischen Textrecensionen^ ja bis auf die 
les Verfassers selbst zurückschliessen. Hier ist es beson- 
ron Wichtigkeit, wenn Handschriften mit sicheren alten 
)nen vielfach übereinstimmen, da dadurch die Recension, 
sr sie entstammen, als eine alte bezeugt wird, 
ndem man in der Verschiedenheit der Lesart so einen ge- 
pschen Zusammenhang aufsucht, gelangt man dazu die 

Absicht entstandenen Aenderungen des ursprünglichen 
3 auszusondern. Man beurtheilt jetzt nicht mehr bloss die 
men Lesarten aus sich selbst, sondern die Kritik wird sy- 
lasch; mit einem Schlage eröffiien sich weite Aussichten, 
las ürtheil erstreckt sich zugleich auf ganze Massen von 
ten, weil man dieselben aus einem Principe, nämlich aus 
Charakter einer bestimmten Becension ableitet. Die Lesart 
essem Recension wird nicht mehr deshalb als diplomatisch 
liter bezeugt angesehen, weil eine grosse Anzahl von Hand- 
ten eine andere Lesart haben-, denn wenn diese Handschrif- 
iner Familie angehören, zählen sie nur als ein Zeugniss. 
HUBS man nicht meinen, in irgend einer Recension sei der 
Ingliche ächte Text zu finden; selbst die ältesten sind durch 
ebiren entstellt. Auch werden die Handschriften, welche 
er besten Recension abzuleiten sind, deswegen nicht immer 
nrrecteste Lesart enthalten, denn jene Recension kann im 

der Zeiten durch Schreibfehler und äussere Einflüsse stark 
11t sein. Man kann daher die Handschriften unabhän^^g 



II. Hietoriache Kritik. 207 

kritische Function des Oeschichtsforschers^ welche nach die- 
• Seite somit eine Art der philologischen Kritik bUdet. 

Es ist nnnöthig die Methode der historischen Kritik hier 
lauer darzustellen. Der Gang ist derselbe wie bei der gram- 
.tischen Kritik und man braucht mit den für letztere aufge- 
llten Normen nur das zu combiniren^ was oben über die hi- 
nsehe Auslegung gesagt ist. Ich füge nur einige Bemerkungen 
Bezug auf die dritte der eben angegebenen Aufgaben bei. 

Ob das historisch Angemessene oder Unangemessene acht 
1 ursprünglich ist, lässt sich nur aus der Individualität des 
irifbstellers beurtheilen. Man muss untersuchen, ob dieser einer 
torischen Fälschung fähig sei und ob sie in seinem Zweck 
legen haben könne. Aus Nachlässigkeit, Furcht, Schmeichelei 
rd offc eine genaue Darstellung absichtlich umgangen; dem 
idner kommt es namentlich offc auf strenge historische Wahrheit 
eht an, und sein Urtheil ist häufig durch Parteileidenschaffc ge- 
übt. Besonders schwierig ist es bei poetischen Schöpfungen zu 
iterseheiden, wie weit man auf Uebereinstimmung mit der ge- 
'Sichtlichen Wahrheit rechnen darf. Ferner fragt es sich bei allen 
»torischen Darstellungen, woher der Autor seinen Bericht hat 
»d welche Kritik er selbst seinen Quellen gegenüber ange- 
''ttdt bat. In vielen Fällen sind auch Gedächtnissfehler die 
Jnwlie historischer Unrichtigkeiten. Vergl. oben S. 119 S. 

Wo aber nach aller hermeneutischer Einsicht das Ueber- 
•Arte unächt ist, da wird die Kritik wieder zu unterscheiden 
■ksn, ob der Fehler durch äussere Zerstörung der Urkunden, 
rtkmn der Schreiber oder absichtliche Interpolation zu erklären 
^ Hier tritt also die diplomatische Beurtheilung der Quellen 
tt> Eigennamen und Zahlen sind der Entstellung in beson- 
^ kohem Grade ausgesetzt. Die Namen werden mit ähnlichen 
•fe mit Appellativen verwechselt, oft in Folge von Abkürzun- 
Äj wenn sie unleserlich oder durch irgend welche Ursachen 
■rtSrt sind, so* werden sie leicht ohne Weiteres fortgelassen 
fo fidsch ergänzt Irrthümer in Zahlenangaben entstehen, ab- 
'B^Aea von Vertauschung, Umstellung und Auslassung der Ziffern, 
^ Mm alten Sprachen besonders häufig dadurch, dass Buch- 
tten för Ziffern oder umgekehrt Ziffern für Buchstaben ge- 
An werden. Im Griechischen muss man ausserdem unter- 
ideiiy ob man die älteren Zahlzeichen (I, 11, P etc.) oder die 
H Bachstäben gebildeten, die ebenfalls sehr früh im Gebrauch 



fe; dieser sogenannte Osacharas war sein Neffe, Sohn 
kthon, und kam mit der Hülfsmacht von Athen für den 

Er heisst also nicht Osacharas, sondern führt nach 
Oheim den Namen Asandros. Die Familie war im 
iiit Antigonos, dem Vater des Demetrios Polior- 
ler Ol. 118, 3 Athen Wohlthaten erzeigte; daher ist, was 
itigung der Emendation dient, der Name in der Inschrift 
ich gemacht. Das Nähere kann man selbst nachlesen, da 
inr die Art der Exitik andeuten, nicht die Sache selbst aus- 
erläutem will, die übrigens ganz sicher ist. Der Gewinn, 
irch erreicht wird, ist eine bessere Einsicht in die Yer- 
j die wir nun erst durch jene so emendirte Inschrift 
(greifen; ausserdem werden wir den Namen Osacharas 
lern man eine Acquisition für makedonische Sprache ge- 
1 haben glaubte, während das acht griechische ''Acavbpoc 
le liegt. Es kommt bei einer solchen historischen Com- 
'auf die Stellimg der Argumente an; wer diese nicht 

kann, für den hat sie keine Beweiskraft. Buttmann 
n dem oben angeführten Beispiel, die Kritik sei ganz 
ber Wenige würden es einsehen. 



III. 



IndividnaUultik. 



>. Die Individualkritik hat ^u untersuchen: 1) ob der 
le Charakter einer Schrift dem individuellen Charak- 



210 Erster Haupttheil. 2. Abechn. Kritik. 

(lurcli die Individualität de^ Verfassers geschaffen wird, so kann 
OS ursprünglich nur im vollen Einklang mit den gegebenen indi- 
viduellen Bedingungen sein. Ist also eine Schrift der Individua- 
lität eines vorausgesetzten Autors nicht angemessen, so ist sie^ 
entweder verderbt oder rührt von einem andern Verfasser her * 
oder beides findet zugleich Statt. Man kann daher diese Dishar:^ 
niüuie nur auflieben ^ indem man die ächte Form der Schrift uu^ 
den wirklichen Verfasser feststellt; das so gefundene angemessen:^ 
Verhilltniss ist zugleich das ursprüngliche. Daher begreift ^ 
.sich, dasH man die Individualkritik als die Kritik des AechtcMi 
und linächten bezeichnet hat. Allein abgesehen davon, deu» 
auch die ü))rigen Arten der Kritik das Aechte, d. h. d(is Ur- 
sprüngliche ermitteln sollen, verleitet diese Benennung leicht 
zu der irrigen Ansicht, dass die Individualkritik nur anzuwenden 
sei, wo ein Zweifel über die Aechtheit einer Schrift obwaltet 
Sie ist aber vielmehr eine ununterbrochen anzuwendende Opera- 
tion, aus welcher sich nur in manchen Fällen der Zweifel und 
damit das erwähnte dritte Problem ergiebt. Auch ist der Begriff 
des Aechten hierbei kein einfacher. Eine Schrift, die als Werk 
des Piaton überliefert ist, kann in dieser Beziehung für unaeht 
erklärt werden, aber dabei ein achtes Werk Xenophon's sein. 
Man hat die Individualkritik auch als „höhere^' Kritik bezeichnet 
und versteht dann unter der „niedem^^ die granunatiache und di- 
plomatische — eine Unterscheidung, die keinen wissenschaftlichen 
Werth hat. 

1. Die Lösung der ersten Aufgabe muss naturgemäss ans 
der individuellen Auslegung hervorgehen. Die Individuahtat des 
wirklichen und sichern Verfassers ündet man zunächst auf he^ 
nieneutischem Wege aus der Schrift selbst; stimmt in dieser irgend 
etwas damit nicht überein, so muss man zuerst die eigene Aus- 
legung einer genauen Kritik unterwerfen. Denn da man den 
Charakter des Autors aus den Einzelheiten des Werkes bestim- 
men muss, so kann es vorkommen, dass mau hierbei manche 
Kigenthümlii'hkeit nicht genügend berücksichtigt hat, die dann 
als Abweichung von dem voreilig angenommenen Cliarakter des 
N'eri'assers erscheint. Liegt aber eine wirkliche Disharmonie 
zwischen einer i:>telle luid dem sonstigen Stil des Autors vor, so 
kann dieselbe dennoch ursprünglich vorhanden gewesen sein, da 
j«^de Individualität innerhall» ;xew isser (ireuzeu variabel ist (s. oben 
S. 121», \S;i\ Lässt sich die Disharmonie auf diese Weise nicht 



m. Individualkritik. 211 

rklaren, so wird man weiter prüfen ^ ob sie ihren Grund in der 
orroption der Ueberlieferung hai Hier zeigt sich die diploma- 
sehe Kritik als ein nothwendiges Hülfsmittel der individuellen 
I. oben S. 188); aber zugleich droht wieder die Gefahr^ dass 
ich die Beweisführung unvermerkt im Kreise bewegt, wenn näm- 
eh' die Ansicht über die Individualitat auf Grund von Lesarten 
»tgestellt ist, welche dann wieder nach dem Maassstabe jener 
LDsicht geprüft werden sollen (s. oben S. 206). So können also 
ie individuelle Kritik und Auslegung nur approximativ, durch 
e8i£ndiges Ineinandergreifen ihre Aufgabe lösen. 

Ob nun ein Schriftwerk einem vorausgesetzten oder durch 
Se Ueberlieferung angegebenen Verfasser angemessen ist, lässt 
oeh offenbar nur entscheiden, wenn dessen Individualitat ander- 
v^tig bekannt ist Man hat dann durch Yergleichung fest- 
nstellen, ob dieselbe mit dem aus der Schrift selbst ermittelten 
Charakter des wirklichen Verfassers identisch ist oder nicht. Am 
Bchersten wird diese Aufgabe gelöst werden, wenn man den 
ptisnmtiyen Verfasser aus andern Schriften kennt ; freilich müssen 
loch diese erst wieder auf ihre Aechtheit geprüft werden, wo- 
Amreh die ganze Procedur höchst yerwickelt wird. Um z. B. zu 
entscheiden, ob ein Gespräch dem Stile Platon's entspricht, 
niius manPlaton's Individualität aus andern Gesprächen kennen, 
Aber von diesen muss wieder jedes einzelne in derselben Art ge- 
prüft werden. Offenbar wird man hier von einem auf das an- 
^ verwiesen, während doch bei jedem einzelnen der Zweifel 
Verkehrt. Dieser löst sich nur dadurch, dass bei einigen 
GeBprachen die Ueberlieferung durch äussere Zeugnisse sicher 
De^ubigt ist und sich in diesen die Individualität des Verfas- 
leiB genügend ausprägt, um danach über die Angemessenheit 
Wilderer entscheiden zu können. 

In viel höherem Maasse als innerhalb einer einzelnen Schrift 
Verden nun aber zwischen mehreren Schriften desselben Verfas- 
sers Verschiedenheiten hervortreten können, die leicht als Dis- 
^ViQonie angesehen werden können, obgleich sie mit der Einheit 
^ Individualität wohl vereinbar sind; denn die Werke eines 
'Autors werden sich unterscheiden, wenn sie verschiedenen Gat- 
'ongen oder verschiedenen Entwicklungstufen seiner Individuali- 
tit angehören. Die Kritik geht zunächst fehl, wenn man den Gat- 
fniigscharakt^r mit dem individuellen Stil verwecliselt. Wir kennen 

l ß. die Individualität des Lysias aus einer beträchtlichen An- 

14* 



III. Individualkritik. 213 

zuerst geprüft werden, ob sich der A.ii3toss nicht durch die 
iQiatiäche oder diplomatische Kritik beseitigen lasse. In 
dichkeit beruht er aber sogar nur auf der ünkenntniss des 
kers, welcher das Metrum nicht verstand; denn ATyiva ist 
IT Ode gar nicht mit kurzem i gebraucht.^) 
Aus dem Gesagten ergiebt sich, dass die Sicherheit des 
dls auth Yon dem Umfange der Schriften abhängt, auf 
e sich die vergleichende Kritik bezieht. Der Maassstab 
lie Beurtheilung einer Schrift fehlt häufig, wenn von dem 
»gesetzten Verfasser nicht eine oder mehrere Schriften 
fügendem Umfange vorhanden sind um eine sichere Ver- 
lang anstellen zu können. Femer kann aber die zu beur- 
nde Schrift selbst dem Umfange nach so unbedeutend 

dass sie zu wenig Anhaltspunkte für die individuelle 
eichung darbietet. Bei kleinen Schriftwerken oder Frag- 
in lässt sich daher oft wohl feststellen, dass sie von 
i bestimmten Autor nicht herrühren, dagegen kann man 
seltener bestimmen, ob sie einem Schriftsteller mit Noth- 
gkeit zuzuschreiben sind, selbst wenn man den Charakter 
ben auf das Genaueste kennt. Cicero erwähnt {EpisLad 

IX, 16) von einem gewissen Servius, er habe bei jedem 
lieh Plautinischen Verse sagen können: „Sfc verstis PlauH 
rf, hie est" quod tritas aures Iwberet notandis generibus po'e- 

et consuefudine legendi. Allein man muss solche Geschicht- 
mm grano salis verstehen; Cicero betont an jener Stelle 
sachlich die negative Seite des angeführten Urtheils. In 

Beziehung waren z. B. die alexandrinischen Kritiker ausser- 
Üich feinfühlig. Dagegen sind positive Urtheile ähnlicher 
8hr unzuverlässig. Wyttenbach rühmt Ruhnken nach 
Ruhnienii 220), er habe im Stobäos bei jeder citirten 

sofort den Autor nennen können, und bei jedem Epigramm 
: Anthologie nach einmaligem Durchlesen anzugeben ver- 
;, von welchem Dichter es herrühre, auch bei solchen Dich- 
von denen nur ganz wenige Epigramme übrig sind. Dies 
)er einfach eine Aufschneiderei ä la Münchhausen, soweit 
anststück nicht auf Reminiscenzen hinauslief.**) Es ist be- 



214 Erster Haupttheil. 2. Abschn. E^ritik. 

illinliclic Prätcnsion eine starke Blosse gegeben hat, indem 
(lein Trabea mit voller Sicherheit Verse zuerkannte, die Hnr^ 
^elortigt hatte um ihn damit zum Besten zu haben. Vergl. < 
IJ<'rnayH, Josef Justus Scaliger, Berlin 1855. S. 270 f. Selba 
wo vH sicli um ein negatives Urtheil über ein kleineres Schrif 
Hidck C)der Fragment handelt, muss man sehr vorsichtig zu Werk 
gelion. Es ist gar zu verführerisch in solchen Fällen eine Ix 
sondere Feinheit der Nase zu documentiren, während doch b 
so kleinen Stücken die bemerkte Disharmonie sehr leicht nnri 
riner falschen Lesart ihren Grund haben kann. Fr. Aug. Wo 
\\id\jo ein feines kritisches Gefühl; aber er liebte es in seine 
s|mteren Lebensjahren über Dinge und Personen abzuspreche 
So i'rklärte er einen Brief Cicero's in einem Ms. der Berlin 
Hi))liothek, den er in Druekausgaben nicht fand, wegen einig 
leichtt^n Mängel für unkTgeschoben, bis einer seiner Schüler ih 
/.eigle, dass er in den gewöhnlichen Ausgaben nur an einer a 
dern Stelle stand. Am schwierigsti^n ist natürlich in der Beq 
das UrtluMl über verloren gegangene Schriften. Allerdings ist 
luöglieh die Unäehlheit einer solchen Schrift nachzuweisen, wei 
man weiss, wie sie beschatten war, imd dass ein Werk d 
angonommenen Verfassers nicht so beschaffen sein konu 
Allein der IU»weis hierfür ist meist unsicher. Thiersch (Ai 
fihilftL Momw. III, p. (>47 ff.^ hat z. B. bestritten, d< 
Tyrtaeos die im Alterthum unt<?r seinem Namen existirend 
lünf i^ände Kriegslieder verfasst habe, indem er voraussetzte, i 
seien in si»li*hen iyriselien Metris geschrieben gewesen, welc 
man /u Tvrtaeos Zeit noch nicht irekannt ha]»e. Aber sie war 
anapästisoli, und »lass man tunf Bürher in Anapästen schreib« 
konnte, beweist die Analogie der Elegiker.*'» 

Hei der i^rammatisihen, historischen und individuellen Au 
losiuniT /oiirte sich, dass bei jedem Werke der darin zur Antre 
düng konunonde Sprach srhat/, ferner Stoff und Compofl 
tionsweiso individuoll bodiuirt sind s. oben S. 101 f^ llOff. u 
l-T.'^. DaliiT \%ird >ioh auch die Individualkritik auf diese d 
Seiten iodos Worko< boiiohon. 

1. Das leichteste i;n«l sicherste Kriterium bietet der S 
oder Inhalt, Ks ist /::nr»i:hsi /;; i^rüton. .»h er der Indiridaali 
v"o< vora'.:S'^es-'tJten Vcrtasscrs in lV\-.iir av»t Ort und Zeit 
messen ist. Wtr.r. ein S^hritu*; treuer saizt. er sei an einem 



III. Individualkritik. 215 

ge^iresen, wo er überhaupt oder zu der angegebenen Zeit nicht 
gewesen ist, so liegt offenbar ein Widerspruch yor^ welchen die 
individuelle Kritik zu losen hat. Finden sich femer bei einem 
Sehriftsteller Umstände erwähnt oder vorausgesetzt, die nach seiner 
Zeit &llen, oder werden Ereignisse, die vor seiner Zeit liegen, als 
gleichzeitig angegeben, so ist offenbar ebenfalls eine solche Dishar- 
manie vorhanden. So wird im 4. Briefe des Aeschines eine 
ta Athen aufgestellte Statue des Pindar beschrieben. Da nun 
die Athener bis auf Eonon nur dem Solon, Harmodios und 
Aristogeiton Statuen gesetzt hatten und Isokrates in det 
Bede ircpi dvTibdc€U)c bei der Aufzählung der dem Pindar er- 
wiesenen Ehren nichts von jener Statue erwähnt, so bestand die- 
selbe zur Zeit des Aeschines noch nicht, sondern ist viel später 
gestiftet und jener Brief erweist sich daher als untergeschoben.*) 
EiKi ähnlicher Widerspruch ist es, wenn in einem Brief des 
Sokrates an Xenophon (ßocratis et Socraticarum q>istolae ed, 
Orelli. Leipz. 1815. S. 7. 149) vorausgesetzt wird, dass dieser 
ini Peloponnes wohnt, wo er erst nach Sokrates Tode seinen 
Wohnsitz hatte. Um jedoch auf Grund von Zeitangaben über 
& Aechtheit 'einer Schrift abzuurtheilen, muss man oft die Chro- 
wAogie, besonders auch mit Hülfe der diplomatischen Kritik, bis 
iu Einzelste feststellen und bei einem Anstoss vor allem erst 
prüfen, db nicht absichtliche Anachronismen oder Gedächtniss- 
fcUer vorliegen. (Vergl. oben S. 207.) 

Ausser Ort und Zeit kommen die übrigen Verhältnisse und 
Ilmstände in Betracht, welche die historische Grundlage der Schrift 
Wden. Wenn z. B. in einer Rede oder gar in einem Gesetz 
Unkunde der gleichzeitigen Ereignisse und politischen Einrich- 
tungen hervortritt, so fragt es sich, ob eine solche Unkenntniss 
bä dem vorausgesetzten Verfasser oder dem Gesetzgeber an- 
genommen werden darf. Wegen mannigfacher Widersprüche, 
di« rieh in dieser Beziehung herausstellen, sind viele der in 
deo Reden des Demosthenes eingeschalteten Decrete zu ver- 
werfen. In einem dem Manethon zugeschriebenen Brief wird 
ikr König Ptolemäos Philadelphos mit CcßacTÖc angeredet. 
Pa dies aber eine Uebersetzung des römischen Titels Au- 
gustus ist, zeigt sieh darin sofort die Unächtheit des Schrift- 
sifickes.**) Die Briefe des Phalaris und der Sokratikcr 

•) Vergl. Pindari opcra^ toni. II, pars IJy p. 18 f. 
**) Vergl. Manetho und die Hundsstcmpcriodo (1845) S. 15. 



218 Erster Haupttheil. 5. Abschn. Kritik. 

Inhalts abgeleitete. Es gehört z. B. zur Manier des Enripidc 
dass er seinen Stücken eine Art monotoner Prologe voransschicl 
die Aristophanes in den Fröschen (V. 1208 ff.) yerspott 
Aber die Iphigenie in Aulis hat keinen Prolog, und es läset si 
aus dem Stück selbst nachweisen, dass es in der vorliegend 
Gomposition keinen haben konnte, da das, was den Inhalt d< 
selben bilden müsste, V. 49 — 114 gesagt ist.*) Hieraus di 
man jedoch nicht ohne Weiteres schliessen, die Tragödie sei u 
licht; es Hesse sich ja denken, dass der Dichter darin einmal r 
seiner sonstigen Manier aus irgend welchen Gründen abgewich 
wäre. Selten ist ein einzelner Punkt in der Gompositionswe. 
für das Urthcil entscheidend. Bei Piaton zeigt sich z, B. t 
grösste Mannigfaltigkeit in der Gomposition der einzelnen D: 
löge, so dass man auch Eigenthümlichkeiten, die sich in alJi 
unzweifelhaft ächten Gesprächen finden, nicht immer als durchai 
nothwendige Momente seines Stils ansehen darf. Aber wir idi 
nen den wesentlichen Gesammtcharakter seiner Schriften fM* 
stellen und hierin liegt immer der eigentliche Maassstab f&rdi 
kritische Bedeutung der einzelnen Momente der Schreibwd» 
Bei mehreren dem Pia ton zugeschriebenen Gesprächen gelang 
daher die Individualkritik zu einem völlig sichern Ergebniss. 3 
stehen z. B. der Minos und Hipparchos in offenbarem Widei 
Spruch mit allen Regeln des Platonischen Stils. Dies ze^ 
sich zuerst in der ganzen Anlage der beiden Dialoge. Die Ar 
wie darin die dramatische Form behandelt wird, ist durchac 
unplatonisch, da die mit Sokrates disputirenden Personen ohc 
dramatischen Gharakter und dem entsprechend selbst ohne Name 
sind. Denn dass diese Personen nicht Minos und Hipparchc 
heissen, lässt sich durch combinatorische Kritik leicht zeigen.^ 
Der einzige Dialog, in welchem Piaton eine Person ohne b< 
stimmten Namen einführt, sind die Gesetze, wo die Namen di 
Kleinias und Mcgillos schon gegen die sonstige Gewohnhf 
Platon's erdichtet zu sein scheinen und der athenische Gai 
freund nicht mit Namen genannt ist. Allein dies erklärt si 
aus der Eigenthümlichkeit des Dialogs, in welchem auch Soki 
tes nicht auftritt; in dem athenischen Gastfreund stellt Plat' 
seine eigenen Ansichten dar und alle drei Unterredner bal 



*) Vergl. Graec. tragocd. princip. R. 210 f. 
**) In riatonis, qui vidgo feriur, Minocm. S. 7—10. 



III. Individualkritik. 219 

einen bestimmten Charakter.*) Die jetzigen Titel des Minos 
und Hipparch rühren ohne Zweifel von einem späteren Gramma- 
tiker her; nrsprünglich lauteten sie irepi vöjiiou und irepi q)iXoK€p- 
öouc- Von den acht platenischen Dialogen sind nur zwei: 
der Staat und die Gesetze nach dem sachlichen Inhalt benannt; 
indess bei diesen deutet schon die Form des Titels (TToXireia 
und Nö^ol, nicht 7T€pl iroXiTeiac und irepi v6|liu)v) an, dass in 
ihnen nicht sowohl über den Gegenstand discutirt, sondern dieser 
wlbst; dramatisch entwickelt wird.**) Dringt man nun aber 
nach Maassgabe des Titels tiefer in die innere Anlage des Minos 
and Hipparchos ein, so findet man, dass überall in der Behand- 
lung des StefiPes die tiefe Zweckmässigkeit fehlt, welche in allen 
icbten Dialogen Platon's herrscht, wenn sich der Zweck auch 
oft absichtlich verbirgt.***) Was ferner die Gedankencombi- 
nation betrifft, so ist in den beiden Gesprächen keine Spur 
Ton der aus allen ächten Dialogen bekannten Platonischen Dialek- 
tik, t) Endlich weichen sie in der äusseren Form ganz we- 
sentlich von Platon's Schreibweise ab; dies kann man bis in 
die feinsten Einzelheiten verfolgen, wo zuletzt allerdings nur das 
Gefilhl entscheidet. tt) Es tritt aber bei diesen Dialogen noch 
^Ä anderes Kriterium hinzu; sie zeigen zugleich eine zu grosse 
üebereinstimmung mit den ächten Werken Platon's; es wer- 
den unzweifelhaft Stellen der letzteren nachgeahmt und zwar 
oftmit oberflächlicher oder soga'r missverständlicher Auffassung.ftt) 
1^ man unmöglich annehmen kann, dass Piaton sich in solcher 
Weise selbst compilirt habe, sind die Dialoge ohne Zweifel 
^tergeschoben. Man kann im Allgemeinen sagen, dass die allzu 
pwse Aehnlichkeit eines Werkes mit ächten Schriften eines 
\ 'Wfiissers oft ein stärkerer Beweis fdr die Unächtheit ist als 
^e grosse Abweichung; denn kein originaler Schriftsteller wird 
wine eigene Stilform sklavisch nachahmen. Allein es ist oft nicht 
Ifflcht zufallige oder auch bewusste Wiederholungen desselben 
Gedankens oder derselben Wendungen, die auch bei den besten 
fthriftstellem vorkommen können, von der Nachahmung zu un- 

*) Ebenda S. 69 ff. 
♦*; Ebenda S. 10. 
*••) Ebenda S. 11. 

t) Ebenda S. 12 ff. 

tt) Ebenda S. 15 fl. 

ttt) Ebenda S. 23 ff. 



l 



220 Erster Haupttheil. 2. Abschnitt. Kritik. 

terscheiden. Solche Wiederholungen finden sich häufig bei Ei 
ripides*); auch haben z. B. die alten Redner keinen Anstaz 
genommen ganze Stellen aus eigenen früheren Beden wdrÜic 
zu wiederholen, weil sie weder Zeit noch Lust hatten för eine 
wiederkehrenden Gegenstand nach einem veränderten Ausdruc 
zu suchen. Ganz besonders vorsichtig muss man aber verfahre 
wenn es sich darum handelt zu entscheiden; ob ein SchrifkstelL 
eine fremde Schrift nachgeahmt haben könne. Zunächst *: 
bei einer vorliegenden Uebereinstimmung stets zu prüfen, ob 4. 
selbe nicht zuföUig oder in dem Charakter einer gemeinsana 
Gattung begründet ist. Die holländischen Kritiker haben zuweLl 
voreilig eine Nachahmung vorausgesetzt, wo dieselbe schon chii 
nologiseh unmöglich ist.**) Femer aber finden sich wirklic 
Nachahmungen auch in durchaus klassischen Schriften. Die Tr 
giker haben nicht selten besonders wirksame Stellen aus fremde 
Dramen nachgebildet, ja Verse entlehnt; denn dies war gerade nac 
dem Geschmacke des Publikums.***) In solcher Weise hat So 
phokles den Aeschylos, Euripides den Sophokles an 
Aeschylos vielfach nachgeahmt. Ebenso natürlich waren En^ 
lehnungen bei den Rednern. Die Bede des Andokides tox 
Frieden ist schon im spätem Alterthum als unächt angesehe 
worden, weil eine längere Stelle darin mit Aeschines' Bed 
irepi irapairpecßeiac übereinstimmt. Aber Aeschines hat jen^' 
einfach ausgeschrieben, was er bei einer 50 Jahre früher geha- 
tenen Bede ohne Anstoss thun konnte. Da den Bednem o^ 
wenig Zeit zur Vorbereitung blieb und es ihnen vor Allem at 
die augenblickliche Wirkung ihrer Bede ankam, war eine solch 
Licenz sehr natürlich. Ueber diese Art Plagiat handelt ausfühc 
lieh Meier im Prooemium des Hallischen Lectionskatal. 183: 
[Ojmscula acadcmica IT, S. 307 fl*.]. Besonders wichtig ist es bc 
römischen Schriftstellern den Grad ihrer Originalität griechische 
Mustern gegenüber festzustellen. Wie weit hier bei der Nacl 
ahmung die Grenzen des Erlaubten gezogen waren, beweisen d 
philosophischen Schriften Cicero 's. Er entlehnt ganze Stelh 
fast wörtlich aus griechischen Werken ohne die Quellen anz 



*) Vergl. Graec. trag, princip. S. 248. 
**) Vergl. In Piatonis ^ qui vuhjo fcrtur, Minocm. S. 23 f. Graec, tn 
princip. S. 251 f. 

***) Oracc. trag, princ. S. 242 ff. 



ni. Individualkritik. 221 

geben und rechnet es ^ sich zur Ehre an seine Landsleute auf 
diese Weise unmittelbar mit der griechischen Philosophie be- 
kannt zu machen. Die Art wie er z. B. seinem Cato major eine 
grosse Partie aus Pia ton 's Republik einverleibt hat^ würden wir 
beute als Plagiat bezeichnen. Eine solche Benutzung fremder 
Leistungen darf man nun bei den klassischen Prosaikern der 
Griechen nicht voraussetzen. Bei diesen sind alle Nachahmungen 
ftus originalen künstlerischen Absichten zu erklären. So ist es 
durchaus verkelirt^ die Reden in Platon's Gastmahl als Excerpte 
aus allen möglichen Schriften zu betrachten; aber es werden da- 
nn allerdings bestimmte rednerische Stile nachgeahmt^ was dem 
Ka.log eine hohe mimische Schönheit verleiht und wie beim 
Mencxenos (s. oben S. 120) den künstlerischen Zwecken des Au- 
tors entspricht.*) Die Vergleichung des Platonischen Gast- 
DJa-lxls mit dem Xenophontischen zeigt, wie Piaton bei der 
Nachbildung verfahrt; er nimmt hier die von Xenophon zuerst 
P^^Shlte Form ohne Bedenken auf, behandelt sie aber in einer 
durchaus originalen Weise.**) Zuweilen liegt in der That gerade 
- ^ der Nachahmung die höchste künstlerische Schönheit. Ein 
hervorragendes Beispiel bietet die bekannte Stelle in Sophokles' 
®^ktra (V. 1415), wo Klytemnaestra sterbend dieselben Worte 
AQsstosst wie Agamemnon in dem gleichnamigen Drama des 
Aeschylos (V. 1335): ui juoi ttctiXtitucii, und d» juoi juaX' aö0ic. 
^Tx Zuhörern wurde dadurch die Tragödie des Aeschylos ins 
ß^Schtniss gerufen, und gewaltiger konnte die Macht der Ne- 
^^sis nicht vor ihre Seele treten als durch diese Erinnerung.***) 
Nach allem Gesagten muss die Frage, ob in einem gegebenen 
Falle einem Autor die Nachahmung einer fremden Compositiou 
wzutrauen ist, mit Berücksichtigung aller individuellen Verhält- 
Bi^se und nicht nach einer vorgefassten Meinung von seiner 
Originalität beurtheilt werden. 

Schwieriger als nach dem Stoffe eines Werkes lässt sich 
OÄch der Composition entscheiden, ob es der nationalen Bestimmt- 
bw't des Verfassers angemessen ist oder nicht, da der individuelle 



•) Vergl. die Kritik von Thiersch's Specimen editionis Symposii Pla- 
ianis (1809). Kl. Sehr. VII. S. 137 tf. 

**) ^'^ergl. de simultate quae inier Xetioph, et Fiat, intercessisse fertur. 
Kl. Sehr. IV, S. 5-18. 

**) Vergl. Graecae trag, princip. S. 244 S. 



m. Individualkritik. 223 

L Verfassers finden; aber auch dann ist zunächst zu prü- 
[>lche Abweichungen nicht in der Alaalogie seiner sonstigen 
ksweise eine Stütze finden. Am sichersten ist das Urtheil, 
Jbi die Abweichungen als Eigenthümlichkeiten eines an- 
italters oder einer andern Nationalität erweisen. Ein 
Beispiel dieser Art sind die von Fseudo-Hekatäos 
3. 216) den grossen attischen Tragikern untergeschobenen 
^h habe nachgewiesen ^ dass die Sprache derselben durch- 
(nistisch ist.*) Wenn Huschke (in Wolfs Analekten I, 
dagegen geltend macht; dass eine dort vorkommende^ im 
aus sehr gebräuchliche Formel sich auch beiEuripides 
wird dadurch das ürtheil über die betreflFenden Frag- 
cht geändert; denn man kann daraus nicht etwa schliessen^ 
h die übrigen hellenistischen Formen möglicher Weise 
en gegangenen Stücken der Tragiker vorkommen könn- 
i einigen jener Formen ist dies überhaupt unmöglich^ 
liese dem Gesammtcharakter der Fragmente entsprechen^ 
fest, dass dieser nicht nur zui^Uig mit dem Hellenismus 
immt. Nicht immer lässt sich jedoch eine Schrift ohne 
für unächt erklären^ wenn die Sprache dem Zeitalter 
: Nationalität des vorausgesetzten Verfassers unange- 
st; denn die Sprache kann durch üeberarbeitung ver- 
ein. Besonders häufig ist dies der Fall, wenn wir eine 
lur aus Excerpten kennen. So ist in den Fragmenten 
lolaos zuweilen der dorische Dialekt in die spätere Prosa 
;t und der Sprachgebrauch späterer philosophischer Systeme 
cht.**) Ob ein solcher Fall vorliegt, kann aus der Sprache 
eist nicht entschieden werden. Ob nun etwas mit dem 
jUen Sprachgebrauch eines Schriftstellers , abgesehen von 
Zeitalter und seiner nationalen Bestimmtheit im Einklang 
b sich mit Sicherheit nur ermessen, wenn seine Sprache 
barf abgegrenzten Gyrus hat. So ist die Entscheidung 
Homerischen Gedichten und bei Piaton im Allgemei- 
it schwierig; in der Ilias kann man nach der Sprache 
cht bloss Interpolationen, sondern auch die Verfasser 
lener Theile unterscheiden. Anders ist es z. B. schon bei 
lon; mehrere ihm falschlich zugeschriebene kleine Schriften 

aecae trag, princip. 140 ff. 

rgl. Philolaos de» Pythagoreers Lebren (1819). S. 44. 



m. Individualkritik. 225 

wird. Denn so allein werden die von dem Inhalt^ der Compo- 
ntion und dem Sprachsehatz der Schrift entnommenen Gründe 
einen festen Stützpunkt haben. Nun ist in der Kegel bei einer 
Schrift der Name des Verfassers wieder durch die Tradition ge- 
geben. Ist diese vollkommen zuverlässig und man kennt die In- 
diridualitat des so bestimmten Autors noch anderweitige so kann 
ebenfalls jede Abweichung von, derselben nur durch Emendation 
des Textes gehoben werden. So ist z. B. die unter Euripides 
Namen erhaltene Iphigenie in Aulis vielfach der Individualitat 
desEuripides imangemessen. Dass das Stück aber von diesem 
ist, steht durch äussere Zeugnisse fest. Der Widerspruch hebt 
ach nur durch Annahme einer doppelten Becension und diese 
lassi sich aus der Beschaffenheit der Lesarten nachweisen.*) Ein 
tnderes Beispiel bieten die Fragmente des Fhilolaos. Dass 
dieser Pythagoreer ein Buch irepl qpüceujc geschrieben^ ist sicher 
bezeugt^ ebenso geht aus den Zeugnissen hervor ^ dass ausser 
dieser ächten Schrift keine andere unter dem Namen des Fhi- 
lolaos bestanden hat. In der That stimmen nun die erhaltenen 
Fragmente mit dem überein^ was über Inhalt und Eintheilung 
j^er Schrift überliefert ist; und sind ausserdem im Ganzen im 
BnHaag mit den Lehren der Fythagoreer^ soweit wir sie aus 
goten Quellen kennen. Wenn sie nun andrerseits z. Th. in 6e- 
dsnken und Sprache wieder das Gepräge einer spätem Zeit und 
W)nders der peripatetischen und stoischen Schule tragen^ so 
darf man sie deshalb nicht — wie dies neuerdings besonders 
Schaar Schmidt gethan hat — für unächt erklären; die Emen- 
dstion ergiebt sich auch leicht^ da der ursprüngliche Text offen- 
W in den Excerpten nicht in höherem Maasse verändert ist, 
•1« dies in der Geschichte der Fhilosophie bei Anführungen häufig 
•Wtfindet**) Ein anderer^ ganz sicherer Fall liegt bei den 
Platonischen Gesetzen vor. Die Aechtheit der Schrift ist 
ebenfalls durch äussere Zeugnisse zweifellos festgestellt; wir wären 
Didess in Verlegenheit, wie wir die vorhandenen Abweichungen 



*) Vergl. Graecae tragoediae principum Aeschyli, Sophodis, Euripidis, 
ea quae supersunt et genuina otnnia sint et forma primitiva servata, an 
nrum famüiia aliquid debeat ex üs tribui. Heidelberg. 1808. Daza die 
Mbfltanzeige dieser Schrift. El. Sehr. YIl. 99 — 106. 

*♦) Fhilolaos, des Pythagoreers Lehren nebst den Bruchstücken seines 
Werkes. Berlin 1819. Ueber Schaarschmidt's Kritik vgl. Kl. Sehr. 111, 

8. 321. . 

BOckh's Encyklopädie d. philolog. Wusensohaft. 16 



m. Individualkritik. 227 

wnsste beim Erscheinen der Briefe über die Imcinde sofort, dass 
er der Verfasser war; nirgends ist sein Geist so ganz wie hier. 
65ttiger war es nicht möglich in einer anonymen Schrift, wie 
in seinem Aufsatz gegen Hirt's Hierodulen seine scharf markirte 
Persönlichkeit zu verbergen.*) Doch trügt in ähnlichen Fällen 
das Urtheil ausserordentlich leicht. So wurde bekanntlich Fichte's 
;,Kritik aller OflFenbarung'', die ohne sein Vorwissen anonym ge- 
dnickt war, allgemein als ein Werk Eant's angesehen, bis die- 
ser den wahren Verfasser bekannt machte. Wie leicht ist eine 
solelme Tauschung bei Werken des Alterthums möglich, wo die 
Verhältnisse unendlich viel unklarer sind! Man wird also eine 
atte Schrift einem Verfasser nicht schon deshalb zuschreiben 
kö&xien, weil sie ihm nicht unangemessen ist, sondern nur wenn 
iMeh andere äussere Beweise hinzutreten. Wir wissen z. B. nicht, 
▼er der Verfasser der Rhetorik ad Hermnium ist. Dass es 
Cicero nicht sein kann, ergiebt sich aus inneren Gründen, ebenso 
dass die Schrift in der Sullanischen Zeit geschrieben ist. Da 
aber hier eine ganz unbestimmte Zahl von Möglichkeiten vor- 
^^> ist es durchaus unkritisch, wenn man z. B. irgend einen 
ibeiorischen Schriftsteller jener Zeit herausgreift, bloss weil das, 
▼M wir Yon ihm wissen, im Einklang mit dem Charakter jener 
Scbrifkist; es war ein ganz willkürlicher Einfall von Schütz den 
Antonius Gnipho als Verfasser au&ustellen. Solche unbe- 
grttadete Hypothesen finden sich vielfach in Wernsdorf's Aus- 
gabe der Poetae latini minores (Altenburg u. Helmstedt 1780 bis 
1799, 6 Bde.). Die combinatorische Kritik erfordert eben sichere 
*tt88ere Anhaltpunkte, wenn sie zu positiven Ergebnissen füh- 
fßß 8olL Solche Anhaltpunkte sind zunächst historische Ereig- 
'"we, welche mit dem Inhalt der Schrift in Beziehung stehen. 
8o kannte man z.B. Q. Curtius Rufus, den Verfasser der his- 
^f^ Alexandri Magniy nur dem Namen nach; es findet sich 
^ in der Schrift (X, 9) eine historische Anspielung auf Er- 
Qgniase, die der Verfasser als eben erlebte schildert; auf welche 
fnignisse hier angespielt wird, ist nun historisch zu ermitteln 
nnd es ist dies auf verschiedene Weise versucht worden; am 
wahrscheinlichsten ist die durch andere äussere und innere Gründe 
onterstützte Ansicht, dass es sich in jener Stelle um die Vor- 
gange bei der Ermordung Caligula's handelt, so dass das Buch 



♦) VergL üeber die Hierodulen. Kl. Sehr. VIJ. S. 675 ff. 

16* 



III. Individualkritik. 229 

^^ ist daher höchst wahrscheinlich, dass sich das Citat auf diese 
^^lle bezieht und also Eritias, der Sohn des Eallaischros 
^«t Verfasser der pseudoxenophontischen Schrift ist; alles, was 
^ historisch von ihm wissen, stimmt mit dieser Annahme über- 
eil.*) Natürlich muss man bei der Aufsuchung verdeckter 
Qrtate mit der grossten Vorsicht zu Werke gehen. Gruppe 
(Ariane S. 561) will z. B. aus einem Oitat bei Athenäos fol- 
gej-zi, dass die Iphigenie in Aulis nicht dem Euripides, sondern 
dezMiM, Ghaeremon zuzuschreiben sei. Allein' bei Athenäos ist 
an Jener Stelle das ganz unbestimmte Oitat aus Ghaeremon 
den. sonstigen Zeugnissen über die Iphigenie gegenüber ohne 
all^ Beweiskraft**) Da durch diese Zeugnisse in Verbindung 
mi^ innem Gründen die Aechtheit der Tragödie ausser Zweifel 
geR-fcellt wird, kann es sich nur darum handeln den Urheber der 
llel>€rarbeitung zu ermitteln, welche sich als Ursache der jetzigen 
Beschaffenheit des Textes ergab (s. oben S. 225). Hierbei ist 
nat^Qirlich dasselbe Verfahren einzuschlagen wie bei der Ermitte- 
bng des Verfassers einer Schrift. Nun wissen wir aus einer 
Didaskalie, dass die Iphigenie kurz nach dem Tode des berühm- 
ten Euripides durch dessen gleichnamigen Neffen aufgeführt 
iib und durch Gombination anderer historischer Thatsachen er- 
gebt sich, dass dies eine zweite Aufführung war. Bei derselben 
vt die Ueberarbeitung hauptsächlich mit Rücksicht auf die in- 
swischen gegebenen Frösche des Aristophanes vorgenommen; 
wodurch sich die Eigenthümlichkeit dieser Ueberarbeitung grossen- 
iheilg erklärt. In einem Ghorgesang, der an die Stelle eines 
firOheren getreten, findet sich eine dem Schiffskatalog der Ilias 
nAebgebildete Aufzählung der Schiffe, und sie entspricht durch 
ihre eigenthümliche Form wieder einer historischen Notiz, wo- 
>^Ii dem jüngeren Euripides eine Becension des Homer zu- 
8^8chrieben wird. Aus allen diesen Umständen folgt, dass der 
jbgereEuripides das Drama in die jetzige Form gebracht hat.***) 
Die combinatorische Eritik ist gleichsam ein kritisches Pan- 
"»ticm; denn wie das Pankration aus einer dTeXfjc ixakr] und die- 
^ mrr^ifj bestand, hat sie ihre Stärke in der künstlichen 
f eibindung eines unvoUltommenen oder unvollständigen äusse- 

*) StaaUbaoBh. der Athener I, S. 433 ff. 
**) Vergl. Graec, trag, princ. S. 289 ff. 
*^ Vergl. Graecae tragoediae princ. p. 214 fl'. und Kl. Sehr, Bd. V, 
J2l Anm. 120, Bd. IV, S. 189 ff. 



230 Erster Hanptthoil. S, Äbschn. Kritik. 

ren Zeugnisses mit unTollstHtidigen innem GiündeD. Da ab« 
die iuncm Grilnde Itir sich immer unznlünglicli äind, so ist die 
combinatorisclte Kritik überall aotliwendig, wo die PLiiaBereii Zeng- 
iiiBse nicht zureiclien. Nun sind seibat die vollatündigsten An- 
gaben über die Individualität eines Autors ungeiiUgend, wenn ihre 
Glaubwürdigkeit zweifelhaft ist. Daher ruht die gesammte In- 
dividualkritik schliesslich auf der Prüfung der GlaubwOrdigkeit 
der äusseren Zeugnisse. 

Um f3r diese Früfting eine sichere Basis zu haben muw 
man sich khir machen, durch welche Ursachen und in welchem 
Umfange die Tradition über den Ursprung der antiken Schriil- 
werke getrUbt ist Die ültesten Werke stammen aus einer ZeiL 
wo die Bchrift noch nicht gebräuchlich war; es sind Dichtungen 
die ursprünglich nur durch Sänger oder Rhapsoden forl^epflanc 
wurden; der Name dos Sängers wurde schnell vci^ssen; jede'3 
der die Dichtung vortrug, konnte sie umgestalten and weit^ 
t'urtfillii'cn. Daher hat hier die combinatorisehe Kritik den we: 
testen Spielraum. Sie kann bei den Uomerisehen Gedichte 
nicht darauf ausgehen eine oder mehrere historische Peraönlicl] 
keiten als Verfasser nachzuweisen, sondern hat nur die Gommia 
suren der einzelnen Bestaudtheile zu bestimmen; wie diese Be 
Ktandtheilc zu einheitlichen Werken zusammengefegt wurden, er- 
klärt sich dann historisch aus der Wirksamkeit der ionischen 
Sängerzilnfte.*) In analoger Weise wird sich die Kritik auf die 
Hesiodeischen Gedichte beziehen; nur ist man in den Werim 
und Tagen im Stande die Persönlichkeit des ersten Verfaswra 
aus Angaben des Gedichtes selbst bis zu einem gewissen Giwie 
festzustellen. Bei den cyklischen Epen sind die Namen der ach- 
ter schon sicherer überliefert; die Gedichte wurden seltener Torgi- 
n, waren von Anfang an aufgezeichnet, und über ihreVH- 

!r konnten wenig Zweifel entstehen. Ganz unsicher mnnte 

Igen die Tradition über die vorhomerische Dichtung MB. 

I sich von dieser uralte Beste besonders durch die Onkd 
I Mysterien erhalten haben, unterliegt keinem Zweifel; abti 
I in der SolonischeaZeit die mystisclie Schule an jeneUeW- 

"ungen anknfipAe, entstanden neue Gesänge, die man dau 
Orpheus, Musäos, Ölen u. s. w. zuschrieb. Bei allei 

rfe iiiToßohQ Homerica. Prooemiuiu auni l^i^ktionnkatal. i8» 




IIL Individualkritik. 231 

^ erhaltenen Fragmeni;en der mystischen Poesie kann daher 
^ie Aufgabe der combinatorischen Kritik nur sein^ den Ideen- 
ireiü und Charakter der ältesten Dichtung annähernd zu ermit- 
telix und die spätere Umgestaltung auf ihre Urheber zurückzu- 
fäbjren. Auch in der Blüthezeit der griechischen Literatur vor 
ijristoteles war die Tradition über die Verfasser der Werke 
^ft sehr wenig gesichert Ein regelmässiger Buchhandel bestand 
ic^ini*) Die Schriftsteller setzten keineswegs immer dem Titel 
Schrift ihren Namen bei; so waren sicher Platonische Dia- 
und Schriften von Xenophon ohne Namen im Umlauf 
Verfasser waren genügend bekannt^ so lange die Literatur 
einen massigen Umfang hatte. Für philosophische Schriften 
)ilL«].ete sich übrigens zuerst eine festere Tradition in der Pla- 
tonischen Akademie. Doch wurden hier zugleich Schriften 
^«Ä^asst, welche nur nach der Schule als Platonische bezeich- 
nete später, leicht dem Pia ton selbst beigelegt werden konnten. 
AeHnlich sind die Schriften des Aristoteles mit Beiträgen 
v(m seinen Schülern vermischt worden.**) Wie wenig die dra- 
mulnflchen Werke selbst der grössten Dichter vor Verunstal- 
tungen geschützt waren^ beweist das bekannte Gesetz des Ly- 
burg (s. oben S. 187); umgearbeitete Stücke wurden aber bei 
fer AufFtthrung mit dem Namen des Ueberarbeitei*s angezeigt^ 
was dann in die Didaskalien überging.***) Noch in der glän- 
Kndsten Zeit der attischen Beredsamkeit wurden eben gehaltene 
Keden ohne Namensbezeichnung zum Lesen herumgegeben. So 
^k^rt sich z. B. allein die Kritik ^ die Dionysios von Halikar- 
UIB8 an mehreren Reden desDinarch übt; indem er nachweist^ 
daas sich dieselben durchaus nicht den Lebensverhältnissen und 
^r Zeit desDinarch eiüfügen lassen. Als man nämlich anfing^ 
die immer mehr anwachsende Schriftenmasse zu sammeln ^ war 
lÄ vielen Fällen die Tradition bereits erloschen oder unsicher ge- 
worden und der Verfasser wurde dann nach Muthmassung und 
i^enfalls oft irrthümlich bestimmt. Die Unsicherheit wurde noch 
<lidarch vermehrt, dass bei manchen anonymen Schriften, wie 
W Pamphleten, der Autor überhaupt unbekannt geblieben, 
iosserdem verwechselte man nun gleichnamige Schriftsteller; so 



•) Vergl. Graec. tragoed. princ. S. 10 flf. Staatshaush. der Ath. I, S. 68 f. 
••) VergL Graec. trag, princ. S. 99. 
***) Ebenda S. 34. 228 ff. 



232 Erster Haupttheil. 2. Abschn. Kritik. 

sind z. B. dem berühmten Hippokrates vielfacli Schriften y< 

Aerzten aus seiner Schule beigelegt, in welcher sein Name foi 

erbte.*) In der spätgriechischen Zeit sind viel gröbere Ve 

wechselungen vorgekommen, wie wenn eine Schrift nepi dpM 

veiac von Demetrios aus Alexandria, der unter Marc Aur 

lebte, dem Demetrios aus Phaleron beigelegt ist Eine ne 

Quelle des Irrthums wurden die Uebungsreden und Briefe, die 

den Rhetorenschulen unter dem Namen und zur Nachahmung l 

rühmter Männer gefertigt wurden; es entwickelte sich hieraus au« 

ausserhalb der Schulen eine eigene Literaturgattung und solche Fi 

tionen wurden später vielfach als acht angesehen; die uns c 

haltenen Briefe Platon's galten z. B. schon zu Cicero's Zeiti 

als acht. Bei den unkritischen Romern wirkten in der alter 

Literatur dieselben Ursachen der Verwirrung wie bei den Grieche 

nur in noch höherem Maasse. Eine kritische Sichtung der Ti 

dition beginnt erst durch die alexandrinischen Grammatiker; < 

Kritik derselben war vortrefflich, sie hatten ein reiches Mater 

vor sich und unterschieden die Charaktere der Gattungen n: 

einzelnen Schriftsteller mit grosser Feinheit Trotzdem mu8st< 

auch sie bei der verworrenen Tradition irren, insbesondere wen 

von Autoren wie Piaton und Pin dar viele kleine Werke bi 

her zerstreut im Umlauf waren**), die nun zum ersten Mal geean 

melt wurden; denn hier lag, wie oben (S. 213) bemerkt, in de 

Schärfe der Kritik selbst eine Verleitung zu verkehrten Urthd 

len. Zugleich aber trat jetzt eine Trübung der Tradition durd 

absichtliche Fälschung ein. Das Motiv der Fälschung wa 

zuerst Gewinnsucht; seitdem die Ptolemäer und Attaliker alt 

Bücher theuer bezahlten, wurde es ein vortheilhaftes Geschah 

obscure oder selbst -zusammengeschriebene Schriften berühmte 

Namen unterzuschieben. Aus solchen Quellen floss auch de 

Neupythagoreismus, welcher die Sucht- nach geheimen Kenn 

nährte und dadurch die Fälschung noch mehr befördert 

liben der Gewinnsucht trieb Bosheit zu literarischem Betro 

'Bo schrieb Anaximenes von Lampsakos, der eine besonde 

Fertigkeit in der Nachahmung fremder Stile besass, unter d( 

Namen seines Feindes Theopomp eine Schrift mit dem Ti 



♦) Vergl. Graec, trag, prim, S. 99. 112. 231. 
••) Ueber die kritische Behandlung der Piudarißchcn Gedichte. Kl. S 



III. IndWidualkritik. 233 

TpiiroXiTiKÖc voll Schmähungen gegen Athen ^ Sparta und Theben, 
(/urch deren Verbreitung er den Theopomp in Hellas noch ver- 
bBSster machte^ als er bereits war. Sobald das Buch herausge- 
ge^l>en war, erklärte Theopomp, dass er nicht der Verfasser sei ; 
af>^r man glaubte ihm nicht, weil seine Schreibweise darin ausser- 
onc3«nt]ich gut nachgebildet war (vergl. Pausan. VI, 16). Andere 
FaLlschungen erklären sich aus dem Bestreben den eigenen An- 
gicslsten eine möglichst hohe Autorität zu sichern; zu diesem 
Zwecke sind theils ganze Schriften luiter fremden berühmten Na- 
m^si herausgegeben, theils für Behauptungen Beweisstellen er- 
fttjrsden worden, die in Wirklichkeit nicht existirten. Es giebt 
i, "B. eine Schrift irepl Troxamliv, angeblich von Plutarch, worin 
W'^rke citirt werden, die nie existirt haben. Besonders haben 
ia solcher Weise Juden und Christen Fälschungen in majorem 
i^^» glcriam vorgenommen; sie bestrebten sich darzuthuu, dass 
4i^ griechische Weisheit aus der Bibel stamme und modelten 
W^Tzu nicht nur die Aussprüche der alten Dichter und Weisen 
DÄch ihren Zwecken um, sondern schoben ihnen auch kürzere 
'Äid längere Stellen in Versen imd Prosa unter. Je mehr in der 
i^^chalexandrinischen Zeit die Kritik abhanden kam, desto grösser 
^"Tirde die durch Irrthum und Betrug bewirkte Trübung der Tra- 
dition. Mit der Ausbreitung des Buchhandels in der römischen 
Zeit traten auch durch die Abschreiber und Correctoren neue 
Fehler ein. Es wurden nicht bloss die Glossen in die Texte 
«ingeschrieben, sondern auch ganze Abschnitte oder kleinere 
Schritten, die einem Werke aus irgend welchem Grunde ange- 
Ägt waren, zu dem Text selbst gerechnet. Bei Sammlungen 
mehrerer Schriften von verschiedenen Verfassern gingen zuweilen 
die Titel verloren; die Werke verschmolzen dann, oder einCorrec- 
tor ergänzte einen fehlenden Titel nach Muthmassung mit der 
Bezeichnung ut videtur, die bei späteren Abschriften leicht fortfiel 
^ 9, w. Die Corruption durch die Abschreiber dauerte natürlich 
Mn Mittelalter fort, und auch während dieses Zeitraums, beson- 
^aber zur Zeit der Renaissance, kamen absichtliche Fälschungen 
▼or, meist zu dem Zwecke, sich durch Veröffentlichung alter Texte 
wichtig zu machen. Besonders berüchtigt ist in dieser Beziehung 
Annius von Viterbo (1432-^1502), der eine ganze Reihe von 
angeblich alten Texten fabricirt hat. Die Schrift 3L Tnllii Cicc- 
rofiis Consdatio. Liber nunc prhnum repcrim et in lucem cditns, 
Cöhi 1583 stammt von dem berühmten S ig onius (1524 — 1584), 



somit als Fälscher entlarvt und daher verlor sein Zeug- 
e Bedeutung gegenüber den innern Gründen, die gegen 
htheit der Inschrift sprechen; sie war zu demselben Zweck 
1 wie die Citate seines Buches.*) Aehnlich war es bei 
igeblich im Gebiet des alten Kyrene aufgefundenen in 
scher und griechischer Sprache abgefassten Inschrift; sie 
ron Kennern wie Gesenius als Fabrikat eines Gnostikers 
I 5. — 6. Jahrh. angesehen, bis ich nachwies, dass der 
Zeuge, der französische Ingenieur Grongnet auf Malta, 
er Direction des gelehrten Marquis de Fortia d'ürban 
iine andere Inschrift gefälscht, die mit der kyrenaischen 
denz gemeinsam hatte die abenteuerlichen Ansichten des 
über die Atlantis durch scheinbar uralte Documente 
h zu machen.**) Wie aber selbst die Zeugnisse notori- 
alscher durch die Individualkritik Beweiskraft erhalten, 
an am besten an der Inschriftensammlung Fourmont's 
-. Er hat auf seiner Reise in Griechenland (1729 — 30) 
)S8e Anzahl von Inschriften abgeschrieben, und der 0ha- 
lieser Copien lässt sich durch Vergleichung mit noch vor- 
jn Originalen feststellen; allein der leichtsinnige Abb^ hat 
, um seine Entdeckungen noch wichtiger erscheinen zu 
eine Reihe von Monumenten erfunden; bei mehreren ist 
iz klar und aus diesen lässt sich sein Verfahren bei Fäl- 
n ermitteln; hieran hat man dann einen Maassstab zur 
ilung seiner Zeugnisse in Fällen, wo die Originale seiner 
ften nicht mehr aufeufinden sind.***) 



m. Individualkritik. 287 

BegeTsTode im 1. Bande seiner gesammelten Werke abgedruckt 
Wurde, erklärte Schelling; dass er selbst und nicht Hegel der 
Ver&sser sei; mehrere Hegelianer, besonders Rosenkranz und 
Michelet, bestritten diese Behauptung und der Aufsatz ist in 
\ejr That auch in die 2. Aufl. der H^gelschen Werke wieder 
:i^genommen; vergl. Michelet, Schelling u. Hegel, oder Beweis 
^sr Aechtheit der Abhandlung etc. Berlin 1839. Wahrscheinlich 
b die Abhandlung von den beiden Philosophen gemeinsam ver- 
J3si Besonders irreleitend ist zuweilen bei Pseudonymen Schrift 
Kx. das Zeugniss des Autors über den angeblichen Verfasser, 
i^ unter Xenophon's Namen erhaltene Anabasis wird allgc- 
L^in als ächte Schrift desselben anerkannt; aber sie wird in 
eixier griechischen Geschichte an einer Stelle, wo sie erwähnt 
ein mOsste (HI, 1, 2), voUdtändig ignT)rirt; dagegen wird dort 
er^irähnt, der, Feldzug des Eyros sei von Themistogenes aus 
Syrakus beschrieben: denn anders lassen sich dem Zusamigen- 
Viange nach die Worte GemcTOT^vei CupaKOciui TeTPCtTTiai nicht 
wohl verstehen. Es ist dies kaum anders zu erklären als durch 
fie Annahme, dass die Anabasis von Xenophon pseudonym 
herausgegeben ist; denn dass wirklich nicht er, sondern Themisto- 
genes der Verfasser derselben sei, ist undenkbar; wohl aber 
^amie er sich wegen der hervorragenden Rolle, die er in der 
Enahlung spielt, veranlasst fühlen die Schrift unter dem Namen 
eines Hannes zu veröffentlichen, der mit ihm jedenfalls in naher 
Verbindung stand, ihm vielleicht auch bei der AusarB^itung be- 
bUflich gewesen war. Es war dies indess jedenfalls nur eine 
»Qssere Convenienz und Niemand war deswegen über den wahren 
Verfasser zweifelhaft, dessen Name dann später von den Gram- 
"i^tikem auf den Titel gesetzt wurde und den Namen des The- 
mistogenes verdrängte. Dahin weisen auch die Zeugnisse der 
-Wien. S. Plutarch, de (jlor. Athen, L; Suidas ed. Küster, 
▼. ecuicTOT^vnc; Tzetzes, Chil VH, 930.*) . 

Nächst dem Verfasser einer Schrift sind seine Zeitgenossen 
<& zuverlässigsten Zeugen. Stehen sie indessen dem Autor per- 
iBnlich fem, so ist es leicht möglich, dass auch sie schon einer 
ftlschen Tradition folgen; dies konnte nach den obigen Ausfüh- 
nmgen selbst in der besten Zeit der griechischen wie der römi- 
schen Literatur der Fall sein. Am besten unterrichtet sind na- 

•) VeigL KL Sehr. VII, S. 598. 



zu wenig Kritik besass^ als dass ohne äussern Änstoss 
1 an der herrschenden Meinung in ihm entstehen konnten, 
banpt ist ein positives Zeugniss über den Verfasser einer 
;, das nicht von diesem selbst oder seiner nächsten ümge- 
herrührt, entweder der Ausdruck der herrschenden Meinung 
iiner kritischen Vermuthung und also in jedem Fall — so- 
ies möglich — nach innern Griinden zu prüfen. Bei dieser 
lg ist es ein sehr wichtiges Präjudiz, wenn die betreflFende 
: im Alterthum für unächt erklärt worden ist; die negative 

wurde bei den Alten sehr selten leichtfertig gehandhabt 
ir Urtheil stützte sich auch in den spätesten Zeiten auf ein 
ich viel reicheres Material, als uns erhalten ist. Wenn 
> eine grosse Anzahl von Plautusstücken als unächt verwarf, 
ie er dazu sicher die triftigsten Gründe*), und wären diese 
! erhalten, so würden wir kaum sein Urtheil modificiren 
1. Im höchsten Grade werden die Athetesen der alexan- 
ihen Grammatiker fiir uns massgebend sein, und es ist ein 
tzlicher Verlust, dass so wenig von ihrer Kritik erhalten 
ro aber kein Präjudiz aus dem Alterthum für die Verwer- 
iiner Schrift vorliegt, werden wir in der negativen Kritik 
rorsichtiger sein müssen als die Alten. Wir müssen immer 
» Tradition ausgehen und versuchen, ob sich die unver- 
jen positiven Zeugnisse für den Ursprung einer Schrift durch 
latorische Kritik bestätigen und vervollständigen lassen. 
18 Urtheil irgendwie schwankend ist, gilt der Grundsatz: 

praesumüur gemnnus liber, dorne demonstrettir contrarium. 



IV. Gattunj^kritik. 24 l 

bei der Gattungskritik sein, so bedarf man; um sich darüber zu 
Terstilndigen, doch gewisser Begriffe, vermittelst deren jenes Un- 
aussprechliche reproducirt wird, allgemeiner Umrisse für die 
Wiedererinnerung; dies sind die Regeln der Theorie, welche aus 
den Werken des Genies abstrahirt und durch den wissenschaft- 
lichen Geist verbunden und lebendig erhalten werden müssen um 
nicht im System zu erstarren; das erste grosse Muster einer sol- 
chen Theorie ist die Poetik des Aristoteles. Dass die theo- 
retischen Regeln nicht abstract erfunden werden können, folgt 
aus der Natur des Genies, denn dies ist durchaus individuell; in 
ÜJO ist das Allgemeine und Besonderste geeint, nur das All- 
gemeiiie aber lasst sich aus abstracten Priucipien ableiten. Da- 
her hat auch das Alterthum eine andere Theorie als die neuere 
Ze>^> weil das Genie in beiden in verschiedener Gestalt aufge- • 
treteü igt; begrifflich kann man diese Verschiedenheit gleichsam 
im U mriss zeichnen ; aber man erhält dadurch nur leere geome- 
trische Figuren, die erst durch die Anschauung der Kunstwerke 
ansgef&llt werden müssen« Da man nun hiemach den Maassstab 
för die Gattungskritik nur in der generischen Auslegung selbst 
findet, und diese die Voraussetzung der Individualkritik ist, welche 
wieder den Knotenpunkt der übrigen Arten der Kritik und Her- 
iDeneutik bildet (s. oben S. 214): so steht dadurch auch die Gat- 
fongskritik in bestandiger Wechselwirkung mit allen andern phi- 
lologischen Functionen. Das Urtheil darüber, ob ein Werk im 
Bnzelnen oder in seiner Totalität seiner Kunstregel angemessen 
^, harn demnach nur auf Grund der genauesten und allseitigsten 
Untersuchung abgegeben werden. Die beiden fernem Aufgaben 
^ ^r Kritik, die sich j)ei einer vorliegenden Unangeraessenheit er- 
8*ben, fallen aber hier nie, wie bei der Individualkritik (s. oben 
°- 209 f.) zusammen; denn jeder Schriftsteller kann in der That 
8^en die individuelle Kunstregel seines Werkes fehlen, sowie er 
Pgen die Sprachgesetze und die historische Wahrheit fehlen 
*«nn. Man wird daher immer bei einer wirklichen Disharmonie 
^ untersuchen, was in dem vorliegenden Falle das Angemes- 
sene gewesen wäre um danach dann ermessen zu können, was 
is Ursprüngliche gewesen ist; letzteres kann nur mit Hülfe der 
Individualkritik ermittelt werden. Es ist nicht nöihig dies weit- 
läufiger auszuführen. 

Die Gattungskritik nimmt in den verschiedenen Gattungen 
der Literatur selbst einen verschiedenen Charakter an. Nur darf 

Böckh'i Encyklopädie d. philolog. Wiasenschaft. 10 



242 Ersl^T Hanpttheil. 2. Abschn. Kritik. 

man sie nicht nach ganz üussorlichcn Merkmalen zerspalten, in- 
dem man den Eintheilungsgrund von dem Schreibmaterial der 
Schriftwerke hernimmt und z. B. ein Critica lapidaria und num- 
maria unterscheidet (vergl. M äff ei, Artis criticae lapidariae quac 
exsfnnt ed. Donatus in dessen Supplein, ad Tliesaur, MuraL tom. 
I. Lucca 1765). Dergleichen als eigene Arten der Ejritik hervor- 
zuheben ist eine rohe Sachpedanterei, von der man sich ganz 
losmachen muss, wenn die Philologie den Namen einer Wissen- 
schaft verdienen soll. Für die Eigenthümlichkeit der philologi- 
schen Functionen ist es gleichgültig, ob eine Schrift, an welcher 
sie geübt werden, auf Stein oder Papier überliefert ist Freilich 
entstehen daraus Besonderheiten in der Anwendung der allgemeinea 
(besetze *, aber dies sind nur äusserliche Modificationen der dipL 
matischen Kritik (s. oben S. 188 If.). Dagegen enthalten di__e 
(jlattungen der Literatur einen wesentlichen Eintheilungsgrund f tr^ — y ^ 
die Gattungskritik (s. oben S. 144 ff.). Die Kritik der Prosa werl 
verfahrt in einem ganz andern Ueist und nach andern Gresichi 
punkten als die Kritik der poetischen Literatur. In letzterer 
terscheidet sich die Kritik des Epos, der Lyrik und des 
zwar ebenso sehr wie die der drei entsprechenden Prosagattung^^«22. 
allein man hat sich gewöhnt vorzugsweise diese mit besonder^H^ 
Namen zu bezeichnen, nämlich als historische, rhetorische und v^^ 
senschaftliche Kritik. Die historische Kritik in diesem Sinn^ ki 
verschieden von derjenigen, welche die Schriftwerke nach il&xvj] 
realen historischen Bedingungen misst (oben S. 206), inc3em 
sie vielmehr untersucht, ob dieselben nach Form und Inhalt der 
historischen Kunst angemessen sind. Die rhetorische Kritik, 
welche — wie Dionysios von Halikarnass 'beweist — imAlteX"- 
thum vortrefflich geübt wurde, ist ebenso eine Beurtheilung d^^ 
rhetorischen Kunst, die natürlich nicht bloss in eigentlichen B^^ 
den hervortritt, ebenso wenig als die historische Kunst auf G^' 
Schichtswerke beschränkt ist. Die wissenschaftliche Kritik enJ ^^ 
lieh bezieht sich auf die in der Philosophie und den Einzelwis-* 
sensehaften ausgesprägte wissenschaftliche Form und auf den g^ 
sammten Stoff aller Schriftwerke nach seinem wahren Gehalt und 
den Graden seiner Wahrheit, da die Erforschung der Wahrheil 
(las Ziel der philosophischen Kunst ist. W^ir können nicht spe- 
eiell auf alle Arten der Gattungskritik eingehen. Ich hebe nur 
)>eispiels weise (anige wichtigere Punkte hervor. 

1. Eine Seite der poetischen Kritik ist die metrische 






i 



rV. üattungskritik. 243 

welche sich auf den wichtigsten Theil der äussern Form der 
Dichtung bezieht (s. oben S. 154 f.). Die Gesetze der Metrik 
sind nicht ein für alle Mal gegeben ^ so dass man daran einen 
festen Maassstab für die Beurtheilung der einzelnen Gedichte hätte. 
Allerdings sind diese Gesetze schon im Alterthum durch Analyse 
der Metra gefunden, welche sich zuerst in der Ausübung der, 
Kunst gebildet hatten; wir haben demgemäss alte Ueberlieferungen 
über die metrischen Formen und müssen daran anknüpfen. Diese 
Ueberlieferungen haben für die Kritik den Werth äusserer Zeug- 
nisse; sie sind aber sehr allgemeiner Natur und müssen durch 
die Analyse der Werke ergänzt werden^ wodurch das Metrum der 
einzelnen Gedichte und ganzer Gattungen erst genau festgestellt 
wird. Dies kann indess nur geschehen, indem die Kritik nach 
innem Gründen und durch Combination beständig ermittelt, wel- 
ches in jedem vorliegenden Falle die ursprüngliche Form des 
Iffetrums gewesen ist. Hierbei zeigt sich, wie wichtig die me- 
tjrische Kritik für die diplomatische Beurtheilung des Textes und 
damit fQr alle übrigen Arten der Kritik, insbesondere für die 
grammatische ist; denn man wird eine Lesart für unrichtig an- 
heben, wenn sie der metrischen Form nicht entspricht. Freilich 
^iritt hier sehr leicht eine petitio prindpii ein, da man ja die me- 
fcirische Form selbst häufig nur auf Grund der gegebenen Lesarten 
inmien kann und wenn man dabei einem falschen Texte folgt, 
unrichtigen Resultaten gelangt, nach denen dann vielleicht 
rhtige Lesarten ohne Grrund verändert werden. So nimmt man 
K. B. bei katalogenartigen epischen Gedichten, wie bei der Theo- 
^oide des Hesiod und dem Schiffskatalog in der Ilias fünfzeilige 
P«rikopen an; aber um diese Form durchzuführen, müssen nicht 
wenige Verse als Interpolationen ausgeschieden werden. Stellt man 
ttun die Perikopenform etwa deshalb als Regel auf, weil mehr- 
wh fünf Verse einen Gedankenabschnitt bilden und stösst dann 
Verse als interpolirt aus, weil sonst die Regel nicht durchzu- 
fahren, d. h. eben keine Regel wäre, so ist dies eine petitio prin- 
^i. Vermieden wird dieselbe, wenn die ausgestossenen Verse 
Vieh ohne Rücksicht auf das Metrum als unächt nachgewiesen 
irerden können; die Annahme der Perikopenform aber wird nur 
dsnn begründet sein, wenn man nachweist, dass die Gedanken- 
ftbflchnitte nicht bloss zufällig mit der bestimmten V(?rszahl zu- 
sammenfallen können. Vergl. Gottfr. Hermann, de Hesiod i 
Jlieogoniae forma antiquissima. Leipzig 1844. Aelmlich verhält 

IG* 



244 Erster Ilaupttheil. 2. AWhn. Kritik. 

es sich mit der Eintheiliing Horazischer Oden in vierseilige 
Strophen, wie sie von Lachmann (Zeitschr. f. die Alterth. W. 
1845, S. 461) und Meineke (Praefatio seiner Horaz- Ausgabe) ^ 
versucht ist. S. Döderleiu, OeiFentliche Reden 1860. S. 403 f.*). 

2. Dem Metrum entspricht ,in der Prosa der Numerus»^ 
. Derselbe hängt, wie die gesammte äussere Form von der innerc^r^ 
Form und der Gedankenverknüpfung ab (s. oben S. 154 f.). Wi*^ 
sich das Metrum nach den Dichtungsgattungen und ihren dnrc^^^ 
den Zweck verschiedenen Unterarten unterscheidet, so der Nt»- ' 
nierus nach den drei Gattungen der Prosa und ihren üntera^^ 
tlicihingen. Was letztere betrifft, so geht z. B. der Numeros 
den Zweigen der Bedekunst: im y^voc cujLißouXeuriKÖv, Travrn^^^ 
piKÖv und btKavtKÖv ebenso weit auseinander, wie das Metrum j^ 
den Zweigen der Lyrik: dem Dithyrambos, Enkomion, Thre^xct^ 
u. s. w. Ausserdem prägt sich im Numerus -wie im Metrum aber 
der Charakter der Gedankencombination aus (s. oben S. 151 t.\ 
deren Unterschiede die ethischen Stilformen sind. Die Alten haben 
diese Stilformen (ibeai) auf drei Gattungen zurückgeführt: die 
erhabene oder strenge, die elegante, aber leichte und ma- 
gere und die mittlere oder aus beiden zusammengesetzte 
Darstellungsweise (y^voc ceiavöv, Xitöv oder Icxvöv, p^cov oder 
cuv9eT0V, (jeixMS ffrave, subtile oder tenue, nmVmm), Ich habe (oben 
S. 137) angedeutet, wie nicht bloss die Literaturgattungen; son- 
dern die Gattungen der Kunst überhaupt in demselben Zeitalter einen 
gemeinsamen Charakter der Darstellungs weise haben, indem dieser 
aus der Wirkung des Zeitgeistes auf die Gattungscharaktere her- 
vorgeht**); die individuelle Färbung (oben S.. 136) tritt dann 
noch modificirend hinzu. Die Aufgabe der Kritik ist es die 
Form des Numerus wie die des Metrums in Verbindung mit der 
ganzen äusseren Form an dem Ideal der Stilform zu prüfen; 
aber zugleich können die stilistischen Begeln wieder nur mit 
Hülfe der Kritik aus den vorliegenden Werken abstrahirt werden. 
Es bildet sich so als Ergänzung der Grammatik eine historische 
Stilistik, welche die Theorien des Metrums und Numerus mit 
umfasst und deren Grundlage die Literaturgeschichte ist 
(s. ol)en S. loG). Wenn nun unsere Kenntniss der Stilarten 

*) Vergl. (lio mcthodiRclio Anweiulung dor mclnschen Kriiik auf Pin- 
dar\'; Cii^dichtc. Kl. Sehr. T^d. V, 252 — 286, 325 ff. 
**) S. Kl. Sehr. VII, S. 505. 



IV. Gattungskritik. 245 

Biupt noch sehr mangelhaft ist^ so gilt dies besonders von 
beorie des prosaischen Stils. Dieser hat sich im Alterthum 
sachlich in der Rhetorik entwickelt^ und auch die 6e- 
teschreibung ist schon beiHerodot rhetorisch.*) Bei der 
chlassigung des rhetorischen Studiums in der Neuzeit ist 
►er der Sinn für die stilistischen Feinheiten der alten Schrift- 

abhanden gekommen. Will man in diese geschichtlich 
Igen; so muss man an die Tradition der alten Theorie an- 
m und hier ist vor Allen Dionysios y. Halikarnass als 
Quelle zu empfehlen. Man muss von den vorhin angegebe- 
Auptunterschieden der Darstellungsweise ausgehen und die- 

an hervorragenden Mustern studiren. Dabei wird nun die 
chtung des Numerus ein Hauptmoment sein. Aber wer hat 

einen wahren BegriiF? Wer ist im Stande zu bestimmen^ 
m Eindruck dieser oder jener Rhythmus in der Prosa her- 
Qgt? Die ganze auf den Numerus bezügliche Gattungs- 
liegt in den ersten Anfängen , und doch ist sie ähnlich 
ie metrische selbst für die grammatische Kritik von 
r Wichtigkeit. Man urtheilt bis jetzt in der ganzen Frage 
ich dunklem Gefühl ^ welches dagegen Dionysios schon in 
:e zu fassen strebte. Alles kommt allerdings darauf au, dass 
mächst das Gefühl an anerkannten Mustern bilde. Der voll- 
te Numerus findet sich nun nach einstimmigem Urtheil der 
bei Demosthenes, der alle Stilarten beherrscht; hier muss 
ein Ohr üben und danach Anderes prüfen. Man wird dann 
indeu, dass in den oratorischen Schriften Piaton' s nicht 

der richtige prosaische Numerus ist; aber hier zeigt sich 

wie elementar die Kritik noch gehaudhabt wird. Gottfr. 
ann hat die Reden im Phaedros ihres Numerus halber als 
ckwerk von zusammengesuchten Versen angesehen**), wäh- 
!ie Alten schon ganz richtig den Grund in dem dithyram- 
1 Charakter jener Reden fanden. Beim Gastmahl ist man 

auf den unglücklichen Gedanken gerathen, dass die Rede 
gathon aus Versen zusammengestoppelt sei und hierbei 
8 dann nahe des „Versmaasses halber*' die Lesart zu ver- 
.***) Die Wahrheit ist, dass Piaton sich sehr gut auf den 



246 Erster Hauptthcil. 2. Absclin. Kritik. 

Numerus verstand, aber oft mit Absicht einen falschen Rhyth- 
mus angewandt hat, zuweilen aus Spott und Ironie, wie z. B. im 
Protagoras den Demokritischen. Auch Thukydides hat in 
den eingeflochtenen Reden selbst den Numerus der Redner nachge- 
ahmt (s. oben S. 155)*). Dergleichen ist Gegenstand der Gattungs- 
kritik, welche ein Resultat über die Beschaffenheit solcher Er- 
zeugnisse erzielen, »ic nach den zu findenden Stilnonnen oder 
Ideen beurtlieilen niuss. Beim Herodot spricht man immer nur 
von der Simplicität im Ausdruck; aber den Charakter des Nu- 
merus beachtet man nicht. Die Griuidlagen zu einer richtigen 
Theorie von dem alten Numerus finden sich wieder bei den Alten 
selbst. Hier muss man von Aristoteles ausgehen, derRhetor. 
III, 8 ff. eine klassische Auseinandersetzung der beiden höchsten 
Unterschiede der Satztugung giebt, wovon der Numerus im letzten 
Grunde abhängt. Jene Unterschiede sind die XeSic elpoiLi^vr) und 
die XeHic KaTecrpamiievri ; die erste, bloss aus losen Sätzen zusam- 
mengereiht, ist die epische, Herodotische, die Aristoteles mit 
den dvaßoXai der Dithyramben vergleicht-, die andere ist die pe- 
riodische, welche er treffend mit der antistrojihischen Compo- 
sition der Lyriker in Parallele stellt. Will man nun aus der Wort- 
stellung den Numerus ableiten, so muss man davon den sonns 
unterscheiden. Dieser besteht in der eigenthümlichen Art der 
Hervorhebung durch den Ton, ist also accentueller, d. h. melo- 
discher und nicht rhythmischer Natur, und hängt von der Satz- 
fügimg in anderer Weise ab als der Numerus, da letzterer nur 
die metrische, nicht die logische Seite der Wortstellung betriffL 
Doch steht beides in engster Verbindung wie Melos und Rhyth- 
mus überhaupt.**) Ich will hier wenigstens auf die höchsten Un- 
terschiede des prosaischen Rhythmus aufmerksam machen, die 
zugleich für den ganzen Stil repräsentativ sind. Die eine ITorm 
des Numerus trägt das Gepräge der Kraft, Gediegenheit, Kem- 
haftigkeit; dieser ist bei den Attikem am vollendetsten hervor- 
getreten. Der andere ist schlaff, weichlich, kernlos; es zerfallt in 
ihm Alles und sinkt auseinander, wogegen bei dem erstgenann- 
ten Stil sich Alles fest zusammenschliesst; statt der Füllung und 
des Bandes, die man hier findet, ist Alles lose; die Sprachelemente 
gehen hinkend hinter einander her, wie ein Mensch, dem die 



*) Vergl. Kl. Sehr. VII, ö. 597. 
**) Vergl. De metris Piftdari, Cap. IX.: de rhi/thmo sermonis. S. 51 — 59. 



IV. Gattungakritik. 247 

Mnskelbänder gelöst oder erschlafft sind. Dies war ohne Zwei- 
fel Charakter des asianischen Stils, dessen Grundlage die Hero- 
dotische Satzffigung ist, nur dass Herodot's Stil den mittleren 
Charakter tragt und darin die Weichheit des Numerus durch 
kraftige Abrundung grösserer Partien gemildert ist. Niemand 
hat den asianischen Stil fester aber auch verkehrter ausgebildet 
als Hegesias aus Magnesia, den Strabon und Dionysios des- 
halb mit Recht tadeln; denn in der That hat die Kritik in diesem 
Falle nicht nur die Eigenthümlichkeit des Stils festzustellen, son- 
dern dieselbe auch als unangemessen nachzuweisen. Wir können 
die asianische Stilform nur noch aus der Manier des Tansanias 
genauer kennen lernen, welcher die Schreibweise seines Lands- 
mannes Hegesias nachahmt.*) 

Es ist eine Hauptaufgabe der Gattungskritik, den originalen 
Stil von der Manier zu unterscheiden. Die älteren Schriftsteller 
bei Griechen und Römern haben Stil, die neueren fast nur Manier. 
Der Stil ist Natur, geht hervor aus der Bildung der Zeit, den 
Verhältnissen und dem individuellen Charakter, wenn er auch 
durch Kunst gebildet wird, wie dies selbst bei Herodot der 
Fall ist.. Aber die Späteren haben sich gezwungen und wie 
mit Nadeln geprickelt um den alten Stil nachzuahmen, obgleich 
die denselben bedingenden Verhältnisse nicht mehr vorhanden 
Traren. Sie haben also gegen ihr eigenes Wesen geschrieben; 
dadurch haben sie nur Manierirtes hervorgebracht, wenn auch zu- 
^reilen mit grosser Virtuosität. So Aristides, der als zweiter 
Demosthenes angesehen wurde, oderHerodes Atticus, den sein 
Vater so hoch zu bilden suchte, dass er alle Alten an Beredsam- 
keit überträfe. Lukian verspottet Zeitgenossen, die den Herodot 
nachahmten (s. die AuslegerzuDionysios,rfccom2)0S.IV.). Manche 
Kritiker wissen aber Kunst und Natur nicht zu unterscheiden und 
halten den Fronto, wie sein Zeitalter that, für ebenso vortreflFlich 
als den Cicero. Wer Augen für dergleichen hat, sieht überall 
die Narrenkappe der Manier hervorgucken. Der originale Stil geht 
liervor aus irgend einer Begeisterung, die von realen Verhält- 
nissen erzeugt wird; die Manier ahmt nach ohne jene Begeiste- 
Txmg, sei es, dass die begeisternden Verhältnisse fehlen, oder der 
Geist, der Genius selbst im Menschen nicht vorhanden ist. 



*) Vergl. De Pausaniae Mo Asiatw. Frooemium zum Lektionskatalog 
1824. Kl. Sehr. IV, S. 208—212. 



248 Erster Haupttheil. 2. Abscbn. Kritik. , 

3. Es ist (oben S. 242) bemerkt ^ dass die Gattnngskrii 

nicht bloss die Form, sondern auch den Inhalt der Schriftwer 

zu beurtheilen hat, um nämlich zu entscheiden, ob auch dief 

der Eimstregcl, d. h. dem Zweck entspricht. Nun ist es das { 

meinsame Ideal aller literarischen Gattungen, dass der Inh 

wahr sei: die Poesie erstrebt die poetische Wahrheit, d. 

die Uebereinstimmung des Bildes mit der künstlerischen Idee; 

Prosa dagegen soll die reale Wahrheit, d. h. die Uebereinsh: 

mung des Inhalt« mit der realen Wirklichkeit zum Ziele hab 

Letzteres ist in der wissenschaftlichen Prosa der höchste C 

Sichtspunkt, und die historische wie die rhetorische Darstelim 

erreichen das gleiche Ziel auch nur, indem sie eine wissensclul 

liehe Begründung annehmen, worauf für die Rhetorik zuerst FIc 

ton im Phaedros und Gorgias gedrungen hai Wenn die Kriti 

daher untersucht, in wie weit die einzelnen Werke der Wahrhe 

entsprechen, muss sie dieselben an dem wissenschaftlichen Ided 

messen, welches bei dem allgemeinen Zusammenhang des Wisaei 

nur in dem vollendeten System der Wissenschaft gegeben sei 

kann. Allein ein fertiges System dieser Art wird nie existirei 

der unendliche Inhalt des Weltalls ist nie yoUstandig zu erfasse 

und die Form der menschlichen Auffassung ist immer subjeet 

gefärbt, so sehr sich der Forscher auch bestreben möge, sie 

seiner Persönlichkeit zu entledigen um das Wesen der Sacl 

vollkommen zu erreichen. Aber wenn auch jeder wissenschai 

liehe Forscher die Wahrheit nur einseitig imd stückweise erkeni 

so schreitet die Erkenntniss doch in der Entwickelung der Wi 

senschaft fort, und es ergiebt sich dabei allmählich ein Gmn 

stock sicheren Wissens, wozu auch logische und methodisc 

Grundsätze gehören, nach denen es möglich wird die Grade i 

Wahrheit und Gewissheit zu unterscheiden (s. oben S. 175 : 

Folglich wird die Kritik die Wahrheit der alten Geisteswei 

nicht nach einem einzelnen antiken oder modernen System c 

Wissens messen, sondern erst die einzelnen Aeusserungen i 

wissenschaftlichen Geistes in ihrer Eigenthümlichkeit durch Aj 

lyse der Werke selbst zu verstehen suchen und durch eine imr 

nente Kritik auf ihre innere Folgerichtigkeit prüfen, dann al 

durch Vergleichung des Inhalts aller Werke den Gesammtverl 

der Geschichte der Wissenschaft ermitteln, welche c 

Maassstab für jede einzelne Leistung ergiebt. 

Man sieht hieraus zugleich, dass das Studium jeder WisH 



IV. Gattungskritik. 249 

Schaft selbst naturgemäss durch die Kritik der darin vorliegenden 
X^eistangen fortschreiten wird; dies besagt der oben (S. 172) an- 
geführte Satz, dass jeder gründliche Kenner einer Wissenschaft 
Kritiker sein muss. Umgekehrt kann man den richtigen Maass- 
stab fOr die ¥rissenschaftliche Kritik nicht gewinnen, wenn man 
die Wissenschaft selbst nicht in ihrer lebendigen Wirksamkeit 
kennt; die immittelbare Erkenntniss *wird durch die Kritik und 
die Kritik durch die unmittelbare Erkenntniss ergänzt (s. oben 
8. 66 f.). In der Philosophie sind grosse Forscher wie Piaton 
dadurch zu einer höheren Wahrheit vorgedrungen, dass sie au 
den. Yoraufgehenden Systemen eine historische Kritik geübt haben. 
D&p Philologe aber muss selbst philosophisch gebildet sein um 
voLs der Gesammigeschichte der Philosophie, d. h. aus der 6e- 
Mxrumtentwicklung des philosophischen Geistes zu bestimmen, 
welche Stufe jedes System auf der dadurch gegebenen Eutwicke- 
liiKi.g88ka]a einnimmt, in welchem Grade das Göttliche, die voll- 
korcimene Idee der Wahrheit in jeder Leistung zum Ausdruck 
gelctngt ist. 

Im Zusammenhang mit der Geschichte der Philosophie er- 
^el>t in ähnlicher Weise die Geschichte der Einzelwissenschafteu 
den Maassstab för die Prüfung der in ihrem Gebiete liegenden 
Scliriftwerke. Die Geschichte der Philosophie muss aber durch 
die Geschichte der Poesie ergänzt werden; denn auch diese ist 
«ne Entwickelung der Ideen im Symbol, welches Gedanken von 
▼^»•schiedenen Graden der Klarheit und Tiefe birgt, und es ist 
also zu untersuchen, wie sich in den Werken der Dichtung das 
Göttliche abgespiegelt hat; indem man dies begrifflich erkennt 
oi^T wenigstens empfindet und fühlt, gewinnt man eine Einsicht 
™ den Zusammenhang der Wissenschaft mit der Poesie, die in 
"^ständiger Wechselwirkung stehen. Allein man kann hierbei 
^cht stehen bleiben; denn in der gesammten Kunst, sowie im 
Staats- und Privatleben drücken sich Ideen aus, die mittelbar 
^ei- unmittelbar auf die Entwickelung der Wissenschaft einge- 
^^^kt haben, so dass diese nur im Zusammenhang der ganzen 
^^Iturgeschichte vollkommen verständlich wird. Die Gattungs- 
"^tik setzt somit alle materialen Disciplinen der Alterthumskunde 
^^^us. 

Die poetische Wahrheit ist in der Dichtung, die wissen- 
schaftliche in der Prosa die Grundbedingung der Schönheit, 
^ofem diese nicht bloss in der äussern, sondern vor Allem in 



Methodologischer Zusatz. 251 

Methodologischer Zusatz. 

sich die von uns aufgestellte Theorie der Kritik in 
bewähren soll; so muss es für diese die erste Regel 
ei kritischen Aufgaben stets in der angegebenen na- 
leihenfolge ins Auge zu fassen. Man darf nie von 
auf Emendationen oder Athetesen ausgehen^ sondern 
VUem erst ein volles Verständniss des Gegebenen zu 
(uchen*, der wahre animtts suspicax (s. oben S. 173) 
larin^ dass man zuerst der eigenen Auslegung miss- 
i nach derselben das Gegebene als unangemessen er- 
iT Anfanger muss die Kritik überhaupt nur im Dienst 
leutik üben. Femer muss die grammatische und histo- 
;ik zuerst geübt werden, weil dafür der Maassstab 

und die Beurtheilung von übersichtlicheren Einzelhei- 
. Die beste Schule sind hierfür die Inschriften ^ wo die 
uf eine geringe Anzahl von Möglichkeiten eingeschränkt 

ist es bei Gedichten ^ wenn das Metrum feststeht, 
unmatische Kritik kommt es darauf an^ dass man die 
bst kritisch beherrscht, was durch üebung im eigenen 
1 Gebrauch derselben wesentlich gefördert wird. Die 
3 Art der Kritik ist die Individualkritik; um darin 

vorzugehen muss man nicht nur eine gründliche 
ler grammatischen und historischen durchgemacht ha- 
(m es gehört dazu überhaupt ein ausgezeichneter 
chen Scharfsinns und bei bedeutenderen Aufgaben ein 
ringen in die verborgensten Geheimnisse der Schrift, 
jines Gefühl zur Entdeckung von stilistischen Aehn- 
nd Unterschieden, ein ungewöhnlicher Ueberblick und 
jh geprüfte Kenntnisse. Sogar die Gattungskritik ist 
enn der Charakter der literarischen Gattungen ist 
fester und regelmässiger als die Individualität der 
t; die Individualkritik ist daher weit specieller und 
er als die Gattungskritik und muss nach dieser ge- 

• 

aupthülfsmittel der kritischen üebung sind gute Muster. 

en am vollkommensten in mündlichen Commentaren 

idem darin die Kritik auf das Zweckmässigste mit der 
verknüpft werden kann (s. oben S. 162 f.). Der 
Commentar muss zur richtigen Benutzung des ge- 

üitischen Apparats anleiten, welcher aus den oben 



Mothodolo^Rcher Znsatz. 253 

^ichgekommen. Es schlössen sich an ihn die grossen hollän- 
duchen Kritiker des 18. Jahrh. an: Hemsterhuis^ Valckenaer^ 
Kuhnken, Wyttenbach; die Ausgabe des Velleius Paterculus 
Ton Buhnken ist z. 13. eines der bedeutendsten Muster. In 
England ragten gleichzeitig besonders Markland, der indess der 
Sacht zu emendiren zu stark nachgegeben hat, Dawes, Thyr- 
witt und der in der Kritik der griechischen Tragiker ausge- 
leichnete Porson hervor. Die Individual- und Gattungskritik 
ist erst seit Lessing allmählich in ihrer wahren Bedeutung 
in%e&88t worden; die Individualkritik hat durch Fr. Aug. Wolfs 
trolegomena ad Homerum (1795) und Schleiermacher's Ein- 
Utangen zu den Platonischen Gesprächen (seit 1804) die bedeu- 
tendste Anregung empfangen, die Gattungskritik durch Friedr. 
und Aug. Schlegel. Zugleich ist die diplomatische Kritik in un- 
sena Jahrhundert seit den epochemachenden Leistungen L Bek- 
kers allmählich zu der ihr angemessenen Methode gelangt, so dass 
Mn die gesammte kritische Thätigkeit auf gesichertem Grunde fort- 
htnen kann. Besonders förderlich für die kritische Arbeit ist 
fe in der neuesten Zeit erfolgte Aufschwung der philologischen 
Fsclizeitschriften geworden, wodurch eine schnelle Mittheilung 
g^onnener Resultate und so ein allgemeines Zusammenwirken 
iw kritischen Forscher ermöglicht ist. Freilich ist dadurch auch 
fie Versuchung gestiegen unreife Arbeiten auf den Markt zu 
kringen und die Leistungen Anderer zu bekritteln, ehe man 
-«Ibst etwas zu leisten vermag; doch werden diese Uebelstände 
mit der steigenden Entwickelung den Zeitschriften selbst aus- 
geglichen, da sich an denselben mehr und mehr die tüchtigsten 
Kräfte betheiligen. 

[Die bedentendsten allgemeinen philologiRchen Journale sind gegcn- 
wirtig: ^ene Jahrbücher für Philologie und Pädagogik, herausge- 
geben von Fleckeiscn und Masius. Leipzig, Teubner. — Philologus. 
Zeitschrift für das klassische Alterthum, begründet von Schneid t*win, 
■eit dessen Tode herausgegeben von Ernst v. Leutsch. GDtiingen, 
Dieterich*B Verlag. — Philologischer Anzeiger. Als Ergänzung zum 
E^hilologiis herausgegeben von Ernst v. Leutsch. Göttingen, Dieto- 
rich*« Verlag. — Rheinisches Museum für Philologie, herausgegeben 
ron Fr. Ritschi und Ant. Klette. Frankfurt a. M., Sauerländer. 
— Hermes, herausgegeben von E. Hübner. Berlin, Weidmann. — 
Seitschrift für das Gymnasialwesen, herausgegeben von IL Bo- 
lit«, W. Hirschfelder, P. Kühle. Berlin, Weidmann. - Zeitschrift 
'ür die österreichischen Gymnasien, herausgegeben von J. G. Scidl, 



Philologisclie Beconstmction des Altertlmms. 

§. 38. Ich habe gezeigt^ wie durch die Erklärung der Sprach- 
e die realen Disciplinen der Grammatik, Literaturgeschichte 
und Geschichte der Wissenschaften gebildet werden. Die Gram- 
loartdl wird durch die grammatische Interpretation der gesamm- 
tea Xiteratur erzeugt (vergl. oben S. 99, 107); aber die gene- 
lisc^lie Auslegung muss hinzutreten; aus ihr geht die höchste 
grammatische Theorie, die Stilistik hervor (s. oben S. 244). Diese 
actet als Grundlage die Literaturgeschichte voraus, welche durch 
£e individuelle Interpretation in Verbindung mit der generischeu 
gcachaflFen wird (oben S. 143 f.). Die Geschichte der Wissen- 
ftcViaften endlich, die wieder als die nothwendige Voraussetzung 
der Literaturgeschichte erscheint, ist ebenfalls ein Erzeugniss der 
i venerischen Interpretation (oben S. 248), so dass diese als be- 
1 herrschender Mittelpunkt der gesammten Auslegung gelten muss. 
i I>a aber zugleich überall die historische Interpretation voraus- 
[ gesetzt wird, erfordert die Erklärung der Sprachdenkmäler selbst, 
I die ja ihrerseits ohne" die drei durch sie erzeugten realen Wis- 
flenschaffcen nicht möglich ist, eine Ergänzung durch die übrigen 
l^eschichtlichen Denkmäler. Es werden bei diesen dieselben Arten 
der Interpretation zur Anwendung kommen wie bei den Sprach- 
denkmälern nut Ausnahme der grammatischen Auslegung. Rei- 
ehardt (Glied, der Philol. S. 26) tadelt an meiner Eintheilung 
der Hermeneutik und Kritik, dass der Begriff der grammatischen 
Auslegung zu eng gefasst sei; da nämlich die von mir gesetzten 
Arten der Interpretation für alle Denkmäler gelten sollen, muss 
nach seiner Ansicht an Stelle der grammatischen Auslegung eine 
, andere gesetzt werden, welche ausser den Sprachelementen auch 




256 Erstor Hanptthoil. SchlusB. 

das umfasst, was letzteren in den nicht schriftlichen Denkmale 
entspricht. Allein eine solche Auslegung giebt es nicht, 
sich in diesen Denkmulern überhaupt nichts denSprachelement^ji 
Entsprechendes findet. Bei jedem Werke der Kunst oder Jacn- 
dustrie und bei jeder Aepsserung des praktischen Handelns m^d 
die äusseren Formen, welche der menschliche Geist ge8chai^7*ii 
hat, selbst objective Anschauungen, die in Worte umgesei^'^ 
d. h. beschrieben werden können, während bei der grammatigch^^ 
Spracherklärung die Worte auf Anschauungen zurückgeführt w&^*" 
den sollen (s. oben S. 78). Aber wie die objectiven Anschauung^' "" 
der Sprache wieder zum Ausdruck von Ideen benutzt werde ^3, 
welche die Gattungsauslegung darin nachzuweisen hat, so giel='t 
es für alle Denkmäler eine Gattungskritik, welche Zweck ueb.^ 
Bedeutung der menschlichen Erzeugnisse ermittelt und daramizs 
Stofi' und Form derselben erklärt, und zu ihr treten die bist« 
rische und individuelle Interpretation in demselben Sinne 
bei den Sprachdenkmälern hinzu. Am nächsten stehen letzteren 
die Werke der Kunst, weil darin theoretische Ideen verkörpert 
sind; aus ihrer Erklärung wird mit Hülfe der in den Schrift^ 
werken enthaltenen Tradition die Kunstgeschichte hervorgehen. 
Der Hauptinhalt der Kunstdenkmäler ist aber das praktische 
Handeln; die Kunstgeschichte setzt also voraus, dass dies selbit 
in seiner Gesammtheit der Gegenstand der Erklärung werde, and 
da uns das Handeln der alten Völker nicht mehr unmittdlttr 
vorliegt, so werden ausser den erhaltenen directen Wirkungen 
desselben gerade wieder die Denkmäler der Kunst und vor alfeno. 
die S])raclidenkmäler ihrem Inhalt nach die Quelle fQr die Oe-- 
schichte des Staats- und Privatlebens. Hierbei und hdifiC 
Herstellung der Kunstgeschichte hat die Kritik genau dieselbe 
Bedeutung, wie bei der Herstellung der Grammatik^ Literahur- 
geschichte und Geschichte der Wissenschaft. Das letzte Ziel ut 
immer die Aufgabe der Gattungskritik alle menschlichen Werke 
nach ihrem Zweck, nach den zu Grunde liegenden Ideen in 
messen, und es bewährt sich hierdurch unsere Erklärung, dass 
die Philologie die Erkenntniss des Erkannten ist (s. besondoi 
S. 55). Das höchste Ideal für das praktische Handeln ist nun 
das der Sittlichkeit, und die sittliche Kritik besteht dariUi da» 
dasgosanuute Handeln nach diesem Ideal geprüft wird; dais liuchste 
Ideal der Kunst aber ist die Schönheit, der Maassstab f&r atte 
ästhetische Kritik. I)i«*so beiden Ideen haben mit der der Wahr- 



Philologische Reconstruction des Alterthums. 257 

m 

it ilire gemeinsame Wurzel in der Idee der Humanität; das 
inmenschliche ist das Göttliche auf Erden. Wie sich nun in 
r Geschichte der Wissenschaft die Erkenntniss der Wahrheit 
twickelt; so entwickelt sich in der gesammten Culturgeschichte 
t thatkräftige Erkenntniss der Humanität^ und wenn daher die 
chste Aufgabe der Kritik- darin besteht^ das gesammte geschicht- 
be Leben einer Nation oder Zeit nach dem Ideal der Humani- 
; zu messen^ so darf letzteres doch wieder nicht als gegeben 
ransgesetzt^ sondern muss aus der Entwicklung selbst gewon- 
a werden. Bei der Betrachtung des Alterthums kann dies nur 
geschehen y dass man die Totalität aller seiner Erzeugnisse in 
maler und materialer Hinsicht zusammenfasst und ihre Gat- 
lg in der Entwickelungsskala der Menschheit bestimmt; es 
»steht hierdurch die Anschauung des Antiken im Gegen- 
K zu dem aus demselben hervorgehenden Modernen. Der 
ilologe erhebt sich so durch die Zusammenfassung aller kriti- 
len auf die Hermeneutik gegründeten Operationen auf den 
erlisten Punkt seiner Wissenschaft. Die Hermeneutik tritt von 
sr ab in den Dienst der Kritik und erzeugt das System der 
Uen Wissenschaften ; indem sie nicht mehr nur einzelne Werke, 
cidem das Volksleben selbst auszulegen und darin den Charak- 
* des Antiken nachzuweisen sucht. 

Das Erkennen jedes Volkes als Inbegriff alles geistigen 
irkens desselben prägt sich in seiner gesammten äusseren, d. h. 
LTch leibliche Organe vermittelten Thätigkeit aus und ist nun 
ÄU80 wie ein einzelnes Werk historisch, individuell und generisch 
ftd auf seiner höchsten Stufe grammatisch auszulegen. Hierbei 
^ die historische Auslegung die Grundlage bilden müssen, da 
ie das Erkennen des Volkes in Bezug auf äussere reale Bediug- 
mgen zu erklären hat (s. oben S. 83), wodurch demselben kri- 
ifich seine Stellung in der Geschichte der Menschheit angewiesen 
nrd. Diese historische Seite des Volkserkennens objectivirt 
idi im Staatsleben, von dem alle Geschichte ausgeht und 
ttsen Darstellung daher auch als Geschichte im engern Sinn 
neichnet wird (s. oben S. 11). Die wirkenden Kräfte im öf- 
ntlichen Leben sind aber Individuen und die individuelle 
ate des Volkserkennens hat ihren Ausdruck im Privatleben, 
>rin sich innerhalb der grossen sittlichen Gemeinschaft das rein 
sxiBchliche individuell entwickelt. Alle leitenden Ideen, die so 
rrortreten, objectiviren sich dann in der Kunst, welche daher 

BOckh*! Eocyklopftdie d. philolog. Wissenschaft. 17 



258 Erster Hauj^ttheil. SchlusB. 

der Gegenstand der ästhetischen^ d. h. generischen An^^, 
gung" des Volkserkcnnens ist. Zugleich aber wird auch die For 
durch welche der Geist alle diese Erkenntnisse schafft; der Xö^o^ 
objectivirt in der Sprache. In dieser wird zunächst der g"^- 
sammte Stoff der Erkenntniss zum Inhalt des Wissens: dur^^b 
die wirkende Kraft der Individualität wird der Inhaltfi^^' 
ner der geistigen Form zweckgemäss eingefügt, woraus die lit^'. 
r arischen Gattungen entstehen und nach 'Maassgabe derlef::^'^' 
teren bildet sich die in der Sprache ausgeprägte Form sell^ 
in dem Volke mit immer klarerem Bewusstsein hervor, so 
also die Geschichte der Wissenschaften, die Literatur- und Sprach 
geschichte das Wissen der Nation in drei dem Begriff nach ai» *' 
steigenden Stufen darstellen (s. oben S. 62 f.). Die realen Discipliiu 
der Altorthumskunde folgen hiernach aus dem Princip, der G 
sanimtanschauung des Antiken, in umgekehrter Reihenfolge, als a 
bei der Auslegung der einzelnen Denkmäler von der grammatisch« 
Interpretation aus, die naturgemäss den Anfang bildet, erzeug 
werden. Sämmtliche formalen und materialeu Disciplinen d. 
Philologie schliessen sich hierdurch, indem die Sprache den A 
fang und das Ende bildet, zu einem Kreise zusammen, und 
der That muss die Forschung beständig diesen ganzen 
durchlaufen um irgend eine Seite des antiken Lebens begreij 
zu können; im Staatslcben wirken Privatinteressen, Kunst ili 
Wissenschaft zusammen; das Privatleben zieht alle übrigen Splii 
rcn in den Bereich der Individualität; in der Kunst ist Wissen- 
Schaft und in der Wissenschaft Kunst; kurz überall kann du 
Einzelne nur im Zusammenhang des Ganzen begriffen werden. 
Da aber der kritische Maassstab für jede reale Disciplin wieder 
stets aus ihrer eigenen Entwickelung zu entnehmen ist, so kann 
man in jeder das Antike nur in seinem Verhältniss zum Moder- 
nen richtig erkennen (s. oben S. 66). 

AVird nun das Altertlium in solcher W^eise reconstruirt, so 
Hiuss daraus eine gi'ossartige, über das Vorurtheil der Zeit er- 
habene Ansicht der göttlichen und menschlichen Dinge entstehen, 
indem die edelsten Erzeugnisse von Jahrtausenden und die all- 
seitige Entfaltung einer von unzähligen Geistern geschaffenen 
I(l(»enwclt in uns wiedererzeugt werden; dies übt auf jedes reine 
Geiuüth eine mächtige Wirkung aus. Und hierin liegt denn andi 
der Hauptgrund, weshalb die Jugend auf der Schide pliilologiscli 
zu hildiMi ist. An der Sprache wird <lnr Geist überhaupt geübt 




Philologische Reconstruction des Alterthums. 259 

und Z'war in anderer Weise als an der Mathematik; denn da in die- 
ser die strenge Nothwendigkeit herrscht, wird dadurch Sinn und 
Verstandniss für das Noth wendige ausgebildet; in der Sprache 
^*B®gcn überwiegt die Freiheit und durch das Sprachstudium 
™i also die Jugend zu freier wissenschaftlicher imd poe- 
tiscH künstlerischer Entwickelung angeleitet. Bei den ^Iten 
Spraclen geschieht dies an den vollkommensten, von allen Zeit- 
altem als klassisch anerkannten Mustern. Zugleich aber wird in 
«Cü Schülern stufenweise und ihrer wachsenden Fassungskraft 
^QtspTCchend mit der Reproduction der besten Werke des Alter- 
thums eine bestimmte, in sich abgeschlossene Form des Rein- 
^onschlichen geistig wiedererzeugt, welches sich in jenen Wer- 
teix abspiegelt und uns daraus reiner anspricht als aus* dem uns 
"'^^^rangenden Gewirr der modernen Erzeugnisse. Indem sich 
"^fcei von selbst die sittliche Kritik in ihren ersten Elemen- 
^^-^^ bildet, entsteht eine geistige Erhebung und Reinigung des 
"^^^nüths, in dem Sinne wie nach Aristoteles die Tragödie 
"^^^ Seele von Leidenschaften reinigt, und gerade die alte 
*^^^igodie wird durch ihre Reproduction jene Erhebimg am 
tttmrittelbarsten bewirken. Die ganze Wirkung wird indess ver- 
feliJt, wenn man den wissenschaftlichen Betrieb der Philologie in 
fi^ Schule überträgt. Hier muss Alles elementarisch sein; die 
B-^production des Alterthums muss nur an einzelnen Schriftwer- 
ken, die durch Les^ und Erklären mit mehr oder minder deut- 
l^cliem Bewusstsein nachconstruirt werden, gleichsam unwillkür- 
lich erreicht werden; die diplomatische und die emendirende Kri- 
tik gehören gar nicht auf die Schule, und die realen Discipliiien 
<ler Alterthumskunde können also dort nicht wissenschaftlich oder 
systematisch dargestellt werden, da hierzu eine durchgebildete 
f biologische Technik gehört. 

Aber auch die wissenschaftliche Philologie kann nur auf Grund 
der Auslegung und Kritik der einzelnen Denkmäler das System der 
realen Wissenschaften aufbauen, nicht durch apriorische Specu- 
lation. Philosophisch ist in den philologischen Functionen nur 
die allgemeine Seite der Methode: die richtige Anordnung und 
Begriffsentwickelung, wodurch es allein möglich wird die Oo- 
sainmtheit des Einzelnen in einer vernünftigen und anschaulichen 
Folge darzulegen, und die Kunst aus dem Einzelnen allgemeine 
ßegnSe abzuleiten. Denn die allgemeinsten Begriffe sind nicht 

Abstractionen aus der Erfahrung, sondern liegen bei der Erfah- 

17* 



260 Erster Haupttheil. Schlnag. 

ning schon zu Grunde. Ob zwei Dinge gleich oder ungleich 
sind^ lehrt die Erfahrung; aber die Begriffe ^leich'^ und ,;UngIeich^ 
kann man nicht aus der Erfahrung ziehen; sondern sie müssen 
schon im Geiste sein, wenn mau sie durch die Erfahrung an den 
Dingen erkennen soll. Femer ist zuzugeben, dass wer die in der 
Geschichte hervortretenden Ideen nicht wenigstens der Anlage 
nach hat, sie auch nicht im Stoff finden wird (s. oben S. 17). 
Da nun die Philosophie mit Hülfe der allgemeinsten Begriffe die 
Ideen des Gottlichen, Sittlichguten, Schonen und Wahren an 
sich, nach ihrem ewigen Gehalte zu erkennen sucht^ kann anclidas 
Antike an ihnen in dieser ihrer absoluten Greltung gemessen 
werden \pd wird dann Gegenstand der Religionsphilosophie, Ge- 
Schichtsphilosophie, Kunstphilosophie und Sprachphilosophie. 
Diese müssen in ihren Ergebnissen mit der philologischen Con- 
struction übereinstimmen, wie sich unsere vorläufige Ableitung 
der niaterialen Disciplinen aus der Ethik (oben S. 57) durch die 
l)hilologische Analyse bestätigt hat. 



Zweiter Hanpttheil. 

Materiale Disciplinen der AlterthmnslehTe. 



I 



Erster Abschnitt. 
Allgemeine Altertlmmslelire. 

§ 39. Es ist offenbar sehr schwer den Gesammtcharakter eines 
Zeitalters oder einer Nation zu bestimmen; ja es ist dies fast 
unmöglich, wenn eine begriffliche Darstellung gegeben werden 
soll, da es hier augenscheinlich auf eine umfassende Anschauung 
ankommt, die sich kaum in Begriffen darstellen lässt. Und doch 
können wir in der Wissenschaft -nur mit Begriffen operiren und 
müssen uns also darauf beschränken durch diese die Anschauung 
▼on verschiedenen Seiten her anzuregen. Es fragt sich zuerst, 
wie wir die hierzu geeigneten Begriffe finden. Um consequent 
zu sein dOrfen wir den philologischen Standpunkt nicht verlas- 
sen; jene Begriffe dürfen also nicht etwa der Geschichtsphilo- 
sophie entlehnt werden; vielmehr kann diese selbst sie nur auf 
philologischem Wegp aufsuchen, wenn sie sich nicht in leeren 
Formeln oder Phantasien verlieren will. Die Philosophen recken 
und strecken oft die Thatsachen nach apriorisch construirten Be- 
griffen, bis sie in ihr System passen; deswegen darf man jedoch 
nicht, wie einige Philologen thun, die geschichtliche Speculation* 
überhaupt als unfruchtbar ansehen, sondern muss sie nur streng 
auf Thatsachen gründen. Nichts ist freilich wieder verkehrter, 
als wenn man den Charakter eines Volkes oder einer Zeit un- 
mittelbar nach einzelnen Thatsachen bestimmen will; denn so 
wird man meist ein einseitiges und schiefes Urtheil gewinnen, 
da das Leben sich frei bewegt und daher der Geist des Ganzen 
und Allgemeinen nicht in allen Einzelheiten gleichmässig ausge- 
prägt ist Wenn sich z.B. bei Sokrates und den Stoikern die 
Idee des Weltbürgerthums findet, so ist dies nicht antik, sondern 
ein Uebergriff in die moderne Weltanschauung. Ebenso isolirt 
steht im Alterthum der Gedanke, den Sokrates am Schlüsse des 



266 Zweiter Haapttheil. 1. Abschnilt. 

gesclilecht entwindet sich nur allmählich dem nothwendig Ge- 
gebenen, und den Griechen ist es nur gelungen sich zur indivi- 
duellen Freiheit zu erheben. Da nämlich in der Natur Alles in- 
dividuell und das Universale das Gebiet des rein Geistigen ist, so 
ist die Bildung des Alterthums vorwiegend individuell; die der 
Neuzeit dagegen strebt nach Universalitäi Die Eigenthümlich- 
keit der Griechen besteht aber darin, dass sie die menschliche 
Natur zu einer freien Vollkommenheit der Individualität ausge- 
bildet haben, während sie das Universelle nur so weit erfassten, 
als es von der individuellen Bildung unzertrennlich ist. Hiermit 
hängt zusammen, dass sie in allen Gebieten des Lebens eine 
grosse Mannigfaltigkeit und Vielheit abgerundeter Formen her- 
vorgebracht haben*, dadurch haben sie eben die auf dem Natur- 
princip beruhende Cultur des Alterthums zur Vollendung ge- 
bracht. Die Richtung auf die Vielheit liegt in der Natur be- 
gründet, da in dieser sich Alles in viele mannigfaltige Gestalten 
sondert; das Princip der Einheit ist der Geist; daher herrscht 
in der modernen Entwickelung das Streben nach Einheit vor; 
das Universelle kann nur durchgeführt werden, wenn die Be- 
sonderheiten vereinigt werden. Dem Gegensatz der Vielheit und 
Einheit entspricht ein anderer, den man oft auf das Verhältniss 
des Antiken zum Modernen angewandt hat, nämlich der des 
Realen und Idealen; die gesammte alte Bildung ist realistischer 
als die moderne; selbst, die idealsten Bestrebungen haben dort 
eine realistische Form. Analog ist der Unterschied des Aeusser- 
lichen und Innerlichen, des Subjectiven und Objectiven: das Na- 
türliche ist äusserlich, objectiv, das rein Geistige innerlich, sub- 
jectiv. Im Alterthum nehmen daher auch die innerlichsten Re- 
gungen eine äusserliche Gestalt an; die subjective Empfindung 
tritt zurück gegen die objective Anschauung und Darstellung. 
Wir haben somit den Unterschied des Antiken und Modernen 
auf sieben Kategorien zurückgeführt: 

Herrschaft der Natur Herrschaft des Geistes 

Gebundenheit Freiheit 

Individualität Universalität 

Streben nach Vielheit Streben nach Einheit 

Realismus Idealismus 

Aeusserlichkeit Innerlichkeit 

Objectivität Subjectivü^i 

fn diesen begrifflichen Gegensätzen lässt sich die Anschauung 



Allgemeine Alterthumslehre. 267 

des Alterthums allseitig darstellen, indem man dieselben in den 
einzelnen Sphären des antiken Lebens nachweist. Hierbei ist 
jedoch stets zu berücksichtigen, dass sich die entgegengesetzten 
Begriffe nicht ausschliessen, und dass im Alterthum einzelne In- 
dividuen der allgemeinen Entwickelung vorausgeeilt sind, während 
die Neuzeit wieder auf manchen Punkten zurückgeblieben, ja zeit- 
weilig zuückgeschritten ist. 

I. Der altorientalische Staat erscheint ganz gebunden durch 
die Natur; er bildet sich durch den natürlichen Kunsttrieb des 
Menschen, der ein Zujov ttoXitiköv ist, aus der Familie und nach 
dem Muster derselben als Hordeustaat; grössere Reiche entstehen, 
indem eine Horde eine Anzahl anderer durch Zwang zusammen- 
hält. In Ermangelung eines bewussten freien Princips vererben 
sich die Verrichtungen, die der Einzelne für die Gesellschaft über- 
nimmt und es gehen daraus die Kasten hervor, die keine Er- 
findung der Priesterschaft sind. Aehnliche Zustände finden wir 
zu Anfang bei den Griechen; jeder Staat besteht hier ursprüng- 
lich aus natürlichen Stämmen, Phratrien und Geschlechtem, in denen 
auch die Berufsarten wie die staatlichen Functionen forterben. 
Diese Eintheilung blieb auch bestehen, als man sich von dem 
ursprünglichen Princip derselben befreit hatte, und wurde nun 
nur nach freieren individuellen Rücksichten umgestaltet; an die 
Stelle der Geschlechterphylen traten Abtheilungen nach Gau- 
genossenschaften, aber immer wurde die Fiction von Stämmen 
festgehalten, und ausserdem zerfiel der Staat in eine grosse An- 
zahl von Corporationen. Diese Gestaltung ins Einzelne, Beson- 
dere, Individuelle zeigt sich auch darin, dass Griechenland stets 
in kleine Staaten zersplittert war. Die Tendenz zur Bildung 
grosser Staaten ist modern. Sie hat ihren Anfang zwar im 
Alterthum, im makedonischen und römischen Reich; die Politik 
Alexanders d.-Gr. überschreitet indess bereits das Antike, der 
grosse römische Staat aber unterschied sich wesentlich von den 
modernen Staaten dadurch, dass er nur das weite Gebiet der 
einen Stadt Rom war. Die Alten stellten sich den Staat immer 
äusserlich plastisch als eine Stadt vor; der römische Staat be- 
steht in der Civitas Ronmna; Athen und Sparta concentrirten 
die hellenische Macht nie zu einem Ganzen, sie hatten nur Macht 
über Andere. Natürlich wird der Particularismus auch in der 
modernen Staatenbildung nur allmählich überwunden; wie Grie- 
chenland daran zu Grunde gegangen, so ist besonders Deutsch- 



268 Zweiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

land dadurch wiederholt an den Rand des Verderbens geführt 
Das individuelle Prineip zeigt sich bei den alten Staaten femer 
auch darin^ dass im Staate jeder fQr sich personlich gilt; Bepra- 
sentativ- Verfassungen, wo der Einzelne die Gesammtheit vertritt, 
sind modern, im Alterthum sind die Volksversammlungen ein 
nothwendiges Moment. Selbst in der Tyrannenzeit besteht immer 
die Volksversammlung; ja sogar die Griechen im persischen Reiche, 
wie in lonien und Earien haben ihre Volksversammlungen. 
Dies scheint nun der Behauptung zu widersprechen, dass im Alter- 
thum die Gebundenheit, im modernen Leben die Freiheit vor- 
herrsche; die politische Freiheit scheint im Alterthum grösser 
als in der Neuzeit zu sein. Allein die politische Freiheit beruht 
bei den Alten auf der Geltung aller Individuen, also auf dem 
Vorherrschen des Individuellen und der Vielheit gegen das Uni- 
verselle und die Einheit. Sie hat ihre Grenze zunächst da, wo 
keine individuelle Bildung ist; daher ist eine grosse Masse von 
Menschen unfrei; die Sklaverei ist eine noth wendige Voraus- 
setzung des antiken Lebens, und Aristoteles hat sogar versucht 
ihre Nothwendigkeit wissenschaftlich zu begründen. Die moderne 
Sklaverei steht dagegen im Widerspruch mit dem Geiste des mo- 
dernen Staates; wenn die amerikanischen Sklavenhalter behaup- 
teten, die schwarze Race sei von Natur zum Dienste der weissen 
bestimmt, so ist dies genau dasselbe, als wenn die Griechen be- 
haupteten, die Barbaren seien zu ihrem Dienste geboren; allein 
eine solche Ansicht hat in der Neuzeit keinen Bestand, sondern 
erscheint uns unmenschlich und gottlos. Obgleich nun im Alter- 
thum die republikanische Staatsverfassung vorherrscht, so ist der 
Staat als Staat und ebenso das Individuum als Individuum ge- 
bundener. Die Individuen machen sich als solche im Staate 
geltend; letzterer wird durch Alle, nicht durch Einen oder We- 
nige repräsentirt; aber die Einzelnen sind deswegen nicht freier, 
selbst in Bezug auf den Staat, sondern gehen vielmehr ganz in 
demselben auf. Was hier als höchste Freiheit erscheint^ ist nur 
Volkstyrannei. Der Staat des Alterthums ist leidenschaftlich, hart, 
despotisch in seinen Principien. Bei der Vergleichung mit dem 
modernen Staat muss man femer auch die entsprechenden Staats- 
formen einander gegenüberstellen. Eine alte Republik ist allerdings 
freier als eine moderne Despotie; aber sie ist gebundener als 
eine moderne Republik; ursprünglich sind die alten Republiken 
aristokratisch, und nach unseren Begri£fen bleiben sie dies selbst 



Allgemeine Alterthumslehre. 269 

in der Zeit der freiesten Demokratie^ wo es in Athen z. B. bei einer Be- 
völkerung von 500,000 Seelen nicht mehr als 21,000 stimmberechtigte 
Bürger gab. Die antike Monarchie ist entweder despotisch oder patri- 
archalisch; die constitutionelle ist im Alterthum nicht ausgebildet; 
man hatte davon nur einen unklaren BegriflFin der aus den drei Grund- 
verfassungen gemischten Staatsform, die aber auch fast nirgends be- 
stand. Wenn der moderne Staat sein Ziel erreicht haben wird, so wird 
er das Alterthum überhaupt, abgesehen von den Verfassungsfor- 
men, bei Weitem an Freiheit übertreffen. Er hat aber sein 
Ziel noch nicht überall erreicht, während das Alterthum abge- 
schlossen vor uns liegt. Die Freiheit des antiken Staates er- 
scheint in der politischen Entwickelung nur als Mittelglied zwi- 
schen dem orientalischen Despotismus und der constitutionellen 
Freiheit der modernen Staaten. Merkwürdig ist auch der schon 
oben berührte Umstand, dass im Alterthum' der Politismus durch- 
aus vorherrscht. Der Mensch ist an den einzelnen Staat ge- 
fesselt und Wenige sind zum Eosmopolitismus durchgedrungen. 
Die Vaterlandsliebe der Alten hat ihre Wurzeln darin, dass sie 
ganz in dem real gegebenen Staate leben, während in der Neu- 
zeit das Weltbürgerthum oft zu einer falschen Ideologie, zur 
Gleichgültigkeit gegen die nächste Umgebung führt. Allein der 
wahre Eosmopolitismus streitet keineswegs mit der Vaterlands- 
liebe, sondern befreit sie von Beschränktheit und Engherzigkeit, 
die ihr bei den Hellenen oft anhaftet^ weil diese den Staat nicht 
einmal nach seiner nationalen Aufgabe, geschweige denn nach 
seinem idealen Verhältniss zur Menschheit zu begreifen ver- 
mochten. 

IL Der falsche Eosmopolitismus fasät die allgemeinen Inter- 
essen der Menschheit, zu deren Verwirklichung ^er Staat be- 
stimmt ist, subjectiv auf; sie werden gleichsam zur Privatsache 
und der Staat erscheint dann leicht als nothwendiges Uebel, 
als eine Zwangsanstalt zur Sicherung des Privatlebens, dem man 
allein einen Werth an sich beimisst. Im Alterthum ist dagegen 
das Privatleben fast ganz im Staatsleben aufgelöst, so dass 
der Einzelne nur des Staates wegen da zu sein scheint. Denn 
da die öffentlichen Angelegenheiten ganz individuell behandelt 
wurden, und die Staatsinteressen objectiver als die Privatinter- 
essen sind, so fand bei der überwiegenden Objectivität des Alter- 
thums der Einzelne sein individuelles Genüge im öffentlichen 
Leben. Die objective Seite des Privatlebens, die eigentliche Ar- 



270 ^weiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

beit und Last des Daseins ^ fiel denen zu, deren IndiYidualitat 
im Staate nicht zur Geltung kam^ den Sklaven und Frauen; der 
freie Bürger ist der Despot des Hauses. Dadurch erhielt der 
gesammte häusliche und gesellschaftliche Verkehr einen unfreien 
Charakter. Dies zeigt sich besonders in dem gegenseitigen Yer- 
hältniss der beiden Geschlechter; das weibliche Geschlecht wird 
von dem männlichen nicht als ebenbürtig anerkannt und seine 
Stellung ist um so untergeordneter, je grösser die politische 
Freiheit der Bürger wird. Nur in kriegerischen Staaten, wo bei 
der häufigen Abwesenheit der waffenfähigen Mannschaft den 
Frauen eine selbständige Leitung des Hauswesens obliegt^ behiel- 
ten diese ein grösseres Ansehen; in Sparta waren sie fast eman- 
cipirt. Die volle geistige Ebenbürtigkeit hat Piaton zuerst dem 
weiblichen Geschlecht zugesprochen; aber erst durch das Christen- 
thum ist der Grund zu der idealen Frauenverehrung gelegt^ 
welche seit dem Mittelalter den Verkehr der Geschlechter immer 
freier und edler gestaltet hat, wenngleich die Frauen noch jetzt 
nicht vollständig von unwürdiger Abhängigkeit erlöst sind. Die 
sogenannte Platonische, d. h. die rein geistige Liebe ist nicht 
antik; Piaton hat nur die Enabenliebe in ähnlicher Weise zu 
idealisiren gesucht. Die Knabenliebe aber ist dadurch entstanden, 
dass sich die Geschlechter im gesellschaftlichen Verkehr von 
einander sonderten; denn in Folge dessen verfiel die natürliche 
Neigung der Erwachsenen zum aufblühenden Knabenalter dem 
äusseren Sinnenreize, wozu besonders der Anblick der nackten 
Gestalten bei den gymnastischen Uebungen mitwirkte. Die Sinn- 
lichkeit herrscht in der Geschlechtsliebe des Alterthums vor; auch 
in ihrer schönsten poetischen Gestalt fehlt ihr die höhere geistige 
Weihe, während der sentimentalen Liebe der Neuzeit umgekehrt 
oft die Natürlichkeit fehlt. Die Ehe wird bei den Alten reali- 
stisch nach ihrer Naturseite als Fortpflanzungsinstitut angesehen. 
Ursprünglich war die Eheschliessung durch Naturverhältnisse 
eingeschränkt; das Conubium bestand nur zwischen verwandten 
Geschlechtem, so dass sich auch hierin die Vielheit natürlicher 
Gruppen geltend machte, die sich im Staatsleben zeigt; später 
war wenigstens die Epigamie zwischen den einzelnen Staaten 
von ausdrücklichen Verträgen abhängig. Dass bei der Schlies- 
sung der Ehe die freie Zustimmung der Braut nicht maassgebend 
war, ergiebt sich z. B. aus den attischen Gesetzen über die Epi- 
kleren, wonach jemand vermöge seiner Abstammung Anspruch 



Allgemeine Alterthiunslehro. 271 

auf die Hand einer Erbtocliter hat, deren nächster Verwandter 
er ist, und diesen Anspruch gerichtlich geltend machen kann. 
Da bei einer solchen Bestimmung die Frau leicht als unliebsame 
Zugabe zu ihrem Vermögen erscheinen konnte, suchte das hu- 
mane Solonische Gesetz den natürlichen Zweck der Ehe da- 
durch zu sichern, dass es dem Gatten vorschrieb wenigstens drei 
Mal im Monat seine ehelichen Pflichten zu erfüllen. Man darf 
indess nicht glauben, dass im Alterthum der Familie das geistige 
Band ganz gefehlt habe. Das weibliche Geschlecht ist keines- 
wegs verachtet gewesen, imd das griechische Frauengemach war. 
kein Harem. Wenn einzelne Aeusserungen alter Schriftsteller, 
wie z. B. des Weiberfeindes Euripides, das Weib zu einer 
Geburtsmaschine herabsetzen, so beweist dies nichts für die G^ 
sammtauschauimg des Alterthums; in nicht wenigen modernen 
Schriften findet sich eine noch stärkere Herabwürdigung der 
Frauen. Die griechische Dichtung und Plastik hat hohe Ideale 
weiblicher Charaktere aufgestellt, und schon das strenge Festhal- 
ten an der Monogamie zeigt die Achtung vor der persönlichen 
Würde der Frau. Es entwickelte sich in der Ehe auf dem 
Naturgrunde der Sinnlichkeit oft eine zärtliche Gattenliebe, und 
besonders gross war die Pietät gegen die Eltern. Wie innig und 
treu die Anhänglichkeit selbst gegen Dahingeschiedene war, be- 
weist der Todtencult der Griechen. Die Liebe der Eltern zu den 
Kindern findet ihren charakteristischen Ausdruck in der Art der 
Erziehung; hier zeigt sich nun ganz vorzüglich der individuali- 
sirende Zug des griechischen Geistes. Die Griechen haben das 
Humanitätsideal in der Erziehung eingeführt; jeder freie Bürger 
sollte zu einem ganzen Menschen erzogen werden, indem durch 
musische und gymnastische Bildimg seine geistigen und leiblichen 
Kräfte harmonisch entwickelt wurden; die weitere Bildung gab 
das Leben durch die Oeffentlichkeit aller gemeinsamen Ange- 
legenheiten, durch den geselligen Verkehr der Männer mit der 
Jugend und durch den Anblick der reichen Kunstwelt, welche 
den Griechen täglich umgab. Die Wahl des Berufs ging aus 
individueller Neigung hervor; jeder konnte alles werden, eine 
Trennung in Berufsstände bestand nicht Aber jeder bestrebte 
sich das, was er ergriffen, auch ga:nz zu sein ; gerade auf Grund 
der allgemeiuon Menschenbildung herrscht bei den Alten ein 
energisches Streben nacli Virtuosität in der speciellen Berufs- 
thätigkeit In der Neuzeit liat der Begriff der allgemeinen Hu- 



272 Zweiter Haupttbeil. 1. Abschnitt. 

manitatsbildung einen erweiterten Sinn erhalten; der Einzelne 
soll nicht bloss an sich zum Menschen^ sondern zugleich zu einem 
brauchbaren Gliede der menschlichen Gesellschaft gebildet werden. 
Dies ist nur durch einen allseitig belehrenden Unterricht zu er- 
reichen. Dieser Unterricht ist deshalb in der modernen Erziehung 
die Hauptsache, wogegen in der acht antiken Zeit Griechenlands 
auf die Ausbildung der gymnastischen und musischen Fertig- 
keiten das Hauptgewicht gelegt wurde. Femer ist der Unter- 
richt in doppelter Beziehung universell geworden; denn erstens 
geht das Streben der Neuzeit dahin^ dass er Allen ertheilt werde, 
während im Alterthum die Sklaven ganz und die Frauen zum 
grossen Theil davon ausgeschlossen waren, imd dann ist er sei- 
nen Gegenstanden nach nicht bloss, wie bei den Griechen, ein- 
seitig national, sondern soll den Einzelnen historisch in die Ent- 
wickelung der Menschheit einführen, weshalb zur allgemeinen 
Bildung auch die Eenntniss alter und neuer Cultursprachen ge- 
rechnet wird. 

in. Die Religion der Griechen ist wahrscheinlich von einem 
uralten Monotheismus ausgegangen, der dieselbe Gulturstufe ein- 
nimmt wie die patriarchalische Monarchie, aber viel früher als 
letztere verdrängt ist. Der Polytheismus entsteht bei allen Völkern 
des Alterthums durch die Naturvergötterung, indem die göttliche 
Urkraft unter mannigfachen Natursymbolen aufgefasst wird und 
die Anschauung dann vorwiegend an dem Einzelnen und Realen 
haften bleibt. In der vorhomerischen Zeit ist nun die Natur- 
religion von priesterlichen Sängern zu jener tiefsinnigen Mystik 
ausgebildet worden, die wir auch in den orientalischen Religions- 
systemen finden. Indess erzeugte sich hierdurch nicht wie bei 
den Indem und Juden eine priesterliche Schriftreligion, weil bei 
den Hellenen das Priesterthum zwar ursprünglich in Geschlechtem 
forterbte, aber daraus keine Priesterkaste, keine EUerarchie her- 
vorging. So konnte es geschehen, dass der gesammte Mythos 
durch die epische Dichtung umgestaltet wurde; die plastischen 
Göttergestalten, welche die Dichter schufen, stellen das göttliche 
Wesen des Menschen in allen seinen mannigfachen Erscheinun- 
gen dar und der Homerische Götterstaat, die heitere und freie 
olympische Welt ist ein ideales Abbild der individuellen Freiheit, 
welche der griechische Geist errungen hatte. Aber die Götter 
bleiben immer Naturgottheiten; die ganze Natur ist unter sie 
vertheilt und wird von ihnen beherrscht, und die bunte Mannig- 



Allgemeine AlterthiimBlehre. 273 

faltigkeit der Götterwelt wird dadurch erhöht^ dass in allen ein- 
zelnen Staaten Sagen und Gultus individuell gestaltet wurden. 
Der Cultus der Griechen ist nicht auf Belehrung über gottliche 
Dinge angelegt, sondern poetisch und mit allem Reiz und Glanz 
der Kunst ausgestattet, aber deshalb auch äusserlich und sinn- 
lich. Die religiöse Gesinnung, die Frömmigkeit fehlte zwar den 
Hellenen durchaus nicht; aber sie war rein praktischer Natur. 
Und gottgefällig erschien nicht nur ein sittlicher Lebenswandel, 
sondern auch die äusserlichsten *und sinnlichsten Verrichtungen 
und Genüsse des Lebens wurden mit religiösen Vorstellungen 
verknüpft, so dass die Sinnlichkeit vergöttert wurde, während das 
innere religiöse Leben ganz zurücktrat. Hieraus erklärt sich .'die 
merkwürdige Erscheinung, dass zur Zeit der Pisistratiden die 
alte mystische Religion erneuert wurde, die in der Mantik und 
in den Mysterien fortgelebt hatte. In ihr suchte man Befriedi- 
gung eines tieferen Gefühls und aus ihr entwickelte sich all- 
mählich unter dem Einfluss der Philosophie eine reinere religiöse 
Erkenntniss. Hierdurch ist auch das Christenthum vorbereitet; 
allein indem dieses die nationalen Schranken des jüdischen Mo- 
notheismus durchbrach und die christliche Kirche die Begründung 
einer universalen Weltreligion erstrebte, durch welche der Mensch 
nicht nur zum Weltbürger, sondern zum Himmelsbürger erhoben 
wurde, kam ein ganz neues Princip zur Herrschaft. Während das 
Heidenthum das Geistige zu versinnlichen trachtet, vrill das 
Ohristenthum das Sinnliche vergeistigen. Als Religion des Geistes 
musste es die antike Naturreligion zerstören; aber indem es sich 
auf ihren Trümmern aufl)aute, musste es nothgedrungen manches 
Heidnische aufnehmen, das noch jetzt, nicht vollständig aus- 
geschieden ist. So sind in dem christlichen Cultus viele äusser- 
liche Ceremonien, die dem Gottesdienst ein sinnliches Gepräge 
geben," heidnischen Ursprungs, und heidnisch sind auch die poly- 
theistischen Bestandtheile des Dogmas. Dies widerspricht indess 
dem wahren Wesen des Christenthums, welches sich über alle 
antiken Religionen zu einem idealen aus den Tiefen des mensch- 
lichen Herzens geschöpften Monotheismus erhebt. Diesen hatte 
im Alterthum nur die Philosophie erreicht; daher sagt Chryso- 
stomos sehr treffend, das Kreuz Christi habe alle Bauern zu 
Philosophen gemacht. Hierdurch ist der Fortschritt der moder- 
nen Zeit zur geistigen Freiheit begründet. Dies zeigt sich be- 
sonders auch in der Umwandlung, welche die antiken Vorstellungen 

BOckh's Encyklopädie d. philolog. WiHenschaft. 18 



274 Zweiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

von dem Verhältniss des Gottliclien zum Nichtgöttlichen erfahren 
haben. Die Grundidee des Alterthums ist; dass das Schicksal, 
die eijuapii^VTi Alles, auch den Willen der Götter mit Nothwendigkeit 
bestimmt; dagegen gründet die mqdeme Religion sich auf den 
Glauben an eine freie Vorsehung, der sich im Alterthum nur bei 
einigen Philosophen findet. Greht man tiefer ein, so ergiebt sich 
allerdings, dass beide Vorstellungsarten ijn Grunde auf dasselbe 
hinauslaufen, denn in Gott ist Freiheit und Nothwendigkeit 
identisch 5 aber die Form der Auffassung ist doch wesentlich ver- 
schieden. Uebrigens lähmte der Glaube an die gesetzmässige 
Nothwendigkeit alles Geschehens bei den Griechen nicht die 
Energie des Handelns; ihre individuelle Bildung verlieh ihnen 
ein hohes Selbstgefühl gestützt auf die Eenntniss der eigenen 
Kraft, und sie machten diese Kraft energisch geltend ohne über 
die nöthwendige Grenze derselben hinauszustreben. 

Da die Kunst im Alterthum aus dem Cultus hervorgeht, 
trägt sie auch denselben Charakter wie dieser. Sie ist weit we- 
niger der Darstellung des Innern, des Gemüthes zugewandt als 
die moderne Kunst; aber es ist in ihr mehr Naturwahrheit. 
Diesen Gegensatz hat Schiller im Auge gehabt, wenn er die 
alte Kunst naiv, die neue sentimental nannte; aber auch durch 
die alte Naturreligion geht ein sentimentaler Zug, der in der 
Musik und Poesie seinen Ausdruck findet; indess sind die Griechen 
selbst in der Sentimentalität natürlich, ja sinnlich. Die specifi- 
sche Eigenthümlichkeit der griechischen Kunst ist jedocÜ ihre 
plastische Form; sie besteht darin, dass alle künstlerischen Ideen 
in festen, individuell abgerundeten, objectiven Gestalten dargestellt 
werden, welche die real gegebene Welt in verschönertem Abbilde 
wiederspiegeln. Indem die individuellen Formen der Wirklich- 
keit klar in ihrer gesonderten Vielheit aufgefasst werden, tritt 
die Einheit des Kunstwerks um so einfacher hervor; und gerade 
bei dieser Einfachheit kann die Abrimdung zum Ganzen und die 
Harmonie aller Theile vollkommener* und wirksamer erreicht wer- 
den. Der Gegensatz des Plastischen ist das Romantische; denn 
es ist verkehrt letzteres als Gegensatz zum Klassischen aufzustellen. 
Klassisch ist jede Vollendung der Kunst und der Bildung über- 
haupt; aber die klassische Kunst der Neuzeit — soweit sie nicht 
dem Muster der Alten folgt oder dadurch mittelbar beeinflusst 
wird — ist überwiegend romantisch. Sie geht darauf aus das 
innere Leben des Gemüths aufzuschliessen; die Einheit und To- 



Allgemeine AlterthumBlehre. 275 

talitaty die sie erstrebt^ ist die der Empfindung, die sie vielseitig 
anzurühren sucht; daher wirkt sie durch eine universelle umfas- 
sende Mannigfaltigkeit, welche oft bis zur Ueberladung geht; 
die Harmonie der Theile ist nicht sinnenfallig, sondern ideal; die 
der realen Welt entnommenen Formen sind nicht fest begrenzt, 
sondern werden mit einer ins Unendliche strebenden Freiheit* 
der Phantasie zusammengefügt; ihre Umrisse verschwimmen da- 
her oft ins Nebelhafte. Da der plastische Charakter in der Pla- 
stik selbst normal ist, haben die Alten in dieser auch das Höchste 
erreicht und für alle Zeiten unübertreflFliche Muster geschaffen; 
dagegen fehlte der antiken Malerei die romantische Femsicht; 
alles erscheint in unmittelbarer greifbarer Nähe, oft reliefartig. 
Am meisten aber steht gegen die Neuzeit die antike Musik zu- 
rück, weil die Musik von allen Künsten am wenigsten Plasticität zu- 
liisst; sie war bei den Griechen in eine strenge rhythmische Form 
gebannt, während sie sich bei uns in freier Gestaltung bewegt. 
In der Perikleischen Zeit näherte sie sich dem modernen 
Stil; aber dies wurde als Entartung angesehen. In der Poesie 
ist das Epos, die objectivste Gattung, von den Griechen ebenfalls in 
der vollkommensten Reinheit des Stils ausgebildet; das moderne 
Epos hat dagegen eine lyrische Färbung, was sich auch äusser- 
lich in der Anwendung der Strophenfonn zeigt. In der Lyrik 
fehlt den Alten der romantische Farbenglanz, das phantastische 
Spiel der Empfindung und der Tone, die Melodie des Reimes 
und der Assonanz; selbst in dieser subjectivsten Gattung der 
Poesie, die sich dem Modernen am meisten nähei*t, haben die 
Anschauungen noch eine plastische Klarheit, wenn dieselbe auch 
bedeutend geringer als im Epos ist. In hüchstef" Vollendung 
aber erscheint der plastische Charakter in der Tragödie. Die 
Einfachheit der enggeschlossenen Handlung lässt die Einheit der- 
selben energisch hervortreten; selbst die Unterbrechung durch 
den Scenenwechsel wird möglichst vermieden, so dass die Un- 
mittelbarkeit der Anschauung durch die Einheit des Orts und 
der Zeit noch erhöht wurde; alle Mittel aber zur Erreichung des 
dramatischen Zwecks: Musik, Tauz, Scenerie, Vortrag, Sprache und 
Gedanken waren so harmonisch verbunden, dass sich nichts Vollkom- 
meneres denken lässt. Den Contrast des antiken und modernen Tra- 
gödienstils empfindet man in seiner ganzen Stärke, wenn man A e- 
schylos mit Shakespeare vergleicht. Das Shakespearesche Drama 

hat keine unmittelbare Einheit, sondern die grellsten Gegensätze, 

18* 



Allgemeine Alterthumslehre. 277 

Wurzelreiclitliuiii; ihrer Bildsamkeit und Biegsamkeit für Zusam- 
uieusetzungeU; Ableitungen und Flexion hervor; hierdurch wird 
es möglich jede Vorstellung in scharf begrenzter Form zum 
Ausdruck zu bringen und die Sprache erhält dadurch eine wahr- 
haft plastische Deutlichkeit. Zugleich hat sie ein durchaus eigen- 
artiges originales Gepräge. Aber der Sprachsinn der Griechen 
ist individuell beschränkt; der Trieb fremde Sprachen zu erlernen 
und dadurch eine universellere Anschauung zu gewinnen findet 
sich nur bei Wenigen^ und das Alterthum hat wegen dieser 
Einseitigkeit auch keine wissenschaftliche historische Grammatik 
zu Stande gebracht^ obgleich seit, Alexander's Zügen ein hin- 
reichender Stoff zur Sprachvergleichung vorlag. Freilich hat in 
der Neuzeit der universellere Sprachsinn zu einer den Griechen 
fremden Sprachmischung geführt^ wodurch die nationale Eigenart 
der Sprachen getrübt wird. Die Sprache drückt ursprünglich reale con- 
creto Anschauungen aus, welche Bilder der idealen sind. Im Alter- 
thum bleibt jene Naturbedeutung der Wörter noch lebendiger im Be- 
wusstsein; die Sprache bleibt daher selbst in der Prosa poetischer. 
Durch die letzte Entwickelimg der griechischen Wissenschaft 
aber beginnt die universelle Vergeistigung der Sprache; dieser 
Process überträgt sich dann auf die lateinische und später auf ' 
die modernen Sprachen. Die Worte werden zu unmittelbaren 
Zeichen für ideelle Anschauungen^ ohne dass die ursprüngliche 
sinnliche Bedeutimg dabei ins Bewusstsein tritt. Dies ist dadurch 
befördert, dass die wissenschaftlichen Ausdrücke der griechischen 
und lateinischen Sprache in die modernen aufgenommen und dadurch 
von jeder volksthümlichen Nebenvorstellung befreit sind. Aber 
mit der Vergeistigung der Worte ist zugleich die Gefahr verbun- 
den, dass sich ihre Bedeutung zu anschauungslosen, abstrakten 
Begriffen verflüchtigt. Im Griechischen werden selbst die inneren 
Beziehungen der Begriffe so deutlich als möglich durch äussere 
Zeichen, durch Lautformeu ausgedrückt; in den neueren Sprachen 
dagegen schwindet die Form z. B. in der Flexion immer mehr; 
die Structureu müssen aus dem inneren Verhältnisse der Begriffe 
erkannt werden. Dies Verhältniss wird nur durch die Wort- 
stellung angedeutet, die daher strenger bestimmt wird, einen 
logischen Werth erhält, während sie im Griechischen vorwiegend 
rhetorischen und poetischen Zwecken dient. Dasselbe stellt sich 
auch in der metrischen Form der Sprache heraus. Im Griechi- 
schen hängt der Accent von der Quantität ab und diese wird 



lf7S Zwci<<'r Hauptthoil. 1. Alischnitt. 

iiirkt ViMii Bt'^riH* bostiuimt, sondern ist ein rein rhythmisches 
\'orhiii(niää. In der letzten ohristliehen Zeit des Alterthums sind 
aher die festen, plastischen Quantitatsunterschiede der griechischen 
und iateiniselien Sprache verwischt und die Quantität hangt seit- 
dem von der Betonung und vom Accent ab, ein Princip, das 
bei den neu-eun^paischen Völkern herrsehend geworden ist. Die 
Ueti>nun^ ist durch logische Verhaltnisse mitbedingt« die in den 
^'iiuanisclien i^prachen auch den Wortacceni bestimmen: zu- 
gleich aWr liegt in Ton und Accent das melodische Element der 
Sprache, dun'h welches die subjeciive Empfindung in der»elben 
erst /um vollen Ausdruck kommt. Daher ist die (.Grundlage der 
Versbildun** in der sentimentalen Dichtunc der Neuzeit das 
vUcichmaass der durch den Accent bezeichneten Hebun^ea. unter- 
stütz: durv'h den gleichtalls melodischen Oleiohklang des Reimes 
und der Assonanz* wahrend im Altenhum die Ver^hebungen sehr 
lüiur.g uicht mit den: Wonacceut zusammenfalien und der Gleich- 
kuiug i;eiuie\len wirvi. l'^ie deutsche Sprache hat sich taiiiff sce- 
iei^t das IVincip der quancitirenden and accenmireziden Vers- 
Lues^i^MU^ L\x verbitLvlen. 

l'he Sprache, das Orrin «ies Wij^ens, wax in Hl^ii Ge- 
bix'Cs-.'i'. «.'.er ^iev tischen Litencur bereits v.^HkonLEieii kuii-'*cmiL?ä*iir 
jiUSi:ob:'.«.:ec» -.'h-;' sich das ^Leorecische Lecken s*:weLt in ii&s innerere 
W.,'2n.*i: J»:':i Sub;ecces ilJ:^:ck:2o•-:. -ias* .i:»f W:<se!Ls.:aifr ziir 
\oLe:i Eii::aI:iL::ifi ^ian^r^e: ietin sie ia: in '.»ri^jchealai«! ür* 

■*:•;■ A...«.li uü A*''^CTlii3i mcii' *ii*i mivfrseLle V -»rn ?•«"'- rrytr i^ifeü 
w.e :j ier N .li-seL:. ly*.*^ tinst ia: .vi :»?n '.^r.^^'.litra in* Veo»?r- 
^e '* x -1 : 1 be r L:e ^^ : sse ti sc h air. w üirv iid :e i inj? iaä im i?i k -^ iir^-j 
V.ir'hilnijs* sca^in'it^c. h*^ A'.:ea .iarr;:iL :K:ii:n illrfin '^^riiü*ca:iS'r- 
uiäs^i'i:^ <»."«*ei Stacuoü .i!< -vr Dilclier. ijer liL-ii j4 v *nii^ ?»Ieii»*r 
^1> '*'r Starueü liabt^n. L^'f«? ^> .'r'j;l.t3i:>>» -rsüLr: -jn.a iuriii-. 
•jac<> iie Iviu^r ^»^v:»^ri»ib»:r ier W ss.'nsi.iia;*: ii»r •_ »?ii'«.T:^'-rinv: i^'> 
theor-rtis«: Jt.'ti Lei>*üs >c. M.u iarr i:*^ inivMrNj*-..!.' \. is:?[>^inin>«* 
•ier ^%'rsseasc!jaitLii.ii»^a L?il«iuji:i n ier N'^iiz'.-ir :i:i.iic v = )n jL^^i-K^-^-r 
lichkeitiru. *%:e ^rvu v/a i'.t Snindiiair i*-r iürii'ir'iLk •rv.uxs.r 
herleiten: ias Liiy:Hm»-m»r i?ii«i'aniC5ütrd^"lrra-is> -f^ibsc rirt "*.*r.ni*^iir 

l«ruiju 'liuriu, liiüit >ivi& j^'^ammce ueo»rn i>-r .i«?»i— 'ir»ip:i^<i. .l^-l? 
Vaiktfr ^^.-ht'o *it ier" Sciitiia^tik ie*? ^ftineiaiTrrs nviir L:i«i rieiir 
üjniiiinrhalth'i In u Pae«ir.e mter^^^rrtn ^nitü >t. ^.r'zrer»^ 




Allgemeine Alterthamslehre. 279 

ist aber auch ihrem Inhalte nach schon deshalb bedeutend uni- 
versaler als bei den Alten, weil sich unser Erfahrungskreis in 
Bezug auf Natur und Geschichte so ausgedehnt hat, dass unsere 
wissenschaftliche Forschung jetzt den ganzen Erdball umfasst 
und sich daher schrankenlos in das Universum erstreckt. Aber 
die letzten Gründe der Dinge und des Erkennens, die nicht aus 
der Erfahrung gefunden werden können, sondern seit den älte- 
sten Zeiten in der schöpferischen Thätigkeit des Denkens selbst 
hervortraten, hat die griechische Philosophie bereits vollkommen 
erkannt, da hierzu die individuelle Freiheit des Bewusstseins hin- 
reichte. Gerade so lange die Speculation bei den Griechen nicht 
durch ein Uebermaass unbewältigten empirischen Stoffes gehemmt 
war, haben sie die höchsten philosophischen Grundideen mit 
jugendfrischer Begeisterung geschaffen und besonders Pia ton 
hat sie mit plastischer Vollendung dargestellt. Dah^r behält die 
antike Philosophie einen unvergänglichen Werth. Allein in den 
empirischen Wissenschaften führte die individuelle Beschränkung 
der Alten zwar zu einer scharfen Auffassung der einzelnen Er- 
scheinungen, aber zu einseitigen Ansichten. Aristoteles be- 
gründete erst eine universelle Polyhistorie, durch welche die vie- 
len einzelnen Erfahrungskenntnisse zu einer wissenschaftlichen 
Einheit zusammengefasst werden sollten und welche in Alexan- 
dria zu hoher Blüthe gedieh. Aber die Einzelwissenschaften 
vermochten wegen der Einseitigkeit 'der zu Grunde liegenden 
Erfahrungen jene Einheit nicht festzuhalten und verloren sich 
in einer Vielheit von Detailforschungen, während die Philosophie 
gleichzeitig durch die empirische Skepsis aufgelöst wurde. Gleich- 
wohl trägt die alexandrinische Gelehrsamkeit bereits ganz den 
modernen Charakter und dieser zeigt sich auch in dem univer- 
salen Betriebe der Wissenschaften, der durch sie herrschend wurde. 
Während früher die Wissenschaft von einzelnen Forschem isolirt 
betrieben war und in den Philosphen- und Rhetorenschulen Ein 
Lehrer eine Anzahl von Schülern um sich vereinte, wurde in 
dem alexandrinischen Museum zuerst eine grosse wissenschaft- 
Uche Gemeinschaft gestiftet, die dann das Muster ähnlicher In- 
stitute an anderen Orten wurde. In diesen Anstalten liegen aber 
nur die ersten Anfänge zur Begrü^^dung der universitas litferarum, 
welche unsere Akademien und Universitäten erstreben, wenn auch 
der Name der letzteren ursprünglich keineswegs den bezeichnen- 
den Sinn hat, den die Deutschen ihm beilegen. Mit der umfas» 



Allgemeine Alterthamslehre. 281 

indem sie die Raumverhältnisse auf abstracte Formeln zurück- 
führen. Die Anfänge der analytischen Geometrie sind zwar 
antik; aber sie sind von den Alten wenig ausgebildet worden , 
weil das constructive Verfahren för sie immer die Haupt- 
sache blieb. 

Bis hierher haben wir den Charakter des Hellenischen im 
Ganzen betrachtet. Derselbe umfasst aber bedeutende Unterschiede, 
die im Raum und in der Zeit auseinandertreten. Vermöge der 
individualisirenden Richtung des griechischen Geistes trägt jeder 
Staat in Hellas ,ein eigenthümliches Gepräge und alle diese Eigen- 
thümlichkeiten wurzeln in den ChJ^(rakteren der Haupt- Volks- 
stämme. Die Stammunterschiede sind durch die Natur gegeben, 
da sie sich nur aus dem Zusammenwirken der natürlichen An- 
lage und klimatischer Verhältnisse erklären lassen; sie befestigen 
sich durch Gewöhnung und werden zuletzt, wenn sich die Volks- 
stämme ihrer Eigenthümlichkeit bewusst werden, mit Absicht 
ausgebildet. Der bedeutendste Unterschied liegt in dem Gegen- 
satz des dorischen imd ionischen Charakters; denn der äolische 
und attische lassen sich nur im Verhältniss zu jenen verstehen. 
Die Dorer sind ursprünglich ein Bergvolk, und ihr hartes und 
rauhes Naturell hat sich in den engen Gebirgsthälern von Doris 
und Thessalien unter den einfachsten Lebensverhältnissen zu 
einer ausserordentlichen Stätigkeit und Festigkeit ausgebildet; 
als erobernder Stamm behaupten sie auch später stets eine ab- 
geschlossene Stellung, und während sie nach Aussen herbe, streng 
und unempfänglich erscheinen, vertieft sich in ihnen der grie- 
chische Geist zu der grössten Innerlichkeit J deren er fähig ist. 
Die loner finden sich von Anfang an in Kleinasien und Hellas 
überall an der See, und ihr von Natur weicher und bildsamer 
Sinn wird unter dem Einfluss ihrer Naturumgebung und Lebens- 
weise leicht und beweglich; sie sind für alle Eindrücke empfäng- 
lich, anmuthig und gesellig, aber auch oberflächlich und genuss- 
süchtig. Der Name der Aeoler umfasst ursprünglich alle Stämme 
mit Ausnahme der Dorer und loner; der äolische Charakter war 
Anfangs mit dem dorischen nahe verwandt; in ihrer weiteren 
Entwickelung vereiiiten die Aeoler aber im Allgemeinen die do- 
rische Rauheit mit der ionischen Aeusserlichkeit und Genuss- 
sucht und trieben die Fehler der beiden Stämme ins Excentrische; 
sie zeigen ein hochfahrendes, aufgedunsenes, oft plumpes Wesen, 
und äussere prunkende Bildung ist bei ihnen häufig mit innerer 



Allgemeine Alterthumslehre. . 283 

auch das iu Atheu ausgebildete Drama^ in welchem dad epische 
und lyrische Element verschmolzen ist, nimmt in den Chor- 
gesängen den dorischen Charakter und sogar eine dorische Fär- 
bung der Sprache auf. Von den prosaischen Literaturgattungen 
ist die Geschichte wie das Epos in lonien entstanden. Die Phi- 
losophie ist wie die Lyrik ein Gemeingut aller Stämme; aber 
gleich von Anfang an traten sich die Systeme der ionischen 
Naturphilosophen und der dorischen Schulen Italiens gegenüber 
und die Antinomie beider wurde durch die eleatische Schule, die 
den äolischen Charakter trägt, geschärft und durch die philoso- 
phische Kritik gelöst, welche Sokrates begründet und welche 
acht attisch ist. In Attika ist auch die Rhetorik entwickelt, 
deren Keime wie die des Drama dorisch sind. Am wenigsten 
stark treten die Stammunterschiede in der Mythologie hervor; 
doch unterscheiden sich der dorische und ionische Cultus ähnlich 
wie die Lebensart der beiden Stämme; jener ist bedeutend ärm- 
licher, aber innerlicher. In allen Gebieten der Kunst dagegen 
sind die Stammunterschiede von der grössten Bedeutung gewesen 
und die Griechen haben selbst die wichtigsten Stilarten nach den 
Stämmen benannt. In der Musik ist die älteste acht griechische 
Tonart die dorische, später haben sich die äolische und ionische 
nachgebildet. Ebenso ist der Tanz in den Stämmen ganz na- 
tional gestaltet. Von den bildenden Künsten hat besonders die 
Baukunst die Stammunterschiede vollkommen zum Ausdruck ge- 
bracht; die dorische Bauart ist die ursprüngliche, später bildet 
sich die ionische und in Athen hat man den Geist beider ver- 
einigt. 

Die Entwickelimg des griechischen Geistes in der Zeit ist 
wesentlich durch die Einwirkung der Stammcharaktere bedingt. 
Etwa bis zum Anfang der Olympiadenrechnung reicht die vor- 
hellenische Zeit, worin die Griechen dem Orient noch durchaus 
verwandt sind. Diese älteste Periode ist durch die patriarchalische 
Monarchie und in der Literatur durch die Herrschaft des Epos 
gekennzeichnet. Um den Anfang der Olympiadenrechnung, wo 
die Genealogien von den Söhnen des Hellen entstanden sind, 
treten die Hauptstämme hervor und es beginnt die eigentlich 
hellenische Zeit, die bis Alexander d. Gr. dauert. Zuerst wird 
die Aristokratie zur herrschenden Staatsform, und es erhebt sich 
über das Epos die lyrische Poesie, deren Aufblühen eine Folge 
desselben erhöhten Bewusstseins ist^ welches die patriarchalische 



284 Zweiter Haupttheil. 1. AbHchuitt. 

Mpnarehie gestürzt hatte. Bald entbrennt darauf ein Kampf 
zwischen den aristokratischen und demokratischen Elementen, 
und hierdurch erhebt sich die Tyrannis, indem in den meisten 
griechischen Staaten Volksführer die Geschlechter stürzten und 
sich dann zu Herren aufwarfen. Die dorischen Aristokraten, 
besonders die Spartaner^ suchten überall auch in den ionischen 
Staaten den Sturz der Tyrannis herbeizuführen; aber gleichzeitig 
mit der Vertreibung der Pisistratiden aus Athen ging durch alle 
griechische Lande ein mächtiger Zug nach Freiheit. Die ionische 
Timokratie vermittelte nun die Versöhnung der Geschlechter und des 
Volks; die Demokratie siegte erst nach den Perserkriegen. War 
schon in der Tyrannenzeit alles ^ was die einzelnen Stämme in 
der epischen und lyrischen Poesie erzeugt hatten^ zum Gemein- 
gut der Nation geworden^ so dass auch die - einzelnen Dialekte 
in der Literatursprache gleichberechtigt nebeneinanderstanden, 
so flosS; seitdem Athen an die Spitze der Seestaaten getre- 
ten war, in Attika alle griechische Bildung zusammen imd es 
vollendete sich so durch den Austausch der Stammeseigenthüm- 
lichkeiten der hellenische Charakter. Der Gipfel der ganzen Pe- 
riode ist das Perikleische Zeitalter; nach demselben löst der 
peloponnesische Krieg die Ordnung des Staats- und Privatlebens 
auf, bis Griechenland durch seinen Particularismus der Fremd- 
herrschaft erliegt. Man kann daher nicht die Zeit kurz vor 
Alexander d. Gr. als Höhepunkt der hellenischen Bildung be- 
trachten; nur die prosaische Literatur erreicht darin ihre höchste 
Vollendung. Mit der makedonischen Herrschaft beginnt die dritte 
Periode der Entwickelung, die man als die makedonische bezeich- 
nen kann. Die Eigenthümlichkeit der Stämme hat jetzt keine 
Wirkung mehr^ obgleich die Dialekte in der Literatur bestehen 
bleiben. Da die attische Bildung der Vermischung der Stamm- 
charaktere vorgearbeitet hatte, bildet sich aus dem attischen 
Dialekt die allgemeine Schriftsprache. Allerdings macht der 
griechische Geist in der alexandrinischen Zeit noch mäch- 
tige Fortschritte in der Wissenschaft; aber diese gehen über das 
Maass und Wesen des Antiken hinaus und bereiten daher selbst 
den Verfall vor. Die Periode des eigentlichen Verfalls tritt mit 
der Römerherrschaft ein; in derselben bildet die Regierung 
Hadrians eine letzte Epoche, da von ihr eine künstlich hervor- 
gerufene Nachblüthe der hellenischen Bildung datirt. 

Die Begründer der Geschichte der Philosophie sahen als das 



Allgemeine AlterthiunBlehre. 285 

eigentliche Wesen des Antiken den Charakter des Schonen an. 
Allein das Schöne ist in der Neuzeit wie im Alterthum das 
Ideal der Kunst und man kann in anderen Lebensgebieten auch 
bei den Alten nur metaphorisch von einer schönen Gestaltung 
reden; man kann ihnen z. B. nicht einen schönen Staat oder 
eine schöne Politik als charakteristisch zuschreiben. Die Schönheit 
tritt im hellenischen Leben nur deshalb so stark hervor^ weil 
darin die Kunst eine so ausserordentliche Bedeutung hat und 
weil vermöge der individuellen Bildung alle Seiten des Lebens 
sich in einer wunderbaren Harmonie entwickelten. Ein Beweis 
dieser Harmonie ist auch der gleichmässige Einfluss der Stamm- 
unterschiede auf alle Sphären-, die Richtungen det Einzelnen 
stehen im Einklang mit dem sie umgebenden Staatsleben^ worin 
ja jeder Einzelne Gewicht hatte; Kunst und Politik sind innig 
verflochten; die einzelnen Zweige der Cultur bildeten sich nicht 
unabhängig von einander, sondern in steter Verbindung aus. 
In der individuellen Bildung der Griechen liegt zugleich die 
Originalität ihres Geistes; die wahre Originalität aber ist normal; 
und daher ist das Hellenische für das ganze Alterthum normal 
geworden. Die Cultur der Griechen hat alle anderen Culturen 
der antiken Welt überwunden. Ihre Sprache und Sitte, Kunst 
und Wissenschaft verbreitete sich frühzeitig durch ihre Kolonien 
über Makedonien und Thrakien bis an die entlegensten Küsten 
des schwarzen Meeres, femer über die Gestade Lybiens und im 
Westen nach Spanien, Gallien, Sicilien, Italien und Illyrien, spä- 
ter soweit die makedonische und römische Herrschaft reichten. 

Indessen sind mit dem Wesen der hellenischen Cultur doch 
gewisse Mängel verbunden, die allen griechischen Volksstämmen 
in grösserem oder geringerem Grade eigen und bei unserer Cha- 
rakteristik in allen Lebenskreisen sichtbar geworden sind. Zu- 
erst liegt in der Individualität der Griechen eine überwiegende 
Sinnlichkeit; sie ist unbefangen, weil sie naiv ist^ und daher 
selbst in ihren Ausschweifungen weniger verderblich als die 
reflectirte Sinnlichkeit der Neuzeit; allein während diese im 
Widerspruch mit dem Geiste unserer Cultur steht, löste sich die 
hellenische Cultur auf, als sich der Geist der Griechen durch die 
Philosophie zur Anschauung des üebersinnlichen erhob. Ein 
zweiter Mangel ist der Egoismus, der im Alterthum aus der 
particularistischen Abschlicssung der Einzelnen und der Staaten 
entstohtl In der Neuzeit ist der Egoismus zwar keineswegs ge- 



L>^^ Zwoitf^r HaiipttlitMl. 1. Abschnitt. 

Was». i\o\\ Staat hotrift't. so zeisTt sieh ihr Charakter vor Allem 
iuiiiToicontliflmUchi-ii Au>ImKIiiiiu dos Krieirj?we&eus. Die Griechen 
uaivn niiht uiikriofTorisoh: Taktik und Strategie waren bei ihnen 
y,\v Kirnst intwiikoll: aWr es fehlte* dem genialen Volke 
i^i'T Knist dor rJ'innsolion Mannös/ueht : «selbst bei den Spar- 
lAVifiTi ^av dio Pisiiplin freier. Die Ordniinir des römischen 
Hr-iTe>. lue Laiiereinrichtunir n. s. w. ist ein Muster für alle 
/^itovi irewordeiK die Aufst^-llunji stehender Heere ist schon ganz 
.m m**«iienieTi <-n-iste. el»en<;i» «lie ehiheitliche Strateffie, welche 
•L.ri'haT.s abwrii-hend von der grieehischen dem individuellen Kr- 
inessen inotri^eliSt weniir Si.ielravim liess. In dt-r Politik haben 
die Hr.Tner zuerst die ei eent liehe MüaTäkluirheiT im modernen 
Nnrie irezeicft: die rrimisehe Politik war eonsequeni berechnend, 
kft-t T.Tid siren^r. Xaeh Aussen verfolgie sie. nachdem durch die 
r"iri;i<«fhe rirfus ItAÜen bezwrmeen war. die auscredchntest'en Er- 
olieriiTitrsjiliini- mit C\vr zllhester. Ausdauer und dtT raf&nirtesten 
Sch]fHi>M'it : naeh Innen bestand sie in eintT Kette rcin Ilanken 
»mil Kiiifti-r. der Xobilitilt um dereii TSoebti- iibt^r den ganzen 
StH'tsit fnisziidf'liiieii und das ^ o'ik s(i kun: als njofflicli zu halten. 
Die «irieeliei: Avan-n bei vfitt-ni wcnicrer eonse(»uent: ihre I'olitik 
\KU\ iiieViT natfirlieli: sie konnten sieli daher iiieht zu jener tm- 
ipiis.liei- jtnifh'itftn erheben, weil bei ihneii Alit*fi, was für dit 
Lf'inmiL de- Stafitr^s treseliah. aus dorn Mirtflnunkt«- d^r National- 
L*'«*^iMnijntr und dfs Volksbevnisstseins lit-rvortfimr, willirend in Koui 
di*r \ iTsTfiu«! df*r Mapstratt da> ifitt-ndi Prineij' det Staat^^s 
piui; dii A r-nvaltuni:" «lesliali» in»'!«! iinssfrlicj. und uieehaiiisi-i. 
wjiT. Di(- ]|}iu]«rlristunL dfr riniiist-bfi. iNditik war die ausser- 
firdcntliflic Ausldldunt: d(»> biirp^rüi-heii lit'cIni'N. rici'ro. 1^ 
nrnfiit't 1. 44 iM*l»jiu]»ri*J . das /»'.^ .*/'•//* Uv.) thMi lirit'rboii, st^lbs; 
flif« « tosft/.iTf'bnnü'^'ii dr> l.\Kr,rL:. ih*:iU«'i. uiu. Soloi: iiirtiT 
HU!4p4noniTneii. si«. mrituiilhith. jumh ''hitnüuu, >r niusstou den. 
praktisebiM- IJinner. iWr jillr- Ji»»(lnsvt»rhiltnuss» ren. und str^m: 
auszusondiTi; stn»lite. dit sxriefliiscbri: tnisiMvi •.*rsrhoint»ii, worir, 
da> jmdaprojri^irhf' Eleninni eiiir Lrn»ssi ludle sjnchi Dit- Patrj- 
cier gingen voii AntauL ai; daraul au> all« \ i*rn;lltnissi hi> ins 
Einzelsf.«- dnreli ii*si» NiT/uniji'ii /i. Tf^ifj'hi. liii;- lir .u; wurdt- dä- 
dnn*h so vorwiekeh. da> nur sir i-s v«»rstimilrii iijiuv C\u tinsien 
Fesseln der f-lient4^1 umi dir riiiduut: ('m^•^ ri-n-iiri. .hirister- 
Bei den «trir'.in^n tra»- i'> Km-lt«-!'"! lut m in-üirrvi 
,^ obfn S. SO), dif 7Tp«fuffTiKiii \\\\y\\ -: rnii L'tM.in-i 




Allgemeine Alterthiinialehre. 289 

es scheint ein grosses Glück für ihre Bildung gewesen zu sein, 
dass bei ihnen Philosophen und Politiker die Stelle der Juristen 
vertraten; die Form des Processes war viel freier und die Rechte 
waren bei aller Vielgestaltigkeit einfacher und rein menschlicher, 
so dass jeder politisch Gebildete sie handhaben konnte. Die 
ganze praktische Weisheit der Römer war juristisch, während 
die der Griechen von Anfang an einen philosophischen und 
poetischen Charakter trug und einen über das gewöhnliche 
Treiben hinausgehenden religiösen Sinn zeigt. Cicero, der sein 
Volk den Griechen gegenüber möglichst zu erheben sucht, weiss 
an den Römern doch immer nur die praktische Tüchtigkeit zu 
rühmen und wenn man die Staatsmänner in den Dialogen de 
oratore sprechen hört, gewinnt man eine sehr anschauliche Vor- 
stellung von dem römischen Wesen. Zu den Männern, welche 
die Römer den sieben Weisen der Griechen gegenüberstellten, ge- 
hören Tiberius Coruncanius, der erste Rechtslehrer, P. Sem- 
pronius, der wegen seiner Rechtskenntniss den Beinamen So- 
phus erhielt, Fabricius und M.' Curius, die Vertreter der un- 
bestechlichen Rechtlichkeit, Appius Claudius Caecus, der Er- 
bauer der Via Appia und der römischen Wasserleitungen. Neben 
der politischen Weisheit der Römer rühmt Cicero Tuscul. I, 1 dass 
sie ihr Hauswesen besser zu führen wissen; „Nam mores et in- 
stituta mtae resque doniesticas et familiäres nos profecto et melius 
tuemur et lautiusJ' In der That hatten die Griechen auch im 
Familienleben nicht die Disciplin, die bei den Römern durch die 
fast unbeschränkte patria potestas ermöglicht wurde und erreich- 
ten auch in der Hauswirthschaffc wegen ihres genialen Wesens 
nicht die musterhafte Ordnung, durch welche sich die Römer 
auszeichneten. 

Dagegen blieb das gesammte theoretische Leben bei den 
Römern deswegen auf einer niedern Stufe, weil es im Dienste des 
praktischen stand. Die Religion war bei ihnen noch mehr als 
in Kreta und Sparta Staatsreligion, ein bürgerliches Institut; die 
Augui:ien waren ein Werkzeug in den Händen der Patricier. Der 
Cultus hatte nicht die reine Schönheit und den speculativen 
Sinn der griechischen Gotterverehrung, sondern enthielt bedeutend 
mehr abergläubische Gebräuche und viel etruskisches Gaukelspiel, 
war aber auf das Innigste mit allen Akten des häuslichen und 
r>ftentlichen Lebens verwachsen uud der Ausdruck einer ernsten 
und tiefen religiösen Gesinnung, während bei den Griechen die 

Böckh'g Kncyklopädie d. philnloK- Wissenschaft. l^ 



290 Zweiter Haopttheil. 1. Abschmtt. 

Religionsübung vielfach zu einem leichten Spiel wurde. Die 
edelsten Formen des altromischen Cultus, die Einrichtungen des 
Numa sind indess schon aus griechischen Einflüssen abzuleiten; 
denn in Numa' s Zeit bildete sich Grossgriechenland, und die aus 
chronologischen Gründen unhaltbare Sage, die den römischen 
Konig zum Pjthagoreer machte, weist jedenfalls auf seine Be- 
kanntschaft mit der griechischen Cultur in Unteritalien hin. 
Aber den heiteren Geist der hellenischen Religion konnte Numa 
nicht nach Rom Terpflanzen. Auch' die aus altitalischen und 
griechischen Elementen gemischte Mythologie der Romer war bei 
weitem weniger ideal als die der Hellenen. Diese war jedoch 
selbst bereits in voller Zersetzung, als die griechische Cultar in 
Rom bei den Gebildeten Eingang &nd und Ton da an wird die 
Staatsreligion Tollends ganz zum pofitischen Werkzeug herab- 
gesetzt und demgemäss als theologia civilis den praktischen Be- 
dür&iissen gemäss rein ausserlich ausgebildet: Yarro unterschied 
nach Augustin (de Cii\ D. F7, 5) die theologia mythiea, ph^siea 
und civilis f d. h. eine poetische, philosophische und bürgerliche 
Theologie, während bei den Griechen nur die beiden ersten dieser 
Unterschiede hervorgetreten sind, indem die bürgerliche Religion 
eben die poetische war. Der tiefere Grund liegt darin, dass den 
Römern die poetische Anlage fehlte. Sie sind überhaupt in 
Kunst und Wissenschaft nicht original und haben darin auch 
das, was sie von den Griechen annahmen, nur soweit selbständig 
weitergebildet, als es sich an praktische Bedürfhisse ansehloss. 
Dies muss Cicero selbst eingestehen; nur meint er freilich, die 
Rumer hätten die Griechen auch in der Kunst und Wissenschaft 
übertretteu können, wenn sie nur gewollt hätten. Mettm sentper 
iWü'iiim fuit, sagt er Tuscul. I, 1, omnia nf>siros ani invenisse 
})er :>e ^nipientius quam Graecos. aut accepta ab Ulis f'msse melioray 
quae qt*id*iH digna sfatuiss^mt in quihns tluUrrarent Allerdings 
verschmähte der praktische Sinn der Römer alles Unpraktische, 
aber eben deshalb, weU er nicht dattir beanlagt war. Cicero 
dagegen glaubt, wenn das Malertalent eines Fabius Pictor An- 
erkennung gefunden hätte, so würden auch die Romer ihren 
Polykleit und Parrhasios aufzuweisen haben: ilie Blüthe der 
Tonkunst bei den Griechen war nach seiner Ansicht nur eine 
Folge davon, dass sie durch die allgemeinste Anerkennung aufge- 
muntert wurde, da selbst die grossten Staatsmänner musikalisch . 
gelädet waren (Vergl. dasProoem. zu Cornel. Nep.). Die Wahr- 



Allgemeine Alterthumslehre. 291 

heit ist; dass bei den Römern mit dem Talent auch die Lust zu 
theoretischen Beschäftigungen fehlte; deshalb wurden Kunst und 
Wissenschaft nicht geehrt, was dann allerdings wieder eine hem- 
mende Rückwirkdhg hatte. Freilich wäre es in Rom nicht mög- 
lich gewesen, dass ein Dichter wie Sophokles, der bei der 
Aufführung seiner Stücke mitwirkte, zum Feldherm ernannt 
wurde; da dem Künstler «ine levis notae macula anhaftete, konn- 
ten sich edlere Geister der Kunst kaum zuwenden. Aber auch 
als die griechische Cultur Eingang fand und die Vorurtheile zum 
Theil überwunden waren, haben die Römer es dennoch bei allem 
Eifer nicht den Griechen gleichthun können. Die Musik war 
ihre schwächste Seite; sie stehen darin weit hinter Kreta und 
Sparta. zurück; die griechische Musik wurde als Luxus, zur Unter- 
haltung eingeführt und man verschrieb sich dazu griechische 
Musiker. Ebenso ist die künstlerische Gymnastik etwas rein 
Griechisches und hat sich in Rom trotz aller künstlichen Ver- 
suche nie eingebürgert; für den Zweck derselben: die harmonische 
Ausbildung von Leib und Seele hatten die Römer kein Verständ- 
niss ; ihre Erholungsspiele waren anderer Art: Schwimmen, Ball- 
spiel, die kriegerischen ludi Circenses, Gladiatorenkämpfe und Thier- 
hetzeii. In der Baukunst haben sie nur den Strassen- und Festungs- 
bau selbständig fortgebildet; für das eigentlich Künstlerische in 
der Architektur, das ihnen ursprüglich ebenso fremd wie die 
Bildhauerkunst und Malerei war, gewannen sie erst durch die 
Griechen Geschmack und entwickelten dann allerdings einen ihrem 
Charakter entsprechenden Baustil. Selbst in der Dichtkunst sind 
sie selbständig nicht über die ersten rohen Anfange hinaus- 
gekommen; dahin gehören die alten religiösen I^ieder, die ausser 
kunstlosen und unabänderlichen Ritualgesängen der Hauptsache 
nach vaticinirend waren und also von vornherein nicht den reinen 
Zweck der Darstellung, sondern die praktische Tendenz hatten 
durch Vorhersagung der Zukunft die Handlungen der Menschen zu 
lenken und zu bestimmen; daher sind die griechischen sibyllinischen 
Hücher eine frühe Mitgift für den römischen Staat. Von Alters her 
waren ausserdem festliche Akte des öffentlichen und Privatlebens 
mit Gesang verbunden, der meist mit der tMa begleitet wurde. 
Dahin gehören auch die Lieder, welche die Jugend bei Gast- 
mählern zum Preise der Vorfahren anstimmte. Niebuhr's An- 
sicht, dass sich aus diesen Liedern ein altes Nationalepos ge- 

ijildet habe, hat sich jedoch als unhaltbar erwiesen. Rom hat 

19* 



292 ' Zweiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

nie auf heimischem Boden ein Eindesalter der Cultor gehabt; es 
fehlte ihm der Heroenmythos, seine Heroen waren von Anfang 
an Staatsmänner; daher mangelten alle Bedingungen zur Ent- 
stehung eines Epos. Ein Sängerstand, wie in der griechischen 
Heroenzeit, fmdet sich im alten Rom nicht; daher gab es auch 
keine Volkspoesie, die im Munde der Sänger lebt. Allerdings 
waren die Römer stets darauf bedacht -die Thaten der Vorfahren 
im Gedächtniss zu erhalten; aber dies geschah seit der frühesten 
Zeit durch schriftliche Aufzeichnungen. Merkwürdige Staats- 
und Religionsbegebenheiten wurden in den annaies ponHficum und 
in den commentarii magistratuum verzeichnet; die Patricier fahrten 
ausserdem noch Haus- und Familienchroniken. Während sich 
also die Geschichtsschreibung bei den Griechen aus dem Epos 
und der Mythologie frei von allen staatlichen Einflüssen ent- 
wickelt hat, ist sie bei den Römern ursprünglich im eigentlich- 
sten Sinne des Wortes pragmatisch und die Aufzeichnungen sind 
für das Bedürfniss eingerichtet mager und nüchtern. Ergänzt 
wurden sie durch die Urkunden des Sakral- und bürgerlichen 
Rechts, wozu die libri und commentarii pontificum, die fasti, die 
Uges, die libri lintei u. s. w. gehören. In diesen ältesten Schrift- 
werken ist die Grundlage des nationalen Wissens, der doctrina ci- 
vilis der Römer enthalten. 

Eine kunstmässige Literatur beginnt in Rom erst mit dem 
Jahre 240 v.Chr., wo Andronicus, ein bei der EroberuiJ|; von 
Tarent gefangener Grieche die erste aus dem Griechischen über- 
setzte Tragödie zur Aufführung brachte. Scenische Spiele hatten 
die Römer schon in sehr früher Zeit: die ludi Fescennini-^ aber 
dies waren improvisii-te possenhafte Mummereien, worin die rö- 
mische Gravität sich durch die schwerfällige und groteske Form 
des Scherzes offenbarte. Die Tragödie musste dem ernsten Sinne 
des Volkes besonders zusagen, und welchen Anklang das Unter- 
nehmen des Andronicus fand, sieht man daraus, dass ihm zu 
Ehren den poetae Corporationsrechte Verliehen wurden. Von nun 
an gewannen die Römer schnell Geschmack an der griechischen 
Literatur; neben der Tragödie eigneten sie sich die Komödie an 
und in beiden Gattungen wurden bald auch nationalrömische 
Stoffe behandelt. Die fahula praetexta, besonders wie sie Pacu- 
vius gestaltet, war in der That durch Erhabenheit imd Kraft 
ausgezeichnet, wenn ihr auch die harmonische Form der grie- 
chischen Tragödie fehlte. Auch die Komödie, die palliata wie 



Allgemeine Altert humslehre. 293 

die togata, hatte ursprünglich den hohen Stil, ähnlich der alt- 
attischen, nur bei weitem schwerfälliger; denn die griechische 
Tiaibid blieb den Römern stets fremd. Das Epos, welches Andro- 
nicus durch die üebersetzung der Odyssee einführte, wurde 
ebenfalls gleich auf nationale historische Stoffe angewandt; nach 
dem Bellum ptmiciwi des Naevius folgten die Awmles des 
Ennius, welche die ganze römische Geschichte behandelten und 
von spätem Dichtem fortgesetzt sind. Je genauer die Römer 
indess mit der griechischen Literatur bekannt wurden, deste mehr 
überwog die Nachahmung des Fremden; die grossen Leistungen 
der Griechen belasteten ihren Geist mit ihrem Beispiele und hemm- 
ten eine originelle Weiterbildung, zumal da die Poesie immer 
nur äusserlich als Unterhaltung und Belustigung angesehen wurde 
und daher wohl Aufmunterung durch Mäcenaten, aber keinen 
Boden in dem Kunstsinn der Nation fand. Eine einzige Gat- 
tung ist den Römern ganz eigen, nämlich die Satire, die kunst- 
mässige Umbildung der burlesken altrömischen Neck- und Spott- 
lieder. Horaz nennt sie mit Recht (Sat. II, 10. 66) ein Graecis 
intactum camien; in der griechischen Literatur lassen sich nur 
die Sillen annäherungsweise damit vergleichen; mit dem Safcyr- 
drama, an das der Name nur zufallig erinnert, hat sie gar keine 
Verwandtschaft. In diese halbprosaische Form haben die römi- 
schen Dichter nun eine Fülle von Weltanschauung, Witz und 
beissendem pasquillantem Spott zu legen gewusst; der Scherz ist 
hier in acht römischer Weise ernst auf das Leben angewandt. 
Auch in zwei Gattungen der prosaischen Literatur haben die 
Kömer unter dem Einfluss griechischer Muster Bedeutendes ge- 
leistet: in der Geschichte und Beredsamkeit. Noch che die 
alten Staatschroniken durch Ennius in poetische Erzählungen 
umgekleidet waren, w^urde durch Q. Fabius Pictor die gc- 
sammte römische Geschichte für. die Kreise der gebildeten Patri- 
cier in griechischer Sprache dargestellt; demgegenüber begründete 
der alte Cato eine vom Staate unabhängige lateinische Annali- 
stik; aber erst mit Sallust erhält die Geschichte eine ganz dem 
Griechischen nachgebildete kunstgemässe Form, ohne jedoch je 
den Charakter einer frei darstellenden Kunst zu erreichen, den 
sie bei den Griechen trägt. Gerade die originellsten römischen 
Historiker, Sallust und Tacitus entfernen sich am meisten von 
der ächtantiken plastischen Darstellungsweise durch die subjec- 
tive und sentimentale Färbung, die sie den Thatsachen geben. 



294 Zweiter Hauptiheil. 1. Abschnitt. 

Die Beredsamkeit war das eigeutliche Element der römischen 
Prosa; schon der alte Cato zeichnete seine Reden auf und man 
studirte die griechischen Muster bald mit solchem Erfolge , dass 
Cicero (Tusc. I, 3) behaupten konnte ^ die Römer standen den 
Griechen wenig oder gar nicht nach. Cicero selbst erscheint 
freilich dem Demos thenes gegenüber oft fast wie ein Schwätzer 
gegenüber dem wahren Redner. Allein Cicero war auch bei 
aller seiner Begabung und Bildung kein acht römischer grosser 
Charakter; ihm fehlte die vlrtus roniana,^ An Würde und Gewicht 
übertrifft gerade die ächte Beredsamkeit der Römer die der Grie- 
chen und hierin hat auch die römische Sprache den Vorzug; 
denn in keiner Sprache der Welt kann man grossartiger und 
kraftvoller sprechen und schreiben als in der lateinischen. Sie 
hat von Anfang an den allgemeinen Charakter des Antiken, 
auch in Ton und Accent^ denn dass in der frühesten Zeit der 
Accent ähnlich wie bei den modernen Sprachen nicht von der 
Quantität abgehangen habe, ist eine unhaltbare Annahme; aber 
während die griechische Sprache die ganze Skala des Ausdrucks von 
der grössten Süssigkeit und Beweglichkeit bis zur höchsten Kraft 
und Herbheit durchläuft, hat sich die lateinische einseitig nach 
der Richtung ausgebildet, die im Griechischen der rauhe ^ aber 
kräftige äolische Dialekt vertritt; diesem ist sie selbst in Ton 
und Accent am nächsteh verwandt. Indess gerade vermöge die- 
ser Einseitigkeit wurde sie der vollkommenste Ausdruck der 
römischen Gravität, die sich z. B. selbst in der Betonung da- 
durch ausdrückt, dass alle mehrsilbigen Wörter Barytona sind. 
Für alle praktischen Lebensverhältnisse hat sie die bezeichnendsten 
Formen geschaffen; dagegen vermag sie nur einen geringen Um- 
fang allgemeinerer Begrifl'e ohne Umschreibung auszudrücken 
und bietet sehr mangelhafte Formen für speculative Ideen. In 
der Philosophie und den rein theoretischen Wissenschaften haben 
die Römer auch den von den Griechen überkommenen Wissens- 
schatz nicht gemehrt. Die Philosophie geht über das Bedürfhiss 
des Lebens hinaus und erfordert einen auf die verborgene Tiefe 
der Dinge gerichteten Sinn, welcher den Römern nie zu eigen 
geworden ist; sie waren Freunde der kräftigen That und daher 
unempfänglich für den Reiz der Speculation, in welcher der grie- 
chische/ Geist die höchste Befriedigung fand. Die römische 
gramtas ist nicht der Ernst des Denkers, sondern eines viel- 
beschäftigten Mannes. Die Philosophie führt zum otium, wäh- 



Allgemeiue Alierthnmslehre. 295 

rend der Römer nur das negotium schätzt. Daher sahen alle 
Männer von strenger Gesinnung Anfangs in der eindringenden 
griechischen Wissenschaft eine üefahr für die gute Sitte; durch 
Senatsbeschlüsse wurden die griechischen Philosophen und Rheto- 
ren, die sich einfanden, aus der Stadt verwiesen; auch Gram- 
matiker wollte man zuerst nicht dulden, und ebensowenig die 
griechischen Aerzte, da ja die Vorfahren fünfhundert Jahre lang 
olme Arzneiwissenschaft ausgekommen waren. Freilich halfen 
alle Senatsconsulte nichts; aber der Betrieb der Wissenschaft 
blieb doch in Rom lange Zeit wesentlich in den Händen der 
Griechen. Am frühesten wurden philologische Studien wegen 
ihres praktischen Werthes von Römern im Sinne der griechischen 
Grammatiker betrieben, und die alte Rechtskunde wissenschaft- 
lich durchgearbeitet; von allen übrigen Wissenschaften erfasste 
man immer nur die praktische Seite. So wurde z. B. die Mathe- 
matik, die von den Griechen zu einem bewundernswerthen theo- 
retischen System ausgebildet war, in Rom nur als Rechen- und 
Feldmesskunst betrieben. Cicero sagt Tuscul. I, 2 bezeichnend: 
In sumnw aptid illos honorc geometria fuit, itaque nihil mathema- 
tiüis iUustrius; at nos metiaidi ratiodnandique utilitate huins artis 
ierminavimus ^modtim. Die Römer stehen hiemach auf dem 
Standpunkte des Strepsiades in Aristophanes Wolken, der unter 
Geometrie die Vermessung des Kleruchenlandes versteht. Die 
grossen griechischen Mathematiker ragen zwar auch durch prak- 
tische mechanische Erfindungen hervor; aber sie legten darauf 
viel weniger Werth als auf ihre theoretischen Entdeckungen. 
Die Beschäftigung mit der Philosophie war in Rom für die Meisten 
Modesache und wurde als eine Art Amüsement angesehen; man 
hielt sich wohl in der Dienerschaft einen Hausphilosophen neben 
dem griechischen Koch und dem Pädagogus; wenn Terenz Andr. 
I, 30 cane^f cqni, pliilosophi zusammenstellt, so war dies ganz im 
römischen Geschmack. Terenz hat den Scherz wahrscheinlich 
dem Menander entlehnt; denn auch in Athen findet sich bei 
einseitig praktischen Staatsmännern jene Verachtung der Philo- 
sophie, wie sie Anytos in Platon's Menon ausspricht. Nur 
wenige Römer suchten in der Philosophie eine tiefere Bildung; 
besonders fand der Stoicismus, die Philosophie der Thätigkeit 
und des Ertragens, bei edleren Naturen Eingang, weil er der 
römischen Sinnesart am meisten entsprach; aber er wurde wie 
alle anderen griechischen, Systeme popularisirt, imd die eigent- 



296 Zweiter Haapttheil. 1. Abschnitt. 

Jiche philosophische Leistung der Römer ist schliesslich eine 
eklektische Popularphilosophie. Unter dem Principat wuchs bei 
verminderter Theilnahme am Staatsleben der Geschmack an den 
Wissenschaften, und diese wurden seit Hadrian durch Errich- 
tung einer grossen Anzahl öffentlicher Studienanstalten gefordert.. 
Allein die Philosophie und die rein theoretischen Disciplinen 
überhaupt galten immer nur als Mittel einer encyklopädischen 
Bildung, deren höchstes Ziel eine hohle declamatorische Rede- 
kunst war, und auf den kaiserlichen Hochschulen, besonders auf 
den 425 von Theodosius II. und Valentinian III. in Eonstanti- 
nopel und Rom gegründeten grossen Akademien wurden mehr 
und mehr nur noch Brodstudien betrieben. So wurde durch das 
römische Utilitätsprincip die Wissenschaft in ihrem Fortgang 
gehemmt und allmählich auf die üeberlieferung des Vorhandenen 
beschränkt, bis zuletzt die nothdürftigsten Kenntnisse in Com- 
pendien zusammen gefasst wurden, die im Mittelalter über fönf 
Jahrhunderte lang die einzige Quelle der wissenschaftlichen 
Bildung im Abendlande bUeben. 

Der römischen Cultur fehlt die reiche Mannigfaltigkeit, welche 
die griechische dem Zusammenwirken der verschiedenen Volks- 
stämme verdankt. Die italischen Völkerschaften sind, abge- 
sehen von der keltischen Beimischung im Norden und der grie- 
chischen im Süden untereinander verwandt wie die griechischen, 
obgleich sich ein gemeinsamer italischer Nationalcharakter schwer 
nachweisen lässt. Aber mit Ausnahme der Etrusker, die einen 
bedeutenden Einfluss auf den römischen Geist gehabt haben, hat 
sich kein Stamm in Italien zu gleicher Bedeutung wie die Rö- 
mer erhoben, und durch ihre politische HeiTSchaft wurde Sprache 
und Bildung der Stadt Rom für alle Unterworfenen normal; 
dem urbanum gegenüber wurde alles Abweichende als rtisticum 
und peregrinum geringgeschätzt. In allen Theilen des weiten 
römischen Reichs, wo nicht die griechische Sprache herrschte, 
ist- durch die Kunst der römischen Verwaltung die Sprache La- 
tiums eingebürgert worden, und auch hier war überall die lingua 
urbana die Sprache der Gebildeten. Die provinciellen Eigenthüm- 
lichkeiten machten sich in Sprache und Sitte erst in der Zeit des 
Verfalls geltend. Nach dem Untergange des weströmischen 
Reiches bildeten sich dann, nicht aus der Schriftsprache, sondern 
aus der lingua rustica, wie sie sich in den verschiedenen Pro- 
vinzen gestaltet hatte, die romanischen Sprachen und die natio- 



Allgcniüine Alterthumslehre. 297 

nalen Verschiedenheiten der römischen Cultur erlangten so erst 
bei der Entstehung der neu- europäischen Völker eine historische 
Bedeutung. 

Die Hauptunterschiede, welche im römischen Charakter in 
der Zeit hervorgetreten sind, liegen daher nur in seinem ver- 
schiedenen Verhältniss zur griechischen Bildung. Das erste Zeit- 
alter ist das italisch-etruskische, worin die alte nationale Cultur 
vorherrscht, bis zum Ende des ersten punischen Krieges; der 
Einfluss des Etruskischen ist darin zu Anfang am stärksten und 
tritt allmählich immer mehr zurück. Mit dem zweiten punischen 
Kriege beginnt die Zeit der griechisch - latinischen Bildung: 
Foetiico hello secundo mtisa pimiato gradu \ Inttdit se hellicosam in 
Romuli gentem feram. In diesem Zeitalter steht das römische 
Wesen in seiner Blüthe; die virtus Bomana ist mit der echt- 
römischen Beredsamkeit verbunden und die Dichtung hat relativ 
die grösste Selbständigkeit und Kraft. Das Griechische gewinnt 
aber fortschreitend das Uebergewicht auf Kosten der römischen 
Eigenthümlichkeit. Die dritte Periode umfasst das goldene und 
silberne Zeitalter der Literatur; die römische Bildung geht von 
nun an, nachdem der Staat durch blutige Bürgerkriege der Allein- 
herrschaft unterworfen, ganz in der Nachahmung des Griechischen 
auf; aus der überfeinerten Form schwindet die alte nationale 
Kraft. Nach der Zeit der Antoninen tritt dann der gänzliche 
Verfall ein. 

Die gesammte Geschichte der Menschheit stellt die allseitige 
Entfaltung der im menschlichen Geiste angelegten Kräfte dar. 
Der Geist, dessen Wesen das Erkennen und der, darauf gegrün- 
dete sittliche Wille ist, wirkt nur im Zusammenhang mit 
den vegetativen und animalischen Functionen und je nach dem 
günstigen oder ungünstigen Einfluss derselben ist die Erkennt- 
nissfiihigkeit ausserordentlich verschieden. Wir sehen im Schlaf, 
wo die animalischen Functionen der Empfindung und Bewegung 
ausser Thätigkeit sind, das Erkennen "auf ein Minimum herab- 
sinken, indem das Bewusstsein nur in den Phantasiegebilden des 
Traumes lebt. Wir sehen beim Kinde das Erkennen mit den 
schwächsten Anfängen beginnen, weil zuerst die vegetativen 
Functionen, welche auf Erhaltung und Ausbildung dos Organis- 
mus abzielen, das schwache Bewusstsein ganz in Anspruch neh- 
men. Aber auch das erstarkte Bewusstsein kann in wachem 



298 Zweiter Haupitheil. 1. Abschnitt. 

Zustande ganz in der sinnlichen Phantasie festwurzeki und zu^ 
gleich das Begehren voIlsULndig von derselben bestimmt sein. 
Auf dieser Stufe stand der menschliche Geist in der ältesten 
orientalischen Zeit^ die man als das Pflanzen- und Traumleben 
der Menschheit bezeichnen kann. Das Erkennen und der sitt- 
liche Wille wirkten in diesem Zustande^ ohne dass sich der 
Mensch dieser Wirksamkeit bewusst wurde, also in der Art eines 
Naturtriebes, der aber der Instinkt der Vernunft ist und ehe 
dieselbe zum Selbstbewusstsein gelangte, in der vorgeschichtlichen 
Zeit langsam und stufenweise das Schwierigste vollendet und 
gleichsam Wunder hervorgebracht hat. Obgleich das Erkennen 
der orientalischen Volker im Halbdunkel der mythischen Phan- 
tasie befangen blieb, so haben sie doch die Keime alles Wissens 
von Gott, der Natur imd dem Menschen geschaffen und der 
Kunsttrieb hat in gewaltigen Werken von einer bewundems- 
werthen Technik seinen Ausdruck gefunden. Allein die Cultur 
selbst übte im Verein mit der üppigen Natur einen entnerven- 
den Einfluss auf J€ne Völker; sie verloren die sittliche That- 
kraft und vermochten sich daher nicht zu freiem bewusstem 
Handeln zu ermannen; ihr Erkennen selbst wurde von ihrer 
ausschweifenden Phantasie überwuchert, so dass Kunst jind Wis- 
senschaft im Orient wohl ihre Anfänge gehabt haben, aber nie 
zu klassischer Vollendung gediehen sind. Doch nähern sich die 
einzelnen orientalischen Volker in verschiedenen Abstufungen 
der Höhe der geistigen Freiheit, welche die Griechen erreicht 
haben. In entgegengesetzter Richtung entwickelten sich die 
Barbaren des Occidents. Durch Kampf und Entbehrungen wurde 
ihre Thatkraft gestählt; aber sie bildeten keine Cultur aus, weil 
bei ihnen das intellectuelle Leben hinter der Thätigkeit der un- 
gebändigten animalischen Naturkraft zurücktrat. Einige Stämme 
sanken so zur völligen Verthierung herab; andere — wie be- 
sonders die germanischen Völker — bewahrten den aus der 
orientalischen Urheimath ererbten Schatz des ursprünglichen my- 
thischen Erkennens und damit die Kraft des sittlichen Willens; 
sie handelten wie die Griechen in der Heroenzeit nach dem wil- 
den Drange ihrer Brust, aber eine tiefe Religiosität hielt die Ge- 
müther zwanglos in gewissen Schranken. Zwischen den beiden 
Extremen der orientalischen Culturvölker und der occidentalischen 
Naturvölker bildeten die Griechen und Römer geistig wie geo- 
graphisch die Mitte; und indem bei ihnen die Thatkraft, die den 



Allgemeine Alterihtunslchre. 299 

Menschen über das Pflanzenleben erhebt, mit bildendem Sinn 
und Kunsttrieb verbunden war, welche verhindern, dass er in 
das Thierleben herabsinkt, erreichte hier der Geist die Stufe 
der vollen Humanität. Diese Stellung der klassischen Cultur 
des Alterthums haben schon Piaton, Bepubl. 435 E. und Ari- 
stoteles Polit. VII. 7 richtig bezeichnet. 

Als die antike Welt ihr eigenthümliches Wesen vollendet 
hatte und sich selbst überbietend und überspringend die Keime 
neuer Bildungsformen hervortrieb, wurden diese wieder durch 
die Verbindung orientalischen Tiefsinns und occidentalischer 
Thatkrafb zur Reife gebracht. In einem kleinen verachteten und 
geknechteten Volke des Orients bildete sich unter dem Einfluss 
der griechischen Speculation das Christenthum, durch welches 
sich das Bewusstsein der Völker zum Uebersinnlichen aufschwin- 
gen und der Geist sich von der Wurzel des Naturlebens los- 
reissen sollte. Die römische Weltherrschaft hatte der Ausbrei- 
tung der Weltreligion den Boden bereitet; aber diese Religion 
selbst wurde hineingezogen in die Verderbniss der untergehen- 
den Cultur und trug ihrerseits zur Vernichtung der heidnischen 
Kunst und Wissenschaft bei. Doch gerade in der entstellten 
Gestalt fand das Christenthum leichter Eingang bei den ger- 
manischen Völkern, deren thatkräftiger Freiheitssinn durch das- 
selbe gesänftigt wurde, und die so zur Erzeugung einer neuen 
Cultur befähigt wurden. Im Mittelalter sind die Grundlagen zu 
der gesammten modernen Bildung gelegt. Staat und Privat- 
leben wurde von christlichem Geiste durchdrungen, soweit dies 
bei der Barbarei der Völker und der Unwissenheit der Geist- 
lichkeit möglich war; die christliche Kunst trieb herrliche Blüthen 
und die Wissenschaft führte trotz des Druckes der Hierarchie 
endlich zu der freien Forschung, welche im 15. Jahrh. unter- 
stützt durch wahrhaft providentielle Ereignisse den Anstoss zur 
Entwickelung der Neuzeit gab. Diese begann damit, dass die 
Erfahrungswissenschaften ganz neu gegründet wurden. Dadurch 
wurde im weiteren Verlauf die Speculation gereinigt, indem ihr 
durch die Naturwissenschaft und Geschichte viele falsche That- 
sachen entzogen wurden, worauf sie sich im Alterthum und 
noch mehr im Mittelalter gestützt hatte. Zugleich erfuhr seit 
der Reformation das Christenthum selbst eine fortschreitende 
wissenschaftliche Läuterung und unter dem beständigen Einfluss 
der freien Forschung wurden mehr und mehr in Kunst, Gesell- 



300 Zweiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

Schaft und Staat die wahren Consequenzen der christlichen Welt- 
anschauung geltend gemacht. Wir stehen noch mitten in dieser 
Bewegung und können den ferneren Verlauf derselben nicht im 
Voraus überblicken. Aber das Ideal der Zukunft kann nur eine 
Bildung sein, welche die ächten Elemente der antiken in sich 
aufnimmt. Die Freiheit des Geistes besteht nicht darin, dass er 
sich im Streben nach dem Uebersinnlichen feindlich von der 
Natur abwendet; vielmehr muss er in ihre Gesetze eindringen 
um sie zu beherrschen, und das Vemunftleben selbst kann nicht 
unnatürlich oder widernatürlich sein. Daher wird die harmo- 
nische individuelle Bildung der Alten stets ein leuchtendes Vor- 
bild für uns bleiben; denn die Universalität der Neuzeit hat nur 
dann Leben und Kraft, wenn das Besondere durch das Allge- 
meine nicht getilgt, sondern gehoben und idealisirt wird. So ist 
es überhaupt die Aufgabe alle Gegensätze der antiken und mo- 
dernen Bildung zu vermitteln und auszugleichen. 



Anhang. 
Allgemeine Gescliiclite der Alterthnrnswissenscliaft. 

§. 40. Wegen der unvergänglichen Bedeutung des klasBischen Alterthnms 
iat die Erforschung desselben einer der wichtigsten Zweige der modernen 
Wissenschaft. Daher kommt es, dass diejenigen, welche das Alterthiuns- 
studium selbst zu ihrer Lebensaufgabe machen, weniger geneigt sind die 
Geschichte dieses Studiums zu bearbeiten, obgleich dieselbe für sie von 
der gross ten Wichtigkeit ist. Um eine Geschichte der altklassischen Philo- 
logie zu schreiben muss man aber nicht bloss die moderne Literargeschichtc, 
sondern auch das Alterthum selbst genau kennen, was selten vereint ist. 
So istHeeren's Geschichte des Studiums der klassischen Literatur. Göttin- 
gen 1797. 1801 (2. Aufl. unter dem Titel: Gesch. d. klass. Lit. im Mittelalter. 
1822. 2 Bde.) ein gutes literarhistorisches Buch^ aber mit zu geringer 
philologischer Einsicht geschrieben. Ich habe bereits (oben S. 57. 63) da- 
rauf aufmerksam gemacht^ dass in der Alterthumslehre selbst die Ge- 
schichte der Philologie nur bei den bibliographischen Zusätzen berück- 
sichtigt werden kann. Diese geben bei jeder philologischen Disciplin an, 
was darin bisher für die Erkenntniss des Alterthums geleistet ist. Bei der 
allgemeinen Alterthumslehre wäre dementsprechend nachzuweisen, wie weit 
bisher die Gesammtauffassung des Alterthums gediehen ist. Dieser Nach- 
weis kann aber nur durch die allgemeine Geschichte der Philologie ge- 
geben werden, zu welcher die besondere Geschichte der einzelnen philolo- 
gischen Disciplinen in demselben Verhältniss steht, wie die besondere 
Alterthumslehre zur allgemeinen. 



Allgemeine Geschichte der Alterthumswissenschaft. 301 

Die Gesammtgeschichte der Alterthumswissenschaft ist bis jetzt über- 
haupt noch nicht eingehend bearbeitet. Die Vorarbeiten dazu kann man 
aus folgenden Schriffcen kennen lernen: Creuzer, das akademische Stu- 
dium des Alterthums S. 59 — 87. — Hirzel, Grundzüge zu einer Ge- 
schichte der classischen Philologie. Tübingen, 1862 [2. Aufl. 1873] . — 
[Wilhelm Freund, Geschichte der Philologie. Leipzig 1874. Trien- 
nium philologicum. .2 . Abschnitt S. 20 — 112. — Eckstein, Nomenciator 
philologorum. Leipzig 1871, 656 Seiten.] — Einzelne Perioden behandeln: 
Haase, de medii aevi studiis phüoJogicis. Breslau 1856. — Voigt, die 
Wiederbelebung des classischen Alterthums. Berlin 1859. — Gucken, die 
Wiederbelebung der griechischen Literatur in Italien. Verhandlungen der 
23. Philologenversammlung. Leipzig 1866. 4. — J. F. Schröder, das 
Wiederaufblühen der klassischen Studien in Deutschland im 15. und 16. 
Jahrhundert. Halle 1864. — [Lucian Müller, Geschichte der classischen 
Philologie in den Niederlanden. Leipzig 1869.] 

Im Mittelalter wurde durch die römische Hierarchie das Latein, wenn 
auch in barbarischer Entstellung, als Eirchensprache der gesammten abend- 
ländischen Christenheit erhalten und gepflegt. Die Schriften der Kirchen- 
väter und Compendien aus dem 5. und 6. Jahrhundert, welche dem ency- 
klopädischen Unterricht in den sogenannten freien Künsten zu Grunde 
gelegt wurden, vermittelten eine schwache Kenntniss des Alterthums; da- 
neben wurden wenige klassische Schriften im Original gelesen, so beson- 
ders Cicero, Seneca, Quintilian, Sallust, Livius, Curtius, Te- 
renz, Vergil, Phädrus und Statins. Dass ausserdem noch einige 
Reste der altrömischen Literatur erhalten wurden, verdanken wir den 
Ordensregeln der Klöster, wodurch einzelne Mönche zum mechanischen Ab- 
schreiben von Handschriften verpflichtet waren. Die Kenntniss des Griechi- 
schen erlosch im Abendlande fast gänzlich; von Aristoteles, der die 
ganze Philosophie des Mittelalters beherrscht, kannte man bis zum 12. 
Jahrhundert nur einen Theil der logischen Schriften in lateinischen üeber- 
setzungen. (Vergl. Prantl, Geschichte der Logik im Abendlande. IL S. Iff.) 
Unterdessen erhielten sich die Trümmer der griechischen Literatur im 
byzantinischen Reich. Hier las man die Hauptklassiker des griechischen 
Alterthums, bearbeitete sie exegetisch und grammatisch, excerpirte sie und 
ahmte sie nach; aber da durch den vereinten Druck der Hierarchie und 
des Despotismus alle freie geistige Regsamkeit erstarrt war, fehlte jedes 
tiefere Verständniss des antiken Geistes. Ein grosser Theil des oströmi- 
schen Reichs wurde frühzeitig von den Arabern unterworfen. Diese eig- 
neten sich die griechische Wissenschaft an, welche ihnen dadurch zugäng- 
lich wurde, dass hauptsächlich durch syrische Christen erst medicinische, 
dann philosophische, naturwissenschaftliche, mathematische, astronomische 
und geographische Werke ins Syrische und Arabische übersetzt wurden. 
Als die Araber ihre Eroberungen bis nach Spanien ausdehnten, wurden 
besonders durch Vermittelung gelehrter Juden die arabischen Uebersetzungen 
der griechischen Werke ins Lateinische übertragen; so lernte man seit der 
Mitte des 11. Jahrhunderts im Abendlande zuerst wieder die Schriften des 
Hippokrates, Galenos und die wichtigsten Werke des Aristoteles kennen. 
Seit dem 12. Jahrh. eigntiten sich auch durch Verbindungen mitByzanz einige 



302 Zweiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

wenige Gelehrte die Eenntniss der griechischen Sprache an und übersetzten 
jene Schriften direkt ans dem Griechischen. Hierdurch gewann die wissen- 
schaftliche 'Forschung, die ihren Hauptsitz an den Universitäten fand, einen 
mächtigen Aufschwung. 

1. In Italien befreite sich der Geist zuerst von den Fesseln der Scho- 
lastik, und hier begann man seit dem 14. Jahrhundert die antike Kunst 
imd Wissenschaft als das Ideal freier menschlicher Bildung anzusehen. 
Der grosse Dante bewunderte bereits Vergil als unübertreffliches Vorbild 
seiner Kunst; ihm folgte Petrarca, der im reinsten Latein dichtete^ und 
gegen die Scholastik schrieb und der mit dem Plane umging die klassi- 
sche Römersprache wieder zur Umgangssprache zu machefi. Er bemühte 
sich auch schon in das Griechische einzudringen; er und sein Freund Bo- 
caccio konnten sich rühmen den Homer wieder nach Italien gebracht zu 
haben. Durch Petrarca und Bocaccio wurde in ganz Italien eine enthu- 
»iastische Bewunderung für das Alterthum entzündet; mit grossem Eifer 
sammelte man die noch vorhandenen Handschriften alter Autoren; Wander- 
lehrer durchzogen die bedeutendsten SiÄdte und hielten Vorträge zur Er- 
klärung der antiken Schriftwerke. Bald zog man auch griechische Grelehrte 
nach Italien^ so Manuel Chrysoloras aus Konstantinopel^ der 1396 einen 
Lehrstuhl der griechischen Literatur in Florenz erhielt (t 1416), Theodo- 
ros Gaza aus Thessalonich (1398 — 1478), Georgios Trapezuntios aus 
Candia (1396—1484), Bessarion aus Trapezunt (1395—1472). Durch de 
wurden die griechischen Schriftsteller zunächst in lateinischen Uebersetznngen 
verbreitet. Ausserdem aber wurden, besonders durch die Schule des Chry- 
soloraH, bedeutende Gelehrte in das Griechische selbst eingeführt, so 
Leonardus Bruni (1369—1444), Franciscus Poggius (1380—1459), 
Franciscus Philelphus (1398—1481), Laurentius Valla (1407— 1457), 
Nicolaus Perott US (1430 — 1480). So war man vorbereitet die Schätze 
der griechischen Literatur aufzunehmen , die kurz vor und nach der Eroberung 
von Konstah tinopol nach Italien gerettet wurden. Durch die einwandernden 
griechischen Gelehrten, wie Demctrios Chalkondylas (1428 — 1510), 
Kountantinos Laskaris (f nach 1500), Andreas Janos Laskaris (1445 
—1635), Markos Musuros (t 1517^ wurde nun das Studium des Griechi- 
schen allgemein verbreitet. Von der grössteu Wichtigkeit war es, dasH 
gleichzeitig durch die eben erfundene Buchdruckerkunst die üeberreste der 
alten Literatur gesichert und allgemein zugänglich gemacht werden konn- 
ten. Dank den grossartigen Anstrengungen gelehrter Drucker, wie Zaroto 
(seit 1471), Aldus und Paulus Manutius (seit 1494), Junta u. s. w., 
waren bis Anfang des 16. Jahrhunderts die meisten römischen Classiker 
edirt, und auch die Herausgabe der griechischen Werke im Urtexte wurde 
bereits eifrig betrieben. Diese ganze Bewegung wurde von edlen liberalen 
Fürsten unterstützt, besonders diurch den Papst Nico laus V., der sich vor- 
züglich um die Rettung der nach der Einnahme Konstantinopels gefähr- 
deten griechischen Manuscripte verdient machte und durch Oosimo und 
Lorenzo Medici, welche Florenz zum Mittelpunkt der neuen Wissenschaft 
machten. Cosimo stiftete hier auf Veranlassung des Gern is tos Plethon 
die platonische Akademie, worin Marsilius Ficinus (1433 — 1499) und 
Angel US Politianus (1454 — 1494) wirkten. Die Erneuerung der Plato- 



Allgemeine Geschichte der Alterthumawiasenschaft. 303 

nischen Philosophie trug am meisten zum Sturze des Scholasticismus bei 
und in der florentinischen Akademie trat das Streben der Zeit am reinsten 
. und idealsten hervor. Dies Streben war durchweg nicht auf eine bloss 
wissenschaftliche Erkenntniss, sondern auf eine Wiederbelebung des Alter- 
thüms gerichtet; man edirtc, übersetzte und commentirte die Alten um in 
ihrem Geiste denken, sprechen und handeln zu lernen. Man ging dabei 
von der Ansicht aus, dass das Alterthumsstudimn die Grundlage der Hu- 
manitätsbildung sei und die erste Periode der Philologie ist hiernach als 
die humanistische zu bezeichnen. Der Humanismus verbreitete sich von 
Italien aus langsam über das Abendland; er drang in die Universitäten ein 
und schuf sich eigene Pflegestätten in den Gymnasien. Am vollkommensten 
gelang die humanistische Umgestaltung des Schulwesens in Deutschland 
und den Niederlanden. Sie wurde hier zuerst von einer Reihe von Männern 
angebahnt, die sich in Italien bildeten und unter denen Rud. Agricola 
(1443—1485), Joh. Reuchlin (1465—1622) und DesideriusErasmus (1467— 
1 536) besonders hervorragen. Während aber der Humanismus in Italien bei 
den höheren Ständen eine antichristliche Gesinnung hervorgebracht hatte, be- 
reitete er in Deutschland die Reformation vor, indem er auf die Erfor- 
schung der Quellen des Christenthimis zurückführte. Die Reformation hat 
dann wieder das Alterthumsstudium mächtig gefördert, insbesondere durch 
Hebung der humanistischen Gymnasien, wofür Melanchthon, der praeceptor 
Germaniae, und seine bedeutendstei^ Schüler, unter ihnen Joach. Came- 
rarius (1500 — 1574), vorzüglich thätig waren. 

2. Gleichzeitig bildete sich die Philologie in Frankreich seit L am bin 
(1520—1672) und Muret (152G— 1585) immer realistischer zu einem viel- 
seitigen gclehi-ten Studium, zur Polyhistorie, aus. Das Bedeutendste 
leisteten in dieser Richtung Henricus Stephanus (1628 — 1698), Joseph 
Scaliger (1540— 1G09), Isaac Casaubonus (1569—1614), Claudius 
Salmasius (1588 — 1653). Man muss die Gelehrsamkeit dieser Männer 
anstaunen; besonders fühlt man sich dem Riesengeiste Scaliger's gegen- 
über, dem an Umfang des Wissens kein Späterer gleichgekommen ist, fast 
entmuthigt. Allein wenn man sieht, wie auch bei ihm die unverarbeitete 
Masse des Stoffs überwiegt, wird man doch wieder beruhigt. Salmasius 
vollends erliegt gleichsam seinem Stoff; es ist in seinen Schriften oft ein 
wildes Gedankengemisch (s. oben S. 174). Ueberdies musste damals in 
allen Disciplinen der Stoff erst zusammengebracht werden; alles, was man 
that, war beinahe eine neue Leistung. Gleichwohl bleiben die Werke der 
französischen Periode immer der wahre ihesaurus eruditionis. Der Realis- 
mus dieser Periode entsprach der Richtung, die in der gesammten Wissen- 
Hchaft durch ihre Befreiung von dem mittelalterlichen Autoritätsglauben 
herrschend geworden war; das Wissen sollte sich nicht mehr wie in der 
Scholastik auf blosse Worte beziehen. Diese Richtung der Wissenschaft 
führte aber seit Baco und Cartcsius bei Philosophen und Naturforschem 
zu einer Geringschätzung des Alterthums, welchem man sich in der Em- 
pirie überlegen fühlte und dessen Speculation man nur mangelhaft verstand 
und deshalb nicht zu würdigen wusste. Im Zeitalter Ludwig 's XIV. 
glaubte man in Frankreich die Alten auch in der Kunst und Literatur 
überholt zu haben. Der Dichter Perrault erhob in seinem Gedichte Le 



304 Zweiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

siede de Louis le Gratid (1687) seine Zeit hoch über das Alterthum und 
sachte seine Ansicht in der Schrift: Le parallele des aticiens et des modernes. 
(Paris 1688 — 96. 4 Bde.) ausführlich zu begründen. Es entspann sich hier- 
aus ein heftiger und langwieriger literarischer Streit, indem bedeutende 
Schriftsteller wie Boileau und Lafontaine für die Ueberlegenheit der 
alten Literatur eintraten, während andere Perrault beistimmten. Jedenfalls 
aber wurde die philologische Polyhistoric, die früher die Quellen alles 
Wisseus zu umfassen schien, dmrch die selbständige Entwickelung der 
einzelnen Wissenszweige stark eingeschränkt. Auch auf den Schulen and 
hier wieder vorzüglich in Deutschland wurden seit der Mitte des 17. Jahr- 
hundorts neben den alten Sprachen sogenannte Realien und moderne 
Sprachen betrieben; das Alterthumsstudium wurde also nicht mehr als all- 
einige Grundlage der Humanitätsbildung angesehen. 

3. Die Beschränkung der Philologie war jedoch für dieselbe sehr heil- 
sam; man ging jetzt mit freierem Urtheil an die kritische Sichtung des 
bisher aufgesammeltem Stoffes. Die Kritik hatte zwar auch früher nicht 
ganz gefehlt; aber' seit dem Ende des 17. Jahrhunderts trat sie in den 
Ländern, wo die grösste Gedankenfreiheit herrschte, in England und den 
Niederlanden in ihrer ganzen Schärfe hervor und galt von da ab als die 
eigentliche Aufgabe der Philologie. Vergl. oben S. 252 f. Ihre Vollen- 
dung erreichte die kritische Behandlung der Alterthumskunde in Deutsch: 
land unter dem Einfluss der grossen geistigen Bewegung des 18. Jahrhun- 
derts. Joh. Matthias Gesner (1691—1761) und Joh. Aug. Ernesti 
(1707 — 1781) bereiteten hier eine tiefere Auffassung der Philologie vor. 
Sie besassen nicht nur eine umfangreiche Erudition, sondern auch neben 
dem kritischen Talent einen sehr feinen Geschmack; ausserdem waren sie 
philosophisch und theologisch gebildet und betrachteten daher das Alter- 
thum von allgemeineren Gesichtspunkten. Beide haben unendlich viel ge- 
wirkt, aber weniger durch eigene hervorragende Forschungen als dadurch, 
dass sie als Universitätslehrer wieder ein höheres Interesse für das Alter- 
thumsstudium in weiten Kreisen anregten und eine bessere Erklärung der 
Klassiker auf den Schulen einführten. Der Aufschwung der deutschen 
Nationalliteratur stand im engsten Zusammenhange mit der richtigeren 
ästhetischen Würdigung der alten Schrift- und Kunstwerke; wie hierdurch 
imsere klassischen Schriftsteller die mächtigsten Anregungen empfingen, 
so hat ihre Betrachtungsweise wieder eine grosse Rückwirkung auf die 
Philologie gehabt. Während Winckelmann (1717—1768) die Geschichte 
der alten Kunst begründete, versuchte Heyne (1729 — 1812) die ästhetische 
Erklärung der alten Literatur durchzuführen (s. oben S. 107). Dass ihm 
dies nur unvollkommen gelang, lag an seiner Geringschätzung der Kritik 
uud der grammatischen Interpretation. Erst durch die Neugestaltung der 
Kritik seit Fr. Aug. Wolf (1759 — 1824) wurde eine wissenschaftlich be- 
gründete Würdigung des Alterthums möglich. Die allseitig angewandte kriti- 
sche Betrachtung beschränkte sich aber nicht auf das Gebiet des Alterthums, 
sondern dehnte sich in unserm Jahrhundert auf den gesammten Stoff der 
Philologie im weitesten Sinne aus. Die politische Geschichte und Cultur- 
geschichte aller Völker wird kritisch erforscht und verglichen; ch hat sich 
eine vergleichende Mythologie^ vergleichende Sprachforschung und LittM*atur* 



Allgemeine Gcschicbte der AlterthamswissenBchafb. 305 

geschichte und eine allgemeine GcBchichte der Philosophie gebildet. Da- 
durch bind alle Sphären der Alterthnmskunde aus. ihrer früheren 
Beschrilnktheit herausgehoben und der Kritik die höchsten Ziele gesteckt. 
Unmöglich konnte daher der Versuch Gottfr. Hermann's (1772 — 1848) 
und seiner Schule gelingen die Philologie als formale Wissenschaft auf die 
Kritik der Literaturwerke und die Grammatik zu beschränken (s. oben S. 67); 
vielmehr musste die bereits von Heyne und Wolf angebahnte Ansicht siegen, 
dans die Philologie den gesammten historisch gegebenen Stoff kritisch ^u bear- 
beiten habe. Gerade durch diese Ausdehnung konnte sich die Kritik erst 
vollenden und wir können kühn behaupten, dass unser Zeitalter alle frühe- 
ren an kritischer Einsicht übertrifft. 

4. Zugleich begann man zuerst in Deutschland seit Winckelmann, 
Lessing, Herder und den Schlegel das Leben des Alterthums als 
Ganzes zu betrachten und den Geist desselben zu erforschen. Diese Ten- 
denz hat sich zunächst in der Philosophie der Geschichte fortgesetzt, die 
sich aber erst noch mehr aus der Philologie selbst ergänzen muss, um 
ihrer Aufgabe zu genügen (s. oben S. 263). Gleichwohl enthalten die ge- 
schichtsphilosophischen Schriften bereite höchst fruchtbare Anregungen 
auch für den philologischen Forscher. Ich hebe besonders hervor: Les- 
sing, Erziehung des Menschengeschlechts. 1780. — Herder, Ideen zur 
Philosophie der Geschichte der Menschheit. 1784—91. — Hegel, Philosophie 
der Geschichte. 1837. — Chr. Fr. Krause, Vorlesungen über die allge- 
meine Lebeulohre und Philosophie der Geschichte. Herausgeg. von H. K. 
von Leonhardi. 1843. — Conr. Hermann (Sohn Gottfr. Hermann's), 
Zwölf Vorlesungen über Philosophie der Geschichte. Leipzig 1860. [Derselbe: 
Philosophie der Geschichte. 1870. — Vergl. über die Entwickelung der 
Geschichtsphilosophie: Flin^, The philoaophy of history in Europe. London 
1874.) — Ein vergessenes Buch : Zinserling's Fragmente einer Charakteristik 
des Alterthums. Göttingen 1806, verdient noch immer erwähnt zu werden; 
es ist reich an schönen und tiefen Gedanken, obwohl es zugleich voll der 
wunderlichsten, schiefsten und grillenhaftesten Ansichten ist. 

Die Philologie selbst hatte die Alterthnmskunde dadurch zu einer 
wirklichen Wissenschaft zu gestalten, dass sie die von Wolf noch aggre- 
gatartig zusammengestellten Disciplinen derselben organisch zur Gesammt- 
anschauung des Alterthums einte. Diese Aufgabe fiel naturgemäss denen 
zu, welche in der Blüthezeit der deutschen Nationalliteratur erzogen und 
durch den mächtigen Aufschwung der deutschen Philosophie angeregt, 
die philologische Forschung von Anbeginn nach ihren höchsten Zielen auf- 
fassten. Es galt aber zugleich die encyklopädische Richtung mit der kriti- 
schen und realistischen Einzelforschung richtig zu vermitteln. Dies ist aus 
verschiedenen Ursachen bisher noch nicht vollständig gelungen. Eine 
Zeit lang führte die Philosophie Viele irre; man meinte durch allgemeines 
liaisonnement mit Allem fertig werden zu können; man glaubte das Wesen 
des Alterthums zu erfassen, wenn man vom Unterschiede des Subjectiven 
und Objectiven reden konnte, und den tiefsten Sinn der alten Philosophie 
zu verstehen, wenn man gehört hatte, dass Heraklit sagt: t6 öv kgI t6 
}jLf] öv TQUTÖv ^OTi, obgleich mancher, der sich darüber vernehmen liess, 
die Worte nicht richtig schreiben konnte. Diese Richtung musste zu einer 

liückh's Knc>kloi>iidio d. pliilolof?. Wissenschaft. 20 



306 Zweiter Haupttheil. 1. Abschnitt. 

endlosen Verwirrung und Seichtigkeit führen und es ist daher erklärlich, 
dass sich die strengere Wissenschaft dagegen auflehnte. Der Schwerpunkt 
der philologischen Arbeit liegt in der Einzelforschung; in allen einzelnen 
philologischen Wissenszweigen ist noch unendlich viel zu thun, wenn wir 
nicht auf halbem Wege stehen bleiben wollen. Erst jetzt haben wir 
recht erkannt, wie weit wir noch Oberall zurück sind, wie wir überall noch 
in den Elementen stehen. Aber indem man sich nun nicht bloss von der 
falsche^ Richtung der Philosophie, sondern ton der Philosophie überhaupt 
abwandte und auf die Einzelforschung beschränken wollte, hat sich das 
Alterthumsstudium übermässig zersplittert. Es fehlt den Meisten an allge- 
meinen Ideen, an Ueberblick; es ist Alles zerstückelt in ihrem Kopfe; sie 
haben daher weder einen Begriff von dem Umfange noch eine tiefere An- 
schauung von dem Wesen der Alterthuniswissenschafb, sondern kennen nur 
Einzelheiten, in denen ihr Denken untergeht. In Folge dieser Einseitigkeit 
ist neben der ächten Kritik die oberflächlichste Pseudokritik empor- 
gewuchert, die sich in grammatischer Kleinmeisterei , lächerlicher Conjec- 
tureujagd und Athetesenwuth äussert; der realistischen Forschung aber 
fehlt der grosse Geist der Erudition des 16. Jahrhunderts und an Stelle 
des Enthusiasmus des 15. Jahrhunderts ist eine übertriebene Nüchternheit 
getreten. Unter diesen Umständen ist es nicht zu verwundem, dass die 
Alterthumswisseuschaft an Einfluss verloren hat. Die Neuzeit hat selbst so 
viel Edles und Herrliches hervorgebracht, dass das geistlos behandelte 
Alterthum kein hervorragendes Interesse in Anspruch nehmen kann. Je 
mehr die Pliilologie den Charakter des Humanitätsstudiums verliert, desto 
mehr wird der philologische Unterricht auf der Schule durch andere 
Fächer eingeschränkt, die einen höheren Bildungswerth oder einen grösse- 
ren praktischen Nutzen zu haben scheinen. Dass der Humanismus auf den 
Schulen in Verfall gerathen, bedarf keines Beweises; allerdings haben dazu 
— besonders in Frankreich und Deutschland — auch äussere Umstände 
mitgewirkt, vor allem der Einfluss einer engherzigen, kirchlichen und poli- 
tischen Richtung, welche das Unterrichts wesen vielfach in schlechte Hände 
gebracht hat. (Vergl. oben S. 28 ff.) Die Verschlechterung der gelehrten 
Schulen hat aber wieder die nachtheiligste Rückwirkung auf den wissen- 
schaftlichen Betrieb der Philologie gehabt, indem dadurch die Vorbereitung 
zu den Studien ungründlich wurde. Ein Zeichen des Verfalls ist, dass die 
Fertigkeit lateinisch zu schreiben, wozu auf der Schule der Grund gelegt 
werden muss, den Philologen mehr und mehr abhanden kommt. Eine 
gründliche Reform des Schulunterrichts ist indess nur möglich, wenn die 
Philologie selbst das Ihrige dazu beiträgt, dass der Materialismus in der 
Wissenschaft überwunden wird. Es fehlt nicht an Männern, die mit Ein- 
sicht und Eifer hierfür thätig sind, und der Umschwung zum Besseren ist 
auch bereits eingetreten. Die Wissenschaft wird aber nur dann eine ideale 
Richtung innehalten, wenn bei der noth wendigen Theilung der Arbeit doch 
jedem Forscher stets die Idee der gesammten Alterthumslehre als Richt- 
schnur vorschwebt. (Vergl. oben S. 16 f. 26. 48. 66 f.) Und damit diese 
Idee lebendig erhalten bleibe, müssen die grossen Hauptdisciplinen einzeln 
und in ihrer encyklopädischen Vereinigung immer von Neuem mit philo- 
sophischem Geist construirt werden, aber nur von solchen, die sich in der 



AllgemeiDC Geschichte der Alterthumswissenschaft. 307 

Einzelforschung bewährt haben. So wird die Conetruction des Ganzen kein 
leerer Schematismus sein, sondern der lebensvollen Entwickelung der 
Wissenschaft folgen.*) 

*) Zur allgemeinen Alterthumslelire : 1) UeberdenPlan der Vor- 
sehung in der Entwickelung der Menschheit: Kl. Sehr. I, 226 flf. 
II, 08 ff. Fortschritt und Rückschritt in der Weltgeschichte: I, 206 ff. 200. 
11, 331. 350. 111, 99. IV, 71 ff. Die Errichtung des Reiches Gottes auf 
Erden als Ziel der Weltgeschichte: lU, 66 ff. II, 111 ff. 

2) Charakter des Antiken. Schwierigkeit den Charakter einer Zeit zu 
bestimmen: II, 113. a. Der antike Staat. Idee des Staats: I, 159. 11,23. 78. 
330. 111, 93. Der älteste Staat: 11,101. Vll, 237. Der morgenländische Staat: 
II, 160 f. 168. 103 f. Karten und Geschlechterstämme: IV, 43 ff. VII, 
227 ff. Entwickelung der Staatsformen: I, 338 ff. VII, 593 f. Vorzug der 
Monarchie: I, 18. 342. 11, 36 ff. 158 ff. 257. Militärstaaten: I, 168 ff. 
Werth der Kriegsthatcn im Alterthum und in der Neuzeit: I, 172 f. II, 
175. 416 ff. 470 ff. Communismns und Socialismus: II, 153 ff. Freiheit: 
II, 21. Patriotismus und Kosmopolitismus: I, 107 f. 159 ff. 294 f. II, 
38 f. 170. 256 f. IV, 40 ff. 71 ff. Staat und Nationalität: II, 105 ff. Parti- 
cularismus: II, 40 fl". 169. III, 81. üniversalmonarchie : II, 170 ff. — b. Pri- 
vatleben. Familie und Staat: I, 187 f. Sklaverei: I, 72. II, 157. III, 97. 
VII, 589. Volksbildung: II, 129. Erziehung: I, 70 ff. II, 25. III, 93 ff. 101. 
VII, 39 ff. — c. Religion. Mythos: II, 118. Cultus: III, 67. IV, 331 ff. 
Mysterien und Orakel: II, 119. IV, 333. VII, 599. Neid der Götter: I, 246 f. 
Zersetzung der alten Religion durch die Philosophie : I, 206 f. DasChristen- 
thum alsReligion der Freiheit: I, 13. 160. 229. II, 77. VII, 614 f. — d. Kunst. 
Ueberge wicht der Kunst im Alterthum: I, 97. 182. Einfluss der Homerischen 
Poesie: I, 178. Piaton und die Kunst der Neuzeit: I, 179 f. 211. Das Klas- 
sische: 1, 107. VII, 583. Naiv, sentimental; plastisch, romantisch: VIT, 608 f. 
Begriff' der Katharsis : I, 180. — e. Wissenschaft. Geschichtliche Entwicke- 
lung des wissenschaftlichen Erkennens: I, C2 f. 257 ff. II, 116 ff. II, 90 ff, 
178. 325 ff. 388 ff. III, 109 ff. Verhältniss der Staatsformen zur Wissenschaft: 
II, 28 ff. Alezandrinische Gelehrsamkeit: 1, 159. III, 5. Charakter der 
griechischen Mathematik: I, 61. Philosopliie, Beredsanikeit und Geschichte : 
I, 258 ff. Die wissenschaftlichen Anstalten des Alterthums und der Neu- 
zeit: II, 53. 206. 355. 356 f. 111, 5. 1,-80 ff. 202 f. IV. 35 ff. Sprache: II, 
177. 398. III, 208 f. — Staynmcharaktere : I, 4 ff. IV, 39 ff. Epochen der Klas- 
sicität: I, 257 f. Höhepunkt der griechischen Cultur: I, 90 ff. Verbreitung 
der griechischen Cultur: 1, 173. Verschmelzung der Theorie und Praxis 
bei den Griechen: II, 326. IV, 426 ff. Mängel der griechischen Cultur: VII, 
587. vgl. Staatshaush. der Athener 1. Bd. S. 2 u. 791 f. — Rom's Widerstand 
gegen die griechische Bildung: I, 6. 114. 210. Römische Wissenschaft: I, 
63. 125 ff. Griechische und römische Geschichtsschreibung: VII, 596 ff. 
Mathematik bei den Römern: II, 235 f. Lateinische Sprache: I, 328. Cä- 
sarenzeit: 1, 192 f. 201. 252 f. 340. 11, 231 f. Die römische Cultur als Vor- 
bereitung der modernen: I, 229. 

3) Mittelalter. Verderbniss des Christenthums : I, 230. (VII, 587. 
612 f.) Byzantinisches Reich: II, 28. Pabstthum: II, 174 f. Scholastik: 
1, 63. 126 f. 304. 11,27. 122. 124- Universitäten: I, 81. II, 54. 

4) Neuzeit. Providentielle Ereignisse im 16. Jahrhundert: I, 230. 
Renaissance: I, 48. 104 f. 307. II, 97. Reformation: I, 47 ff. II, 3Ä. 
Reinigung des Dogma's durch die Naturwissenschaft: II, 333. Christlicher 
Staat: 11, 417 ff. III, 85. Sittlichkeit des modernen Staats- und Privat- 
lebens: II, 331. Allgemeine Militärpflicht: I, 171. Die Wissenschaft und 
das Positive: 11, 91 ff. 396 f. III, 88 f. Die Wissenschaft in ihrem Ver- 
hältnis» zum modernen Staat: II, 96. 346. Wissenschaft und Na- 
tionalität: 11, 327 f. 398. Speculation und Empirie: II, 126 f. 387 ft*. 

20* 



312 Zweiter llaupitheil. 2. Abschn. Besondere Alterthnmalehre. 

Wissenschaft rechnet, so ist die bürgerliche Zeitmessung im 
Alterthum eine Anwendung der Kenntnisse, welche man in der 
mathematischen Chronologie hatte. Die historische Zeitrechnung, 
die man am besten Chronographie nennt, ist wieder nur eine 
Anwendung der politischen auf die einzelnen Thatsachen und es 
ist zweckmässig sie in hergebrachter Weise mit jener zu ver- 
binden, obgleich sie zugleich mit der Geschichte selbst im engsten 
Zusammenhang steht 

In Folge der individualisirenden Bichtung der Alten war 
ihre Zeitmessung höchst mangelhaft; jeder Staat hatte seine be- 
sondere Chronologie und es entstand daraus eine verwirrende 
Mannigfaltigkeit in Bezug auf alle hier in Betracht kommenden 
Hauptpunkte, nämlich in Bezug auf die Aren, die Ordnung der 
Jahre, die Eintheilung der Monate und Tage. 

1. Aren. 

Eine Ära ist eine Jahrreihe, die von einem gewissen bürger- 
lich oder historisch festgesetzten Datum an gezählt wird. (Ueber 
den Ursprung des Namens vergl. Ideler, Handbuch der Chrono- 
logie II, 427 ff.). Den Anfangspunkt der Zählung nennt man 
die Epoche der Ära. Im Alterthum gab es nun überhaupt keine 
gemeinsame bürgerliche »Jahrrechnung. In den meisten Staaten 
wurden die Jahre nach den Listen jährlich gewählter Magistrate 
berechnet und mit dem Namen dieser Magistrate, nicht mit Zah- 
len bezeichnet. So geschah die Bezeichnung in Athen nach 
den eponymen Archonten, in Sparta nach den eponjmen 
Ephoren, in Rom nach den Consuln. In Argos rechnete man 
nach den Amtsjahren der Oberpriesterin der Hera. Seit der 
makedonischen Zeit finden sich bei den Griechen viele Stadt- 
ären, die auf Münzen und in Inschriften vorkommen; ihre Epochen 
haben mannigfache historische Veranlassungen. In den make- 
donischen Königreichen wurde, wie dies überhaupt in den alten 
Monarchien üblich war, nach den Regierungsjahren der Herrscher 
gezählt. Hieraus entwickelte sich zuerst eine dynastische Ära, 
die der Seleukiden, welche den Herbst 312 v.Chr. zur Epoche 
hat; sie war besonders in Syrien, und daher auch bei den He- 
bräern seit der syrischen Herrschaft in Gebrauch. Die Juden 
behielten sie auch in der Zerstreuung bis in das spätere Mittel- 
alter bei. Die griechischen Städte Syriens gaben sie dagegen 
auf, sobald sie später autonom wurden und fährten eigene Stadt- 



I. OeiFentliches Leben, l. Chronologrie. . 313 

ären ein, die in der Regel von dem Anfang ihrer Selbständig- 
keit datirten und uns hauptsächlich durch Münzen bekannt sind. 
Die meisten dieser Aren knüpfen sich an die Anwesenheit des 
Pompeius und Caesar in Syrien. Als Pompeius 64 v. Chr. 
das Land zur römischen Provinz machte, schenkte er mehreren 
Städten die Freiheit; die von diesem Zeitpunkt beginnenden 
Stadtären werden von den Numismatikem unter dem Namen 
Aera Pompeiana zusammengefasst. Als Caesar 48 v. Chr. 
siegreich in die syrischen Städte einzog, begannen dieselben von 
diesem Zeitpunkte an eine neue Jahrzählung, die maü daher 
Aera C ae sari an a nennt. Mehrere, z. B. Antiochia, führten sogar 
schon 31 nochmals eine neue Datirung zu Ehren des Octavian 
ein, die Aera Actiaca, die nach dem Tode Augustes allmählich 
wieder der Cae sari an i sehen wich; diese Siegesära war übrigens 
auch ausserhalb Syriens vielfach in griechischen Städten üblich. 
Im römischen Kaiserreich bezeichnete man die Jahre nach der 
Regierungszeit des Kaisers und der Consularaera zugleich. Als 
im 4. Jahrhundert das Consulat öfter unbesetzt blieb, kam die 
Bezeichnung nach Indictionen auf. Unter Indictionen (Steuer- 
jahren) versteht man die Jahre eines 15jährigen Zeitkreises, der 
ursprünglich eine Steuerperiode bildete. Man beziflFerte bei der 
Indictionsära die einzelnen Jahre jeder solchen Periode ohne 
dabei die Anzahl der seit irgend einer Epoche abgelaufenen 
Perioden anzugeben, so dass die Bezeichnung in einer beständi- 
gen periodischen Wiederholung der Jahreszahlen 1 — 15 bestand. 
Justinian verordnete 537, dass in allen Instrumenten zuerst 
das Regierungsjahr des Kaisers, dann die Namen der Consuln 
und zuletzt Indiction nebst Monatstag angegeben werden sollte. 
Kurze Zeit darauf, 541, erlosch das Consulat ganz; man zählte 
seitdem 25 Jahre lang nach dem letzten Consul ,{post constUatum 
Basilii"y bis seit 567 die Kaiser sich die Consulwürde für immer 
beilegten und nun neben ihren Regierungsjahren nach den Jahren 
ihres Consulats datirten. 

Mittlerweile war in der christlichen Kirche schon seit dem 
3. Jahrhundert das Bestreben hervorgetreten eine Weltära, d. h. 
eine Ära seit Erschaffung der Welt zu begründen. Die hebräi- 
schen Quellen, die man dabei zu Grunde legte, ergeben indess 
kein sicheres Resultat über die Epoche der Weltschöpfung, so 
dass hierüber seit Julius Africanus, dem ältesten christlichen 
Chronographen, der zu Anfang des 3. Jahrhundert« lebte, bis in 



314 Zweiter Haupttheil. 2. Abscbn. Besondere AlierthumBlehre. 

die neueste Zeit immer neue Hypothesen, zusammen gegen 200, 
aufgestellt sind. Im byzantinischen Reich wurde wahrscheinlich 
im 7. Jahrhundert für die bürgerliche Zeitrechnung eine Weltara 
mit dem Epochenjahr 5508 v. Chr. gebräuchlich, an welcher 
später die Völker griechisch-katholischen Bekenntnisses lange 
festhielten; die Küssen haben danach bis auf Peter d. Gr.,, die 
Neugriechen bis zur Losreissimg von den Türken 'gerechnet. 
Die Weltära, deren sich die Juden etwa seit dem 12. Jahrhun- 
dert bedienen, die aber wahrscheinlich auch schon im 3. Jahr- 
hundert» gebildet ist^ weicht von der byzantinischen sehr ab; ihr 
Epochenjahr fällt auf 3761 v. Chr. Neben der Weltära wandte 
man in der christlichen Kirche seit dem 5. Jahrhimdert die Jahr- 
rechnung cib incamatione Christi an; sie kam im Abendlande 
besonders durch die Ostemtafeln des im 6. Jahrhundert lebenden 
römischen Mönches Dionysius E^iguus in allgemeinen kirch- 
lichen Gebrauch; seit Karl d. Gr. wurde sie mehr und mehr 
im bürgerlichen Leben üblich. Es ist bekannt, dass Dionysius 
Exiguus die Geburt Christi irrthümlicher Weise auf das Jahr 
754 nach Roms Erbauung verlegte, dessen Anfang die Epoche 
der christlichen Zeitrechnung ist. Petav nahm das Jahr 749, 
Keppler 748, Sanclemente 747 als das Geburtsjahr Jesu an; 
der letzteren Annahme stimmt mit Recht auch- Ideler (II, 393 
ff.) bei. Vergl. die Mem. de VÄcad^ie des Inscriptions Vol. XXIII 
(1858), wo in einer grossen Abhandlung von Wallo'n die Gründe 
für 747 und 749 aufgeführt und beurtheilt werden, [s. A. W. 
Zumpt, das Geburtsjahr Christi. Leipzig. 2. Aufl. 1875.] 

Für die Chronographie kommt es darauf an die verschie- 
denen bürgerlichen Aren auf eine historische zu reduciren. 
Hierin haben die alten Geschichtsschreiber und Chronographen 
vorgearbeitet. Ursprünglich begnügten sich die griechischen 
Schriftsteller die Zeit der historischen Ereignisse im Yerhältniss 
zu einander nach Jahren oder Menschenaltem zu bestimmen. 
Thukydides z.B. führt die Ereignisse aus derZeit des pelopon- 
nesischen Krieges einfach nach den Jahren desselben an; bei 
frühem Daten bemerkt er, wie viel Jahre seit der Marathonischen 
Schlacht oder dem Sturz der Pisistratiden u. s. w. verflossen sind. 
Der älteste Versuch einer umfassenderen historischen Ära ist 
die Zählung der Jahre seit Troja's Zerstörung. Diese mythische 
Epoche wurde aber verschieden berechnet; erst seit Eratosthe- 
nes nahm man meist das Jahr 1184/3 v. Chr. dafür an; übri- 



1. Oeffeutliches Leben. 1. Chronologrie. 315 

gens bestimmte man mit grossem Schaxfsimi aus der poetischen 
Ueberlieferung selbst Monat und Tag der Einnahme Trojans*), 
Bei weitem wichtiger als die trojanische Ära wurde indess die Olym- 
piadenrechnung. Die Olympioniken scheinen seit 776, wo der Eleer 
Koroebos im Wettlauf siegte, in öffentlichen Listen verzeichnet 
zu sein. Mit diesen Listen stellte der Geschichtsschreiber Ti- 
maeos aus Tauromenion in Sicilien (c. 350 — 256 v. Chr.) die Liste 
der spartanischen und attischen Eponymen und der argivischen 
Priesterinnen zusammen und schuf so eine von den Spielen des 
Jahres 776 datirende Ära, die bald in der Literatur durch- 
gehends angewandt und bis zur Aufhebung der Olympischen 
Spiele 394 n. Chr. fortgeführt wurde, ohne jedoch je in den 
bürgerlichen Gebrauch überzugehen. Als sich in Rom eine Ge- 
schichtsschreibung nach dem Muster der Griechen bildete, ver- 
suchte man die vorhandenen Magistratslisten sowie die Regie- 
rungsjahre der Königszeit auf die trojanische Ära des Erato- 
sthenes und auf die Olympiadenära zurückzuführen. Aus dieser 
Berechnung entstanden die Aren post exados reges, und ab urhe 
condita, die ebenfälls^ nur historisch sind. Ihre Epoche liess 
sich jedoch bei der Unzulänglichkeit der Quellen nicht sicher 
bestimmen. Die Ansichten über das Jahr der Erbauung Roms 
differirten insbesondere ausserordentlich; der Dichter Ennius 
setzte dasselbe um 870 v. Chr., der Historiker L. Cincius Äli- 
mentus 728 v.Chr. Vergl. Franz Ritter, das Alter der Stadt 
Rom nach der Berechnung des Ennius. Rheinisches Mus. 1843. 
S. 481 ff. Später standen sich hauptsächlich zwei Zählungen, 
gegenüber: die varronische und die sog. catonische. Nach M. 
Terentius Varro fällt die Erbauung der Stadt in Ol. 6, 3, 
(21. April 753 v. Chr.) so dass a. u. 753 das erste Jahr vor 
und 754 das erste Jahr nach Christus ist-, M. Porcius Cato 
setzt die Epoche Ol. 7, 1 (21. April 751 v.Chr.**). Eine histo- 
rische Ära ist auch die des Nabonassar. Die chaldäischen 
Astronomen, welche ihre Beobachtungen nach den Regierungs- 
jahren der assyrischen und später der medischen und persischen 
Könige datirten, waren genöthigt die Regierungszeiten dieser 



*) S. die Abhandlung über die Eroberung Troja's Corp. Imcr. II, S. 
327—330. Vergl. Epigraphisch-chronologrische Studien S. 135 ff. und Kl, 
Sehr. VI, S. 347 ff. 

**) Vergl. Epigraphisch-chronologische Studien S. 136. 



I. Oeffentliches Leben. 1. Chronologie. 317 

2. Das Jahr. 

Die Jalirzählung innerhalb der Ära kann natürlich eine 
genaue Fixirung der Daten nur dann ergeben, wenn man Länge, 
Anfang und Eintheilung des Jahres kennt. Auch in dieser 
Hinsicht war bei den Alten Alles individuell und naturwüchsig. 
Man richtete sich bei der Regelung der Zeit nach deii Mond- 
phasen und den Jahreszeiten; d. h. jeder Monat begann mit dem 
ersten Erscheinen des Neumondes und man sorgte dann durch 
Einschalten dafür, dass der Jahresanfang möglichst in dieselbe 
Jahreszeit fiel. Die Jahreszeiten bestimmte man zuerst nach den 
scheinbaren Aufgängen bekannter Fixsterne, später nach dem 
Eintritt der Sonne in gewisse Zeichen oder nach den Jahr- 
punkten*). Der Jahresanfang wurde nun entweder an die Sol- 
stitien oder an die Aequinoctien geknüpft. Hierdurch entstand 
schon eine grosse Verschiedenheit. So begann das attische- 
Jahr wie das olympische um die Sommersonnenwende**), das 
spartanische und makedonische um die Herbstnachtgleiche, das 
böotische um die Wintersonnenwende***), ebenso seit Cäsar 
das römische, das vorher um die Frühlingsnachtgleiche begonnen 
hatte. Da der synodische Monat im Durchschnitt 29 Tage 12 
Stunden 44' 3" beträgt, konnte man nicht allen Monaten gleich- 
viel Tage geben; aber man lernte erst sehr spät die Länge des syno- 
dischen Monats undJahres annähernd richtig berechnen. Seit So Ion 
gab man dem bürgerlichen Monat in den griechischen Staaten allge- 
mein abwechselnd die Dauer von 29 und 30 Tagen (hohle und volle 
Monate), so dass das Mondjahr 354 Tage zählte. Zur Ausgleichung 
mit dem Sonnenjahre schaltete man periodisch einen Monat ein ; das 
Schaltjahr hatte dann 384 Tage. Der kürzeste Zeitraum, in 
welchem die Erscheinungen des Mondes wieder in annähernd 
dasselbe Verhältniss zu den Jahreszeiten treten, ist eine Periode 
von 8 Jahren, die nahezu 99 Mondmonaten gleich sind. Eine 
solche Periode, die ÖKiaexTipic war höchst wahrscheinlich der 
älteste griechische Schaltcyklus; ex enthielt 5 Gemeinjahre zu 
12 Monaten und 3 Schaltjahre zu 13 Monaten. Erst allmählich 
bemerkte man, dass in 16 Jahren 3 Schalttage hinzugesetzt und 



•) Vergl. über die Jahreszeiten der Griechen die „Vierjährigen Sonnen- 
kreise der Alten" S. 76 — 123. 

**) Vergl. Gesch. der Mondcyklen 15 f. und Kl. Sehr. IV, 94 Anra. 1. 
***) Vergl. Kl. Sehr. V, 73 f. 



I. Oeffentliches Leben. 1. Chronologie. 319 

struction des Mondcyklus ein Sonnenjahr verzeichnet war, bei 
welchem in vierjährigen Perioden je ein Tag eingeschaltet wurde. *) 
Diese Octaeteris haben auch spätere Astronomen dem Metoni- 
schen Cyklus vorgezogen und immer zweckmässiger zu gestalten 
gesucht. Der in Athen lebende Astronom Kallippos aus 
Kyzikos, der aus der Schule des Eudoxos**) und ein Freund 
des Aristoteles war, fand aber, dass sich auf Grund der von 
Eudoxos angenommenen Dauer des Sonnenjahres der Meto- 
nische Schaltkreis leicht corrigiren liess, indem man von vier 
Perioden desselben die letzte um einen Tag verkürzte. Er stellte 
Ol. 112, 3 ein Parapegma mit dieser Verbesserung, also einem 
76jährigen Cyklus und sonst noch abweichender Construction 
auf, wahrscheinlich aus Veranlassung einer von den Athenern 
projectirten Kalenderveränderung. Aber die Athener scheinen 
gerade jetzt den Cyklus ihres nicht mehr lebenden Landsmannes 
Meton angenommen zu haben, dessen Bestimmungen sich hin- " 
reichend bewährt hatten***); er fand seitdem jedenfalls allmäh- 
lich in allen griechischen Staaten Eingang, während die Kal- 
lippische Verbesserung wahrscheinlich in Griechenland nirgend 
im bürgerlichen Leben Geltung erlangt hat. 

Die genauere Bestimmung des Sonnenjahres auf 3657^ Tage 
hatte Eudoxos der Tradition der ägyptischen Priester ent- 
nommen.!) Die Ägypter nämlich rechneten seit uralter Zeit 
wie die Perser nach einem beweglichen Sonnenjahr, d. h. nach 
einem Jahre von 365 Tagen, dessen Anfang daher in 1424 Jahren 
alle Jahreszeiten durchlief. (Ideler, I, 133.) Es zerfiel in 12 Monate 
zu 30 Tagen und 5 Ergänzungstage. Ursprünglich fing es nun gleich- 
zeitig mit dem Frühaufgange des Sirius an und man beobachtete 
allmählich, dass der Sirius jedesmal nach Verlauf von vier 
Jahren um einen Monatstag später aufging. Daraus berechnete 
man, dass das bürgerliche Jahr um y^ Tag zu kurz sei und 
nahm daher an, dass der Frühaufgang des Sirius in Perioden 
von 1461 Jahren mit dem Anfang dieses Jahres zusammentreffe. 
Dies ist die Hundsstemperiode, welche indess nie in der bürger- 
liehen Zeitrechnung angewandt ist. Die Agjrpter haben dieselbe 



♦) Vergl. Vierjährige Sonnenkreise der Alten. S. 137. 
**) Ebenda 155. 
***) Geschichte der Mondcyklen. S. 43 f. 
t) Vierjährige Sonnenkreise. S. 140 ff. 



320 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

zur Feststellung einer historischen Ära benutzt, die sich mit 
Scaliger's julianischer Periode vergleichen lässt; so hat z, B. 
der Oberpriester Manetho im 3. Jahrhundert v. Chr. die ägyp- 
tische Geschichte in 4 Hundssternperioden abgehandelt. Aus 
religiösen Gründen behielten die Ägypter ihr Wandeljahr stets 
bei ; die Könige mussten beim Regierungsantritt schwören, weder 
Tage noch Monate einschalten zu wollen. Ein Sonnenjahr mit 
vierjährigem Schaltkreis, das die ägyptischen Priester theoretisch 
kannten und die griechischen Astronomen seit Eudoxos bei 
der Construction der Octaeteris in ihren Parapegmen neben dem 
hellenischen Jahr darstellten,*) führte im Jahre 45 v. Chr. Cae- 
sar als Pontifex Maximus für den römischen Staat ein. Bis 
dahin hatte man in Rom nach eineni Mondjahr mit einem sehr 
unbeholfenen Schaltungssystem gerechnet, indem man nicht ganze 
Monate, sondern verstümmelte zu 23 und 22 Tagen einschob 
und so einen vierjährigen Cyklus von 355 + 378 + 355 + 
377 Tagen bildete; hierbei war der Kalender in grosse Verwir- 
rung gerathen. Es ist Cäsar' s Verdienst das für das praktische 
Leben allein angemessene feste Sonnenjahr zur bürgerlichen 
Geltung gebracht zu haben. Nach seiner Ermordung wurde durch 
die Unkenntniss der Fontifices eine neue Verwirrung angerichtet, 
indem sie in dreijährigen statt in vierjährigen Zwischeniilumen 
den Schalttag einlegten; so wurde im Jahre 9 v. Chr. zum 12. 
Mal eingeschaltet, während es erst das 9. Schaltjahr hätte sein 
müssen. Augustus verbesserte den Fehler dadurch, dass er erst 
im Jahre 8 n. Chr. wieder einschalten Hess.**) In Alexandria 
führte man mit der Aera des Augustus ein dem julianischen 
möglichst angepasstes festes Sonnen jähr, das sog. alexandrinische 
ein, indem man dem alten ägyptischen Jahre alle vier Jahre 6 
statt 5 Ergänzungstage gab und den Epochentag der neuen Ära 
(30. August) zum Neujahrstag machte. Uebrigens wurde bei 
astronomischen Berechnungen der Gleichmässigkeit halber das 
frühere Wandeljahr beibehalten, das der Aera des Nabonassar 
zu Grunde lag. Der feste alexandrinische Kalender wurde im 
Orient viel gebraucht und besteht noch jetzt bei den Kopten 
und Abessiniern. ***) Die julianische Zeitrechnung bürgerte man 



*) Vergl. Vierjährige Sonnenkreise der Alten. S. 123 fF. 
**) Ebenda. S. 340-378. 
***) Ebenda. S. 254 285. 



I. Oeffentliches Leben. 1. Chronologie. 321 

in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Einführung durch amt- 
liche Kalender im römischen Reich ein, von denen Bruchstücke 
und zwei ganze Exemplare erhalten sind [S. Teuffei, ro- 
mische Literaturgeschichte 3. Aufl. § 74]. Durch das Christen- 
thum wurde dann das julianische System zur gemeinsamen Zeit- 
rechnung der neu-europäischen Völker. Erst seit dem 14. Jahr- 
hundert wurde man sich darüber klar, dass darin die Länge des 
tropischen Jahres nicht genau berechnet ist, und erst 1582 ge- 
lang es dem Papst Gregor XIII. eine Reform zu bewerkstelligen, 
die indess von der griechisch-katholischen Kirche abgelehnt wurde, 
ähnlich wie im Alterthum die Kallippische Verbesserung von 
den hellenischen Staaten. Zu beachten ist, dass bei der Reduction 
der Data auf die christliche Ära die Jahre v. Chr. als julia- 
nische gerechnet werden. Ohne Schwierigkeit lässt sich auf diese 
Zeitrechnung die Ära des Nabonassar und der Hundsstern- 
periode zurückführen, weil die Jahre derselben regelmässig und 
gleichförmig sind (vergl. Ideler I, 102 flf.). Je mehr griechische 
und römische Daten sich daher in ägyptischen Jahren ausdrücken 
lassen, desto mehr sichere Anhaltspunkte für die Chronographie 
des klassischen Alterthums gewinnt man. Der Wechsel und die 
verschiedene Einrichtung • der Cyklen bilden für die direkte Zu- 
rückführung der griechischen und römischen Zeitangaben auf die 
christliche Ära oft unüberwindliche Schwierigkeiten. 

3. Der Monat. 

Die Namen der Monate waren in den verschiedenen griechi- 
schen Staaten verschieden. Dagegen hätte nach dem Princip 
des Mondjahres überall der Anfang der entsprechenden Monate 
und also das Tagesdatum übereinstimmen müssen. Allein vor 
Einführung des Metonischen Kalenders fiel in Folge der un- 
regelmässigen Einschaltungen oft der Monatsanfang nicht mit 
dem Neumond zusammen und dabei diflferirte die Datirung in 
den verschiedenen Staaten, weil man in verschiedener Weise ein- 
schaltete. Der Metonische Cyklus stellte erst die Ueberein- 
stimmung des bürgerlichen Monats mit dem Mondumlauf wieder 
her, auf welche die ganze Eintheilung des griechischen Monats 
begründet war. Die Griechen theilten nämlich den Monat in 
Dekaden; in Athen hiess der erste Tag vou|LiTivia, Neumond; die 
übrigen bis zum 10. zählte man dann mit dem Zusatz iö"Ta|H^vou (des 
zunehmenden Mondes); in der 2. Dekade wurde von 1 — 9 mit 

Böckh'g Encyklopädie d. philolog. Wiaaenschaft. 21 



322 Zweiter HaoptiheiL 2. Abschn. Besondere Alierihmntlehre. 

dem Zusatz im b^xa gezählt; der 20. Iiiess eUäc und in der 
3. Dekade zählte man mit dem Zusatz ^tt* eiKabt, gewöhnlicher 
jedoch vom Monatsende rückwärts mit dem Zusatz q>6tvovToc, so 
dass der vorletzte Monatstag beur^pa qpOtvovroc, der 21. je nach 
der Länge des Monats ivarx] oder beKärr] qpOtvovroc hiess. Aehn- 
lich war die Bezeichnungsweise in allen griechischen Staaten. 
Die Athener datirten übrigens in öffentlichen Urkunden meist 
nach Prytanien^ d. h. nach den Jahresabschnitten, in welchen 
die einzelnen Stämme im Rath einer jährlich durch das Loos be- 
stimmten Ordnung gemäss den Vorsitz führten. Bis 306 v. Chr. 
zerfiel das Jahr in 10 Prytanien, so dass jede derselben eine 
Dauer von 35 — 36 Tagen in Gemeinjahren, 38 — 39 Tagen in 
Schaltjahren hatte; nachdem 306 v. Chr. die Zahl der Stamme 
auf 12 erhöht war, stimmten die Prytanien annähernd mit den 
Monaten überein.*) 

In Rom zerfiel bekanntlich der Monat in 3 Abschnitte von 
verschiedener Grösse; der 1. Tag, die Cküendae, bezeichnete den 
Neumond, dessen Eintritt von Alters her öffentlich ausgerufen 
wurde; die Idus waren ursprünglich der Yollmondstag {idas von 
iduare = bixoinrivia), die Nonae der Tag des ersten Viertels, 
das man am 8. oder nach antiker Zählungsweise am 9. Tage 
vor den Idas annahm; man datirte dann so, dass man angab, 
wie viel Tage vor einer jener 3 Epochen man sich befand. 
Dem Zeitabschnitt von den Nonae bis zu den Idus entspricht die 
achttägige Woche der Römer (nundinum), die seit alter Zeit in 
Gebrauch war und sich unabhängig von dem Monatsdatum ohne 
Unterbrechung beständig wiederholte. Sie wurde erst durch den 
Kaiser Constantin abgeschafft, der an ihrer Stelle die in den 
christlichen Cultus aufgenommene siebentägige Woche der Juden 
einführte. Die Benennung der Tage nach den sieben Planeten 
war durch die ägyptische Astrologie schon seit dem 1. Jahrh. unserer 
Ära den Römern geläufig geworden. 
4. Der Tag. 

Die Griechen rechneten den bürgerlichen Tag (vuxörjiLiepov) 
von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang; dies entspricht dem 
Princip des Mondjahres und findet sich daher noch jetzt bei 
Völkern die nach Mondjahren rechnen, wie bei den Muhameda- 
nern; die Germanen und Kelten zählten aus gleichen Gründen 

*) Vergl. Kl. Sehr. VI; S. 338 f. 



I. OefifentlicheB Leben. 1. Chronologie. 323 

überhaupt die Zeit nach Nächten. Bei den Römern dauerte der 
bürgerliche Tag (dies cmlis) von Mittemacht zu Mittemacht, 
wodurch Anfang und Ende genauer fixirt wurde als bei der 
griechischen Rechnung, bei welcher diese Punkte je nach den 
Jahreszeiten beständig wechselten. Für die weitere Eintheilung 
legte man jedoch im Älterthum durchweg den natürlichen Tag 
d. h. die Zeit von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang zu 
Grunde. Ursprünglich bestimmte man nur unmittelbar nach dem 
Stande der Sonne und nach der Länge der Schatten die natür- 
lichen Tageszeiten und nach dem Stande bekannter Gestirne die 
Zeiten der Nacht, welche bei den Griechen wie bei den Rö- 
mern in Wachen eingetheilt war. Die Eintheilung in Stunden 
lernten die Griechen von den Babyloniern etwa zur Zeit des 
Anaximenes kennen, der die ersten Sonnenuhren construirte. 
Wie diese sind ohne Zweifel auch die Wasseruhren der Alten eine 
Erfindung der chaldäischen Astronomen.*) Aber erst in der alexan- 
drinischen Zeit wurde die Rechnung nach Stunden allgemein gebräuch- 
lich, und das Wort uipa, das früher einen allgemeinem Sinn hatte, 
erhielt jetzt die specielle Bedeutung Stunde. Die Römer nahmen 
dies Wort mit der Stundenrechnung von den Griechen an, seit- 
dem 263 V. Chr. die erste Sonnenuhr nach Rom gebracht war. 
Bezeichnend ist es, dass diese Uhr, die für Catina in Sicilien be- 
rechnet war, in Rom 99 Jahre in Gebrauch war, ehe man die 
Fehlerhaftigkeit derselben bemerkte und einen richtigen Gnomon 
construiren Hess. Fünf Jahr später (159) führte Scipio Nasica 
Corculum die Wasseruhren ein. Die bürgerliche Stunde der 
Alten war von der astronomischen ganz verschieden-, sie war der 
12. Theil des natürlichen Tages und der natürlichen Nacht. 
Daher waren die Tag- und Nachtstunden nur zur Zeit der Aqui- 
noctien gleich, und die Länge wechselte bei beiden beständig 
nach den Jahreszeiten. Nur die späteren Astronomen bedienten 
sich daneben der Rechnung nach gleichförmigen Stunden (7^4 
des bürgerlichen Tages), die erst im 12. Jahrh. n. Chr. nach Er- 
findung der Räderuhren in praktischen Gebrauch gekommen ist. 

Literatur. 1. Politiselie Chronologie. Joseph Scaliger, Opus 
de emendatione temporum. Paris 1583 (beste Ausgabe Genf 1629). Ein tief- 
sinniges Werk, das einen unerschöpflichen Schatz von Oelehrsamkeit ent- 
hält und die gesammto Chronologie der Neuzeit begründet hat, aber z. Th. 



*) Vgl. Metrologische Untersuchungen S. 37. 42. 

21 



324 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthomslehre. 

von falschen Grundsätzen und unhaltbaren Hypothesen ausgeht. — Dio- 
nysius Petavius, Opus de doclrina temporum. Paris 1672. 2 Bde. foL (beste 
yermehrte Ausgabe, Amsterdam 1703, 3 Bde. foL). Berichtigt viele Irrthümer 
Scaliger's und übertrifil dessen Werk durch besonnenere Forschung und 
exactere astronomische Begründung. — Dodwell, De veteribus Ghraecofum 
Romanorumque cyclis. Oxford 1701. l^ächst Petav das Hauptwerk ans dem 
18. Jahrhundert. — Hegewisch, Einleitung in die historische Chronologie. 
Altona 1811. — Ideler, Handbuch der mathematischen und technischen 
Chronologie. Berlin 1826, 2 Bde. Bisher die beste Bearbeitung der Chrono- 
logie, sehr klar geschrieben und ausserordentlich brauchbar; der Verfasser 
beherrschte vollständig den beim Erscheinen des Buches vorliegenden Stoff. 
'— Biot, Besumi de Chronologie astronomique in den M^tnoires de VAcad. 
des Sciences XXII, 1850. S. 209—476. Handelt besonders über die Cyklen. — 
Redlich, der Astronom Meton und sein Cyklus. Hamburg 1854. — Ed. 
Gr es well, Origines kalendariae Italicae. Oxford 1854, 4 Bde.; Origines 
kcdendariae HeUenicae. Oxford 1862, 6 Bde. Sehr genau und mit grosser 
Eenntniss ausgearbeitet. — Em. Müller, Artikel Aera und Annus in der 
2. Aufl. von Pauly's Real-Encyklop. — Carl Friedr. Hermann, Ueber 
griechische Monatskunde. Göttingen 1844. — Theod.Bergk, Beiti^e 
zur griechischen Monatskunde. Giessen 1845. — Oettinger, Artikel Dies 
in Pauly's Real-Encylop. — Dissen, De partihus noctis et diei ex divis- 
ionibus veterum. Göttingen 1836. (in Dissen 's Kl. Schriften Gott. 1839). — 
Göttling, De Metonis heliotropio Athenis in muro Pnycis posito. Jena 
1861. 4. — Theod. Mommsen, die römische Chronologie bis auf Cäsar. 
2. Aufl. Berlin 1859. Ganz vorzüglich für die römische Geschichte; unhalt- 
bar dagegen sind die allgemeinen Anhänge über griechische und ägyptische 
Chronologie. — Aug. Mommsen, Beiträge zur griechischen Zeitrechnung. 
N. Jahrb. f. Philol. 1866. 1. Suppl. Bd. und 1858. 3. Suppl. Bd.; Die alte 
Chronologie. Philologus XH, 1858; Zur altrömischen Zeitrechnung und 
Geschichte. Rhein. Mus. N. F. Bd. 13. — [Huschke, Das alte römische 
Jahr und seine Tage. Breslau 1869.] 

Lepsin 8, Chronologie der Ägypter. Berlin 1849, uud Eönigsbuch der 
alten Ägypter. Berlin 1858. — Brugsch, Materiaux pour servir ä la re- 
construction du calendrier des anciens Egyptiens. Leipzig 1864. 4. — Nolan 
in den Transactions of tlie Royal Soc, ofTAtt. London 1837. Vol. III, p. I und 
II über hebräische, babylonische und ägyptische Chronologie. Gelehrt, aber 
zu wenig übersichtlich. — M. J. v. Gumpach, Ueber die Zeitrechnung 
der Babylonier und Assyrer. Heidelberg 1852. Ohne sichere Resultate. — 
Henri Martin, Memoire oü se trouve restitue pour la premiere fois U 
calendrier lunisolaire chcddeo-macedonien, duns lequel sotit datees trois ohser- 
vaiions plan^taires citees par PtoUmie. In der Revue arche'ologique. 10. 
Jahrgang. 1853. Martin stellt einen Kalender auf, der auf Mondjahre ge- 
baut ist mit makedonischen Monaten und einer Ära vom Sonnenuntergang 
des 25. Sept. 311. Dies weicht von dem Kalender der Seleukidenära bei 
den arabischen Astronomen des Mittelalters ab, der auf ein Sonnenjahr 
gebaut ist, und nach Martinas Ansicht aus der Römerzeit stammen würde, 
während der von ihm aufgestellte chaldäo-makedonische eine Nachah- 
mung des Kailippischen wäre. Allein die chaldäischen Astronomen 



I. Oefifentliches Leben. 1. Chronologie. 325 

rechneten auch nach Alexander d. Gr. sicher wie bei der Aera des Na- 
bonassar nach beweglichen Sonnenjahren.*) 

In der politischen Chronologie des Alterthums bleibt noch sehr viel zu 
thun übrig. Insbesondere müssen die verschiedenen Cyklen nach ihrer 
Einrichtung, ihrem historischen Zusammenhang und der Zeit ihrer Einfüh- 
rung noch genauer erforscht und die Monate der verschiedenen Staaten 
ermittelt und verglichen werden. In allen diesen Punkten haben wir 
hauptsächlich durch Inschriften neue Aufschlüsse zu erwarten. 

2. Die Chronographie muss zunächst an die Chroniken aus dem 
Alterthum anknüpfen. Die älteste derselben ist das Marmor Partum, 
eine auf der Insel Faros gefundene wahrscheinlich zum Privatgebrauch 
verfertigte Tafel, welche einen Zeitraum von 1318 Jahren, von Kekrops 
bis auf den attischen Archonten Diognetos (264) v. Chr. umfasste, aber 
schon bei der Auffindung am Schluss verstümmelt war und daher nur bis 
355 V. Chr. reicht; die Daten sind darin nach Jahren vor Diognetos, also rück- 
schreitend beziffert; die Olympiadenzählung ist noch nicht angewandt. — 
Aus andepi alten Chroniken der alexandrinischen Zeit haben wir einzelne 
Notizen bei späteren Geschyjhtsschreibern, wie Diodor, Dionjsios v. Ha- 
likarnass, Diogenes Laertius etc. und bei Scholiasten; besonders 
wichtig sind die Fragmente aus dem in jambischen Senaren verfassten 
Chroniken des Apollodoros von Athen (2. Jahrh. v. Chr.). — Ausserdem 
sind mehrere Chroniken aus der späteren griechischen Zeit erhalten; die 
wichtigsten sind die des Eusebios, Bischofs von Caesarea (f 340 n. Chr.), 
und des Synkellos von Konstantinopel (f gegen 800 n. Chr.) und das 
Chronicon Faschale (aus dem 11 Jahrh.). Von dem Werke des Eusebios 
ist die griechische Urschrift nicht erhalten. Es bestand aus 2 Theilen, 
einer ethnographischen XpovoTpacpia und einem synchronistischen KavUiv, 
der mit Abraham begann. Von letzterem haben wir die lateinische üeber- 
setzung des Hieronymus aus dem Jahre 379/380.* Aus dieser Ueber- 
Setzung und aus den Fragmenten und erhaltenen Auszügen der XpovoTpa(p{a 
versuchte Scaliger die Schrift wiederherzustellen in seinem Thesaurus 
temporum Leiden 1606, 2. vermehrte Ausg. Amsterdam 1658. Jetzt ist 
dies besser möglich mit Hülfe einer 1816 aufgefundenen armenischen Ueber- 
setzungdes ganzen Werkes (lat. übersetzt von Zohrab und A. Mai Mailand 
1818; armenisch und lat. herausgeg. von Aucher, Venedig 1818); die 
neueste Restitution ist von A. Schöne, Eusebi chronicorum lihri duo. Vol. 
II. Berlin 1866).**) — Der Thesaurus tempwum ist durch die darin ent- 
haltenen eigenen chronographischen Forschungen Scaliger's ein höchst 
werthvoUes Hülfsmittel; er enthält u. A. eine ZuvaTUJTi?) IcTopiinv, d. h. 
chronographische Tabellen der ganzen alten Geschichte, deren Haupttheil 
den Titel 'OXu|LiTndbujv dvaTpaq>n führt. Diese griechisch geschriebene 
Zusammenstellung ist lange Zeit als ein Werk aus dem Alterthum ange- 
sehen worden, obgleich Scaliger sich ausdrücklich als Verfasser nennt. 



*) Verßfl. Epigraphisch-chronologische Studien. S. 152 ff. u. Kl. Sehr. 
VI, S. 349 ff. 

**) Vergl. Manetho und die Hundsternperiode. S. 206 f. und Kl. Sehr. 
V. S. 203. 



326 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschn. Besondere AlterÜmmslehre. 

S. Ew. Scheibel, Josephi Scaligeri ^OXunTndöuw 'AvaTpa9f|. Berlin 1862. 
4. und Jacob Bernays, Jos. Justns Scaliger. S. 90 ff. — In der Chrono- 
graphie steht Petavius dem Scaliger bei weitem nach; sein Bationarium 
temporum. Paris 1633, ist eine (Jebersicht über die allgemeine Greschichte 
von stark jesuitischer Färbung, war aber bis in die Mitte des 18. Jahrb. 
ausserordentlich verbreitet. — Von Chroniken aus dem 17. Jahrhundert 
sind noch anzuführen: Usher, AnncHes V. et N. T. cum chranico asiaUco. 
London 1650 f. — Marsh am, Chronicxis canon, London 1672. 

In unserem Jahrhundert hat man wieder angefangen die Resultate der 
geschichtlichen Chronologrie in umfassenden chronographischen Uebersichten* 
zusammenzustellen und auch in Tabellen für den Schulunterricht zu ver- 
werthen. Die bedeutendste Leistung ist: Clinton, Fasti Hellenici (eng- 
lisch) Oxf. 1824 ff. 3. Ausg. 1841. 4. 3 Bde. (der 2. Band ins Lat übers, 
von C. G. Krüger. Leipzig 1830). Ferner Clinton, Fasti Bomani. Oxford 

2 Bde. 1845 — 60. — Ein ähnliches umfassendes Werk hatte vorher schon 
Joh. Matthias Schultz in Eael entworfen. Es erschien davon: Apparaius 
ad annales criticos rerum graecarum specimen. Kiel 1826. Beicht von Olymp. 
60, 1—55, 1. Ein 2. Specimen (1827) enthält die Zeit von der £menening 
der Olympischen Spiele durch Iphitos bis zur 30. Olymp. Ein 3. Speci- 
men findet sich in den Kieler Studien 1841 unter dem Titel: Beitrag zu 
genauem Zeitbestimmungen der hellenischen Geschichten von der 63. bis zur 
72. Olympiade. Es wäre sehr dankenswerth gewesen, wenn das Werk, 
wovon diese Proben gegeben sind, seinem Entwurf gemäss bis zur 170. 
Olymp, fortgeführt wäre. — Ausserordentlich genau sind GreswelTs 
Fasti temporis cathoUci. Oxf. 1852. 5 Bde. nebst einem Quartband Tafeln. 
Das Werk ist wegen der superstitiösen Vorstellungen des Verfassers in Bezug 
auf die Weltära unbilliger Weise gering geschätzt. — Sehr gut sind die grie- 
chischen Zeittafeln von E. W. Fischer und Soetbeer und die römischen Zeit- 
tafeln von Fisch er. Altonal840ff. 2. (Titel-)Aufl. 1858. — Ebenso Scheif- 
fele, Jahrbücher der römischen Geschichte. Nördlingen 1853. (83 Bogen). 
— Zumpt's Annales veterum regtwrum et populorum. 3. Aufl. Berlin 1862, 
sind compendiös, aber für Anfänger sehr brauchbar. — Für den Schul- 
gebrauch vortrefflich sind Carl Peter 's Zeittafeln der griechischen Ge- 
schichte zum Handgebrauch und als Grundlage des Vortrags in höheren 
Gymnasialklassen mit fortlaufenden Belägen und Auszügen aus den Quellen. 
[4. Aufl. Halle 1873. 4.]; Zeittafeln der römischen Geschichte, [neueste 
Auflage 1876. 4.] 

Ein besonderes Mittel zur Prüfung der geschichtlichen Daten bildet 
die aötronomischo Berechnung der von den Alten angegebenen Sonnen- 
und Mondfinstemisse. Hiervon handelt: Vart de verifier les dates, Paris 1783. 

3 Bde. fol., später in 2 Abtheilungen: 1. depuis la naissancc de notrc 
Seigneur. 19 Bde. 8. 2. avant Vere cfiretiennc 5 Bde. 8. Eine neue Aus- 
gabe der 2. Atheilnng ist 1820 von Saint- Allais veranstaltet. Dies Werk 
würde noch brauchbarer sein, wenn darin auch die Sonnenwenden und 
Mondphasen berechnet wären. Letzteres ist in den Tafeln von Largeteau 
geschehen, die Biot's oben erwähntem Besume beigegeben sind; sie 
sind übersetzt von Joh. v. Gumpach Heidelberg 1853, auch abgedruckt in 
dessen Grundzügen einer neuen Weltlehre. Bd. I, München 1860. 



I. Oefifentlichee Leben. 1. Chronologie. 327 

Um die Datirangen nach eponjmen Magistraten auf feste Ären zurück- 
zuführen, müssen die Listen jener Magistrate hergestellt werden. Diese Auf- 
gabe lässt sich wegen der lückenhaften Tradition aber nur sehr mangelhaft 
lösen; wir haben nur Aussicht die Reihenfolge der athenischen Archonten 
und römischen Consuln einigermassen vollzählig zu ermitteln; bei den 
spartanischen Ephoren ist dies schon unmöglich. Eine Schwierigkeit bei 
diesen Untersuchungen liegt darin, dass zuweilen für dasselbe Jahr in 
Folge von Nachwahlen (magistratus suffecti) mehrere Namen vorhanden 
sind, die man dann leicht fälschlich auf verschiedene Jahre bezieht. Femer 
ist die Ueberlieferung vielfach corrumpirt; so haben sich unter den Namen 
der attischen Archonten 30 als irrthümlich oder untergeschoben erwiesen, die 
sog. archontes psetideponymi. — Für die Feststellung der attischen Archon- 
tenliste hat Corsini, Fasti Ättici. Florenz 1744—66. 4 Bde. 4. das Be- 
deutendste geleistet; seine Forschungen werden besonders mit Hülfe der 
Inschriften ergänzt. — Die Wiederherstellung der römischen Consularlisten 
ist zuerst versucht von Sigonius, Ftisti consulares, Venedig 1655. — 
Sehr genau sind Almeloveen^s Fastorum Eomanorum consttlarium libri 
duo. Amsterdam 1705. 2. Ausg. 1740. — Man hatte in Rom ofßcielle Con- 
sularfasten, von denen Bruchstücke erhalten sind, die wichtigsten die im 
16. und in unserem Jahrhundert aufgefundenen Fasti capitolini. Sie sind 
ergänzt herausgegeben von Borghesi, Nuovi frammenti dei fasti conso- 
lari capitolini. Mailand 1820. Fea, Frammenti di fasti cansolari, Rom 
1820. Laurent, Fasti consulai-es Capitolini. Altona 1833. Joh. Georg 
Baiter, Fasti consulares triumphalesqiie, Zürich 1838. W. Henzen im 
Corp. inscr. latin. Vol. I Berlin 1863. [Vergl. Teuf fei, Römische Litera- 
turgesch. 3. Aufl. § 75,] 

Um die chronologischen Schwierigkeiten recht bei der Wurzel zu 
fassen nmss man die Chronologie der einzelnen Schriftsteller feststellen. 
Bei den Historikern ist man hierin natürlich am weitesten gelangt Den 
Anfang der kritischen Detailforschung auf diesem Gebiete hat D od well 
gemacht durch seine Annales Thucydidei et Xenophontei. Oxford 1702.; 
Annales VeUeiani, Quintilianei, Statiani. Oxford 1708. Für Herodot 
hat der französische Philologe Larcher in seiner Chronologie d'HSro- 
dote. Paris 1786, 2. Auflage 1802 den Grund gelegt, obgleich er noch 
an vielen chronologischen Grillen hängt, besonders die Chronologie 
des Alten Testaments, die meist chimärisch ist, als richtig voraussetzt; 
vergl. Larcher's Gegner Volney, Chronologie d*Herodote con forme ä son 
te.cte. Paris 1808 und 9. Ein Haupthin^emiss für die Chronographie liegt 
darin, dass die alten Historiker in ihren Zeitbezeichnungen vielfach höchst 
nachlässig und ungenau sind. Viel zu thun ist noch in der Chronologie 
der Redner; auch bei den Philosophen und Dichtern ist noch eine grosse 
Anzahl von Problemen zu lösen. In Bezug auf die dramatische Poesie 
kommen die Didaskalien zu Hülfe, welche überhaupt ein wichtiges Hülfs- 
mittel der Chronologie sind. 

§. 44. Beim chronologischen Studium darf man vor allen Dingen nicht 
vergessen, dass man ohne astronomische Eenntniäse keine gründlichen 
selbständigen Forschungen unternehmen, sondern sich nur die Resul- 
tate der Wissenschaft aneignen kann, obgleich sich natürlich in kleine- 



328 Zweiter HaupttheiL 2. Abschn. Besondere Alterthmnslehre. 

ren Untersuchangen auch ohne mathematisclie Grandlage Manches erledigen 
llUst. Man mnss bei dem Studium yon den Ealendarien ausgehen, die 
Monate, ihre Zählung, Uebereinstimmung und Differenz im Einzelnen ken- 
nen lernen, danach bei den einzelnen Staaten die Jahran^Uige, Cyklen etc. 
untersuchen und so den Massstab für die Ären und ihre Reduction auf ein- 
ander gewinnen, überall mit kritischer Revision der Quellen, da bei den 
bisherigen Forschungen noch manches y ersehen und übersehen sein kann. 
Aber bei allen selbständigen Untersuchungen ist die grösste Vorsicht nöthig, 
damit man nicht auf chronologische Phantasmen verfalle, die sehr häufig 
sind. So hat Seyffarth durch verkehrte Anwendung des astronomischen 
Calcüls (Archiv für Philologie und Pädagogik 1848. Bd. XIV) die Chrono- 
logie auf den Kopf gestellt; Wilh. Fr. Rinck in seiner „Religion der 
Hellenen" (II S. 28 ff.) trägt mit dem grössten Selbstgefühl die verworren- 
sten Ansichten über die griechischen Cyklen vor^ und Faselius Schrift: 
Der attische Kalender. Weimar 1861, besteht nur aus Phantasmen. 

Für das chronographische Studium ist es von grossem Vortheil, wenn 
man das Hauptgerüst der Zeitbestimmungen dem Gedächtniss einprägt. 
Am leichtesten und sichersten behält man die Daten, soweit man sie ver- 
steht, d. h. soweit man erkennt, wie sich in den Zeitverhältnissen der 
innere Zusammenhang der geschichtlichen Ereignisse darstellt. Man mnss 
sich überhaupt gewöhnen jede Thatsache stets in ihrer zeitlichen Bestimmt- 
heit; zu denken; dann werden auch die an sich zuföJligen Zahlen durch 
vielfache Anknüpfung im Gedächtniss befestigt. Ausserdem leisten über- 
sichtlich geordnete Tabellen gute Dienste, und auch kleine künstliche Ge- 
dächtnissmittel sind nicht zu verschmähen. Doch verlohnt es sich nicht 
der Mühe bei schlechtem Zahlengedächtniss auf die äusserliche Aneignung 
der Zeitbestimmungen viel Zeit zu verwenden. Nothwendig ist dagegen 
eine gewisse Fertigkeit in der Reduction der verschiedenen Ären. Man 
bedient sich hierzu vergleichender Tabellen um nicht beständig rechnen 
zu müssen; aber man muss stets ohne viel Zeitverlust die Richtigkeit 
der Tabellen prüfen können. [Besonders zu empfehlen: Lutterbeck, Zeit- 
berechnungstafeln. Gicssen 1870. — L. Mendelssohn, Paralleltafeln zur 
griech. -römischen Chronologie. Mit Vorwort von Ritschi. Leipzig. 1874.]*) 

*) Zur Chronologie: Zur Geschichte der Mondcyklen der Hellenen. 
Leipzig 1855. — Epigraphisch-chronologische Studien. Zweiter Beitrag zur 
Geschichte der Mondcyklen der Hellenen. Leipzig 1856. — Ein Auszug 
aus der erstem dieser Schriftx3n und Nachträge zu beiden. Kl. Sehr. 
VI, S. 329 — 362. — üeber den zodiakalen Kalender des Astronomen Diony- 
sius. Kl. Sehr. VI, S. 374 ff. — Ueber die vierjährigen Sonnenkreise der 
Alten, vorzüglich den Eudoxischen. Berlin 1863. — üeber das böotische 
Jahr. Corp, Inscr. I, S. 732 ff. Kl. Sehr. V, 73 ff. Das delphische Jahr. 
G. I. 814. Das Stratonikeische Jahr. C. I. II, 488. Kyzikenische Mo- 
nate. C. I. II, 920 f. 924 f. Ionische Monate. C. I. ü, 273 ff. Eponynie 
Archonten von Teos. C. I. II, 649. De archonttbus Atticis pseudeponymis. 
Kl. Sehr. IV, 266—300. — Die parische Chronik. C. I. II, 293—343. — 
Manetho und die Hundssternperiode. Berlin 1845. — De pugnae Mara- 
thoniae tempore. 1816. Kl. Sehr. IV, 85 ff. — Von den Zeitverhältnissen 
in Dcmosthenes Rede gegen Meidias. 1818. KL Sehr. V, S. 153—205. — 
De tempore quo Flato rempublicam peroratam finxerit, dissertatianes III, 
la. Sehr. IV, S. 437—470, 474—492. 



I. Oeffentliches Leben. 2. Geographie. 329 

2. Geographie. 

§. 45. Die Geographie der Alten ist in der Geschichte der 
antiken Wissenschaft darzustellen, wo gezeigt werden muss, wie 
sich die geographischen Kenntnisse der alten Völker von mythi- 
schen Vorstellungen aus zur Wissenschaft ausgebildet haben. 
Die Geographie der alten Welt hat dagegen den Schauplatz der 
alten Geschichte so zu beschreiben, wie er wirklich war. Natürlich 
werden hierbei die geographischen Angaben der Alten als ge- 
schichtliche Zeugnisse die Grundlage bilden. Aber ganz verkehrt 
ist die in Frankreich durch Freret {Observations gcnerales sur la 
gcographie an<:ienne 1135) und in Deutschland durch Joh. Heinr. 
Voss (in seinen mythologischen Briefen Königsberg 1794 und 
geographischen Abhandlungen) zuerst geltend gemachte Ansicht, 
dass die objective Darstellung der alten Geographie mit der Ge- 
schichte der geographischen Kenntnisse der Alten zusammen 
fallen müsse, eine Ansicht, die Viele und selbst Fr. Aug. Wolf 
irre geleitet hat (s. oben S. 41). 

1. Die Beschreibung der alten Welt muss von der mafiie- 
matischen Bestimmung der Oertlichkeiten ausgehen, sowie die 
Chronologie von der mathematischen Bestimmung der Zeit. 
Indem die einzelnen Positionen nach geographischer Länge und 
Breite bestimmt werden, erhält man eine Kenntniss von dem 
Gerippe des Schauplatzes. Man muss hierzu allerdings die An- 
gaben der Alten sorgfältig untersuchen. Allein ihre Vorstellun- 
gen von der Lage der Orte in Rücksicht der mathematischen 
Geographie waren höchst fehlerhaft. Dies ist nicht zu verwun- 
dern, wenn man bedenkt, wie falsch z. B. unsere Karten von 
Kleinasien vor Macdonald-Kinneir waren, wie unrichtig die 
Südküste dieses Landes vor Beaufort's Karamania-Au&ahme 
gezeichnet wurde. Die Alten irrten sich besonders in den 
Weltgegenden, weil sie wenige genauere Beobachtungen über die 
geographische Länge und Breite hatten. Noch Strabon (Buch 
II, 1 § 27. 28) nimmt an, die Pyrenäen hätten eine Richtung 
von Norden nach Süden und seien dem Rhein parallel 5 er be- 
rechnet (II, 4 § 3) die geographische Länge Siciliens so, 
als ob die Richtung von dem Vorgebirge Pachynum nach der 
Meerenge bei Pelorum von Osten nach Westen ginge, da sie 
doch vielmehr von Südwesten nach Nordosten läuft; ferner 
behauptet er (11, 5 § 7), Syene, Alexandria, Rhodos, der 



3«^0 Zweiter Haupttlieil. 2. Abschn. Besondere Alterthnmslelire. 

Hellespont; Byzanz und die Mündung des Borysihenes lägen 
unter demselben Meridian. Thukydides Buch III, 4 sagt, das 
Vorgebirge Maleia auf Lesbos sei im Norden der Stadt Mytilene 
(iTpöc ßop^av TTic TTÖXeujc), während es vielmehr gerade im Süden 
liegt. Man kann hier nicht durch Interpretation oder Kritik 
helfen; solcher falschen Vorstellungen giebt es eben viele, ent- 
standen aus unrichtigen Entwürfen der Karten, Täuschung über 
den Wind, ungenauer Beobachtung der Gestirne; beiStrabon in 
den Excerpten des 7. Buchs, 53 ist angegeben, der Thrakische 
Chersonnes bilde drei Meere: die Propontis Ik ßoßpa, den Helle- 
spont il dvaioXOüV, den MeXac koXttoc ^k vötou; in Wahrheit 
aber liegt der Hellespont im Südosten, die Propontis nordöstlich 
und der MeXac köXttoc nordwestlich. Herodot hat besonders 
viel falsche Vorstellungen von der Lage und Richtung der Meere; 
entferntere, wie das caspische wurden ganz irrig gedacht. In 
wie vielen Fallen können wir aber den Irrthum nicht mehr aus 
dem wirklichen Zustande nachweisen! Ptolemäos hat das un- 
leugbare Verdienst in seiner Geographie mit Benutzung aller 
früheren Forschungen, wie besonders der des Marines aus 
Tyros die Lange und Breite vieler Orte in genauerer 
Weise bestimmt zu haben. Wenn auch nicht Alles richtig ist, 
so ist sein Werk doch bewundemswerth, und seine Kenntnisse 
reichen in manchen Punkten weiter als noch vor Kurzem die nnse- 
rigen reichten; so kannte er z. B. die Quellgegend des NiL In- 
dessen bleibt doch noch unendlich viel zu ergänzen. Wir sind 
darauf angewiesen den Boden der alten Geschichte selbst zu unter- 
suchen, mit Hülfe der Angaben aus dem Alterthume und der an 
Oft und Stelle Erhaltenen Tradition die Lage der alten Oertlieh- 
keiten zu ermitteln und dann mathematisch zu bestimmen. Seit Ver- 
non, der auf seiner Reise in Griechenland (1675) zuerst Ortsbestim- 
mungen vornahm, ist nach dieser Seite hin sehr viel geleistet. 

2. An die mathematische Geographie schliesst sich die 
physische, die wie jene nur Hülfswissenschaft für die philologische 
Betrachtung ist. Aber man kann die Entwickelung des geschicht- 
lichen Lebens nur in seinem Verhältniss zur umgebenden Natur 
verstehen. Man muss den Lauf der Berge und Flüsse, die Boden- 
hohe und die Tiefe der Gewässer, die meteorologischen Eigenthüm- 
Uehkeiten der Länder, ihre Beschaffenheit in Bezug auf Producte aller 
Art, Gesteine, Vegetation und Thierwelt. endlich auch die Wirkung 
der Landschaft auf die Phantasie kennen um einen vollen £in- 



I. Oeffentliches Leben. 2. Geographie. 331 

blick in die materiellen Bedingungen des Geisteslebens zu er- 
halten (s. oben S. 70.) Hierin ist für das Alterthum noch viel 
zu thun, und die Autopsie der Reisenden ist eine höchst wichtige 
Ergänzung für die Berichte der Alten. 

3. Die eigentlich philologische Seite der Geographie ist aber 
die politische Geographie, da diese die von dem Menschen be- 
werkstelligte Ländereintheilung und Fixirung der Wohnsitze be- 
trifft. Die politische Geographie des Alterthums ist schwieriger 
als die der Neuzeit; denn sie beruht auf einer Vergleichung der 
thatsächlichen Verhältnisse mit den Angaben der Alten und da 
sie wesentlich von der mathematischen Bestimmung der Posi- 
tionen abhängt, so hat sie bei der oben erörterten Unzulänglich- 
keit und Unsicherheit der alt«n Quellen grosse hermeneutische 
und kritische Schwierigkeiten zu überwinden. Ausserdem sind 
die Verhältnisse, welche sie betriflft, wandelbar, können also nur 
in ihrer geschichtlichen Entwickelung betrachtet werden. Fried r. 
Aug. Wolf lobt allerdings die alte Geographie, weil sie fest 
und abgeschlossen sei; die heutige könne leicht alterirt werden, 
wenn z. B. eine Stadt abbrenne, oder die Grenzen durch Friedens- 
schlüsse verändert würden. Er führt dies (Alterthums- Wissen- 
schaft S. 50) in einer lächerlichen Tirade weiter aus, die schon 
von Bucher: Betrachtungen über die Geographie in ihrem Ver- 
hältniss zur Geschichte. (Leipzig 1812) Seite 3 fif. in ihrer 
Blosse dargestellt ist. Gerade im Gegentheil hat es die alte 
Geographie mit viel wandelbareren Zuständen zu thun als die 
moderne. Jetzt stehen die Städte ziemlich fest und neue ent- 
stehen in unserm Welttheil nicht so häufig; im Alterthum ent- 
standen und verschwanden sie oft in raschem Wechsel ebenso 
wie die Staaten. • Die politische Geographie ist ihrer Natur nach 
eben stets historisch (s. oben S. 309). Wie es aber keine von 
der mathematischen getrennte physische Chronologie giebt, sogiebt 
es keine von der politischen getrennte historische Geographie. 

Ausser den Ländergrenzen und der Lage der Wohnplätze 
betrachtet die politische Geographie auch die inneren Ortsver- 
hältnisse der Länder (Chorographie) und der geschichtlich wichtigen 
Plätze (Topographie). Dies erfordert offenbar die genauesten Special- 
untersuchungen und es lässt sich hieraus der ungeheure Umfang 
der alten Geographie ermessen, die sich überdies nicht auf Italien 
und Griechenland beschränken kann, sondern den ganzen Schauplatz 
der griechischen und römischen Geschichte betrachten muss. 



9>'t2 'Aiifitor Ilaupttheil. S, Absclui. Besondere Alterthonulehre. 

niorftlHr. 1. Dio Quellen der alten Geographie aind unter den 
alton Schriftutolloni voraüglicb die Historiker und Geographen. Ueber letz- 
U'ti' lüniitn Borne rhuDgcn, Strabon hat ein geogiaphiaches System von 
i'iniir AiiHchanlichkeit, wie wir sie erst in neneBter Zeit wieder erreicht 
liitlx'n. V.T {liebt bestininite Bilder, entwirft die OrnndTerhältnisse in der 
(li'Ktalt dn Lhuder, der Form und dem Lanf der Gebirge und bestimmt 
iliuluroh wirklidi die Ueataltung der Erdoberfläche. Ptolemaeos enU^t 
i'i» ruichlialtigei Material, aber nur nomenklatoriach, weil es ihm nur darauf 
ankommt, die Poaitionon la bestimmen. Paueanias ist fdr Griechenland 
dip Hauntquellt', er ist aber Porii^t, nicht eigentlich Geograph. Von 
dor (imtaltnng der l.Under lehrt er eo Tiel als nichts, ja führt sogar in seinen 
tt(>aohniibungi>u, tiowohl in chorographischer als auch in topographischer Be- 
tichmiR leirlit iu die Irre. Die grOssten Schwierigkeiten fOr die Topogrk- 
)ihio von Atlien würden duKb seine Periegese gehoben werden, wenn die- 
M-IW nicht so unklar w&re, dass man oft nicht weiss, was rechts oder 
link« ist. t'nter den ßAmi>m ^'iud hauptsächlich Plinins in der Hütoria 
t»ntMt\dif und Pomponins Mela wichtig. 

Kin« liM>iind<<rp, entlegenere QueUe sind Beisebeschreibnngen aus dem 
AltPTthum. voTSiVlicb die npiitXoi, tod denen noch fiele Torhanden sind. 
IWt UtMlp ist der de« Skvlai, ungefUir ans der Zeit des Demostfaeoea 
Wirhii); sind auch die lateinischen Bei^bücber, die ans dem i, Jahrfann- 
d^it n. Ohr. i<>hallea sind: das Itittentriitm Aitlonitti vaA das /fmcniriiut 
^wofiiMfntjsr v>d«r HirrttsdtmUattmm ^Pil^reistrafae von Bnidigala in G»llien 
nai-h Jcnualvm. 9.1.1 n. Chr.V Sie grt^n die auf Vermesetu^n bmibeBden 
l^istaufon auf d«n IlaaptAnsaen d« rßuitchen Bache« an. Bekanntlich 
kaltfii die Alten ^hon «cit dem ion>d>chai Philosophen Anaximandros 
iTiv^rraiihifvhc Kartirn: doch konnlm dieselben w«^ii thnr mangelhaften 
Kf«ntni»iC in At* mathcmatüvhfn Gi>>^:n}ifaie nicht sehr Tollkommra aeüi. 
Vict>rl Rrinfannm. OMW-htchiif dtr Erxl- und I^ndeisbbildnngen d«r 
Altim. Ji^na IS.«>. Wir Kifäutv nar (.Vjw^ii von altrs Eaitm. näuUdi die 
^TM-hnui^ceii ta l'lt'lcmaci'» «.'•o.'i^iai^ic iu>d die 9«g. ul-ija I'tmtimjit- 
rni%A. \jtX*X*rf ii4 'inr K<-if«'^£n<-. u^.i ^iil^i den ^a^tea iti'it tcrranfM 
d«r K.'Mira- is ein«? An IV-jcviioc du-, ir. Üt- sua siti. ifiX hinanftodiren 
MiK» !>»* T,iik*»dM>f Kiyr.-.pUr ,«cf i3f-\Vi«iK Ho^£liliC'ü>ek> htsteht a«i$ 

ia»f> («atsw alM* Or^sal f^^cish. Mac hai die £an^ utA. uäm^n Titf-i»tii 
imf rfKtn'v pwaw«. ■««I «oai; g>yi*i:t<l hal. öaafWKsMc Itt^äoiist d-Gr. 
wMt m v rf f« Mft & h«3 xMfi^ dif jTF.'ttsa« w i> -s>f-w^T 'S fV rj.-; ökts Öe Tafel 

Sek afc» axif öra t«»nr Ar;j:i»n:f cwoa.-i'Wi V,ni,!«sM;c«L i^ciikt Die 
AwMTsW ia vnt Trsii Cir, t <;i*T>.: JVmh,^ 
~'ir<L IXhS IJ Bann; .n mc- lirfas» öw Oää- 
tec: $«)i«*^'t E'qpftna»-^!. öbc >v»n»g Iwc dk: A-tsc&M 



I. Oeffentliches Leben. 2. Geographie. 333 

Die Reiseberichte des Alterihnms sind zum grossen Theil gesammelt in dem 
Recueil des Itineraires anciens von Fortia d'Urban, Paris 1845. 
S. femer Letronne, M. und K. Müller, Geographi graeci minores. Paris 
1861. 3 Bände. 

Zur Ergänzung der alten Quellen dient, wie erwähnt, die Vergleichung 
des jetzigen Zustandes. Diesen muss man aus neuem Beschreibungen ken- 
nen lernen, wenn man nicht selbst durch Autopsie eine Anschauung ge- 
winnen kann. Schon im 15. Jahrhundert durchreisten Cyriacus von An- 
cona (1437) und der Architect Giambetti (1465) Griechenland um die 
Reste des Alterthums zu erforschen. Aber erst seit der Mitte des 16. Jahr- 
hunderts wurden ähnliche Versuche besonders durch Franzosen erneuert 
und erst seit der gemeinsamen Reise des Franzosen Spon und des Eng- 
länders Wh e 1er (1675 und 1C76) wurden die Forschungen in wissenschaft- 
lichem Sinne betrieben. Das Meiste haben in dieser Besiehung Engländer 
geleistet, besonders Stuart (1751 ff.), Chan dl er (1764), Edw. Dan. 
Clarke (1800 ff.), Edward Dodwell (1801), Gell (1801—1806), Leake 
(1802, 1805, 1808 ff.), Stanhope (1814), Walpole (1817 ff.). In unserm 
Jahrhunderte haben Reisende aus fast allen Nationen zur Aufhellung der 
Geographie Alt - Griechenlands beigetragen. Vorzüglich erwähnenswerth 
sind die Berichte über die französische Expedition scientifique de la MorSe 
und die Reisebeschreibungen von Pouqueville, Brönsted, Forch- 
hammer, Ross, Ulrichs, Prokescl^ v. Osten, Elenze, Fiedler, 
Brandis, Stephani, Le Bas und Waddington, Hettner, W. Vischer, 
Beul^, Wise, Conze, ünger, Heuzey, Barth, Welcker, [B. Stark], 
Vergl. über die Literatur: Kruse, Hellas. Band 1; Bernhard Stark 
im Philologus 1859; [Conze, Philologus 1867; Emile Isambert, Itin^- 
raiie deseriptif, historique et archeologique dt V Orient, 1. partie. 2. Aufl. 
Paris 1873.]. — Die philologische Durchforschung EHeinasiens beginnt 
mit der Reise Chandler's. Aber erst in unserm Jahrhundert ist dies 
Land völlig eröffnet; die grössten Verdienste um die Geographie dessel- 
ben haben ebenfalls die Engländer, besonders Leake, Arundell, Macdo- 
nald-Kinneir, Hamilton, Fellows, Newton. Mit den Engländern wett- 
eiferten die Franzosen; namentlich haben Texi er, Le Bas und W ad ding- 
ton bedeutende Eotdeckxmgen gemacht. Auch Deutsche trugen zur Aufhellung 
der Geographie Kleinasiens bei; so General Fischer, v. Vincke und der 
berühmte v. Moltke, die mehrere Landschaften im Innern zuerst genau 
aufgenommen haben, ferner Schönborn tmd Kiepert. Vergl. Kiepert, 
Karte von Kleinasien u. Memoire dazu. Berlin 1854; [Ernst Curtius, Bei- 
träge zur Gesch. und Topogr. Kleinasiens. Berlin. 1872 u. G. Hirschfeld in den 
Monatsber. der Borl. Akad. Februar 1875.]. — Aegypten ist zuerst von 
dem Franzosen BenoitdeMailliet (Description de VEgypte. Paris 1735) be- 
schrieben, aber erst seit der grossen Expedition Bonaparte' s, deren Resultate 
die unter Jomard's Leitung abgefasste Description de VEgypte. Paris 1809 
bis 30 enthält, gleichsam neu entdeckt worden. Ebenso ist die alte Geo- 
graphie des innern Asien ganz neu geschaffen und besonders durch die 
assyrischen Ausgrabungen bereit« zu den wichtigsten Ergebnissen gelangt. 
— Bei Rom und Italien, wo die üeberreste des Alterthums in so reicher 
Fülle vorhanden sind, und wo die antiken Namen sich zum grossen Theil 



I. Oeifentliches Leben. 2. Geographie. 335 

Alte Geographie beleuchtet durch Geschichte, Sitten, Sagen der Völker und 
mit vergleichenden Beziehungen auf die neuere Länder- und Völkerkunde. 
Zuf Belehrung und Unterhaltung für Leeer aus allen Ständen und zum 
Gebrauch für höhere Lehranstalten. Nebst einem Anhang: Uebersetzung 
der Geographie des Ptolemäos. Stuttgart 1838. 184a. 2 Thle. 

Vergleichende Geographie: Meletiös (Erzbischof von Athen t 1714), 
r€UJTpaq){a iraXaid KdX v^a, 1682 geschrieben, 1728 in Venedig inFol. herausgege- 
ben; 2. Ausg. 1807. 4 Bde. 8. Sehr interessant. — Mentelle, Geographie 
camparee, ou analyse de Ja geographie ancienne et moderne. 1781. 7 Bände. 

— Letronne, Caurs elemefUaire de geographie ancienne et moderne. 16. Ausg. 
Paris 1832. Deutsch von Baumstark. Freiburg 1833. — Volger, Ver- 
gleichende Darstellung der alten, mittlem und neuern Geographie. Han- 
nover 1837. — Es ist zu bedauern, dass Carl Ritt er 's allgemeine ver- 
gleichende Geographie nicht vollendet worden ist. (19. Theil. Eleinasien 
Bd. II. Berlin 1859). Für die alte Geographie von Asien und Afrika ist 
dies Werk, das keines Lobes bedarf, eine reiche Fundgrube. 

Geograph. Wörterbüclier : Funke, Wörterbuch der alten Erdbeschrei- 
bung. Weimar 1800. — DufanetGuadet, Dictionnaire universel abrege 
cle geographie ancienne comparee. Paris 1820. Deutsch Weimar 1821. 2 Bde. 

— Masselin, Dictionnaire universel des geographies physique, historique 
et poUtique du monde ancien, du moyen dge et des temps modernes, compa- 
rees. Paris 1827. 2 Bde. — Bischoff und Möller, Vergleichendes Wörterbuch 
der alten, mittleren und neueren Geographie. Gotha 1829. — Joh. Wilh. 
Müller, I^xicofi geographicum. Leipzig 1831. — William Smith, Dictio- 
nary of Greek and Roman Geography, illustrated by numerous engravings on 
n-ood, London 1854—57. 2 Bde. 

Monogrraplileii ttber einzelne Länder: Cluverus, Germania. Lei- 
den 1616. 4.; VifideUcia et Noricum. Leiden 1616. 4.; Sicüia, Sardinia 
etCorsica. Leiden 1619.; Italia antiqua (nach dem Tode des Verf. von Dan. 
Heinsiusherausgeg.) Leiden 1624. 2Bde.fol. Vorzügliche Leistungen. — Pal- 
mer ius, Graeciae antiquae descriptio. Leiden 1678. 4. — Kruse, Hellas. 
Leipzig 1825. 3 Bde. — Gramer, A geographica! and historical description 
of ancient Greece. Oxford 1828. 3 Bde. — Bobrik, Griechenland in alt- 
geographischer Beziehung. Leipzig 1842. — Fiedler, Geographie und Ge- 
schichte Alt-Griechenlands und seiner Colonien. Leipzig 1843. — J. H. 
Krause, Altgriechenland inErsch und Gruber's Encyklop. 1862. — Conr. 
Bursian, Geographie von Griechenland. Leipzig 1862—72. 2 Bde. Vortreff- 
lich. — Ottfried Müller, Geschichten Hell. Stämme und Städte. Mit illu- 
strirten Karten des Peloponnes und zum nördlichen Griechenland. Breslau 
1820-24. — Ernst Curtius, Peloponnesos. Gotha 1851—52. 2 Bde. — 
Rennell, A treatise on the comparative geography of Western Asia, 
accompanied with an aüas of maps. London 1831. 2 Bde. Eine vorzügliche 
Leistung. — Heinr. Brugsch, Geographie des alten Aegypten. Leipzig 
1857—60. 3 Bde. — G. Parthey, Zur Erdkunde des alten Aegypten. Ab- 
handl. der Berliner Akademie der Wissenschaften. 1858. (Mit guten Karten.). 

Topographie« Die Literatur findet man in den angefflhrten allge* 
meineren Werken. Ich gehe nur auf die Topographie von Athen und Rom 



I. OeffenÜiches Leben. 2. Geograpbie. 337 

die Alpeo, aus dem Englischen. Berlin 1830. Eingehend ist der Gegenstand 
später von Chappuis untersucht, dessen Schriften in Fleckeisen's 
Jahrbüchern 1865. S. 567 ff. von Heinr. Weil besprochen sind. — Eine 
Geographie einzelner Schriftsteller, wie sie Poppo zum Thukydides (in 
den Prolegomena seiner Ausgabe. Leipzig 1823) ausgeführt hat, kann 
nur den Zweck haben den politisch-geographischen Zustand in der betref- 
fenden Zeit darzulegen, ist aber meist unnöthig; jedenfalls wird sie bei 
weitem nicht den Werth der ähnlichen Specialarbeiten in der Chronologie 
haben (s. oben S. 327). 

Karten: d'Anville, Atlas antiquus. Paris 1768 in 12 Blättern, 1784 
in Nürnberg nachgestochen. Diese Karten sind grundlegend für alle späte- 
ren Leistungen gewesen; die von Guill. de Lisle, übertreffen sie in 
Einzelheiten, stehen ihnen aber im Ganzen nach. — Xdpra tt^c 'GXXdboc,- 
Wien 1797 in 12 grossen Platten, herausgegeben von dem Thessalier 
Rhega, gestochen von Franz Müller, der sie 1800 in kleinerem For- 
mat mit Anthemios Gaza herausgab, nachdem Rhega von den Türken 
hingerichtet war, welche in dieser Publication einen Verrath der Staats- 
geheimnisse sahen. Das Werk ist als erste grosse Specialkarte von Hel- 
las erwähnenswerth, übrigens aber eine sehr unvollkommene Leistung. 
Genaue Specialkarten von den Ländern der alten Welt sind in den Reise- 
beschreibungen und in vielen Monographien enthalten. — Barbier du 
Bocage (Schüler d'Anville's), Corte de la Mor4e. 1807. Ein Meisterwerk. — 
Gell, Carta della Grecia antica. Rom 1810. — Fried r. Kruse, General- 
Karte vom alten Griechenland. Leipzig 1833. -- Chr. Theoph. Reichard, 
Orbts terrarum antiquus cum thesauro topographico conthiente indices tabula- 
rum geogr.-topographicos eosdetnque criticos. Nürnberg 1824. Unkritisch. — 
Chr. Theoph. Reichard, Orbis terrarum antiquus in usum iuventutis de- 
scriptus (1838). 6. Aufl. von Alb. Forbiger. Nürnberg 1861. — Spruner, 
'Atlas antiquus. 3. Aufl. von Theod. Menke. Gotha 1865. — Bei weitem 
das Beste hat Kiepert geliefert. Seine Karten sind mit der grössten Ge- 
nauigkeit und allseitiger Kenntniss ausgeführt:*) Atlas von Hellas und den 
hellenischen Colonien. Berlin 1841—46. [3. Aufl. 1868 — 71]; Historisch- 
geographischer Atlas der alten Welt, zum Schulgebr. bearbeitet. 15. Aufl. 
1864; Atlas antiquus. 12 Karten zur alten Geschichte. [5. Aufl. 1869, neue 
Ausg. 1876]; Wandkarte der alten Welt für die Zeit des persischen und 
makedonischen Reichs. 1853 [Berlin 1875]; Wandkarte von Alt-Griechen- 
land in 9 Blättern 1860 [3. Aufl. Berlin 1875]; Wandkarte des römischen 
Reichs in 12 Blättern 1852, [in -9 Blättern. Berlin 1869.]; [Wandkarte von 
Alt-Italien in 6 Bl. Berlin 1874.] 

§. 46. Das Studium der alten Geographie kann man nicht bloss ge- 
legentlich bei der Behandlung der alten Schriftsteller betreiben. Es ist 
zwar nothwendig, dass man sich bei Autoren, die eine besondere Geogra- 
phie haben, wie Homer, Hesiod, Herodot, Aeschylos, diese zur kla- 
ren Vorstellung gestaltet; aber hierbei muss man die wirkliche objective 



*) Vergl. die Rede zur Begrüssung Kieperts als neu eingetretenen 
Mitgliedes der Prcussischen Akademie der Wissenschaften. 1854. Kl. Sehr. 
II, S. 433 ff. • 

Böckh'8 Encyklop&die d. philolog. Wiueniohaft. 22 



'■I 



338 Zweiter Haupttheil. 2. Abschnitt. Besondere Alterthumslehre. 

Geographie als Maassstab anwenden. Von den meisten alten SchrifteteUem 
werden femer die Thatsachen der objectiven Geographie als bekannt vor- 
ausgesetzt. Man könnte nun die alten geographischen Werke dem Stadium 
zu Grunde legen; Passow hat z. B. vorgeschlagen dasselbe zuerst an die 
poetische Periegese des Dionysios anzuknüpfen. Aber auch dieser Weg 
führt nicht weit, weil die objective Geographie durch Combination aller 
Notizen sowohl der alten Geographen als der anderen Quellen gewonnen 
wird. Es ist also rathsam, dass man von den umfassenden Vorarbeiten der 
Neueren ausgeht und erst auf Grund derselben in die Quellen eindringt. 
Selbständige Combinationen sind auf diesem Gebiete meist sehr schwierig, 
da sie eine genaue Ortsanschauung voraussetzen. Die Hauptsache ist, durch 
das Studium guter Karten den Localsinn zu wecken, mittelst dessen man 
' die geographischen Verhältnisse fixireu muss. Eine klare Einsicht in 
diese Verhältnisse würde man auch nicht erlangen, wenn man die Geogra- 
phie nur beim Studium der Geschichte betreiben wollte. Dagegen liegt 
es in der Natur der Sache, dass man beständig auf die Geschichte zurück- 
gehen muss (s. oben S. 331); durch diese Verbindung wird zugleich das 
Gedächtniss wesentlich unterstützt. Aber man soll auch bei der Geogtaphie 
nicht gelegentlich Geschichte lernen oder lehren wollen. Es ist daher ver- 
kehrt in die Darstellung der Geographie historische Excurse einzüflechten 
wie dies z. 6. Kruse thut; die Geographie ist auch an sich ohne fremd- 
artige Beimischungen interessant genug.*) 

3. Politische Geschichte. 

§. 47. Die Theorie der Geschichtsforschung oder die Hi- 
storik hat die Idee und den Zweck der Geschichte und das 
Wesen der historischen Kunst in Bezug auf die Methode und 
Darstellung zu erörtern. Soll eine solche Theorie das Organon 
der Geschichte im weitesten Sinne sein, so fallt sie mit dem 
formalen Theil der philologischen W^issenschaft zusammen (s. oben 
S. 10 f. 207 f.). [Vergl. Droysen, Grundriss der Historik, Leip- 
zig 1867. 2. Aufl. 1875.J Gewöhnlich wird aber die Historik 
als Theorie der Geschichte im engem Sinne, d. h. der politischen 
Geschichte gefasst. S. Wachsmuth, Entwurf einer Theorie 
der Geschichte. Halle 1820 (Vergl. oben S. 257). Manche be- 
BchriLnken femer die Aufgabe derselben dahin, dass sie nur die 
Gesetze der historischen Darstellung erforschen soll. So z. B. 
Oeryinus in seinen Grundzügen der Historik. Leipzig 1837, 
einem geistreichen Buch, das aber mehr Schein als Wahrheit ent- 
halt. Die Historik in dieser Bedeutung ist ein Theil der Stilistik 
(s, oben S. 242) und kommt daher bei einer Theorie der ge- 

*) Zur Geographie: Ueber Sarmatien, Corp. Inscr. II, S. 80—107. — 
Ueber Tees. C. I. II, 627 f. — Kritik von Brönsted's Reisen und ünter- 
raohiingen in Griechenland. Kl. Sehr. VII, S. 329—368. 



I. Oeffentliches Leben. 3. Politische Geschichte. 339 

schieb tlichen Wissenschaft nur subsidiarisch in Betracht 
Vergl. Wilh. v. Humboldt, Ueber die Aufgabe des Geschichts- 
schreibers. Berlin 1822. (Gesammelte Werke Bd. I). Hier kön- 
nen bloss die allgemeinsten Grundzüge der wissenschaftlichen 
Theorie, soweit sie nicht bereits im formalen Theil enthalten ist, 
und mit Beschränkung auf das klassische Alterthum gegeben 
werden. 

Ich habe oben (S. 260) die Aufgabe der Philosophie der 
Geschichte in Bezug auf die politische Geschichte bezeichnet. 
Die Philosophie soll die geschichtlichen Ereignisse an der ewigen 
Norm des Sittlichguten messen und so in den Thaten und 
Schicksalen der Völker die leitenden Ideen, den Gang der Vor- 
sehung begriffsmässig erfassen. Es ist dies eine Speculation über 
die Geschichte, welcher die Ergründung des Thatsächlichen vor- 
ausgehen muss. Will dagegen die Philosophie die Thatsachen 
selbst a priori construiren, so wird sie phantastisch und die 
geistvollsten Denker können auf diesem Wege aus Mangel an 
Kritik und gesicherten Kenntnissen der absoluten Narrheit ver- 
fallen. Wie weit die Verwirrung gehen kann, hat Görres in 
seinen zu München gehaltenen Vorträgen „über die Grundlage, 
Gliederung und Zeitenfolge der Weltgeschichte" (Breslau 1830) 
gezeigt, die Hegel (Werke Bd. XVII) vortreflFlich kritisirt hat. 
So könnte etwa ein Jacob Böhme oder Swedenborg Ge- 
schichte schreiben. 

Von der Philosophie der Geschichte unterscheidet sich die 
philosophische Geschichte, d. h. eine von einem philosophischen 
Standpunkte aus durchgeführte Geschichte; sie gehört zum Ge- 
biet der Philologie, obgleich letztere darin die engste Verbindung 
mit der Philosophie eingeht. In solcher Weise hat z. B. Ferd. 
Müller die gesammte Geschichte des Alterthums behandelt in 
seinem Buche „Ueber den Organismus und den Entwickelungs- 
gang der politischen Ideen im Alterthum oder die alte Geschichte 
vom Standpunkt der Philosophie" (nämlich der Hegeischen). 
Berlin 1839. Die Tendenz dieser Schrift ist nicht zu tadeln; es 
wird das ideelle Endresultat, der ideelle Inhalt der Thaten nach 
der Richtschnur eines philosophischen Systems gesucht. Die 
Philologie muss aber die Grimdlagen für die Speculation auf 
streng historischem Wege schaffen. Es herrschen in der ge- 
schichtlichen Entwickelung Gesetze, die den Naturgesetzen analog 

sind; sie treten in die Erscheinung und werden durch Kritik 

22* 



I. Oeffentliches Leben. 3. Politische Geschichte. 341 

« 

nicht, wie der Name oft aufgefasst wird, in der Aufdeckung 
des ursächlichen Zusammenhanges ; sondern darin^ dass die 
Erzählung einem bestimmten Lehrzweck dient, welcher je 
nach den Umständen sittlich, allgemein politisch, militärisch etc. 
sein kann; die Geschichte soll für das Leben und die Geschäfte 
(TTpOLYMaxa) nutzbar gemacht werden. Natürlich ist es hierzu 
nöthig, dass man in den Ereignissen den Zusammenhang von 
Ursache und Wirkung erkennt, da sich die Beurtheilung nur auf 
diese Einsicht stützen kann. Neben der pragmatischen Darstel- 
lung, deren erstes grosses Muster Polybios ist, bildete sich im 
Alterthum seit Aristoteles die gelehrte Behandlung der Ge- 
schichte aus, welche von der philosophischen Prosa die Form der 
wissenschaftlichen Erörterung und Abhandlung annahm. Wir 
sind für die schwierige Detailforschung in der alten Geschichte 
hauptsächlich auf diese Form angewiesen, obgleich die geschicht- 
lichen Abhandlungen doch nur den Stoff für die eigentUche Ge- 
schichtsdarstellung vorbereiten. Die pragmatische Form ist in 
den neueren Bearbeitungen der alten Geschichte vielfach zu einem 
ganz unhistorischen Raisonnement ausgeartet; sie ist nur be- 
rechtigt als der Ausdruck einer immanenten Kritik der That- 
sachen, ohne welche allerdings die Geschichte nicht wissenschaft- 
lich ergründet werden kann (Vergl. oben S. 248 f.). Die Rein- 
heit der antiken Kunstform in der erzählenden Darstellung kön- 
nen wir nicht festhalten, wenn nicht nur die Verkettung der 
Thatsachen, sondern auch die phychologischen Motive der Hand- 
lungen und die Gesetze der Entwicklung dargestellt werden 
sollen. Dies ist nicht möglich, ohne dass pragmatische und ge- 
lehrte Erörterungen eingeflochten werden, die jedoch so gehalten 
werden müssen, dass die Anschaulichkeit der Erzählung nicht 
darunter leidet. Unsere geistigere Darstellung der Geschichte ist 
indess noch weit entfernt von der Vollendung, welche die antike 
mehr das Aeussere ergreifende Geschichtsschreibung in ihrer Art 
erreicht hat. 

Man wird die Geschichte des klassischen Alterthums nur 
dann vom richtigen Standpunkte aus betrachten, wenn man ihren 
historischen Werth richtig würdigt. Man hat ihr nicht selten 
im Verhältniss zur neueren Geschichte eine sehr geringe Bedeu- 
tung zugeschrieben; manche halten sie der grossartigen politi- 
schen Entwickelung der Gegenwart gegenüber für antiquirt. 
Wie ungerechtfertigt dies ist, ergiebt sich aus folgenden Erwä- 



I. Oeö'entliches Leben. 3. Politische Oesohichte. 343 

sonst müsste man dem alten Schlözer Recht geben ^ dem 
das kleine Athen weniger galt als das grosse Russland, üebri- 
gens sind auch in der makedonigchen und römischen Ge- 
schichte gewaltige Massen wirksam; aber das wahrhaft histo- 
rische Element ist der Geist, der die Massen bewältigt, und ge- 
rade die Bjraft des Geistes tritt in den engem Schranken der 
alten Geschichte ihrer ganzen Wirksamkeit nach viel gewaltiger 
hervor als zu irgend einer andern Zeit. Die griechische und 
römische Geschichte ist nicht bloss Regenten- sondern Volks- 
geschichte, was von einem geringen Theil der neuem gilt. 
Wenn sich eine Geschichte nur auf dynastische Interessen be- 
zieht, verliert sie ihren Geist. Eine solche Geschichte steht im 
Alterthum im schärfsten Contrast neben der griechischen, näm- 
lich die des Orients und Aegyptens, wo Jahrtausende nur an 
Regentennamen geknüpft sind. Die klassischen Nationen sind 
durch die Energie des Volkes und seiner grossen Männer, die 
mit Wenigem Viel wirkte, durch die natürliche Kühnheit und 
Hochherzigkeit der Politik und die feste Abgeschlossenheit aller 
Handlungen ein Vorbild für alle Zeiten. 

Literatur. 1« Quellen. Die Geschichts werke des Alterthmns ergeben 
keinen vollen Zusammenhang der alten Geschichte, weil die Alten keine 
umfassende Universalgeschichte geschaffen haben (s. oben S. 280) und 
ausserdem so viele hochwichtige Werke verloren gegangen sind, dass wir 
über einzelne Zeiträume ganz unvollkommen unterrichtet sind. Wie un- 
klar ist z. B. selbst die Zeit des Demosthenes! Die Lücken der alten 
Geschieh tsdarstelluhgen müssen daher durch Combination aus der gesamm- 
ten Literatur und den sonstigen Denkmälern und üeberresten des Alterthums 
nach Möglichkeit ausgefüllt werden. Hierbei muss man aber vor Allem den 
Andeutungen der alten Historiker nachgehen und sich durch ein tieferes Einleben 
in ihre Darstellung den wahren geschichtlichen Sinn für das Leben des Alter- 
thums aneignen. Einige behaupten zwar, die Alten hätten sich selbst nicht ver- 
standen ; doch dies ist eine lächerliche Selbstüberhebung der Neuzeit. Eine 
tüchtige Geschichtsforschung ist nur auf Grund eingehenden Details mög- . 
lieh; dies haben aber die alten Historiker hauptsächlich im Auge ohne sich 
doch in das Unwesentliche zu verlieren oder — wie die Neuem oft thun 
— alles durcheinander zu wirren. Die Alten sind vermöge ihrer Objectivi- 
tät für die Geschichte besonders befähigt und selbst die fingirten Reden, 
welche einige Geschichtsschreiber den geschichtlichen Personen in den 
Mund legen, sind nicht so unhistorisch w^ie das Raisonnement vieler Neuern. 
Die Rede war im Alterthum das Mittel der Staatenlenkung und also die 
eigenste Form der politischen Reflexion; daher entspricht es der Ob- 
jectivität der alten Geschichtsschreibung, wenn der Schriftsteller seine An- 
sicht über die Motive der handelnden Personen durch die Reden der letz- 
tem ausdrückt. Nur in einem Punkte muss man bei der Erforschung des 



344 Zweiter Haupttheil. 2. AbschD. Besondere AlterthnmBlehre. 

Thatsächlichen über die Alien hinausgehen, nämlich in Betreff der älteeioA 
Geschichte; denn hier haben jene die Lücken ihrer Eenntniss durch Baison- 
nement ausgefällt. In dem Mythos werden allgemeine Gedanken zu Per- 
sonen verdichtet; dabei knüpft^ die Sage allerdings an faktische Verhält- 
nisse an und indem man diesen Spuren nachgeht und aus den Resten der 
Ureinrichtungen , die gleichsam der spätem Formation der Geschichte ein- 
gewachsen sind, Schlüsse zieht, kann man einzelne Blicke in die Ur- 
geschichte thun, muss sich aber hüten pragmatisch ein in sich überein- 
stimmendes Ganzes herstellen zu wollen, wozu die Tradition bei weitem 
nicht ausreicht. Etwa seit den Perserkriegen finden wir ausgebildete poli- 
tische Verhältnisse, die von hervorragenden Geistern geschichtlich aof- 
gefasst sind. Von da ab kann man pragmatisch verfeihren; die inneren 
bewegenden Principien sind allerdings durch Combination zu ermitteln, da 
die alteu Historiker in dieser Hinsicht nicht vorgearbeitet haben; aber man 
findet doch durch Vertiefung in ihre Werke erst den antiken Standpunkt 
und sichert sich so vor der Gefahr durch Hineintragung modemer Ideen 
aus der Geschichte ein scholastisches System zu machen. Bei den Griechen 
geben uns zunächst Herodot, Thukydides und Xenophon eine hGchst 
anschauliche Darstellung der Ereignisse von den Perserkriegen bis znr 
Schlacht bei Mantinea; Herodot hat ausserdem Vieles aus der früheren 
Zeit erhalten. In der historischen Kritik ist Thukydides der vorzüg- 
lichste; Herodot hat eine episch-mythische Färbung; Xenophon be- 
schränkt sich bloss auf seine Zeit und betrachtet die Ereignisse nicht wie 
Thukydides mit umfassendem politischem Blick, sondern nach einseitigen 
strategischen und ethischen Gesichtspimkten. Die Gfeschichte der spätem 
Zeit muss man dann aus den Darstellungen einzelner Zeiträume bei Dio- 
dor, Plutarch, Arrian, Polybios, aus den zahlreichen Fragmenten von 
Historikern, wie Theopomp, Ephoros, Timaeos, Philochoros u. 8. w. 
und den historischen Notizen anderer Schriftsteller, besonders der Redner 
zusammensetzen. Für die römische Geschichte sind wir günstiger gestellt. 
Zunächst giebt Livius eine zusammenhangende Darstellung der Ereignisse 
von Anfang an, freilich mit geringer Kritik. Femer bilden eine Reihe von 
Historikern einen vollständigen Cyklus, nämlich Polybios, Dionysios, 
Plutarch, Appian, Dio Cassius, Sallust, Caesar, Cicero, Vel- 
leius, Tacitus, Sueton, die Scriptores historiae AugustaCy Herodian, 
Ammianus Marcellinus, Zosimus und Zonaras. Vergl. K. Müller, 
fragmentahistoricorum Graecorum. Paris 1841 — 70. 5 Bde. — [Herrn. Peter, 
Historicorutn rofnmiorum reliquiae. Leipzig 1870 Bd. I. — Arnold Schä- 
fer, Abriss der Quellenkunde der griechischen Geschichte. Leipzig 1873. — 
K, W. Nitzsch, die römische Annalistik bis aufValerius Antias. Berlin 
1878. — H. Peter, Die Quellen Plutarch's in den Biographien der Römer. 
Halle 1865]. 

2. Neuere Bearbeitungen. Die Geschichte der Griechen und Römer 
Igt entweder getrennt als Specialgeschichte oder universalhistorisch als 
Theil der Gesammtgeschichte des Alterthums dargestellt; die beiden Ex- 
tcwne der Darstellung sind Tabellen und Monographien. Die Tabellen sind 
tummariach; sie sind nothwendig um Ordnung und Uebersicht in das 
IflBgün und eigentlich auf die politische Geschichte beschränkte 




I. OeffeDtliches Leben. 3. Politische Gescliichte. 345 

Chroniken. Ausser der oben (S. 326) angegebenen Literatur gehören hier- 
her die synchronistischen oder ethnographischen Tabellen der Univeraal- 
geschichte. Die Monographien beziehen sich auf einzelne Staaten, Zeit- 
räume, Ereignisse oder auf das Leben einzelner historischer Personen. 
Sie werden entweder mit Rücksicht auf die ganze Geschichte, oder 
ausser allem Conez mit dieser ausgeführt. Letzteres ist verwerflich, ob- 
gleich auch nicht zu viel Universalhistorisches hineingestopft werden, son- 
dern das Allgemeine nur soweit berücksichtigt werden darf, als dadurch 
wirklich das Einzelne aufgehellt wird. 

a. Tabellen der UniTersalgeschichte: Gatterer^ Synopsis histo- 
riae universalis. Göttingen 1766, 6 Tafeln fol. Höchst gelehrt. — Fulda, 
Karte der Weltgeschichte. Basel 1783, 12 Tafeln fol. — Rem er. Tabella- 
rische Uebersicht der allgemeinen Weltgeschichte. Braunschweig 1781 u. ö. — 
Hübler, Synchroniatische Tabellen der Völkergeschichte. Freiberg 1802 foL 

— Strass, der Strom der Zeiten oder bildliche Darstellung der Welt- 
geschichte in einem Kupfer auf 2Vjj Bogen fol. nebst Erläuterungen. Berlin 
1802, 3. Aufl. 1828. Künstliche Spielerei. — Chr. Kruse, Tabellen zur Ueber- 
sicht der Geschichte aller europäischen Länder. Halle 1818. 6. Aufl. 1840. 

— Bredow, Weltgeschichte in Tabellen. Altonal801, 5. Aufl. von Man so be- 
sorgt. 1821. Die Auswahl des Stoffes ist oft nach subjectiver Vorliebe getrof- 
fen. — Kurts, Geschichtstabellen. Leipzig 1860. [2. Aufl. 1875|. 25 Tafeln 
fol. — Ausserdem viele ähnliche Werke für den Schulgebrauch. 

b. UniversalhiHtorische Darstellnng der alten Geschichte: Guth- 
rie und Gray, Allgemeine Weltgeschichte, aus dem EngL übersetzt von 
Heyne u. A. 1765 ff". 17 Bde. Trotz des kolossalen Umfanges für das Alter- 
thum ohne Werth. — Beck, Anleitung zur Kenntniss der allgemeinen 
Welt- und Völkergeschichte. Leipzig 1787 ff. 2. Ausg. 1813 <Bd. I und II 
alte Geschichte). Enthält viel Detail aber ohne bedeutenden historischen 
Standpunkt. — (Jatterer, Versuch einer Weltgeschichte bis zur Ent- 
deckung von Amerika. (Jöttingen 17^2. Mit Unrecht in Vergessenheit ge- 
rathen; wichtig für das Alterthum; kurz, aber vortrefflich. — Bredow, 
Handbuch der alten GcKchichte, Geo^rapliie und Chronologie. Altona 1799. 
3. Aufl. von Kunisch und Ottfr. Müller. 1816. 6. Ausg. 1837. Enthält 
gute Uebersichten. — Heeren, Handbuch der Geschichte der Staaten 
des Alterthums. Göttingen 1799. 5. Aufl. 1828. Enthält zu wenig Facta 
imd ist nicht kritisch genug. — Becker, Weltgeschichte. Berlin 1801—5, 
[8. Aufl. bearbeitet von Adolf Schmidt. Leipzig 1869]. — Johann 
V. Müller, 24 Bücher der allgemeinen Geschichte. Stuttgart 1810. 2 Thle. 
oft abgedruckt. Interessant, enthält aber nur allgemeine Ansichten. — 
Schlosser, Weltgeschichte. Frankfurt a. M. 1815 ff. 1. Band das Alter- 
thum. Derselbe, Uni versalhistorische Uebersicht der Geschichte der alten 
Welt und ihrer Kultur. Frankfurt 1826—34. 3 Theile. Sehr reichhaltig, 
aber nicht immer zuverlässig. — Luden, Allgemeine Geschichte der 
Völker und Staaten. 1. Theil das Alterthum. Jena 1815. 3. Ausgabe 
1824. Für die alte Geschichte unbedeutend. — Fr. v. Räumer, Vor- 
lesungen über die alte Geschichte. Leipzig 1821. 2 Theile. 3. verbes- 
serte und vermehrte Auflage 1861. — v. Rotteck, Allgemeine Ge- 
schichte. Freiburg 1813-18, 6 Bde. 25. Aufl. Braunschweig 1866/67. — 



I. Oeffentliches Leben. 3. Politische Geschichte. 347 

eisen, Geschichte Griechenlands vom Anfang geschichtlicher Kunde bis 
auf unsere Tage. Leipzig 1832. 1. Theil das Alterthum und die mittleren 
Zeiten bis Roger's Heereszug von Sicilien nach Griechenland. Giebt gute 
allgemeine Ansichten über die alte Geschichte, und ist besonders brauchbar 
• für die späteste Zeit. — C. L. Roth, Griechische Geschichte. Nürnberg 
1839 f. 2. A. 1850. — Thirlwall, History of Greece. London 1835— 62, 
bis zum Tode des Kallisthenes. 2. verm. Ausg. London 1855. 6 Bände. — 
George Grote, History of Greece from ihe earliest period io ihe dose of 
the gefieration contemporary tcüh Alexander the Great. London 1846 — 56. 
[4. Ausgabe 1872]. Deutsch von Meissner und Höpfner. Leipzig 1850— 
69. 6 Bände. Vorzüglich. — Kortüm, Geschichte Griechenlands. Heidel- 
berg 1854. 3 Bände. Geistreich und gut gearbeitet. — Ernst Curtius, 
Griechische Geschichte. 1857 — 1867. L**- Aufl. 1874.] 3 Bände. Gründ- 
liche Darstellung in schöner idealer Form.*) — Leonh. Schmitz, Ge- 
schichte Griechenlands von den ältesten Zeiten bis zur Zerstörung von 
Korinth. Leipzig 1859. — Fridegar Mone, Geschichte Griechenlands. 

1. Band: System der Entwickelungsgesetze der Gesellschaft, der Volks- 
wirthschaft, des Staats und der Cultur des griechischen Volks. Berlin 1860. 
Ganz toll, bei aller scheinbaren Reichhaltigkeit höchst unzuverlässig, will- 
kürlich, angefüllt mit Dingen, die ganz aus der Luft gegriften sind. Der 
Verf. glaubt den Stein der Weisen gefunden zu haben; vor ihm hat es 
keine Geschichte gegeben ausser etwa Bernhardy's Literaturgeschichte 
und Leo' 8 Universalgeschichte; Lasaulz ist sein Idol. — Duruy, 1/t- 
stoire de la Grtce ancienne. Paris 1861. [1867.] Ein nicht geringfügiges Buch; 
eigene UnterBuchungen scheint es jedoch nicht zu enthalten. — Hertz- 
berg, Geschichte Griechenlands von der Urzeit bis zum Beginn des Mittel- 
alters. In Ersch u. Gruber's Encyklopädie. 1862. — Osk. Jäger, Ge- 
schichte der Griechen. Gütersloh 1866 [2. A. 1874]. — [Stoll, Ge- 
schichte der Griechen bis zur Unterwerfung unter Rom. Hannover 1868. 

2. A. 1871. 2 Bände.] 

Monographien über einzelne Zeiträume: Ciavier, Histoire des 
Premiers temps de la Grece depuis Jnachus jusqu* ä la chüte des Pisistrati- 
des. Paris 1809 2 Bände. Sehr abergläubisch. — Hü 11 mann, Anfänge 
der griechischen Geschichte. Königsberg 1814. — Oncken, Athen und 
Hellas. 1. Theil: Kimon. Ephialtes. Leipzig 1865; 2. Theil: Perikles. 
Kleon. Thukydides. Leipzig 1866. — [Filleul, Histoire du siicle de Peri- 
cUs. Paris 1873; deutsch von Döhler. 2 Bände. Leipzig 1874. 75] — 
Scheibe, die oligarchische Umwälzung zu Athen zu Ende des peloponnesi- 
scheu Krieges und das Archontat des Eukleides. Leipzig 1841. — Sievers, 
Geschieht« Griechenlands vom Ende des peloponnesischen Krieges bis zur 
Schlacht bei Mantinea. Kiel 1840. — K. H. Lachmann, Geschichte 
Griechenlands vom Ende des peloponnesischen Krieges bis zum Regierungs- 
antritt Alexander's d. Gr. Leipzig 1840. — Boehnecke, Forschungen auf 
dem Gebiete der attischen Redner und der Geschichte ihrer Zeit. 1. Band. 



*) Vergl. die Rede z"r Begrüssung E. Curtius' als neu eingetretenen 
yiitgliedes der Preugyischen Akademie der Wissenschaften. 1853, Kl. Sehr. 
l S. 413 tf. 



I. Oeffentliches Leben. 3. PolitdBche Geschichte. 349 

deutsch von Beck. 1784 — 86. 3 Blinde. Bei weitem vorzüglicher als 
Goldtmith. — Gibbon, History of decline and fall of roman empire. Lon- 
don 1776—88. 6 Bände. 4., oft übersetzt, zuletzt von Sporchil. 2. Aufl. 
1840. Das Werk beginnt mit den Antoninen; abgesehen von der Anti- 
pathie des Verfassers gegen das Christenthum ist es vortrefflich; genau, 
gründlich und gedankenvoll. — Levesque, Hi9toire critique de la repih 
blique romaine. Paris 1807. 3 Bände, deutsch von Braun 1809. Der Verf. 
verfolgt den von Be auf ort eingeschlagenen Weg, geht aber nebenbei da- 
rauf aus das Napoleonische Zeitalter über das der römischen Republik zu 
erheben. — Niebuhr, Römische Geschichte. Berlin 1811. 2 Bände. 

2. umgestalt. Ausg. Berlin 1. Band 1827, 2. Band 1830, 3. Band nach dem 
Tode des Verf. herausgegeben von C lassen 1832. (Von der frühesten Zeit 
bis zum Kampf mit Karthago; der letzte Band steht vielfach im Wider- 
spruch mit den früheren, da Niebuhr seine Ansichten oft änderte), 

3. berichtigte Ausgabe 1853 in einem Band [neue Ausgabe von Isler 
1874]; Vorlesungen über römische Geschichte zuerst von Niebuhr 's Schü- 
ler Leonh. Schmitz, englisch imter dem Titel: Ledurcs on the hi- 
story of Rome [4. Ausgabe 1873] ins Deutsche übersetzt von Zeiss 1844. 
45. 2 Bände, femer deutsch unter dem Titel: „Vorträge über römische 
Geschichte" von Isler. Berlin 1846—48. 3 Bände; Kleine historische und 
philologische Schriften 1. Band 1828, 2. Band 1843. Niebuhr's For- 
schungen waren epochemachend durch ihre tief einschneidende Kritik; 
seine Darstellung der Geschichte ist geistreich und edel, voll tiefer Blicke 
in die römischen Staatsverhältnisse. Aber im Einzelnen ist vieles unhalt- 
bar; er ist in der Kritik zu weit gegangen und hat an die Stelle der my- 
thischen Erdichtungen eigene Fictionen gesetzt; Hegel hat nicht mit Un- 
recht behauptet, dass sein Verfahren oft willkürlich sei. — Wachsmuth, 
die ältere Geschichte des römischen Staates mit Rücksicht auf die letzte 
Bearbeitung. Halle 1819. Stellt Niebuhr gegenüber eine gemässigtere An- 
sicht auf. — Arnold, History of E<me. London 1820 6. Aufl. 1840—60. 

3 Bände. Folgt Niebuhr. — Franz Fiedler, Geschichte des römischen 
Volks und Staats. Leipzig 1821. 3. Aufl. 1839. Ein gutes Handbuch. 
[Derselbe, Geschichte der Römer. 2. Auflage Leipzig 1873.] — 
Peter v. Kobbe, Römische Geschichte. Leipzig 1841. 2 Theile. Gegen 
Niebuhr gerichtet mit der Absicht, die römische Geschichte wieder so her- 
zustellen, wie sie in den Zeugnissen der Alten gegeben ist; das Buch ent- 
hält wenig eigene Forschungen. — Ho eck, Römische Geschichte vom' 
Verfall der Republik bis zur Vollendung der Monarchie unter Constantin, 
mit vorzüglicher Rücksicht auf Verfassung und Verwaltung des Reichs, 
iiraunschw. 1841. 1850. Ausgezeichnet. — Kortüm, Römische Geschichte von 
der Urzeit Italiens bis zum Untergange des abendländischen Reichs. Heidel- 
berg 1843. Hebt in geistreicher Weise und unter vielseitigen Gesichts- 
punkten die Hauptmomente der Entwickelung hervor, natürlich etwas com- 
pendiarisch. — C. L. Roth, Römische Geschichte. Nürnberg 1844—47. 

4 Bände. — Gerlach und Bachofen, Die Geschichte der Römer. 
I Band 1. Abth. die vorrömische Zeit, 2. Abth. die Zeit der Könige. Basel 
1851. Wie Kobbe gegen Niebuhr, eine unkritische Vertheidigung der 
ältesten Ueberlieferung. Gerlach schrieb in demselben Sinne später: Die 



I. Oeffentliches Leben. 4. Stcoats-Alterthümer. 353 

thümer gezogen ohne indess zu erkennen, dass sie sich in diesem 
Umfang nicht begriflfsmässig darstellen lassen. Wie unklar man 
über den Begriff der Disciplin ist, zeigt sich auch darin, dass 
man sie als Statistik des Alterthums definirt hat. Die Statistik 
ist selbst bisher nur ein Aggregat; denn alle Gegenstände der- 
selben fallen in andere Wissenschaften: Politik, Ethnographie, 
Geographie u. s. w.; sie hat weder einen bestimmt gesonderten 
Stoff, noch eine bestimmt gesonderte Ansicht; insofern also ent- 
spricht sie allerdings den Alterthümem. In Wahrheit ist sie 
aber eine Methode, deren Wesen in der Anwendung des Cal- 
culs auf die geschichtlichen Verhältnisse besteht und die im 
Alterthum selbst nur sehr unvollkommen gehandhabt worden ist, 
so dass uns zu einer genaueren Statistik des Alterthums der Stoff 
mangelt. Vergl. Moreau de Jonnes, StatisHque des petiples de 
Vantiquite, les Egyptieiis^ les Hebreux, les Grecs, les Romains et 
les Gaidois. Paris 1851. 2 Theile. Um aber den Alterthümem 
einen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen, hat man sie von 
anderer Seite als eine Darstellung der praktischen Ideen des Alter- 
thums erklärt. Hiemach würden sie unserer Ausführung gemäss 
(s. oben S. 58 ff.) auf das Staats- und Privatleben beschränkt 
sein; man rechnet jedoch auch die Sacralalterthümer zur Darstel- 
lung der praktischen Ideen. Dieselben hängen nun mit der Kunst 
und Wissenschaft so eng zusammen, dass man diese Sphären nicht 
davon trennen kann und so würde die Disciplin wieder das 
ganze Alterthum nach seinen Instituten in sich begreifen. Hieraus 
folgt, dass sich die Alterthümer als besondere Disciplin nicht hal- 
ten lassen, sondern unter die vier Abschnitte der Alterthumskunde 
zu vertheilen sind. Wir reihen daher hier die politischen Alter- 
thümer in ihrer oben (S. 310) begründeten Absonderung von der 
politischen Geschichte ein. 

Sie zerfallen offenbar in zwei Hauptabschnitte; man kann den 
Staat an sich, d. h. in Bezug auf die inneren Angelegenheiten 
und in seinem Verhältniss zu anderen Staaten, also in Bezug 
auf die auswärtigen Angelegenheiten betrachten. Zum Innern 
gehören: 1) die Staats- und Regierungsform nebst der gesaramten 
Verwaltung, die auch die Verbindung des Staates mit den reli- 
giösen, wissenschaftlichen und Kunst-Instituten umfasst; 2) die 
Hechts- und Gerichtsverfassung; 3) die Finanzen oder die Staats- 
haushaltung. Das Auswärtige bezieht sich theils auf das freund- 
liche, theils auf das feindliche Verhalten des Staates zu anderen 

Böckh'i Encyklopadie d. philolog. Wiitenichaft. 23 



354 Zweiter Haupttbeü. 2. Abschnitt. Besondere Alierthumslehre. 

Staaten. Die erstere Seite betrifft alle Bundes- und Vertrags- 
verhältnisse^ also die Föderal- Alterthömer, welchen man nicht sel- 
ten bei den Religionsalterthumem einen Platz angewiesen hat, 
obgleich die religiösen Geremonien dabei doch nur subsidiarisch 
in Betracht kommen. Das Bundeswesen ist ein sehr wichtiger 
Gegenstand der Alterthumskunde, da Staatenbünde und Bundes- 
staaten im Alterthum sehr häufig waren. Das feindliche Yerhält- 
niss des Staates zu anderen Staaten wird schliesslich in den 
Kriegsalterthümern dargestellt, welche das gesammte Militarwc^en 
umfassen. 

Man muss natürlich römische und griechische Antiquitäten 
trennen. Bei den Griechen herrscht die grösste Mannigfaltig- 
keit in den politischen Instituten, während bei den Römern Alles 
einheitlich organisirt ist (s. oben S. 267, 287). Die Mannig- 
faltigkeit der griechischen Zustände tritt zunächst in i^umlicher 
Trennung hervor, indem fast jeder Staat seine Eigenthümlich- 
keit hat, insbesondere aber die Nationalstämme in der Staaten- 
bilduug durchaus verschieden sind (s. oben S. 282). Ausserdem 
zeigen die einzelnen Staaten mannigfache Formen in ihrer zeit- 
lichen Entwickelung. Denn die Hineinbildung in's Einzelne, 
welche keine grossen Staatsformen entstehen Hess, bewirkte zu- 
gleich eine ungemeine Beweglichkeit, da alle IndividualÜAten 
zum Ausdruck kommen wollten und die vielen einzelnen 
Elemente des Staates eine immer neue Mischung und Verbin- 
dung erheischten, wenn sie alle möglichst erhalten und zu 
einer Einheit zusammengefasst werden sollten. Nur ist diese 
Beweglichkeit nicht so gross, dass man in Verfassung und Recht 
heute aufgehoben hätte, was man gestern beschlossen hatte; 
vielmehr wird sie durch einen starken Conservatismus gemässigt. 
Man wird also die griechischen Staatsalterthümer, soweit sie die 
inneren Verhältnisse betreffen, nicht im Allgemeinen betrachten 
können, sondern muss die Hauptstaaten jeden für sich studieren 
und zwar in chronologischer Ordnung, je nach der Entwickelung 
ihres Daseins. Das letzte Ziel ist aber die Ideen zu erkennen, 
die in den politischen Instituten aller Staaten ausgeprägt sind. 
Bei der Darstellung wird man vom Allgemeinsten ausgehen, also 
zuerst von dem Ursprung der Staaten und der verschiedenen 
Verfassungsformen sprechen, und dabei die politischen Grund- 
sätze und Ansichten des Alterthuras entwickeln. Die Ausführung 
im Einzelnen muss dann die organische Verwirklichung dieser 



I. Oeffentliches Leben. 4, Staats- Alterthümer. 355 

allgemeinen Ideen aufzeigen. Es sind daher zunächst die ersten 
Einrichtungen griechischer Staaten zu betrachten, in welchen die 
ßaciXeia herrschte. Hiernach wird man auf die Stammunter- 
schiede übergehen imd dabei annähernd chronologisch verfahren, 
wenn man zuerst die Entwicklung der dorischen Staaten, darauf 
die der aeolischen und endlich die der ionischen verfolgi Inner- 
halb der Volksstämme bilden die einzelnen Staaten wieder klei- 
nere Gruppen, indem einige zur Norm für die übrigen werden. 
So sind z. B. für die Dorer Bjreta, Sparta, Korinth und Argos, 
für die Aoler Thessalien und Theben, für die loner lonien und 
Athen solche Centralpunkte, an die sich alles üebrige, insbeson- 
dere die Colonien, gruppenweise anschliesst. Eine tiefer eindringende 
Kenntniss haben wir nur von dem athenischen Staat; nament- 
lich können wir bei ihm allein die Rechtsverfassung und die 
Staatshaushaltung überblicken. Athen wird indess seit den Per- 
serkriegen vermöge seiner überlegenen Bildung in vielen Punk- 
ten zur Norm für ganz Griechenland. Manche Einrichtungen 
finden sich auch in analoger Weise bei allen Staaten von glei- 
cher Grundverfassung; die Liturgien sind z. B. eine Eigen- 
thümlichkeit der demokratischen Verfassung und mit dieser 
allmählich in den meisten Staaten Griechenlands eingeführt.*) 
In manchen Fällen können wir daher die Lücken unserer Kennt- 
niss einigermassen durch Analogieschlüsse ausfüllen. Die Föde- 
ral- und Kriegsalterthümer aller griechischen Staaten werden am 
besten gemeinsam nach ihrer historischen Entwickelung darge- 
stellt, wodurch zugleich die Eigenthümlichkeit der einzelnen 
Stämme und Gemeinwesen am klarsten hervortritt. In der 
Darstellung der römischen Antiquitäten hat man einfach die 
Ausbildung der Staatsinstitute chronologisch zu verfolgen; hierbei 
gliedert sich die Geschichte aller Sphären nach den Hauptperio- 
den der Verfassungsgeschichte. 

Literatur« 1« Quellen. Die ältesten griechischen Geschichtsschreiber, 
die ionischen Logographen stellten nicht die geschichtlichen Thaten geson- 
dert dar, sondern sammelten Kunde von allem, was ihnen historisch merk- 
würdig erschien. So fügt noch Herodot seiner Geschichtserzühlung aus- 
führliche antiquarische Notizen über die fremden Völker, z. B. über die 
Aegypter ein; diese Notizen beziehen sich nicht bloss auf das öffentliche 
Leben, sondern auf alle Seiten des Volkslebens. Die Zustände in den grie- 



*) S. Staatshanahaltinig der Athener 2. Aufl. I, S. 409 f. 

23 



356 Zweiter Haupttheil. 2. Abschnitt. Besondere Alterthamslebre. 

chischen Staaten berührt er indess nur gelegentlich, da er die Eenntaiss 
derselben bei seinen Lesern voraussetzt. Ebenso verfahren Thukydides 
und Xeuophon und die älteren Geschichtsschreiber überhaupt, die wesent- 
lich die Darstellung der geschichtlichen Thaten im Auge haben. Wenn sie 
daher auch für die Antiquitäten ihrer Zeit die zuverlässigsten Quellen sind, 
so gewähren sie doch eine geringere Ausbeute als die späteren Historiker, 
welche über die Zustände der Vorzeit eingehender berichten. Neben der 
Geschichtsschreibung bildete sich aber frühzeitig eine antiquarische Litera- 
tur. Dahin g;ehören zuerst die Werke über Nöjii^a, d. h. über Sitten und 
Gebräuche, also über die Zustünde des praktischen Lebens. Die älteste 
Schrift dieser Art sind die Nö|Lii|Lia ßapßapiKd des Hellanikos von Lesbos. 
Im Zeitalter der alten Sophisten war das antiquarische .Interesse bereits 
sehr rege; Hippias von Elis hielt selbst in Sparta Vorträge über die Zn- 
stande der Vorzeit, die gesammte dpxaioXoTia (Pia ton, üippias maior S. 
285 D. Vergl. Osann, Der Sopliist Hippias als Archäolog Rh. Mus. 1843, 
S. 495 ff.). Seit der Zeit des Aristoteles wurden unter dem Titel iro- 
XiT€iai zum Behufe der praktischen Politik imd als Grundlage politischer 
Theorien die Verfassungen griechischer und ausländischer Staaten beschrie- 
ben (s. obenS. 17). Epochemachend war derB(oc 'EXXdöoc von Dikaearch, 
einem Schüler des Aristoteles; in diesem umfassenden Werke waren die 
Sitten und Institute der griechischen Staaten dargestellt und ihre Ent- 
wickelung bis auf die Urzeit verfolgt. Von besonderer Wichtigkeit waren 
auch dicAtthiden, welche in der Form von Chroniken eine Hauptquelle für 
die gesammten attischen Alterthümer bildeten*). Die alexandrinischen Ge- 
lehrten, Eallimachos, Eratosthenes, ApoUonios Rhodios o. s. w., 
betrieben die antiquarischen Studien im weitesten Umfange. Alle diese 
ältesten antiquarischen Arbeiten sind indess verloren gegangen und kom- 
men für uns nur als Quellen der späteren Notizen in Betracht, die sich 
besonders bei Strabon, Plutarch, Pausanias, in dem grossen anti- 
quarischen Sammelwerke des Athenaeos und bei den späteren Histo- 
rikern und Grammatikern ( Scholiasten , Lexikographen u. s. w.) finden» 
In Rom war die alte Annalistik z. Th. eiue Aufzeichnung von Antiquitäten, 
deren Kenntniss für die Praxis Werth hatt^. Auch die gelehrte Forschimg, 
die sich nach dem Muster der griechischen Philologie bildete (s. oben 
S. 295) beschränkte sich auf den eigenen Staat. Der erste bedeutende 
Antiquar war Aelius Stilo; das Vorzüglichste aber leistete dessen Schüler 
Varro; sein Werk de cita populi liomani enthielt in 4 Büchern eine 
Geschichte des Privat- und Staatslebens und die 41 Bücher seiner Afätqui- 
tates rei'um Immanarum et divinarum waren ganz im Sinne der alexandrini- 
schen Gelehrsamkeit abgefasst. Der Verlust dieser Schrift ist unersetzlich; 
denn die späteren Antiquare, wie Gellius, Macrobius und selbst Sueton 
sind niu: Notizenkrämer. Unter den römischen Geschichtsschreibern giebt 
Li vi US viel Stoff aus seinen annalistischen Quellen; Salin st enthält wenig 
Antiquarisches, Cäsar ist für die Kenntniss des Kriegswesens wichtig, Ta- 

*) Die Verfasser der Nö|ai|Lia sind zusammengestellt Iti Piatonis qui 
ndgo fertur Minoem. S. 81 ff*. Ueber Atthiden s. Seeurk. S. 182 und Kl. 
Sehr. V, 397 ff. 



I. OefFentliches Leben. 4. Staats- Alterthümer. 357 

citus für seine Zeit die ziiverlasbigste Quelle; die Spätem enthalten ein- 
zelne werthvolle Notizen. Besonders wichtig aber sind Polybios, die 
dpxaioXoTia f)U))ia(Kri des Dionysios von Halikamass^ Plutarch, Appian 
und Dio Cassius. 

Neben der historischen Literatur kommt die philosophische und rheto- 
rische als Quelle der gesammten Alterthümer in Betracht. In den philoso« 
phischen Schriften, besonders in denen des Xenophon, Piaton und Ari- 
stoteles finden sich nicht bloss gelegentliche Anspielungen und Bemer- 
kungen über die Zustände ihrer Zeit und der Vergangenheit, sondern ihre 
ganze ethische und politische Theorie ist auf historische Weise aus der 
Spcculation über die gegebenen Verhältnisse hervorgegangen, und man 
lernt daraus namentlich die Grundsätze und Ansichten der alten Poli- 
tik verstehen. Vergl. Hildenbrand, Geschichte und System der Rechts- 
und Staatsphilosophie. Leipzig 1860. [Oncken, Die Staatslehre des Ari- 
stoteles in historisch-politischen Umrissen. Lei{)zig 1870. 1875.] Bei den 
llöniern ist die philosophische Literatur von weit geringerer Bedeutung 
für tue Staatsalt<}rthümer. Cicero 's Schriften de repubUca und de legi- 
bus, die hier hauptsächlich in Betracht kommen, sind nur bruchstückweise 
erhalten und in ihrer geschichtlichen Grundlage oberflächlich. Einen 
unmittelbaren Einblick in das Getriebe des alten Staatslebens gewäh- 
ren ims die Redner, die daher von der grössten Wichtigkeit sind. Einen 
ähnlichen Werth haben die Briefe von Staatsmännern; die bedeutendsten 
sind die des Cicero und des jüngeren Plinius. Für die Kenntniss des 
antiken Rechts ist bei den Römern die juristische Literatur eine überaus 
reichhaltige Quelle; das Kriegswesen lernen wir besonders aus den Kriegs- 
schriftstellem der Griechen und Römer kennen. 

Aber auch die poetische Literatur ist nicht zu vernachlässigen. Das 
Homerische Epos giebt uns ein deutliches Bild von den Zuständen der 
Zeit, in der es entstanden. Weniger ergiebig ist die Tragödie, da sie fin- 
girte Zustände der Heroenzeit vorführt. Vergl. oben S. 91, 115. Dagegen 
steht die Komödie mitten im Leben und die alte attische Komödie ist 
<^auz politisch. Vergl. W. Vi sc her, Die Benutzung der alten Komödie 
als geschichtliche Quelle. Basel 1840. 4. Sogar die Lyrik ist in einzelnen 
Formen eine reiche Fundgrube der Alterthümer; so die Epinikien des 
Pindar und die Satire bei den Römern. Ausserdem sind die Dichter über- 
haupt als Träger der ethischer und politischen Ideen ihrer Zeit eingehend 
zu berücksichtigen. 

Unter den anderweitigen Quellen stehen die Inschriften und nächst 
ihnen die Münzen obenan. Aufschlüsse über manche Verhältnisse geben 
ferner antike Bildwerke: Statuen, Reliefs, Gemmen, Gemälde, und die 
Anschauung des antiken Lebens wird vervollständigt durch die übrigen 
mannigfachen Ueberreste desselben (s. oben S. 49). 

Bei der Benutzung dieser verschiedenartigen und zerstreuten Quellen 
kommt alles auf eine scharfsinnige Combination an (s. oben S. 177), die 
aber durch eine nüchterne Kritik in Schranken gehalten werden muss, 
.wenn sie nicht zu willkürlichen Hypothesen führen soll. Man darf nie ver- 
gessen , (lass die erhaltenen Quellen nur einen ganz geringen Bruchtheil der 
einst im Alterthum vorhandenen ausmachen und daher aus denselben nur 



',ii9H Zwi'iU'r Hau)itih(;il. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

mit th't ^r^'»^Hi^m VorMicht SchlÜHHe gezogen werden dürfen. Abgesehen yon 
tU'ti ll<*f:liiMuli(!rih(imcrn «ind wir merkwürdiger Weise über das griechische 
St^iiitMlclicn in den wichtigsten Punkten besser unterrichtet als über das 
r^iiniHrlM*, wfMl die griechiHchen Quellen genauer sind. 

2. Kcarbeltungeii der Alterthfimer. Nach der Wiederherstellung 
d(^r WiHHCUHcliafl^^n richtete man seine Aufmerksamkeit zuerst auf die 
rOmlMchcn Anticitiitilten und zwar im praktischen Interesse besonders 
auf (li(t J{(«chtsalt4!rthünicr. Die griechischen Antiquitäten wurden sodann 
zufM>t vorzüglich von Theologen bearbeitet. Bahnbrechend für die rein 
gpHchichilicho hoarboitung war besonders Sigonius (1524->1584) durch 
NtMui« Schriften de Athenicimum r€j)ubliai, de rebus Ätheniensium et Lace- 
dmrmnmm'um, de antiquo iure Ixomanorwn u. s. w. (vgl. Opera omnia ed, 
Arg(OatuH. Mailand 1782. G Bde. fol). Zunächst schrieb man nun im 
10. uutl 17. .lahrhundort eine grosse Menge von Abhandlungen über einzelne 
(«ogiMinUhuh^ der gosunimteii Alterthümer, unter denen sich besonders die 
»üilnMchou Schriften des Meursius (1570 — 1639) durch Sammelfleiss aus- 
Kcicliticn. Kiiic gi>naue llebcrsicht dieser ganzen Literatur nach Rubriken 
geordnet enthält die JUbh'o<fraphia antiquaria von Jo. Alb. Fabricius 
VK. oben S. 50^, ein Werk, das mit unendlichem Fleiss und erstaunlicher 
Soi'gfuU aut*gi*führt ist. Im 18. Jahrhundert bearbeitete die Academie des 
iHntptiims et IMUs-lA-Ures zu Paris den bisher aufgesammelten roassen- 
hallen StotV in ihnm Manoire^i, welche eine Menge elegant und geistreich 
geschrieWner Abhandlungen antiquarischen Inhalts enthalten. Durch diese 
ArlviUMi kam ein neuer Geist in das ^^tudium der Alterthümer, indem die- 
selln'n nach allgtMnoinoren liesichtspnnkten und mit kritischem Baisonne- 
uient bchiutdelt wurden. *^ Kinzelne von den französischen Gelehrten, wie 
>ov .Mlen Hart hei emy zeichneten sich durch gründliche Forschung ans. 
Zugleich entiitanden MUt dem Knde de:» 17. Jahrhunderti^ in England und 
IVe.tM*hland i\^mjH*udien der gt^sannntcn Alterthümer, die aber meist weder 
auf M'llxständigxM) kritischen Kinzelfor^chuna^^n Wnihten noch nach leiten- 
den i»o$ichtji)nn)kteu cx\^rKntot waren. Erst in unserm Jahrhundert hmben 
die .Vuti\)nit^tot; in den dnn gn>5tfen Grupivn der Staat»-. IMvat- und Reli- 
»riv^w^^UevthCimer allmählich eine w-^i^enschafilicker^ G^tah gewonnen. 

a« liHeclii$rlie AlterlliAnier im AUfrenieinen: Gronorins, 
r Vi ÄJ *»'?•,< itM^'i^fci'.j'hf« j?rj<v';tr**r. Lridcu 16vT — iTv'i Venedig 1737. 
K^ Ihic. fv^i. Sduuir.lxaijr d-;r ^ icht;ar*ter. bis luni Anfissi: de* Is. Jnhrh. 
*Tv»>.^c:^ V.4*».*. AVbA:;o.>.irjrcv. < .:rvs S ;i6i: Polten--* — Rocf. IrHbaai 
^*\r*M AS7y^»: ,-r .1;*»» .»«nc^v^rw^ l.:r.ic^:: IWT. 4. y Auf mh ccten Zn- 

.1 «^ >{^t;i«c , s * : :m-r^^''Ai . !./:• :-i i* u 1 f T T . ».? r : - ."^ v . 7hx -s*;!?^* Bi <L , mit 

r ir : y > : r * , AyC'( ir :*i< }t .»»■.r- , •«. I -■ : .-.t ~ IS.-:. * a; i> i j i. jir Gr^»d2as!e. 

Vt^ÄfliVir«*» /ii-*;;. •. *Ti \.*c-"C*V»:r4: '.fSr i A-l tT T 4. £a 

^^- ^ :' ,* : 1 r : . -4 '•,-?*•/<. V«' :*f • * /r- ■•' • ■;• ■'. i t ^'. .ä«:-r . if : r •. ; W.*^ 1 I^-filc ; 



1. Ocffenilicbcs Lclien. 4. Staats-Alterthümer. 359 

lat. Leyden 1702. fol. Venedig 1733. 34. 4. aufgenommen in Grono?*8 
Thcsauitis Band XI II. Enthält nichts Neues, i»t unkritisch, die Citate 
ungenau^ für Athen subsidiarisch zu gebrauchen. Deutsche Uebersetzung 
mit Zusätzen von Bambach. Halle 1775—78. 3 Theile; neue englische 
Ausgabe unter dem Titel: TJie antiquities of Greece mit Zusätzen von 
Boyd und 150 Stahlstichen. London 1841. — Lamb. Bos, Äniiquüatum 
graecarum, praecipue atticarum descriptio hrevis (1714), nach vielen Auflagen 
zuletzt herausgegeben von Zeune. Leipzig 1787. Uebersichtliches und be- 
quemes Compendium. — Paul Fr. Achat Nitsch (Pfarrer), Besclireibung 
des häuslichen^ gottesdienstlichen, sittlichen, politischen, kriegerischen und 
wissenschaftlichen Zustandes der Griechen nach den verschiedenen Zeitaltern 
und Völkerschaften. 1. Bd. Erfurt (1791.) 2. Aufl. verbessert von Köpke 
1806. Fortgesetzt von Köpke und Höpfner. 4 Bde. Blosse Compila- 
tion mit wässerigem iiaisonnemont. — De Pauw, Redierdies philosophiques 
sur les Grecs. Berlin 1787. 2 Bde. Geistreiche Reflexionen, aber ohne grosse 
Kenntnisse und in einem hochtrabenden Tone. — Barthdlemy, Voyage du 
jcupie Anachartfis en Grece vers h milieu du 4. siede avant Vere vtdgaire, Paris 
1788. 7 Bde. sehr oft aufgelegt Deutsch von Biester Berlin 1792 flF. Der 
skythische Philosoph Anacharsis, der übrigens bekanntlich zur Zeit 
Solon's lebte, gleicht in diesem antiquarischen Boman einem reisenden 
französischen Abbü. Das Werk ist für einen grösseren Leserkreis berech- 
net und mit französischer Eleganz und Esprit geschrieben. Aber wenn es 
auch keine tiefern Untersuchungen enthält und eine sehr modern gefärbte 
Ansicht vom Alterthum giebt, ist es doch gelehrt und beruht auf gründ- 
lichen Studien; es ist die beste Bearbeitung der griechischen Alterthümer 
aus dem 18. Jahrhundert und noch immer lesenswerth. Auf die französisch 
gebildeten Neugriechen hat es einen grossen Einfluss gehabt. Der bei- 
gegebene Atlas von Barbie du Bocage, einem Schüler d'Anville's, war 
für die damalige Zeit die vollendetste Leistung in der alten Geographie. *) 
— AtJienian Jetters or tJie cpistolary correspondence of an agent of the King 
of Fersia rcsiding at Athens du ring the Peloponnesian icar, London 1798. 
2 Bde. Deutsch von Jacobs. Leipzig 1799. Das geistreiche und mit guter 
Kenntniss geschriebene Buch ist verfasst von zwei Brüdern, englischen 
Staatsmännern, von denen der eine Lordkanzler von England war. — 
J. IL M. Ernesti, Alterthumskunde der Griechen, Römer und Deutschen. 
Erfurt 1809 ff". 4 Theile. Armselig, meist Auszug aus Nitsch u. A. — 
Ilaackc, Abriss der griechischen und römischen Alterthümer und Litera- 
turgeschichte für Gymnasien. Stendal 1816. 4. Aufl. von Lübker. 1863. — 
Kärchcr, Kurzgefasstes Uandbuch des Wissenswürdigsten aus der Mytho- 
logie und Archäologie des klassischen Alterthums. Karlsruhe 1825. Mit 
Kupfern. — Friedr. Aug. Wolf, Antiquitäten von Griechenland. Halle 
1787. Eine nur zum Gebrauch bei den Vorlesungen bestimmte üebersicht, 
unvollendet. Wolfs Vorlesungen über griechische Antiquitäten selbst sind 
herauHg. von Gürtler. Leipzig 1835. Sie sind nicht so bedeutend als 
Wolfs Name es erwarten lässt. — Ueinr. Hase, Griechische Alterthums- 
kunde. Dresden 1828. *2. Aufl. 1841. Enthält nichts Neues, aber eine gute 

*) 3. Staatshaush. der Ath. I, S. 47. Anmerk. c. d. 



[\V}<) Zwi'iti-r flanpitliril. 2. Al>8chn. Ücäondcrc Ältürthumslcbre. 

/.iiH»iinMHMiH<^!||iinjj tUrr 'riiaf+'jirhrn. — K. Fr. Hermann, Lehrbuch der 
f^riiTliiMrlicii Antii|Miiili>cn. 1. Maml St4iat«altorthümer, Heidelberg 1831. 5. 
Aiill. vnii Miilir lind hornh. Stark. 1875. 2. Itand (lottesdienntliche Altcr- 
tln'inirr. IHII. 2. Aufl. von Hcrnh. Stark. 1858. 3. Bd. Privatalterthamcr 
IHM. •«». Aull. von Hernh. Stark. 1870. Reichhaltig und genau. — 
llonjjvl i<'t, .\iiti(Hiii(i(um {jrocatrum brcris (Ivscriptio e virorum doctorum 
.snil^tis iondnnnti9. Helft 18;M. S. F. W. Hoffmann, Griechenland und 
«lu* «JiiiM'lHMi im Altert lium. lioinzig 1841. '2 Hdc. — Bansen, Lehrbuch 
der iriiorliisoluMi Alterthilmer oder St;uit, Volk und Geist der Hellcuon. 
I'il;in}:«;n 1812. Hojesen, llaudbueh der jjriechischen AntiquitÄten. Aus 
ileiu hiliiisi'luMi übersetzt von Hoffa. Giessen 184;^. Kleines, nicht ungc- 
•.rbiJxles ILindbueh. Friedreich, die Uealien in der Hiade und OdTsscc. 
KrljinpMi ISiM. FIeis>ij; und ^euau. - Fr. Jacobs, Hellan, Vortrage über 
I leint:)! Ii. iiosebiehte, Literatur und Kun^t der Hellenen. Herausgeg. von 
W ii « 1 1' ui ;i n n . Mrrli u I >5i», - - Seh w a l b e , Handbuch der griechiKchon 
Auli<pnt;Ueu. Majrdebuty l^^.M. - Sihoeniann, Griechische AlterMmnier. 
»oiMlswald !>:»:». 2 IMe. l. Hd. l>as Staatswesen. 3. AuH. 1871. 2. IW. 
Pie internationalen VeihiiltuisM* und das Keligionswesen. 3. Aufl. 1873. Vor- 
ivi'Obib. nippart. Hellas und Kern. Kin Gnindriss des klas^sischen Altor- 
tlu'jns tnv die st udirende .lugend. 1. Bd. Land und Volk, Staat und Familie, 
Keb»:ien und Kultus der Hellenen. Frag 18.">S. F.in nicht übler Ueberblicft. 
G l a d s t e n e . >t U'Ut s o» //« »w r r • n. i / tl < Ifowaic ii«if . Oxford 1 858. 3 Bde. 
l >« T. t Nob bea vb . > en S r 1; u > t e r . 1 . » i]^7.ig 1 SOvJ . — Anthony Rieh, TJictianant 
. . '■ ?\. j », I : • ,i-..i ( » r j 1 1" tihfiijuii j I .V . ;? . A r. ti . X o w - York 1874, fra uz5siscli von 

I ■ 1 •■ . ^ . . : 1^ '. Fa ri^ 1 S ,%•.> un d 1 mU , d « r. t > o h u i .: 'T 1. eininir > on C M ii 1 1 e r. 
r.v. > T > t > V i t \ i 0*1 V. Fl h : > t :■:« i on or. . k 'i \\ h 1 v.r. d K o u e r , l »a s Leben der 

I I •. . «• . V. .' ;'. •. . • -. li 1 \ C^ ui V r. .> i V. A\\: \ 's on IM' ä w ork i :; d a rire>t illt . Berlin 1 86 2. 
4 V -. ;-. . 1 > T .*> 1 V 1 ^ Vi . r :;lt v. rl 'i\- "1 r r ;v :> 11 1" '. i a* r.T.d 1 «or.: . Leipzig 1 S63 

^ : \..rr. '.^''^•.' 1\ Vr;r. i. .ird. A'.i -.r.v; di> , '.i5^>:>:hir. AlttTthuiE*. Slutt- 

. ' . .1 r. .i . V : k ". r. . '. 1. -.;'. : ;;r lel-f r. .'! r t alten G rie- 

1^. ^V >:v". .. r:V..irr ä ^f iir- aiT^riechischen 

^ T > 7' ;'i -. "... \ i r :r ".::■. i > .: j : i o . Ihct ton- 

■ r» , -. V'.ir!> "1^7-^ r ' — Vvr*:!. ausserdem 

f i x-ioch i V lie SuaI sali erl h ii m <t A" VV ,; . ■ . < -. ., : ^ . ':', '.. -. y.i-: : he Alt-er- 

; .^K v. V: .-j . -i > .'. ; . . l ■» !^>-. .■ V. : V. . . . : . k : . '. ; •> > n.;, :* Vi .s". t 1 '* !'►*» — s 0, i . Aufl. 

•. > j s : S i b ■: r».i i i ■■ ■ 1 :■ V« \i; V, ^" . . . :-. ; 1" : : v -. .• k •; " . ■. r.r '.-.r ".•:•• n .^ o:: 1 deen. 
:" : \ r * . ■"■:«'. his*hr >:;iri::N...:i ::; ;.:;m- ::. .^;: }":::-« kjr»ii-^it rors Erech 

r*».i7 .r,irFi,'»ni \..:» \ \ -.>:;■. :". ■ ..' r. ?.: . '. "p-^r.i /:.;.{ .^«^ Staat». 

K .' «1 -ICSI v-'v ' '^ '. ■ '. -.-s ..-..: .,:•. . ■ • ■ :"«:>•■■■.: V . T ;i: K ;■• .: ".>:>*. 7 u xiirl Hrpfi- 
?)ij^«M. K . ■ = I! . / ,. . ■>..■..:. i: .::<.!■«•: >t:i.ij *>»■.■••: i.->r;r:c<'n, faaupt'- 

n>iiT.. ".»a^T- !i;r.k «:■ i. 'i'. ' *-:■■■ >:;»: >\ t-vTi^^^. ;r-.i. ! ''.'.•zic 1 **2S. Die 

c*r:' . '■"• ■ »■ ■'■■' *■ "•'.-^■- ^•■^ :. ■ r, . ; ; • i\ f.riimerungen. 

^ ^ rr4.-. »ili fii'.- l V..)- 1 ;,--> .. ■:; .ii,I..-t .>■> !^. >i-.h: Vli. iSO fl. 



-^ 


■ * 

.1 . 


J 

t 


'.>h'.' 


1 • ■ 




Kiko 


■ 4 


1- 


rt: 


* 


1 . '• 


'. 


■ 


:-^;.v 




:■! IST" 




4 




■ 


l ■ 


l',' 


1 


t - ■ ■ ■ 


■V 


T<:' 


.^ 




\ 


, 




• 


X 




.. 1/ 


r • - 1-» ■ 




". »/ 


, '^x 



I. Oeffenüiches Leben. 4. Staats- Altorthümer. 361 

Ueberblicko und Maximen aus der Staatskunst des Alterthums. Leipzig 1829. 

— Schömann, Antiquitates ittris publici Graecomm, Grcifswald 1838. 

— Plass, Die Tyrannis in ihren beiden Perioden bei den alten Griechen. 
Bremen 1852. 2 Bde. Im 6anz«n ein gutes und genaues Buch. — L ermi- 
nier, Histoire des legislateurs et des constütUions de Ja Grece antique, Paris 
1852. 2 Bde. Geistreich, aber ohne bedeutende Ergebnisse. Sehr ausführ- 
lich istSyrakus behandelt. — Max Steiner, Entwickelung des griechischen 
Staats. Wien 1855. Allgemeine Betrachtungen, anziehend und nicht ohne 
die erforderliche Grundlage positiver Kenntnisse. — Pustel de Conlanges, 
La cite antique. Paris 1865. 1870. 5. A. 1874. — Rechtsalterthfimer: 
Petitus, Leges atticae. Paris 1635. fol. Leiden 1742. Eine sehr gelehrte, 
aber grundverkehrte Darstellung. — Salmasius, Observationes cid ius atti- 
cum et romanum. Leiden 1645. Besser als Petitus. — Heraldus (Jurist), 
Animadversiones in Salmasii observationes ad ius atticum et ronianum, Paris 
1650. Ein ausgezeichnet gelehrtes Schriftchen; auch die Darstellung ist 
gut, wenn auch Vieles unrichtig. — DePastoret, Histoire de la legis- 
lation, Paris 1817—37. 11 Bde. V— XI über Griechenland. — Tittmann, 
Staatsrecht des Alterthums. Köln 1820. — Heffter, Die athenäische Gerichts- 
verfassung. Köln 1822. Ein gutes Buch. — Ed. Platner, Der Process 
und die Klagen bei den Attikcm. Darmstadt 1824. 25. 2 Bde. — Meier 
und Schömann, Der attische Process. Halle 1824. Eine von der Ber- 
lincr Akademie gekrönte Preisschrift; das vorzüglichste Werk über den 
Gegenstand. — Gans, Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwickelung. 
Berlin 1824. Theil I enthält viel Gutes über das attische Erbrecht — 
Van den Es, De iure famüiarum apud Athenienses. Leiden 1864. — 
Exupere Caillemer, Etudes sur les antiquites juridiques d*Atfthies. 
Paris 1865—72. — [Per rot, Essais sur U droit public et prive de la ri- 
publique Athcnienne. Paris 1867 ff. — Telfy, Corpus %uris attici. Graece 
et latinc. Pesth 1868.] — Heffter, De antiquo iure gentium. Bonn 1824. 
4. — Wachsmuth, Ius gentium quäle obtinuerit apud Graecos ante bel- 
lorum cum Persis gestorum initium. Kiel 1822. Ist sehr schwerfallig 
und umständlich geschrieben. — Müller Jochmus, Geschichte des 
Völkerrechts im Alterthum. Leipzig 1848. — F. Laurent, Histoire du 
droit des gens et des rclations internationales, Gent 1850. — Kriegsalter- 
thümcr: Na st, Einleitung in die griechischen Kriegsalterthümer. Stuttgart 
1780. — Köpke, üeber das Kriegswesen der Griechen im heroischen Zeit- 
alter. Berlin 1807. — Löhrs, üeber die Taktik und das Kriegswesen der 
(kriechen und Kömer. Kempten 1825. Würzburg 1830. — Rüstow und 
Köchly, Geschichte des griechischen Kriegswesens. Aarau 1852. Das 
beste und ausführlichste Werk über diesen Gegenstand. — Metro pulos, 
GeHchichtliche Untersuchungen über das lacedämonische und das griechische 
Heerwesen überhaupt. Göttingen 1858. — Rheinhard, Griechische und 
römische Kriegsalterthümer. Stuttg. 1863. — H. C. Stein, Das Kriegswesen 
der Spartaner. Konitz 1863. 4. — BnndesTerh&ltnisse: Sainte-Croix, Des 
ancieyxs gouvernements federatifs. Paris 1804. — Hege wisch, Geogra- 
phische und historische Nachrichten die Colonien der Griechen betreffend. 
Altona 1808; die griechischen Colonien seit Alex. d. Gr. Altena 1811. 
Oberflächlich. — Raoul-Rochette, Histoire critique de Vetahlissement des 



362 Zweiter Kauptthcil. 2 Abschn. Besondere Alierthumslehre. ' 

cölopiii's grccques. Paris 1815. 4 Thle. Gelehrt, aber sehr weitschweifig. 

— Drumann, Ideen zur Geschichte des Verfalls der griechischen Staaten. 
Berlin 1819. Gut. — Wichers, De coloniis veterum, Groningen 1826. — 
Fröhlich, Ueber die Colonien der Griecheiu Neisse 1834. 4. — Pfeffer- 
korn, Die Colonien der Altgriechen. Königsberg L d. Neumark 1838. 4. 

— W. Vi scher, Ueber die Bildung von Staaten und Bünden oder Cen- 
tralisation und Föderation im alten Griechenland. Basel 1849. 4. — Ed- 
ward A. Freeman, Hiatory of federäl government from the foutidatUm 
of the Achaian League to tlie disrupiion of tlie United States. London und 
Cambridge 1863. Der 1. Theil enthült die griechischen Bündnisse aach 
der früheren Zeit vor dem achäischen Bund. Ein vortreffliches in den 
inneren Geist eindringendes Werk. — Gus.t. Diesterweg, De iure colo- 
niarum Graecarum. Berlin 1865. Unbedeutend. *) 

b. Römische Alterthiiiner im Allgemeinen. (Vergl. oben die Lite- 
ratur der griechischen Alterthümer im Allgemeinen):. Grae v ins, Thesaurtut 
antiquitatum romaftarum. 12 Bände fol. Utrecht 1694 — 99. Venedig 1732 
Sammlung von 200 antiquarischen Schriften. — Sallengre, Kovus thesaurus 
antiquitatum ranianarum. 3 Bände fol. Haag 1716—19. Vened. 1736. — 
Polen US, Supplementa utriusquc Üiesanri antiquitatum romapiarum et graeca- 
rum. Vened. 1737. 5 Bde. fol. Wie der Titel sagt, zugleich Ergänzung zu 
Gronovius Thes., aber meist auf römische Alterthümer bezüglich. — Pi- 
tiscus, Lexicon antiquitatum romanarum. Leuward. 1713. 2 Bde fol. Nichts 
als Compilation. — Kosinus, Antiquitatum Batnanarum corpus absolutissimum. 
Basel 1583, öfter wiederholt, zuletzt cum notis Dempsteri etc. ed. Reitz. 
Amsterdam 1743. 4. — Nieupoort, Hituum qui ölim aj)ud liomanos obUnme- 
rttnt succincta expUcatio. Utrecht 1712. Das Buch hat 14 Auflagen erlebt. 
I)a/Ai: Schwarz, Obsercationes ad Nicupoorti compendium antigmtiUum 
Homan. Altorf 1757 (ausgezeichnet) und Haymann, Anmerkungen über 
N.'s Handbuch der römischen Alterth. Dresden 1786, letztere besonders 
aus Vorlesungen Krnesti's. — Maternus von Cilano^ Ausführliche Ab- 
handlung der römischen Alterthümer, herausgegeben von Adler. Altona 
1775. 4 Bde. Weitschweifig. — Nitsch, Beschreibung des häuslichen, 
wissenschaftlichen, gottesdienstlichen, politischen und kriegerischen Zastan- 
des der Körner. Erfurt 1788-90. 3. Ausg. 1807- 11. 4 Bde. Schlecht und voll 
hohler Weisheit. — Adam, The roman antiquities. London 1791. 92, 
deutsch von Meyer. 4. Aufl. Erlangen 1832. Ejn aus Formeln bestehen- 
des Handbuch. — Geo. Alex. Ruperti, Grundriss der Geschichte, Erd- und 

*) Zn den griechischen Staatsalterihilmern: Die Staatshaushaltung 
der Athener. Berlin 1817. 2. Ausgabe Berlin 1851. 3 Bde. — De tribubus 
lonicis. 1812. Kl. Sehr. Hand IV, S. 43-60. — De Aihcnicnsium, qui bdlo 
obien'ntf sepultura publica. 1815. IV, S. 77 — 80. — De VeuboiiiapTUpiurv 
et VeuboKXriTeiac actione. 1817. IV, S. 120 124. — De iphcbia attica. 1819. 
IV, 137 — 156. - - De Arcopaqo. 1826. 1828. IV. S. 245-253 und 308—321. 

— Ueber die Delischen Aniphiktyonen. 1834. Bd. V, S. 430—453. — Ueber 
attische Kechnungsurkunden. 1846. 1852. 1853. Band VI. S. 72-152; 211 
— 251. — Ueber die Magi^trat^ der Spartiuier. Corp. Inner. 1, S. 605 — 
613. — Ueber die Magistrate der Böoter. C. I. 1, S. 726—732. — Staats- 
alterthümer von Sarmatien. C. I. II, 80 — 107. — Ausserdem Vieles in den 
Erklärungen zum Corp. Inscr. 



1. Ocflfentlichcs Leben. 4. Staats-Alterthumcr. * 363 

Alierthumskundc, Literatur und Kunst der Römer. Göttingen 1794. 2. Aufl. 
1811. — Reiz^ Vorlesungen über die römischen Alterthümer. Leipzig 1796. 
Mangelhaft herausgegeben. — Creuzer, Abriss der römischen Antiquitäten. 
Darmstadt 1824. 2. Aufl. von Bahr 1829. Besteht grösstentheils aus Ru- 
briken und Andeutungen, enthält aber viel Brauchbares. — Fried r. Aug. 
Wolf, Vorlesungen über die römischen Alterthümer, herausgegeben von 
Gürtler, mit Verbesserungen und literarischen Zugaben von S.F.W. Hoff- 
mann. Leipzig 1835. — Niebuh r, Vorträge über römische Alterthümer, her- 
ausgegeben von Isler. Berlin 1858. — Fuss, Äntiquitates romanae compendio 
enarratae. Leipzig 1820. 3. Aufl. 1837. — Dezobry, JRome au steck 
d' Auguste, ou voyage d^un Gaulois ä Borne ä Vepoque du regne d' Auguste 
et pendant une partie du regne de Tihere. Paris 1835. [4. Ausg. 1874]. 
4 Bde. — Horrmann, Antiquitäten der Römer. Magdeburg 1837. — Bo- 
jesen, Handbuch der römischen Alterthümer, aus dem Dänischen übersetzt 
von Hoffa. Giessen 1841. 3. Aufl. von Rein. Wien 1866. — Zciss, 
Römische Alterthumskunde. Jena 1843. — Ge. Friedr. Ruperti, Handbuch 
der römischen Alterthümer. Hannover 1841. 42. 2 Bde. — W. A. Becker, 
Handbuch der römischen Alterthümer räch den Quellen bearbeitet. Fort- 
gesetzt von Marquardt. Leipzig 1843—67. 5 Thle. Von Becker ist 
Th. I und IJ, 1, 2. Ein ausgezeichnetes Werk. — Ludwig Lange, Rö- 
mische Alterthümer. 1. Band Berlin 1856. 3. Aufl. 1876. 2. Band 1862, 
2. Aufl. 18G7. 3. Band 1871. Bis jetzt nur die Staatsalterthümer. Sehr 
gut. — Leop. Krahner, Römische Antiquitäten. Magdeburg 1857. — 
Kopp, Römische Staatsalterthümer, Kriegsalterthümer , Privatalterthümer. 
Berlin 1858. [2. A. 1873. 3 Hefte. — A. Forbiger, Hellas und Rom. 
Populäre Darstellung des öffentlichen und häuslichen Lebens der Griechen 
und Römer. 1. Abth. Rom im Zeitalter der Antonine. Leipz. 1872 — 74. 3 Bde.] 
Römische Staatsaltcrthfimer: [Willems, Les antiquites rotnaines 
cnvisagces au point de vue des instütUions poUtiques. Löwen 1871. 3, Aufl. 
1874. — Marquardt und Theod. Mommsen, Handbuch der römischen 
Alterthümer. Leipzig 1871 ff. Bd. I und II Römisches Staatsrecht von 
Mommsen; Band IV Römische Staatsverwaltung von Marquardt. — W. 
Freund, Römische Staatsalterthümer. Triennium philologicum. Abschn. 
XXVII. 1875.] — Schultz, Grundlegung zu einer geschichtlichen Staats- 
wissenschaft der Römer. Köln 1833. Gegen Niebuhr. Absurd, ohne alle 
Sachkenntniss (s. oben S. 65 f.). — Rubino, Untersuchungen über rö- 
mische Verfassung imd Geschichte. 1. Th. Ueber den Entwickelungsgang 
der römischen Verfassung bis zum Höhepunkt der Republik. Cassel 1839. 
Interessant, aber von einem seltsamen legitimistischen Standpunkt. — 
Göttling, Geschichte der römischen Staatsverfassung von Erbauung der Stadt 
bis zu Cäsar's Tod. Halle 1840. Sehr übersichtlich und gut. — Peter, 
Die Epochen der Verfassungsgeschichte der römischen Republik. Leipz. 1841. 
— [C lasen, Kritische Erörterungen über den römischen Staat. Rostock 1871]. 
- Rechtsalterthttmer: Heineccius, Antiquitatum romanarum iuris pru- 
dentiam iUustrantimn syntagma. Halle 1719. öfter aufgelegt, zuletzt heraus- 
gegeben von Mühlenbruch, Frankfurt a. M. 1841. — Ihering, Geist des 
römischen Rechttj auf den verschiedenen Stufen seiner Entwickelung. Leipz. 
1852 — 65, 2. Aufl. 1866-71. 3 Thle. 1. Theil 3. A. 1873. — Rein, Das 



364 Zweiter HaaptÜieil. 2 Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

Privatrecht und der Civilprocess der Römer von der ältesten Zeit bis auf 
Justiuianus. 1836. 2. Aufl. Leipz. 1858. — Walter, Geschichte des römischen 
Rechts bis auf Justinian. 3. Aufl. Bonn 1860—1861. 2 Bde. — Rudorff, 
Römische Rechtsgeschichte. Leipzig 1857. 1859. 2 Bde. — Aug. Wilh. 
Zumpt, Das Criminalrecht der römischen Republik. Berlin 1865 — 69. 
2 Bde.; [der Criminalprocess der römischen Republik. Leipzig 1871.]. — 
Finanzwesen: Burmann, De vectigalihus popuU Bontani. Utrecht 1694, 
öfter wiederh. auch in Polen's Thesaurus. — Hegewisch, Historischer 
Versuch über die römischen Finanzen. Altena 1804. — Dureau de la 



Malle, Ecofwmic poUtiqiie des Romains. Paris 1840. 2 ITile. Kin gutes 
Buch. — Kriegswesen: J. Lipsius, De tnilitia Bomapui. Antweri>en 1596. — 
Salmasius, De re militari Bomanorum. Leiden 1657. 4., auch in Grac- 
vius Thesaurus. — -Nast und Rösch, Römische Kriegsalterthümer. Halle 
1782. — Lehne, Kurze Geschichte der römischen Legionen von Cäsar bis 
Theodosius. In den gesammelten Schriften des Verf. Mainz 1837. — Zander, 
Audeutimgen zur Geschichte des römischen Kriegswesens. Ratzeburg 1840 
— 66. 7 Hefte. — Lange, Ilistoria mutatiofium rei miUtaris Bomanorum. 
Göttingeu 1846. 4. — Ruckert, Das römische Kriegswesen. Berlin 1850. 
2. Aufl. 1854. — Rüstow, Heerwesen und Kriegführung C. Julius Cäsar's. 
Nordhausen 2. Aufl. 1862. — [La mar re, Dela milicc romaine, Paris 1870.] — 
Bnndcswescn, Colonial-und ProTinzialTerhSltnisse: Kiene, Der römische 
Bundesgenossenkrieg. Leipzig 1845. — Madvig, De iure et condicione colo- 
niarum populi Bomani. In den Opusc. Kopenhagen 1834. — Ruperti, De 
coloniis Bomanorum, Rom 1834. 4. Ein sehr gutes Buch, — Dumont, Essai 
SHT les colonies Bomaincs, Brüssel 1844. — Samleth, De Bomanorum 
coloniis. Tübingen 1861. 1862. 4. — Kuhn, Die städtische und bürger- 
liche Verfassung des römischen Reichs bis auf die Zeiten Justinians. Leip^- 
zig 1864. 1865. 2 Bde. — Menn, üeber die römischen Provinziallandtagc. 
Köln und Neuss 1852. 4. [Vergl. Marquardt in der Epliemcris epigra- 
phica 1S72J. 

Die zahlreichen Monographien über griechische und römische Staats- 
altorthümer sind in den angegebenen Werken citirt. Die historischen Mono- 
graphien (s. oben S. 344) umfassen z. Th. zugleich die Antiquitäten. In 
weiterem Umfange nehmen viele grössere Geschicht^werke auf dieselben 
Rücksicht, besonders wenn sie die politische Geschichte im Zusammenhange 
mit der gesammten Culturgeschichte darstellen. Die Culturgeschichte, welche 
alle realen Disciplinon der Philologie in sich begreift (s. oben S. 57), gicbt 
in ihrer allgemeinen Ausführung einen summarischen Ueberblick über die- 
selben und daher auch über die gesammten Alterthümer. Vergl. Giist. 
Klemm, Allgemeine Culturgeschichte. Bd. VII und Vlll. Leipzig 1850. — 
W. Wachsmuth, Allgemeine Culturgeschichte. Bd. 1. Leipzig 1850. — 
[v. Hellwald, Culturgeschichte in ihrer natürlichen Entwickehmg bis zur 
Gegenwart. Augsburg 1874. 2. Aufl. 1876. — Doublior, Geschichte des 
Alterthums vom Standpunkte der Cultur. Wien 1874.] 



IL 
Privatleben der Griechen und Römer. 

§ 50. Der Mittelpunkt des Privatlebens ist die Familie, die 
natürliche Gemeinschaft behufs Erzeugung, Erhaltung und Aus- 
bildung der Individuen. Die drei Grundverhältnisse ihres innem 
Organismus sind das Verhältniss von Mann und Frau, Herren 
und Dienenden, Eltern und Kindern, wovon das erste die Er- 
zeugung der Individuen zum natürlichen Zweck hat, das zweite 
die Erhaltung erleichtert, das dritte der Ausbildung der Indivi- 
dualität dient Die Verbindung von Mann und Frau setzt einen" 
geselligen Verkehr mehrerer Familien voraus, der von Natur 
durch Verwandtschaft und Freundschaft zusammengehalten wird. 
»Schon wenn die Familie nur aus den Gatten besteht, findet eine 
Theilung der für den Lebensunterhalt nöthigen Arbeit statt; noch 
mehr ist dies der Fall, wenn sich die Verbindung durch Dienende 
erweitert. Vervollständigt wird dies Verhältniss dadurch, dass 
die Familie ein Glied in der Erwerbsgesellschaft ist, die durch 
den Verkehr entsteht. Durch die Verbindung der Gesellschaft 
wird auch die Erziehung, die ursprünglich den Eltern obliegt, 
gemeinsam organisirt. Die geistige Verbindung der Individuen 
reicht aber über das irdische Dasein hinaus, indem die Ueber- 
lebenden das Gedächtniss der Gestorbenen erhalten. Das gesell- 
schaftliche Leben in allen seinen personlichen Beziehungen ist die 
innere subjective Seite des Privatlebens. Die äussere objective 
Seite desselben betrifit Erwerb und Gebrauch der materiellen 
Lebensbedingungen. Was zum Leben erforderlich ist, schafft der 
Einzelne entweder durch Ausbeutung und Verarbeitung der Natur- 
producte oder erwirbt es von Anderen. Die äussere Thätigkcit 
der Erwerbsgesellschaft umfasst demgemäss drei Functionen: 1) Er- 
zeugung des Lebensbedarfs durch Landbau und Gewerbe, 2) Um- 
tausch der Erzeugnisse durch Handel und Verkehr, 3) Verwen- 
dung der Erzeugnisse durch die HauswirÜischaft oder Oekonomie. 



IL Privatleben. 3ß7 

Gebiete des Privatlebens von der Staatsidee beherrscht werden. 
Der Staat ist nicht ein Werk der Gesellschaft; er ist nicht durch 
einen contrat social entstanden, sondern aus dem in der mensch- 
lichen Natur gegründeten Streben nach einer sittlichen Lebens- 
ordnung, die schon bestehen muss, wenn Verträge und ein 
geregelter Verkehr möglich sein sollen. ' Die Gesellschaft wur- 
zelt daher von Anfang an in der Idee des Staates und in 
allen Staaten bestimmt der Geist der Verfassung und der herr- 
schenden Politik zugleich den Charakter des Privatlebens. Dies 
gilt in besonders hohem Grade vom Alterthum, wo das öflFent- 
liche Leben ein so starkes Uebergewicht über das häusliche 
hat. Aber der Staat ist doch ursprünglich aus der Familie her- 
vorgewachsen, in welcher die sittliche Lebensordnung, die er 
durchzuführen berufen ist, gleichsam im Keime vorgebildet liegt, 
und die Familie bleibt stets die Pflanzstätte für seine Bürger. 
Die Lebensordnung hat ihren Bestand nur durch das sittliche 
Bewusstsein der Individuen; das geschriebene Gesetz zieht seine 
Lebenskraft aus dem ungeschriebenen, das, göttlichen Ursprungs, 
dem Geiste eines jeden innewohnt und dessen er sich um so 
inniger bewusst wird, je reiner er sich als Mensch fühlt; das Ge- 
fühl des Reinmenschlichen zu pflegen ist aber der höchste Zweck 
der Familie (s. oben S. 257). Dieser Zweck wird dadurch erreicht, 
dass in jedem Einzelnen alle menschlichen Kräfte harmonisch 
entwickelt werden, indem ihm durch die Verbindung der Gesell- 
schaft nicht nur die Erzeugnisse der Industrie, sondern auch die 
Schöpfungen der Kunst und Wissenschaft zugeführt werden. Wenn 
so jeder die gesammte Kultur zu seiner Bildung und seinem pe- 
nusse verwerthet, werden die universellen Interessen des mensch- 
lichen Daseins den individuellen dienstbar gemacht; dies haben 
wir deshalb (oben S. 58 f.) als das Wesen des Privatlebens be- 
zeichnet. Es folgt hieraus zugleich, dass die Geschichte des 
Privatlebens, welche zeigt, wie dasselbe sich fortschreitend, wenn 
auch mit vielfachen Abirrungen, seinem Ideale annähert, der 
eigentliche Mittelpunkt der Culturgeschichte ist (s. oben S. 364). 

Literatur, l. Zu den (oben S. 355 ff.) für die Alterthümer überhaupt 
genannten Quellen geboren auch die Ueberreste des alten Privatlebens, die 
sich in dem Volksleben der neueren Völker erhalten haben. Vergl. Sanders, 
dii8 Volksleben der Neugriechen. — John T^lfy, Studien über die Alt- 
nnd Nengriechon. Leipzig 1853. — Marcellua, 7.cs Grecs anciens et mo- 
(knien. Paris 1801. --- Curt Wachsmuth, Das alte Griechenland im neuen. 



368 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere AlterthumBlehre. 

Bonn 1864. — [Bernh. Schmidt, Das Volksleben der Nengriecben and das 
kloHsische Alterthiun. 1. Theil. Leipzig 1871.] 

Alte Bilder aus dem Privatleben sind zusammengestellt in: Tb. Panofka, 
Bilder antiken Lebens. Berlin 1843. 4. 20 Tafeln; Griechen und Grie- 
chinnen. Berlin 1844. 3 Tafeln. — E. Gerhard, Ausgelesene griechische 
Vasenbilder. Band IV. Alltagsleben. Berlin 1858. — L. Weisser, Bilder- 
atlas zur Weltgeschichte. Fol. Bd. I. Abth. 1. Lebensbilder aus dem klas- 
sischen Alterthum. Stuttgart 1862. — Vgl. ausserdem die unten angegebe- 
nen Quellen der Kunstgeschichte. 

2. Bearbeitungen der Geschichte des antiken Priratlebens: 
a. Sittengeschichte. Limburg-Brouwer, Histoire de Ja civilisatwn mo- 
rale et reliffieuse des Grecs. Grooningen 1833—38. 8 Bde. — St. John, Tä« 
IlelleneSy Ute history of the manners of the ancient Greeks. London 1844. 
2 Bde. — J. Denis, Histoire des theories et des idees morcdes dcms VantiquiU. 
Ourrage couronne par V Institut. Paris und Strassburg 1856. 2 Bde. Inhalt- 
reich und umfassend. — Friedländer, Darstellungen aus der Sittenge- 
schichte Roms in der Zeit von Augustus bis zum Ausgang der Antonine. 
Leipzig. l.Thl. 1862, 4. Aufl. 1873; 2. Thl. 1864, 3. Aufl. 1874; 3. ThL 1871. 

— [Lecky, Sittengeschichte Europas von Augustus bis auf Karl den Grossen. 
l..Aufl. 1869. 2. Aufl. 1870. Deutsch von Jolowicz. Leipzig 1870. 2 Bde.] 

b. PriYatalterthfimer. S. die Literatur der Alterthfimer im Allgemeinen 
oben S. 358 und 362. — Meierotto, lieber Sitten und Lebensart der Römer. 
Berlin 1776, 3. Ausg. 1814. 2 Bde. — W. A. Becker, Gallus oder römische 
Scenen aus der Zeit Augustes. Zur genaueren Kenntniss des römischen Pri- 
vatlebens. 3Thle. Leipzig 1838. 3. Aufl. von Rein. 1863; Charikles, Bilder 
altgriechischer Sitten zur genaueren Kenntniss des griechischen Privatlebens. 
Leipzig 1840, 2. Aufl. von K. Fr. Hermann. 1853. 3 Bde. Beide Werke 
sehr gut. — Schuch, Privatalterthümer oder wissenschaftliches, religiöses 
uud bäusliches Leben der Römer. Karlsruhe 1842. 2. (Titel-) Ausg. 1852. 
Fleisöige Zusammenstellung. — Lionnet, Palaion. Die alte Welt. Da.s 
Privatleben der Alten im populären Gewände dargestellt. Berlin 1853. — 
Gull, Griechische Privatalterthümer. In Ersch und Gruber's Encyklop. 
Leipzig 1866. — [Danz, Aus Rom und Byzanz. Weimar 1807. — Simons, 
Aus altrömischer Zeit. Culturbilder. Mit Illustrationen von A. Wagner. 
Berlin 1872 ft*. Vergl. B. Stark in Bursian's Jahresbericht 1873. S. 1575. 

— W. Freund, Griechische Privatalterthümer. Triennium philologicum 
XX. Abschn.; Römische Privatalterthümer. XXVIII. Abschn. 1875.] 



1. Metrologie. 

§ 51. Die alten Maasse sind zunächst nach ihrer absoluten 
Grösse zu bestimmen; dies geschieht, indem man sie auf ein uns aus 
der Anschauung bekanntes Maasssystem, am geeignetsten auf das 
moderne Metersystem zurückführt. Hieran schliesst sich die 
relative oder comparative Werthbestinimung der alten Maasse. 
Es bestand im Alterthum zwischen räumlichem Maass und Gewicht 



II. Privatieben. 1. Metrologie. 369 

ein rationales Verhältniss wie in unserm Metersystem. Dies Ver- 
hältniss muss bei den verschiedenen Staaten und Völkern festge- 
stellt werden und die weitere Aufgabe besteht dann darin die 
sieh so ergebenden Systeme zu vergleichen und den historischen 
Zusammenhang zu ermitteln^ in welchem dieselben unter einander 
standen. 

Die Maasse der Griechen habwi sich frühzeitig, aber nach 
der Homerischen Zeit durch den Einfluss des Orients annähernd 
einheitlich gestaltet. Die Grundlage ist das babylo^ische System, 
welches seit uralter Zeit mit dem ägyptischen wesentlich überein- 
stimmte und im ganzen persischen lleiche Gültigkeit hatte*). 
Die sternkundigen Priester der Babylonier bedurften zu ihren 
astronomischen Beobachtungen genauer Maasse. Indem sie sich 
bei der Abmessung der Stunden und der 12 Theile des Zodiacus 
des Wassers bedienten, verglichen sie die Wassermengen wahr- 
scheinlich nicht bloss nach dem Volumen, sondern auch nach 
dem Gewicht, und da die Chaldäer ohne Zweifel wie die ägyp- 
tischen Priester die Maasse des Verkehrs zu regeln hatten, erklärt 
sich so auf die einfachste Weise die schon in der frühesten Zeit 
thatsächlich vorhandene Abhängigkeit des Gewichts vom Raum-, 
maass**). Das babylonische Talent war das Gewicht von einem 
Kubikfuss Wasser und in der weitern Eintheilung und Verviel- 
fältigung dieser stathmischen und metrischen Einheiten herrscht, 
wahrscheinlich wegen ihres Zusammenhangs mit der Zeitberech- 
nung, das Duodecimalsystem vor***). Durch den phönikischen 
Handel verbreitete sich nun das babylonische Gewicht nach Grie- 
chenland f). Der König Pheidon von Argos, der in Hellas zuerst 
Geld schlug, leitete hier ungefähr im ersten Menschenalter der 
Olyrapiadenrechnung eine gemeinsame Regelung der Maasse ein. 
Von Aegina, wo er das erst« Silber prägen Hess, erhielt das von 
ihm eingeführte babylonische Talent den Namen des äginäischen; 
dasselbe ist die Wurzel fast aller Gewichts- und Münzsysteme des 
klassischen Alterthumsff). Die Münze wurde ursprünglich nach 
dem Gewicht bezeichnet, so dass die höchste Einheit ein Talent 
Silber war. Das Talent zerfiel für Münze und Gewicht in 60 Minen 

*) Vergl. Metrologische Untersuchangen S. 38 ff. 
**) Ebenda S. 35 ff. 
***) Ebenda S. '210 — 221. 

t) Ebenda S. 39 ff. 
tt) Ebenda S. 7G — 104. 
BOokh'i Encyklopftdie d. phüolog. WiMcniohall. 24 



370 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

ä 100 Drachmen a 6 Obolen, doch so, dass Talent und Mine 
als Geldwerthe nur Rechnungseinheiten waren; die eigentliche 
Münzeinheit war die Drachme und die Silbermünzen wurden von 
10 Drachmen bis zu y^ Obolos ausgeprägt*). Eine grosse Ver- 
änderung erfuhr das Münzwesen durch Solon, der bei der Sei- 
sachtheia für das attische Silbergeld den Münzfuss der persischen 
Goldwährung, d. h. ein leichteres Talent einführte, das aber mit 
dem äginäischen in einem rationalen Verhältniss stand**). Durch 
das Uebergewicht Athens wurde das attische Silbergeld, das vom 
feinsten Schrot und vorzüglich gut ausgeprägt war, überall zum 
gesuchtesten Courant und der attische Münzfuss wurde ausserdem 
in Sicilien und zum Theil in Italien herrschend, wozu hauptsächlich 
der Umstand beitrug, dass auch Korinth und seine Kolonien sich 
demselben anpassten***). Seit Alexander dem Gr. wurde er auch 
in Makedonien angenommen, nachdem schon Philipp bei derGrold- 
l^rügung einen gleichen Fuss eingeführt hatte f). In Griechenland 
cursirten erst seit der Zeit des Krösos Goldmünzen und zwar 
zunächst lydische und später persische; dann prägten griechische 
Städte in Asien Gold ; ausserhalb Asiens wurde dasselbe von den 
Griechen erst später und selten gemünzt, so dass die Numismatiker 
bis in die neueste Zeit sogar bezweifelt haben, ob in Athen je 
Goldmünzen geschlagen worden sind ff). Die goldenen Münzstücke 
wurden bis zu den kleinsten Nominalen, bis auf % Obolos ausge- 
prägt, die grössten waren der Stater (=2 Drachmen) und der 
Doppelstater (=4 Drachmen). Kupfermünzen wurden noch später, 
wohl nicht vor der 95. Olympiade eingeführt ftt)- Sie kamen 
zuerst in den westlichen Kolonien in Gebrauch. In Italien und 
Sicilien war nämlich das älteste Geld ungemünztes Kupfer, 
welches zugewogen wurde. Die italischen Gewichtssysteme hatten 
zur Einheit das Pfund (libra), das durchweg nach dem Duodeci- 
malsjstem eingetheilt wurde, aber an verschiedenen Orten von ver- 
schiedener Schwere war*t). Die sicilischen Griechen fügten nun 
dem äginäischen System ein dem Pfund entsprechendes Gewicht, 



*) Staatsh. d. Ath. I, S. 17. 

**) Metrologische Untersuchungen S.l'22ft*. - »Staatsh. d. Athener T, S.25f. 
*■**) Metrologische Untersuehimgen S. 125 ff. 

t) Ebenda S. 127 ff. und 130 ff. 
tt) Ebenda S. 121). 133 ff. — Süiatsh. d. Ath. 1, S. 31 ff. 
ttt) Metrol. Untersuchungen S. 340 f. 
*t) Ebenda S. 372 ff. 



IL Privatleben. 1. Metrologie. 371 

die XiTpa, ein, welches sie auf y^j Mine normirten. Ausserdem 
setzten sie eine Silbermünze vom Gewicht eines äginäischen Obolos 
als Aequivalent des Kupferpfundes an*); diese Silberlitra erhielt 
den Namen v6)lioc (= vö)LiK)Lia), woraus dag italische numus; sie 
ging später auf den Werth von 1% att Obolen herab. Eingetheilt 
wurde der Numus nach dem Duodecimalsystem des italisch -sici- 
lischen Gewichts und die kleinsten Stücke wurden in Kupfer aus- 
geprägt**). Dies fand dann in Hellas Nachahmung; in Athen 
prägte man Kupfermünzen von y^ Obolos Silberwerth abwärts***). 
In Italien kam die Ausmünzung des Kupfergeldes unter griechischem 
Einfluss auf und man stellte dabei ein rationales Verhältniss zu 
dem griechischen Münz- und Gewichtssystem her. In Rom, wo 
nach glaubhafter Ueberlieferung Servius Tullius das erste Geld 
münzte, wurde die libra zunächst nach der äginäischen Litra nor- 
mirt, wodurch sie zugleich mittelbar in ein einfaches Verhältniss 
zur attischen Mine (=3:4) kamf). Die Münzeinheit, der ds, 
war ursprünglich pfundig und wie das Pfund eingetheilt. 'Kurz 
vor Beginn des 1. punischen Krieges 269 v. Chr. prägte nun 
Rom das erste Silbergeld: Denarien, Quinarien und Sestertien 
im Werthe von 10, 5 und 2% As mit Anschluss an das sicilische 
Münzsystem tt). Im Zusammenhang mit dieser Währung trat 
eine Gewichtsreduction des Kupfer- Asses ein, welcher bis zum 
Jahre 89 v. Chr. auf das Gewicht einer halben Unze herabgingftt)« 
Bald darauf hörte die Kupferprägung überhaupt auf. Gold wurde 
von den Römern zuerst im Jahre 217 v. Chr. geprägt^ aber nur 
vorübergehend. Erst zu Ende der Republik wurde die Gold- 
prägung wieder aufgenommen und Cäsar legte den Grund zur 
Goldwährung, die seit Nero im römischen Reiche feststand; als 
Scheidemünze wurde neben dem Silber seit 15 v. Chr. auch wieder 
Kupfer geprägt*!). 

In Babylon war von der euthymetrischen Einheit die stereo- 
raetrische und von dieser die stathmische abgeleitet; bei den 
Griechen und Römern musste das umgekehrte Verfahren statt- 



*) Metrologische Unterauchungen S. 302 ff. 
**) Ebenda S. 310 ff. 
***) Staatsh. d. Ath. I, S. 17. 

t) Metrolog. Untersiichnngen S. 161 ff. 204 ff. 
tt) Ebenda S. 44 G ff. 
ttt) Ebenda S. 451 f. 471 ff. 
*t) Ebenda S. 459 ff. 

24* 



II. Privatleben. 1. Metrologie. 373 

Grundlage aller griechischen Kaummaasse^ die dann weiterhin in 
allen Staaten dem Pheidonischen System angepasst wurden*). 
Als die griechischen Maasse nach Rom übertragen wurden^ musste 
zunächst das römische Quadrantal in dasselbe Yerhältniss zum 
äginiiischen Metretes gesetzt werden, wie die libra zur litra, und 
in der That ergiebt sich dies indirect daraus, dass das Qua- 
drantal sich zum attischen Metretes wie 2 : 3 verhält**). Das 
Yerhältniss des Fusses zur Elle und zu seinen Unterabtheilungen 
ist dasselbe wie bei den Griechen, nur dass daneben die rein- 
deciraale Eintheilung bestand, welche der Eintheilung der libra 
und des as genau entsprach. Das Haupthohlmaass für trockene 
Gegenstände, der modius betrug Yg des Quadrantal. Bei der 
durchgängigen Abhängigkeit des Maasses vom Gewicht ist es auf- 
fällig, dass der ältesten stathmischen Einheit der Griechen, dem 
äginäischen Talent, die stereometrische nicht entspricht; denn 
der olympische Kubikfuss Wasser wiegt nur % Talent. Der Grund 
hiervon liegt darin, dass die Griechen als Längenmaass den ge- 
meinen babylonischen Fuss einführten, während das babylonische 
Talent nach dem Kubus des grösseren sog. königlichen Fusses 
bestimmt war. Wahrscheinlich hatte man in Babylon zunächst 
aus dem Kubus des gemeinen Fusses den des königlichen im 
Verliältniss 1 : IV2 normirt und daraus dann den königlichen Fuss 
selbst als Seite seines Kubus gewonnen, in ganz ähnlicher Weise, 
wie man später bei der Anpassung eines Systems an das andere 
verfuhr***). So ist z. B. der römische Fuss wahrscheinlich zuerst 
auf mechanische Weise aus dem Quadrantal gefunden; da er sich 
hiernach zum olympischen annähernd wie 24 : 25 verhielt, wurde 
dann dies rationale Yerhältniss festgehalten!). 

Literatur« Quellen. Es sind aus dem Alterthum Maassstäbc,Holil- 
maasse und Gewichtsstücke erhalten, die aber natürlich nur eine an- 
nähernde Bestimmung des Normalmaasses ermöglichen, nach welchem sie 
gefertigt sind. Beschreibungen derselben sind in den metrologischen Werken 
der Neueren enthalten. Die Kaummaasse werden am genauesten aus antiken 
Gebäuden bestimmt, deren Dimensionen anderweitig bekannt sind; so hat 
man den griechischen Fuss zuerst aus dem Parthenon ermittelt. 

Für die Gewichtsbestimmung sind die vorzüglichsten Quellen die zahl- 
reichen Münzen. Die bedeutendsten Münzsammlungen befinden sich in Paris 

*) Metrolog. Untersuchungen S. 281 flf. 
**) Ebenda S. 204 ff. 284 ff. 
***) Kl. Sehr. Bd. VI, S. 257 ff. 
t) Metrolog. Untersuchungen S. 196 ff. S XIX f. 



II. Privatlebeu. 1. Metrologie. 375 

peupks et des modernes. Paris 1780. Voller Phantasmen. — Borne del'Islc, 
Metrologie ou tables pour servir ä VintelUgetice des poids et mesures des 
afunetis. Paris 1789, deutsch von Grosse. Braunschweig 1792. Im Ein- 
zelnen, besonders in Bezug auf die Münzgewichte brauchbar, aber im Ganzen 
aus unbegründeten Annahmen zusammengefügt. — Ideler, üeber die 
Längeq- und Flächenmaasse der Alten. Abhandlungen der Berl. Akademie 
1812/13. 25. 26. 27. Sorgfältige und genaue Untersuchungen. — Wurm, 
De panderum, nuniorufn, mensurarum ac de anni ordinandi rationibus apud 
Romatios et Graecos. Stuttgart 1821. Ein sehr verständiges Handbuch. — 
Cagnazzi, Su i valori delle misure e dei pesi degli antiehi Bomani. Neapel 
1825, deutsch von A. v. Schönberg. Kopenhagen 1828. Reichhaltig an 
Material. — Saigey, Tratte de me'trologie ancienne et moderne. Paris 1834. 
Ganz unhistorisch. — Paucker, Metrologie der alten Griechen und Römer. 
In den Dorpater Jahrbüchern für Literatur. Bd. V. 1835. Nicht ohne Werth. 
— Ilussey, Essay on tfie ancient weiglUs and moneg and the Botnan and 
Greek liquid measures with an appendix on the Eoman and Greek foot, Ox- 
ford 1836. Gründlich und besonnen. — Boudard, Essai sur Ja metrologie 
aitique et romaine. Paris 1854. — Fenner v. Fenneberg, üntersuchimgen 
über die Längen-, Feld- und Wegmaasse der Völker des Alterthums. Berlin 
1859. Mit Geschick zusammengefügt; aber die Grundlagen sind unrichtig. — 
Don Vasquez Queipo, Essai sur les systhnes metriques et monctaires des 
andern peuples. Paris 1859. 3 Bde. Das umfangreiche Werk ist mühselig, 
aber ohne scharfe Kritik gearbeitet. — Hultsch, Griechische und römische 
Metrologie. Berlin 1862. Das beste Handbuch. Derselbe, lieber das baby- 
lonische und euböische Talent, in Fleck eise n's Jahrbüchern 1862; Grie- 
chische Metrologie in Ersch und Gruber's Encyklopädie. 1863. Hultsch 
schliosst sich hauptsächlich an Mommsen an und weicht vielfach von mir 
ab. — Lepsius, Die alt-ägyptische Elle und ihre Eintheilung. Schriften 
der Berl. Akademie. 1865. Derselbe, üeber eine hieroglyphische Inschrift 
am Tempel von Edfu. Abhandl. der Berl. Akademie 1855. [Grundzüge der 
ägyptischen Geodäsie, weiter aufgeklärt durch die Geometrumena Heron's 
von Alexandrien ed. Hultsch.] — H. Wittich, Metrologische Beiträge; 
Plülologus 1865. 1866. 1867. 1860.— J. Brandis, Das Münz-, Maass- und 
Gewichtwetien in Vorderasien bis auf Alexander d. Gr. Berlin 1866. 

Xumismatik. Hat eine Disciplin wie die Numismatik ihren Gehalt nur 
an einem materiellen Gegenstand, so kann derselben ihre Stelle in dem 
Ganzen der Wissenschaft nur nach dem Zweck, d. h. dem Hauptzweck an- 
gewiesen werden, welchen der Gegenstand hat; denn darin liegt seine Idee. 
Nun ist aber der Hauptzweck der Münzen, d. h. der geprägten Metallge- 
wichtc ihr Gebrauch für den Verkehr; folglich ist die Numismatik ein Theil 
der Metrologie und nicht der Kunstarchäologie, wenn auch das Gepräge 
einen Kunstwerth hat. Das Gepräge ist ein Stempel, der den Werth der 
Münzen anzeigt und garantirt; dass es künstlerisch ausgeführt wird, ist un- 
wesentlich, aber für die Geschichte des Privatlebens ebenso charakteristisch 
wie die künstlerische Gestaltung aller zum Lebensbedarf dienenden Gegen- 
stände. Natürlich wird die Kunstgeschichte diese „anhängenden" Kunst- 
zweige berücksichtigen, ähnlich wie die Münzen auch Gegenstand der Paläo- 
graphio und Denkmäler für die Staatengeschichte sind. Da die Numismatik, 



376 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

wie sie sich historisch gebildet hat, die Münzen nach allen diesen BQck- 
»ichten betrachtet, ist sie keine einheitliche Disciplin, sondern ein Aggregat 
oder eine Samrohing von Material für verschiedene Disciplinen. Wir 'fflgen 
die Ueberbicht der gesammten numismatischen Literatur hier ein, weil sich 
eine Trennung nicht wohl vornehmen lilsst. 

, Scaliger, De rc numaria dissertatio. Leiden 1616, abgedr. in Thesaur. 
Gronoü. IX. — 8avot, Discours sur les mcdailles antiques. Paris 1627. — 
Gronov, De scstertiis 8, subsecivomm pecunicie vet^s graecae et ratnanae 
libri IV. An^sterdam 1656. — Rasche, Lexicon unirersae rei numariae 
veterum. Leipzig 1785—1805. 14 Bde. — Lipsius, BibJiotheca numaria. Cum 
praefutione lleinii. Leipzig 1801. 2 Thle. Znsammenstellung der Literatur 
bis zu Ende des 18. Jahrb. -- Eck hei, JJoctrina numoruvi veterum. Wien 
1792—98. 8 Bde. 4. Ein umfassendes \Verk, worin die ungeheure Masse der 
erhaltenen Münzen nach geographischem Eintheilungsprincip geordnet nnd 
beschrieben ist; die metrologische Rücksicht tritt aber fast ganz zurück. 
Dazu: Steinbüchel, Addenda ad EckhcUi äoctrinam numorum veterum ex 
eiusdem auiographo postumo. Wien 1826. — Mionnet, Description des-wedailles 
antiques grccqnes et romaincs. Paris 1806-37. 6 Bde. Text und 1 Bd. Kupfer, 
dazu 9 Bde. Supplement«. Die wesentlichste Ergänzung zu Eckhel. — Le- 
tronne, Consideratiofts gencrahs sur Vecahiaiion des monnaies grecques et 
romaincs. Paris 1817. Ausgezeichnet. ~ Sestini, Glasses generöses seu moneta 
vetus urbium, popuhrum et regum ordine gcographico et dtrwiologico descripta, 
Florenz 1826. 4. 2 Bde. — Hennin, Manuel de numismatique ancienne. 
Paris 1830. 2 Bde. — Mi Hingen, Anciefit coins ofGreek eitles and Kings, 
from carious coUectians^ principalhj in Great Britain. London 1831. 4. — 
I.Wes grave del Mmeo Kircher iano ovvero le mwiete primitive de* popoH deXV 
Italia. Rom 1839. 4. Von den Jesuiten Giuseppe Marchi und Pictro 
Tessieri. Das Hauptwerk über die altitalischen Münzen; enthält viel Hypo- 
thetisches. -- Ach ille Oenarelli, La moneta e i monumcfdi primitiv i deW 
lialia antica. Rom 1843. 4. Geht besonders auf das Chronologische ein. — 
Ricci o, Lc monete delle antiche f'amigh'e. 2. Ausg. Neapel 1843. — J. Aker- 
mau, -1 numismatic manual. London 1840; Ancient coins. London 1846. 
6 Bde. — Prokesch-Osten, Die Münzen Athens. AbhandL d. Berl. Aka- 
demie 1848. Genaue metrologische Untersuchung. — v. Werlhof, Hand- 
buch der griechischen Numismatik. Hannover 1850. — Humphrey, Ancient 
coins and medals. London 1851. — Graesse, Handbuch der alten Numismatik 
von den ältesten Zeiten bis auf Constantin d. Gr. Leipzig 1854. Mit schönen 
Abbildungen, aber voll von Versehen und Irrthümem. — Beule, /.es monnaies 
d'Athcncs. Paris 1858. 4. Das Hauptwerk über die attischen Münzen, t- 
Th. Mommsen, Geschichte des röm. Münzwesens. Berl. 1860. Vorzüglich. 
Zeltschriften fOr Niimisuiatik: Numismatische Zeitung, redigirt von 
Leitzmann (gegr. 1834). Weissenfeis. — Münzstudieu, herausgeg. von H. 
Grote (gegr. 1834 unter dem Titel: Blätter für Münzkunde). Leipzig. — 
Jievue numif^tnatiquc publice par A. deLongperier et J. de Witte (gegr. 
18361 Parii?. — Numismatic chronicle ed. bg Vaux, Evans, Head (ge^. 
1S38). London. — lievue numismatique beige jnibliee 2)ar Ch^lon, de C oster, 
»^errur» (^^^^'' ^^^-/' Brüssel. - [ Numismatische Zeitschrift, herausg. von 
der Ulm •^niatiöcheu Gesellschaft in Wion, redig. von Karabacek (gegr. 



II. Privatleben. 2. Aeussercs Privatleben. 377 

« 
1869). Wien. - - Veriodico di Numismatica e Sfragistica per la Storia d*Itdlia 
diretto da C. Strozzi (gogr. 1870). Turin. — Zeitschrift- für Numismatik, 
hcrausgeg. von A. v. Sallct (gegr. 1873). Beriin.]*) 



2. GescUclite des äusseren PrivaÜebens oder der WirtlLschaft. 

§ 52. Die materiellen LebensbedürfniBse sind: 1) Nahrung, 
2) äussere Körperpflege, wozu auch die Kleidung gehört, 3) Woh- 
nung nebst Hausger'^th, 4) Verkehrsmittel zur Fortbewegung von 
Personen und Sachen. Wie aber das Privatleben alle anderen Cultur- 
nphären in seinen Dienst zieht, so liefert es auch allen die mate- 
riellen Mittel: dem Staat die ganze Ausrüstung, die der Staats- 
haushalt bedarf, der Kunst und Wissenschaft die Mittel zur 
Existenz nebst den erforderlichen Instrumenten und Materialien. 
Die Volkswirthschaft bildet einen natürlichen Organismus ziu' 
gemeinsamen Befriedigung aller genannten Bedürfnisse und die 
Geschichte des antiken Privatlebens hat die Ausbildung dieses 
Organismus im Alterthum darzustellen. 

Hierbei muss man wieder vor Allem die volkswirthschaft- 
lichen Grundsätze der Alten erforschen, die in jener Entwickelung 
ihren Ausdruck gefunden haben> Sie sind, abgesehen von den 
Vorurtheilen über die Sklavenwirthschaft und den sich daraus 
ergebenden Consequenzen, im Ganzen sehr gesund und meist 
richtiger, als sie in der neueren Zeit lange gewesen sind. Zu einer 
wissenschaftlichen Theorie der Volkswirthschaft, wie sie sich in den 
letzten Jahrhunderten ausgebildet hat, finden sich freilich im Alter- 
thum nur schwache Anßnge. Piaton und Aristoteles behan- 
deln die volkswirthschaftlichen Principien nur ganz allgemein im 
Zusammenhange mit ihrer Staatslehre. So giebt Piaton im 
2. Buch der Kepublik eine vortreffliche Begründung des Grundsatzes 
von der Theilung der Arbeit und macht besonders im Sophist, 
im Staatsmann und in den Gesetzen sehr treffende Bemerkungen 



*) Znr Metrologie: Metrologische Untersuchungen über Gewichte, 
Münzfiisse uud Maasne des Alterthnms in ihrem Znsammenhange. Berlin 
1838. — Additamcnta disquisitionum metrologicarutn. 1843. Kl. Sehr. TV, 
S. 534 — 547. — Ueber die Kenntniss der Alten von der verschiedenen 
Schwere des Wasserri. 1839. Kl. Sehr. VI, S. 67 — 71. — Das Babylonische 
Längenmaass an sich und im Verhältniss zu den anderen vorzuglichsten 
Maasson und Gewichten des Alterthums. 1854. Kl. Sehr. VI, S. 252— 291. — 
Staats hauöhaltimg der Athener Buch I, Kap. 2 — 6. 



378 Zweiter IlaupUheil. 2. Ab»cbu. Besondere Alterthumslehre. 

über andere wirthschaftliche Fragen. Aristoteles* deutet »u 
Anfang der Politik die Grundzüge der Wirthschaftslehre an; die 
unter seinem Namen erhaltene, wahrscheinlich von Theophrast 
herrührende Oekonomik geht auch nicht in's Detail ein. Xeno- 
phon's Oekonomik und die Schrift irepi iröpujv, sowie vielerlei 
Andeutungen in seinen übrigen kleinen Schriften sind nicht un- 
interessant. Vergl. Hildebrand, Xenophontis et Aristotclis de 
occonomia imhlica doctrinae. Marburg 1845, worin Xenophon's 
Grundsätze in einem guten Ueberblick systematisch zusammen- 
gestellt sind. Xenophon war ein praktischer Mann, aber von 
etwas eingeschränktem Gesichtskreis-, man muss annehmen, dass 
manche verloren gegangene Schriften Anderer weit bedeutender 
waren. ^Allein die Philosophen, welche die griechische Wissen- 
schaft begründeten, haben sich, wie man aus Aristoteles er- 
sieht, mit dem Gegenstand nur so weit beschäftigt, als er höhere 
Interessen berührte, und die Gelehrsamkeit nach Aristoteles 
vermochte nicht das Leben zu durchdringen, so dass eine uatio- 
nalökonomische Wissenschaft mit wirklichem Einfluss auf die 
Praxis nicht entstehen könnt«. Wir müssen also die volkswirtb- 
schaftlichen Principien der Alten, abgesehen von zerstreuten Be- 
merkungen der Schriftsteller, aus den Thatsaehen selbst ermitteln*). 

Besonders zu berücksichtigen ist hierbei die Wirthschafts- 
poHtik der alten Staaten und der Einfluss der g^sammten Ge- 
setzgebung auf die Wirthschaft. Doch folgt daraus nicht, dass das 
Vermögensrecht in die Darstellung des Privatlebens aufzunehmen 
ist, wie dies C. Fr. Hermann in seinen Privatalterthümern (s. 
oben S. 359) gethan hat. 

Der wirthschaftlichen Seite der Erwerbsthätigkeit ist die 
technische untergeordnet; denn in der Te'xvrj ßdvauco^ dient die 
Kunstfertigkeit dem Bedürfniss; der leitende Gesichtspunkt ist 
immer die Naturproducte den Zwecken der wirthschaftlichen 
Verwendung entsprechend und zugleich mit möglichstem Vortheil 
der Producenten zu gestalten. Die Technologie war im Alter- 
tlium praktisch sehr entwickelt, aber ebenfalls zu keinem wissen- 
schaftlichen System ausgebildet, weshalb das Maschinenwesen nicht 
zu höherer Vollkommenheit gelangen konnte. Es ist bezeichnend, 
dass die Griechen unter xexvoXoTia ohne weiteren Zusatz die 
Theorie der rhetorischen Technik verstanden. Indess wurde 

*) Vergl. Staatshauöh. der Athener I, S. 3 f. 



II. Privatleben. 2. Aeussercs Privatleben, a. Landbau n. Gewerbe. 379 

« 

schon seit der Zeit der Sophisten das Verfahren der praktischen 
Uantierimgen in Schriften dargestellt*). 

a. Landbau und Gewerbe**). 

§ öS. Die Griechea und Italer erscheinen seit den ältesten 
Zeiten als thätige ackerbautreibende Völker. Die Homerischen 
Helden bestellten ihre Felder selbst, und in Rom wurden noch 
in der guten Zeit der Republik die Dictatoren vom Pfluge geholt. , 
Auch als man die ländliche Handarbeit mehr und mehr den 
Sklaven überliess, blieb die Landwirthschaft eine Lieblingsbe- 
schäftigung der Wohlhabenden. Der Getreidebau wurde mit ein- 
fachen Werkzeugen, aber sehr geschickt betrieben; man baute 
ferner eine grosse Anzahl von Küchengewächsen und Zierpflanzen 
auf dem Felde und in Gärten, sowie auch die Baumzucht sehr 
entwickelt war. Die wichtigsten Culturgewächse sind den Grie- 
chen aus dem Orient zugeführt; später haben die Römer aus 
allen Ländern Nutzpflanzen aller Art, besonders Obstbäume nach 
Italien gebracht und dann weiter in den Provinzen verbreitet. 
Der Weinbau wurde in Griechenland seit den frühesten Zeiten 
fleissig gepflegt und von dort nach Italien verpflanzt; hier kam 
er zur höchsten Blüthe, als seit der Eroberung Siciliens und 
Sardiniens der römische Getreidebau durch die überreiche Zufuhr 
des Getreides aus den Provinzen und die verderbliche Maassregel 
der Komspenden zu Grunde gerichtet wurde. Man warf sich 
seitdem ' besonders auf die Anpflanzung von Oliven und Wein 
und erzielte hierin durch den Grossbetrieb auf den Latifundien 
die bedeutendsten Erfolge. Die Forstwirthschaft war im Alter- 
thume ganz unvollkommen. Theils in Verbindung mit der Boden- 
cultur, theils unabhängig von ihr wurde die Viehzucht eifrig be- 
trieben. Schon die Griechen leisteten Bedeutendes in der Racen- 
veredlung der Hausthiere, die sie theils aus der asiatischen Hei- 
math mitgebracht hatten, theils durch den Handelsverkehr aus 
dem Orient erhielten; die Römer haben nach dem Verfall des 
(fctreidebaues einen beträchtlichen Theil der italischen Aecker in 
Weideland verwandelt; auch führten sie eine grosse Anzahl aus- 
ländischer Thiere, besonders Geflügel ein. Von vorzüglicher 
Wichtigkeit war für die Alten die Bienenzucht, weil sie keinen 

♦) Vergl. Staatsh. d. Ath. I, S. 59. 
**) Vergl. über Landbau und Gewerbe in Attika: Staatshauah. d. Ath. 
Bch. I Kap. 8. 



380 Zweiter Haupttbcil. 2. Ab»chn. BcHondcrc Alterthunulehre. 

Rohr- und Rübenzucker hatten. Die Fischerei wurde von den 
U riechen noch in der Homerischen Zeit und ebenso in Italien 
in den ältesten Zeiten Roms fast gar nicht betrieben, aber 
später in Hellas und noch mehr durch die Römer ausserordent- 
lich ausgebildet. In Griechenland verband sich damit "die Pur- 
pur- und Schwammfischerei. Die Jagd war eine altbeliebte Be- 
schäftigung; die Römer hielten ausserdem Wild in den Vivarien, 
die in der letzten Zeit der Republik auf jeder Villa angelegt 
wurden. Endlich züchtete man Thiere, namentlich vielerlei Vogel, 
zum Vergnügen. Das Mineralreich lieferte in Hellas in reichem 
Maasse alles für die bildende Kunst erforderliche Material, femer 
einen massigen Vorrath von Metallen, den man so geschickt aus- 
beutete, als dies bei dem Mangel an einer wissenschaftlichen 
Technik des Bergbaues möglich war; Salz gewann man haupt- 
sächlich aus dem Seewasser. In Italien begründeten die Etrusher 
den Bergbau, der später miter griechischem Einfluss vervoll- 
kommnet wurde. Alle drei Naturreiche wurden endlich eifrig filr 
die nuitcria medica ausgebeutet, die bei den Alten sehr umfang- 
reich war; zur Kur wurden auch Heilquellen und Seebäder früh- 
zeitig benutzt. 

Die Verarbeitung der Naturproducte für die wirthschaft- 
lichen Zwecke geschah in der ältesten Zeit hauptsächlich in jedem 
einzelnen Haushalt. Im Homerischen Zeitalter hatten sich indess 
das Bauhandwerk, die Töpferei, die Leder- und Metallarbeit zu 
besonderen Gewerken gebildet, also Arbeiten, welche den Bau der 
Wohnungen, Wirthschaftsräume und öffentlichen Gebäude, sowie 
der Wagen und Schiffe, ferner die Verfertigung künstlichen 
Hausraths und mannigfacher Instrumente für die verschiedenen 
Sphären des Lebens zum Zweck haben. Diese Industriezweige 
spalteten sich dann mit der Entwickelung des städtischen Lebens 
in eine ausserordentliche Menge von Gewerben, welche sich mit 
der künstlichen Bearbeitung von Holz, Stein, Thon, Metallen, 
später auch von Glas, ferner von Leder, Knochen und Elfen- 
bein, sowie anderen Stoffen aus dem Pflanzen- und Thierreiche 
beschäftigten. Die Arbeitstheilung in diesen Gewerben, welche 
seit der Blüthezeit Griechenlands in Sklavenfabriken betrieben 
wurden, ging so weit, als dies ohne Anwendung eines compli- 
cirten Maschinenwesens möglich ist. Die Technik überkamen die 
Griechen zum grossen Theil von den Orientalen; aber sie haben 
dieselbe nicht nur zweckentsprechend entwickelt, sondern vor 



II. Privatleben. 2. Aeuseeres Privatleben, b. Handel. 381 

allem das Handwerk zur Eunstindustrie ausgebildet^ welche durch 
ihre 8ch()nen Formen uns noch heute zum Muster dient. 

Die Bereitung der Speise und die Körperpflege blieb der 
Hauptsache nach dem Hause überlassen. Aber schon frühzeitig 
wurden die Müllerei, Bäckerei und Schlächterei als Gewerbe be- 
trieben. Färber, Walker und Lederarbeiter unterstützten die 
häusliche Thätigkeit. Später wurde in den Städten die Kochkunst 
und Gastronomie überhaupt zur höchsten Feinheit ausgebildet; 
zur Kleidung wurden die feinsten Stoffe fabrikmässig gewebt und 
gestickt; die Anfertigung der Kleidungsstücke selbst beschäftigte 
eine ganze Reihe von Gewerben; für die weitere Körperpflege 
sorgten Bader, Barbiere, Perrückenmacher, Verfertiger falscher 
Zähne u. s. w., und eine Schaar von Handwerkern war für die 
Bedürfnisse der männlichen und weiblichen Toilette thätig. 

Bei den Römern entwickelten sich die Gewerbe zuerst in 
ähnlicher Weise, wenn auch langsamer als bei den Griechen. 
Schon in sehr alter Zeit bestanden in Rom cöllegia opificum, der 
Sage nach von Numa eingesetzt; die ältesten waren die Zünfte der 
Bauleute, Töpfer, .Goldarbeiter, Schmiede, Gerber, Lederarbeiter 
und Färber, also dieselben Gewerbe, die sich auch in Griechenland 
am frühesten aussonderten. Die römische Industrie hat indess 
selbständig nichts Bedeutendes geleistet; sie stand zuerst unter 
dem Einfluss Etruriens, das sich besonders in der Töpferei und 
Metallarbeit auszeichnete; aber von den griechischen Kolonien in 
Sicilien und Grossgriechenland wurden überall in Italien grie- 
chische Fabricate eingeführt und dann hier nachgeahmt. Unter 
der Herrschaft der Römer wurde die ganze Technik der Griechen 
nach Italien und weiterhin nach allen Provinzen verpflanzt. 

b. Handel.*) 

§ 54. Die Rohproducte und Fabricate wurden ursprünglich von 
den Producenten. selbst an die Consumenten verhandelt. Hieraus 
entstand in allen griechischen Städten frühzeitig ein reger Markt- 
verkehr, aus dem ein Zwischenhandel im Kleinen (KaTrrjXeia) für 
die verschiedensten Waarengattungen hervorging. Grössere Märkte 
knüj)ften sich an die religiösen Feste und insbesondere waren 
die Nationalspiele mit grossen Messen verbunden. Im Uebrigen 

*) Vorgl. über don Handel der Griechen, besonders den attischen: 
Staatsh. d. Ath. Bch. 1, Kap. 9. 



382 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

war der Binnenhandel wegen der mangelhaften Verkehrsmittel 
unbedeutend; der Grosshandel (djUTtopia) wurde hauptsächlich zur 
See betrieben. Ursprünglich war der ganze Handelsverkehr 
an den griechischen Küsten in den Händen der Phöniker; aber 
schon in der Homerischen Zeit betheiligen sich griechische 
Fahrzeuge daran und dadurch, dass die Industrie der Griechen 
die orientalische überflügelte, wurde auch ihr Handel selbständig; 
seit den Perserkriegen beherrschte er das Mittelmeer und nur im 
"Westen concurrirten die Karthager mit ihnen. Abgesehen von 
wenigen Luxusartikeln wurden seitdem in Griechenland, fast nur 
Rohproducte eingeführt und überwiegend griechische Fabrikate 
ausgeführt; ausserdem vermittelten die Hellenen den Austausch 
zwischen verschiedenen fremden Handelsplätzen. Zugleich fiel 
den Handelsschiffen die gesammte Personen-, Packet- und Brief- 
beforderung zur See zu, die indess durchaus nicht geregelt war. 
Die meisten griechischen Staaten begünstigten und förderten den 
Handel durch Anlegung und Unterhaltung guter Landstrasseu, 
durch Einrichtung bequemer Märkte und Emporien und durch 
mancherlei den Kaufleuten gewährte Privilegien und schützten 
ihn durch strenge Schuldgesetze, ein schleuniges Gerichts- 
verfahren in Handelssachen und durch eine Art Handelsconsuln. 
Die Accise, sowie die Ein- und Ausfuhrzölle und Hafenabgaben 
waren massig und die Handelspolizei war im Ganzen gut einge- 
richtet. Aber nirgends bestand völlige Handelsfreiheit; vielmehr 
suchten die einzelnen Staaten du/ch Einfuhr- und Ausfuhrverbote, 
Handelsverträge und Staatsmonopole ihren Vortheil zu wahren. 
Natürlich verhielten sie sich in dieser Hinsicht sehr verschieden. 
Die Spartaner z. B. waren ganz abgeschlossen; sie lebten von 
dem, was sie selbst erzeugten, und kauften wenig. Die Athener 
dagegen führten mit Ausnahme des Getreides und der für den 
Staatsbedarf erforderlichen, besonders zum Schiffbau nothigen 
Gegenstände alle Erzeugnisse ihres Landes aus und dafiir fremde 
ein; nachdem sie die Hegemonie über die Seestaaten errungen, 
missbrauchten sie diese zu einem völligen Handelsdespotismus 
gegen die Bundesgenossen. Die politische Zersplittenmg Grie- 
chenlands übte einen nachtheiligen Einfluss auf den Verkehr, da 
die Interessen der kleinen Staaten sich mannigfach kreuzten; in 
den häufigen Fehden wurden die Kauffahrteischiffe rücksichtslos 
gekapert; ausserdem wurde das Meer durch Piraten unsicher ge- 
macht. Der kaufmännische Credit war daher gering und man 



n. Privatleben. 2. Aeusseres Privatleben, b. Handel. 383 

nahm einen hohen Gewinn, sowie auch der Seezins bedeutend 
war*). Der Zinsfuss im reinen Geldgeschäft, welches im Grossen 
von Banquiers vermittelt wurde, war ebenfalls sehr hoch (10 bis 
36%) **). Trotzdem waren die Preise der nothwendigen Lebensbe- 
dürfnisse im Alterthum niedrig, hauptsächlich weil eine geringere 
Geldmasse im Umlauf war als in der Neuzeit, und weil der Er- 
trag der fruchtbaren und wohlangebauten Mittelmeerländer keinen 
Absatz nach entfernteren Gegenden fand***). Die Erzeugnisse 
der Kunstindustrie aber kamen nur einem kleinen Theil der Bevöl- 
kerung zu Gute, da diese der Mehrzahl nach aus Sklaven bestand. 
Zu verschiedenen Zeiten concentrirte sich der griechische Handel 
an verschiedenen Plätzen. In den ältesten Zeiten war Aegina 
ein Hauptcentrum, später Korinth, seit den Perserkriegen Athen, 
nach dessen Sturz Rhodos und in der Diadochenzeit Alexandria. 
Die Römer machten eine Zeit lang Delos zum bedeutendsten 
Emporium. 

Rom war von Anfang an ein Handelsplatz. Den Marktver- 
kehr regelte Servius Tullius durch Einrichtung der Wochen- 
märkte {nundinae, s. oben S. 322); ausser dem Binnenhandel mit 
Latium trieben aber die Römer schon in der Königszeit auf 
eigenen Schiffen von Ostia aus Seehandel an den italischen Küsten, 
mTl den benachbarten Inseln und bis nach Africa hin; sie führten 
die Naturproducte des Landes, besonders Getreide aus und tauschten 
dagegen hauptsächlich Sklaven und ausländische Fabrikate ein. 
Durch die Eroberung von Tarent und Sicilien erlangte der 
römische Handel bereits eine ausserordentliche Ausdehnung, und 
nach der Verni«htung von Karthago wurde Rom allmählich das 
Hauptemporium des Mittelmeers. Im ganzen römischen Reiche ge- 
wann der Binnenverkehr einen bedeutenden Aufschwung durch 
grosse Strassen- und Brückenbauten. Das Mittelmeer wurde von 
Piraten gesäubert, und unter dem Kaiserreich gelangte in einer 
langen Friedensära der Handel zu hoher Blüthe. Neben dem 
Waaren- und Transporthandel warfen sich die Römer auf grosse 
Geldspeculationen; in allen Provinzen des Reiches setzten sich 
römische Speculanten fest, die als Banquiers und Geldverleiher 
thätig waren und öffentliche Arbeiten sowie Privatgeschäfte aller 



-»■) üober Seezina: Staatsh. d. Ath. Bch. I, Kap. 23. 
**) Ueber das Goldgeschlift: ebenda Bch. I, Kap. 22. 
***) Wohlfeilheit im Alterthum^ ebenda Bch. I, Kap. 10. 



386 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschn. Besondere AlterthumBlehre. 

Eönigthums eine Verarmung der kleinen Besitzer zur Folge, 
während sich die Patricier durch Zinswucher und die Nutzung 
des Staatslandes schnell bereicherten. Nachdem die Plebs die 
Gleichberechtigung mit den Patriciem errungen^ wandte sich die 
ganze Kraft des YoUls der grossen Eroberungspolitik zu. Dabei 
bestrebte sich die Nobilität, die anfangs ein demokratischer Yer- 
dienstadel war, den Bauernstand durch Anweisung von Staats- 
land und Gründung von Kolonien zu sichern, und zeichnete sich 
selbst durch uneigennützige Bingabe an das Staatsinteresse aus; 
als jedoch nach der Eroberung Siciliens, wie oben (S. 379) er- 
wähnt, der Getreidebau ruinirt wurde und nach dem 2. punischen 
Kriege die Vornehmen ihre Latifundien mehr und mehr nur noch 
durch Sklaven bewirthschaften liessen, verlor der Boden für den 
kleinen Besitzer seinen Werth. Der Kleinbetrieb des Gewerbes 
war aber noch weniger lohnend als in Griechenland, und da seit 
der Niederwerfung Karthago's eine maasslose Geldgier einriss, 
bestand das römische Volk zu Ende der Republik fast nur noch 
aus Geldspeculanten, welche die Eroberungen des Staats in ihrem 
Interesse ausbeuteten und aus Proletariern, welche von Sold und 
Kriegsbeute, oder von Staatsspenden und von Geschenken der um 
die Volksgunst buhlenden Reichen lebten. Unter dem Kaiserreich 
erwarben Viele durch den Heeresdienst und als besoldete Beamte 
ihren Lebensunterhalt; zugleich strömte in Rom das Proletariat 
der römischen Bürger aus allen Theilen des Reichs zusammen 
und wurde durch kaiserliche Geschenke und durch die Almosen 
der verschwenderischen Grossen erhalten. In den römischen Pro- 
vinzen entwickelten sich die Erwerbsverh'ältnisse natürlich in sehr 
mannigfacher Weise; allein durchweg fehlte in Folge der Sklaven- 
arbeit und der ungesunden, auf Aussaugung berechneten Geldspecu- 
lationen ein kräftiger erwerbsamer Mittelstand. Kunst und Wissen- 
schaft wurden bei den Römern abgesehen von einigen rohen An- 
fangen erst zu Erwerbsmitteln, als sie sich die griechische Cultur 
aneigneten. Am einträglichsten wurden nun die Künste, welche 
der Prunksucht der Grossen und der Belustigung der müssigen Menge 
dienten. Von gelehrten Berufsarten war die Advocatur die gewinn- 
bringendste, nächstdem wurden Aerzte und die Professoren der Be- 
redsamkeit am höchsten houorirt. Die rein theoretischen Wissen- 
schaften waren auf den Dilettantismus der Grossen angewiesen und 
fanden erst seit dem 2. Jahrh. n.Chr. in beschränktem Umfange Unter- 
stiitzmig durch öffentliche Schulten und Studienanstalten (s.o.S.29ö f.). 



n. Privatleben. 2. Aeusseres Privatleben, c. Hauswirthschaft. 387 

Von der Art des Erwerbs uiid der Grösse des erworbenen 
Vermögens hängt natürlich die Benutzung der materiellen Lebens- 
güter, d. h. die Art des gesammten Lebensunterhalts ab. Es ge- 
hört hierzu: 1) die Art der Ernährung, d. h. die Einrichtung der 
Mahlzeiten, 2) die Art der Körperpflege, d. h. die Tracht und der 
Gebrauch der für die Reinigung und Verschönerung des Körpers 
vorhandenen Mittel, 3) die Einrichtung und Benutzung der Woh- 
nung und des Hausgeräths, 4) die Art der Fortbewegung und 
die Benutzung der dazu dienenden Verkehrsmittel. 

Offenbar liegt hierin der Schwerpunkt der gesammten Wirth- 
schaft; denn alle Production und aller Handel richtet sich nach 
der Art der Consumtion. Freilich ist letztere auch ihrerseits 
wieder von den natürlichen Bedingungen der Production und 
von der Geschicklichkeit, der Erfindung und dem Ge- 
schmack der Producenten abhängig. 

Die gesammte Lebensweise der alten Völker ist auf die 
Naturbedingungen des griechischen und italischen Klimans be- 
rechnet und hiemach ursprünglich sehr zweckmässig eingerichtet 
Nur die Wohnungen waren in der Blüthezeit Griechenlands und 
Roms klein und schlecht, weil die freien Bürger sich vorwiegend 
ausser dem Hause aufhielten. Man sorgte zuerst für schöne 
öffentliche Bauanlagen und vernachlässigte die Privathäuser. Erst 
mit dem Verfall des öffentlichen Lebens begann man besser zu, 
bauen; in Athen soll Epikur der erste gewesen sein, der einen 
Ziergarten bei seinem Stadthause anlegte. An Geschmack über- 
traf die Lebensoinrichtung der Griechen die unserige, und auch 
die Römer entfalteten, nachdem sie ihre alte bäuerische Einfalt 
abgelegt hatten, die höchste Eleganz. Da der Geschmack national 
verschieden ist, prägt sich in allen Punkten der Lebensweise der 
Nationalcharakter aus. Zugleich verändert sich der Geschmack 
nicht nur durch die Entwicklung der Cultur überhaupt, sondern 
auch durch neue Erfindungen der Industrie, welche Anklang 
finden und durch den Einfluss tonangebender Personen oder Ge- 
sellschaftsklassen. Hieraus entsteht die Mode, die auch im Alter- 
ihum wirksam gewesen ist, wenn auch weniger als bei den mo- 
dernen Vr)lkern. Griechenland hatte z. B. auch seine Zopfzeit, 
welcher durch die Verbreitung der spartanischen Gymnastik ein 
Ende gemacht wurde (vorgl. Thukydides I, 6). Die Geschichte 
der Mode im Alterthum ist übrigens noch sehr wenig aufgeklärt. 

Durch die grossartigen technischen Erfindungen der Neuzeit 

25* 



II. Privatleben. 2. Aeusseres Privatleben. Bibliographie. 389 

und Handelsverkehrs auf antiken Wandgemälden in Abh. der E. S. Ges. d. 
W. Bd. V.] Vergl. ausserdem die oben S. 367 f. angeführten Quellen. 

2) Nenere Bearbeitungen: Heeren, Ideen über die Politik, den Ver- 
kehr und den Handel der vornehmsten Völker der alten Welt. Göttingen 
1793 fiT. 4. Ausg. 1824—26. 3 Bde. Von geringer Bedeutung. — Reynier, 
De Veconamie publique et rurale des Grecs, Genf und Paris 1826. — ' Ad. 
Blanqui, Histoire de Ve'conomie politique en Europe depuis les anciens 
jiisqu'ä no8 jours. Paris 1837. 2 Bde., deutsch von Buss^ Karlsruhe 1840. — 
J. C. Glaser, Entwickelung der Wirthschafksverhältnisse bei den Griechen. 
BerUn 1865. — [Büchsenschütz, Besitz und Erwerb im griechischen 
Alterthum. Halle 1869. — DuMesnil-Marigny, Histoire de Viconomie 
politique des anciens peuples de VInde, de VEgypte, de la JudSe et de la 
Grece. Paris 1872. 2 Bde.] 

a) Landirirthschaft und Geirerbe* Volz, Beiträge zur Gulturgeschichte. 
Der Einfluss der Menschen auf die Verbreitung der Hansthiere und der Oul- 
turpflanzen. Leipzig 1852. — [Hehn, Kulturpflanzen und Hausthiere in ihrem 
Uebergang aus Asien nach Griechenland und Italien sowie dem übrigen Europa. 
Berlin 1870. 2. Aufl. 1874.] — Dickson, The husbandry of tlie ancients. 
Edinburgl788. Nicht bedeutend. — Monge z in den Mimdres de V Institut. 
1817 ff. Th. n fl*. über verschiedene Gegenstände der Landwirthschafb und der 
Gewerbe, wie Pflug, Mühle u. s. w. — Eougier de la Bergerie, Histoire 
de Vagriculture chez les Grecs depuis HonUre jusqü'ä TMocrite. Paris 1830. — 
Forchhammer, L and wirthschaftliche Mittheilungen aus . dem Alterthum 
über Drains, Guano und Drillcultur. Kiel 1856. — Wiskemann, Die antike 
Landwirthschaft und das v. Thünensche Gesetz aus den alten Schriftstellern 
dargelegt. Preissohrift der Jablonowskischen Gesellschaft. Leipzig 1859. — 
Beheim-Schwarzbach, Beiträge zur Kenntniss des Ackerbaues bqi den 
Römern. Cas8ell867. — Günther, Der Ackerbau bei Homer. Bemburgl866. — 
[A. Thaer, Der Schild des Achilles in seinen Beziehungen zur Landwirth- 
ychaft. Philologus 1870. — emier, Antike Landwirthschafb. Hamburg 1872.] 
— Sickler, Gechichte der Obstkultur. Frankf. a.M. 1802. — Walcker, Die 
Obstlehre der Griechen und Römer. Reutlingen 1845. — Schuch, Blattgemüse 
und Salate des Alterthums. Donaueschingen 1853. — Wüstemann, Unter- 
haltungen aus der alten Welt für Garten- und Blumenfreunde. Gotha 1854. 
Interessant. — Henderson, History ofancient and modern unnes. London 1824, 
deutsch 1833. — H es sei, Die Weinveredlungsmethoden des Alterthums. Marb. 
1856. 4. — C. F. Weber, De vino .FaJemo. Marburg 1856. 4. — Mager- 
ste dt, Die Bienenzucht der Völker des Alterthums, insbesondere der Römer. 
Sondershausen 1851; Bilder aus der römischen Landwirthschaft. Sondersh. 
1858—63. 6Thle. (lieber Weinbau, Viehzucht, Feldbau, Obstcultur und Bie- 
nenzucht). — [Schlieben, Die Pferde des Alterthums. Leipzig 1867.] — 
Jo. Gottlob Schneider, Ichtkyologiae veterum specimina. Prankfurt 1782; 
Analecta ad historiam rei metallicae veterum. Frankfurt 1788. Schneider hatte 
gute technologische Kenntnisse; leider ist sein Vortrag zu tumultuarisch. — 
Harless, Die sämmtlichen bisher in Gebrauch gekommenen Heilquellen und 
Kurbäder. 1. Bd. Beriin 1846. — Landerer, Beschreibung der Heilquellen 
Griechenlands. Nürnberg 1843. — Lersch, Geschichte der Balneologie, Hy- 
droposie u. s. w. Würzburg 1863. 



II. Privatleben. 3. Inneres Privatleben, a. Geselliger Verkehr. 391 

Jv€ commerce d'Äthenes apres les guerres tnediques. Strassb. 1866. — [Genthe, 
Ucber den etniskischen Tauschhandel nach dem Norden. 2. Aufl. Frankf. a.M. 
1874. — Lindsay, History of merchant shipping and ancient commerce. 
Bd. 1 und 2. London 1874.] 

c) Hanswirthschaft* Nonnius, Diaeteticon sive de re cibaria libri IV. 
Antwerpen 2. Ausg. 1646. 4. — C. J. van Gooth, Diatribe in diaeteticam 
veterum, Utrecht 1836. 

Rubenius, De re vestiaria veterum. Antwerpen 1665. 4. — Ferrarius, 
De re vestiaria. Padua 1686. 4. — Mongez, Becherches sur les hahülements 
des anciens. Mimoires de VInstit, III und IV. 1817 f. — B Ottiger, Sabina 
oder Morgenscenen im Putzzimmer einer reichen Römerin. Leipzig 1803. 
2. Aufl. 1806. 2 Bde. Sehr galant. — Hope, Costume ofthe ancienis. London 
1841. 2. Aufl. 1875. 2 Bde. — Jo. H. Krause, Plotina oder die Kostüme des 
Haupthaares bei den Völkern der alten Welt. Leipzig 1858. -- [C. Köhler, 
Die Trachten der Völker in Bild und Schnitt. l.Theil: die Völker des Alter- 
thums. Dresden 1872.] 

Jo. H. Krause, Deinokrates oder Hätte, Haus und Palast, Dorf, Stadt 
imd Residenz der alten Welt aus den Schriftwerken der Alten und den noch 
erhaltenen Ueberresten mit Parallelen aus der mittleren und neueren Zeit 
dargestellt. Jena 1863; Angeiologie. Die Gefässe der alten Völker, insbe- 
sondere der Griechen und Römer ans den Schrift- und Bildwerken des Alter- 
thums in philologischer, archäologischer und technischer Beziehung darge- 
stellt. Halle 1854. — H. Weiss, Kostümkunde. Handbuch der Geschichte 
der Tracht, des Baues und der GeiAthe der Völker des Alterthums. II. Bd. 
Die Völker von Europa. Stuttgart 1860. — H. Rumpf, De aedibus Home- 
ricis. Giessen 1844. 1857. 1858. 4. Gründliche Untersuchungen. — [A. Winc'k- 
1er, Die Wohnhäuser der Hellenen. Berlin 1868.] — Mazois, Essai sur 
les habitations des ancietis Bomains in dem Werke Les ruines de Pomp6e 
Paris 1812— 38. 2. Thl. Derselbe, Le pdlais de Scaurus. Par. 1822, 3. Ausg. 
von Varcollier 1861, deutsch von Wüstemann 1820. — Zumpt, Ucber 
die bauliche Einrichtung des römischen Wohnhauses. Berlin 1844. 2. A. 1851. 

Scheffer, De re vehicularia veterum, Frankfurt 1671. 4. — Ginzrot, 
Die Wagen und Fuhrwerke der Griechen und Römer, nebst der Bespannung, 
Zäuraung und Verzierung ihrer Zug-, Reit- und Lastthiere. München 1817. 
1818. 2 Bde. 4. — [Heinr. Stephan, Das Verkehrsleben im Alterthum. 
In Raumer 's histor. Taschenbuch. 1868. — Hudemann, Geschichte des 
römischen Postwesens. Berlin 1875.]*) 

3. ßescUchte des innem Privatlebens oder der Gesellschaft. 

a. Geschichte des geselligen Verkehrs. 

§ 57. Da die Gesellschaft aus der Familie erwächst, ist die 
Begründung der Familie der Ausgangspunkt des geselligen Ver- 

*) Znr Geschichte des ftnssoren FriTatlebens : lieber die Laurischen 
Silberbergwerke in Attika. 1815 und 1816. Kl. Sehr. V, S. 1 — 64. — 
Staatahaushaltung der Athener Bch. 1, Kap. 7 — 24, Bch. 4, Kap. 2 — 4. — 
Urkunden über dati Seewesen des attischen Staats. 1840. 



392 Zweiter Haupitheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslebre. 

kehrs (s. oben S. 365). Die Geschichte des letztem betrifft also 
zuerst das Verhältniss der natürlichen Geschlechter, dessen Mittel- 
punkt die Ehe ist, dann die natürliche Erweiterung des Familien- 
lebens durch Verwandtschaft, endlich die fernere gesellige Ver- 
bindung durch gemeinsame materielle und geistige Interessen. 
Nach allen diesen Beziehungen besteht der gesellige Verkehr in 
einem geistigen Zusammenleben, in einer gegenseitigen person- 
lichen Hingabe zu gemeinsamem Lebensgenuss. An die physische 
Geschlechtsliebe knüpft sich die geistige Gattenliebe; diese er- 
weitert sich zur Verwandtenliebe; dann tritt die Gastfreundschaft, 
die gesellschaftliche Höflichkeit im Geschäftsverkehr und endlich 
die auf individueller Zuneigung beruhende Freundschaft hinzu. 
Jeder Einzelne strebt so von Natur danach sich durch die Theil- 
nahme der Übrigen unter Menschen als Mensch zu fühlen, ob- 
gleich dies Streben beständig durch die Selbstsucht gehemmt 
wird, welche die Menschen einander entfremdet und verfeindet. 
Die Geschichte der Gesellschaft hat zu untersuchen, wie durch 
den sich entwickelnden geselligen Verkehr der Zweck des Privat- 
lebens verwirklicht wird (s. oben S. 367). 

Hierbei ist zu berücksichtigen, wie der Verkehr auf die 
Wirthschaffc zurückwirkt. Die Hochzeitsgebräuche, das eheliche 
Zusammenwohnen, die Übung der Gastfreundschaft, die geselligen 
Vereinigungen zu Spiel und Unterhaltung modificiren die äussere 
Lebensweise und erzeugen Bedürfnisse, welche die Industrie zu 
befriedigen hat. Die Art der Gütergemeinschaft zwischen Ehe- 
gatten und Verwandten überhaupt, die gegenseitige Unter- 
stützung von Verwandten und Freunden beeinflussen femer die 
Verhältnisse des Besitzes und Erwerbes. Schon im griechischen 
Alterthum hat man begonnen Vereine zu geselligen Zwecken 
(egavoi) zu gründen*); ebenso bestanden in Rom mannigfaltige 
coUcgia und sodalitates zu ähnlichen Zwecken. Dagegen fehlen 
im heidnischen Alterthum mildthätige Gesellschaften und Anstalten 
zur Armen- und Krankenpflege, weil sich die Humanität noch 
nicht zur allgemeinen Menschenliebe erhoben hatte. 

Die Einwirkung des Staatslebens auf das Privatleben (s. oben 
S. 366 f.) zeigt sich vorzüglich im geselligen Verkehr und tritt hier 
bei den alten Völkern ganz besonders stark hervor. Das gesunde 
Familienleben, das in der Homerischen und ebenso in der alt- 



*) StaÄtshaush. d. Athener I, 346 f. 



IL Privatleben. 3. Inneres Privatleben, a. Greaelliger Verkehr. 393 

römischen Zeit besteht, wird durch die politische Entwickelung 
schwer beeinträchtigt. Der gesellige Verkehr der Bürger fand 
bei den Griechen in der Blüthezeit ihrer Staaten grossentheils 
ausser dem Hause, auf dem Markte, in den Ringschulen, den 
Leschen, den Werkstätten u. s. w. Statt und zwar nur unter 
Männern, welche in dorischen Staaten wie Sparta und Kreta 
sogar gemeinsam und abgesondert von den Frauen speisten. 
Wurde nun den Frauen, wie dies in kriegerischen Staaten meist 
geschah, uneingeschränkte Freiheit gelassen, so wurden sie leicht 
zügellos und libidinos; dies war z. B. in Sparta der Fall. In den 
ionischen Staaten, besonders in Athen, wo die Frauen durch ein 
eingezogenes Leben zur^ Züchtigkeit und Häuslichkeit gewöhnt 
wurden, sanken sie allmählich zu einer untergeordneten Stellung 
herab, weil sie dem geistigen Leben der Männer mehr und mehr 
entfremdet wurden. Sie nahmen wohl an einigen Festen Theil, 
wohnten insbesondere den Aufführungen der Tragödie (nicht der 
Komödie) bei*); im Übrigen aber kamen sie fast gar nicht mit 
dem öffentlichen Leben in Berührung; selbst die Einkäufe wur- 
den hauptsächlich von den Männern oder Sklaven besorgt. Da 
die Mädchen meist in sehr frühem Lebensalter und mit geringer 
Bildung in den Ehestand traten, blieben sie unter dem Druck 
der häuslichen Pflichten höheren Interessen fremd, und beschäf- 
tigten sich in ihrer Mussezeit meist mit eitlem Tand. Trat das 
ionische Weib aus der Beschränktheit ihres Geschlechts heraus 
um sich eine höhere Bildung anzueignen, so musste sie an dem 
freieren Verkehr der Männer Theil nehmen und überschritt da- 
durch die Grenze der Sitte; sie wurde zur Hetäre. Das Hetären- 
wesen bildete sich daher vorzugsweise in den ionischen Staaten 
aus und es waren unter den Hetären Frauen von der feinsten 
Bildung, obgleich natürlich die Mehrzahl die Männer durch sinn- 
liche Reize und Koketterie fesselte. Bei den Dorem und Äolern 
konnten dagegen die Frauen sich eine hervorragende Bildung 
aneignen ohne die Schranken der Gesellschaft zu verletzen. Sic 
wurden dann zu gottbegeisterten und geheiligten Wesen, Prieste- 
rinnen, Prophetinnen und Sängerinnen. So die heldenmüthige 
Telesilla von Argos, die Sikyonische Praxilla, die tana- 
gräische Korinna, die delphischen Priesterinnen, die äolischen 
Dichterinnen, die Pythagoreischen Frauen, die Schülerinnen 

*) Vgl« Gtmc. tragoed. princip. 37 f, 



304 Zweiter Haoptthcil. 2. Abscho. Besondere Altcrthumslebre. 

Platon's: Lastheneia aus Mantinea und Axiothea aus Phlius. 
Überall jedoch wurde yi Griechenland das häusliche Leben durch 
das öffentliche geschädigt; die Hellenen entbehrten grossentheils 
der feineren Freuden häuslicher Glückseligkeit Aber die Männer 
lebten ebendeshalb unabhängig; sie konnten sich leicht frei 
machen von den mannigfaltigen Quälereien, welche die Ehe, selbst 
die glückliche, durch die Launen und Schwächen der Weiber 
einem reizbaren Gemüth bereitet. Die Verkümmerung des 
Familienlebens machte sie übrigens um so empfänglicher für die 
Freundschaft, die im beständigen Zusammensein zum Theil zu 
grosser Innigkeit ausgebildet wurde, aber wieder stark durch das 
politische Leben beeinflusst war. In aristokratischen Staaten 
konnte nur innerhalb des herrschenden Standes, der sich auch 
gesellschaftlich abschloss, eine wahrhaft freie Freundschaft be- 
stehen; in den demokratischen, wo auch im Privatverkehr der 
Unterschied der Stände getilgt wurde, war es eine Hauptaufgabe 
der Politik alle Bürger durch gemeinsame materielle Vortheile, 
gemeinsame Religionsübungen und Kunstgenüsse und durch Be- 
förderung eines regen persönlichen Umgangs zu befreunden. Aber 
fiberall schieden sich wieder die politischen Parteien, die sich 
zum Theil in Hetärien gesellschaftlich abschlössen. Erst als das 
griechische Staatswesen sich aufzulösen begann, stellte die grie- 
chische Philosophie ein vollendetes Ideal rein menschlicher Freund- 
schaft auf 

Der gesellige Verkehr der Römer stand in der altnationalen 
Zeit dem der Griechen an geistigem Gehalt und freien humanen 
Formen bedeutend nach; es fehlte in Rom das geistreicher Unter- 
lialtung und Kunstgenüssen gewidmete otium graecum. Dagegen 
liatte das gesellige Leben eine festere moralische Grundlage in 
der römischen Familie. Das weibliche Geschlecht behauptete bei 
den Römern wie bei den Dorem eine freie und geehrte Stellung; 
aber es wurde durch die strenge Sitte des Hauses und des 
r)ffentlicheu Verkehrs vor Zügellosigkeit bewahrt. Die Frauen 
wohnten nicht abgesondert; sie nahmen in und ausser dem Hause 
an den geselligen Vergnügungen der Männer Theil und waren 
die Vertrauten derselben auch in allen ernsten Lebensangelegen- 
heiten; die Männer brachten die Zeit, welche ihnen der Staats- 
dienst übrig Hess, im Schoosse der Familie zu. Die Ehe galt 
als unauf lösHch und die Festigkeit des Familienlebens drückt sich 
in den erblichen Familiennamen aus. Die Familien schlössen 



H. Privatleben. 3. iDneres Privatleben, b. ErwerbsgesellBchaft. 395 

sich ferner in den Gentilverbänden eng zusammen, deren Mit- 
glieder durch den Gentilnamen als eine grosse Familie bezeicli- 
net wurden. Der gesammte Verkehr aber hatte seinen sittlichen 
Halt in der fidc» romatia. Als diese durch Herrschsucht, Geld- 
gier und Genusssucht untergraben wurde, löste sich mit dem 
Staatsleben auch die sittliche Ordnung der Familie auf. Wäh- 
rend die Männer das eheliche Leben mehr und mehr als be- 
engende Fessel ansahen, wussten die Weiber sich eine immer 
grössere Selbständigkeit zu verschaffen und wurden bald zügel- 
loser als in Sparta. Seit dem 6. Jahrhundert der Stadt wurden 
alle gesetzlichen Hindernisse der Ehescheidung weggeräumt und 
nie sind Ehen mit grösserer Leichtfertigkeit geschlossen, ge- 
brochen und aufgelöst worden als in den ersten Jahrhunderten 
des Kaiserreichs. Gegen diese Zerrüttung des Familienlebens 
und die daraus hervorgehende Entsittlichung aller gesellschaft- 
lichen Verhältnisse erhob sich indess eine starke Reaction. In 
den Zeiten der grössten Verderbniss finden wir zugleich Beispiele 
der aufopferndsten Familienliebe und der treuesten Freundschaft. 
Die wahrhaft Gebildeten erlangten durch die Philosophie den sitt- 
lichen Halt wieder, den ihnen die Religion der Väter nicht mehr 
j^ewährte, und in allen Schichten der Gesellschaft fand allmählich 
die neue Religion der Menschenliebe und Weltentsagung be- 
geisterte Anhänger. 

b. Geschichte der Erwerbsgesellschaft. 

§ 58. Der Lebensgenuss wird durch Arbeit erkauft, durch welche 
die Lebensbedürfnisse erworben und für den Genuss zugerichtet 
werden. Die Familie und Gesellschaft sind nun bestrebt die 
Arbeit so zu organisiren, dass durch Vereinigung der Kräfte der 
Einzelne entlastet wird uud Zeit und Kraft für den Lebensgenuss 
gewinnt. Die Familienglieder unterstützen sich aus natürlicher 
Liebe gegenseitig in der Arbeit. Hierbei entsteht zugleich eine 
natürliche Unterordnung unter den Willen des Familienvaters. 
In der Urzeit ging die Autorität des Vaters nach, dessen Ableben 
auf den Familienältesten über; durch Vererbung dieser Ober- 
hoheit bildeten sich Geschlechter und Stämme mit patriarcha- 
lischer Verfassung. Wurden die aus dem Familienverband e ent- 
stehenden Stämme sesshaft, so wurde das Land ,- das nach älte- 
ster Anschauung als Eigenthum der Gemeinschaft galt, an die 
Geschlechtsältesten vertheilt und diese Antheile wurden später 



IT. Privatleben. 3. Inneres Privatleben, b. Erwerbsgesellfichaft. 397 

Wanderungen ausgebildet wurde. Erst mit der Aufhebung der 
Leibeigenschaft kam der Sklavenhandel in Schwung und in Staa- 
ten, wo die Erbunterthänigkeit bestehen blieb, wie in Sparta, 
wurden daher wenige oder keine Kaufsklaven gehalten. 

In der Heroenzeit arbeiteten die Herren mit den Leibeigenen 
und Sklaven; die ärmere Klasse der Freien verdingte sich um 
Tagelohn; die wenigen Gewerbe und der Handel wurden von Freien 
betrieben. Mit der Ausbildung der Aristokratie änderte sich dies, 
da der herrschende -Adel sich der Erwerbsthätigkeit zu schämen 
begann; Handel und Gewerbe wurden den Periöken überlassen. 
Die Missachtung der Arbeit ging auf die Demokratie über: 
Lohndienst für Privatleute schien eines freien Bürgers unwürdig; 
nicht nur in der Hauswirthschaft, sondern auch beim Landbau, 
den Gewerben und dem Handel wurde die eigentliche Arbeit von 
Sklaven verrichtet. Das Kleingewerbe und den Kleinhandel über- 
liess man überdies grossentheils den Metöken, zu denen auch 
die freigelassenen Sklaven zählten. So galt allmählich alle körper- 
liche Arbeit als sklavisch, soweit sie nicht im Dienste des Staates, 
der Kunst oder Wissenschaft geleistet wurde. Ja selbst der 
niedrigste Staatsdienst wurde von Staatssklaven (öovkoi Sriykoöioi) 
versehen, die dann unabhängig von Privatpersonen waren; ebenso 
wurden für die niederen Verrichtungen im Gottesdienst 
Hierodulen verwendet, die als Leibeigene des Gottes gegen alle 
Menschen frei waren. In der römischen Zeit lernten auch die Grie- 
chen sogar die nlit Handarbeit verbundenen schönen Künste als 
banausisch ansehen, was wesentlich zum Verfall der Kunst bei- 
tragen musste. 

Viele Thatsachen weisen darauf hin, dass seit der ältesten 
Zeit die Beschäftigungen sich in den Familien imd Geschlechts- 
verbänden vererbten.*) Mit der Entwicklung der Gewerbe ent- 
standen nach dem Muster solcher Verbände Genossenschaften 
von Handwerkern, die aber keinen Zunftzwang ausüben konnten, 
da sie bei den gegen das Handwerk herrschenden Vorurtheilen 
keine politische Bedeutung erlangten und sich bei der vorwiegen- 
den Sklavenarbeit kein Stand freier Gesellen bilden konnte. Im 
ganzen Alterthum bestand volle Gewerbefreiheit.**) Über die 
Organisation der alten Handwerkerinnungen erhalten wir einige 
Aufschlüsse durch vorderasiatische Inschriften aus der Kaiserzeit 

*) Vergl. Kl. Sehr. IV, 43 ff.; 393 ff. 
**) Staatsbausb. d. Ath. I, S. 64 ff. 



398 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

(Corp. Inscr, nr, 3154, 3408, 3422, 3480, 3485, 3495—99, 3504, 
3924, 3938). Hiemach sind diese Innungen ganz ähnlich den 
römischen collegia opificum (s. oben S. 381); aber nicht etwa 
(leshalb, weil sie erst nach dem Muster der letzteren entstanden 
sind, sondern weil die uralten romischen Genossenschaften ihrem 
Ursprung und ihrer Einrichtung na/ch von Anfang an nicht we- 
sentlich von den griechischen verschieden waren und daher aach 
ihre Rechtsverhältnisse auf diese übertragen werden konnten. Wie 
die Handwerker bildeten auch die Künstler zonftartige Verbin- 
dungen. Ausserdem finden sich in Griechenland wie in Rom 
vielfache freie Genossenschaften zu Erwerbszwecken: Spar- und 
Vorschussvereine, "Handels- und SchifFahrtsverbindungen, Aktienge- 
sellschaften zur Pachtung von Staatsgütern und Staatsgefallen 
oder zu Privatunternehmungen aller Art*) 

Die ungesunden Wirthschaftsverhältnisse hatten die ungün- 
stigste Rückwirkung auf die sociale Lage der Vollbürger selbst. 
In Aristokratien strebte man diesen möglichst gleichen Autheil 
an den materiellen Gütern zu gewähren, zum Theil durch com- 
munistische Einrichtungen. Der Communismus des Alterthums, 
der in Platon's Staat seinen idealsten Ausdruck gefunden hat, ist 
aristokratischer Natur, hat sich aber selbst in dieser beschränk- 
ten Form als völlig unpraktisch erwiesen.**) Ehrgeiz und Hab- 
sucht entzweiten auch in den kleinen griechischen Aristokratien 
die Machthaber, die ausserdem beständig von dem Aufruhr der 
leibeigenen Bevölkerung bedroht waren. In den Demokratien 
erzeugte die Vermögensungleichheit der Bürger bei der besitz- 
losen Klasse das Bestreben die Reichen möglichst auszubeuten. 
Die politischen Parteien, durch deren Kämpfe die griechischen 
Staaten zerfleischt wurden, waren zugleich Gesellschaftsklassen, 
die um den Besitz der materiellen Güter kämpften; und als end- 
lich die Ochlokratie den Sieg davon trug, wurde der Wohlstand 
Griechenlands vernichtet.***) In Folge der allgemeinen Ver- 
armung musste sich in der makedonischen Zeit die Zahl der 
Sklaven stark vermindern und da durch die Römer viele Helle- 
nen selbst als Sklaven nach Rom geführt wurden, und später 
beständig viele des Erwerbes wegen nach Rom und überhaupt 



*) StaatshauBh. d. Ath. T, 414 if.; 847. 
**) Vergl. Kl. Sehr. II, S. 153 ff. 
***) ViVfr], StÄatshaush. d. Ath. J, S. 202. 



II. Privatleben. 3. Inneres Privatleben, b. Erwerbsgesellschafk. 399 

nach Italien auswanderten^ war Griechenland in der Eaiserzeit 
Yolksarm und in vielen Theilen ganz verödet. 

Die römische Republik ging ebenfalls durch den Kampf der 
besitzenden und besitzlosen Klasse zu Grunde. In Rom galt 
überhaupt alle Erwerbsarbeit mit Ausnahme des Landbaues und 
des Staatsdienstes für illiberal und wurde den Fremden und zahl- 
reichen Libertinen überlassen^ welche sich indess nach römischem 
Gesetz zum vollen Bürgerrecht emporarbeiten konnten. Indem 
nun die Nobilitat den unabhängigen Bauernstand wirthschaftlich zu 
Grunde richtete (s. o. S. 386), schuf sie selbst eine furchtbare Ochlo- 
kratie, mit deren Hülfe nach blutigen Bürgerkriegen die Tyrannis . 
begründet wurde. Das patriarchalische Verhältniss, welches m 
der guten Zeit der Republik in der römischen Familie zwischen 
Herren imd Knechten bestand, löste sich auf, sobald der Kleinbe- 
trieb des Ackerbaues aufhörte. Die grossen Sklavenmassen, welche 
die Eroberungskriege nach Italien führten, mussten durch Sklaven- 
vögte zusammengehalten werden und wiederholte Aufstände der 
unfreien Bevölkerung machten die härtesten Sicherheitsmassregeln 
nothwendig. Aber ein grosser Theil der römischen Sklaven be- 
stand nicht aus Barbaren, sondern aus Griechen und griechisch 
gebildeten Orientalen, die den Herren an Bildung überlegen waren 
und als Lehrer, Arzte oder Künstler Einfluss gewannen. Hier- 
durch wurde eine humanere Auffassung der Sklaverei vorbereitet. 
Man begann auch in den Sklaven die Menschenwürde zu achten, 
wozu besonders die Verbreitung der stoischen Philosophie bei- 
trug, welche lehrte, dass alle Menschen von Natur frei und 
Brüder seieu. Im Geiste der Stoa suchte die Sklavengesetzgebung 
des Kaiserreichs die dienende Klasse vor Härte und Grausamkeit 
zu schützen. Allein der stoische Kosmopolitismus ging nicht 
darauf aus das Institut der Sklaverei selbst aufzuheben; denn die 
wahre Freiheit, d. h. die Emancipation des Geistes von der Sinn- 
lichkeit war nach stoischer Lehre unabhängig von der äussern 
Lebensstellung. Ahnlich erstrebte auch das Christenthum nur eine 
geistige Erlösung und ermahnte die Sklaven ausdrücklich zum 
duldenden Gehorsam. Aber es gestaltete die Knechtschaft all- 
mählich durch die Idee der allgemeinen Menschenliebe um. Unter 
den christlichen Kaisem wurde die Sklaverei mehr und mehr 
verdrängt durch eine neue Form der Erbunterthänigkeit, nämlich 
das Colonat. Die grossen Grundherren gaben Sklaven oder frem- 
den Bauern Landstücke in erbliche Pacht unter der Bedingung, 



400 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschn. Besondere AlterthumBlehre. 

dass sie und ihre Nachkommen an die Scholle gebunden seien; 
juristisch galten diese Colonen für firei^ thaten auch Kriegsdienste 
und zahlten Kopfsteuer an den Staat, die dieser aber durch die 
Gutsherren erhob. Sie bildeten einen weit durch das Reich ver- 
breiteteten Stand, der durch die gefangenen Barbaren vermehrt 
wurde, welche der Kaiser den Grundeigenthümem nach Golonen- 
recht zutheilte. Dies Verhältniss vermischte sich in den von Ger- 
manen eroberten Theilen des Reiches mit dem auch bei den Ger- 
manen althergebrachten Institut der Hörigkeit und die Sklaverei 
erlosch so im Laufe der Jahrhunderte in den Feudalstaaten des 
'Mittelalters; sie kam in den amerikanischen Colonien wieder anf^ 
weil sich dorthin die Leibeigenschaft nicht verpflanzte. 

Die Arbeit befreit den Geist von den Fesseln der Materie^ 
wenn sie — wie im Alterthum — den hohem Zwecken des 
Staatslebens untergeordnet ist und vo^ der Kunst veredelt wird. 
Aber sie erfüllt ihren Beruf nur vollständig, wenn sie in allen 
ihren Leistungen durch sociale Anerkennung aufgemuntert and 
gefordert und durch die Erfindungen der Wissenschaft erleichtert 
wird. Dies fehlte dem Alterthum, weil in demselben die Idee 
der Freiheit nicht zu vollem Bewusstsein gelangt war. Man 
riss die körperliche Arbeit von der geistigen los und bürdete 
sie einer staatlosen E^asse von Menschen auf, denen man als 
beseelten Maschinen keine freie Individualität zuerkannte.*) 

c. Geschichte der Erziehung. 

§ 59. Die Kinder sind von Natur in der Gewalt der Eltern, 
besonders des Vaters. Dies Verhältniss veranlasst die Eltern 
sie zu ernähren und zu erziehen (s. oben S. 365). AUeiil die 
Liebe zu den Kindern, welche hierzu antreibt, wird durch den 
Egoismus eingeschränkt und kann durch denselben ganz erstickt 
werden. Die Aufgabe des Staates ist es daher die Kinder gegen 
den Missbrauch der elterlichen Gewalt zu schützen. In Hom ge- 
schah dies in der ältesten Zeit durch die strenge Disciplin und 
Sitte» des bürgerlichen Lebens, obgleich die paf)'ia pofjcstas eben 
im Interesse der Disciplin gesetzlich unbeschränkt war, der Vater 
zeitlebens das Recht hatte, seine Kinder zu züchtigen, des Ver- 
mögens zu berauben, zu verkaufen und zu tödten (s. o. S. 289). 
Als sich in der letzten Zeit der Republik die alte Zucht lockerte, 
zeigte sich die Zerrüttung des Familienlebens besonders in dem 

*) Vergl. Kl. Sehr. II, 167, 163. 



TT. Privatleben. 8. Inneres Privatleben, c. Erziehung. 401 

Missbrauch der väterlichen Gewalt, so dass in der Kaiserzeit die 
(jesetzgebung zu Gunsten der individuellen Freiheit der Kinder 
einschreiten musste. Bei den Griechen ist die naxQixri i%ovcCa 
frühzeitig durch, das Gesetz und die Sitte auf ein sehr geringes 
Mäass eingeschränkt worden. Der Vater hatte das Becht die neu- 
geborenen Kinder auszusetzen, ein Recht, von dem man indess, so 
lange Religion und Sitte herrschte, nur im äussersten Nothfall 
Gebrauch machte. Ausserdem stand es dem Vater frei sich von 
seinem erwachsenen Sohne loszusagen, was aber dadurch sehr 
erschwert wurde, dass es durch öffentlichen Aufruf {dnoxriQv^ig) 
geschehen musste; die Töchter durften, wenn sie der Unkeuschheit 
überfahrt wurden, verkauft werden. Mit dem Alter der Mündig- 
keit wurden die Söhne ganz unabhängig vom Vater; nur zum 
Eingehen einer Ehe bedurften sie der väterlichen Erlaubniss, 
ausserdem waren sie verpflichtet die Eltern im Alter zu ernähren. 
In Athen entband das Solonische Gesetz die Söhne von letzterer 
Verpflichtung gegen den Vater, wenn dieser ihre Erziehung ver- 
absäumt hatte. 

Die Erziehung war in den meisten griechischen Staaten fast 
völlig der Familie überlassen. Nur in Sparta wurde die männ- 
liche Jugend des herrschenden Standes vom Anfang des 7. Lebens-, 
Jahres ab ganz aus der Familie genommen und vom Staat in 
militärischer Strenge und Abhärtung erzogen. Hier war jeder 
Bürger verpflichtet, an der Erziehung des heranwachsenden Ge- 
schlechtes mitzuwirken, die somit völlig zur Nationalangelegenheit 
wurde; alle Erwachsenen hatten väterliche Gewalt über alle Jün- 
geren, waren aber ihrerseits an die Vorschriften des Paedonomos 
gebunden, der das gesammte Erziehungswesen leitete. In den 
meisten übrigen Staaten bestand die Nationalerziehung darin, dass 
die Bürger durch das öffentliche Leben politisch gebildet, ihnen 
durch die öffentlichen Religionsübungen und Spiele die Meister- 
werke der Kunst und Literatur zugänglich gemacht und sie hier- 
durch veranlasst wurden ihren Kindern die nöthige Vorbildung 
zur Theilnahme an dem ößentlichen Leben angedeihen zu lassen. 

Da die Kinder selbst bei den religiösen Spielen und Festen 
mitwirkten, mussten sie insbesondere in der Gymnastik und Musik 
unterrichtet werden, und diese beiden Bildungsmittel waren schon 
in der Homerischen Zeit die Grundlage der griechischen Huma- 
nitätserziehung. Für die Ausbildung in Gesang und Musik ent- 
standen schon lange vor den Perserkriegen eigene Schulen. Es 

Bückh's Eiicyklopädie (1. philolog. Wissenschaft. 26 



402 Zweiter Haupttheil. 2. Abechn. Besondere Alterthnmalehre. 

ist möglich^ dass sich dieselben ursprünglich von den Schulen 
der Rhapsoden und Dichter abgezweigt haben; darauf deutet viel- 
leicht die Sage hin, dass Homer ein Schulmeister gewesen sei; 
auch TyrtäoS; auf den die Einrichtung des spartanischen Musik- 
unterrichts zurückgeführt wird, soll bekanntlich ein athenischer 
Schulmeister gewesen sein. In Sparta wurde die Jugend beiderlei 
(Geschlechts von Staatswegen in der Musik und Orchestik unter- 
richtet und dabei zugleich in die Werke der epischen und lyri- 
schen Dichtung eingeführt; wahrscheinlich verband sich damit 
ein nothdürftiger Unterricht im Lesen und Schreiben. Ausserdem 
bestand die intellectuelle Bildung in der Erlernung der Gesetze 
und in der Gewöhnung zu der kurzen lakonischen Gesprächsweise. 
In den meisten übrigen Staaten wurden Musikschulen wahrschein- 
lich von den einzelnen Gemeinden eingerichtet und in denselben 
zugleich die ypd/xftara, d. h. Lesen, Schreiben und Rechnen ge- 
lehrt; dieser Elementarunterricht wurde allmählich von eigenen 
Lehrern, den Grammatisten, und in eigenen Anstalten ertheilt^ 
aber immer zur musischen Ausbildung gerechnet Zu Anfang 
des 4. Jahrhunderts gab es bereits eigene Elementarbücher, wie 
die merkwürdige yQafiiiarixri XQaycoäCa des Kallias beweist. 
Aller Unterricht war anschaulich und fem von papierener Spie- 
lerei; das lebendige Wort prägte sich immittelbar dem Gedächt- 
nisse ein. Die von den Alten eigenthümlich ausgebildete Mne- 
monik hat ihr Vorbild in der Methode des Jugendunterrichts, 
obgleich sie bei diesem nicht in Anwendung kam. In der Musik 
unterrichtete der Kitharist. Die Flöte, welche nach den Perser- 
kriegen eine Zeit lang in Mode gekommen, galt als unpädago- 
gisch, hauptsächlich weil man auf derselben nicht wie auf der 
Kithara den eigenen Gesang begleiten konnte; den Thebanem 
rechnete man es als Roheit an, dass sie den • Plötenunterricht 
mit Vorliebe beibehielten; in Athen soll der junge Alkibiades 
bewirkt haben, dass derselbe wieder aus der Mode kam, indem 
er sich weigerte ein das Gesicht so entstellendes Instnunent 
spielen zu lernen. Einen musikalischen und orchestischen Unter- 
richt erhielten jedenfalls auch die Mädchen, da sie an öffentlichen 
Festen mitwirkten; dieser Unterricht scheint in einigen Staaten, 
z. B. auf Lesbos besonders gepflegt worden zu sein. Zu gymna- 
stischen Übungen wurden die Mädchen dagegen nur in dorischen 
Staaten angehalten, namentlich in Sparta, wo die Gymnastik auch 
der Hauptgegeustand in der Erziehung der männlichen Jugend 



II. Privatleben. 3. Inneres Privatleben, c. Erziehung. 403 

war und daher zuerst zur VoUkommenheit ausgebildet wurde. 
Nach den Perserkriegen legte man überall nach lakonischem 
Vorbilde öffentliche Gymnasien zur Übung für die Epheben an; 
es schlössen sich hieran Palästren, worin die Knaben von Pädo- 
triben unterrichtet wurden. Die Gymnastik wurde für das grie- 
chische Volk der Hort der Gesundheit und Körperschönheit und 
blieb bis in das späteste Älterthum ein Hauptelement des helle- 
nischen Wesens. Wohin sich die griechische Cultur verbreitete, 
in Massilia wie in Kyrene und Alexandria, ja sogar in Jerusalem 
wurden auch die gymnastischen Übungen aufgenommen, oft nicht 
ohne Widerstreben, wie sich z. B. die aus religiösen Grundsätzen 
hartnäckigen Juden der Einfiihrung der griechischen Ephebie 
ungern unterwarfen. Ignarra, De palaestra Neapolitana, S. 94 ff., 
hat nicht mit Unrecht das Urtheil des Strabon, dass Neapel, 
Tarent und Rhegium allein unter den italischen Städten nicht 
barbarisch geworden seien, vorzüglich auf die Erhaltung der echt 
hellenischen gymnischen Kunst bezogen; denn überaD, wo der 
römische Geist die Oberhand erhielt, verfiel die Gymnastik. 

Der gymnastische und musikalische Unterricht der Griechen 
sollte nicht blos Fertigkeiten mittheilen, welche zur Theilnahme 
an dem Kunstleben befähigten, sondern vor allem auch Gemüth 
und Cliarakter bilden. Die Gymnastik erzog zur Tapferkeit und 
erzeugte durch die sichere Beherrschung des Leibes ein freies 
Selbstgefühl. Daher galt sie als ein mächtiges Beförderungs- 
mittel der Freiheit; in Aristokratien nahm sie der herrschende 
Stand für sich allein in Anspruch; in Demokratien wurden die 
Sklaven streng von gymnastischen Übungen ausgeschlossen; die 
Tyrannen suchten die Gymnastik ganz zu unterdrücken. Die 
Palästra war aber zugleich eine Schule der Zucht und Ordnung, 
zu deren Aufrechterhaltung der Staat eigene Beamte in den 
Gymnasien einsetzte, in Athen Sophronisten und Kosmeten ge- 
nannt.*) Die Gymnasien waren ausserdem die Hauptpflegestätten 
der Knabenliebe (s. oben S. 270), die in den dorischen Staaten, 
wo sie zuerst entstand, einen durchaus pädagogischen Charakter 
hatte und überall, wo gute Sitte herrschte, einen edlen bildenden 
Verkehr der Erwachsenen mit der Jugend vermittelte, so dass 
Sokrates und Piaton dies Verhältuiss zu der rein geistigen 
Liebe veredeln konnten, welche die Meister und Jünger der 

*) Staatöhauah. d. Ath. I, 337. 

26* 



404 Zweiter Haupttheil. 2. Absehn. Besondere AlterÜiamslehre. 

wahren Wissenschaft verbinden muss. Freilich war die Päderastie 
in ihrer widernatürlichen Ausartung zugleich ein hauptsächliches 
üinderniss der moralischen Erziehung. Eine besonders grosse 
erziehende Kraft massen die Griechen der Musik bei; weil sie 
das Gemüth harmonisch stimmt. Im Verein mit der Orchestik 
gewöhnte sie den Körper an eine anmuthige und maassvolle Be- 
wegung-, sie sünftigte die Thatkraft und erfüllte die Seele mit 
cdelen Gefühlen und zwar um so mehr, als sie stets mit der 
Poesie verbunden war. Auch beim Unterrichte des Gramma- 
tisten wurde zugleich die moralische Bildung erstrebt, durch eine 
auf Anstand und Sitte zielende Disciplin und durch den Inhalt 
der klassischen Werke, welche zum Theil in Chrestomathien ge- 
lesen wurden. Einen besonderen Religioi^sunterricht kannte man 
indess im Alterthume nicht. Der religiöse Sinn wurde in der 
Jugend durch die Theilnahme an öffentlichen Festen, besonders 
aber durch die Familienpietät und die Zucht des Hauses genährt^ 
^nel vßQiog ax^Qctv odov ev^v7toQ£i oa^>a äaelq a^re ot TtazsQov 
OQ^al (pQ^vsg i^ aya^äv ixQuov (Pin dar Olymp. VII, 90.) Das 
Hauptbildungselement, die Kunst und besonders die Poesie war 
ausserdem ganz von religiösen Gedanken getragen. Als daher 
im Zeitalter der Sophisten die Religion durch die Aufklärung 
zersetzt wurde, begann auch die Erziehung zu entarten. 

Der Unterricht in der Rhetorik, Politik und den theoretischen 
Wissenschaften, welchen die Sophisten im Anschluss an den 
Elementarunterricht ertheilten, wirkte entsittlichend; aber gerade 
im Kampfe gegen diese verkehrte Richtung gelangte Sokrates 
zum vollen Bewusstsein des Humanitätsideals m der Erziehung, 
welches dann Piaton und Aristoteles in ihren Schriften ent- 
wickelt halben. Die Pädagogik ist bei ihnen ein Theil der Poli- 
tik und der Plan der Nationalerziehung, welchen sie aufstellen, 
ist seinen Grundgedanken nach klassisch für alle Zeiten. Im 
Alterthum selbst konnte er nur unvollkommen durchgeführt wer- 
den. Der encyklopädische Unterricht, worin nach Piaton' s 
Vorschrift die Elemente aller Wissenschaften mitgetheilt werden 
sollten (s. oben S. 34 f.), wurde in den Schulen der Gramma- 
tiker, Rhetoren und Philosophen, die zum Theil in den Hallen 
und Gängen der Gymnasien gehalten wurden, in der That er- 
theilt; aber dieser Unterricht verfiel mit der griechischen Wissen- 
Schaft (s. oben S. 278 tf*.). Piaton und Aristoteles hatten 
daran festgehalten, dass die musische und gymnastische Bildung 



II. Privatleben. 3. Inneres Privatleben, c. Endehung. 405 

der Mittelpunkt der Erziehung sein müsse. Aristoteles hob 
ausserdem die pädagogische Wichtigkeit des Zeichenunterrichts 
hervor, der in das Verständniss der bildenden Künste einführt; 
dieser Unterricht ist auch in der makedonischen Zeit allmählich 
in Aufnahme gekommen. Allein schon zu Aristoteles' Zeit 
überschritt die Musikbildung ihre Grenzen, indem man darin nach 
einseitiger Virtuosität strebte und die Gymnastik artete immer 
mehr in Athletik aus. Damit verlor die Kunstbildung zugleich 
ihren erziehenden Einfluss; die Gymnasien wurden Stätten der 
Zuchtlosigkeit und die Musik diente der entnervenden Sinnenlust. 
Die erziehende Wirkung, welche der wissenschaftliche Unterricht 
hatte, wurde ausserdem durch die Verderbniss des Familienlebens 
aufgehoben; insbesondre wurden die Kinder durch die Sklaven 
verdorben. Ferner fehlte in den Staaten der makedonischen Zeit 
das gesunde politische Leben, ohne welches eine Nationalerziehung 
nicht möglich ist. Endlich vermochte die griechische Wissen- 
schaft nicht jene Reinigung des Volksglaubens herbeizuführen, 
welche Piaton (Republ. II) als Grundbedingung für die Reform 
der Erziehung erkannt hatte, da es das höchste Ziel der Huma- 
nitätsbildung ist, das» der Mensch der Gottheit ähnlich werde. 

Bei den Römern war die Erziehung ursprünglich ganz Sache 
der Eltern und bestand in der sittlichen Gewöhnung und in der 
Aiilernung für das praktische Leben. Dazu gehörten auch Kennt- 
nisse im Lesen und Schreiben und ein ganz besonderer Werth 
wurde auf das praktische Rechnen gelegt. Der Unterricht in 
diesen Elementen wurde im Hause von Sklaven oder in Schulen 
von Freigelassenen ertheilt. Schon in der ältesten Zeit waren 
hierzu auch Mädchenschulen eingerichtet. Als man die griechische 
Bildung annahm, wurden Grammatisten (litter ator es), Gramma- 
tiker (litterati) und Rhetoren aus Griechenland herangezogen und 
neben der Muttersprache lernten die Kinder der Vornehmen 
schon im frühesten Lebensalter Griechisch (s. oben S. 163). 
Allein der encyklopädische Unterricht wurde in den römischen 
Schulen einseitig nach praktischen Gesichtspunkten beschränkt, 
obgleich man in den sieben cvrtes liberales (Grammatik, Rhetorik, 
Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Astronomie und Musiktheorie) 
den äusserlichen Umfang des von Piaton aufgestellten Unter- 
richtsplans festhielt. Als seit Hadrian der Staat selbst Lehr- 
anstalten einrichtete und Lehrer besoldete, hatte dies die Wir- 
kung, dass die höhere Bildung immer mehr für die Bedürfnisse 



406 Zweiter Hauptthcil. 2. Abschn. Besondere Alterthumalehre. 

des Beamtenstandes zugestutzt wurde (s. oben S. 295 f.). Die 
musische Bildung der Griechen war dem römischen Geiste zuwider. 
Als in den Gottesdienst mit dem griechischen Ritus auch Chöre 
von Knaben und Mädchen eingeführt wurden, mussten die Kinder 
der Vornehmen in Gesang und Orchestik nothdürftig unterrichtet 
werden; doch erst in der Kaiserzeit bildete sich ein wirklicher 
Musikdilettantismus, der freilich der wahren Bildung nur' bei 
wenigen edleren Naturen zu Gute kam. Seit Augustus suchten 
gräcisirende Kaiser auch die Gymnastik nach Rom zu verpflanzen; 
aber sie förderten dadurch nur eine übertriebene Ausbildung der 
gewerbsmässigen Athletik, während die ächte gymnische Kunst 
keine Aufnahme fand (s. oben S. 291). Die römische Gravität 
einerseits, die zunehmende Weichlichkeit andererseits und die 
christliche Abneigung gegen das Nackte führten endlich den 
völligen Untergang der griechischen Gymnastik herbej. 

d. Geschichte des Todtenwesens. 

§ 60. Die Todten ehrenvoll zu bestatten und ihr Gedächtniss 
zu bewahren galt im Alterthum als heilige Familienpflicht; die 
Pietät gegen die Todten wurde ausserdem als allgemeinste Men- 
schenpflicht angesehen und die Gräber waren so heilig wie die 
Tempel. Es gehörte zu den ay^atpa vo^tfia^ dass Angesichts der 
Leiche auch der Groll gegen den Verstorbenen schweige. Nur 
den Leichnamen der hingerichteten Verbrecher versagte man das 
Begräbniss. 

Der Staat sorgte gewissenhaft für die Bestattung der im 
Kriege Gefallenen; es erschien als gleich grosser Frevel, wenn 
die Sieger diese verweigerten, als wenn die Besiegten sie verr 
säumten. Im Übrigen mischte sich der Staat hauptsächlich aus 
polizeilichen Gründen in das Begräbnisswesen. So war es in 
den meisten Staaten geboten die Todten ausserhalb der Stadt zu 
beerdigen. Die Sitte der Leichenverbrennung findet sich zwar 
schon in der Homerischen Zeit; sie war aber in Griechenland 
nicht so allgemein als das Begraben, obgleich sie in den civilisir- 
testen Staaten mehr und mehr zur Herrschaft kam und insbe- 
sondere unter dem römischen Kaiserreiche überwiegend war, bis 
sie durch das Christenthum wieder abgeschafft wurde. 

Die Leichenfeierlichkeiten waren nach den Völkerstämmen und 
Städten charakteristisch verschieden, am edelsten und maassvollsten 
in Athen, am pomphaftesten in Rom. Sie tragen indess bei aller 



II. Privatleben. 3. Inneres Privatleben, d. Todtenwesen. 407 

Verschiedenheit einen gemeinsamen Typus, der sieh daraus er- 
klärt, dass ihnen überall gemeinsame uralte religiöse Vorstellungen 
zu Grunde liegen. In Rom waren ausserdem die Ceremonien 
durch das ius pontificium einheitlich geregelt und das ganze Be- 
stattungswesen wurde von den lüntinarii besorgt. Der Aufwand 
für die Leichenfeierlichkeiten und für die Grabmäler war im 
Alterthum bedeutend, so dass er oft mehr betrug, als der Ver- 
storbene bei Lebzeiten in vielen Jahren verbraucht hatte.*). In 
( f riechenland wie in Rom bildeten sich daher zur Bestreitung der 
Kosten unter den weniger Bemittelten Sterbekassenvereine. Eine 
erstaunliche Mannigfaltigkeit der Formen hat die antike Industrie 
und Kunst in der Construction und Ausschmückung der Grabmäler 
hervorgebracht. An diesen wurde das Andenken der Todten durch 
periodisch wiederkehrende Opfer und Gedächtnissfeiern geehrt. 
Zur würdigen Begehung solcher Erinnerungsfeste wurden oft testa- 
mentarisch eigene Stiftungen gegründet, wovon das Testament 
der Epikteta auf Thera (Corp, Inscr, nr. 2448) ein merkwürdiges 
Beispiel bietet. 

Der gesammte Todtencult beruht auf dem uralten Unsterb- 
lichkeitsglauben. In dem Volksbewusstsein der Griechen waren 
durch die dem sinnlichen Leben zugewandte Homerische Welt- 
anschauung die Seelen der Gestorbenen zu wesenlosen Schatten 
herabgesetzt. Im Gegensatz hierzu erhielten sich aber alte Culte, 
nach welchen die Todten als Heroen und Selige geehrt wurden, 
wie bei den Italern im Cult der dii Arianes**) Ja in den Mysterien 
wurde die Ansicht ausgebildet, dass das irdische Leben schatten- 
hafter Schein und der Tod das eigentliche Leben sei.***) An diese 
Ansicht knüpften tiefsinnige Dichter wie Pindar und Denker wie 
Pythagoras an, und besonders seit Pia ton wurde der Todtencult 
durch würdigere Vorstellungen vom jenseitigen Leben veredelt, 
während andererseits durch die materialistische Philosophie und die 
Skepsis der Unsterblichkeitsglaube in weiten Kreisen ganz zerstört 
wurde. Der Unterschied dieser beiden Vorstellungsarten tritt sehr 
charakteristisch in der Ansicht über den Selbstmord hervor. In 
den meisten griechischen Staaten war der Selbstmord mit Atimie 
belegt, weil man darin ein Verbrechen gegen den Staat sah; man 



*! S. Staatöhaush. der Athener I, 162. 

**) Vergl. Carp. Imcr. nr. 2467—2472. 

***) Vergl. IHndari opera. II, 2. S. 622. 



408 Zweiter Haapttheil. 2. Abschn. Besondere AlterthiimBlehre. 

begrub den Leichnam des Selbstmörders ohne die üblichen Todteu- 
ehren; in Athen wurde ihm die rechte Hand abgehauen. lu Rom 
verweigerte das ius pontificium dem Selbstmorder das ordentliche 
Begräbniss. Die Pythagoreische und Platonische Philosophie ver- 
warf nun den Selbstmord; weil es dem Menschen nicht erlaubt sei den 
Kerker des Leibes eigenmächtig zu durchbrechen ^ in welchen der 
Geist zu seiner Läuterung gebannt ist und weil Niemand den Posten 
feige verlassen dürfe, auf den ihn der Wille Gottes gestellt hat.*) 
Dagegen billigte und begünstigte der Materialismus ausdrücklich 
den aus Lebensüberdruss begangenen Selbstmord, und die Stoa 
lehrte, dass jeder Mensch frei über sein Leben verfügen könne 
und befugt sei dasselbe zu enden, wenn dies nicht aus Furcht 
geschehe, sondern um einem grösseren moralischen Uebel auszu- 
weichen. Diese Grundsätze fanden in der Zeit der sittlichen Fäulniss 
den grössteu Anklang, besonders bei den Römern; seit dem heroi- 
schen Tode Cato's sah man in dem Selbstmord das letzte Asyl 
vor unerträglicher Tyrannei. Indess kehrte die neupythagoreische 
und neuplatonische Philosophie zu der unbedingten Verwerfung 
des Selbstmordes zurück und traf hierin mit den Grundsätzen 
des Christenthums zusammen. 

§01. Literatar. 1. Qaellen. Vorgl. o. S. 367. Es ist von Wichtigkeit, 
die Ansichten und Notizen der einzelnen Autoren über das innere Privat- 
leben zu erforschen. Solche Vorarbeiten sind: Behaghel, Das Familienleben 
nach Sophokles. Mannheim 1844. — Goebel, Euripides de vita privcUu ac 
(lofnestica quid senserit. Münnter 1849. — L. Schiller, Die Lehre des Ari- 
stoteles von der Sklaverei. Erlangen 1847. — Steinheim, Aristoteles über 
die Sklavenfrage. Hamburg 1853. — Uhde, Aristoteles quid senserit et 
de servis et Uberis hominibus. Berlin 1856. — Haenisch, Wie erscheint 
die athenische Erziehung bei Aristophanes? Ratibor 1829. 4. — Joh. Dan. 
Schulze, Jforatii paedagogica. Lübbcn 1807. 4; Senecae pacdngogica. 
Lübben 1809. 4. — Lozynski, PlatUin. paedag. lineainenta. Culm 1840. — 
Eine reichhaltige Sammlung von Notizen über das Sklavenwesen findet sich 
bei Athenaeos VI, p. 263 ff., über das Hetärenwesen ebenda XIII. — Die 
Hauptqnellen über die alte Theorie der Pädagogik sind: Piaton' s Stajirt 
und Gesetze; Aristoteles' Politik und Ethik; Xenophon's Kyropildie; 
Psoudo-Plutarch, irepi iraiötjv dyiuYn^^; Quintilian, Institutio oratoria; 
Lukian, 'Avdxapaic; f\ ircpl Y^MvaaitJv; Philostratos, irepi f^iuvaariKriq 
(1858 neu aufgefunden)- Sammlungen; üoess, Die Erziehungswissenschaft 
nach den Grundsätzen der Griechen u. Römer. Ansbach 1808.**) — Niemey er, 
Originalsten en griechischer und römischer Klassiker über die Theorie der 
Erziehung imd des Unterrichts. Halle u. Berlin 1813. — Kapp, PlatonV 

*) Vergl. Philolaos S. 178 ff. 
**) S. die Recension vom Jahre 1808. Kl. Sehr. VII, S. 39 ff. 



n. Privatleben. 3. Inneres Privatleben. Bibliographie. 409 

Erziehungslehre. Minden 1833. — Volquardaen, Platon's Idee des per- 
sönlichen Geistes und seine Lehre über Erziehung. Berlin 1860. — [Witt- 
mann, Erziehung und Unterricht bei Piaton. 1. TheiL Giessen u. Berlin 1868. 
4.] — Orelli, Aristoteles' Pädagogik in Döderlein's philol. Beitragen aus 
der Schweiz. 1819. I, S. 61 — 130. — Kapp, Aristoteles' Staatspädagogik. 
Hamm 1837. 

[Zu den oben S. 367 f. angegebenen artistischen Quellen vergl. ftlr die 
Geschichte der Pädagogik: 0. Jahn, Griechische Bilderchroniken. Aus 
dem Nachlasse des Verf. herausgeg. imd beendigt von A.Michaelis. Bonn 
1873. — Michaelis, Attischer Schulunterricht auf einer Schale des Duris. 
Archäol. Zeitung von E. Curtius u. R. Schoene. 1873.]. Für die Geschichte 
des Todtenwesens haben wir die reichhaltigsten Quellen in den unzähligen 
aus dem Alterthum erhaltenen Grabmälem. 

2. Bearbeitangeii: Joh. Jos. Rossbach, Geschichte der Familie. 
Nördlingen 1859; [Geschichte der Gesellschaft. Nördlingcn 1868 — 1871. 
4 Thle. — Le Play, L* Organisation de la famiUe selon le vrai modele signale 
par rhistoire de toutes les races et de totis l€s temps. 2. Ausg. Paris 1875. — 
Mahaffy, Social life in Greece from Homer to Menander. London 1875. | 

tu Geschichte des geselligen Verkehrs: Meiners, Geschichte des 
weiblichen Geschlechts. Hannover 2. Aufl. 1799 f. 1. Theil. Enthält viel 
Falsches. — J. J. Bachofen, Das Mutterrecht, eine Untersuchung über die 
CJynäkokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. 
Stuttgart 1861. 4. (435 eng gedr. Seiten in gespaltenen Col.). Enthält alle 
»Spuren der Gynäkokratie auch bei den Griechen. — Lasaulx, Zur Geschichte 
und Philosophie der Ehe bei den Griechen. Abh. der bair. Ak. d. W. VII. 
1861. Eine sehr geistreiche und schöne Abhandlung. — Fr. Jacobs, 
Vermischte Schriften. Bd. III, S. 201 fl'.: Die Hausfrau. Bd. FV, S. 165 ff.: 
Beiträge zur Geschichte des weiblichen Geschlechts. Jacobs bekämpft die 
Übertreibung der Ansicht, dass das weibliche Geschlecht im Alterthum eine 
untergeordnete Stellung gehabt hat. — J. A. Maehly, Die Frauen des 
griechischen Alterthums. Basel 1853. In demselben Sinne wie Jacobs. — 
Martin, Histoire de la cofidition des femmes chez les peuples de Vantiquite. 
Paris 1838. Reichhaltig für den Orient. — van Stegeren, I)e con- 
ditione domestica feminurum Atheniemiwn. Zwoll 1839. — Wiese, Über 
die Stellung der Frauen im Alterthum und in der christl. Welt. Berl. 1854. 
— [Roh. Hamerling, Aspasia. Hamburg 1876. 3 Bde. — Ciarisse 
Bader, La femme fjrecque. Paris. 2. Ausg. 1873. 2 Bde. — Lacroix, 
Les courtisanes de la Grece d' apres les auteurs grecs et latins. Nizza 1872. | 

Aug. Rossbach, Unters, über die römische Ehe. Stuttgart 1853; 
I Komische Hochzeit«- und Ehedenkmäler. Leipzig 1871.] — [Kariowa, 
[)io Formen der römischen Ehe und Manus. Bonn 1868. — Holder, 
Die römische Ehe. Zürich 1874.] — Osann, JDe coelibum aj)ud veteres 
pvpidos conditione. Giessen 1827. 4. — A. P. Ribbeck, Die Gastfreiheit 
* der Hellenen. Populäre Aufsätze. Berlin 1848. — [E. Curtius, Die Gast- 
freimdschaft. In „Alterthum und Gegenwart". Berlin 1875.] -— Th. 
Mommsen, Das römische Gastrecht und die römische Clientel. In SybePs 
Historischer Zeitschrift. I, 1859. — Heuermann, Über die Clienten unter 
den ersten römischen Kaisern. Münster 1856. 4. — Ernst Curtius, Die 



III. 

Von der änsseren Religion nnd der Knnst. 

1. Cultiis oder äussere Beligion. 

§. 62. Der Staat ist ein grosses Kunstwerk des mensch- 
lichen Geistes und an seinem Aufbau arbeiten alle Individuen, 
welche das Privatleben erzeugt, erhält und erzieht und welche 
selbst erst im Staat zur vollen Entwickelung gelangen können 
(s. oben S. 366 f.). Aber die gesammte praktische Thätigkeit 
hat ihre Lebenskraft in der theoretischen, die seit der frühesten 
Zeit aus jener in der Form der Religion hervorgeht und unter 
dem Schutze der staatlichen Ordnung aus dem Schoosse des 
Privatlebens Kunst und Wissenschaft als die Blüthen der Hu- 
manität hervörtreibt (s. oben S. 59 ff.). 

Die Religion hat ihren Ursprung nicht im Dogma, sondern 
im Cultus. Mit staunenden Kinderaugen betrachtet der Mensch 
in der Urzeit die Welt; er ahnt das Wesen der Dinge, den 
unendlichen Geist, der in der Welt waltet. Die beseligende Hin- 
gabe an diesen Gedanken ist die religiöse Begeisterung, deren 
Quelle also der göttliche Geist selbst ist: Geöc oc dvGoucioZei. Da 
das Unendliche nichts Bestimmtes und Begrenztes hat, kann das 
Göttliche ursprünglich nur als Ein Wesen aufgefasst sein, worauf 
auch alle Spuren der ältesten Religionsanschauungen hinweisen. 
Und indem man das Reinmenschliche als göttlicher Natur fühlte, 
strebte man sich mit der Gottheit in ein reinmenschliches Ver- 
bal tniss zu setzen, worin alle das Leben leitenden Ideen zum 
Bewusstsein gelangten (vergl. oben S. 257 j. Nach der ältesten 
Auffassung des Menschengeschlechts wird Gott als Vater be- 
trachtet. Mit dieser Vorstellung verbindet sich das Bestreben 
Gott ähnlich zu werden (vergl. oben S. 405) und zugleich die 
Liebe, welche einen geistigen Verkehr mit der Gottheit herzu- 
stellen sucht (vergl. oben S. 392). Aber diese Liebe ist gepaart 
mit der Furcht vor dem Herrn der Welt, dessen Dienst man 
sich weiht und dessen Gnade allein der Mensch seine Freiheit 
verdankt (vergl. oben S. 400). Zugleich erscheint die Unsterb- 
lichkeit ursprünglich als eine Rückkehr zur Gottheit (vergl. 
oben S. 407). Aus allen diesen Vorstellungen entsteht ein System 



III. Aeussere Religion u. Kunst, l. a. Der Cnltus als Gottesdienst. 413 

religiöser Handlungen, deren Inbegriff der Cultus ist. Derselbe 
ist als äussere Religion bestimmt geschieden von der Mythologie, 
der inneren Religion. Er bleibt als Inbegriff der allgemeinen 
Normen der Gottesverehrung bis auf einen gewissen Grad unab- 
hängig von dem Gehalt der Mythen. Die Dogmen über Wesen 
und Eigenschaften, Leben und Thaten der Gottheit, wie sie in 
den Mythen ihren Ausdruck finden, bilden sich von Anfang an 
erst auf Grund des Verhältnisses, in welches sich der Mensch 
zur Gottheit setzt und vermöge dessen er sich diese als höchstes 
Ideal seiner selbst denkt. Indess wirkt natürlich der Mjrthos 
beständig auf den Cultus zurück; denn nach den Dogmen wird 
sich auch die Art der Gottesverehrung richten. 

a. Der Cultus als Gottesdienst. 

§ 63. Die grösste Mannigfaltigkeit, Fülle und Lebendigkeit des 
C/ultus erzeugte im Alterthum der Polytheismus. Die Entstehung 
desselben erklärt sich z. Th. aus einem Abfall vom Monotheismus, 
indem die mythenbildende Phantasie die verschiedenen Aeusse- 
rungen des göttlichen Geistes als Wirkungen selbständiger gött- 
licher Mächte ausmalte. Die ursprüngliche Einheit wird hierbei 
insofern festgehalten, als man diese Mächte als Ausflüsse eines 
Urwesens, als ein Göttergeschlecht ansieht; so blieb bei den 
Griechen Zeus, bei den Römeru Jupiter stets der Vater der 
Götter und Menschen. (Vergl. oben S. 272.) Verstärkt wurde 
der Polytheismus aber dadurch, dass der monotheistische Cultus 
selbst bei den verschiedenen Stämmen der Urzeit einen ver- 
schiedenen Charakter trug; jeder Stamm schuf nach Maassgabe 
seiner Naturanlage und seiner Schicksale, seiner Beschäftigung 
und Lebensweise seine Gottesidee, die den Cultus bedingte. Die 
(jiottesverehrung fremder Stämme schien dann ganz andern 
Wesen zu gelten und es bildete sich so eine Vielheit von Stamm- 
göttern, deren Culte später durch die Verschmelzung der Stämme 
und durch den Verkehr der Völker z. Th. polytheistisch ver- 
bunden wurden. Die Griechen verehrten in der historischen 
Zeit alle dieselben Hauptgottheiten, aber von diesen galt eine 
jede in einem oder einigen Staaten als einheimisch, dfX^pioc, 
und genoss dann dort eine vorzügliche Verehrung. Zeus ist z. B. 
in Kreta, Hera in Argos, Athene in Attica, Aphrodite in Kypros, 
Dionysos in Theben eYX^pioc. Jeder Staat ist seinen einheimi- 
schen Göttern, die der Sage nach in ihm geboren sind oder zu 



414 Zweiter Haoptiheil. 2. Abschn. Besondere AlterthumBlehre. 

denen er vermöge seiner Urgeschichte in näherer Beziehung 
steht^ zu besonderem Dienste geweiht und zugetheilt. Zu ihnen 
gehören auch die 6eoi TraTpuioi und ^r^Tpiuoi, d. h. die Familien- 
götter des Volkes, von welchen dasselbe das Geschlecht seines 
Stammvaters oder seiner Stammmutter herleitet. So ist in Athen 
Apoll Trarpuioc von Allen als lon's Vater; die einzelnen Familien 
konnten daneben noch andere TraTpuioi haben, wie die Familie 
der Kerykes den Hermes. In dorischen Staaten ist Zeus als 
Vater des Herakles Traxpiuoc; daher heisst auch bei Platon, 
Gesetze IX, 881 D Zeus Trarpujoc, weil die Gesetze der Fiction 
nach für Kreta bestimmt sind. Durchweg haben die einzelnen 
Götter ihre Hauptcultorte in Staaten, die ihrem Charakter ent- 
sprechen. Die Dorer verehren vorzugsweise heroische Gottheiten, 
die loner humane; Athene ist Schutzgöttin in allen kunstreichen 
Staaten, z. B. ausser Athen in Argos und Rhodos*); die äoli- 
sehen Staaten bevorzugen lüsterne und schwelgerisch üppige 
Gottheiten: nirgends z. B. war der Eros- und Dionysosdienst so 
in Blüthe wie in dem lüsternen Thehen. Die 0€oi ^yX^P^oi ge- 
hören zu den 0€Oi Traxpioi, d. h. den angestammten, von Alters 
her verehrten Göttern des Staates; die Staaten nahmen aber auch 
in der historischen Zeit noch fremde Gottheiten' (0€Oi SeviKOi) 
auf, indem ungriechische Culte namentlich von den Colonien 
aus Eingang fanden, wie der des libyschen Ammon**). In der 
ächtliellenischen Zeit tauschten indes« hauptsächlich die griechischen 
Landschaften durch Eroberung oder Verkehr gegenseitig ihre 
Lokaldienste aus. Diese beruhten zunächst darauf, dass sich die 
Cuite der einzelnen Gottheiten in den verschiedenen Staaten dif- 
ferenzirten, was meist durch verschiedene Beinamen und Attribute 
bezeichnet wurde. So werden die dorische Artemis Orthosia und 
die ionische Artemis Munychia wie zwei verschiedene Göttinnen 
verehrt. Ausserdem gab es überall Lokaldienste untergeordneter 
Gottheiten, Dämonen und Heroen. Bei Gründung von Colonien 
wurden die Culie des Mutterstaates in diese verpflanzt. Innerhalb 
der einzelnen Staaten hatten die Phylen und Demen ihre besonderen 
Scliutzgötter und Stammheroen. Der ganze Staat mit allen seinen 
Gliederungen stand somit in der Obhut und dem Dienste der 
Götter. Die lleligions und Staatsgemeinde war identisch und 



*) Vergl. ExpUcationes Pimlari S. 172. 
*=♦) Vergl. StaatsbauBb. d. Atb. II, S. 132 ff. 



III. Aenssere Religion u. Kunst. 1. a. Der Cultns als Gottesdienst. 415 

eine Trennung von Kirche und Staat undenkbar; der Staat orga- 
uisirte und verwaltete den öffentlichen Cult. Doch bestanden 
neben diesem eine grosse Menge religiöser Institute, welche un- 
abhängig vom Staat, aber von diesem anerkannt und überwacht, 
durch ßeligionsgenossenschaften, Giacoi, oder durch die Fröm- 
migkeit Einzelner gestiftet und erhalten wurden. Es herrschte 
in dieser Beziehung die grösste Toleranz; Spuren von religiösem 
Fanatismus finden sich nur in den ältesten Zeiten, besonders in 
Asien. Auf das strengste bestraft wurde indess die Anfeindung 
der vom Staate anerkannten und die Ausübung nicht aner- 
kannter Dienste. 

Der Cnltus durchdrang zugleich das gesammte Privatleben. 
Der Herd des Hauses war der Hestia heilig; Eigenthum und 
Familie standen unter dem Schutze der Hausgötter (0€oi ?pKeioi 
und Kirjcioi), insbesondere des Zeus; dazu konnten — wie erwähnt 
— noch eigene Stammgötter (0€oi TraxpiDoi und |uiiiTpiuoi) der Familie 
kommen. Die Ehe, die Geburt der Kinder, der Eintritt der 
Ephebie, die Leichenbestattung, kurz jedes wichtige Familien- 
ereigniss von der Wiege bis zum Grabe war durch Culthand- 
lungen geweiht. Die Geschlechter und Phratrien hatten einen 
gemeinsamen Cult (0€oi cppdropec, T^v^GXioi), ebenso die gewerb- 
liclien und gesellschaftlichen Vereinigungen (s. oben S. 398); 
das "ganze Leben erschien so als Dienst der Götter. Es zeigt 
sich hierin das Streben aller Religion das Irdische mit dem 
Uebersinnlichen, das Menschliche mit dem Göttlichen zu ver- 
knüpfen, so dass Sinnliches und Geistiges eins, jenes durch dies 
geheiligt wird. Aber da im Alterthum die Sinnlichkeit über- 
wiegt, löst die antike Religion nicht das Sinnliche in das Gei- 
stige auf, sondern sie pflanzt das Geistige in das Sinnliche ein 
und versinnlicht es dadurch. Daher die seltsamen Abwege des 
Hoidenthums, besonders in Bezug auf die aphrodisischen Ver- 
hältnisse. Diese wurden als ein Dienst des Eros und der Aphro- 
dite betrachtet, welche dazu nöthigen. Daher die Prostitution in 
dem babylonischen Cult (Herodot I, 199), daher das Hetären- 
wesen bei den Hierodulen der Venus Urania. Nicht bloss die 
Noth wendigkeit, wie Pindar sagt (cüv b* äy&fKCf. iräv kqXöv), 
sondern die Religion selbst heiligt die Sinnlichkeit, zu welcher 
die Natur zwingt. 

Der häusliche (Gottesdienst wurde seit den ältesten Zeiten 
von dem Familienvater verwaltet, der Cult der Geschlechter und 



in. Aeussere Religion u. Kanst. 1. a. Der Cultus als Grotiesdienst. 417 

an heiligen Bezirken zum Schutz der Heiligthümer, insbesondere 
der Opferger'äthe und des Priesterschmucks Hütten und hölzerne 
Gebäude errichtet sein. Noch in der achäischen Heroenzeit, wo 
den Göttern ein t€|ui€VOC wie den Königen zugewiesen ist, scheinen 
jedoch eigentliche Tempel kaum vorhanden gewesen zu sein. An 
einzelnen Stellen des Homer werden allerdings Tempel erwähnt; 
also bestanden sie zu der Zeit der Sänger, von welchen jene 
Stellen herrühren, soweit diese nicht interpolirt sind. Die Tra- 
dition von dem alten delphischen Tempelbau, auf welche einige 
Fragmente des Pindar Bezug haben*), ist offenbar mythisch; 
der Ausdruck Xdivoc oiiböc, womit Homer das delphische Heilig- 
thum bezeichnet, bedeutet wahrscheinlich nur die Orakelhöhle. 
Pausanias (H, 31. 6) kennt keine älteren Steintempel als den des 
ApoUon Thearios, welchen Pittheus, der Grossvater des Theseus 
in Trözen gebaut haben sollte; nach diesem setzt er den Athena- 
tempel zu Phokaea und den des pythischen Apoll zu Samos, die 
doch beide erst nach der ionischen Wanderung gebaut sind. 
Die Tempel erhielten ihre eigentliche Bedeutung erst durch die 
Entstehimg des Bilderdienstes, da seitdem ihre Cella zur Bergung 
der Götterbilder bestimmt wurde. Diese sind ursprünglich Sym- 
bole der Gottheit, wie Meteorsteine (ßaixuXia) und ihnen ähn- 
liche andere Steine (XiGoi dpfoi), wunderbar geformte Hölzer, 
von denen man oft ebenfalls annahm, dass sie vom Himmel 
•gefallen, dann bestimmtere Symbole, t, B. der Phallos als Bild 
der zeugenden Naturkraft. Der anthropomorphe Polytheismus 
schuf die rohen Symbole zu Bildern der göttlichen Gestalt um. 
Man diente nun den Göttern, indem man symbolisch an ihren 
Bildern für die Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse sorgte: 
der Tempel wurde zum Gotteshaus, königlich ausgestattet mit 
heiligem Grundbesitz und andern Einkünften, deren Ertrag für 
den Aufwand des Cultus und die Erhaltung der Priester und der 
für den Tempelhaushalt nöthigen Hierodulen verwendet wurde; 
das Bild der leiblichen Gottesgestalt wurde heilig behütet, 
z. Th. durch Ankettung vor räuberischen Händen gesichert, ja 
bei manchen Culten gesalbt und gekleidet, symbolisch gespeist 
und in feierlichen Processionen herumgeführt. In der Regel 
war jeder Tempel für eine einzelne Gottheit bestimmt; doch gab 
es auch gemeinsame Heiligthümer mehrerer Götter (0€Oi cuvvaoi, 

*) Pindari opera II, 2. S. 568 flf. 
BOckh's Encyklopftdie d. philolog. Wissentohaft. 27 



418 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschn. Besondere Altcrthnmslelire. 

cu)Lißuj|ioi). Hierzu gehören die Panthea, d. li. Tempel und Al- 
täre für die Zwölfgötter. Das berühmte römische Pantheon ist 
eine Nachahmung dieser hellenischen Einrichtung.*) üebrigens 
waren Götterbilder und Altäre nicht nur in den Tempeln, son- 
dern auch an andern heilig gehaltenen Stätten, auf den öffent- 
lichen Plätzen, an den Strassen (wie Hermen und Hekateen) und 
in den Häusern. 

Der römische Gottesdienst trägt denselben Grundcharakter 
wie der griechische. Die ältesten italischen Nationalgötter 
stimmen von der arischen Urzeit her mit den griechischen über- 
ein; der Polytheismus hat sich aber bei den Italem weniger 
durch die Mythologie als durch den Cultus entwickelt. Ins- 
besondere tritt dies bei den Römern, hervor. Hier verschmolzen 
zunächst in der ältesten Zeit die Culte des sabinischen und lati- 
nischen Stammes, wodurch Mars und Quirinus zu Stammgöttem 
des römischen Volkes wurden. Später kamen etrurische Culte 
hinzu. Femer verehrte Rom die Schutzgottheiten der eroberten 
Städte neben den einheimischen Göttern, wodurch sich der Cult 
mit der Zeit ausserordentlich erweiterte. Ausserdem aber wnrden 
nicht nur. wie bei den Griechen alle Einzelheiten des praktischen 
Lebens in die Obhut schützender Gottheiten gegeben, sondern 
diese wurden auch nach ihren Functionen bis ins Speciellste mit 
Beinamen bezeichnet und da die Gottheiten nicht wie bei den 
Griechen durch die Mythologie zu individuellen Gestalten aus- 
gebildet wurden, so fasste man die einzelnen Seiten ihrer prak- 
tischen Thätigkeit allmählich als ebensoviele göttliche Wesen 
auf. Daher zweigte sich von den grossen Naturgottheiten eine 
unübersehbare Menge dämonischer Naturwesen ab, deren Namen 
nur ihre potestas für das praktische Leben bezeichneten und am 
besten beweisen, wie skrupulös die Römer jeden Akt der natür- 
lichen Lebensentwicklung und der Lebensführung und jeden 
Gegenstand der praktischen Thätigkeit in den Dienst der Gott- 
heit stellten. Zu einem nicht unbeträchtlichen Theil waren die 
Götternamen selbst abstracte Bezeichnungen praktischer Ideale, 
wie Fax, Concordia, Fides, Virins, Bis zur Zeit der Tarquinier 
verehrten die Römer ihre Götter ohne Bilder nur unter ein- 
fachen Symbolen, wie den Mars unter dem Symbol der Lanze. 
Die Tarquinier führten erst den griechischen Bilderdienst ein 



*) Vergl. Pindari opera II, 1, S. 102. 



III. Aenssere Religion u. Kunst. 1. a. Der Cnltos als Gottesdienst. 419 

und von dieser Zeit an bis zum 2. punischen Kriege wurden all- 
mählich alle Hauptgottheiten der Griechen als dii peregrini ein- 
gebürgert, mit denen die analogen einheimischen (dii patrii) 
möglichst identificirt wurden. Seit dem 2. punischen Kriege trat 
der alten Staatsreligion, welche äusserlich bestehen blieb, die 
neue nur theilweise damit verschmelzende mythische Religion der 
Dichter gegenüber, durch welche die alten unplastischen Natur- 
dämonen allmählich zum grossen Theil ganz in Vergessenheit 
gebracht wurden. Aber auch diese mythische Religion war bereits 
durch die Philosophie zersetzt, so dass die meisten gebildeten 
Römer bald darin nur eine anmuthige oder lächerliche Fabel 
sahen (s. oben S. 290). In der philosophischen Theologie ent- 
sprach der alten Staatsreligion am meisten der Pantheismus der 
Stoiker, wonach die Götter als dämonische Naturwesen nur 
Wirkungsweisen der Weltseele svqjSl. Eine ähnliche Anschauung 
fanden die Römer in den mystischen Culten des Orients, welche 
sich seit der letzten Zeit der Republik im ganzen Reiche ver- 
breiteten. So wurde nun eine vollständige Theokrasie herbei- 
geführt, indem man in jeder Gottheit nur das Eiue imter ver- 
schiedenen Namen verehrte göttliche Wesen wiederfand. Die 
Götter galten als vo|Liic)LiaTa, consuetudines, und man war eine 
Zeitlang nicht abgeneigt auch Jesus Christus unter ^ die gang- 
baren Götter aufzunehmen» Die Christenverfolgungen wurden 
dadurch hervorgerufen, dass die Christen alle heidnischen Culte 
als gottlos verwarfen und also die Staatsreligion befeindeten, 
insbesondere aber sich weigerten dem Bildniss des Kaisers gött- 
liche Ehren zu erweisen. Menschenvergötterung war schon bei 
den Griechen in der Zeit des peloponnesischen Krieges eingeris- 
sen; zuerst wurden dem Lysander von griechischen Städten gött- 
liche Ehren erwiesen und seit Alexander d. Gr. verehrte man in 
dem Königthum eine göttliche Macht. Es ist dies eine Erneue- 
rung der in der Heroenzeit herrschenden Ansicht, dass die 
Könige von Zeus stammen, und eine Erweiterung des Heroen- 
cults. Die römischen Kaiser knüpften an diese Vorstellungen an, 
und es wurde in allen Provinzen des Reiches ein gemeinsamer 
Gottesdienst für die Göttin Roma und den Kaiser angeordnet 
Mehrere griechische Städte, besonders in Kleinasien, zeichneten 
sich hierbei durch servile Schmeichelei aus; sie drängten sich 
nach dem Ehrentitel „Küster (veujKÖpoi) des Kaisers '^ Da nach 
der alten Staatsreligion jeder Römer unter dem Schutz eines 

27* 



420 Zweiter Haupttheil.- 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

Genius stand, den er als Ausfluss der Gottheit anbetete, so 
konnte auch in Rom selbst ohne Anstoss der Genius des Kai- 
sers als Schurtzgeist der Stadt und des Reichs verehrt werden. 
Da nun die Manen als göttliche Wesen galten (s. oben S. 407), 
war es natürlich, dass die Manen der meisten Kaiser durch 
feierliche Consecration unter die Staatsgottheiten versetzt wurden. 
Es hängt dies mit der durchgreifenden Trennung des gesammten 
Sacralwesenß in sacra publica und privata zusammen, die sich 
bei den Griechen nicht findet. Die Gottheiten des griechischen 
Hausgottesdienstes gehören zugleich dem Staatscult an; es sind 
die gemeinsamen Götter in ihrer Beziehung auf das Privatleben. 
Diesem Verhältniss entspricht bei den Römern ursprünglich der 
Cult der Penaten, die mit den Oeoi ?pK€ioi und ktticioi der Grie- 
chen zu vergleichen, aber zu abstracten Schutzgöttern des Haus- 
. Wesens geworden sind. Von pinen verschieden sind die Laren, 
in denen die Gründer der einzelnen Familien göttlich verehrt 
wurden. Sie entsprechen den 0€Oi TraTpipoi der Griechen; aber 
jede Familie hat ihre besonderen von den Staatsgöttem ver- 
schiedenen Laren. Hierzu kamen viele nur dem Privatleben vor- 
stehende Götter. Die sacra privata zerfallen in sacra gentüicia, 
familiarum und singulorum hofninum. Letztere sind ursprüng- 
lich Familiensacra, welche durch Erbschaft auf nicht zu der 
betreffenden Familie gehörige Personen übergegangen, so dass 
diese nun zu ihrer Verwaltung verpflichtet sind, während die 
Familiensacra vom 2>cit^ familias verwaltet werden. Zur Besorgung 
der Gentilsacra bestellten die Geschlechter aus ihrer Mitte eigene 
flamines. Wie bei den Griechen sind nun die Culte der Ge- 
schlechter z. Th. zu Staatsculten geworden; z. Th. sind neu ein- 
<^eführte Culte vom Staat bestimmten Geschlechtem übertragen, 
die sich durch Cooptation zu religiösen Sodalitäten erweiterten. 
Nach dem Muster dieser Geschlechtsverbände bildeten sich für 
den Cult der dii peregrini freie, vom Staate anerkannte Genossen- 
scliaften. Die öffentlichen Priesterthümer waren Anfangs allein in 
den patricischen Geschlechtem erblich. Die Priester verwalteten 
wie bei den Griechen den Gottesdienst sowohl für das ganze 
Volk als für die einzelnen Abtheilungen desselben (sacra populi 
liomaniy jmgorum, vicorum, curianmi). In der Königszeit verrich- 
tete der König als pat^' familias des Staates den Gottesdienst 
fiir diesen; ihm zur Seite standen die pontifkes als Vertreter der 
niäuuliclien Mitglieder der Staatsfamilie und die Vestalinnen als 



m. Aeussere Religion u. Kunst. 1. b. Culthandlungen. 421 

Hüterinnen des Staatsheerdes. Die magni dii wurden als die 
Penaten des Staats, die beiden Erbauer Roms als die Laren 
desselben verehrt; alle flamines der einzelnen Sacra waren dem 
CoUegium der pontifices untergeordnet, welches ausserdem die 
Vorschriften für die Privatsacra festsetzte. Das ganze ins divi- 
num , das frühzeitig in den Pontificalbüchern verzeichnet wurde, 
war geheim und wurde nach den Aussprüchen der pontifices vom 
Staat gehandhabt. Da nun der König an der Spitze des colle- 
ffium x^ontificum stand, war das ganze . Sacralwesen einheitlich 
geordnet, und das Priesterthum wurde als das wirksamste poli- 
tische Werkzeug benutzt. Als solches kam es nach Abschaffung 
der Königswürde ganz in die Hände der*Patricier; man behielt nun, 
wie in den griechischen Republiken, den Königstitel nominell für 
die Verwaltung solcher Sacra bei, welche früher dem König allein 
zustanden; das höchste Priesteramt dagegen wurde das des Pon- 
tifex Maximus, Wegen der politischen Bedeutung der obersten 
Priesterwürden* erstrebten in dem Ständekampfe die Plebejer den 
Zutritt zu denselben, der ihnen durch die lex Ogulnia (300 v. Chr.) 
gewährt wurde. Seitdem wurden die höchöten geistlichen Stellen 
zu Staatsämtem, die man entweder lebenslänglich oder auf be- 
stimmte Zeit bekleidete und die auch allmählich ^e die übrigen 
Aemter durch Wahl besetzt wurden. Eine Anzahl angesehener 
Priesterthümer blieb indess beständig an patricische Geschlechter 
gebunden; doch wurden diese nach dem 2. punischen Kriege 
den Patriciern selbst lästig, weil ihre Inhaber von der Beklei- 
dung anderer Staatsämter ursprünglich ganz und später doch 
immer theil weise ausgeschlossen waren und keine politische 
Macht ausüben konnten. Daher blieben diese Stellen oft lange 
unbesetzt und wurden erst durch das Kaiserthum wieder zu 
höherem Ansehen erhoben. Die Kaiser vereinigten in sich wieder 
die höchste weltliche und geistliche Gewalt, indem sie das Amt 
des Vontifcx Maximus für sich in Anspruch nahmen. Erst 
Gratian legte dasselbe (382) nieder, und es lebte später in dem 
Pabstthum wieder auf. 

h. Die Culthandlungen. 

§ 64. Die Sorge für die Heiligthümer, die dem Priester 
obliegt, ist der äussere materielle Gottesdienst desselben. Zugleich 
aber dient er als Vermittler der Gemeinde bei allen Handlungen 
der Gottesverehrung. 



422 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthomsiehre. 

Die Culthandlungen stellen den geistigen Verkehr mit deor 
Gottheit dar. Sie bestehen in Gebet, Opfer, Reinigungen 
und Festspielen. Das Gebet als Bitte, Danksagung und Lob- 
preisung ist die älteste Grundform des Verkehres mit dem un- 
sichtbaren Lenker der Geschicke. Auch im Polytheismus wird 
beim Gebet die geistige Allgegenwart des angerufenen Gottes 
vorausgesetzt) obgleich im Mythos die menschenähnlichen Gotter 
räumlich beschränkt sind und die Bildsäulen z. Th. fetischartig 
angebetet wurden. Au diese räumliche Beschränkung erinnert 
der Ritus des Gebetes besonders dadurch, dass der Betende die 
himmlischen Götter mit gen Himmel erhobenen, die Meeres- 
götter mit vorgestreckten und die unterirdischen mit abwärts 
gekehrten Händen anruft Im Gefühl der geistigen Freiheit 
beten die Griechen und Italer aufrecht stehend; die orientalische 
Sitte des Niederwerfens galt als sklavisch und fand erst in der 
'makedonischen Zeit mit Annahme asiatischer Cultc Eingang; nur 
Hülfeflehende umfassten knieend den Altar oder das Götterbild. 
• Es war alter Brauch Morgens, Mittags und Abends zu beten; 
ausserdem rief man bei allen wichtigen Anlässen des Privat- 
und Staatslebens die Götter an. Der Dienst der Priester bestand 
darin, dass sie an den geweihten Stätten im Namen der Ge- 
meinde beteten und die Hymnen ordneten, in welchen das 
gemeinsame Gebet der Gemeinde seinen Ausdruck fand. Die 
Gebete erstarrten z. Th. zu festen Formeln, deren ursprünglicher 
Sinn zuweilen ganz verloren ging und denen man eine besondere 
Heiligkeit zuschrieb. Ein solches formelhaftes Ritual ist bei 
den Römern vorherrschend, während bei den Griechen eine freie 
ungezwungene Form überwiegt. Die griechische Philosophie fasste 
die Bedeutung des Gebets in ihrer ganzen Tiefe auf, indem sie 
die Unmöglichkeit erkannte durch dasselbe den Rathschluss der 
Gottheit zu bestimmen und es nur als Ausdruck der geistigen 
Hingabe an diese gelten liess. 

An das Gebet schloss sich in sehr vielen Fällen das Opfer 
an. Wie sich im menschlichen Verkehr die persönliche Hingabe 
dadurch äussert, dass man den äusseren Besitz mit andern theilt, 
so giebt der Opfernde symbolisch seine Bereitwilligkeit zu er- 
kennen seinen Besitz, der selbst Gottesgabe ist, der Gottheit 
darzubieten. Wie Speise und Trank mit den Freunden getheilt 
wird, so wird bei jeder Mahlzeit den Göttern ein Trankopfer 
ijeweiht und bei festlichen Gelegenheiten werden ihnen ausser- 



III. Acussere Religion u. Kunst. 1. b. Culthandlungon. 423 

dem Speisopfer dargebracht. Die ältesten Gultgebräuche und 
Mythen weisen darauf hiu^ dass das Menschengeschlecht sich 
ursprünglich nur von Pflanzenstoffen genährt hat und die 
Speisopfer daher ursprünglich unblutig waren; daraus erklärt 
sich auch, dass die alte Priestertradition der Orphiker und 
Pythagoreer, wie die der indischen Brahmanen das Schlachten 
der Thiere verbot oder doch einschränkte. Auch der milde Cult 
des Numa Hess nur unblutige Opfer zu; die Thieropfer wurden 
in Rom erst in der letzten Zeit der Königsherrschaft eingeführt. 
Die Scheu vor der Tödtung der Thiere zeigt sich noch deutlich 
in manchen Culten, z. B. in den Gebräuchen bei den attischen 
Buphonien. Daher schlachtete man auch kein grösseres Thier zum 
eigenen Essen ohne davon ein Opfer darzubringen, indem so 
der Todtschlag durch die Religion gesühnt wurde. Uebrigens 
ißt es eine triviale Ansicht, wenn man die Speisopfer daraus 
erklären will, dass die menschenähnlichen Götter auch der Speise 
bedürftig gewesen seien; sie leben selbst nach Homerischer Vor- 
stellung nicht von menschlicher Nahrung, sondern von Nektar 
und Ambrosia, und man verbrannte die Opferstücke, die bei 
Thieropfern überdies hauptsächlich aus Knochen und Fett be- 
standen. Ganz verkehrt ist es als die ursprünglichste Art des 
Opfers das Menschenopfer anzusehen. Roheit, Grausamkeit und 
Aberglauben haben zu verschiedenen Zeiten die Unsitte des Men- 
schenopfers erzeugt, woböi man der Gottheit den werthvoUsten 
Besitz in Sklaven, Kriegsgefangenen oder gar den eigenen An- 
gehörigen darbringt, besonders als Sühnopfer zur Abwendung 
des göttlichen Zornes, dem man das eigene Leben oder das des 
ganzen Volkes verfallen glaubt. Es ist nicht zu leugnen, dass 
auch in Griechenland in der vorhomerischen Zeit Menschenopfer 
im weiteren Umfange üblich gewesen sind, wahrscheinlich aus 
semitischen Culten, z. B. dem Molochdienst der Phöniker über- 
tragen. Doch wurde diese Barbarei frühzeitig durch die Huma- 
nität der griechischen Religion wieder getilgt; es blieben in den 
Culten nur mancherlei Symbole, die an die frühere Sitte er- 
innerten. So trat z. B. in dem Dienst der Artemis Orthosia zu 
Sparta an die Stelle der Knabentödtung die blutige Geisselung 
der Knaben, die am Fest der Gymnopädien stattfand und als 
Probe der systematischen Abhärtung festgehalten wurde;*) In 



*) Vergl. Explicat. Pindari S. 139 f. 



424 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

der Kegel wurde das Menschenopfer durch das stellyertxetende' 
Thieropfer ersetzt. Dieser Uebergang ist auch in mehreren Sagen 
mythisch dargestellt. Der Mythos von der Rettung der Iphi- 
genia in Aulis hat z. B. offenbar diese Bedeutung, ganz ähnlich 
wie die alttestamentliche Erzählung von der intendirten Opferung 
des Isaak, für welchen ebenfalls ein Widder untergeschoben wird. 
Auch die Hinrichtung verurtheilter Verbrecher trat an die Stelle 
früherer Menschenopfer; sie galt dann zugleich als Sühne für die 
Sünden des Volks. Welche Bewandniss es mit dem bis in die 
makedonische Zeit bestehenden Menschenopfer in dem Dienste 
des Zeus Lykaios gehabt, ist unklar.*) In den Culten der ver- 
schiedenen Gottheiten war natürlich Art und Ceremoniell des 
Opfers verschieden und richtete sich wesentlich nach den mytho- 
logischen Vorstellungen. Zu den Opfern im weiteren Sinne 
gehören die Weihgeschenke (dva0r|)LiaTa), womit der Staat, die 
Cultgenossenschaften oder Einzelne die Heiligthümer schmückten, 
und die zu religiösen Zwecken gemachten Stiftungen an Geld 
und Gut. 

Der Verkehr mit der Gottheit erfordert ein andächtiges 
Gemüth, d. h. volle geistige Hingabe. Daher suchte man von 
demselben alle Störungen fern zu halten. Die Abwendung vom 
Treiben der profanen Welt wurde symbolisch durch Reini- 
gungen (KttOap^oi) ausgedrückt. In der Homerischen Zeit ist 
es stehender Gebrauch sich vor Opferd und Gebeten zu waschen, 
d. h. von dem Schmutz der irdischen Geschäfjie zu befreien. In 
der geschichtlichen Zeit finden sich bei allen Culten besondere 
Einrichtungen für symbolische Reinigungen. Insbesondere waren 
am Eingange der Heiligthümer Weihkessel mit Weihwedeln an- 
gebracht, ein Gebrauch, den die christliche Kirche vom Heiden^ 
thum angenommen hat.. Besondere Waschungen oder Rauche- 
rungen waren bei gewissen Vorkommnissen des Lebens, z. B. 
bei jeder Berührung mit Leichen vorgeschrieben, weil man darin 
eine Verunreinigung sah, die zum Verkehr mit den Göttern un- 
fähig machte. Nach Seuchen oder Bürgerkriegen mussten des- 
halb oft ganze Städte und Gegenden lustrirt werden, was unter 
Opfern und Gebeten geschah. Bei einigen Riten war auch eine 
Vorbereitung durch Fasten oder geschlechtliche Enthaltung Vor- 
schrift. Aber die Askese konnte im griechischen Cult zu keiner 



*) Vergl. In Piatonis ^ qui vulgo fertury Minoem. S. 55 f. 



III. Aeussere Religion ii. Kunst. 1. b. Culthandlungen. 425 

grossen Bedeutung gelangen ^ weil das Leben nicht durch eine 
Hierarchie in strenge Ritualsatzungen eingeschnürt war. Daher 
findet sich auch bei den Hellenen nicht jene Zerknirschung den 
Busse, welche bei Indem und Juden aus dem Bewusstsein einer 
beständigen üebertretung göttlicher Gebote hervorging. Dagegen 
wird in der nachhomerischen Zeit die moralische Verschuldung 
immer tiefer als Sünde empfunden, durch welche der Mensch 
cl*^r Gottheit entfremdet wird und welche daher einer besonderen 
Söhne (iXac)Liöc) bedarf. Deshalb fanden seit Epimenides die 
orphischen Weihen (TeXeiai) und Reinigungen so grossen An- 
klang, durch welche die Seele von der Befleckung niederer Lei- 
denschaften befreit und so mit der Gottheit ausgesöhnt werden 
sollte. Diese Weihen arteten durch die Orpheotelesten in aber- 
gläubische Ceremonien aus, während unter den Gebildeten durch 
die Philosophie die Erkenntniss zur Geltung kam, dass Reinheit 
des Herzens die wahre religiöse Weihe ist. 

Im römischen Culte waren die Reinigungen wie die Opfer- 
ceremonien nach einem höchst verwickelten Ritual geordnet^ 
dessen Durchführung um so strenger gefordert werden konnte, 
weil dazu kein grosser äusserer Apparat, sondern nur die skru- 
pulöseste Befolgung der im heiligen Rechte gegebenen Vor- 
schriften nöthig war. Cicero sagt von Numa {De republ, H, 
14. 27): Sacrorum ipsorum diligentiam difficilem, apparatum per- 
facileni esse voluit; nuni quae perdiscenda, quaeque observanda esscnt, 
multa constituif, scd ea sine impensa. Jeder Formfehler galt als 
Verletzung des heiligen Rechts und musste in ^vorgeschriebener 
Weise gesühnt werden, wenn man den Beistand der Gottheit 
nicht verscherzen wollte. Hierauf beruhte die Macht der römi- 
schen Priesterschaft, die als Hüterin des heiligen Rechts über 
die Gültigkeit der Culthandlungen entschied. Da aber das Prie- 
sterthum einen durchaus politischen Charakter trug, trat auch 
in Rom eine asketische Richtung der Religion erst ein, als man 
sich den orientalischen Culten hingab, die nicht von Staatsprie- 
stern verwaltet wurden. 

Den Mittelpunkt aller Culthandlungen bilden die religiösen 
Feste, wo die Alltagsarbeit ruht und die Zeit der Erholung dem 
Verkehr mit der Gottheit gewidmet wird, wie der gesellige Ver- 
kehr der Menschen sich in der Mussezeit am genussreichsten 
regt. Die Griechen und Italer feierten ihre Feste aber nicht in 
träger Ruhe und Beschaulichkeit oder durch bloss leibliche Ge- 



III. Aeusscrc Beligiou u. Kuo»t. 1. b. Culthandlungen. 427 

conceptivae); so beging raan die Fagamiiia zu gleicher Zeit in 
allen 2)agi, die Fornacaiia - in allen Corien, die Cofnpitalia in 
allen Gemeinden. Die Zahl der romischen Feste stieg aber im 
Laufe der Zeit besonders durch die beständig hinzutretenden 
feriae imperativae, d. h. die vom Staate befohlenen ausserordent- 
lichen Feiertage, die bei der Einfuhrung neuer Culte und als Bitt-, 
Buss- oder Dankfeste bei besonders wichtigen,' das Wohl und 
Wehe des Staats berührenden Ereignissen eingesetzt wurden. 
Solche Feste dauerten oft mehrere Tage, ja Wochen imd wurden 
z. Th. zu stehenden Gedenkfeiern. Unter dem Principat wurden 
auch die Familienfeste des kaiserlichen Hauses zu Staatsfesten 
erhoben. Die Zahl der Feiertage überstieg daher schon unter 
Claudius die der Arbeitstage. Das müssige Volk verlangte 
piinem et circenses. Die Circusspiele waren von der ersten Zeit 
Roms bis zum Untergange des Heidenthums die Hauptfestspiele 
der Römer; sie bestanden dem Charakter des Volks gemäss in 
militärischen Schaustellungen, rohen kriegerischen Kraftproben 
und dem aristokratischen Wettkampf des Wagenrennens. Neben 
den circensischen Spielen, die mit Beobachtung eines strengen 
Rituals gefeiert wurden, waren die ursprünglich aus dem etru- 
riscben Ritus aufgenommenen Bühnenspiele bis auf Livius 
Andronicus unbedeutend; sie wurden seitdem nach griecjii- 
schem Muster ausgebildet, aber erlangten nie das Ansehen der 
circensischen Spiele, in welche seit 186 v. Chr. z. Th. die grie- 
chische Athletik, aber zugleich au^h das blutige Schauspiel der 
Thierhetzen mit aufgenommen wurde. An den von den Kaisern 
künstlich gepflegten griechischen Agonen betheiligten sich die 
Römer selbst nur wenig, obgleich der im Jahre 86 von Domitian 
gegründete Capitolinische Agon, der in vierjähriger Wiederkehr 
stattfand, an Glanz und Ansehen die olympischen Spiele über- 
traf und bis in die christliche Zeit bestand. In der Kaiserzeit 
waren nächst den circensischen Spielen die Gladiatorenkämpfe 
am volksthümlichsten. Sie stammen aus Etrurien und sind ur- 
sprünglich Surrogate der Menschenopfer. Seit 264 v. Ch. wurden 
sie zuerst von römischen Grossen bei Leichenfeierlichkeiten ver- 
anstaltet; in der letzten Zeit der Republik nahm man sie all- 
mählich in die öflFentlichen Spiele auf. Es fochten nun^ nicht 
nur zum Tode verurtheilte Verbrecher, sondern man richtete dazu 
Sklaven bandenweise ab und zahllose Kriegsgefangene fanden in 
der Arena ihren Tod; ja der Beifall und der reiche Lohn, 



ni. AeuBsere Reli|i^on u. KuoRt. 1. c. Der Coltus als relig. Erziehung. 429 

das Volk wurde in Rom durch das heilige Recht der ponHfices 
so geleitet, wie in Griechenland durch die Stimme der Sänger. 
Die Religion ist nicht von Priestern zur Zügelung der grossen 
Menge erfunden; aber sie hat in der That im Alterthum die 
Leidenschaften und die Roheit des VolkÄ gezügelt, wenn sie 
auch andrerseits wieder Leidenschaften erregt und genährt hat 
Es galt bei den Alten nicht blos als religiöse Pflicht die Gotter, 
insbesondere die des Staates äusserlich zu ehren, sondern man 
glaubte, dass sich die Götter um die Handlungen der Menschen 
kümmern und dass man ihnen nur wohlgefällig werden könne, 
wenn man die ungeschriebenen Gesetze befolge, die ihren Willen 
oflFenbaren. Zur Frömmigkeit gehörte die Erfüllung der Liebes- 
pflichten gegen Angehörige' und Freunde, Menschlichkeit auch 
gegen Fremde und Sklaven, Ehrfurcht und Gehorsam gegen die 
Eltern, die Sorge für das Andenken der Dahingeschiedenen^ 
Femer war die Wahrhaftigkeit durch die Religion geboten, die 
den Eid heiligte. Von Verbrechen schreckte die Furcht vor der 
göttlichen Nemesis ab; denn jede Gottheit wachte über demjenigen 
Theil der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung, der unter 
ihrem Schutz stand, und den Frevler verfolgte der Zorn der 
Götter. Der Staat selbst verstärkte das Ansehen seiner Gesetze, 
indem er Uebertretungen häufig mit dem Fluch bedrohte. Ver- 
folgte fanden eine sichere Zufluchtstätte in den Heiligthümem, 
deren Asylrecht selten verletzt wurde. Die Vaterlandsliebe der 
Alten trägt ebenfalls einen religiösen Charakter; denn das Vater- 
land ist der Inbegrifl" der väterlichen Religion; wer das Vater- 
land verräth, der verräth die Altäre der heimischen Götter und 
die heiligen Gräber der Vorfahren. Das ganze -Völkerrecht war 
ausserdem heiliges Recht. Ueberhaupt Jjeruhte das gesammte 
sittliche Bewusstsein des Alterthums auf der Religion; denn auch 
die Philosophie, in welcher dasselbe zur höchsten Klarheit aus- 
j^ebildet wurde, trägt die Religion in sich. Die positive Religion 
ist ja nichts anderes als eine bestimmte Form und Fassung 
dessen, was das Gewissen vorschreibt; der göttliche Wille, der 
darin als äussere Macht auftritt, ist identisch mit dem Gewissen, 
welches sich in den religiösen Maximen objectivirt. Dagegen 
erkennt der Philosoph die Identität seines Gewissens mit seiner 
Vernunft und findet so das Göttliche als ein Inneres, nicht mehr 
IjIos Positives. Aber die philosophische Ethik der Alten gerieth 
schon seit Pythagoras und Xenophanes in Widerspruch mit 



432 Zweiter Hauptiheil. 2. Abs^hn. Besondere Alterthumalelire. 

Zugleich uahiD man vou Cumae die in griechischen Hexametern 
abgefassten Orakelsprüche der Sibylle auf, welche ans der Gr^^nd 
von Troas stammten. . Sie wurden von einem eigenen priester- 
liehen Collegium aufbewahrt, und man zog sie bei anssergewöhn- 
liehen Prodigien oder Unglückstallen zu Rathe, nicht um die 
Zukunft zu ergründen, sondern um darin Mittel zur Abwendnng 
des göttlichen Zornes zu finden. Diese Mittel bestanden in CuHr 
handlungen, die auf den griechischen Ritus berechnet waren ^ so 
dass derselbe grossentheils durch den Einfluss der sibyllinischen 
Bücher in- Rom eingebürgert wurde. Als diese Bücher bei dem 
Brande des Capitols 83 v. Chr. untergingen, wurden in aUen 
Ländern die noch vorhandenen sibyllinischen Sprüche gesammelt 
Die Sammlung wurde unter August 12 v. Chr. genau revidirt 
und im Tempel des palatinischen Apoll aufbewahrt; unter Ho- 
norius verbrannte man sie, weil die Sprüche den Abei^lauben des 
Heidenthunis zu nähren schienen. Die griechischen Orakel waren 
. bereits ganz in Verachtung gesunken, als die Römer Griechen- 
land eroberten; sie wurden nur von Abergläubigen oder Neu- 
gierigen in den trivialsten Angelegenheiten befragt und waren 
zu Anfang der christlichen Ära fast ganz verstummt; durch die 
spätere mystische Richtung wurden sie indess wieder gehoben 
und erhielten sich bis nach der Zeit Constantin's d. Gr. Auch 
in den Tempeln der meisten orientalischen Gottheiten wurden in 
der Kaiserzeit von den Priestern Orakel ertheilt. 

Gleichzeitig mit dem Verfall der Orakel kamen andere Arten 
der Mantik desto mehr in üebung, die der abergläubischen 
Menge besser zusagten. Zunächst an die Orakel schliesst sich 
die Weissagung durcli Incubation. Man glaubte, dass sich durch 
gewisse Bewegungen des Körpers, betäubende Dämpfe und Aus- 
sprechen heiliger Worte der Mensch in einen Zustand der Ent- 
zückung versetzen könne, worin sich die Eindrücke der gegen- 
wärtigen Dinge verlören und eine dunkle Vorahnung der Zuktmft 
eintrete. So wurde ja die Verzückung der Pytliia durch die aus 
einem Erdschlund aufsteigenden Dämpfe hervorgebracht und 
ähnlich war es bei andern Orakeln. Durch die Incubation (dfKoC- 
liniciq), (1. li. den Tempolschlaf wurden nun die Rathsuchenden 
selbst dieser Art Weissagung theilhaftig. Sie wurden in den 
Tempeln gewisser (Jottheiten oder in Schlafhäusern, welche man 
bei solchen Tempeln baute, durch allerlei exaltirende Ceremonien 
in einen Zustand des Halbschlafes versetzt, worin diejenigen, 



III. Aeussere Religion n. Kunst. 1. Cnltos. * 433 

welche dafür empfänglich waren, Visionen nach Art des moderne; 
Hellsehens hatten. Man bediente sich der Incubation besonders 
zur Heilung von Krankheiten; daher war sie seit alter Zeit in 
den Äskulaptempeln Sitte, welche zugleich als Kurorte dienten. 
Diese Tempel hingen voll Votivtafeln, worauf die von Asklepios 
geoffenbarten Kuren verzeichnet waren und von denen noch eine 
Anzahl erhalten sind. Sehr verbreitet wurden die Incubations- 
Orakel auch durch die ägyptischen Culte des Serapis , der Isis 
und des Phthas.*) Die Incubation ist verwandt mit der Traum- 
weissagung, die in Griechenland uralt ist; da die Dinge, die man 
im Traum schaut, nicht gegenwärtig sind, erscheint er als gott- 
liche Eingebung. Aber schon Homer lehrt, dass die Gotter auch 
trügerische Träume senden, und die Traumdeutung wurde daher 
frühzeitig zu einem besonderen Zweige der Divination, der in 
der Zeit des religiösen * Verfalls in Griechenland wie in Rom 
vorzüglich in Blüthe stand. 

Die Divination (jiavTiKf) ilryfryiiKf]) ist von der auf Inspi- 
ration beruhenden Mantik (|LiavTiKf| jiaviiubri^) wohl zu unter- 
scheiden. Wenn sie auch bei der Deutung der innem Offien- 
barung in Anwendung kam, so war doch ihr Hauptgebiet die 
Auslegung der äusseren Zeichen, wodurch die Gottheit sich den 
Menschen kund giebt. Diese Seherkunst war ebenfalls z. Th. in 
alten Geschlechtem erblich, wie in dem der Telliaden, Klytiaden 
und lamiden,**) wurde aber auch frei ausgeübt Sie beruhte 
ursprünglich keineswegs auf Betrug, obgleich schon bei Homer 
und Hesiod vorausgesetzt wird, dass die Sehergabe betrüge- 
risch gemissbraucht werden kann. Noch Philochoros scheint 
an die Richtigkeit der von ihm ausgeübten Mantik geglaubt zu 
haben.***) Die Vogel, die Propheten des Wetters sind in der 
Naturreligion besonders vorbedeutend, so dass die ganze Zeichen- 
deutung bei den Griechen als olu)viCTiKr|, bei den Römern als 
awßmum bezeichnet wurde (vergl. oben S. 96). Ausserdem be- 
zieht äich die älteste Mantik auf die atmosphärischen Erschei- 
nungen selbst und auf sonstige Naturvorgänge als die unmittel- 
baren Wirkungen der Naturgötter. Im Leben des Menschen 
galten alle unerklärlichen Vorfalle und Erscheinungen, die nicht 



*) Vergl. Corp. Inscr. nr. 481. (s. auch nr. 6980). 
**) Vergl. ExpUcationes Pindari S. 162 f. 
***) Vergl. Kl. Sehr. V, S. 897. VII, S. 699. 

»ückh*g Eucyklopädie d. pbilolog. Wisaentohaft 28 



434 Zweiter Ilaupttheil. 2. Abschn. Besondere Aüerthumslehre. 

vom menschlichen Willen abhingen, als Onilna; so z. R auf- 
fallende unwillkürliche Bewegungen des Körpers wie das Niesen, 
unerwartete Begegnungen von Menschen und Thieren^ zufällig 
vernommene bedeutungsvolle Worte u. s. w. Hieran reihen sich 
viele künstliche Arten der Mantik, wie die Chiromantie und die 
Weissagung aus Würfeln und Lioosen. Nahe lag es in dem 
Verlauf der gottesdienstlichen Handlungen, vorzüglich des Opfers, 
ein Zeichen der günstigen oder ungünstigen Aufnahme «eitens 
der Gottheit zu suchen. Die älteste Form dieser Zeichendeutung 
ist die jnavTiKT) il ejiiTTüpujv, die sich auf die Art der Verbren- 
nung bezieht; in der geschichtlichen Zeit ist aber die Weis- 
sagung aus den Eingeweiden der Opferthiere, die bei Homer 
noch nicht vorkommt, die eigentliche politische Manük. . Zu 
einem förmlichen System voll abergläubischer Geheinmisskrämerei 
wurde die Divination in Etrurieu ausgebildet; die Römer nahmen 
diese etruskische Kunst schon in der ersten Zeit der Konigs- 
herrschaft in ihre Auguraldisciplin auf, welche von dem Celle- 
gium der Augures einheitlich gestaltet imd in eigenen BQchem 
überliefert wurde. Das Recht für den Staat Auspicien anzu- 
stellen stand ursprünglich dem Könige, später ausser dem Pan- 
Üfex maximus den Magistraten zu, während über die Bedeutung 
der angestellten Auspicien die Auguren entschieden. In den 
häufigen Kriegen der Republik wurde das au^jncium ex ttypudm, 
d. h. aus dem Fressen der heiligen Hühner als das einfachste 
am gebräuchlichsten; über dasselbe entschieden die dem Peld- 
herrn beigegebenen pidlariL Bei ausserordentlichen Prodigien 
zog man etruskische Haruspices zu Rath, welche auch im Kriege 
die Feldherren behufs der Opferschau begleiteten. Da keine 
wichtigere Angelegenheit ohne Auspicien - vorgenommen wurde, 
so wurden diese in der Zeit des religiösen Verfalls in der scham- 
losesten Weise zu politischen Piirteizwecken gemissbraucht. Die 
Auguraldisciplin kam dabei allmählich ganz in Vergessenheit 
Erst unter der Kaiserherrschaft wurde die etruskische Haruspicin 
in RoDi wieder erneuert, und die künstlichsten Arten der Divi- 
nation kamen ausserdem in Gel)rauch. 

Merkwürdig ist, dass in der Mantik der Griechen die Astro- 
logie durchaus keine Rolle spielt. Weder die Dichter, noch die 
Philosophen der acht griechischen Zeit enthalten davon eine 
Si)ur. Nur den Pliascn des Mondes schrieb man einen Einfluss 
auf das menschliche Leben und seine Verrichtungen zu* dies 



III. Aenssere Beligion a. Kunst. 1. Coltus. 435 

findet sich bereits in Hesiod's Tagewerken. Die Astrologie ist 
eine Ausgeburt der Chaldäer und Aegypter; die dem Aberglauben 
abgewandte griechische Wissenschaft hielt sich davon fem. Auch 
die griechischen Astronomen der alexandrinischen Zeit hielten, 
auf strenge astronomische Wissenschaft-/ Meteorologie und die 
Bestimmung der Geschäfte des Landbaues nach dem Auf- und 
Untergange der Gestirne ist allerdings acht griechisch, hat aber 
mit der Astrologie nichts zu thun, *deren Hauptaufgabe die 
T€V€9XiaKd, die Lehre von dem Nativitatstellen war. Die erste 
Schule der Astrologie hat Berosos zu Kos gegründet (Vi- 
truv IX, 6. 1) und gegen das 2. Jahrhundert v. Chr. fing die 
Astrologie an sich zu verbreiten, obgleich viele Griechen gegen 
sie schrieben (Cicero de divin. II, 42). In Rom wurden die 
chaldäischen Sterndeuter im Jahre 139 v. Chr. zum ersten Mal 
und dann während der letzten Zeit der Republik wiederholt aus- 
gewiesen; doch gewann die Astrologie seit dem Ciceronianischen 
Zeitalter immer grosseres Ansehen. Ungeachtet der gegen sie 
gerichteten Decrete der ersten Kaiser drang sie überall in das 
gemeine Leben, die Literatur und Wissenschaft ein und verdarb 
namentlich die neupythagoreische und neuplatonische Schule. Es 
entstand in Rom eine dreifache Secte der Astrologen oder Mathe- 
matici: die ehaldäische, ägyptische und griechische, deren jede 
ihre eigen thümliche , in wissenschaftliche Form gebrachte Kunst 
hatte. (Vergl. Letronne, Observations sur Vobjet des representa- 
tiofis zodiacales etc. Paris 1824.) 

An die gesammte Zeichendeutung schliesst sich der Wust 
der antiken Zauberei. Man glaubte, dass die Gottheit, die den 
Menschen durch Zeichen belehrt, ihn auch selbst der Wunder- 
kraft theilhaftig zu machen vermöge, durch welche sie die Natur 
beherrscht; die Bethätigung dieser geheimnissvollen Kraft ist die 
Zauberei. Die wunderbaren Heilwirkungen der Natur galten in der 
alten mythischen Zeit als zauberisch und ausserdem glaubte man 
Leiden aller Art durch Besprechung, d. h. durch Anwendung heiliger 
Formeln heilen zu können. Auch neben der wissenschaftlichen 
Medicin erhielten sich stets Wunderkuren durch Hausmittel, 
Sympathie, Auflegen der Hände und Besprechungen. Man 
meinte ferner auf die umgebende Natur, insbesondere auf Witte- 
rung, Pflanzen wuchs und Thiere durch Zauberformeln und ge- 
heimnissvolle Ceremonien einwirken .und so schädliche Natur- 
einflüsse abwenden zu können. Zugleich aber entwickelte sich 

28* 



436 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

hieraus eiiie bösartige Form des Zaubers, nämlich das Bestreben 
Andern durch Zauberei Uebles zuzufügen, ihr Eigenthom oder 
ihre Gresundheit zu schädigen, sie zu bethören, wahnsinnig zu 
machen, in Thiere zu verwandeln, ja ihren Tod herbeizuffthren. 
Hierzu dienten Verwünschungen und Beschwörungen, magische 
Zeichen, der böse Blick (ßacxavia, fascinatio), Liebestränke und 
andere cpdpfiaKa. Ja man glaubte, dass der Zauber seine Macht 
auf die Geister der Verstorbenen und die Götter und Dämonen 
selbst ausdehne, die man dadurch citiren, bannen und zum Bei- 
stand nöthigen könne. Die bösartige Anwendung der Zauber- 
künste war in den alten Staaten streng verpönt; aber aus Furcht 
vor solchem Zauber waren im Privatleben überall mystische 
Sicherheitsmittel, insbesondere Amulete üblich. Die alte 'griechi- 
sche Zauberei ging hauptsächlich von Thessalien und dem Dienst 
der Hekate aus und wurde von Alters her meist von Weibem 
betrieben. In der Zeit der ächten Religiositiit war dieser Aber- 
glaube zurückgedrängt; er fand erst mit dem Verfall der Religion 
wieder weitere Verbreitung, seitdem die Orpheotelesten als 
Traukler und Wunderthäter umherzogen. Femer kam die orien- 
talische Magie hinzu, wonach die Natur mit guten und bösen 
Dämonen bevölkert gedacht wurde, die man sich durch nlagische 
Mittel dienstbar su machen suchte. In Italien wai^Etrurien das 
Vaterland der Gaukelei und des Aberglaubens, der- in Rom von 
jeher ausserordentlich mächtig war. Mit der Auflösung der 
römischen Staatsreligion drang die griechisch - orientalische Mi^e 
ein. Diese gewann hauptsächlich durch die neupythagoreische Schule 
einen wissenschaftlichen Anstrich. Es entstand ein Mythos von 
Pythagoras, worin derselbe als Erbe orphischer und orienta- 
lischer Priesterweisheit und als Theurg, insbesondere als Wunder- 
arzt dargestellt wird. Nach diesem Ideale bildete sich eine 
heilige Quacksalberei und mystische Geisterbeschwörung, deren 
merkwürdigster Vertreter der theurgisch- asketische Wundermann 
Apollonios von Tyana ist. In den aus dem Neupythagoreismus 
und Neuplatonismus hervorgegangenen Formen erhielt sich die 
Magie mit der Astrologie das ganze Mittelalter hindurch. 

Der Glaube an Zeichen und Wunder hängt an der Voi^ 
Stellung, dass in der Natur übernatürliche Kräfte wirksam sind« 
Diese Vorstellung ist im Alterthum durch die Idee des Schick- 
sals eigenthümlich bestimmt. Was die Alten Schicksal nennen, 
ist — unter welcher Form es auch erscheine — überall nichts 



III.. AeuBsere Religion u. Kunst. 1. Culius. 437 

Anderes als die Natumoth wendigkeit, welche sich dem mensch- 
lichen Willen entgegenstellt, ihn beschränkt oder überwindet. 
So definirt wohl Piaton im Timaeos auch die 'AvotYKii und dies 
ist das Wesen der G^ap^ivx] und des Fatum. Auch die Götter 
sind der Naturnothwendigkeit unterworfen, inwiefern sie als ' 
einzelne, mit freiem Willen begabte Wesen angesehen werden. 
Daher können sie durch magische Mittel gezwungen werden 
dem Menschen zu Willen zu sein; das Schicksal, das sie durch 
Zeichen oflFenbaren, vermögen sie nicht abzuwenden. Der Sterb- 
liche aber erliegt dem Zwange der übermächtigen äusseren Kräfte 
und nur die Gesinnung wird nicht überwunden. Daher hebt der 
Öchicksalsglaube nicht das Gefühl der menschlichen Freiheit auf. 
Entweder nämlich stimmt der Wille des Menschen mit der 
Fügung des Schicksals überein, wie dies in der Orestes -Sage 
dargestellt wird, oder er scheitert an dem Schicksal, und die 
Versöhnung kann nur durch Ergebung in das Unabänderliche 
erreicht w%rden, wie dies Sophokles im Oedipus auf Kolonos 
so ergreifend darstellt. In beiden Fällen kann der Glaube an 
das Schicksal die Thatkraft nicht schwächen. Denn die Ab- 
weichung des Willens vom Schicksal wird erst mit der Voll- 
endung der Handlung erkannt; das Bewusstsein der Ueberein- 
stimraung aber stärkt den Charakter. Von jeher wurde ja die 
e\|Liap|Li€vri als sittliche Ordnung aufgefasst; sie verwirklicht als 
allgemeine Bestimmtheit die Gerechtigkeit. Man ging daher dem 
Geschick getrost und in erhabener Begeisterung entgegen. So 
weihten sich die Seher, die Verkündiger des Schicksals, das sie 
selbst auch für sich erkannten, freiwillig dem Untergang, wie 
Megistias und der Wahrsager des Thrasybul. Der Leib, die 
sinnliche Existenz erliegt dem Schicksal, während der Geist siegt. 
Je klarer dies Verhältniss in den ethischen Schulen der griechi- 
schen Philosophie zum Bewusstsein kam, desto mehr sah man 
in der Naturnothwendigkeit selbst, in der gesetzmässigen Ver- 
kettung der wirkenden Ursachen das Walten einer Vorsehung, 
welche mit freiem geistigen Leben das Aeussere lenkt imd durch 
ihre Fügungen das Menschengeschlecht erzieht. Der Untergang 
des Leibes erschien jetzt selbst als Sieg des Geistes, der seine 
Freiheit gen Himmel rettet; denn der Körper ist nichtig und gehört 
selbst zu den beschränkenden Kräften, die in ihrer Verbindung 
das Schicksal des Menschen bereiten: alle Irrungen des mensch- 
lichen Gemüths sind die Folge des Aeusseren, des Sinnlichen, 



III. Aoussoro Religion u. Kimbt. 1. Cultus. 430 

ins Jenseits eröffnete. „Wer sie geschaut, sagt Pindar, weiss 
des Lebens Ende, weiss seinen gottgegebenen Anfang." Die 
Wirkung wurde dadurch verstärkt, dass die Weihen in drei 
Graden stattfanden; der erste derselben wurde in den kleinen 
Mysterien ertheilt, der zweite sechs Monat später in den grossen 
Mysterien und der dritte (die Epoptie) ein Jahr später in der- 
selben Feier. Die kleinen Eleusinien wurden im Eleusinion zu 
Athen, die grossen z. Th. in Athen, z. Th. in Eleusis gefeiert. . 
An den grossen Weihen, welche 10 — 12 Tage dauerten, wurden 
die Mysten zuerst durch Sühnopfer, Reinigungen und Fasten 
vorbereitet; hieran reihten sich Umzüge mit enthusiastischem 
Gesang und Tanz und den Schluss bildete die höchste Weihe in 
dem Telesterion zu Eleusis, welches von Perikles zu^ einem 
mächtigen, Tausende fassenden Festraum ausgebaut wurde. 
Plutarch giebt eine Schilderung dieses Schlussakts: „Irrgänge 
zuerst und mühevolles Umherirren der noch nicht Geweihten, 
und ängstliches Wandeln durch dichte Finsterniss. Dann, un- 
mittelbar vor der Weihe die Schrecknisse alle: Schauder, Zittern, 
Angstsch weiss und Entsetzen. Darauf bricht ein wunderbares 
Licht hervor; sie kommen in reine Gegenden und Auen, wo es 
Gesang und Tanz giebt und wo das Gemüth durch heilige Le- 
genden und Erscheinungen erhoben wird. Hier wandelt nun der -^ 
ganz Geweihte frei und unbehindert, nimmt bekränzt an dem 
Feste Theil und verkehrt mit frommen und reinen Männern, wäh- 
rend er sieht, wie sich der ungeweihte Haufe derer, die ein 
unreines Leben führten, in vielem Schlamm und Nebel tritt und 
drängt und in Todesfurcht dem Uebel aus Unglauben an die 
jenseitigen Güter verfallen bleibt." Die heiligen Erscheinungen, 
wovon hier die Rede ist, waren scenische Aufführungen, die den 
Mythos von Demeter und Persephone zum Inhalt hatten, begleitet 
von Feslhymnen. Der Hierophant sprach dabei dirößpriTa, die 
aber luir die Legende und keine allegorische Erklärung des 
Mythos enthielten. Der heilige Schauer der Umzüge und Schau- 
spiele, der Gesang, der Duft, die zauberische Erleuchtung des 
prachtvollen Heiligthums erzeugte enthusiastische Gefühle, die 
das Gemüth reinigten; zugleich aber drängte sich der tiefere Sinn 
des Mythos von selbst auf, wenn auch die Symbole j6 nach dem 
Bildungsgrade der Mysten in sehr verschiedener W^eise aufgefasst 
werden mochten. 

Die Verwaltung der eleusinischen Mysterien lag in der Hand 



440 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthum sichre. 

von Priestern und Priesterinnen aus mehreren alten Creschlech- 
tern; au der Spitze stand der Hierophant aus dem Geschlecht 
der Eumolpiden. Ursprünglich wurden nur Einheimische einge- 
weiht; aber frühzeitig durften auch Fremde durch Athener ein- 
geführt werden. In welchem Ansehen diese Mysterien bei den 
gebildetsten Hellenen standen, beweist schon allein der Plato- 
nische Phädros. 

Die Römer hatten nichts Aehnliches. Ihnen genügte die 
äusserliche politische Religion; Mysterien setzen ein speculatives 
Interesse voraus, welches ihnen fehlte. Auch war es der Nobi- 
litätsherrschaft nicht angemessen solche Conventikel zu dulden; 
sie hätten ausserdem in der Zeit der Republik ohne Zweifel einen 
rohen Charakter angenommen, wie die nach Rom verpflanzten 
Bacchanalien. Allein das Ansehen der eleusinischen Mysterien 
erhielt sich auch unter der Römerherrschaft; viele gebildete 
Römer Hessen sich aufnehmen und fanden darin Befriedigung. 
Bekannt ist das Urtheil des Cicero {Legg. II, 14): y,Nam mihi 
cum mtilta eximia divinaque viderdur Atlienae tuae p^erisse cUqne 
in vitatn Ihominimi (ütulisse, tum nüiil nwlitts Ulis mystcriis qmbus 
ex agresH immanique vita excidti ad hufnanitatem et mUigcUi summ, 
initiaque ut ajrpellantxir ita revera pmmpia vitae cognovimus, neque 
solum cum laetitia vivendi rationeni accepimtis, sed etiam cum spe 
meliore moriendi,^' Unter dem Kaiserreich wurden die Mysterien 
nach Rom selbst verpflanzt; in Attica bestanden sie bis zum 
Untergange des Heidenthunis in ungeschwächtem Ansehen. Da 
sie den innersten Kern der antiken Religion, die (löchste Poten- 
ziruug des Heidenthums bilden, suchte sich dessen Kraft und Sub- 
stanz darin dem Christenthum gegenüber zu behaupten, und dies 
konnte geschehen, weil darin etwas Aechtes und wesentlich 
Religiöses lag, das man mit Ueberzeugung festhalten konnte. 
Die alte Religion war ja wie das Christenthum ursprünglich 
selbst der Ausdruck des göttlichen Geistes und dessen Offen- 
barung im Geiste des Menschen. Aber der Geist kann seine 
göttlichen Ideale nur unter endlichen Bildern denken und diese 
Bilder verlieren allmählich ihre Klarheit, und nachdem ihr ur- 
sprünglicher Sinn geschwunden, werden sie selbst als das Grott- 
liche verehrt. Als die Symbole der antiken Religion so im 
Volksglauben sinnlos geworden waren, musste dieser absterbeni 
und die Menschheit wurde nun für ein vollkommeneres Bild des 
Göttlichen empfänglich, wie es im Christenthum gegeben war. 



in. Aeusserc Religion u. Kunst. 1. Caltiis. 441 

Aber auch in diesem wurde die religiöse Anschauung sofort 
durch menschliche Zuthaten entstellt^ und es erschien den ge- 
bildeten Griechen daher auch nur als ein unvollkommenes Symbol. 
Wo nun die alte Religion noch lebendig war, wie bei Julian 
und seinen Freunden, da widerstrebte man der neuen. Daher 
war es natürlich, dass die Mysterien dem Christenthum am hef- 
tigsten entgegentraten; denn in ihnen war noch Leben und antike 
Pietät und traurig, sahen ihre Priester den Verfall des vater- 
ländischen Cultus. Fast rührend beschreibt Eun^pios im Leben 
des Maxim US, wie endlich der Eleusinische Hierophant im Geiste 
erkennt, er sei der letzte und unter ihm werde das ehrwürdige 
Heiligthum vernichtet werden. Gerade das heftige Widerstreben 
der Mysterien gegen das Christenthum weist aber auf ihre innere 
Verwandtschaft mit diesem hin, vermöge deren sie eben noch so 
lange lebensfähig waren. Allerdings waren sie ihrer äussern 
Form nach acht griechisch, an die äussere sinnliche Erschei- 
nung gebunden; aber im Vergleich mit dem übrigen Cultus 
rissen sie sich doch am meisten von der Sinnlichkeit los, indem 
sie das Übersinnliche, wenn auch nicht durch discursive Lehre 
sondern durch unmittelbare Anschauung aufschlössen. So ver- 
mittelten sie zugleich mit der aus der orphischen Weltanschauung 
entsprungenen idealen Philosophie in der That den Uebergang 
von der antiken Religion zum Christenthum, zu dessen Aufnahme 
ausserdem dadurch der Boden bereitet war, dass das tiefe religiöse 
Gefühl des Volkes selbst sich gegen den todten Götzendienst auf- 
lehnte. Das Christenthum knüpfte überdies nicht blos in Caeri- 
monien und Festen, sowie in dem Glauben an Zeichen und 
Wunder, sondern auch in seiner Grundidee, seiner Lehre von der 
Menschwerdung Gottes an das Heidenthum au, fiir dessen reli- 
giöses Bewusstsein die Erscheinung der Gottheit durchaus noth- 
wendig war. 

§ 67. Literatur. Quellen. S. oben S. 355 fiP. und 367 f. Bruchstücke 
der vielen verloren gegangenen Schriften über religiöse Gegenstände finden 
sich aus8er bei Scholiasten imd Grammatikern besonders auch bei den 
Kirchenvätern, welche den heidnischen Cult bekämpfen. Von den erhaltenen 
Schriften ist die Periegese des Pausanias eine Hauptquelle der gottes- 
dienstlichen Alterthümcr. Über die Opfergebräuche handeln: Lukian, TTcpl 
Guöiiüv; Porphyrios, TTcpl diroxri*; tuiv ^^hiuxuiv — über Mantik: Plu- 
tarch^ TTcpl toö }jLi\ xpav ^M^erpa vöv xfjv TTuGCav, TTcpl tOjv dicXcXoiiTÖTUJv 
Xpr]OTY]piwy^ TTcpl toö iv AcXqpoic; €i, TTcpl "löiöo^ Kai 'OöCpiöoq, TTcpl €i|Liap- 
jLi^vr|c;; Lukian, TTcpl darpoXotiac; ; Cicero, De divinatione und De fato; 



442 Zweiti?r Haiiiiitheil. 2. AbBclin. Bet-ondcre Altertbumslehre. 

Jo. Lydos, TTcpl 6iaanM€iuiv (vcrgl. Porpliyrii, De phüosophia ex ora- 
cutis liaurienda libror. reliquiac ed, G. Wolff. Berlin 1856). — fiber die 
römiHchen Feste: Ovid, Fasti; Jo. Lydt>8, TTcpl fiiiivurv. — über Mysterien: 
Jamblichos, TTCpl {nuarnpiuiv (ed. Parthey. Berlin 1857); Apuleius, Me- 
tumorphoses; Aristiden, 'icpol Xötoi. — Vorzüglich zu berückgichtigen sind 
die religiösen Anschauungen der hervorragendsten Schriftsteller. Man findet 
die Resultate der bisherigen Forschungen hienlber in den Bearbeitungen der 
Literaturgeschichte, wo auch die betr. Monographien zusammengestellt sind. 
1{ eichen Stoff bieten die Inschriften, und bei dem überwiegend religiösen 
Charakter der alten Kunst sind die Quellen der Kunstgeschichte zugleich 
eine Hauptgrundlage der Religionsgoschichte. 

Allgemeine Religionsgeschichte. Meiners, Allgemeine kritische Ge- 
schichte der Religionen. Hannover lB06f. 2 Bde. — Benjamin Constant, 
De 1a religion comide'ree dam sa source, ses farmes et ses developpemenis. Paris 
1824—1831. 5 Bde. — Renan, Etudes d'histvire rdigieuse. Paris 1866 n. 5. 
— Döllingcr, Heidenthum und Judenthum. Vorhalle zur Geschichte dos 
Christenthums. Regensburg 1857. — Max Müller, Essays on Ute sdence 
of religion. 1857 ff. [gesammelt in: Essays über vergleichende R<eligioDs- 
wisscnschait, vergleichende Mythologie und Ethologie. Leipzig 1869. 2 Bde. 
Derselbe, Einleitung in die vergleichende Religionswissenschaft. Strassbmg 
1874, wiederholt 1875. — Pfleiderer, Die Religion, ihr Wesen und ihre 
Geschichte. Leipzig 1869J. 

Religion des Alterthiims. Ol äsen ins, Theologia getUilis. s. denum- 
stratio qua probatur Gentiliutn thcoJogiam (ceu ta^ehras) Dcos, sacrificia ei alia 
ex fotite Scripturae (ceu luce) originem traxisse. Frankfurt 1684. — Stein- 
hofer, Graecin Sacra. Tübingen 1734. Unbedeutend. — Lakemacher, An- 
tiquitates Graccorum sacrne. Helmstildt 1734. — Brunings, Compendium an- 
tiquitatum gruecarwn e profanis sacrarum. Frankf. 1734 u. ö. Ganz planlos. 
(Der Titel bezieht sich darauf, dass die AlterthüiuQr zur Erklärung der Bibel 
angewandt werden.) — K. I. Nitzscli, Über den Religionsbegriff der Alten. 
Hamburg 1832. — Nägelsbach, Die Homerische Theologie. Nürnberg 1840. 
2. Ausg. 1861; Die nachhomerische Theologie. Nürnberg 1857. Hierin wird das 
religiöse Bewusstscin der Griechen, wie es sich in Cultus u. Mythos aus- 
spricht, vollständig und nach allen Kategorien entwickelt. — Fricdr. Wilh. 
Rinck, Die Religion der Hellenen aus den Mythen, den Lehren der Philo- 
sophen und dem Ciltus entwickelt und dargestellt. l.Thl. Von Gott und dem 
Verh. der Welt und der Menschen zu Gott. Zürich 1853. Ist vorwiegend mytho- 
logisch. 2. Theil, 1. Abth. 1854 handelt von dem Gottesdienst und den öffent> 
liehen Festen, 2. Abth. 1855 von der Mysterienfeier, Orakeln, P]wigkeit und Hei- 
ligung. Das Buch ist fieissig gearbeitet, aber unzuverlässig. — Alfr. Maury, 
Histoirc des religions de Ja Grecc antique dcpuis hur origine jttsqu'ä leur 
coinpUte Constitution. Paris 1857—1859. 3 Bde. — Lehrs, Populäre Auf- 
sätze aus dem Alterthum, zur Ethik und Religion der Griechen. Leipzig 
1856- 2. Auf! 1875. — Chr. Petersen, Religion oder Mythologie, Theologie 
und Gottesverehrung der Griechen. In Ersch und Gruber's Encyklopädic. 
Leipzig 1864 (380 Seiten). — [Lübker, Zur ReligiouFgeschichte des klassi- 
schen Alterthums. Gesammelte Schriften. Bd. IL Halle 1868. — Girard, 
Le sentimcnt religieux en Grcce d' Homere ä Aeschyle. Paris 1869. — Herrn. 



III. Aeusaere Religion ii. Kunst. 1. Culius. 443 

Gilow, Über das Verhältniss der griechischen Philosophen im Aligemeinen 
und der Vorsokratiker im Besondem zur griechischen Volksroligion. Olden- 
burg 1876.] 

Benj. Constant, Du pohjtheisme Eomain considere dans ses rapports 
avec la philosophie grecque et la religion chretienne. Paris 1833. 2 Bde. — 
J. A. Härtung, Die Religion der Römer. Erlangen 1836. 2 Bde. — 
Kräh n er, Grundlinien zur Geschichte dos Verfalls der römischen Staatt«- 
religion. Halle 1837. 4. — Klau*ien, Aeneas und die Penaten. Die italische 
Volksreligion unter dem Einfluss der griechischen. Hamburg u. Gotha 1839. 
1840. 2 Bde. — K. G. Zumpt, Die Religion der Römer. Berlin 1845. — 
Chr. Walz, De religione Homanorum aniiquissima. Tübingen 1845. 4. — 
[BiJnnetty, Docvments hiaioriques sur la religion des Bomaina. Paris 1867 — 
1871. 2 Bde. ~ Boissier, La religion romaine d* Auguste aux Antonins. 
Paris 1874. 2 Bde.] 

Tzschirner, Der Fall des Heidenthums. Bd. 1. Leipzig 1829. — 
Beugnot, Histoire de la destruction du paganisme en Occident. Paris 1835. 
2 Bde. — Villemain, Du pölytheisnie dans le premier siede de notre h'e. 
In Nouveaux Melnnges. Paris 1837. - Strodt, Roms religiöser Zustand 
am Ende der alten Welt. München 1844. — Volbeding, Thesaurus cain- 
mentatiotium selectarum et antiquiorum et rccentiorum illustrandis antiqui- 
tatibus CJiristianis inservientium. Leipzig 1846. Darin u. A. Wernsdorff, 
De originihus soUemnium natalis Christi ex festivitate natalis invicti. — 
W. Ad. Schmidt, Geschichte der Denk- und Glaubensfreiheit im ersten Jahrh. 
der Kaiserherrschaft und des Christenthums. Berlin 1847.--- v. L asanl x , Der 
Untergang des Hellenismus und die Einziehung seiner Tempelgüter durch 
die christlichen Kaiser. München 1864. — Zcller, Religion und Philo- 
sophie bei den Römern. Berlin 1867. — Vergl. ausserdem die Literatur 
der griechischen und römischen Alterthümer oben S. 358 ff. und 362 f. und 
der Sitteitgeschichte S. 368. 

a. Der Cultiis als Gottesdienst« Kreuser, Der Hellenen Priesterstaat. 
Mainz 1822. — Adrian, Die Priesterinnen der Griechen. Frankf. a. M. 1822. 
— Bosslcr, De gentibu^ et familiis Atticae sanier dotcäihus. Darmstadt 
1833. 4. — Gr. W.Nitzsch, De sacerdotihm Graecis. Kiel 1839. — Hüll- 
mann, Einheit der Staats- und Religionsgesellschaft in Attika. In „Griech. 
Denkwürdigkeiten**. Bonn 1840. ^- Schömann, De Heligionihus exteris 
apud Athenienses. Greifs wald 1867. Opusc. 111. — [Foucart, Des associations 
religieuses cJiez les Grecs, lliiases, Eranes, Ortjeons. Paris 1873]. — Chr. 
Petersen, Der Hausgottesdienst der Griechen. Cassel 1861 (Abdruck aus 
der Zeitschrift f. Alterthumsw. 1851).; Über die Geburtstagsfeier bei den 
Griechen. Leipzig 1858. — Gr. W. Nitzsch, De Apotheosis apud Graecos 
vtdgatae causis. Kiel 1840. 4. — Jo. H. Krause, N€UJKÖpo<;. Cioitates Neo- 
corae sive aedituae. Leipzig 1844. 

Hüllmann, lus pontificium der Römer. Bonn 1837. — Ambrosch, 
Studien nnd Andeutungen im Gebiet des altrömischen Bodens und Culius. 
1. Heft. Breslau 1839; Über die Religionsbücher der Römer. Bonn 1843; 
Quacstiones pontificales. Breslau 1847 — 1861. 4 Programme. — Hertz - 
berg. De diis Bomanorum patriis s. de Larium atque Penatium tarn 
publicorum quam privatorum religione et cultu. Halle 1840. Eine schöne 



444 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthunutlehre. 

Abhandlung. — Pellegrino (PBeudoiiym fOr Krinkoff), Andenkmgen 
über den ursprünglichen Keligionsunterschied der römischen Pataicier und 
Plebejer. Leipzig 1842. [Vergl. Vasen, De üla ratione quae iiUer pidfeiam 
imblicamque apud Romanos religimiem regum temporilms intercesaU. Münster 
1868]. — Wöniger, Das Sacralsystem und das ProvocationsTerfidiren der 
Kömer. Leipzig 1843. — v. Lasaulx, Über die Bücher des Numa. AbhandL 
d. Münchener Akad. 1849. — Lübbert^ CotnmerUationes ponUficalea, Berlin 
18Ö9. — [Nissen, Das Templum. Berlin 1869. — Bardt, Die Priester der 
vif3r grossen CoUegien ans römisch-repnblicanischer Zeit Berlin 1871.] 

b. Calthandlangen* v. Lasaalx, Über die Gebete der Griechen und 
Kömer. Würzburg 1842. 4. — Vierordt, IM iunctarum in prtctmäo 
manuum origine indogennanica et usu inter plwrimos Christianos adsdito, 
Carlsmhe 1861. — [Pfannenschmid, Das Weihwasser im heidnischen 
und christlichen Cultus. Hannover 1869.] — Fr. A. Wolf, Über den Ur- 
sprung der Opfer. Verm. Schriften. Eblle 1802. Zu empirisch. — v. La- 
saulx, Die Sühnopfer der Griechen und Römer, und ihr Verhältniss zu dem 
einen auf Grolgatha. Würzburg 1841. 4. (Abgedr. in Studien des klaas. 
Alterthums. Kegensburg 1854. 4). Geistreich, aber zu mystisch und phan- 
tastisch. — Ernst Curtius, Über die Weihgeschenke der Grriechen über- 
haupt und insbesondere über das platäische Weihgeschenk in DelphL 
(löttinger Nachr. 1861. Nr. 21. Ein sehr unterrichtender Aufsats. 

Gas teil anus, 'GoproXÖTiov s. de festis Graecorum öOvratlbMx. Antwerpen 
1617. — Meursius, Graecia feriata s. de festis Graecorum libri VJ. 
Leiden 1619. — Fasoldus, Graecorum veterum UpoXotia. Jena 1676. — 
Larcher, Memoire su^ quelques fites des Grecs omises par Casteüanus et 
Meursius. In den Mcm. de VÄcad. des Inscr. XLVlll. — Mart. Gottfr. 
Horrmann, Die Feste von Hellas, historisch - philosophisch bearbeitet und 
zum ersten Mal nach ihrem Sinn und Zweck erläutert. Berlin 1803. 2 Bde. 
- Joh. Heinr. Krause, Olympia. Wien 1838; Die Pythien, Nemeen und 
Isthmien. Leipzig 1841. — Ernst Curtius, Olympia. Berlin 1852. Der- 
selbe, Der Wettkampf. 1866. [In Alterthum und Gegenwart. Berlin 1876.] 

— Chr. Petersen, Die Feste der Pallas Athene in Athen und der Fries 
des Parthenon. Hamburg 1855. 4.; Der Delphische Festcyklus des Apollon 
und des Dionysos. Hamburg 1859. — Aug. Mommsen. Heortologie. Anti- 
quarische Untersuchungen über die städtischen Feste der Athener. Leipzig 

1864. — Kirch hoff, Über die Zeit der Pythien. Monatsber. der BerL 
Akad. 1864. — Bottich er, Athenischer Festkalender in Bildern. Göttingen 

1865. — [Gilbert, Die Festzeit der attischen Dionysien. Göttingen 1873.] 

— Vergl. ausserdem die chronologische Literatur oben S. 323 fiP. . 

c. Der Callas als religiöse Erziehnug. v. Lasaulx, Über den Fluch 
bei Griechen und Römern. Wörzburg 1843. 4; über den Eid bei Griechen 
und Römern. Würzburg. Lectionskat. 1844. 1844/5. 4. (Abgedr. in Stadien 
des klfws. Alterthums. Regensburg 1854. 4.) — Wallen, Du droit d*a9yU. 
Paris 1838..— Paul Förster, De asylis Graecorum P, I. Berlin 1847. 
Eine gute Schrift. 

Clasenius, De oractUis gentilium. Helmstadt 1673. 4. Die beste der 
älteren Schriften über das Orakelwesen, in welchen nach dem Vorgang der 
Kirchenväter durchgängig die Weissagung der Alten als Eingebung des 



III. Aeussere Religion n. Eunst. 1. Gultus. 445 

Satans oder böser Dämonen zur NachäfiPimg der ächten Prophetie erklärt 
wird. — Wüster, De religione et araculo ApoUinis Ddphici. Kopenh. 1827. 

— Klausen, Orakel in Ersch u. Gruber's Encykl. 1833. — Wiskemann, 
De variis oracularum generibus apud Graecos, Marburg 1835. — Hüll- 
mann, Würdigung des delphischen Orakels. Bonn 1837. — GOtte, Das 
delphische Orakel in seinem politischen, religiösen u. sittlichen Einfluss auf 
die alte Welt. Leipzig 1839. — v. Lasaulx, Das Pelasgpsche Orakel des 
Zeus zu Dodona, ein Beitrag zur Religionsphilosophie. Würzburg 1841. — 
G. Wplff, De novissima oracülorum cietate, Berlin 1864; Über die Stiftung 
des delphischen Orakels. Verhandl. der 21. Philologenvers. Leipzig 1863. 

— Chr. Petersen, Ursprung u. Auslegung des heiligen Rechts bei den 
Griechen, oder die Exegeten, ihre geschriebenen Satzungen und mündl. 
Überlieferungen. GiJttingen 1859 (Abdruck aus dem Philologus). — Göttliiig, 
Das delphische Orakel. Ges. Abb. Bd. 2. München 1863. — Preller, 
Delphica. Ausgewählte Aufsätze. Berlin 1864. — [Döhler, Über die Orakel. 
Berlin 1872. — Büchsenschütz, Traum und Traumdeutung im Alterthum. 
Berlin 1869. — Delaunay, Maines et Sibylles dans Vantiquit^ jutUo-grecque, 
Paris 1874.] 

Hein r. Meibom, De incubatione in deorum fanis medicinae causa olim 
facta. Helmstädt 1659. 4. — Einderling, Der Somnambulismus unserer 
Zeit ^mit der Incubation u. s. w. der alten Heiden zusammengestellt. 
Dresden 1788. — Fr. A. Wolf, Beitrag zur Geschichte des Somnambulismus 
aus dem Alterthum. Verm. Sehr. Halle 1802. — Eus^be Salrerte, Histaire 
des Sciences occultes. Paris 1829. — Ennemoser, Geschichte der Magie. Leipzig 
1844. — F. G. Welcker, Epoden oder das Besprechen; Incubation; Lykanthro- 
pie ein Aberglauben und eine Krankheit. Kleine Schriften. 3. Theil. Bonn 1850. 

— 0. Jahn, Über den Aberglauben des bösen Blicks. Ber. d. Sachs. Ges. d. 
Wissenschaften. 1855. — Alfr. Maury, La magie et Vastrologie dans Vawti- 
quite et au moyen äge. Paris 1860. — [Lenormant, Les sciences occultes en 
Aftie. La magie chez les Chdldeens et les origines accadiennes. Paris 1874.] — 
Ourt Wachsmuth, Die Ansichten der Stoiker über Mantik und Dämonen. 
Berlin 1860. — Baur, ApoUonios v. Tyana und Christus. Tübingen 1832. 
[Neu herausgegeben von Zeller in „v. Baur, Drei Abhandlungen zur Ge- 
schichte der griech. Philosophie." 1876.] — Ed. Aüller, War Apollonius 
von Tyana ein Weiser oder ein Betrüger? Breslau 1861. 4. — E. Curtius, 
Die Unfreiheit der alten Welt. 1864. [In „Alterthum und Gegenwart". 
Berlin 1875.] 

d, Mysterien* Meursius, Eleusinia. Leiden 1619. 4. — Sainte- 
Croix, Recher dies historiques et antiques sur les tnysteres du paganisme, 
Paris 1784. 4. 2. Ausg. von Silv. de Sacy. Paris 1817. 2 Bde. Deutsch 
von E. G. Lenz. Gotha 1790. — Ouwaroff, Essai sur les mysUres d'Eleusis. 
Petersburg 1812. 3. Ausg. Paris 1816. — Lobeck, Aglaophamus s, de 
theologiae mysticae Graecorum causis, Königsberg 1829. 2 Bde. Sehr scharf- 
sinnige Forschungen, aber zu skeptisch und engherzig. — K. 0. Müller, 
Eleusinien. In Ersch u. G ruberes Encyklopädie. 1840. — Gr. W. Nitzsch, 
De Eleusiniorum ratione publica. Kiel 1848. 4.; De Eleusiniorum actione 
et arguviento. Kiel 1846. 4. — Chr. Petersen, Der geheime Gottesdienst 
der Griechen. Hamburg 1848. 4. — Haupt, De mysteriarum graecorum 



446 Zweiter Haopttheil. 2. Abechn. Besondere AlterthnniBlehre. 

causis et raiionihus. Königsberg N/M. 1853. 4. Recht goi — Jos. Nen- 
häaser, Cadmülus 8, de Cabirorum cultu ac mysUriis antiquissimaeque Grae- 
corum rdigionis ingenio atque origine. Leipzig 1857. Scheint versti^dig 
angelegt, aber ohne sicheres Resultat — Gerhard, Die Crebort der Ka- 
biren. Abb. der Berl. Akad. 1862. — Fei. Lajard, Becherch€s swr le evUe 
public et les mysUres de Mithras. Paris 1847 f.*) 

§ 68. Die Staatsalterthümer, die Geschichte des Privatlebens und dei 
Cultus bilden den Umfang der gewöhnlich so genannten Antiquitäten (a. 
oben 8. 351 ff.) Es versteht sich von selbst, dass man auf diese Disciplinen 
beim Lesen der alten Schriftsteller beständig kritisch und genau eingehen 
moss. Sogar die äusserlichsten Dinge des Privatlebens haben in der alten 
Literatur eine grosse Bedeutung. Denn im Alterthum wirkten bei der 
vorherrschend objectiven Geistesrichtung rein praktische Verhältnisse höchst 
anregend auf di^Phantasie und erhielten durch Dichtung und Religion eine 
höhere Weihe. So knüpften die Mysterien an den Ackerbau an; der Minerva- 
cult steht mit dem Olivenbau, der Dibnysoscult mit dem Weinbau in innig- 
stem Zusammeuhang; die Hippotrophie wird durch die heiligen Spiele geadelt 
Die poetische Seite des Landlebens, der Fischerei, der Bienenzucht, ja der 
alltäglichen häuslichen Verrichtungen kommt in der alten Dichtun^f gans 
besonders zur Geltung. Die gelegentliche Kcnntnissmihme der Alterthümer 
im Anschluss an die Leetüre wird aber das Verlangen nach umfimBenderer 
Kenntniss erwecken. Hierfür sind nun propädeutische Darstellungen in 
freierer künstlerischer Form zu empfehlen, wie sie nach dem Vorgange 
Barthdlemy's und der Athenian letters in neuerer Zeit mehrfach mitGldck 
versucht sind (s. die Literatur zu § 49 u. 50).. In dieser Form kann das 
Leben lebendig aufgefasst werden, ohne dass die Gründlichkeit der For- 
schung darunter leidet. Allerdings wird hierbei das eigentlich gelehrte 
Material zumeist in umfangreichen Anmerkungen oder Excursen aufgespei- 
chert. Auch gewinnt man so keine Totalan&chauung des antiken Lebens; denn 
die mannigfaltigsten Einzelheiten werdeu wie auf einer Reise vor dem Auge 
vorübergeführt, ohne dass man sie nach ihrem inneren Zusammenhange zu 
überblicken vermag. Eine klare und sichere Kenntniss erwirbt man erst 
durch ein systematisches Studium. Ohne eine solche Kenntniss aber sollte 
Niemand darangehen irgend einen Theil der Alterthümer selbständig zu 
bearbeiten. Vergl. v. Lasaulx, Über das Studium der griechischen u. rö- 
mischen Alterthümer, München 1846. 4., wo der Werth dieses Studiums 
vortrefflich auseinandergesetzt ist. 



*) Zur GeHchiehte des ('ultus: De Graecorum sacerdotiis 1830. Kl. 
Sehr. IV, S. 331—339. — JJe imcriptioyic Attica res sacras spectante. 1835. 
Kl. Sehr. IV, 404 «--4 12. — Vom Unterschiede der Attischen Lenäen, Anthe- 
sterien und ländlichen Dioujsien. 1817. Kl. Sehr. V, 8. 05 — 152. — Cber 
die Zeit der Nemeischen Spiele. Ebenda S. 193 — 204. — Erklärung einer 
Attischen Urkunde über das Vermögen des Apollinischen Heiligthums auf 
Delos. 1834. Kl. Sehr. V, S. 430-476. — Über die Hierodulen. Kl. Sehr. VII, 
S. 575 — 582. — Staatshaush. der Athener Bch. II, Kap. 5: Schatzmeister 
der Göttin und der andern Götter. Kap. 12: Feier der Feste und Opfer. 
Ausserdem Vieles im Corp. hiscript. 



in. CultuB und Ennst. * 2. Kunst. 447 



2. Ennst. 

§ 69. 1. Die Kunst ist ein Product der Religion. Die Gott- 
Iieit wird als Inbegriff der Ideale des menschlichen Geistes ver- 
ehrt und durch den Cultus wir# das äussere Leben zum Symbol 
des GöttUchen, d. h. jener Ideale. Dasselbe geschieht durch die 
Kunst. Sie ist ein Cultus des Schonen, welches der vollkommene 
Ausdruck des Ideals ist und weil es das Göttliche darstellt, im 
Enthusiasmus ergriffen wird (s. oben S. 412.). 

Alles Vortreffliche wird durch -den Enthusiasmus erzeugt; 
er erhebt den Geist über das gewöhnliche Bedürfniss und bethä- 
tigt sich in jeder Sphäre des Lebens auf eigenthümliche Art 
Im Familienleben ist es die enthusiastische Liebe, welche das 
Naturverhältniss zu einer ideafen Vereinigung umgestaltet. Sie 
offenbart sich in dem innigen Pietätsgef&hl des Alterthimis und 
ist bei den Hellenen im hohen Grade entwickelt in der glühen- 
den und treuen Freundschaft, wie sie Damop und Phintias 
verband und den heiligen Lochos der Thebaner Vereint zum Siegen 
und Sterben führte. Auch Sappho fühlte für ihre Jungfrauen 
diese enthusiastische Freundschaft, welche mit dem Schönheits- 
sinn der Griechen so innig verwachsen ist. Wer diesem gott- 
erfQllten Geiste nicht nachempfinden kann, der sieht darin oft 
nur Sinnlichkeit und verkennt den selbst in der sinnlichen Ent- 
stellung noch mächtig wirksamen idealen Zug. Die zweite Art 
des Enthusiasmus zeigt sich in der politischen Begeisterung, der 
Vaterlandsliebe. (Gewiss ist es auch dem Nüchternsten und Geist- 
losesten im Alterthum nicht eingefallen diese mit dem Pflicht- 
gefühl zu verwechseln, wovon sie ebenso weit entfernt ist wie 
der geheimniss volle ^ug der Seele zur Geliebten des Herzens 
oder dem innig geliebten Freunde. Der wissenschaftliche En- 
thusiasmus ist im Alterthum nicht minder vorhanden gewesen 
und in den mannigfaltigsten Formen aufgetreten, anders bei 
Anaxagoras als bei den Kynikern, anders bei Herakleitos 
als bei Demokritos, am vollendetsten bei Sokrates und Piaton; 
meist äusserte er sich in einer Verachtung oder Vernachlässigung 
des Zeitlichen, ganz entgegengesetzt dem harmonischen sinn- 
liehen Leben des Alterthums, und durchbrach die Schranken der 
alltäglichen Gewohnheit, die dem idealen Sinn zuwider sind. 
Den reinsten Ausdruck findet indess der Enthusiasmus in der 



III. Cultus und Kunst. 2. Konet. 449 

durch nur angeregt mit Begeisterung das Ideal zu erfassen , das 
jenseits der Natur liegt und durch dieselbe nur hindurchscheint. Dies 
prägte4 sie in der innern Anschauung tiefer aus als irgend eine 
natürliche Gestalt es dem natürlichen Auge zeigt. Sie schauten 
enthusiastisch und darum mehr, als der nüchterne Blick sieht 
und wurden so fähig durch ihre schöpferische Einbildungskraft, 
durch die Nachbildung der innern Vision mehr ala das Geschaute 
zu geben, so dass die klassischen Gebilde der griechischen Kunst 
jedes edlere Gemüth über die sinnliche Begierde zur Ahnung des 
göttlichen Geistes erheben, in welchem der Urgrund aller Schön- 
heit liegt.*) Die Kunst ahmt die Natur nach, indem sie wie 
diese das Unendliche im Endlichen darstellt. Das Göttliche wird 
dadurch menschlich und sinnlich; aber der Geist der Schönheit 
durchdringt den sinnlichen Stoff und ist so in ihm gebannt, ge- 
fesselt und zur Erscheinung gebracht. 

2. Die künstlerische Conception wird in Formen geschaffen 
und ausgeführt, welche in Raum und Zeit erscheinen. Es sind 
dies entweder ruhende räumliche Gestalten oder Modificationen 
der Bewegung in zeitlicher Aufeinanderfolge. Auf der Ver- 
schiedenheit dieser Formen beruht die Mannigfaltigkeit der Künste, 
die in zwei Reihen auseinandertreten: 

I. Bildende Kfinste: Baukunst, Plastik, Malerei. 

IL Bewegungskttqste: Gymnastik, Orchestik, Musik. 

Die Baukunst wendet die Raumformen in elementarster Weise 
an; sie entwickelt sich an Werken, die dem Bedürfniss dienen, und 
ist der erste der Praxis sich entringende Anfang der bildenden 
Kunst. Dagegen dient die Plastik rein der Darstellung schöner 
Kaumgestalten und zwar nach den drei Dimensionen des Raumes, 
während die Malerei die Anschauung durch weitere Abstraction 
vergeistigt, indem sie nur auf der Fläche, also in zwei Dimen- 
sionen darstellt. Eine ähnliche Skala der Vergeistigung zeigt die 
zweite Reihe der Künste. Die Gymnastik ist eine künstlerische 
Gestaltung von Leibesbewegungen, die &u sich dem praktischen 
Bedürfniss dienen, und darin der Baukunst analog. Dagegen stellt 
die Orchestik schöne Bewegungen dar, die ganz unabhängig vom 
praktischen Bedürfniss sind und nur Phantasiebilder versinnlichen; 
sie ist eine Plastik bewegter Formen. Die Musik endlich ab- 
strahirt ganz von der räumlichen Anschauung der Bewegung und 

*) S. Kl. Sehr. 1, S. 177. 

Böckh's Encyklopädi« d. philolog. Wissenschaft 29 



ni. Cultus und KuDst. 2. Ennst. 451 

hand Werks; die Wohnungen der Fürsten werden zierlich gebaut^ 
Hausrath und Waffen mit plastischen Bildwerken geschmückt^ 
in die Gewebe bunte Figuren gewirkt. Aber gerade das heroische 
Epos hat der Götterwelt eine vollkommen plastische Gestalt ver- 
liehen und dadurch das Ideal für die bildenden Künste geschaffen 
(s. oben S. 272). Diese erhoben sich über das Handwerk da- 
durch, dass sie in den Dienst des Cultus traten. Das Götterbild 
ist der Anfang der künstlerischen Plastik; der Tempel der An- 
fang der Baukunst, und in der Ausschmückung der Heiligthümer 
durch farbige Bilder, durch Weihgeschenke und durch die künst- 
lerische Anordnung der Naturumgebung entfalteten sich alle 
Zweige der bildenden Kunsi Die Entfaltung wurde nicht wie 
in Ägypten durch die Stabilität der Religion gehemmt, weil der 
Cultus vermöge seiner dichterischen Grundanlage den Trieb hatte 
selbst zur Kunst zu werden. Dieser Trieb offenbart sich ganz 
besonders in der künstlerischen Gestaltung der Festspiele. Hier 
erblühten die musischen Künste in der chorischen Lyrik, welche 
durch die Epinikien auch der Gymnastik die höchste dichterische 
Weihe verlieh. Seitdem man die Bildsäulen der Athleten den 
Göttern weihete, wurden die gymnischen Agonen die Schule der 
Plastik; in ihnen und den Gymnasien schaute der Künstler die 
kräftigsten und schönsten Körper vollkommen ausgebildet in der 
naturgemässesten und doch kunstreichsten Bewegung. Die alten 
unvollkommenen Holzbilder der Götter (Höava) wurden nun all- 
mählich durch Statuen von idealer Schönheit verdrängt. Die 
Malerei folgte den Idealen der Plastik, und alle bildenden Künste 
verbanden sich in voller Eintracht wetteifernd zur Verherrlichung 
der Gottheit. Den Gipfel erreichte die Kunst im Drama, der 
vollkommensten Form des musischen Agons. Hier wirkte die 
Poesie nicht nur in der vollendetsten Weise mit der Musik und 
Orchestik, sondern auch mit den bildenden Künsten zusammen, 
die ausserdem in den dramatischen Aufführungen neue Dar- 
stellungsmotive fanden. Selbst in seiner Abwendung vom Ir- 
dischen kannte der Cultus kein höheres Symbol als das göttliche 
Drama der Mysterien (s. oben S. 439). 

In Folge der durchgehenden Verbindung aller drei Dichtungs- 
gattungen mit der Kunstform der Orchestik und Musik entwickelte 
sich eine dritte Keihe von Künsten: 

Künste des poetischen Vortrags: Rhapsodik, Chorik, Dramatik. 

29* 



452 Zweiter Haapttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthnmslehre. 

Das Wissen wirkt aber auf die Kunst nicht bloss durch 
Vermittelung der Poesie, sondern durch die wissenschaftliche 
Theorie selbst. Allerdings kann das künstlerische Ideal nicht 
durch begriffliche Reflexion erfasst werden; die Begeisterung sdeht 
den Künstlpr fort und erfüllt ihn bewusstlos. Aber die Kunst- 
form ist technischen Regeln unterworfen, die auch im Alterthum 

• frühzeitig zum Bewusstsein gekommen sind und deren wissen- 
schaftliche Feststellung bereits bei den Pythagoreem beginnt. 
Dagegen trat die Kunst durch ihren Inhalt in Conflict mit der 
Wissenschaft. Wenn die Sinnlichkeit des Cultus die Entwick- 
lung der Künste besonders begünstigte, so befestigten letztere 
wieder die unvollkommenen sinnlichen Vorstellungen von der 
Gottheit, welche dem Cultus zu Grunde lagen (s. oben S. 415). 
Der Kampf der Wissenschaft gegen diese Vorstellungen war 
daher ein Kampf gegen die künstlerische Weltanschauung des 
Volkes (s. oben S. 430). Schon Xenophanes und Heraklit 
eiferten gegen Homer, und aus den tiefsten sittliche Gründen 
verwarf Piaton das heroische Epos ohne die hohe Schönheit 
seiner Kunstform zu verkennen. Aber er ging zu weit, wenn er 

• dasselbe und mit ihm zugleich das Drama auch abgesehen von 
dem mythischen Inhalt wegen der Wirkung, welche die poetische 
Handlung auf die Affecte ausübt, für unsit'tlich erklärte.'*) Seit- 
dem Aristoteles dies durch seine Lehre von der Katharsis 
widerlegt, konnte eine kunstfeindliche Richtung in der griechi- 
schen Wissenschaft keinen Bestand haben.**) Die ästhetische 
Theorie, welche die griechischen Philosophen aus der Anschauung 
der herrlichsten Kunstwerke selbst schöpften, konnte aber keinen 
nachhaltigen Einfluss auf die Kunst ausüben, weil diese mit 
der Zersetzung des Volksglaubens ihren idealen Gehalt verlor. 
Wemi auch die religiöse Baukunst und Plastik noch lange mächtig 
auf die Gemüther wirkten, so wurde der Cultus doch allmählich 
zur inhaltlosen Form, die Spiele zu Belustigungen. Die Kunst 
vermochte aber auf die Dauer das Göttliche nicht ohne den 
Glauben an die Gottheit festzuhalten; mit dem Abfall von der 
Religion sank sie zur blossen Nachahmung der irdischen Natur 
herab, welcher sie durch die vollendet schöne Form einen um 
so stärkeren Sinnenreiz verlieh. 



*) Vergl. Kl. Sehr. 1, S. 178 f. 
**) S. ebenda I, S. 180. 



nr. Cultus und Kunst. 2. Kunst 453 

3. Die Schönheit des Kunstwerks besteht darin ^ dass der 
Ideenstoff in die Form dem Zweck gemäss eingefügt wird (s. oben 
S. 156). In der Art, wie dies geschieht, liegt der Kunststil. 
Der allen Künsten gemeinsame Zweck das Ideal zur Anschauung 
zu bringen modificirt sich zunächst nach den Formen, welche 
jeder Kunst zur Verfügung stehen. In einer jeden kann der Geist 
nur zum Ausdruck gelangen, indem sie in der sinnlichen Form 
Leben und Gemüth darstellt und sie dadurch beseelt. Aber nicht 
in allen Formen lassen sich alle Seiten d^s Lebens und Gemüths 
gleichmässig veranschaulichen. Die Baukunst und Gymnastik 
sind durch den praktischen Zweck ihrer Productionen gebunden; 
in ihnen erscheint das Leben in seiner objectivsten Form, wie 
es die Kräfte der Natur bändigt und nach künstlerischem Princip 
ordnet. Dagegen stellen die abstractesten Künste, die Malerei 
und Musik die subjective Seite, die Stimmung des Gemüths am 
reinsten dar, während die Plastik und Orchestik Leben und Ge- 
müth in individueller Einheit durch die vollen Formen des leben- 
digen Körpers selbst zur Erscheinung bringen. Die sich so für 
die einzelnen Künste ergebenden Stilgattungen sind nicht absolut 
verschieden, sondern gehen in einander über und wirken auf 
einander ein, wie die Stile der Literaturgattungen (s. oben S. 147). 
lin Alterthum überwiegt der plastische Stil, so dass die gesammte 
Kunst im Verhältniss zur modernen einen plastischen Charakter 
trägt (s. oben S. 274). Der Stil jeder Kunstgattung differenziert sich 
dciiiii weiter nach der Bosch atfenheit des Kunstzweckes. Da der 
Cultus das gesammte Staats- und Privatleben durchdrang, boten 
sich der bildenden Kunst auch ausserhalb der eigentlichen Cult- 
loeale überall würdige Aufgaben. Die meisten Staatsgebäude 
hatten eine religiöse Weihe; die politischen Monumente waren 
ursprünglich Anatheme; Wege und Quellen, die Grabstätten und 
die lleiligthümer der Privathäuser wurden zu Ehren der Gött«r 
mit Kunstwerken geschmückt. Ebenso wurden die religiösen 
Privatfeste, zu denen ursprünghch jeder Komos, jedes Symposion 
gehörte, durch die musischen Künste verherrlicht. So entwickelte 
sich schon in der religiösen Kunst eine Mannigfaltigkeit von 
Stilformen. Femer aber suchte der Enthusiasmus, auch wo er 
nicht direct der Gottes Verehrung entsprang, einen künstlerischen 
Ausdruck. Die politische Begeisterung prägte sich in den öffent- 
lichen Werken aus, auch wenn sie nicht religiös geweiht waren, 
und die Pietät des Privatlebens fand in der Kunst das Mittel 



454 Zv^tf^r Haai^ttbei]. t. Abccfan. Becondare AlteiÜnniuidiie. 

der Verelunng and Liebe einen würdigen Ansdrack za geben; 
in diesem 'EnihusisLsmus haben z. B. das Porträf und die weHlidie 
Lyrik ihren Ursprung. Der wissenschaftliche Enthnsiasmna trieb 
dazu die Weisen in Bild und Lied zu verherrlichen. So bildete 
sich die profane Kunst in mannig£achen Formen ans. Indem die 
Kflnste den verschiedenen Lebensspharen dienten, yerloren sie 
indess nicht ihre ^Ibstandigkeit: der Künstler strebte für aUe 
jene »Sphären den Ernst und Scherz des Lebens in die Freiheit 
des Ideals zu erheben. Die Anschauung des Schonen selbst blieb 
der letzte Zweck des Kunstwerks^ weil es kein höheres Ziel als 
die Erkenntniss des Gottlichen giebt. Aber diese anschauliche 
Erkenntniss wirkte zugleich thatknlftig auf das Leben zurück.^) 
Daher. vermittelte die Kunst nicht nur die erziehende Wirksam- 
keit des Cultus^ sondern bildete überhaupt die Grundlage der 
gesammten Erziehung (s. oben 8. 401 ff.). Der hierdurch lebhaft 
geweckte Sinn für das Schone offenbarte sich endlich auch in der 
geschmackvollen Einrichtung des alltaglichen Lebens (s. oben 
S. 380 f.) und in der Feinheit der gesellschaftlichen Umgangs- 
formen (S. 394). In diesem grossen Zusammenhange mit allen 
Seiten des Volkslebens entwickelte sich der Gattungsstil aller 
Kuiistzweige ganz analog wie der der Literaturzweige (s. oben 
S. 145 ff.). Wie dieser wird er durch den nationalen und indi- 
viduellen. Stil beeinflusst ( S. 137. 283). Wir haben in unserem 
Jalirliuiidert die bildende Kunst der Ägypter, Assyrer und Perser 
«rciijiuer keimen gelernt und eine Einsiclit in ihre nationalen 
Eigeiithihiilichkeiten gewonnen. Die Griechen sind hauptsächlich ' 
nur in der Technik die Schüler des Orients; ihr nationaler Stil 
ist durchaus ihr eigenes Werk; selbständig haben sie in der 
Kunst die Naturwahrheit erreicht, zu welcher die Orientalen nicht 
vorgedrungen sind, und in der Naturwahrheit die frei geschaffenen 
Ideale zum Ausdruck gebracht. Nach der dorischen Wanderung 
treten in dem Kunststil die Eigenthümlichkeiten der Nationalstämme 
hervor. Die Kunst, die wie das Handwerk und das Priester- 
thuni ursprünglich in Familien vererbt wurde (s. oben S. 397, 
AU'}),**) blühte zuerst in den reichsten Handelsstädten; hier ent- 
standen Kunstschulen; aber die grossen Meister fassten gerade 
die Individualität ihres Staates und Stammes am klarsten auf 



♦) Vorgl. „Des Sophokles Antigone." S. 261. 
♦*) S. ausserdem Kl. Sehr. VII, S. 360 f. 



III. CultuB and Ennst. 2. Eonst. 455 

und drückten den Nationalcharakter am vollkommensten aus. Die 
acht griechische Kunst ist durchaus volksthümlich. Daher er- 
klärt sich die gleichmässige Wirkung des Zeitgeistes auf den 
Stil aller Künste.. Alle beginnen mit dem erhabenen Stil; an 
denselben schliesst sich der einfach schöne, welcher in den 
anmuthigen oder eleganten übergeht. Überwundene Stilarten 
dauern indess je nach dem Zwecke fort, wie man für heilige 
Bilder lauge den alten steifen und strengen hieratischen Stil 
festhielt. 

Als die religiösen Ideale sich verdunkelten, hatte die Kunst 
bereits eine solche Stilvolleudung gewonnen, dass sie vor einem 
raschen Verfall gesichert war. Obgleich sie in der makedonischen 
Zeit ihren volksthümlichen Charakter einbüsste, so herrschte doch 
in der ganzen hellenistischen Welt eine rege Kunstbegeisterung, 
und alle Künste wurden mit höchster Virtuosität geübt. Durch 
die ausserordentliche Ausbreitung der griechischen Cultui* stieg 
der Kimstbetrieb zu einer nie wieder erreichten Höhe. In Hellas 
trat in Folge der allgemeinen Verarmung allerdings nach Olymp. 
121 ein Stillstand in der Entwickelung der bildenden Künste 
ein, der nach Plinius Angabe etwa 140 Jahre lang bis Olymp. 
156 (v. Chr. 156) dauerte. Allein um diese Zeit zählte Griechen- 
land bereits mehr Statuen als Menschen. (Vergl. Fr. Jacobs, 
Über den Reichthum der Griechen an plastischen Kunstwerken. 
München 1810. Verm. Sehr. III, 415 flF.) Die griechischen Kunst- 
schütze wurden zuerst durch die Einfälle der Kelten, dann im 
^rössten Maasse durch die Römer geplündert.*) Allein die Ver- 
pflanzung der griechischen Cultui^ nach Rom führte zu einem 
neuen Aufschwung der Production. Die bildenden Künste erhielten 
im römischen Reiche grosse monumentale Aufgaben; aber die 
realistische Richtimg, die schon in der Diadochenzeit eingetreten 
war, gewann jetzt mehr und mehr die Oberhand; ausserdem ent- 
arteten alle Künste dadurch, dass sie hauptsächlich dem Luxus 
der Vornehmen oder roher Volksbelustigung dienten und zum 
Handwerk herabgewürdigt wurden (s. oben S. 397. 406). Mit 
der idealen Begeisterung schwand bei den Künstlern die Origi- 
nalität der Erfindung; die besten beschränkten sich darauf aner- 
kannte Muster nachzuahmen, und der Stil sank zur Manier herab 
(s. oben S. 247 j. Erst als die christliche Religion neue Ideale 

*) Vorgl. Kl. Sehr. I, S. 182. 



456 Zweitor Hau])itlicil. 2.- Abschn. Besondere Alierthamslelire. 

schuf, wurde eine neue Kunst mit selbständigem Stil möglichy 
welche vom Alterthum nur die Technik erbte. 



A. Bildende Künste. 

a. Architektur. 

§ 70. 1. Wie man die Gynmastik meist aus dem Gebiet 
der Kunst ausschliesst, haben manche auch bestritten, dass die 
Architektur eine Kunst sei. Gottfried Hermann, der als guter 
Reiter die Reitkunst, also einen Theil der Gymnastik zu den 
schönen Künsten, und zwar merkwürdiger Weise zur Plastik 
zählt, lässt die Architektur nur als anhangende Kunst, nicht als 
selbständige Gattung gelten. (Vergl. Hermann, Handbuch der 
Metrik. Leipzig 1799. S. XVU, XXVUI.) Allerdings ist die Bau- 
kunst (dpxiTCKTOviKrj) aus dem Bauhandwerk (oiKoboiiiiKrj) entstan- 
den, und in der alten Baukunst ist alles praktisch und erwächst 
organisch aus dem Zweck des Gebäudes. Aber die Function 
jedes Bautheils wird nicht nur durch eine folgerechte Form er- 
ledigt, sondern diese Form ist zugleich so entwickelt, dass sie 
die Function klar darstellt. Die Form • wird so zum plastischen 
räumlichen Ausdruck der Function; das in der Natur des Dinges 
Gegebene wird darin auf das Einfachste und Anschaulichste yer- 
sinnlicht. Dieser Ausdruck dringt bis in die Extremitäten mit- 
telst einer decorativen Charakteristik der Ornamente. Letztere 
haben alle eine symbolische Bedeutung und können nicht will- 
kürlich gewechselt werden, obgleich sie nicht structiv nothwen- 
dig, sondern von den structiv nothwendigen Theilen gesondert 
sind und von Aussen attribuirt erscheinen. (Vergl. Bötticher, 
Entwickeln ng der Formen der Hellenischen Tektonik. Berlin 
1840. 4. Einl. § 2. § 5.). Die symbolische Bedeutung betriflPb 
also zunächst die Function dos Structurtheils ; hierzu tritt dann 
allerdings noch eine Symbolisirung von Gedanken, welche von 
der Tektonik unabhängig sind und sich auf die Bestimmung des 
Gebäudes beziehen. Nach ähnlichem Princip sind die Geräthe 
und Gefasse tektonisch gestaltet, deren Ornamentik auch durchaus 
nicht willkürlich ist. Ebenso schliesst sich an die Architektur 
die Gartenkunst als künstlerische Anordnung der Natur selbst. 
Das Symbolische ist das Künstlerische, welches über das Be- 
dürt'niss hinausgeht. Daher wird die Architektur erst im Dienste 
des Cultus zur selbständigen Kunst, weil die Cultgebäude, die 



III. Gnltos und Kunst. 2. A. Bildeode EüDsfce. a. Architektnr. 457 

<I!ultgeräthe und das heilige t^|li€Vo^ überhaupt nicht dem Be- 
dürfniss, sondern symbolischen Handlungen dienen. 

2. Der ästhetische Eindruck der Baukunst ist bedingt durch 
die mathematische Regelmässigkeit der Formen, welche sie dem 
rohen Material giebt. Diese Regelmässigkeit dient den Form- 
gesetzen der poetischen Anschauung und wirkt daher ebenso un- 
mittelbar auf das Gemüth wie die metrische Form eines schönen 
Gedichtes. In den Werken des Alterthums tritt sie in der edelsten 
Einfachheit hervor; sie zeichnen sich durch reine Symmetrie und 
vollendet harmonische Verhältnisse aus. Zugleich sind die Formen 
anmuthig selbst bei den kolossalsten Bauten, welche durch die 
unerschütterliche Sicherheit und Festigkeit, womit sie sich selbst 
tragen, einen wahrhaft erhabenen Anblick gewähren. Ebenso 
vollendet wie nach der ästhetischen Seite war die Technik der 
alten Baukunst nach der mechanischen Seite. Wir haben indess 
die Kenntniss ihrer Kunstgriffe grossentheils verloren. 

3. AUq Baustile gehen von dem Tempelbau aus, bei welchem 
zuerst die künstlerische Begeisterung der architektonischen For- 
men Herr wurde. Hieran schliesst sich die Architektur der übrigen 
öffentlichen Cultlocale, nämlich der Theater und Odeen für die 
musischen Agonen, der Stadien für gymnische Agonen, der Circus- 
anlagen und Amphitheater bei den Römern. Femer boten die 
vielen heiligen Bezirke, ins'besondere die Grabstätten mannigfal- 
tige Aufgaben zu tektonischen und architektonischen Werken. 
Neue Stilgattungen entwickelten sich dann an den Bauten für 
Staatszwecke. Hierhin gehören Fora, Prytaneen, Curien, Hallen; 
Basiliken, Leschen, Gymnasien, Thermen, Strassen, Thore und 
Propyläen, Tunnel, Aquäducte und Brücken, Ehrendenkmale imd 
Triumphbogen. Für öffentliche Bauten verwandten die griechi-. 
sehen Staaten ungeheure Summen, und in Rom war des Bauens 
kein Ende, besonders unter den Kaisem. Für die Privatgebäude 
trat indess ein künstlerischer Stil erst ein, als das öffentliche 
Leben verfiel (s. oben S. 387).*) LTrsprünglich war es sogar 
verboten die monumentalen Bauformen bei Privatbauten anzu- 
wenden. Der Gattungsstil der verschiedenen Architekturzweige 
besteht in dem Charakter, den die Werke dadurch erhalten, dass 
die Bauformen ihren Zweck veranschaulichen; dadurch kommt in 
die starren Massen Leben; sie werden zu Organen des Geistes; 

■■) Vcrgl. Staatsh. d. Ath. Bch. II, Kap. 10. 



45''^ Zwexser ELuipcdiaL 2. Abochn. Bewiniieze 



<>M spricht aoä Omen eine ^sOiS^ Stmunmig und der Künsfler^ 
'MTiZ AüA ilmexi äeine geütige Indrfidiialifeit widerstrmhlen. Dm 
nun die Alten geraiie in liem ObjeetiTstefL heimiäek sind, ist es 
kt^in Wander y wenn sich aach ihr^ nationale Eigentkümliclikeit 
in der Banknnät besonders dentlicli ausgeprägt hat: aber bewim- 
•lern miiiu man dock die Sieberbeic womit jede Nation ond jeder 
Stamm einen mit dem eigenen Charakter ToUkommen harmoni- 
schen Baustil geschaffen hat. Schon die klimatischen Bedingungen 
rind Bedürfnisse Ternrsachen eine Verschiedenheit der Bauart; 
aber alutseriieni sucht der Künstler ein« Eindruck aof das Ge- 
milth herrorznbringen , welcher der eigenartig«! Anschaanngs- 
weise ?ieiner Nation oder seines Stammes entspricht; kierdnreh 
wird der Gesammtcharakter der Bauart bestimmt und durch diesen 
wieder die Form der einzelnen Baug^eder, so dass man auch 
umgekehrt aus einem einzelnen Gliede den Charakter des Ganzen 
erkennen kann. In der griechischen Architektur büd^i insbeson- 
dere die Säulenordnungen das "Maass für den gesammten Stil. Die 
ßanreste aus der Torhellenischen Zeit: die kyklopischen Mauern^ 
das Lowenthor Ton Mykenae, die Heroengräber, wie das sog. 
Schatzhaus des Atreus weisen darauf hin, dass sich die Archi- 
tektur in Griechenland zuerst nach orientalischen Mustern gebildet 
hat. Aber nach der. dorischen Wanderung entwickelte sich der 
griechische Säulenbau durchaus selb'^tändig und zwar in den 
beiden grossen ( regensätzen der dorischen und ionischen Säulen- 
ord rning. Die Stammunterschiede treten hier formlich messbar 
hervor durch die Verschiedenheit der Säulenabstande und des 
Verhältnisses zwischen Höhe und Durchmesser der Säulen, wozu 
dann noch die decorativen Verschiedenheiten kommen. Der do- 
rinclie Bau macht durch die Kürze und Stärke sowie durch die 
enge Stellung der Säulen den Eindruck der grossten Festigkeit 
tind ik>Htändigkeit; der ionische erscheint mit seinen schlanken 
und weit auseinanderstehenden Säulen anmuthig und leicht. Was 
die Verzierung betrifft, so hat die dorische Ordnung nur die noth- 
wcndigen und wesentlichen Glieder in schonen Verhältnissen; sie 
gewährt dadurch einen ernsten und würdigen Anblick und zeigt 
eine strenge Symmetrie, der z. B. auch die Triglyphen dienen; 
di(? ionische Ordnung zeichnet sich durch eine zarte Gliederung 
aus, wodurch sie ein feines, edles und zierliches Ansehen erhält 
Der dorisclie Stil ist schon von den Alten als der ältere an- 
gesehen worden, wenn schou der ionische nicht viel später ent- 



III. Cnltas und Kunst. 2. A. Bildende Künste, a. Architektur. 459 

standen sein kann; die älteste Spur des letzteren ist die Nachricht 
bei Tansanias VI, 19 über das um die 33. Olymp. (648 v. Chr.) 
von dem sikyonischen Tyrannen Myron erbaute Schatzhaus zu 
Olympia, welches zwei eherne Thalamoi in dorischer und ioni- 
scher Bauart enthielt. Die beiden Stile wurden allmählich zum 
Gemeingut der griechischen Nation und je nach dem Charakter 
der Gebäude angewandt. In Korinth, wo der dorische Charakter 
ausartete, vermischten sie sich in einer Weise, wie sie sonst dem 
äolischen Charakter entspricht. Die korinthische Ordnung ist 
erst längere Zeit nach den Perserkriegen durch ionischen Ein- 
fluss aus der dorischen hervorgegangen; aber sie überbietet die 
ionische durch den schlanken Wuchs und die übertrieben weite 
Stellung der Säulen, und der Eindruck pomphafter Üppigkeit 
wird durch die überreiche Verzierung erhöht.*) Eine eigentlich 
attische Säulenordnung giebt es nicht; doch sind in Attika der 
dorische und ionische Stil zur höchsten Vollendung gebracht^ 
indem in beiden die rechte ilitte zwischen ionischer Anmuth 
und dorischer Kraft erreicht wurde. Die italische Baukimst hat 
die griechische zur Grundlage; die aus der dorischen hervor- 
gehende etruskische oder toskanische Säulenordnung sowie die 
an die korinthische sich anlehnende römische sind ganz unselb- 
ständige Bildungen. Doch haben sich die Romer in der eklekti- 
schen Vereinigung der griechischen Stile einen eigenthümlichen 
Geschmack angeeignet, der ihrem Charakter entspricht (s. oben 
S. 291). Die griechische Architektur ist geradlinig und das Bau- 
werk verbreitet sich gleichmässig über den Boden; es lenkt den 
Blick auf die unmittelbare Gegenwart, ohne dass eine weitere 
Aussicht über die sichtbare Welt hinaus gesucht wird. Die rö- 
mische Baukunst verbindet mit dem griechischen Säulenbau in 
grossartiger und monumentaler Weise den von den Etruskem 
ausgebildeten Gewölbebau und bildet durch das Mittelglied des 
byzantinischen und des romanischen Stils den Übergang zur 
Gothik, welche gleichsam eine Perspective nach Oben eröffiiet 
und von der Erde in das Unendliche weist, während der antike 
Bau fest und harmonisch auf der Erde thront. 

Der plastische Charakter der alten Baukunst fand sich sicher 
auch in der Gartenkunst wieder. Die Romantik einer englischen 
Gartenanlage, wo die Natur in ungezwungener Combination er- 



*) Über korinthische Baukunst ExpUcaUonea Findari S. 213 f. 



'4G0 Zweiter HaupttheiL 2. Abschn. Besondere Alterthumslehre. 

scheint, musste den Alten ebenso fremd sein als der Stil des 
Shakespeareschen Dramas. Alle Spuren der Überlieferung führen 
darauf, dass ihre Anlagen strenge geregelt, eher steif als frei 
waren. Wenn ^ die Hellenen die Natur zur Kunst machten, musste 
sich darin die Herrschaft des menschlichen Geistes über die Natur 
ausdrücken, so dass dieser eine menschlichen Zwecken entspre- 
chende Form aufgeprägt wurde. Wie das ächte Königthum, die 
erste Form des Staats, natürlich und ohne bewusste Absicht ent- 
standen, unter der Hellenen bildnerischer Hand verschwand um 
in der Neuzeit mit Bewusstsein wieder zu erstehen: so ist das 
Gefühl der Abhängigkeit von der Natui>) wovon der älteste 
Mythos ausgeht, durch die Kunst des Alterthums überwunden; 
aber an seine Stelle ist in der Neuzeit das romantische Natur- 
gefühl, d. h. die bewusste innerliche Hingabe an die Schönheit 
der Natur getreten. 

b. Die Plastik. 

§ 71. 1. Plastik ist dem Wortsinn nach eigentlich die For- 
mung weicher Massen, wie Thon, Gyps, Wachs (Keramik, 
Gypsoplasie, Keroplastik). Dies ist aber die Grundlage aller 
Plastik im weitern Sinne, welche auch bei der Bearbeitung harter 
Massen vielfach fictile Modelle und bei dem Bildguss fictile Guss- 
formen anwendet. In der Homerischen Zeit sind bereits neben 
der Thonplastik Holz- und Elfenbeiijschnitzerei und getriebene 
Arbeiten (cTcpupriXaTa) aus Erz, GoH und Silber in Blüthe; auch 
die Steinsculptur wurde — wie das Löwenthor von Mykenä be- 
weist — frühzeitig geübt. Dagegen ist der Metallguss, bei wel- 
chem die Sculptur als Ciselirung in Anwendung bleibt, in Grie- 
chenland erst zu Ende des 7. Jalithunderts durch die samischen 
Meister Khoekos und Theodoros erfunden. Mit der Münz- 
I)rägung (s. oben S. 369) entwickelte sich die Stempelschneide- 
kunst. Verwandt damit ist die plastische Bearbeitung von Edel- 
steinen, die Steinschneidekunst, deren Anfange sich bei den 
Griechen bis in das Zeitalter des Philosophen Py thagoras hinauf 
verfolgen lassen, die aber erst in der Diadochenzeit ihre volle ' 
Blüthe erreichte. An sie schliesst sich die Glasplastik. 

Die plastischen Formen sind entweder rund gearbeitet, d. h. 
nach allen Seiten freistehend {Kba Trepicpavfi), oder sie treten als 
Relief aus einer Fläche hervor (iKTuira, dvdYXuqpa), oder sie sind 
in eine Fläche eingegraben (fXuTTTd). Die vertieften Arbeiten 



III. Cultus und Kunst. 2. A. Bildende Künste, b. Plastik. 461 

eind indess z. Th., wie auf Siegelsteinen {anntüareSj baKTuXioi) 
^wnd Stempeln nur Mittel zur Herstellung von reliefartigen Formen. 
nÜbrigens sind die alten Kunstausdrücke für die plastische Form- 
gebung schwankend: t^^^H oder t^utttikii bedeutet auch über- 
liaupt die Bildhauerei, d. h. die Bearbeitung harter Massen durch 
Ideisseln und Schnitzen, wie auch scalptitra mit sculptura gleich- 
"bedeutend gebraucht wird. Die Lithoglyphie ist die Steinschneide- 
kunst überhaupt, die nicht nur Gemmen mit vertiefter Arbeit 
(Intaglien), sondern ipich mit erhabener Arbeit' (Cameen) herstellt. 
Die Reliefarbeit heisst im AUgem^einen TopeuTiKrj und caelatura, 
obgleich diese Ausdrücke ursprünglich die erhabene Metallarbeit 
und später gewöhnlich das Ciseliren der Metallbilder überhaupt 
bezeichnen; statna ist die Bildsäule im. Allgemeinen, aber vor- 
zugsweise doch die gegossene Bildsäule, so dass man unter sta- 
^tiiaria ohne Zusatz meist den Bildguss zu verstehen hat. [Vergl. 
J. G. Schubart im Philologus XXIV, S. 561 ff u. Fränkel, De 
verhis potm'ibiis quibus opera statuaina Graeci notabant Leipzig 
1873.] 

2. Alles, was Gegenstand der Plastik ist, haben die Griechen 
vollendet und unübertrefflich dargestellt. Vor Allem haben sie 
ohne die Natur zu verleugnen das Ideal rein menschlicher Schön- 
heit in den mannigfachsten Formen nach allen Seiten entwickelt. 
Mit gleicher Vollkommenheit haben sie Thiere gebildet^ die nicht 
bloss als symbolische Attribute, sondern auch in ihrem Zusammen- 
leben mit dem Menschen und als Typen charakteristischer Seelen- 
eigenschaften Gegenstände der plastischen Kunst sind. Ich erin- 
nere an die Kuh des Myron und Göthe's Bemerkungen über 
dies von den Alten vielgepriesene Kunstwerk (s. Göthe's Werke. 
Bd. 31). Wir besitzen noch antike Thierbilder von unvergleich- 
licher Schönheit. Als man den Pferdekopf aus dem östlichen 
Giebel des Parthenon kennen lernte, haben Einige geglaubt, 
Pheidias oder Kaiamis oder wer sonst -von den Gehülfen 
des Pheidias jene Pferde bildete, habe ein in der Natur nicht 
vorhandenes Ideal eines Pferdes entworfen. Rieh. Lawrence, 
der englische Maler hat in seinen El{ßin Marhles (London 1818) 
gezeigt, dass der Kopf die sorgfältigste Aufmerksamkeit auf die 
Natur und eine hingebende Beobachtung der edleren Bacen voraus- 
setzt und dass er das Vollkommenste ist, was die Kunst in dieser 
Art bilden kann. Man lese die interessante Zusammenstellung 
von Böttiger: Erklärung der zwei antiken Reliefs auf dem Fuss- 



■|i>2 Zweiter HaopttlieiL 2. Abflchn. Besondere Altertimmslehre. 

ge<$tel) des Modellpferdes von E. Matthäi nachgebildet Dresden 
I8i3, 4. [= Bottiger Kl. Sehr. II, 161 flfj und Ruhl, Über die 
AutYassung der Natur in der Pferdebildung antiker Plastik. Kassel 
1846. 4. sowie V. Cherbuliez, Ein Pferd des Phidias. Aus d. 
Fnuiz. von I. Steinmetz. Jena 1861. 

3. In der vorhellenischen Zeit war die Plastik als Kunsthand- 
werk decorativ und ihre Werke waren meist reliefartig an Bauten 
und Geräthen angebracht. Die Wunderwerke des Hephästos, die 
Homer beschreibt:' die goldenen Dienerinntt| des Gottes, sowie die 
goldenen und silbernen Hunde und die fackeltragenden goldenen 
Jünglinge des Alkinoos sind offenbar Gebilde der dichterischen 
Phantasie, welche wohl nicht aus der Anschauung wirklicher Sta- 
tuen hervorgegangen sind, aber doch beweisen, dass der Dichter 
die Bildnerei nur im Dienste des praktischen Lebens zu denken 
vermag. Die Anfänge d8r griechischen Plastik haben die grössta 
Verwandtschaft mit der orientalischen, besonders der assyrischen 
Kunst; aber schon in ihijen tritt die Selbständigkeit des helle- 
nischen Geistes hervor. Das Löwenrelief am Kyklopenthor zu 
Mykenä zeigt schon einen ausdrucksvollen und kraftvollen Stil; 
in der Homerischen Beschreibung vom Schilde des Achilleus ist 
die Composition der Bilder bereits zur poetischen Einheit ge- 
staltet (s. oben S. 450). Einen weiteren Fortschritt sieht man 
in der dem Hesiod beigelegten Beschreibung von dem Schilde 
des Herakles, da hier die dargestellten Scenen bereits mythischen 
Inhalts sind. Die geschnitzten Reliefs an der Lade des Kypselos 
und die Bilder an dem Thronos des amykläischen Apollon, die 
Pausanias beschreibt, zeigen, wie das Relief als Verzierung von 
Weihgeschenken in die religiöse Kunst eintritt. Hierdurch er- 
hielt auch die Toreutik die künstlerische Weihe. Au Altären, 
Tempeln und Grabmälern und später an Staatsgebäuden bildete 
sich das Thou", Erz- und Steinrelief in den mannigfaltigsten 
durch den tektonischen Stil und die Bestimmung der Denkmäler 
bedingten Stilgattungen aus. Vermöge der plastischen Richtung 
der alten Kunst haben die Griechen das Basrelief, welches sich 
der Flächenzeichnung nähert und eine Art plastischer Malerei ist, 
für viele Motive angewandt, für welche man in der Neuzeit 
die Malerei anwenden würde. Vergl. die vortrefi'liche Schrift 
von Tölken, Über das Basrelief und den Unterschied der pla- 
stischen und malerischen Composition. Berlin 1815. 

Die Anfänge der statuarischen Kunst sind in Mythen ge- 



in. Cnltas und Kunst. 2. A. Bildende Künste, b. Plastik. 463 

lullt. Die Sage von den Teichinen, welche die Götter zuerst 
Jn Menschengestalt gebildet haben sollen, weist nach Rhodos 
lind Kypros, und. was wir von den ältesten Götterbildern wissen, 
zeigt eine grosse Ähnlichkeit derselben mit dem ägyptischen 
Stil.*) Die mythische Gestalt des Dädalos repräsentirt den ersten 
Ip'ossen Fortschritt der griechischen Kunst; er trennte nach der 
Sage die festgeschlossenen Füsse der alten Schnitzbilder, machte 
die enganliegenden Arme derselben frei und öfihete die geschlosse- 
nen Augen.**) Die in Athen blühende Zunft der Dädaliden, 
deren Stammheros Dädalos war, ist jedenfalls eine der ältesten 
Genossenschaften griechischer Bildhauer. Tansanias (Vll,5.) stellt 
dem altattischen, d. h. dem Dädalischen Stil, den er sorgfaltig 
vom ägyptischen unterscheidet, den äginetischen gegenüber. Dieser 
steht dem ägyptischen iir alterthümlicber Steifheit am nächsten; 
die Gestalten hatten in ihm noch nicht durch die Dädalische 
Kunst Leben erhalten. Viele alte Höava werden von den Schrift- 
stellern als äginetische Arbeit bezeichnet. Eine Vermittelung 
der alten symbolischen Götterdarstellung (s. oben S. 417) mit 
der bildlichen waren die Hermen in Holz und Stein. Ferner 
wurden Steinstatuen der Götter zuerst als Weihgeschenke neben 
die altgeheiligten Zeichen oder Söava in die Tempel gestellt. 
Bei diesen Bildern blieb aber die Kunst lange in den Fesseln 
des conventioneilen hieratischen Stils, während sich in den Erz- 
bildsäulen der olympischen Sieger die künstlerische Auffassung 
freier entfaltete. Seit den Perserkriegen wurde die hierdurch 
erreichte Stilvollendung auch auf die Götterstatuen selbst über- 
tragen und erreichte in den chryselephantinen Bildsäulen, die 
an die Stelle der Hoava traten, ihren höchsten Gipfel. Der Ideal- 
stil der religiösen Kunst ging zunächst auch auf die politischen 
Denkmäler über. Das erste Monument dieser Art war die Gruppe 
der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton und ausser 
dieser und der Bildsäule des So Ion gab es in Athen bis auf 
Konon keine öfifentlichen Ehrenstatuen. Später wurde diese Ehre 
verschwenderisch ertheilt. ***) Auf dem Gipfel der Stilvollendung 
erschöpfte die Kunst alle Formen von der Colossalstatue bis zur 
Thonstatuette, von reichen Staiuengruppen bis zur einfachen Büste 

*) Vorgl. ExpUcat. IHnduri. S. 172 f. 
**) Vergl. Kl. Sehr. VII, S. 237. 
***) Vergl. Staatshaush. d. Athen. I, S. 348. Corp. Inscr. I, S. 18 u. 
872 f. II, S. 320. 340. 



« 

464 Zweiter HaupttheiL 2. Abschn. Besondere AlterthnmBlelire. 

(7TpoTO|Lir|). Seit der Zeit des peloponnesischen Krieges wurden 
nicht nur die öffentlichen Gebäude und Anlagen, sondern auch 
nach und nach die Privathäuser mit Bildwerkep ausgestattet. 

Da für den Stil der Plastik ebenfalls architektonische Rück- 
sichten neben der Bestimmung des Werkes maassgebend sind, 
mussten sich in der ganzen religiösen und politischen Plastik 
dieselben nationalen Unterschiede ausprägen^ wie in der Archi- 
tektur, zumal der Cultus selbst^ aus dem die plastischen Ideale 
zunächst hervorgingen, national verschieden war. Wir können 
aber diese Unterschiede nicht so genau nachweisen wie bei der 
Baukunst, weil die alten Nachrichten darüber dürftiger und die 
Überreste aus altgriechischer Zeit nicht zureichend sind. Der 
Gegensatz des dorischen und ionischen Stils zeigt sich bereits 
in dem Unterschiede der äginetischeir und altattischen Arbeit, 
den Pausanias als evident und allgemein bekannt betrachtet 
Im 7. und 6. Jahrh. ging der technische Fortschritt der Kunst 
von den lonem aus; der Eisen- und. Erzguss wurde in dem 
ionischen Samos*) erfunden; die Marmorsculptur kam zuerst in 
Chios**) auf und wurde in Paros vervollkommnet, wo ^ich das 
herrlichste Material darbot. Aber ionische Meister verpflanzten 
die neuen Erfindungen in dorische Staaten, wo sie mit Eifer 
weiter ausgebildet und zur höchsten Vollkommenheit gebracht 
wurden. So blühten ausser in Aegina Kunstschulen in Korinth,***) 
Sikyon, Argos, Lakedämon, Kreta, Sicilien und Gro'ssgriechen- 
land. Aus der Schule des Ageladas in Argos ging Pheidias 
hervor, durch welchen die Plastik ihre klassische Vollendung im 
attischen Stil erreichte. Dieser Stiel ist bei Pheidias, dem 
Bildner der Athena Parthenosf) und des Olympischen Zeus er- 
haben und streng und entspricht dem hohen Stil der Aschylei- 
scheu Tragödie und der Aristophanischen Komödie; Polykleitos, 
der jüngere Zeitgenosse des Pheidias und wie dieser in der 
Schule des Ageladas gebildet, der Schöpfer der argivischen Hera, 
ist gleich Sophokles der Vollender des einfach schönen Stils, 
welchem Pheidias übrigens näher kommt als Aschylos; der 
anmuthige und pathetische Stil wird endlich durch Praxiteles, 



*) Über Samische Kunst vergl. Corp. Tnscr. I, nr. 6. 
**) Über pentelischen und hy mettischen Marmor s. Staatsb. d. A. I, 
S. 64. 422. 

***) Über Korintbiacbe Plastik: ExpUcutiones Pindari. S. 214. 
t) Staatsb. d. Atb. II, S. 247 ff. 



Iir. Cnltns und Kunst. 2. A. Bildende Künste, b. Plastik. 465 

äkopas und Lysippos vollendet und artet dann in der make- 
donischen Zeit in Sinnlichkeit und Effekthascherei aus. Doch hat 
auch diese Zeit, in welcher die Schulen von Athen, Sikyon, Rhodos 
und Pergamon blühten, höchst bedeutende Kunstwerke hervorge- 
bracht: so das Urbild des ApoUon von Belvedere, die Gruppen 
sterbender Gallier, die Laokoongruppe und den Farnesischen Stier. 
In der Plastik wie in der Baukunst scheint der Atticismus 
die Unterschiede des ionischen und dorischen Stils nicht getilgt, 
sondern nur diese Formen von ihrer Einseitigkeit befreit zu 
haben. Als Wesen des dorischen Stils erscheint in den wenigen 
Üeberresten des 7. und 6. Jahrh. zuerst der Ausdruck gewaltiger 
Kraft in untersetzten, oft derben Gestalten von strenger alterthiim- 
licher Haltung und ohne individuellen Gesichtsausdruck mit einem 
stereotypen Lächeln. Mit der steigenden technischen Durchbil- 
dung wird der GUederbau weniger massig; in dem vollkommensten 
Werk dieses archaischen Stils, welches auf uns gekommen ist, 
den Sculpturen des Poliastempels auf Agina (aus dem Anfang 
des 5. Jahrh.)*) sind die Körper mager, aber von athletischer 
Kraft. Der Rumpf dieser Figuren ist im östlichen Giebelfelde 
mit grosser Naturwahrheit ausgearbeitet; hiermit stehen die 
altmodisch gebildeten Köpfe und das starre Lächeln auf dem 
Antlitz in einem seltsamen Widerspruch; ebenso contrastirt die 
Steiflieit der Gewandung mit dem lebensvollen Naturalismus der 
nackten Körper. Es zeigt sich hierin eine dem dorischen Wesen 
angemessene Unterordnung des individuellen Ausdrucks unter 
feste typische Formen. Dagegen findet man in den Resten der 
ältesten ionischen Bildnerei, z. B. den Statuen am heiligen Weg 
zu Milet,**) den lykischen Gräbersculpturen , insbesondere dem 
Harpyenmonument von Xanthos, das etwa aus derselben Zeit wie 
die äginetischen Bildwerke stammt, und in den ältesten atti- 
schen Werken- weichere Formen und eine sorgfältigere Bildung 
des Kopfes, was um so stärker hervortritt, als die Figuren meist 
bekleidet sind; die Gewandung ist au muthiger behandelt Beiden 
Sculpturen des unter Pheidias Leitung im dorischen Stil erbauten 
Parthenon zu Athen ist der Naturalismus der Körperbildung mit 
ionischer Lebhaftigkeit und Beweglichkeit gepaart. Eine bleibende 
Eigenthümlichkeit des dorischen Stils war aber auch im Atticismus 



*) Vergl. Kl. Sehr. VII, S. 249. 
**) Vergl. C. I. roh I. ni . 39 und S. XXVI. 

bückh's Encyklopttdie d. philolog. Wistenscbaft. 30 



466 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthumslebre. 

neben kraftvoller Naturdarstellung die Vorliebe für nackte For- 
nien, in denen diese besonders zur Geltung kommen konnte. Es 
hängt dies damit zusammen, dass von den Dorern zuerst die 
Gymnastik ausgebildet wurde (s. oben S. 403); die Spartaner 
waren die ersten, welche bei den gymnastischen Spielen den 
Schurz fallen Hessen;*) die dorischen Weiber waren (paivojiiTipibcq. 
Schon aus der alten äginetischen Kunst führt Pausanias (II, 30. 1) 
einen nackten ApoUon auf; die Knidische, also dorische Aphro- 
dite des Praxiteles war ganz nackt und bedeckte die Scham 
mit der Hand. (S. Levezow, über die Frage, ob die Mediceische 
Venus ein Bild der Knidischen von Praxiteles sei. Berlin 1808. 4.) 
Mit der dorischen Gymnastik fand auch die Nachbildung des 
Nackten in allen griechischen Staaten Eingang; doch scheint die 
ionische Plastik immer mit Vorliebe bekleidete Gestalten gebildet 
zu haben. Manche ionische Götterideale sind erst spät nackt 
dargestellt worden. So erscheinen die Gratien, welche ursprüng- 
lich gleich ionischen Jungfrauen gegürtet und sittsam drapirt 
waren, später in dorischen Halbgewändern; aber erst seit Pra- 
xiteles sind sie ganz entkleidet worden. Einige ionische Gott- 
heiten, wie die Athena, konnten überhaupt nur mit Gewandung 
dargestellt werden. Das klarste Beispiel der ionischen Sculptur 
nach der Umbildung durch den Atticismus ist das Nereidenmonu- 
ment zu Xanthos, welches wahrscheinlich kurz vor dem von Arte- 
misia errichteten Mausoleum nach Olymp. 100 erbaut ist; es steht 
durch seinen weichen und bewegten Stil mit den Bildwerken am 
Parthenon in Contrast. Der Geschmack am Kolossalen in der 
bildenden Kunst scheint dorisch zu sein. So waren in Rhodos 
ausser dem bekannten 70 Ellen hohen Koloss, dem grössten Erz- 
bilde des Alterthums, noch hundert andere Kolossalstatuen des 
Helios aufgestellt; in Tarent war ein Koloss von 40 Ellen, zu 
ApoUonia in Pontos einer von 30 Ellen, der nach Rom gebracht 
wurde, Deinokrates, der Wiederhersteller des ephesischen 
Dianatempels und Erbauer Alexandriens, schlug Alexander d. 
Gr. vor, den Berg Athos in eine kniende Figur auszubauen, so 
dass der Koloss in der einen Hand eine Stadt, in der andern 
ein die Gewässer des Berges sammelndes Bassin halten sollte. 
(S. Vit r UV, Vorrede zum 2. Buch.) 

Die Vorliebe für das Kolossale wurde in der makedonischen 



*) Vorgl. Corp. Imcr. \, S. 554 f. 



ni. Cultos nnd Kunst. 2. A. Bildende Künste, b. Plastik. 467 

Zeit besonders herrscheud. Zugleich aber wurden die Kleinkünste 
vorzugsweise gepflegt und ausgebildet. Die |LiiKpÖT€XVOi wieMyr- 
mekides aus Athen und Kallikrates aus Sparta verfertigten Fi- 
guren von nnglaublicher Kleinheit aus Elfenbein und Erz.*) Man 
arbeitete Modelle von Gebäuden in Metall, besonders in Silber; 
dahin gehören die Apostelgeschichte XIX, 24 erwähnten dpTupo- 
KOTTOi, welche Modelle des ephesischen Tempels anfertigten. Die 
Steinschneidekunst hatte bereits durch Pyrgoteles, welchem 
Alexander d. Gr. das Privilegium gab sein Bild in Gemmen zu 
schneiden, die höchste Blüthe erreicht. In der Diadochenzeit 
schnitt man ausser den vertieften Ringsteinen Cameen, welche 
zu Schmucksachen oder zur Besetzung toreutischer Prachtwerke 
benutzt wurden. So bildete sich ein plastischer Miniaturstil von 
einer technischen Vollendung, die in der Neuzeit nicht wieder 
erreicht ist; es ist fast unbegreiflich, wie Arbeiten von dieser 
Feinheit mit unbewaffnetem Auge ausgeführt werden konnten. 
Einen besonderen Zweig der Kleinkünste bilden die Amülete 
(s. oben S. 43G), wozu man auch Cameen benutzte. Freilich 
führte hierin der Aberglaube zu den bizarrsten Formen; gerade 
die Darstellung des Hässlichen und Widerlichen wurde häufig 
als der wirksamste Gegenzauber angesehen. 

Der Stil der gesammten decorativen Plastik folgt im All- 
gemeinen der Entwicklung der höhern plastischen Kunst. Dies 
tritt besonders bei den Münzen hervor, deren Gepräge den ganzen 
Kreislauf der Plastik durchläuft; der Stil derselben erhebt sich 
von den rohesten Formen, wie sie die ältesten äginäischen Stücke 
zeigen, bis zur höchsten Vollkommenheit; welche in den Typen der 
sicilischen Städte erreicht ist, sinkt bei dem Rückgange der Kunst 
in der späteren Diadochenzeit und nimmt in Rom einen neuen 
Aufschwung, bis er von der Zeit der Antonine an gänzlich 
verfällt. 

Die Römer haben in der Plastik nicht wie in der Baukunst 
einen selbständigen Stil erreicht. Sie lehnten sich seit Einführung 
des Bilderdienstes (s. oben S. 418 f.) zuerst an die Etrusker an, 
welche die gri(»chische Kunst mit handwerksmässigem Geschick 
nachahmten. Später fanden von Süditalien aus griechisclie Ar- 
beiten in Rom Eingang, bis nach der Eroberung von Korinih 
der gesammte Kunstbetrieb in die Hände von Griechen kam. 

*) Vergl. Ctn-}). Tnscr. I, S. 872 f. Kl. Sehr. I, S. 176 f. 

30* 



468 Zweiter HanptÜieil. 2. Abschn. Besondere Alterthnmslehre. 

Die hierdurch hervorgerufene Restauration der griechischen Plastik 
(s. oben S. 455) ging hauptsächlich von oiner neu-attischen Schule 
aus und führte zu einer eklektischen Nachbildung der griechischen 
Stile. Der römische Geist machte sich nur in der realistischen 
Ausführung der Porträtbilder und der historischen Darstellungen 
geltend. 

c. Malerei. 

§ 72. 1. Es ist ein tief eingewurzeltes Vorurtheil, dass die 
Alten in der Malerei nichts Bedeutendes geleistet hätten , und 
di^s eine wesentlich moderne Kunst sei. Wir besitzen freilich 
keine Meisterwerke der Malerei aus dem Alterthum; aber wir haben 
einen Maassstab der Beurtheilung an der hohen Vollendung der 
griechischen Plastik. Ein Volk, dessen Geschmack in der Plastik 
so hoch gebildet war, konnte die Leistungen einer rohen und 
unvollkommenen Malerei nicht schätzen und bewundem: und doch 
wissen wir^ dass bei den Griechen die Malerei ebenso angesehen 
war als die Plastik. Diese dominirt allerdings in der gesammten 
bildenden Kunst des Alterthums und die Gemälde der Alten hatten, 
wie wir aus den erhaltenen Denkmälern und den Nachrichten 
der Schriftsteller schliessen können, einen durchweg plastischen 
Charakter, d. h. die Figuren st^^llten sich darin nach Möglichkeit 
ganz dar. Daher trat die Perspective nicht sehr hervor, wie- 
wohl die Griechen die Linearperspective sehr wohl kannten. Die 
Perspective ist mehr romantisch; sie wirkt in die Feme, eröffnet 
eine Aussicht ms Unbestimmte, während der plastische Sinn das 
Gegenwärtige, Nahe sucht, ein endlich Beschränktes erfassen will. 

Die Mjilerei ist bei'den Griechen später als die Plastik und 
erst durch diese zur freien Kunst geworden. In der Homerischen 
Zeit treten die ersten Anfänge nur in der Buutwirkerei hervor; 
später wurden Gefässe mit Figuren bemalt. Diese aus dem Orient 
stammenden Zweige des Kunsthandwerks wurden zuerst unter 
dorn Einfluss der Plastik in den Ilauptstätten dorischen Kunst- 
fleisses, in Korinth*) und Sikyon künstlerisch vervollkommnet. 
Ein weiterer Fortschritt wurde durch die Polychromie der Ar- 
chitektur und Plastik herbeigeführt. Die Alten wandten früh- 
zeitig bunte Farben an, um die feinere Gliederung der Archi- 
tecturtheile wirksamer hervortreten zu lassen; selbst der Marmor 
wurde z. Th. so gelarbt. Die Eöava waren ursprünglich grell 



'^) Explkationes Pindari S. 2Uf. 



III. Caltus uud Kunst. 2. A. Bildende Küoste. c. Malerei. 469 

bemalte Puppen; aber auch als die Plastik sich von dieser uu- 
künstlerischen Natumachahmung losmachte, suchte man den Ein* 
druck der Statuen durch Färbung einzelner Theile zu heben oder 
gab ihnen einen zarten die natürliche Schönheit des Stoffes er- 
höhenden Farbenüberzug. In schönster Weise kam die Polychromie 
bei den chryselephantinen Statuen zur Geltung. Die Reliefs 
näherten sich durch die Buntfarbigkeit noch mehr der Malerei. 
Als diese sich im Dienste des Handwerks technisch genügend 
ausgebildet hatte, begann man inl Anschluss an die Plastik die 
Wände Yon Tempeln und Hallen mit colorirten Umrissfiguren in 
einem reliefartigen Stil zu zieren ' und ähnliche Bilder als Weih- 
geschenke aufzuhängen. Da diese Werke nicht wie die plasti- 
schen Götterbilder Gegenstand der Anbetung waren, konnte sich 
die Kunst an denselben frei von conventionellen Schranken aus- 
bilden. Daher erreichte die Malerei bereits in der Eimonischen Zeit 
die erste Stufe ihrer klassischen Vollendung durch Polygnotos, 
der den Theseustempel, das Anakeion und die Poikile zu Athen, 
die Lesche der Knidier zu Delphi u. s. w. mit mythisch-histo- 
rischen Wandgemälden in einem idealen und erhabenen Stil 
schmückte. Die von ihm begründete attische Malerschule hat 
ohne Zweifel auch auf Pheidias höchst anregend gewirkt. Einen 
mächtigen Impuls erhielt die Malerei dadurch, dass sie als De- 
corationsmalerei durch Sophokles und den ihm hierin folgenden 
Aschylos in den Dienst des Dramas gezogen wurde. Aus der 
Skenographie ging die Skiagraphie, d. h. die nicht bloss durch 
die Zeichnung, sondern durch Colorit und Schattirung wirkende 
Malerei hervor. Diese wurde in Athen durch A.pollodoros 
begründet, aber durch die ionische Schule des Zeuxis uud 
Parrhasios zur Vollendung gebracht. Alkibiades hatte be- 
reits die Skenographie zur Ausschmückung seines Privathauses in 
Anspruch genommen. Durch die ionische Schule, welche haupt- 
sächlich Staffeleigemälde hervorbrachte, trat die Malerei noch 
mehr in den Dienst des Privatlebens. Es bildete sich schnell 
eine begeisterte Vorliebe für die neue Kunst. Die Meisterwerke 
derselben wurden mit hohen Summen bezahlt, und man ermun- 
terte die Künstler durch Agonen. Zeuxis gab bereits das Beispiel 
zu Gemäldeausstellungen, indem er eine Helena für Geld seh^n 
Hess, die man deshalb scherzweise ^raipa nannte. Der ioni- 
schen Schule, deren Werke sich durch malerische Illusion und 
Farbenreiz auszeichneten, aber im Gegensatz zu dem strengen 



470 Zweiter Haupttheil. 2. Abscho. Beeoadcre Alterthumslehre. 

Ethos des Polygnot sich einem weichen und üppigen Stil zu- 
neigten, trat eine sikyonische Schule gegenüber, welche die 
Malerei in demselben Sinne wie Polykleitos die Plastik zur 
einfach schönen Darstellung (xpnaTOTpacpia) ausbildete. Der Stifter 
dieser Schule ist Eupompos, die Hauptmeister derselben Pam- 
philos und Pausias. Neben der sikyonischen Schule bildete 
die attische den gratiösen und pathetischen Stil aus; der grosste 
Meister dieses Stils und zugleich der höchste malerische Genius 
des Alterthums ist aber der lotier Apelles, welcher die Vorzüge 
der ionischen und sikyonischen Schule in sich vereinte. In der 
Diadochenzeit musste der Stil der Malerei schneller verfallen als 
die Plastik, während sich ihre technische Vollkommenheit länger 
erhielt. 

Wie trefflich die Kunst auch in der Zeit ihres Verfalls war, 
beweisen selbst die geringfügigen Überreste der römisch-griechi- 
schen Malerei, die in und bei Rom, sowie in Pompeji und Her- 
culaneum aufgefundenen Wandmalereien. Nicht uninteressant ist 
das von Lucas Holstenius {Vetus pidnra nympliaeum exhibens, 
Rom 1676 fol.) zuerst beschriebene, nicht mehr vorhandene W^and- 
gemälde, das perspectivisch wie eine Theaterdecoration war, aber 
mit Thieren und Baumschlag. Von der reliefai-tigen Darstellung, 
die im Alterthum besonders häufig war, giebt die Aldobrandinische 
Hochzeit eine vortreffliche Anschauung (s. Böttiger u. H. Meyer, 
Die Aldobrandinische Hochzeit. Dresden 1810). Die hauptsäch- 
lichsten Denkmäler sind aus Pompeji und Uerculaneum, und selbst 
diese Zimmerdecorationen von geringen Meistern zeigen, wenn 
auch darin Manches verzeichnet ist, nicht nur Geschick und Ge- 
schmack, sondern auch vielfach Charakter und Stil. Von grosser 
Schönheit sind z. Th. die erhaltenen Mosaikbilder. Ehemals war 
das bekannteste und berühmteste Denkmal in Mosaik das aus 
dem Tempel der Fortuna zu Präneste (s. Corp. Inscr, Gracc, III, 
nr. 6131**). Aus den makedonischen Inschriften sieht man, 
dass auch andere Fortunentempel vorzügliche Mosaik hatten.*) 
Jetzt ist die Darstellung der Schlacht bei Issos, die in Pompeji 
gefunden worden ist, das bedeutendste Denkmal, ausgezeichnet 
auch in der Composition und gewiss Copie eines Meisterwerks. 
Sinn für schöne Formen zeigen auch die ganz handwerksmässig 
gefertigten Bilder auf Vasen, die in grosser Anzahl in Gräbern 

» *) Corp. Inscr, II, nr. 2024. 2025. 



in. Coltiis und Kunst. 2. A. Bildende Künste, c. Malerei. 471 

gefunden sind und wie die Münzen einen Überblick über die 
ganze Entwicklung der bildenden Kunst gewähren, da selbst der 
Stil dieser Töpferarbeit von dem der hohen Malerei abhängig war. 
Man unterscheidet deutlich, wie der älteste phönikisirende Stil in 
den althellenischen übergeht; auf den archaischen Stil folgt der 
strenge, auf diesen der schöne, und den Schluss macht der 
reiche Stil der makedonischen Zeit, in welcher die Vasenmalerei 
durch die Toreutik verdrängt wurde. Bei den Hörnern hat die 
Gefässmalerei keinen Eingang gefunden. 

2. Die Gegenstände der antiken Malerei waren wie die der 
Plastik überwiegend mythologisch; doch wurde seit dem Beginn 
der eigentlichen Kunst die Historienmalerei geübt z. Th. in figuren- 
reichen Bildern, obwohl sonst die Gemälde ihrem plastischen 
Charakter gemäss meist nur wenig Figuren entliielten. Die Por- 
traitmalerei*) kam erst durch die ionische Schule auf, und es 
schloss sich daran die Karrikatur, die in den Gryllen der make- 
donischen Zeit gewiss fein und geistreich gestaltet wurde. Zu 
einer besondern Gattung wurde frühzeitig die Darstellung obscöner 
Gegenstände (iropvoTpacpia). Die mythologischen Figuren wurden 
schon von den Meistern der ionischen Schule allegorisch ver- 
wendet, und in dieser Form spielen sie seitdem überall in die 
Genremalerei hinein, welche ebenfalls in dieser Schule ihren An- 
fang hat. In der sikyonischen Schule malte Pausias bereits 
vorzügliche Thier- und Blumenstücke; in der Diadochenzeit wurde 
das Stillleben ein Lieblingsgegenstand der Malerei (ßujTTOTpacpia). 
Gleichzeitig ging aus der Skenographie die Landschaftsmalerei 
(xoTTiOTPctcpia) hervor, welche natürlich einen der antiken Garten- 
kunst analogen Charakter haben musste. Dies erkennt man auch 
noch aus den decorativen Darstellungen, welche in vielen pom- 
pejanischen Gemälden, sowie besonders in den 1848 — 1850 auf 
dem esquilinischen Hügel ausgegrabenen Odysseelandschaften und 
dem 1863 in Prima Porta bei Rom aufgefundenen Bilde eines 
Gartens erhalten sind. [Vgl. Woermann, die antiken Odyssee- 
landschafteu vom esquilinischen Hügel zu Rom. In Farben- 
steindruck herausgeg. und erläutert. München 1876. Derselbe, 
die Landschaft in der Kunst der alten Völker. München 1876. 



*) über monumentale Portraits in ganzer Figur (cIkövcc Tpawral 
TcXelai) und in Medaillonform (eIkövcc xeX^ai ^v öirXifj) s. Corp. Inscr. II, 
S. 662—665. 



472 Zweiter Haupttheil. 2. AbBchn. Besondere Alterthamslehre. 

S. 294 S.\ Ausgezeichnet waren die Alten, in der Arabesken- 
malerei. Wie unerschöpflich die antike Kunst in malerischen 
Motiven war, zeigen besonders die untergeordneten Vasengemälde, 
welche deshalb die vorzüglichste Fundgrube für die Anschauung 
des gesammten antiken Lebens sind. Es ist keine Frage, dass 
die Malerei des Alterthums ebenso wie die moderne die ganze 
Stufenleiter der Empfindungen auszudrücken verstand, soweit sie 
in* sichtbaren Zeichen hervortreten. Aber sie konnte dies nur in 
derselben plastischen Form thun wie die antike Ljrik (s. oben 
S. 275). Die Innerlichkeit eines Madonnenideals vermochte kein 
hellenischer Maler zu erreichen. 

3. Die Technik der alten Malerei verdankt dem Orient nur 
die rohesten Anfange, wie eine Vergleichung der höchst unvoll- 
kommenen assyrischen Gemälde zeigt. In der Buntwirkerei und 
Stickerei (TioiKiXia oder TroiKiXxiKri)*) hat sich die ausgebildete grie- 
chische Kunst von der orientalischen sicher ebenso sehr unter- 
schieden wie die Vasenbilder des schönen Stils von den ältesten 
phönikisirenden. An den Vasenbildem lässt sich hauptsächlich 
die allmähliche Ausbildung der Zeichnung verfolgen. Diese war 
bereits in der Polygnotischen Schule technisch vollendet. Durch 
die Skenographie wurde die Theorie der Perspective begründet, 
welche die Philosophen Demokrit und Anaxagoras weiter aus- 
führten. Die Sikyonische Schule schuf eine streng mathema- 
tische Zeichenlehre, wodurch das Zeichnen zugleich eine Me- 
thode erhielt, welche seine Aufnahme in den encyklopädischen 
Jugendunterricht ermöglichte (s. oben S. 405). Bei den Übungen 
der Maler- und Zeichenschulen wurden die Zeichnungen mit dem 
Griffel auf Wachstafeln oder mit dem Pinsel auf Holztafeln und 
zwar in weisser Farbe auf schwarzem Grunde (\euKÖTpa)i)ia) oder 
mit schwarzer Farbe auf hellem Grunde ()Lie\av6TpajU)ia) ausge- 
führt. Ursprünglich waren die Gemälde überhaupt Umrissfiguren 
()LiovÖTpa|H|na) oder, wie auf den meisten Vasen, einfarbig (juovo- 
Xpuü^aTtt). Bis auf die ionische JSchule begnügte man sieh auch 
bei mehrfarbigen Bildern mit 4 Hauptfarben : weiss, schwarz-blau, 
roth und gelb, die man in verschiedenen Nuancen und Mischungen 
anwandte.**) Durch die ionische Schule wurde dann die Technik 
des Colorits bedeutend vervollkommnet, in welcher A pelle s das 



*) StÄateh. d. Ath. I, S. 55 Anra. d. 
**) Vergl. StaÄtsh. d. Ath. II, S. 354. KL 8chr. V, S. U ff. 



III. Cnltus und KuDbi 2. A. Bildeude EüDste. c. Malerei. 473 

Höchste erreichte. Die Alten malten mit Wasserfarben, die mit 
dem Pinsel aufgetragen wurden, und mit Wachsfarben, die man 
einbrannte. Die Technik des letztern Verfahrens, der Enkaustik, 
ist uns unbekannt, obgleich man wiederholt behauptet hat sie 
wieder entdeckt zu haben. Die enkaustische Malerei wurde nur 
bei Bildern auf Holz, Thon und Elfenbein angewandt und hatte 
eine ähnliche Wirkung wie die Ölmalerei, die den Alten unbe- 
kannt war. Auch Architec turtheile, wie Triglyphen,*) Thüren,**) 
'Lacunarien, Schilfswände wurden enkaustisch gemalt. Die Staf- 
felei- oder Tafelbilder wurden in der klassischen Zeit nur auf 
Holztafeln ausgeführt; auf Leinwand hat man erst in der romi- 
schen Zeit hin und wieder gemalt. Bei der Wandmalerei, welche 
bereits zu Polyguot's Zeit in bedeutendem Umfange geübt 
wurde, trug man die Grundfarbe auf den frischen Stuck auf; 
das Gemälde wurde dann in der Regel [ebenfalls al fresco und 
w.ohl nur aushülfsweise] auf dem trockenen Malgrunde mit 
Temperafarben ausgeführt, die wie bei Staffeleibildern mit Leim, 
Gummi oder Eiweiss gebunden wurden. Die Tafel- und Wand- 
gemälde überzog man z. Th. mit Wachsfirniss und brannte den- 
selben ein. Diese Kaöaiq (circumlitio) ist von der Enkaustik 
ganz verschieden. Bei der Vasenmalerei wurden in der Regel 
die Bilder entweder mit schwarzem Fimiss auf den rothen 
Thon aufgetragen oder in der Farbe des Thons ausgespart, wäh- 
rend der Grund mit dem schwarzem Firniss überzogen wurde. 
Bei dem erstem Verfahren, welches sich nur' bei Vasen des alten 
Stils angewendet findet, treten innerhalb d^r Umrisse die einge- 
ritzten Linien der Zeichnung roth hervor; bei dem andern Ver- 
fahren, das noch zur Zeit des archaischen Stils eingeführt und seit 
der Ausbildung des schönen Stils ausschliesslich angewandt worden 
ist, wurde die Zeichnung mit schwarzen Strichen ausgeführt. Die 
Gefässe wurden vor und nach der Bemalung gebrannt und dann 
zuweilen noch einzelne Theile mit bunten Deckfarben verziert* 
Seltener sind Vasen mit weissem Thonüberzug, auf welchem die 
Figuren im Umrisse oder mit bunten Farben, aber ebenfalls meist 
ohne Schattirung gemalt sind. (Vergl. 0. Jahn, Über ein 
Vasenbild, welches eine Töpferei darstellt. Berichte der Sachs. 
Gesellsch. d. W. 1854.) Die musivische Arbeit (opus tessellatum, 



*) Vergl. Seeurkunden S. 410. 
**) S. Corp. Inscr. nr. 2297. 



III. Cultns und Knnat. 2. A. Bildende EiSnste. Literatur. 477 

edited antiquities of Atiica heraus. (Die deutsche Obersetzung beider Werke 
von K. Wagner, Darmstadt 1829, enthält Nachbildungen der Original- 
kupfer.) Eine Anzahl der werthvollsten griechischen Sculpturen, besonders 
von der Akropolis Athens brachte seit 1803 Lord Elgin nach England; sie 
wurden 1816 vom Britischen Museum erworben. VergL Denkschrift Aber 
Lord Elgins Erwerbungen in Griechenland. Nach der 2. engl. Ausg. be- 
arbeitet. Mit einer Vorrede von C. A. Böttiger und Bemerkungen der 
Weimarischen Kunstfreunde. Leipzig 1817. [Ad. Michaelis, die Auf- 
nahme der Elgin Marbles in London „Im neuen Reich**. 1877.J In den 
oben (S. 833) erwähnten Reisebeschreibungen sind zahlreiche in unserm 
Jahrhundert neu entdeckte Kunstdenkmäler publicirt. Von hervorragender 
Wichtigkeit waren die 1811 und 1812 durch Bröndsted, Cockerell, 
Foster, Haller, Linckh und Stackeiberg gemeinsam veranstalteten 
Aiisjrrabungen auf Aegina und bei Phigalia, wodurch die jetzt in München 
befindlichen äginetischen Bildwerke (s. oben S. 466) und die vom Britischen 
Museum erwQrbenen Überreste des Apollotempels bei Phigalia aufgefunden 
wurden.*) S. Jo. Mart. Wagner, Über die äginetischen Bildwerke, mit kunst- 
geschichtlichen Anmerkungen von Schelling. München 1817. — Stackel- 
berg, der Apollotempel zu Bassä. Rom 1826. Über die Entdeckungen der 
französischen Expedition de Morie s. Abel Blouet, Uexpidition de Moree. 
ArcJiitecturey sculpture de. Paris 1831 — 38. 3 Bde. fol. Um die im Königreich 
Griechenland veranstalteten archäologischen Nachforschungen haben sich 



namentlich H. Ulrichs und L. Ross und später die Ecole d'Athenes ver- 
dient gemacht, ausserdem die seit 1837 bestehende dpxaioXoTucf) ^raipCa. In 
Athen wurden seit 1862 neue bedeutende Entdeckungen gemacht, wozu ins- 
besondere die durch Strack bewirkte Blosslegung des Dionysostheaters ge- 
hört. Vergl. C. ßötticher, Bericht über die Untersuchungen auf der Akro- 
polis von Athen im Frühjahre 1862 mit 12 Tafeln. Berlin 1863; Ergänzungen 
zu den letzten Untersuchungen auf der Akropolis zu Athen. Göttingen 1867. — 
W. Vischer, Die Entdeckungen im Theater des Dionysos zu Athen. Bern 
1863. — [Von hervorragender Bedeutung sind die von E. Curtius veran- 
lassten, 1875 auf Kosten des deutschen Reichs unternommenen Ausgrabungen 
zu Olympia. S. E. Curtius, Fadler, Uirschfeld, Die Ausgi-abungen zu 
Olympia. I. Berlin 1876. fol.| 

Auf Sicilien veranstaltete 1823 der Herzog Serra di Falco umfassende 
Nachgrabungen, namentlich in den Trümmern von Selinus. S. dessen Werk: 
U antichitä della Sicilia. Palermo 1834—1842. ö Bde. fol. — Hittorf, 
und Zanth, Architeclure antique de 1a Sicile. Paris 1826—1830 (1870J. fol. 
Seit 1828 wurden in den Nekropolen Etruriens die überraschendsten Funde 
gemacht, die besonders von dem archäologischen Institut zu Rom wissen- 
Bchaftlich ausgebeutet sind. Eine wichtige Bereicherung erfuhr die Kunst- 
geschichte durch die Auffindung zahlreicher Monumente in Kleinasien, be- 
sonders in Lykien durch Texier, Fellows und Newton. Vergl. Texier, 
Bescripiion de VAsie Mineure. Paris 1839 ff. 3 Bde. fol. u. Kupfer. - Fel- 
lows, Asia minor. London 1839; Travels in Lycia, 1841. Beides deutsch 
von Zenker. Leipzig 1853. — Newton, A history of dincoreries at Halicar- 



*) Vergl. KL Sehr. VII, S. 329 f. 



III. Gnltos und Kunst. 2. A. Bildende Künste. Literatur. 479 

bare Kupfer. — Lübke und Caspar, Denkmiller der Kunst zur Über- 
sicht ihres Entwicklungsganges von der ersten künstlerischen Versuchen bis 
zu den Standpunkten der Gegenwart. 2. Ausg. Stuttgart 1858. qn. fol. Mit Text 
von Lützow und Lübke. 3. Ausg. 1876 f. — [Conze, Vorlegeblätter für 
archäologische Übungen. Wien 1869 ff.] Eine Fülle von Pnblicationen alter 
Denkmäler enthalten die unten angefahrten archäologischen Zeitschriften. 

Für die Geschichte der Architectur sind selbstverständlich die Überreste 
der alten Gebäude die Hauptquelle. Es existiren davon zahlreiche Abbil- 
dungen, unter denen namentlich auch die Photographien hervorzuheben sind, 
femer bildliche Restaurationen, sowie Modelle und plastische Nachbildungen 
einzelner Architekturtheile. Unter den Schriftquellen, die sich auf die Bau- 
werke beziehen, sind Inschriften von besonderer Wichtigkeit. Das merk- 
würdigste Denkmal dieser Art sind die Bauinschriften über das Erechtheion 
zu Athen, woraus die Baugeschichte des Tempels zuerst von K. 0. Müller 
{Minervae PoUadis sacra et aedis. Göttingen 1820) festgestellt und später 
von mir und Andeni vervollständigt ist*). 

Die Werke der Plastik und Malerei waren im Alterthum ursprünglich 
in der lebensvollsten Verbindung mit den Stätten des Cultus und den öffent- 
lichen Bauanlagen. In der Diadochenzeit wurden diese öffentlichen Denk- 
mäler vielfach in die Hauptstädte und Paläste der Fürsten versetzt; in der 
römischen Zeit wurden griechische Kunstwerke aller Art in Masse nach 
Italien geführt, um die Villen und Paläste der Grossen und die öffentlichen 
Anlagen Roms zu schmücken. Später ging eine ausserordentliche Anzahl 
von Kunstwerken nach Byzanz über. Diese mannigfachen Versetzungen 
müssen bei der Kritik der erhaltenen Denkmäler sorgfältig berücksichtigt 
werden. Museen im modernen Sinn kannte das Alterthum nicht, obwohl 
die Tempelanlagen, Hallen und Thermen häufig ganze Sammlungen bedeu- 
tender Werke, Glyptotheken und Pinakotheken enthielten. Ähnliche Samm- 
lungen legten die römischen Grossen an. Eine grosse Daktyliothek hatte 
schon Mithridates d. Gr. von Pontus. Nach der Renaissance wurden die 
Reste der Antike wieder ursprünglich in reichen Privatsammlungen ver- 
einigt; daher sind die bedeutendsten Kunstwerke vielfach nach den Namen 
italienischer Adelsgeschlechter benannt. Durch die Anlegung öffentlicher 
Museen, deren ältestes das von Pabst Clemens XII. begröndete Mu^eo Ca- 
pitolino ist, wurde die grosse Masse der alten Kunstwerke in die Haupt- 
städte Europas vertheilt. Daher ist die Museographie das wichtigste Hülfs- 
mittel zur Orientirung. Die hierauf und auf die Topographie der Denkmäler 
überhaupt bezügliche Literatur findet man in dem unten angefahrten Hand- 
buch von K. 0. Müller. [Spätere Publicationen: Em. Braun, die Ruinen 
und Museen lioms. Braunschweig 1854. — Reber, Die Ruinen Roms und 
der Campagna. Leipzig 1863. — Benndorf u. Schöne, Die antiken Bild- 
werke des lateranischen Museums. Leipzig 1867. — Burckhardt, Der 
Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. 3. Ausg. 
von A. V. Zahn. Leipzig 1874. 4 Bde. — Hans Dütschke, antike Bild- 
werke in Oberitalieu. 1. u. II. Pisa. Florenz. Leipzig 1874. 1875. — R. Ke- 
kule, Beschreibung der antiken Bildwerke im Theseion zu Athen. Leipzig 

*) Vergl. Corp. Inscr. nr. 160. Staatsh. d. Ath. I, S. 277. 



482 Zweiter Hauptiheü. 1. Abschn. Besondere Alterthumslelire. 

Bogen al« etrurisches Fabrikat an^ obgleich bis zor Entdeckung der Nekro- 
pole von Vulci die grösste Anzahl derselben in Unteritalien gefnnden worden 
ist. Aber jetzt, wo in der That die meisten der vorhandenen Gtefässe etra^ 
rischen Fundortes sind, ist dfe von Winckelmann zuerst aufgestellte An- 
sicht allgemein als richtig anerkannt, dass die italische Vasenmalerei g^^ 
chischen Ursprungs ist. In Griechenland selbst und auf den griechischen 
Inseln sind bereits ebenfalls eine grosse Anzahl bemalter Gefässe angefunden, 
und es steht hier sicher noch eine reiche Ausbeute zu erwarten; ausserdem 
hat man in Sicilien, Malta, Afrika, Kleinasien, ja in dem fernen Pantika- 
päon bedeutende Funde gemacht. Die Hauptstätten der gesammten Vasen- 
fabrikation scheinen Korinth und später Athen gewesen zu sein. Ein toII- 
kommenes Muster der Korinthischen Arbeit ist die von Dodwell (Reise 
Th. II, S. 196) zuerst publicirte bei Korinth gefundene Vase*); ^ sie 
schliesst sich im Stil die beiRaoul-Rochette, MSmoire 8ur un rase peint 
de fahrique corinthienne (Paris 1848). Es sind dies Gefässe sehr alten Stils 
mit dunklen Figuren und phantastischeu Thiergestalten. Ganz ähnlich sind 
eine bedeutende Anzahl von Vasen etruskischen Fundorts, auf denen ausser- 
dem die Inschriften im dorischen Dialekt und kerkyräischen Alphabet ge- 
schrieben sind. Wahrscheinlich kamen die Vasen nach Oberitalien z. Th. 
von Kerkyra und zwar über Hatria am Po"^"^). Denn von dieser Stadt, nicht 
von Hatria in Picenum haben sicher die berühmten Hatrianischen Gefässe 
(Pliuius, H. N. 35, 46) den Namen, die auch KcpKupatoi d)uiq>op€lc heissen 
(s. Hesychios unter diesem Wort). Ausserdem weist die Geschichte von 
Demarat und den Meistern Eucheir und Eugrammos***) darauf hin, 
dass die Vasenmalerei frühzeitig unmittelbar von Korinth nach Etrurien 
verpflanzt wurde. Die grosse Mehrheit der etruskischen Gefässe ist aber 
nach Stil und Inschriften zu urtheilen attischen Ursprungs. Da nun diese 
Vasen die gesammte Stilentwicklung von dem archaischen bis zum reichen 
Stil durchlaufen, setzt dies eine beständige Verbindung Etruriens mit den 
attischen Fabriken voraus. Indess ist jetzt allgemein anerkannt, dass auch 
in Italien selbst einheimische Vasenfabriken bestanden, und zwar noch 
längere Zeit nachdem die griechische Fabrikation aufgehört hatte. In den- 
selben wurden griechische Muster theils einfach nachgeahmt, theils nach 
einheimischem Geschmacke umgemodelt. Bei den italischen Vasen ist da- 
her in jedem einzelnen Falle ^u untersuchen, ob sie aus Griechenland ein- 
geführt oder einheimischen Ursprungs sind. Dies ist oft schwer zu ent- 
scheiden. Selbst bei Geissen, deren Malerei specifisch attische Gegenstände 
darstellt, ist es nicht ohne Weiteres ausgemacht, dass sie auch in Athen 
angefertigt sind, da man in Italien die Muster in ähnlicher Weise nach- 
ahmte, wie in der Neuzeit bei uns die chinesische Malerei nachgeahmt 
worden ist. Besonders merkwürdig sind die grossen Amphoren, die sich 
durch die Inschrift TCüv 'Aerjviiecv deXujv als Panathenäische Preisgefässe 
erweisen. Ich bin überzeugt, dass diese in Etrurien nachgemacht sind f). 



*) Vergl. Corp. Inscr. nr. VII. Explicat, Pindari S. 214. 
**) Vergl. Seeurkunden S. 457 f. 

***) S. Kl. Sehr. VI, S. 38 ff. Metrol. Untersuchungen S. 208. 
t) Vergl. Kl. Sehr. IV, S. 350—361. 



III. Gultus nnd Kunst. 2. A. Bildende Kunst. Literatar. 4 ^ 

Unter den zahlreichen Publicationen von Vasenbildem hebe ich hervor : 
Hancarville, Äntiquites etrusques, grecques et romaines tir^es du cabinet de 
Mr, Hamilton, Neapel 1766 f. 4 Bde. fol. — Tischbein, CoUection of 
engravinga from ancient vases. Neapel 1791 — 1803. ö Bde. fol. — Böttiger, 
Griechische Vasengemälde. Weimar u. Magdeburg 1797—1800. 3 Hefte. — 
Miliin, Peintures de vases antiques vulgairement appelia itrusques. Paris 
1808. 1810. 2 Bde. fol. — Miliin gen, Peintures antiques et inddites de 
vases grecs tires de diverses coUections. Rom 1818 fol.; Peintures antiques 
de vases grecs de la coHection de Sir J. CoghiU. Rom 1817. fol.; Painted 
greek vases. London 1822. 4. — AI. de Laborde, CoUection des vases grecs 
de Mr. le comte de Lamberg. Paris 1813. 1824. 2 Bde. fol. Ein vorzügliches 
Werk; die darin beschriebene Sammlung befindet sich jetzt grossentheils 
im Wiener Antikenkabinet. — Panofka, Musee Blacas. Paris 1829. fol.; 
Antiques du comte Pourtales-Gorgier. Paris 1834. fol. (nicht ausschliesslich 
Vasen). — Inghirami, Pitture di vasi fittili. Fiesolo 1833 fP. 4 Bde. 4. — 
Campanari, Antichi vasi dipinti deJla cöllezione Feöli, Rom 1837. [Die 
Sammlung ist seit 1872 in Wörzburg.] — Fr. Creuzer, Zur Gallerie der 
alten Dramatiker. Auswahl unedirter griechischer Thongefässe der Orossh. 
Badischen Sammlung in Carlsrnhe. Mit Erläuterungen. Heidelberg 1839. — 
de Luynes, Description de quelques vMes peints etrusques, itcUiotes, siciliens 
et grecs. Paris 1840. fol. — Ed. Gerhard, Auserlesene griechische Vasen- 
bilder hauptsächlich etruskischen Fundorts. Berlin 1840—1858. 4 Bde. foL; 
Griechische und etruskische Trinkschalen. Berlin 1840. fol.; Etruskische und 
campanische Vasenbilder. Berlin 1843. fol.; Apulische Vasenbilder. Berlin 
1845. fol.; Trinkschalen und Gefässe. Berlin 1848 — 50. fol. — Lenormant 
und de Witte, Elite des monuments ceramographiques , malt6riaux pour 
Vhistoire des religions et des moeurs de Vantiquitd. Paris 1844 ff. 4 Bde. fol. — 
Roulez, Choix de vases peints du musü de Leide. Gent 1854. fol. ~ 
0. Jahn, Beschreibung der Vasensammlung König Ludwigs in der Pina- 
kothek zu München. 1854. — Conze, Melische Thongefässe. Leipzig 1862. foL 
— [L. Stephani, Die Vasensammlung der kaiserlichen Eremitage. Peters- 
burg 1869. 2 Bde. — Giov. Jatta, Catalogo del Museo Jatta. Neapel 
1869. — Benndorf, Griechische und sicilische Vasenbilder. Berlin 1869 — 
70. fol. — Heydemann, Griechische Vasenbilder. Berlin 1869—70. foL; 
Die Vasensammlungen des Museo Naziondle zu Neapel. Berlin 1872.] 

Die Hauptsammlung von Spiegel Zeichnungen ist: Ed. Gerhard, Etrus- 
kische Spiegel. Berlin 1843—1868. 4 Bde. fol. Vergl. Rathgeber, Über 
125 mystische Spiegel. Gotha 1855. fol. Manche Bilder auf Vasen und 
Spiegeln beziehen sich unzweifelhaft auf Mysterien ; im Allgemeinen aber ist 
die mystische Auslegung, die zuerst Mi 11 in und Böttiger in Schwung 
gebracht haben, willkürlich. 

Für die Auslegung und Kritik der plastischen Werke und Gemälde 
sind wie bei Bauwerken Inschriften, die daran angebracht sind oder damit 
in Verbindung stehen, von Wichtigkeit (s. oben S. 189). Insbesondere bieten 
die Inschriften einen Hauptanhalt für die Künstlergeschichte. Vergl. Franz 
in der von E. Curtius herausgegebenen Einleitung zu Bd. IV, Fase. II des 
Corpus Inscr. Graec. über Vaseninschriften. — [Dumont, Inscriptians cd- 
ramiques de la Grece. Paris 1873. — G. Hirsch feld, Tituli statuariorum 

31* 



484 Zweiter Hanptiheil. 2. Abachn. Besondere Alterümmalehie. 

sculptorumqiAe Crraecorum cum prolegomenis. Berlin 1871.— A. v. Sallet, Die 
KünstleriDschriften anf griechischen Münzen. Berlin 1871.] Die literarischen 
Quellen bestehen in den Überresten der alten Schriften fiber Konsttechnik, 
Ästhetik und Künstlergeschichte, sowie in poetischen und prosaischen Be- 
schreibungen von Kunstwerken. Die einzige aus dem Alterthum erhaltene 
Darstellung der Theorie der Baukunst ist das Werk des Vitruvius, De 
architectura. Vitruv war ein gewöhnlicher Empiriker, hatte aber gute 
Kenntnisse und schöpfte aus zahlreichen griechischen Quellen, wenn er aach 
diese nicht immer richtig verstanden hat. Einer der seltsamsten EinföUe 
der neueren Kritik war es dies Werk für eine F&lschung des Mittelalters 
zu erklären. Über die Plastik und Malerei ist kein theoretisches Werk 
erhalten ; ebenso sind die biographischen Schriften über griechische 
Künstler verloren gegangen. Über die Ästhetik der Alten s. Eduard 
Müller, Greschichte der Theorie der Kunst bei den Alten. Breslau 1884— 
37. — B. Zimmermann, Geschichte der Ästhetik. Wien 1868. — [Taine, 
Philosophie de Vart en Grkce, Paris 1870. — Schassler, Kritische Ge- 
schichte der Ästhetik von Plato bis auf die neueste Zeit. Berlin 1871.] — 
Seit der Zeit Alezander 's d. Gr. wurden die Kunstwerke einzelner Ort- 
schaften oder Länder zum Gebrauch für die Periegeten, die Ciceroni des 
Alterthums beschrieben. Im ersten Jahrh. v. Chr. gab Pasiteles sogar 
eine Beschreibung der hervorragendsten Kunstwerke des ganzen Weltkieises 
heraus. Wir besitzen aus der reichhaltigen periegetischen Literatur nur 
Pausanias, 'CXXdöoc ircpu^ipi^c ^ 1^ Büchern. 

Beschreibungen von Kunstwerken waren ein beliebter (Gegenstand der 
epigrammatischen Poesie und der epideiktischen Beredsamkeit. Über die 
erstere vergl. Benndorf, De anthologiae graecae epifframmaUs guae ad 
artes spectant. Bonn 1862. Von rhetorischen Beschreibungen sind ausser 
den von Lukianos ('Hpö&OTOC f^ *A€t(uiv, ZcOEic und Mancherlei in andern 
Schriften) besonders die 61köv€C der beiden Philost rate aus dem 3. Jahrh. 
n. Chr. von Wichtigkeit. Mit Unrecht hat Friederichs (Die Philostra- 
tischen Bilder. Erlangen 1860) diese Beschreibungen als Fictionen erklärt. 
S. dagegen Brunn, Die Philostratischen Gemälde gegen Friederichs ver- 
theidigt. Jahrb. f. Phil. 1861. 4. SuppL-Bd. [und gegen Matz, De Philo- 
Stratorum in descr. imag. fide. (Bonn 1868) Brunn in den Jahrb. 1871 nebst 
Matz 's Erwiderung. Philol. 1872.] Unsere Hauptquelle für die Künstlerge- 
schichte sind die letzten 5 Bücher von Plinius, Naturalis historia, welche 
aus vielen verloren gegangenen Schriften compilirt sind. [Die auf die Ge- 
schichte der Plastik und Malerei bezüglichen Stellen der alten Schriftsteller 
sind gesammelt von Overbeck, Die antiken Schriftquellen zur Geschichte 
der bildenden Künste bei den Griechen. Leipzig 1868.] 
!!• Bearbeitungen der kunstarchäologie. 

1. Winckelmann, Geschichte der Kunst des Alterthums. Dresden 
1764- Anmerkungen über die Geschichte der Kunst des Alterthums. Ebenda 
1767. Trotz der Fehler, die bei einem ersten Versuche unvermeidlich 
waren, ein klassisches Werk. [Letzte Ausg. von Jul. Lessing. Berlin 1870.] 
— Heyne, Akademische Vorlesimgen über die Archäologie der Kunst. 
Herausgeg. Braunschweig 1822. Heyne hat das Verdienst die Kunstarchäo- 
logie zuerst in das Universitätsstudium eingeführt zu haben. Die Vorlesungen, 



III. CultuB und Kunst. 2. A. Bildende Kunst. Literatur. 485 

• 
die meist Kunstmytholqgie enthalten, waren natürlich bei ihrer Herausgabe 
längst veraltet. — Miliin, Introduction ä Vetude des manuments antiques. 
Paris 1796. 1826. — Gurlitt; Allgemeine Einleitung in das Studium der 
schönen Kunst des Alterthums. Magdeburg 1799. 4. Mehr äusserlich ge- 
lehrte Betrachtung. — Siebenkees, Handbuch der Archäologie. Nürnberg 
1799. 1800. 2 Bde. — BOttiger, Andeutungen zu 24 Vorlesungen über die 
Archäologie. Abth. 1. (Gesch. der griech. Skulptur). Dresden 1806; Ideen 
zur Archäologie der Malerei. 1. Thl. (Geschichte der Malerei bis Polygnot). 
Dresden 1811. — Beck, Grundriss der Archäologie. Leipzig 1816. (unvoll- 
endet.) Fast bloss Rubriken und sehr viel Literatur, aber Alles äusserlich 
ohne einen einzigen artistischen oder archäologischen Gedanken. — Fr. 
Thiersch, Über die Epochen der bildenden Kunst unter den Griechen. 
München 1816 — 1825. 3 Abhandlungen. 2. Gesammtansgabe 1829 mit vielen 
Zusätzen. — H. Meyer, Geschichte der bildenden Künste bei den Griechen 
und Römern. Dresden 1824—1836. 3 Bde. (Nur die Sculptur.) — Raoul- 
Rochctte, Cours d'archeölogie, Paris 1828. — Steinbüchel^ Abriss der 
Alterthumskunde. Wien 1829. Enthält meist Kunstgeschichte und Mytho- 
logie. — Fr. C. Petersen, Allgem. Einleitung in das Studium der Archäo- 
logie. Aus dem Dänischen von Friedrichsen. Leipzig 1829. — Karl 
Ottfr. Müller, Handbuch der Archäologie der Kunst. Breslau 1830. 
2. Aufl. 1835. 3. Aufl. nach dem Tode des Verf. mit Zusätzen von Wel- 
cker. 1848. Enthält nach einer allgemeinen Einleitung über die Theorie 
der Kunst und die Literatur der Kunstarchäologie im ersten Theil die Ge- 
schichte der bildenden Kunst im Alterthum nach Perioden dargestellt, im 
zweiten Theil eine systematische Behandlung der alten Kunst. Der 2. Theil 
handelt nach einem propädeutischen Abschnitte über die „Geographie der 
alten Kunstdenkmäler ^* im ersten Hauptabschnitte von der Architektonik 
(und anhangsweise von der Tektonik der Geräthe und Gefässe)^ im zweiten 
Hauptabschnitte von der Plastik und Malerei, und zwar werden in beiden 
Abschnitten zuerst die äussere Technik, dann die Formen und endlich bei 
der Architektonik die Arten der Gebäude, bei der Plastik und Malerei die 
Gegenstände der Kunst beschrieben. Eine falsche Stellung nimmt bei dieser 
Disposition die Kunstgeographie ein; diese, welche auch die Museographie 
in sich schliesst, gehört als blosse Nachweisung der Quellen mit demselben 
Rechte wie die Bibliographie der Kunstgeschichte in die allgemeine Ein- 
leitung. Im Übrigen gewährt das Handbuch noch immer die beste Über- 
sicht über das ganze Gebiet der Kunstarchäologie. Eine Ergänzung dazu 
bietet B. Stark, Archäologische Studien zu einer Revision fon Müllers 
Handbuch der Archäologie. Wetzlar 1852. (Abdruck aus der „Zeitschrift 
für die Alterthomswissenschaft.") — Ross, *6TX€tpföiov if[Q dpxaioXotfac 
TUJv T6XVIÜV. Athen 1841. Meist nach Mülle r's Handbuch. — Gerhard, 
Grundriss der Archäologie für Vorlesungen nach Müllers Handbuch. Berlin 
1853. Weicht doch sehr von Müller ab. Die Archäologie wird hier als 
die auf monumentales Wissen begründete Hälfte der allgemeinen Wissen- 
schaft des klassischen Alterthums aufgefasst, als ob die Schriftwerke nicht 
auch Monumente wären und als ob die „monumentale Philologie^* die lite- 
rarischen Monumente entbehren könnte (s. oben S. 64). Wenn der Archäo- 
logie ausser der Kunstgeschichte die Religionsgeschichte zugewiesen wird, 



III. Cultua and Kunst. 2. A. Bildende Kunst. Literatur. 487 

Secretan, Du sentimeiU de la nature dans Vantiquite romaine, Lausanne 
1866. — [Friedländer, Über die Entstehung und Entwickelung des Ge- 
fühls für das Romantische in der Natur. Leipzig 1873. — H. Brunn', Die 
Kunst bei Homer und ihr Verhältniss zu den Anfängen der griechischen 
Kunstgeschichte. München 1868. (Aus den Schriften der Münchener Akad. 
der Wissensch.) — Conze, Zur Geschichte der Anfange der griechischen 
Kunst. Wien 1870—73. (Sitzungsber. der Akademie.) — Planck, Gesetz und 
Ziel der neuem Kunstentwicklung im Vergleich mit der alten. Stuttgart 
1870. — Blümner, Dilettanten, Kunstliebhaber und Kenner im Alterthum. 
Berlin 1873.] 

3. Böttiger^ Ideen zur Kunstmythologie. Dresden 1826. 1836. 2 Bde. — 
Ed. Gerhard, JE'rodromus mythologischer Kunsterklärung. Stuttgart 1828. 
Text zu: Antike Bildwerke. Stuttgart 1827—1844. fol. — Em. Braun, Vor- 
schule der Kunstmythologie. Gotha 1854. 4. — Overbeck, Gallerie heroischer 
Bildwerke der alten Kunst. Braunschweig 1863.; Griechische Kunstmythologie. 
Besonderer Theil: 1. Bd. (Zeus). Leipzig 1872. 2. Bd. (1. Heft Hera, 2. Heft 
Poseidon.) 1873—1875. (Mit Atlas.) — Stark, Niobe und die Niobiden in ihrer 
literarischen, künstlerischen und mythologischen Bedeutung.* Mit 20 Tafeln. 
Leipzig 1863. — [Schlie, Die Darstellungen des troischen Sagenkreises auf 
etruskischen Aschenkisten. Mit Vorwort von Brunn. Stuttgart 1868. — 
Brunn, I relicvi deJle urne eirusche. I ciclo troico, Rom 1870. fol. — Ber- 
nouilli, Aphrodite. Ein Baustein zur griechischen Kunstmythologie. Leipzig 

1873. — Conze, Heroen- und Göttergestalten der griechischen Kunst. Wien 

1874. 1876. fol. — R. Kekulä, Hebe. Leipzig 1867.; über die Entstehung der 
Götterideale der griechischen Kunst. Stuttgai-t 1877. — Körte, Über Personl- 
ficationen psychologischer Affecte in der spätem Vasenmalerei. Berlin 1874.] — 
Jahn, Über Darstellung griechischer Dichter auf Vasenbildem. Leipzig 1861. 
(Aus d. 8. Bd. der K. Sachs. Gesellsch. d. Wissenschaften.) [Vergl. ausserdem 
oben S. 388. 409 die Publicatioi^en von Jahn und Michaelis.] — Schuster, 
Über die erhaltenen Portraits der griechischen Philosophen. Leipzig 1876. — 
Graser, Die Gemmen des königl. Museums zu Berlin mit Darstellungen 
antiker Schiffe. Berlin 1867; [Die ältesten Schiffsdarstellungen auf antiken 
Münzen. Berlin 1870. — v. d. Launitz, Wandtafeln zur Veranschaulichung 
antiken Lebens und antiker Kunst. Cassel 1869 ff.] — S. ausserdem oben 
S. 368 die Werke von Panofka und Weisser. 

Kllnstlergescbicbte. Junius, Catalogus architectorum , pictorum, sta- 
iuariorum. Anhang zu der Schrift: De pictura veterum. Rotterdam 1694. 
fol. — J. Sillig, Catalogus artificum graecorum et romanorum. Dresden 
1827. — Sc hörn, Über die Studien der griechischen Künstler. Heidelberg 
1818. -- H. Brunn, Artificum Uberae Graeciae tempora. Bonn 1843. — 
Clarac, Catalogue des artistes de Vantiquite jusqu'ä la fin du sixihne such 
de notre ere. Paris 1844. — R. Rochette, Lettre ä Mr. Schorn^ suppU- 
ment au catalogue des artistes de rantiquit^. Paris 1846; Questions de Vhi- 
stoire de Vart discutees ä Voccasion d*une inscription grecque gravie sur une 
lame de plomb et trouvee dans Vint^ieur d'une Statute antique de hronce. 
Memoire destine ä suppleer ä la lettre ä Mr. Sehern. Paris 1846. — Brunn, 
Geschichte der griechischen Künstler. Stuttgart 1853—1859. 2 Bde. Erster 
Band: Die Bildhauer; Zweiter Band: Maler, Architekten, Toreuten, Münz- 



492 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterihumslehre. 

Arebaolo^sebe Zeitschriften. Prop3däcn. Tübingen 1798-- 1800. 3 Bde.; 
Kunst und Alterthum. Stattgart 1816 — 1832. 6 Bde. Herausgegeben Ton 
Göthe. — Zeitschrift für Geschichte und Auslegung der alten Kunst. 
Herausgegeben von Welcker. Göttingen 1817. 1818. Bd. I. — Amalthea 
oder Museum der Kunst mythologie und bildlichen Alterthumskunde. Leipzig 
1820-25. 3 Bde.; Archäologie und Kunst Bd. 1 Stck. 1. Breslau 1828. Her- 
ausgeg. von Böttiger. — Archaelogisches Intelligenzblatt der Hallischen 
Literaturzeitung. Herausgeg. von Gerhard. Halle 1834-^1837. — BuUeHno 
arcJieoloffico NeapoUtano, Herausgeg. von Av ellin o. Born 1843— 1848. 6 Bde. 
Nuova Serie von Garucci und Minervini. Neapel 1853—1863. 8 Bde. — 
BuUetino archeologico itcUiano. HerauBg. von Minervini. 1862. 1 Bd. — 
Annali delV instituto di carrispondenza archecHogica; BuUetino di corrispon- 
denza archeologica; MontMuenti inediti, Rom. Seit 1829. — Jahrbücher des 
Vereins von Alterthumsfreunden im Bheinlande. Bonn seit 1842. — Archäo- 
logische Zeitung. Berlin. Herausgeg. von E. Gerhard 1843—1867, von 
Hübner 1868—1872, von E. Curtius u. Schöne 1873—1875, vom archäol. 
Listitut des deutschen Reichs seit 1876. — Bevue archdologiqtte ou recneä 
de documents et de memoires relatifa ä Vitude des monuments d la numis- 
matique et ä la philöhgie de Vantiquite et du moyen dge. Herausgeg. von 
Roug^, Longpärier, de Saulcy, Maury etc. Paris. Gegründet 1844.— 
Campte-Bendu de la commissian imperiale archeologique. Petersburg seit 1859. 
— [Giornale degli scavi di Pompei, Neapel seit 1868. — BtHletino della com- 
missione archeologica municipale. Rom seit 1872. — Monuments grecs publik 
par Vassociation pour Vcficouragement des itudes grecs. Paris seit 1872. — 
Gazette archeologique, Herausgeg. von de Witte und Lenormani Paris 
seit 1875. — Mittheilungen des deutschen archäologischen Instituts in Athen. 
Berlin seit 1875. — Numismatische Zeitschriften s. oben S. 376 f., archäo- 
logische Zeitschriften für die Antiquitäten einzelner Länder und Gegenden 
s. in der zu ßursians Jahresbericht gehörenden Bibliotheca philologtca für 
1873. Viele Mittheilungen aus dem Gebiet der Kunstarchäologie finden sich 
in den oben S. 253 f. angeführten allgemeinen philologischen Journalen.] 

Eine Übersicht der zahlreichen Specialschriften aus dem Gebiet der 
Kunstarchäologie bis 1852 findet man in Müller 's Handbuch nebst den 
Ergänzungen von Stark. Für die spätem Jahre s. Stark im Philologos 
Bd. 14 (1859), 16 (1861) 21 (1866) [und in Bursian's Jahresbericht für 
1873; ferner Bursian in den N. Jahrb. f. Philol. Bd. 73, 77, 87 und 
dessen Jahresbericht, sowie die Jahresberichte von Gerhard u. A. in der 
Archäol. Zeitung.]*) 



*) Zur Geschichte der bildenden Künste: De litterarum et artium 
cognatiane. Rede von 1830. Kl. Sehr. 1, S. 174—184. — Über den Par- 
thenon Corp. Inscr. 1, S. 176 ff. und Staatshaushalt, der Ath. Buch 111, 
Kap. 20. Beilagen X, XII— XIV. — Über das Erechtheion Corp. Inscr. I, 
Nr. 160. — Über den Panathenäischen Peplos der Atbcna in Graecae tr<i- 
goediae princip. Cap. 15. — De vasis Etrttscis falso Panatfienaicis. Lektions- 
kat. 1831/32. Kl. Sehr. IV, S. 350—361. 



III. Cnltns and Kunst. 2. B. Bewegangakünste. a. Gymnastik. 493 

B. Künste der Beweg^uig. 

a. Gymnastik. 

§ 75. Die Anfänge der Gymnastik sind einerseits die spie- 
lenden Leibesbewegungen^ in denen sich der natürliche Thätigkeits- 
trieb äussert, andererseits die bei den arischen Völkern uralten 
Leibesübungen im Dienste der Praxis, besonders für den Kriegs- 
dienst. Die griechische Gymnastik hat stets einen praktischen 
Charakter behalten; sie war hauptsächlich pädagogisch und diä- 
tetisch (s. oben S. 402 f.). Zur Kunst wurde sie dadurch, dass 
in den gymnischen Festspielen die Darstellung der schon gere- 
gelten Leibeskräfte zum höchsten Zweck wurde. Die Agonistik 
stellte die an sich dem Bedürfniss dienenden Bewegungen so zur 
Schau, dass sich darin die völlige Beherrschung^ des Leibes und 
die Bedeutung der in ihm wirkenden natürlichen Kräfte aussprach, 
wie sich in der Baukunst die Bedeutung der Structur ausspricht. 
Das Wesen der Kunst ist also auch hier die symbolische An- 
schauung, die ebenfalls erst durch die religiöse Weihe ganz ins 
Ideale erhoben wurde. Der Siegeskranz und der Palmzweig be- 
zeichnete symbolisch die Blüthe der sich im Wettkampf beeifern- 
den Kräfte als geweihtes Eigenthum der Gottheit, so dass auch 
hier das Schöne als das Göttliche anerkannt wurde.*) Indem 
nun die Palüstra und das Gymnasium als Übungsstätten für die 
Agonen galten, wurde auch die pädagogische, ja selbst die mili- 
tärische Gymnastik zur Kunst veredelt. 

2. Die gymnischfen Spiele bestanden in Lauf (bpö^o^), Sprung 
(äXfia), Faustkampf (ttuymii), Ringen (iraXTi), Speerwerfen (ÄKÖvriov), 
Diskuswerfen (bicTKoßoXia). Hierzu trat die militärische Gymnastik 
(ÖTTXojLiaxia, und als Abart derselben der Kampf mit hölzernen 
Waffen aKia^oxict). Auch militärische Manöver zur See (vou^oxioi) 
wurden zur Verherrlichung der Feste aufgeführt. Der Lauf ist 
die älteste und angesehenste Form der Festspiele, weshalb auch 
die Olympiaden nach dem Sieger im Wettrennen benannt wur- 
den.**) Die einfachste Art des Rennens war das cTTobiov, wobei 
die Rennbahn nur einmal von Anfang bis zu Ende durchlaufen 
wurde; der biauXo^ hatte die doppelte Rennweite, indem man 



*) Ober die Palme als Siegeszeichen s. Fragmenta Pindari S. 57S 
Über Preise überhaupt Staatsb. d. Ath. I, S. 800. 

**) Vergl. Explicationes Phulari S. 202. Staatsh. d. Ath. I, S. 612A. 



494 Zweiter Hanpttheil. 2. Abschnitt. Besondere Alterthnmslehre. 

am Ende der Bahn umwandte und zum Anfang zurQckkehrie. 
Noch grosser war die Weite beim böXixoq (Dauerlauf); das Maass 
desselben wird verschieden angegeben, wahrscheinlich weil in 
den Angaben abgesehen von falschen Lesarten der böXixo^ mit 
dem böXixo^ ittttio^, der ebenfalls ein Fussrennen war, ver- 
mengt wird. Für jenen scheint die Weite 7, für diesen 24 Sta- 
dien betragen zu haben.*) Die Pferderennen, besonders an den 
grossen Nationalspielen, bedingten einen sehr bedeutenden Auf- 
wand, so dass sich an denselben nur Fürsten und die reichsten 
Bürger betheiligten.**) Ausser dem Wettreiten (k^Xtiti) fanden 
Wagenrennen mit dem Zweigespann (cruvuupibi) oder dem Vier- 
gespann (iTTTTOi^ oder Spfiaxi) Statt. In der Zeit von Ol. 70—84 
wurden statt der Pferde auch Zweigespanne von Maulthieren zu- 
gelassen (dirrivri oder 6xt^^aTl).***) Übrigens waren die Rennen 
im Hippodrom wagehalsig und gefahrlich. f) Eine besondere 
Art des Laufes war der Fackellauf (Xa^irabribpo^ia), der beson- 
ders an den Festen der Licht- und Feuergottheiten des Nachts 
gehalten wurde; es kam bei demselben darauf an im schnellsten 
Rennen die Wachsfackel nicht ausgehen zu lassen. Gewöhnlich 
fand dieses Rennen zu Fuss Statt; in Athen wurde es in So- 
krates' Zeiten zum ersten Male zu Pferde gehalten.ft) Eine 
sehr alte Art des bpö^oc war der bpö^oc öttXittic, der gewohn- 
lich ein biauXoc war;ttt) in die Olympischen und Pythischen 
Spiele wurde er indess erst um die Zeit der Perserkriege aufge- 
nommen, als man auf die militärischen Leibesübungen besondern 
Werth legte. Ausser diesem Lauf, welcher nur von Männern 
ausgeführt wurde, zerfielen die eigentlichen gymnischen Spiele 
in Abtheilungen nach den Altersklassen. Man unterschied eine 
Abtheilung für Männer (dvbpaci) und für Knaben (Ttaiciv); hierzu 
kam häufig eine mittlere Abtheilung (dY€V€ioic); auch wurden 
die Knaben noch in mehrere Altersklassen geschieden, die bei 
einigen Übungen wieder zusammenwirkten (bid ttövtujv.*!) Auch 

*) Über den bp6^0(; \'TTn!0<; und l(pitimo<^ als Fuasrenneu vergl. KI. 
Sehr. VI, S. 393 f Carp. Inscr. nr. 1515. 
**) S. Fragm. Pindari S. 558. 
***) Vergl. Explicattones Pindari S. 141. ScJwlia Pindari S. 118. 
t) Vergl. Explicat. Pifidari S. 155. 
tt) Staatßh. d. Ath. I. S. G12 ff. 
ttt) S. Explicattones Pindari S. 342. 
*t) Vergl. a I. 1, nr. 232. 



III. CnltuB und Kunst. 2. B. Bewegungskünste. a. Gymnastik. 495 

beim Wagenrennen unterschied man einen Agon mit ausgewach- 
senen Thieren (cuviupibi oder äp^aii tcXciujv) und mit Füllen 
(cuvuupibi oder äp^oTi TTUüXmv). 

Die einzelnen Formen der Spiele wurden z. Th. mit einander 
yerbunden; dies geschah im Pankration und Pentathlon. Das 
Pankration ist eine kunstvolle Verbindung des Ring- und Faust- 
kampfes, also der beiden Formen, wo der Wettstreit als directer 
Kampf erscheint (vergl. oben S. 229 f.). Beim gewöhnlichen 
Faustkampf bedienten sich die Kämpfer des Castus (^up^l^E). 
Dieser bestand bei den Übungen der Palästra aus weichen Rie- 
men (^eiXixcti), die um Hand und Vorderarm gewickelt wurden, 
beim eigentlichen Agon aber aus scharfen Riemen (i^dvTec öHeTc). 
Diese hatten Kugeln (cq)aTpai) mit einer Ligatur überzogen (im-^ 
cq)aipov), wodurch sie fester in der Hand sassen und der Schlag 
gemildert wurde. Man schützte die Ohren durch eherne gefüt- 
terte Klappen ((i^q)uüTib€c); doch werden eifrige Faustkämpfer xd 
Ato KttTcaYÖTcc genannt (s. Piaton Gorgias 515E, Protag. 342B) 
und dies wird auch an Bildsäulen, z. B. des Herakles und Pollux 
dargestellt; in den heiligen Spielen trug man schwerlich Ohren- 
klappen. Beim Pankration wurde der Faustkampf ohne Castus 
geführt, weil man mit diesem nicht hätte ringen können. Aus- 
geschlossen war der Faustkampf beim Pentathlon, welches aus 
einer systematischen Aufeinanderfolge der übrigen gymnischen 
Übungen bestand, so dass aus dem Gesammtagon Einer als 
Sieger hervorging. Simonides hat in einem Epigramm die 
Theile des Pentathlon zusammengestellt: 

"kejLiia Ktti rru0oi Aioq)tüV 6 OiXuuvoc dviKO 
äXfia, 7TobuuK€ir|V, bicKOV, fiKOvra, ttoXtiv. 

In andern Überlieferungen ist die Reihenfolge eine andere; doch 
begann der Agon sicher stets mit dem Sprung und endete mit 
dem Ringkampf.*) Der Sprung mit Hanteln (dXxfipec), das Diskos- 
und Speerwerfen kamen bei den heiligen Spielen nur als Theile 
des Pentathlon vor. Für dasselbe wurde als erste Bedingung 
eine grosse Leistung im Weitsprung verlangt; der Krotoniat 
Phayllos sprang 55 Fuss weit (Vergl. Dissen in den Expli- 
cationes Pindari S. 397). 

*) Vergl. Notae critic. ad Pindar. S. 542. Explicationes Pindari S. 434. 
Kl. Sehr. V, 388 ff. 



III. CnltoB nnd Eonfii 2. B. BewegniigakfiUBte. b. On^ostik. 497 

mit grosser Mühe in acht griechischen Städten die Spiele des 
Amphitheaters einzubürgerr. Ein Amphitheater selbst hat in 
Hellas nur das romische Corinth gebant; aber als die rohe Menge 
Geschmack an den grausamen Belustigungen fand, wurden selbst 
zu Athen im Theater die Kämpfe der jiiovo^dxoi und im Stadion 
Thierhetzen aufgeführt. 

b. Orcbestik. 

§ 76. 1. Der Form nach ist die Orchestik eine verfeinerte 
Gymnastik, wobei die Gewandtheit der Bewegungen den Gesetzen 
des Rhythmos unterworfen ist. Die Elemente der Körperbewe- 
gung (cimeia, q)opai), wie das Aufheben und Niedersetzen der 
Füsse, verknüpfen sich zu Figuren (cxr)^aTa); diese sind das Ma- 
terial des Rhythmos (tö ^u6^i2[ö^€Vov): der Rhythmos selbst ist 
das schöne Yerhältniss der Zeittheile, welche durch die CTUbieia 
gebildet werden und entsteht dadurch, dass in den Zeitmaassen 
der Arsis und Thesis die Einheit des Mannigfaltigen nicht logisch 
erkennbar, sondern anschaulich auffassbar in die Erscheinung 
tritt.*) Die Tanzfiguren als Complexe der einfachen Bewegungen 
erzeugen aber zugleich Körperstellungen gleichsam als räumliche 
Erscheinungsformen des Rhythmos; diese treten in den Momenten 
der Ruhe, durch welche sich die Tanzfiguren gliedern, plastisch 
hervor. Die Griechen haben auch die Schönheit der Form in 
der Plastik selbst als Eurythmie bezeichnet, da die Plastik den 
Körper oder Gruppen von Körpern in solchen Stellungen wieder- 
zugeben hat, wie sie durch die Eurythmie der Bewegungen er- 
zeugt werden.**) Diese erscheint in einer grossen Mannigfaltig- 
keit von rhythmischen Formen, die sich indess aus den einfachsten 
Elementen mit wissenschaftlicher Strenge entwickeln lassen. Bei 
den Griechen war die Orchestik in der That nicht bloss prak- 
tisch, sondern auch theoretisch bis ins Feinste ausgebildet. 

2. Eurythmie der Körperbewegungen muss auch bei der 
Gymnastik herrschen, deren Übungen bereits im Alterthum z. Th. 
vollkommen taktmässig, häufig mit Musikbegleitung ausgeführt 
wurden. Die Orchestik unterscheidet sich aber von der Gymna- 
stik durch das mimische Element. Die Tanzfiguren drücken 
Gemüthsstimmungen und Afiecte (jjOii Kttl TrdOr)) aus; bei der 



*) S. De meiris Pindari. S. 6. 9. 12. 15. 
**) Ebenda S 6. 

Böckb'B fincyklopädie d. philolog. Wisseuaokaft. 32 



498 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere AlterUmmfllehre. 

ausgebildeten Orchestik werden ausserdem durch Gesticulation 
(X€ipovo^ia, beiEic) die Gegenstände bezeichnet^ auf die sich jene 
innem Vorgänge beziehen und es entsteht so die mimische Dar- 
stellung einer Handlung. Diese Darstellung war in der Orchestik 
der Griechen sicher ebenso vollkommen wie die Gebilde ihrer 
Plastik; denn das plastische Kunstwerk hält einen Moment eines 
Lebens Vorganges fest, welchen die Orchestik in seinem Verlauf 
vorführt. Die griechische Plastik hat auch häufig orchestische 
Aufführungen zu Mustern gehabt. 

3. Der Tanz hat seinen Ursprung in den rhythmischen Be- 
wegungen, in denen sich das gehobene Lebensgefühl von Natur 
zu äussern strebt. Aber da er sich hierbei schon in der Urzeit 
des Menschengeschlechts mit dem Gesang verband, trat er mit 
diesem als körperlicher Ausdruck des Enthusiasmus in den Dienst 
des Cultus. Bei den Griechen bildete sich der kjmstmässige Tanz 
durchweg als öffentliche Schaustellung bei religiösen Festen aus, 
und es war für Niemand schimpflich dabei au&utreten, sogar 
nackt, wenn es der Cultus erforderte. Die Mannigfaltigkeit der 
Culte brachte zunächst eine Menge mannigfaltiger Gattungen 
hervor: jede Gottheit hatte fast ihren eigenen Tanz. Ferner 
differenzierten sich die Formen durch die Trennung der Ge- 
schlechter und Alter, indem die Tänze von Knaben, von Jungfrauen 
oder von Männern aufgeführt wurden. Nur selten, wie beim 
delischen Y^P^tvoc und bei den öp^oi tanzten Knaben und Mädchen 
in einem Chor; sonst fand eine Verbindung der Geschlechter 
meist nur in der Form von Wechselchören Statt (vergl. Horaz, 
Carmen saec, 6 und 34.); ähnlich war das Verhältniss beim drama- 
tischen Tanz, wo doch Frauenchöre durch maskirte Männer dar- 
gestellt wurden.*) Vermöge der Verbindung des Tanzes mit der 
Dichtung musste sich der Charakter der Orchestik nach den 
Diclitungsarten richten. Nach den Stil unterschieden der lyrischen 
und dramatischen Poesie gab es dem gemäss sechs Uauptgattungen 
des Tanzes: 

a) lyrisch: t^^voTraibiKri, TTuppixTi, U7TopxTlM«TiKri ; 
h) dramatisch: dmn^Xem, cikivvic, KÖpbag. 

Die d^fi^Xeia, der tragische Tanz, und die entsprechende 
TUjLivoTTaibiKri waren langsam, ernst und feierlich, der KopbaH, der 
Tanz der Komödie, sowie die UTTopxriMCtTiKrj leicht, schnell und 



i 



*) Vergl. Graec. trag, princip. S. 69 ff. 



m. Culias and Kaust. 2. B. Bewegangskünsie. b. Orchestik. 499 

• 

heiter, die satyrische ciKivvic und die rasche TTUppixil hielten die 
Mitte zwischen den ]Eixtremen des Ernstes und der Heiterkeit. 
Die angegebenen Hauptgattungen sonderten sich natürlich in eine 
Menge Unterarten. Der Gattungsstil bildete sich aber beim Tanz 
aus dem Nationalstil hervor; denn die Orchestik geht von Na- 
tionaltänzen aus. Die hyporchematische Weise, bei welcher neben 
dem Chortanz noch Einzelne eine meist komische Scene mimisch 
darstellten, war ohne Zweifel wie der Kordax ionisch. Die Gymno- 
pädie ist dorisch und wurde mit Vorliebe in Sparta aufgeführt 
Ebenso ist die Pyrrhiche dorisch, ursprünglich kretisch. Sie wurde 
z. Th. mit Waflfen getanzt; denn die Dorer sahen in der Orchestik 
eine spielende Vorbereitung zum Kriege wegen der Gelenkigkeit, 
die sie dem Körper giebt. (Vergl. Athenaeos XIV, S. 630ff.). Doch 
verschmähten selbst die Spartaner keineswegs die innerhalb der 
dorischen Einfachheit bleibende derb - komische Orchestik, wie sie 
von den Deikelisten ausgeübt wurde (Athenaeos XIV, S. 621). 
Daher war der hyporchematische Tanz auch in Kreta und Sparta 
beliebt und die kretische Form desselben wurde die allgemein 
herrschende.*) Überhaupt fanden natürlich die verschiedenen 
Nationaltanze frühzeitig eine weitere Verbreitung, insofern dies 
die Verschiedenheit der Stammcharaktere gestattete. Die meisten 
ionischen Tänze und ebenso die äolischen mussten wegen ihrer 
Weichlichkeit und Frechheit den Dorern zuwider sein; ein Kordax 
wäre in Sparta auf keinen Fall geduldet worden. In Athen 
wurden die dorischen und ionischen Tanzweisen durch das Drama 
vervollkommnet: man unterschied besondere *Attiko cxriMaxa. In 
der makedonischen Zeit wurde die Orchestik von gewerbsmässigen 
Ballettänzern zur Virtuosität ausgebildet.**) 

Die Römer hatten seit den frühesten Zeiten religiöse Tänze 
mit Flötenbegleitung, wie die tripudia SaHorum; doch blieben 
dieselben roh und kunstlos. Mit dem griechischen Ritus wurden 
griechische Tänze eingeführt, und besonders gepflegt wurde die 
entartete griechische Orchestik auf der römischen Bühne. Zu 
Cieero's Zeit galt der Tanz noch für eine von freien Bürgern 
nicht zu erlernende Kunst; indess wurden mit der steigenden 
Sittenverderbniss gerade die verrufensten griechischen Tänze auch 
als Privatbelustigungen beliebt. So klagt Horaz: Motus doceri 



*) De metris Pindari 201. Fragmenta Pindari S. 696. 
**) Vergl. De metris Pindari S. 269 ff. 

32* 



III. Caltus und Kunst. 2. B. Bewegungskünste, c. Musik. 501 

durch Musikgesetze und eine Art Musikpolizei beschränkten. Am 
meisten tritt dies bei den Spartanern* hervor, die trotz ihres vor- 
wiegend kriegerischen Sinnes durchaus nicht unmusikalisch waren. 
Es bestand in Sparta eine eigene Musikconstitution, die zuerst 
von Terpander aus Lesbos*) (645 v. Chr.) begründet und bald 
darauf von Thaletas aus Kreta u. A. vervollkommnet war. 
Pia ton, der in seiner Ansicht über die Musik sich den Pytha- 
goreern anschliesst, befürwortet den dorischen Musikbann. Über- 
haupt aber hatten die Alten, besonders die Philosophen, rigo- 
ristische Grundsätze in Bezug auf die Musik, weil diese als 
Hauptmittel der gesammten musischen Bildung von hoher politi- 
scher Bedeutung war (s. oben S. 402 ff.). Man mass ihr den grössten 
Einfluss auf die Sitten bei und unterwarf sie deshalb einer öffent- 
lichen Disciplin; sie sollte die Gemüther sänftigen und zugleich 
stärken 5 daher sollten alle aufregenden, lüsternen und verweich- 
lichenden Melodien von der Jugendbildung ausgeschlossen werden. 
Der Staat wandte der Musik dieselbe Aufmerksamkeit zu, wie in 
der Neuzeit der Presse. Als man darin nachliess, verfiel mit der 
musikalischen Jugendbildung auch die Kunst selbst. Die grössten 
Neuerungen in der Musik kamen zu Athen im Zeitalter des 
Sokrates und Piaton auf. Es ist kaum zu bezweifeln, dass 
sich damals die Kunst in der musikalischen Tiefe und Freiheit 
des Dithyrambos dem Charakter der modernen Musik näherte; 
die Productionen der hochberühmten Meister dieser Zeit, nament- 
lich des T im theo 8**) aus Milet müssen reizend und genial 
gewesen sein. Aber die Kenner sahen darin einen Verfall der 
Kunst. Nach Aristophanes, der gegen die neue Richtung 
heftig eiferte, haben die Begründer derselben oi kukXiuuv xopiwv 
acjuaTOKdjLiTTTöi (Wolkeu 332) die alte Einfachheit verschnörkelt. 
Dazu kam, dass diese Musik durch schlüpfrige Melodien und 
üppige Darstellungen um die Gunst der Menge buhlte und so in 
der That schnell entartete. Charakteristisch ist, dass die Spar- 
taner die Neuerungen des Timotheos nicht zuliessen, wenn 
auch das Decret der Ephoren gegen denselben, welches sich bei 
Boethius de musica findet, untergeschoben ist.***) 

Von geringer 'Bedeutung war die Musik für das Culturleben 



*) Corp. Imcr, II, 316. 
**) Corp. Inscr. II, S. 343. 
***) De metrü Pindari S. 273. 280. 



502 Zweiter Haapttheil. 2. Abscbn. Besondere Alterthomslelire. 

der Römer. Die alte römische Musik^ wie sie von der Hand- 
werkszunft der tibicines geQbt wurde, kann man kaum als Kunst 
ansehen. Aber auch als sich die römische Dichtung nach dem 
Muster der griechischen bildete, nahm die zugleich eingeführte 
griechische Musik keinen national - römischen Charakter an. Es 
fehlte dem Volke die Gesangeslust; die lyrische Dichtung hatte 
erst eine künstliche Nachblüthe nach der dramatischen. Die 
Musik blieb in den Händen griechischer Componisten und wurde 
von griechischen Musikern ausgeführt; die Vornehmen hielten 
Chöre und Kapellen von griechischen Musiksklaven (s. oben S. 291). 
Aber die Kunst wurde durch den rohen Geschmack der Romer 
herabgedrückt, und als sie in der Kaiserzeit zum Gegenstand der 
Jugendbildung wurde, war Bie besonders durch den Einfluss des 
Theaters bereits völlig entsittlicht (s. oben S. 406). 

2. Bei der Musik tritt der ethische Charakter der Kunst in 
vorzüglichem Grade hervor, weil sie nur die Darstellung innerer 
Geroüthsbewegungen zum Gegenstand hat und vermittelst dieser 
Darstellung entsprechende Gefühle hervorruft*) Die Alten unter- 
schieden die Musik nach ihrem ethischen Charakter in drei Haupt- 
gattungen: die diastaltische, systaltische und hesjchiastische Musik. 
Die diastaltische drückt das kräftig angespannte und gehobene, 
die systaltische das niedergedrückt^ und erschlaffte , die hesychi- 
astische das in ruhigem Gleichgewicht befindliche Gefühl aus: 
die erste erhebt, die zweite erweicht und rührt, die dritte sanftigt 
das Gemüth.**) Eine plastische Klarheit des Ausdrucks gewann 
die alte Musik durch den engen Anschluss an das dichterische 
Wort. Sie versuclite sich indess auch bereits in einer Art Ton- 
malerei, besonders seitdem die Instrumentalmusik selbständiger 
wurde. So stellte der von Timosthenes, einem Nauarchen des 
Königs Ptolemäos II. componirte Nöjlioc ttuGiköc in fünf Sätzen 
durch blosse Instrumentalmusik den Kampf Apollon's mit dem 
Drachen dar.***) 

3. Die Musik hat die einfachsten Zeitverhältnisse zum Dar- 
stellungsmittel wie die Baukunst, die „gefrorene Musik '*f) die 
einfachsten Raumverhältnisse, und ist wegen der mathematischen 
Begelmässigkeit ihrer Form zuerst von allen Künsten theoretisch 



*) De mctris Findari S. 6. 
**) Ebenda S. 260 ff. 
***) Ebenda S. 182. 
t) Vergl. Fragen. Findari S. 596. 



III. Ciütus und Kunst. 2. B. BewegungeküuBte. c. Musik. 503 

begründet worden.*) Die von Pythagoras ausgehende rein 
mathematische Theorie wurde in der Pythagoreischen und Plato- 
nischen Philosophenschule, eine mehr empirische in den Musik- 
schulen ausgebildet Aristoxenos, der Schüler des Aristoteles, 
stellte zuerst ein jene beiden Richtungen vermittelndes System auf, 
welches von spätem Theoretikern fortentwickelt und von dem Astro- 
nomen Ptolemäos total umgesaltet wurde.**) Die erste Erfindung 
der Notenschrift wird dem Terpander zugeschrieben 5 vervoll- 
kommnet wurde sie wahrscheinlich durch Pythagoras und 
Dämon. In dem uns erhaltenen, vollständig ausgebildeten Sy- 
stem sind die Noten für den Gesang und für die Instrumental- 
musik verschieden; es ist etwas complicirter als unsere Bezeich- 
nungsweise, konnte aber sehr wohl von Knaben in einigen 
Monaten gelernt werden.***) Die alten Theoretiker unterscheiden 
drei Theile der Musik im engem Sinn: die Organik, Harmonik 
und Rhythmik. Die Organik handelt von den Werkzeugen, durch 
welche der Ton hervorgebracht wird; die Harmonik betrachtet 
die Tonverhältnisse der intensiven Grösse nach, d. h. nach der Höhe 
und Tiefe; die Rhythmik bestimmt die Verhältnisse der Töne 
nach ihrer extensiven Grösse, d. h. nach der Länge und Kürze 
ihrer Zeitdauer. Nach allen diesen wesentlichen Momenten ver- 
mögen wir die charakteristische Eigenthümlichkeit der alten Musik 
im Vergleich mit der modernen nachzuweisen. 

Die Alten hatten viele Arten von Blasinstrumenten (auXoi) 
und eine zahllose Menge mannigfaltiger Saiteninstrumente, deren 
Hauptformen die Ki0dpa (in der älteren Sprache (pöpm^H,!) die 
Xupa und das harfenartige TpiYUiVOV sind. Die Kithara und Lyra 
hatte anfänglich nur 4 Saiten (Teipdxopbov) , später 7 (^TTTOXop- 
bov), endlich 8 (ÖKTdxopbov). Es gab indess daneben mehrsaitige 
Instrumente (TToXuxopba), besonders TpiYUiva. Das Epigonion hatte 
40 Saiten, die Magadis des Anakreon20. Die Saiteninstrumente 
wurden ursprünglich mit der blossen Hand gespielt; das Plektron 
soll zuerst Sappho angewandt haben; Streichinstrumente kannte 
man im Alterthum nicht. Die gewöhnlichste Form der Blas- 
instrumente war die Langflöte oder Klarinette (auXöc im engern 
Sinn); in der Regel spielte ein Musiker zwei solcher Instrumente 

*) Vergl. De metris Pindari S. 2. 
♦*) S. Kl. Sehr. III, S. 138, 143 f. 
***) De metris Pindari S. 246. 
t) Ebenda S. 260. 



III. ColtuB and Kunst. 2. B. Bewegoogskfinste. c. Masik. 505 

fein ausgeprägt und die Instrumente denselben angepasst. Den 
Saiteninstrumenten schrieb man eine beruhigende, den Blasinstru- 
menten eine aufregende Wirkung zu und durch die mannigfachen 
Arten der Instrumente wurde diese Wirkung auf das Mannig- 
fachste modificirt. Wie die Ausübung der antiken Musik war, 
können wir nur vermuthen. Die Alten waren in allem Tech- 
nischen ausgezeichnet; und dass dies auch für die Musik gilt, 
lässt sich aus der Genauigkeit ihrel* Theorie schliessen. Sicher 
hatten sie bei der grossem VoUkommenheit ihrer physischen 
Natur auch bessere Stimmen als wir, und wir wissen, dass sie 
diese sorgfaltig cultivirten. Die ungeheure Grösse ihrer Theater, 
die nicht einmal geschlossen waren, setzt eine gewaltige Kraft 
des Organs voraus. Die Instrumentalmusik wurde nach den An- 
deutungen, die wir darüber haben, gewiss sehr exact und gut 
ausgeführt; man verstand mit kleinen Mitteln Grosses zu leisten; 
Virtuosität war häufiger als in der neuern Zeit. 

Die Harmonik der Alten zeigt wieder eine grosse Mannig- 
faltigkeit der einzelnen Formen. Sie hatten zunächst mehr Oc- 
tavengattungen (dpjLxoviai) im Gebrauch als die neuere Musik, 
nämlich sieben, d. h. soviel überhaupt möglich sind.*) Diese 
Octavengattungen begründen zugleich die gleichnamigen Haupt- 
tonarten. Die Tonarten (tövoi, xpÖTTOi) gehen ursprünglich von 
Nationalmelodien aus und in ihnen hat daher besonders der 
Charakter der griechischen Stämme einen Ausdruck gefunden: 
sie sind höher und tiefer je nach der Organisation der Stämme, 
denen sie ihren Ursprung verdanken. Der ernste tieftönige Dorer 
hat die tiefe dorische Tonart erfunden; die weiche lydische liegt 
höher, die phrygische in der Mitte. Von diesen drei ältesten 
Tonarten galt die dorische als die acht hellenische und wegen 
ihrer Ruhe und männlichen Kraft als die beste. Nach Terpander 
traten noch zwei national - griechische hinzu: die äolische und 
iastische;**) die erstere nennt Herakleides Pontikos (bei Athe- 
naeos XIV, 624) hochfahrend und aufgedunsen; sie war zu- 
gleich voll Gefühl und Leidenschaft; die iastische wird von allen 
Alten als weichlich und weibisch bezeichnet Sie stand der ly- 
dischen am nächsten, die aber kindlich und milde war; die phry- 
gische stimmte zur Andacht und zur Ekstase. Der ethische 



*) Be nietris Findari S. 212 flf. Kl. Sehr. III, S. 157. 
**) Be metris Findari S. 235. 



506 Zweiter HaupttheiL 2. Abschn. Besondere Altoi-thumslehre. 

Charakter der Töne hängt von der Tension und dem Interyallen- 
verhältniss ab; in den Tonarten ist ausser der Tension auch die 
melodische Grundlage der Intervalle verschieden.*) Da diese 
im dorischen und lydischen Tetrachord verkehrt gegen die Ten- 
sion lagen, so ist dadurch der Widerspruch der Tension und 
Intervallentheilung ins ganze hellenische System gekommen und 
durch die Theoretiker, welche nachhalfen, völlig ausgebildet worden. 
Nur der Anfang war Natur, die Praxis bildete fort; die Theoretiker 
änderten des Systems wegen und setzten neue Formen zu. Die mi- 
xolydische und hypolydische Tonart sind so zur Vervollständigung 
des Systems erfunden, die erstere von Sappho, die andere von 
Dämon. Ebenso entstand die Verschiedenheit der Skalen der- 
selben Tonart. Man fügte zu den 7 Haupttonarten noch 8 neue 
hinzu, die an keine Octavengattungen gebunden waren und ge- 
brauchte diese 15 tövoi als Transpositionsskalen in allen Octaven- 
gattungen.**) Die 7 Octavengattungen der alten Musik erhielten 
sich das Mittelalter hindurch mit vertauschten Namen in den sog. 
Kirchentönen.***) Die neuere Musik beschränkt sich auf Dur 
und Moll, wovon jenes der lydischen, dieses der dorischen und 
äolischen Tonart entspricht. Die einzelnen Tonarten liessen in 
sich wieder die Unterschiede des diastaltischen, systaltischen und 
hesychiastischen Ausdrucks zu, wenn sich auch die eine mehr 
für diesen, die andere mehr für jenen Ausdruck eignete. f) Da 
die Musik frühzeitig mit künstlerischer Reflexion geübt wurde, 
so wandte man natürlich die Anfangs national geschiedenen Me- 
lodien mit freier Auswahl je nach Inhalt und Zweck des Musik- 
stückes an. So benutzte die ionische Lyrik ausser der ionischen 
vorzugsweise die lydische Tonart, die äolische Dichtung neben 
der äolischen die phrygische, lydische und mixolydische ; die 
dorische Poesie wandte die lydische und äolische Tonart an 
und in dem attischen Dithyrambos kam die phrygische zur 
vollen Ausbildung. Aber bei dieser freien Wahl machte sich 
doch wieder der Stammcharakter geltend. Bei Pin dar lässt 
sich z. B. nachweisen, welche Epinikien der dorischen, ly- 
dischen und äolischen Tonart angehören, aber ebenso bestimmt 
erkennt man, wie hier das Lydische und Aolische durch den 



*) De metris Pindari S. 238 ff. 

**) Kl. Sehr. III, S. 157 ff. De metrü Pindari 213 ff. 221. 
***) Ebenda S. 242 ff. 
t) Ebenda S. 251. 



III. Cultns und KuDßt. 2. ß. Bewegungakfinsie. c. Musik. 507 

Dorismus verändert war.*) Die Tonarten konnten auch inner- 
halb desselben Tonstücks wechseln , wie wenn z. B. in einem 
Chorgesange Strophe und Antistrophe in derselben, die Epodos 
dagegen in einer davon verschiedenen Tonart gesetzt war. Am 
stärksten war dieser Wechsel im Dithyrambos.**) Die Mannig- 
faltigkeit der Formen wurde dadurch vermehrt^ dass die Alten 
alle drei Elanggeschlechter: das diatonische^ chromatische und 
enharmonische anwandten und in ihren Gattungen und Schattie- 
rungen (xpöai) ausbildeten.***) Dass von diesen Geschlechtem 
das enharmonische — wie Aristoxenos behauptet — ursprünglich 
das herrschende gewesen, ist nicht gedenkbar ohne anzunehmen, 
dass es Anfangs viel einfacher gewesen ist. In der späteren sehr 
künstlichen Gestalt war es wegen seines anregenden und sänf- 
tigenden Charakters vor Aristoxenos bei Vielen sehr beliebt; 
Aristoxenos selbst erklärt es für das schönste der drei Ge- 
schlechter, bemerkt aber, dass es zu seiner Zeit bereits ganz 
ausser Gebrauch gekommen war. Das diatonische Geschlecht^ 
das von grosser Kraft und Ruhe ist, hat sich von den ältesten 
Zeiten bis zur Gegenv^art erhalten. Daneben wandten die Alten 
schon frühzeitig das chromatische Geschlecht an, welches weich- 
lich und ohne Nerven war und mit unserer Chromatik nicht 
identisch isif) In der Mannigfaltigkeit der Tonformen tritt 
nun die Einfachheit besonders dadurch hervor, däss man nur 
wenige Intervalle als wahre Consonanzen gelten liess, nämlich 
die Octave (biet Tracuiv), die Quinte (bid tt^vtc) und die Quarte (bia 
T€ccdpujv), andere nur unter bestimmten Restrictionen.ft) Was 
wir Harmonie nennen, war den Alten wenig bekannt, obgleich 
die Grundlagen davon in ihrer cu^q)UJVio liegen. In unserer poly- 
I)honen Harmonie besteht hauptsächlich der romantische Charakter 
der modernen Musik; im Alterthum herrschte die einfache Me- 
lodie vor.ftf) Diese war reich und fein ausgearbeitet; es wurden 
darin z. B. vielfach Vierteltöne angewandt^ die man im 5. Jahrh. 
n. Chr. bereits nicht mehr aufzufassen vermochte. 

Der plastische Charakter der alten Musik beruht aber vor 

*) De metris PindaH S. 276 flf. 
**) Ebenda S. 261. 

***) Ebenda S. 207 flf. KI. Sehr. III, S. 149 ff. 
t) Be metris Pindari S. 260 f. 
tt) Ebenda S. 204 ff. KI. Sehr. III, S. 141 ff. 
ttt) De metris Pindan S. 262 ff. 



508 Zweiter Haupttheil. 2. Abschn. Besondere Alterthamslehre. 

Allem auf der Herrschaft eines einfachen und kräftigen Rhythmos. 
Der musikalische Rhythmos unterscheidet sich vom orchestischen 
nur durch den Stoff^ an dem er erscheint. Den einfachen Be- 
wegungen und deren Figuren, welche in der Orchestik das 
ßu6)Lii£ö^€vov bilden, entsprechen in der Musik die einfachen Töne 
(qpOÖTToO lißd deren Intervalle (biacTrjjLiaTö) und die Complexe von 
Intervallen (cucrrjiLiaTa).*) Der Fuss als Einheit der Hebung und 
Senkung ist eine orchestische Form, deren Bezeichnung dann auf 
die analogen musikalischen Taktverhältnisse übertragen ist; denn 
in der alten Rhythmik bezeichnet Arsis den schlechten, Thesis 
den guten Takttheil, was von dem sich im Takt bewegenden Fuss 
hergenommen ist, und erst die späteren Grammatiker haben den 
Sprachgebrauch umgekehrt, indem sie unter Arsis die Hebung, 
unter Thesis die Senkung der Stimme begriffen: diese miss- 
verständliche Ausdrucksweise ist in der Neuzeit besonders durch 
Bentley und Gottfr. Hermann allgemein gebräuchlich gewor- 
den.**) Durch den Rhythmos hängt die Musik mit der Orchestik 
ebenso zusammen, wie die Malerei mit der Plastik durch die 
Zeichnung verwandt ist. Der Rhythmos ist in der Musik wie 
die Zeichnung in der Malerei das plastische Element, während 
die Verhältnisse der Tonhöhe der Farbengebung entsprechen. 
Daher ist es erklärlich, dass in der antiken Musik der Rhythmos, 
in der neuern die Harmonie das Hauptelemeut ist.***) Während 
die neuere Musik bis auf Vierundsechzigstel Noten herabgeht, 
unterschieden die Alten, die für die Tondauer auch nur spärliche 
Notenzeichen anwandten, nur halbe und ganze 'Noten entspre- 
chend dem Rhythmos der Sprache. f) Wenn hierdurch eine 
grosse Einfachheit erreicht wurde, so entstand die